Lukian: Göttergespräche

um 150 n.Ch.

Kapitel IV. Ganymed

Jupiter und Ganymed.

Jupiter: Nun, mein lieber Ganymed, sind wir an Ort und Stelle angekommen. Küsse mich, mein Püppchen, damit du siehest, daß ich keinen krummen Schnabel, keine scharfen Klauen und keine Flügel mehr habe, wie es dir vorkam, da ich ein Vogel zu sein schien.
Ganymed: Wie, Mann? du warst doch nicht der Adler, der vor einer kleinen Weile herabgeflogen kam und mich mitten aus meiner Herde davonführte? wo wären denn deine Flügel hingekommen? und warum siehst du denn jetzt ganz anders aus?
Jupiter: Das kommt daher, mein Kind, weil ich weder ein Mensch noch ein Adler, sondern der König der Götter bin, der die Adlersgestalt nur annahm, weil sie ihm zu seiner Absicht bequem war.
Ganymed: Was du sagst! Du bist also der Pan, von dem ich schon soviel gehört habe? Aber wo ist denn deine Pfeife? und warum hast du keine Hörner und keine Bocksfüße?
Jupiter: Meinst du denn, es gebe sonst keinen Gott als ihn?
Ganymed: In unserm Dorfe weiß man von keinem andern; darum opfern wir ihm auch einen ganzen Bock vor der Höhle, wo sein Bild steht. Du magst mir wohl einer von den garstigen Leuten sein, die die Menschen stehlen und dann für Sklaven verkaufen!
Jupiter: Sage mir einmal, hast du den Jupiter nie nennen hören und auf der Spitze des Ida nie den Altar des Gottes gesehen, der Regen, Blitz und Donner schickt?
Ganymed: Du wärst also der feine Herr, der uns neulich das entsetzliche Hagelwetter auf den Hals schickte? der, wie sie sagen, da oben wohnt und das Krachen in den Wolken macht und dem mein Vater neulich den Schafbock opferte?
- Aber was hab ich denn begangen, daß du mich so davongeführt hast, o König der Götter? Nun werden meine Schafe indessen in die Wildnis geraten sein und sind vielleicht schon von den Wölfen aufgefressen worden.
Jupiter: Was kümmern dich die Schafe? Du bist nun unsterblich und bleibst bei uns.
Ganymed: Wie? du willst mich nicht heute noch nach dem Ida zurückbringen?
Jupiter: Gewiß nicht! Wofür wär ich aus einem Gott ein Adler geworden?
Ganymed: Aber da wird mein Vater böse auf mich werden, wenn er mich nirgends finden kann, und ich werde Schläge dafür kriegen, daß ich meine Herde im Stiche gelassen habe!
Jupiter: Er soll dich nicht wieder zu sehen bekommen.
Ganymed: Nein, nein! ich will wieder zu meinem Vater!
Schmeichelnd Wenn du mich wieder zurückbringst, so versprech ich dir, er soll dir noch einen Widder dafür opfern; den großen dreijährigen, der immer vor der Herde hergeht, wenn ich sie auf die Weide treibe.
