VORWORT
Der Versuch einer systematischen Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel, den wir hiermit der Öffentlichkeit übergeben, macht keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wir haben uns freilich bemüht, das in der Literatur zahlreich verstreute Material über die Aphrodisiaca und ihre Anwendung zu sichten und zu ordnen; wir haben uns auch angelegen sein lassen, die Erfahrungen einer langjährigen Praxis auf sexualwissenschaftlichem Gebiete zu verwerten; — trotz alledem werden sich Lücken finden, die ihre Ursache im wesentlichen darin haben, daß die im Geschlechtsleben zur Anwendung kommenden Hilfsmittel auch heute noch durch falsche Moral und unwissendes Recht in einem Maße verpönt sind, wie in vergangener Zeit das gesamte menschliche Liebes- und Geschlechtsleben überhaupt.
Die ungeheure Verbreitung und Vielgestaltigkeit geschlechtlicher Reizmittel, die zahlreichen Hinweise in alter und neuer wissenschaftlicher und schöngeistiger Literatur waren für uns ein Anlaß, einmal den Versuch zu unternehmen, das gesamte Material nach einheitlichen Gesichtspunkten zusammenzufassen. Eine weitere Anregung zu dieser Arbeit bildeten die Erfahrungen, die durch unsere systematische Untersuchung der Mittel und Methoden zur Verhütung der Empfängnis gezeitigt wurden. Wir mußten nämlich feststellen, daß Herstellung, Angebot und Verbreitung der Aphrodisiaca und Antikonzipientien in vieler Beziehung verwandte Erscheinungen aufzeigen.
Die Untersuchung dieser Wesensverwandschaft ergab, daß neben unserer umfangreichen Sammlung empfängnisverhütender Mittel eine Sammlung geschlechtlicher Reizmittel entstand, deren Ergebnis zur Abfassung dieses Buches mitverwendet wurde.
Einen besonders lebhaften Antrieb erhielten wir aber durch die Feststellung der Tatsache, daß sowohl hinsichtlich der Antikonzipientien wie auch der Aphrodisiaca die Unwissenheit breiter Schichten der Bevölkerung in geradezu unglaublicher Weise ausgebeutet wird. Die Rücksichtslosigkeit eines
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gewissenlosen Händlertums wird dabei in gewisser Beziehung durch die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze unserer geschlechtlichen Moral unterstützt. Hat man sich eigentlich einmal überlegt, welche Unsummen Volksvermögens in „Geheimmitteln" zur Anregung und Steigerung des Geschlechtstriebes investiert werden? Hat man einmal darüber Erwägungen angestellt, welches Kapital in den Inseratenplantagen der großen Tageszeitungen und Wochenschriften arbeitet, um für Mittel gegen „Männerschwäche", „Nervenschwäche", „Sexuelle Neurasthenie" u. a. m. Kunden zu werben? Nein, wir wissen zwar genau, wann, warum und wie oft ein Hungernder ein Brot stahl — um den Nahrungstrieb zu befriedigen; — aber wir werden wohl nie erfahren, wie oft ein Mensch ausgebeutet wurde, weil er den Geschlechtstrieb befriedigen mußte. Not und Angst, Lust und Liebe sind eben seit Jahrhunderten vogelfrei. Und von hundert geschlechtlichen Reizmitteln taugt vielleicht eines; aber von hundert geschlechtlichen Reizmitteln sind neunundneunzig ein gutes Geschäft! Man soll diese Tatsache in aller Öffentlichkeit feststellen. Man soll aber auch aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen ziehen, um schreiende Mißstände abstellen zu können. Wo arglistige Täuschung zutage tritt oder gar Betrug, wo Schaden für die Gesundheit zu erwarten ist, wo Lebensgefahr besteht, werden Aufklärung und Kritik zur Pflicht. Das lohnt noch eher, als neue Gesetze gegen Geheimmittelschwindel und Rauschgifthandel, denen bereits in den Ausschüssen der gesetzgebenden Körperschaften die Zähne ausgebrochen werden. Nicht neue Strafgesetze, Aufklärung tut not.
