X. Therapeutisches.

Es ist wesentlich v. Krafft-Ebing zu danken, dass die bisherige Intoleranz der Aerzte gegenüber der conträren Sexualempfindung schwindet. In Folge seiner Untersuchungen stehen wir nicht mehr auf dem absoluten Standpunkte des Laisser aller. Der Hohn, den man wohl früher dem Urning entgegenbrachte, und dem sie bei Unerfahrenen auch noch ausgesetzt sind, schwindet mehr und mehr. Mit Recht hebt Gyurkovechky hervor, dass wir Mediciner conventionelle Lügen meiden müssen, und dass wir auch vor ungeschminkten Worten in der Wissenschaft nicht zurückschrecken dürfen, selbst wenn es sich um Gebiete handelt, die dem Arzt und dem Laien recht anstössig sind. Sehr richtig bemerkt auch Leopold Casper, dass das Sexualleben des Menschen, das mit Freimuth zu besprechen eine gewisse falsche Scheu bestanden hat, in seinen Alterationen vor das Forum des Arztes gehöre. Es sei hier an Schuhs Ausspruch erinnert, den er bei einer Digitaluntersuchung des Mastdarms that, und den Albert 1) citirt. Als nämlich über jene Untersuchung einige Zuhörer Ekel empfanden, den sie durch Mienen und Ausspucken ausdrückten, da erklärte Schuh: „Als ich ein strebsamer Anfänger in der Chirurgie war, war noch die Medicin und Chirurgie getrennt: die Mediciner waren vornehme Herren, die Chirurgen wurden als Parias behandelt. Es wäre unter der Würde eines Medicinae Doctors gewesen, den Finger in den Mastdarm eines Kranken einzuführen; da rief man uns, commandirte uns zu der Untersuchung; dann behandelte man uns wie ein beschmutztes Hölzchen, mit dem man in einem Misthaufen herumgewühlt hat, — man warf uns weg, aber die Chirurgie ist gewachsen, und die Leute behandeln uns mit Respect!"

1) Eduard Albert, „Diagnostik der chirurgischen Krankheiten." II. Aufl. Wien 1882.


208 Prognose.

Wir haben es bei der conträren Sexualempfindung mit Erscheinungen zu thun, die vielen Aerzten widerlich erscheinen, und mancher hält es noch für seine Pflicht, wenn er etwas darüber schreibt, sich durch Phrasen über Sittlichkeit etc. bei seinen medicinischen Lesern zu entschuldigen, dass er das Gebiet berührt. Selbst ein Autor wie Hammond erklärt nach Schilderung von zwei hierher gehörigen Fällen, dass er zwar noch andere Fälle kenne, dass sich aber die Feder sträube, solche Verbrechen 1) gegen die Moral und die Gesundheit zu beschreiben. Die Feder eines gewissenhaften Arztes und Schriftstellers darf bei Schilderung der Wahrheit sich nicht sträuben, wie ich meine, am allerwenigsten darf es die Feder Hammonds thun in einem Buche, das von der Impotenz handelt.

Was die Prognose der conträren Sexualempfindung betrifft, so lässt sich dieselbe im allgemeinen keineswegs als eine günstige betrachten, wenn auch die absolute Unheilbarkeit, von der man früher überzeugt war, nicht mehr angenommen wird. In den Kreisen der Urninge selbst wird allerdings, wie ich schon erwähnte, die Affection für unheilbar gehalten, und es giebt nur wenige unter ihnen, die an die Möglichkeit 2) einer Heilung glauben.

Die Prognose ist abhängig von vielen Umständen; es giebt besonders die psychosexuale Hermaphrodisie eine wesentlich bessere Prognose, als die Fälle, bei denen ausschliesslich conträre Sexualempfindung besteht. Es wird naturgemäss auch wieder die Prognose bei den Hermaphroditen abhängig sein von der Stärke, mit der der Trieb zum Weibe auftritt; je mehr der heterosexuelle Trieb vorwiegt, um so besser die Prognose. Es ist ferner die Prognose abhängig von der Dauer des Zustandes; je länger conträre Empfindungen bestehen, je tiefer eingewurzelt sie sind, um so ungünstiger muss sich natürlich die Prognose gestalten. Ebenso hat auch einen Einfluss auf sie die ganze Umgebung des Kranken;

1) Für entschieden verbrecherisch halte ich selbstverständlich alle derartigen perversen Handlungen, die nicht aus einer Perversion des Triebes hervorgehen. Was aber durch letztere hervorgerufen ist, darf ein vorurteilsloser Beobachter nicht für ein „Verbrechen" ansehen, sondern nur als krankhaft betrachten.

2) Ein Urning schreibt an v. Krafft-Ebing u. a. folgendes: „Man hält uns allgemein für krank, und das ist gänzlich unrichtig. Denn für jede Krankheit giebt es ein Heil- oder Linderungsmittel, und einem Urning kann keine Macht der Welt seine perverse Naturanlage nehmen."