Jupiter vor sich: Wie offen und unschuldig der Junge noch ist! noch ein völliges Kind! - Mein lieber Ganymed, du mußt dir alle diese Dinge aus dem Sinne schlagen und gar nicht mehr an den Ida und deine Herde denken. Du bist nun ein Himmelsbewohner und wirst von hier aus deinem Vater und Vaterlande viel Gutes tun können. Statt Milch und Käse wirst du Ambrosia essen und Nektar trinken. Du sollst mein Mundschenk werden und, was das vornehmste ist, kein Mensch mehr sein, sondern ein Unsterblicher; und es soll ein Gestirn deines Namens am Himmel funkeln; kurz, es soll dir recht wohl gehen!
Ganymed: Aber wenn ich nun spielen will, wer wird mit mir spielen? Auf dem Ida hatte ich gar viele Knaben meines Alters.
Jupiter: Daran soll es dir hier auch nicht fehlen; ich will dir eine Menge schöner Keulchen geben, und Amor soll dein Spielgesell sein.
Fasse nur ein Herz, mein Kind! mach ein fröhliches Gesicht und laß dich nichts mehr anfechten, was da unten ist!
Ganymed: Aber was kann ich euch denn hier nütze sein? muß ich hier etwan auch die Schafe hüten?
Jupiter: Beileibe nicht. Du wirst uns den Nektar einschenken und bei der Tafel aufwarten.
Ganymed: Das ist eben keine Kunst; ich verstehe mich recht gut darauf, Milch einzuschenken und den Efeubecher hinzureichen.
Jupiter: Daß du doch den Hirtenjungen nicht vergessen kannst! Du bist hier im Himmel, sag ich dir, und wir Götter trinken nichts als Nektar.
Ganymed: Schmeckt das besser als Milch?
Jupiter: Wenn du nur einen Tropfen davon gekostet hast, wirst du keine Milch mehr verlangen.
Ganymed: Aber wo werd ich denn bei Nacht schlafen? Etwa bei meinem Kameraden Amor?
Jupiter: Närrchen, deswegen hab ich dich ja entführt, daß du bei mir schlafen sollst.
Ganymed: Du kannst's also nicht allein und bildest dir ein, du werdest besser schlafen können, wenn du bei mir liegst?
Jupiter: Bei einem so hübschen Knaben wie du, allerdings!
Ganymed: Was kann die Schönheit zum Schlafen helfen?
Jupiter: O sie führt etwas gar angenehm Einschläferndes bei sich und macht einen viel sanftern Schlaf!
Ganymed: Mein Vater sprach ganz anders. Er wurde immer ungehalten auf mich, wenn ich bei ihm lag und klagte des Morgens, daß ich mich immer hin- und hergewälzt und ihn gestoßen oder im Schlaf aufgeschrien, so daß er gar keine Ruhe vor mir haben können; und deswegen schickte er mich meistens zur Mutter schlafen. Wenn du mich also nur dazu geraubt hast, so kannst du mich immer wieder auf die Erde tragen; denn ich werde dir sehr überlästig sein, weil ich mich so oft umkehre.
Jupiter: Das wird mir eben das angenehmste sein, wenn ich recht viel bei dir wachen und dich nach Herzenslust küssen und drücken kann.
Ganymed: Das magst du! ich werde schlafen und dich küssen lassen.
Jupiter: Das wird sich schon geben. Zu Merkur. Jetzt führe du ihn weg und laß ihn den Trank der Unsterblichkeit trinken. Dann zeige ihm, wie er den Becher mit Anstand reichen muß und bring ihn zurück, damit er sein Amt bei Tafel antreten kann.