Die moderne Behandlung der Impotenz haben wir in dieser Darstellung absichtlich nur ganz kurz skizziert. Sollen die nach Art und Weise abstoßenden Verfahren der Vergangenheit zur Abschreckung dienen, so sollen die absichtlich knapp gehaltenen Hinweise auf die moderne Therapie dem Laien ein Hinweis darauf sein, daß man sich in diesen Dingen nicht von dem „Praktischen Hausarzt" oder dem Rat guter Freunde, sondern vom Facharzt zu helfen lassen hat. Zwischen dem Wunsch nach Lustgewinn und Krankheit gibt es eine unübersehbare Zahl von Übergängen. Die von uns gezogene Grenze liegt zwischen beiden. Mithin mußte sich diese Darstellung auf diejenigen Reizmittel beschränken, die der gesunde Mensch angewandt hat und wohl auch in Zukunft noch anwenden wird. Wir sind der Überzeugung, daß die mannigfachen Formen der Impotenz und ihre Behandlung Gegenstand einer besonderen Darstellung sein und bleiben müssen, die in erster Linie für die Hand des Arztes bestimmt ist. Und wir verleihen der Hoffnung Ausdruck, daß die grundlegenden Arbeiten des Leiters der Abteilung für Potenzstörungen am Institut für Sexualwissenschaft, Dr. Bernhard Schapiro, in absehbarer Zeit als Sonderdarstellung dieses Problems sexualwissenschaftlicher Forschung der Öffentlichkeit übergeben werden können.
Was wir in kulturhistorischer und sexualwissenschaftlicher Beziehung
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über die geschlechtlichen Reizmittel in diesem Buche sagen, geht nicht nur die Wissenschaft und den Arzt, sondern jeden gebildeten Laien an. Wir glauben, mit dieser anspruchslosen Darstellung über Sitten und Gebräuche, Einrichtungen und Verhältnisse Aufklärung zu schaffen, die für das Zusammenleben der Menschen seit Alters her von weitreichender Bedeutung gewesen sind. Dabei wissen wir sehr wohl, und betonen das noch einmal, daß diese erste Auflage keinen Anspruch darauf machen darf, das Thema erschöpfend zu behandeln. Wir hoffen aber, daß nicht nur die Kritik des Sachkenners, sondern auch die Erfahrungen des Laien dem Buche zugute kommen. Gerade der Laie ist auf geschlechtlichem Gebiete ganz besonders zur Mitarbeit berufen, indem er dem Sexualforscher die Erkenntnisse vermitteln hilft, die dieser im Interesse der menschlichen Gemeinschaft zu verwerten hat. Man braucht in diesem Zusammenhange nur auf die folkloristischen Arbeiten von Friedrich S. Kraus hinzuweisen, die er in seiner „Anthropophyteia" niedergelegt hat, um die Bedeutung des Sondergebietes sexualwissenschaftlicher Forschung hervorzuheben, dem wir uns mit dieser Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel gewidmet haben.
Wir nehmen darum alle Mitteilungen gerne mit Interesse entgegen, die das
Thema unseres Buches betreffen und von Sondererfahrungen des Lesers
berichten. Als bescheidenes Hilfsmittel zur Erleichterung von solchen
Hinweisen haben wir dem Buche einen Fragebogen beigegeben, um dessen
gründliche Ausfüllung wir alle die bitten, die Mängel unseres Buches
abstellen oder Angaben seiner Verfasser vervollständigen wollen.
| Berlin, im Oktober 1929 | Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld | |
| Institut für Sexualwissenschaft | Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft | |
| In den Zelten 10 und 9a | Richard Linsert | |
| Abteilungsleiter am Institut |
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INHALTSVERZEICHNIS
Seite Vorwort......... . . . . V-VII
Einleitung
Geschlechtstrieb und Geschlechtswille — Individualität und Beeinflußbarkeit der Triebstärke — Der Treppenreflex — Die Psychophysiologie des Geschlechtstriebes — Analyse der Potenz — Begriff des Aphrodisiacums — Geschlechtliche Reizmittel und Ersatzmittel — Wirkungsweise des Aphrodisiacums — Gründe für die Anwendung von Aphrodisiaca — Verbreitung der Aphrodisiaca..........1—32
Aberglauben
Begriff des Aberglaubens — Liebeszauber und Liebesmittel — Liebeszauber in alter und neuer Zeit — Die Rolle von Kirche, Magie und Hexeneinmaleins im Liebeszauber — Moderner Liebeszauber — Sympathiekuren und Beschwörungen — Der Amuletglauben — Die Edelsteintherapie — Pflanzenstoffe — Tierische Stoffe — Die Dreckapotheke — Teile und Ausscheidungen des menschlichen Körpers — Moderner Aberglauben...............33 — 64
Nahrungs- und Genußmittel