Gründe gegen die Behandlung. 209

die Besserung desselben wird wesentlich erschwert, wenn er dauernd Gelegenheit findet, mit Männern sexuell zu verkehren. Ganz besonders aber wird die Prognose verschlimmert, wenn der Urning durch innige Liebe an einen Mann gefesselt ist; kaum je wird der Arzt in diesem Stadium etwas ausrichten können, und es wird in solchen Fällen auch des Arztes Hülfe nicht gesucht, da sich der Urning überglücklich fühlt, vorausgesetzt natürlich, dass die Liebe erwidert wird. Dass übrigens Neurasthenie und ähnliche Affectionen, wie sie bei Urningen nicht selten sich zeigen, die Prognose verschlimmern, liegt auf der Hand. Auf andere Momente, die auf die Prognose 1) einen Einfluss ausüben, will ich hier nicht eingehen, sie ergeben sich aus dem unter Aetiologie Gesagten von selbst.

Eigentlich müssen wir uns zunächst fragen, ob man überhaupt etwas gegen die conträre Sexualempfindung therapeutisch unternehmen soll, ob man mit einer Beseitigung derselben nicht dem Urning mehr schadet als nützt. Wenn es feststeht, dass bei vielen Homosexualen das ganze psychische Leben ein weibisches ist, wenn wir finden, dass von Kindheit auf nicht Gedanken an Weiber, sondern an Männer den Urning beherrschen, so ist die Antwort keineswegs leicht; die ganze Constitution des Betreffenden hat sich bereits an den conträren sexuellen Gedanken gewöhnt und accommodirt, so dass der Einwurf berechtigt ist, bei der Natur des Betreffenden, bei seinem weiblichen Fühlen und Empfinden, bei seiner Vorliebe für Handarbeiten, bei seinem Abscheu vor männlichem Benehmen und Betragen sei die Liebe zum Manne das Natürliche, die zum Weibe das Unnatürliche.

Wir würden also bei der Therapie einer vollständig weiblich fühlenden und denkenden Natur einen ihr nicht zukommenden Trieb einzupflanzen suchen, der mit den sonstigen Geistesanlagen nicht in Harmonie steht. Wir würden gerade bei dem ausgesprochenen Urning mit Effeminatio, wenn wir den Geschlechtstrieb auf das Weib hinlenken wollen, eine Disharmonie in dem psychischen Leben hervorrufen. Sollen wir resp. dürfen wir dies thun? Wenn wir überhaupt den Versuch machen, bei solch ausgesprochener Effeminatio den Geschlechtstrieb normal zu gestalten, so scheint es mir unbedingt nothwendig, gleichzeitig hiermit den Versuch zu verbinden, das sonstige psychische Verhalten

1) Auch giebt nach v. Krafft-Ebing die erworbene conträre Sexualempfindung eine bei weitem bessere Prognose als die angeborene.

Moll, Contr. Sexualempfindung. 14


210 Gründe gegen die Behandlung.

zu einem mehr männlichen umzuwandeln. Theoretisch ist es ja natürlich immerhin möglich, dass, wenn das geschlechtliche Empfinden auf das Weib gerichtet ist, im Anschluss daran die ganze Natur spontan einen mehr männlichen Typus gewinnen wird, obwohl nach Beendigung der Entwicklung dies nicht gerade wahrscheinlich ist.1)

Ein weiterer Einwurf ist der, ob man aus einem andern Grunde auf die Behandlung verzichten soll; nämlich deswegen, weil die Gefahr der Vererbung der nervösen Disposition immerhin vorliegt. Wenn man v. Krafft-Ebings Annahme für richtig hält, dass beim Vater bestehende conträre Sexualempfindungen auf den Sohn vererbt werden können, wenn man ferner überhaupt die Vererbung der Eigenschaften acceptirt, wenn man weiter erwägt, dass die Urninge zum grossen Theil in die Gruppe der Degenerirten gehören, so ist der obige Einwurf nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Selbst nach Beseitigung der conträren Sexualempfindung besteht immerhin die Möglichkeit, dass den Nachkommen die Zeichen der Degenerirten in gesteigertem Maasse anhaften. Soll man unter diesen Umständen den Urning überhaupt fähig machen, Nachkommen zu zeugen? Ich glaube, dass der Arzt diese Bedenken dem Patienten gegenüber aussprechen kann, schliesslich aber wird in Wirklichkeit der Arzt doch gezwungen sein, dem Wunsche des Patienten zu willfahren, und ein schweres Krankheitssymptom womöglich zu beseitigen. Ob der Patient dann heirathet und Kinder zeugt, ist eine weitere Frage, deren Beantwortung der Arzt durch seinen Rath unterstützen kann, die ihn aber nicht abhalten darf, seiner Pflicht gemäss eine vorliegende Krankheit zu bekämpfen.