V. Ein ehlicher Wortwechsel zwischen Jupiter und seiner Gemahlin

Juno, Jupiter, Ganymed als stumme Person.

Juno: Seitdem du den phrygischen Knaben da vom Ida geraubt und hieher gebracht hast, finde ich dich sehr kalt gegen mich, Jupiter.
Jupiter: Du bist also auch über den unschuldigen harmlosen Jungen eifersüchtig? Ich dachte, nur die Weiber und Mädchen, die gut mit mir stehen, machten dich so übellaunig.
Juno: Es ist in Wahrheit gar nicht schön an dir und schickt sich sehr übel für die Würde des Monarchen der Götter, deine rechtmäßige Ehegattin sitzenzulassen und da unten auf der Erde in Gestalt eines Schwans oder Stiers oder Satyrs überall herumzubuhlen. Indessen bleiben die Kreaturen doch noch, wo sie hingehören:
aber diesen Hirtenjungen da hast du, deiner göttlichen Majestät zur Schmach, sogar in den Himmel heraufgeholt und mir vor die Nase hingesetzt unter dem Vorwande, daß er dir den Nektar einschenken solle; als ob du so verlegen um einen Mundschenken wärest und Hebe oder Vulkan einem so schweren Amt nicht länger vorzustehen vermöchten. Aber freilich nimmst du den Becher nie aus seiner Hand, ohne ihm vor unser aller Augen einen Kuß zu geben, der besser als der Nektar schmeckt, so daß du alle Augenblicke zu trinken verlangst, wenn du gleich keinen Durst hast; ja, du treibst es so weit, daß du den Becher, wenn du ihn nur ein wenig abgetrunken hast, dem Jungen hinreichst und ihn daraus trinken lässest, um das, was er übriggelassen hat, als etwas gar Köstliches aufzuschlürfen; und zwar auf der Seite, die er mit seinen Lippen berührt hat, damit du gleich das Vergnügen zu trinken und zu küssen habest. Und legtest du nicht neulich deine Ägide und deinen Donnerkeil auf die Seite und schämtest dich nicht, trotz deiner Würde und dem großen Bart, den du herunterhängen hast, auf dem Boden zu sitzen und mit ihm zu spielen? Bilde dir ja nicht ein, als ob du deine Sachen so heimlich triebest; ich sehe alles recht gut.
Jupiter: Und was ist denn das so Entsetzliches, Frau Gemahlin, wenn ich etwa, um mir ein doppeltes Vergnügen zu machen, einem so schönen Knaben unterm Trinken einmal einen Kuß gebe?
Wenn ich ihm erlaubte, dich ein einziges Mal zu küssen, du würdest mir gewiß kein Verbrechen mehr daraus machen, daß ich seine Küsse dem Nektar vorziehe.
Juno: Das sind sehr unanständige Reden, Jupiter! So weit soll es hoffentlich mit meinem Verstande nie kommen, daß ich meine Lippen an einem phrygischen Hirtenjungen, und dazu an einem solchen weibischen Weichling, verunreinigen möchte!
Jupiter hitzig: Mäßigen Sie sich in Ihren Ausdrücken, Madame - dieser weibische Knabe, dieser phrygische Hirtenjunge, dieser Weichling -, doch ich will lieber nichts sagen, um mir die Galle nicht noch mehr zu erhitzen!
Juno: O meinetwegen kannst du ihn gar heuraten! Ich sagte das nur, um dich zu erinnern, was für Unanständigkeiten du mich um deines Mundschenken willen zu leiden nötigest.
Jupiter: So? dein sauberer Sohn Vulkan also, so schmutzig und mit Kohlenstaub bedeckt, wie er von seiner Schmiedesse zu Lemnos kömmt, der sollte also um die Tafel herumhinken und uns den Wein einschenken?
Aus solchen Fingern sollten wir den Becher nehmen und uns wohl gar noch, meinst du nicht? an seinen rußichten Küssen laben, vor denen dir doch selbst ekelt, wiewohl du seine Mutter bist? Das würde was Angenehmes sein! das wäre ein Mundschenk, der die Göttertafel zieren würde! Den Ganymed muß man nach dem Ida zurückschicken; denn der ist reinlich und hat Rosenfinger und reicht den Pokal mit Grazie hin und, was dich am meisten ärgert, küßt süßer als Nektar.
Juno: Also seit uns der Berg Ida dieses schöne kraushaarige Bürschchen auferzogen hat, ist Vulkan nun auf einmal hinkend und mit Kohlenstaub überpudert und ein ekelhafter Anblick für dich geworden! Vorher sahest du von dem allen nichts und ließest dich weder Funken noch Schmiedesse abhalten, dir den Nektar recht wohl belieben zu lassen, den er dir einschenkte.
Jupiter: Liebe Juno, du machst dir nur selbst Verdruß; das ist alles, was du mit deiner Eifersucht gewinnst: denn meine Liebe wird dadurch nur höher gespannt. Im übrigen, wenn es dir zuwider ist, deinen Becher aus der Hand eines schönen Knaben zu nehmen, so laß du dir immerhin von deinem Sohn einschenken; und du, Ganymed, bedienst mich künftig allein! Und mit jedem Becher küsse mich zweimal:
wenn du mir ihn reichst und wenn du ihn wieder von mir zurückempfängst.
Ganymed fängt an zu weinen.
Wie? was weinst du, mein Kind? Fürchte nichts! dem soll es übel bekommen, der dir was zuleide tun wollte!

Auszug aus:
[Lukian: Göttergespräche, S. 9.
Digitale Bibliothek Band 30:
Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 6619
(vgl. Lukian-W Bd. 1, S. 276)
(c) Aufbau-Verlag]

Lukian um 120 in Samsat am Euphrat geboren, starb nach 180.


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