Grundsätzliches über Nahrungs- und Genußmittel — Die Bedeutung der Vitamine — Das Sexualvitamin — Die Vitamintherapie und ihre Bedeutung für das Geschlechtsleben — Die Nährstoffe — Die Gewürze — Die Speiseordnung — Die Speisen (Suppen, Fleische, Pflanzen, Eier, Honig, Latwerge und Gebäck) — Die Regelung der Verdauung — Erotisierendes Konfekt (Liebesperlen) — Morsellen — Liebespulver — Liebestränke und Liebestinkturen — Allgemeines über die Getränke — Der Alkohol — Grundsätzliches über Rauschgifte — Weine mit und ohne Zusätze — Met in alter und neuer Zeit — Das Bier — Trinkbranntweine — Likör — Absinth — Pflanzenabsude (Mescal, Kakao, Kaffee, Tee mit und ohne Zusätze) — Rauschmittel (Datura Stramonium und Nikotin) — Das „richtige Rauchen" — Opium, Haschisch und Mandragora — Schnupfmittel — Kaumittel..........65 — 107
Bäder, Salben, Gerüche, Rauchwerke
Die psychophysiologische Wirkung des Bades — Badesitten und ihre Wirkung — Badearten und ihre Anwendungsweisen — Geruch und Reizsalben — Europäische und orientalische Salben — Geruchsempfindung und Geschlechtslust — Psychophysiologie des Geruchsinns — Geruchsarten der Menschen, Tiere und Pflanzen und ihre Wirkung auf den Geschlechtstrieb — Pathologische Geruchssensationen — Die Parfüms, ihre Herstellung und Reizwirkung — Eigenartige Duftstoffe — Räucherungen aus Mittelalter und Neuzeit — Technik, Wirkung und Schwindel..............108 — 145
Pflanzen und Pflanzenstoffe
Die Solanaceen und Strychnosarten — Einige Angaben über Verwendungs- und Wirkungsweise von 172 Pflanzen — Indische Pflanzenrezepte — Die Holzkohle............146—205
IX
Seite Tiere und tierische Stoffe
Historisches — Verwendungsweise — Die Kanthariden — Der Kantharidismus — Der Scincus officinalis — Die Alkermes — Die Verwendung tierischer Körperteile bezw. Organe — Tierische Sekrete — Tier- und Menschenblut, insbesondere Menstruationsblut als Liebesmittel — Aphrodisiaca für Tiere — Bedeutung der inneren Sekretion für den Geschlechtstrieb — Andrin und Gynäcin — Die Organotherapie — Kurze Mitteilungen über eine Auswahl von vierzig Organpräparaten . . . 206—238
Chemische Stoffe und pharmazeutische Präparate Grundsätzliches — Wirkungsweise der Narkose auf den Geschlechtstrieb -- Äther, Bromäther, Chloräthyl, Chloroform und Stickstoffoxydul — Arsen, Aurum chloratum, Barium chloratum, Chinin, Kalium chloricum, Kalium jodatum, Kampfer, Kokain, Laudanum (Meconium), Morphinum hydrochloricum, Oleum Terebinthinae, Phosphor, Resorcin, Strychnin — Kurze Mitteilungen über eine Auswahl von vierzig pharmazeutischen Präparaten...........239—262
Physische Reizmittel
Einiges über die Coitus-Präliminarien — Mittel zur Vergrößerung des Penis — Mittel zur Verkleinerung der Vagina — Operative Eingriffe — Ipsatorische Reizmittel — Mechanische Reizmittel für den Mann — Mechanische Reizmittel für die Frau — Temperatur, Massagen, Friktionen, Reiten u. a. als mechanische Reizmittel — Strahlen und Ströme -- Sunemitismus — Röntgenstrahlen — Elektrotherapie — Das Grahambett — Die Verbesserungen Karls von Eckartshausen durch die „Augenmusik" ..............263-309
Psychische Reizmittel
Orientalische Ratschläge — Widerstand und Defloration — Gebrauchsgegenstände — Kartenspiele und Brettspiele — Andere Gegenstände des täglichen Bedarfs — Die Kleidung — Das „Puppenspiel" — Aktbilder und Fotografie — Andere bildliche Darstellungen — Die Tätowierung — Farben — Die Spintrien — Das Voyeurtum — Die erotische Literatur — Orientalische Liebeslehrbücher — Die pornographische Historie — Die Bibel — Die Moraltheologie — Die Stammbücher — Das Theater — Die „Abendzeitung der Gräfin Dubarry" — Sprichwort, Witz, Lied und Zote — Brunstschreie — Erotische Schallplatten — Die Musik — Autosuggestion — Suggestion — Hypnose .......310—342
Schluß
Die Rolle der Liebesmittel in der Gegenwart — Die Stellung der Gesellschaft — Der Handel mit Liebesmitteln — Vertrieb und Verbreitung der Pornographie — Das Anpreisen und die Verwendung von Liebesmitteln — Die Rolle der Aphrodisiaca in der Kriminologie — Geheimmittelschwindel - Eine Warnung............343-376
Namensverzeichnis..............377-383
Literaturverzeichnis.............385—391
FragebogenüberAphrodisiaca........393-394
Bestellschein für den sekretierten Teil . . . .395
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