Allen theoretischen Auseinandersetzungen gegenüber werden wir uns in Wirklichkeit oft den Umständen entsprechend verhalten müssen. Viele Urninge fühlen sich offenbar in ihrer perversen Natur gar nicht krank, und sie verlangen deshalb nicht behandelt

1) Unmöglich ist eine derartige spontane Umwandlung nicht; dies lehrt u. a. ein Fall von erworbener conträrer Sexualempfindung, den v. Krafft-Ebing veröffentlichte und bei dem das Umgekehrte eintrat. Der Mann war ursprünglich heterosexuell; später, erst im Alter von etwa 20 Jahren trat bei ihm Neigung zu Mannern auf; gleichzeitig hiermit sehen wir, dass spontan nun auch Erscheinungen der Effemination sich zeigten, Neigung zu Toilettenkünsten, Vorliebe für Weibergespräche u. s. w. Auch die Versuche mit Suggestion in Hypnose zeigen, dass keineswegs immer jede Erscheinung an sich suggerirt werden muss, dass vielmehr durch feste Associationen oft gewisse Symptome an die primär gegebene Suggestion sich secundär anschliessen.


Gründe für die Behandlang. 211

zu werden; die wenigen aber, die wirklich zum Arzt kommen, um sich behandeln zu lassen, werden wir eben behandeln müssen; ihnen ist die sexuelle Perversion ein Gräuel, der sie unter Umständen 1) zum Selbstmord bringen kann, und in einem solchen praktischen Falle nun werden wir allen theoretischen Erwägungen zum Trotz doch gezwungen sein, therapeutisch den Versuch zu machen, das sexuale Empfinden in ein normales zu verwandeln.

Wir brauchen uns auch nicht an den schwärmerischen und übertriebenen Darstellungen zu stossen, die uns Hössli über die Männerliebe giebt, wenn er sie als ein Glück für den Staat preist, wenn er glaubt, dass das alte Griechenland lediglich durch das Bestehen der mannmännlichen Liebe eine so hervorragende Stellung in Kunst und Wissenschaft erlangte. Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, dass es sich in diesem Falle bei Hössli um eine Verwechslung handelt. Hier einen causalen Zusammenhang zu construiren, wie er es thut, ist falsch.2) Wir brauchen uns deshalb auch nicht durch Hösslis Ausführungen abhalten zu lassen, die Zurückdrängung der conträren Sexualempfindungen, soweit sie durch medicinische und hygienische Vorschriften möglich ist, anzustreben. Ich glaube allerdings nicht, dass es sehr schnell gelingen wird, eine vollständige Beseitigung des conträren sexualen Triebes bei Männern herbeizuführen.

Die Aufgabe des Arztes kann, wenn es es sich um einen derartigen Patienten handelt, eine verschiedene sein: einmal kann es darauf ankommen, bei dem Patienten lediglich die Bethätigung seines Triebes zu unterdrücken; dann aber kann es sich darum handeln, den Trieb selbst umzuwandeln resp. zu unterdrücken.

Durch sociale, wohl auch durch gesetzliche Beschränkungen fühlen sich einzelne U(r)ninge an der freien Bethätigung ihres ihnen innewohnenden Geschlechtstriebes verhindert; sie bitten mitunter den Arzt, besonders wenn ihr Geschlechtstrieb ein hyperästhetischer ist, wie es gerade bei solchen Personen der Fall ist, um Abhülfe. Sie beanspruchen nicht etwa, dass sie nun zu Weibern sich hingezogen fühlen, zumal der grösste Theil der Urninge eine derartige Umwandlung ihrer Natur überhaupt für ganz unmöglich

1) z. B. durch die Gefahr, dass ihre perverse Anlage bekannt wird.

2) Für ebenso falsch halte ich allerdings die Annahme derer, die einen Causalnexus zwischen Verfall und Päderastie in Griechenland construiren wollen; letztere bestand ebenso zur Blüthezeit des Landes wie bei dessen Untergang.

14*


212 Bekämpfung der Hyperästhesie.

hält, aber sie wünschen doch, dass man ihnen den homosexualen Trieb etwas vermindert 1), damit sie nicht fortwährend von ihm belästigt werden. Die Hyperästhesie des Geschlechtsttriebes bei Urningen kann man durch alle diejenigen Mittel verhindern, mit denen wir auch den hyperästhetischen heterosexuellen Trieb bekämpfen, durch Brompräparate, Hydrotherapie, Bäder, psychische Einwirkungen u. s. w. Die letzteren sind sicher sehr wesentlich, und es gehört dazu insbesondere die suggestive Behandlung, ferner möglichst Ablenkung vom Geschlechtstriebe und Hinlenkung zur Arbeit.

Ich kenne den Fall eines Urnings, eines gebildeten Herrn, der eine Zeit lang wegen enttäuschter Liebe von Verzweiflung gepackt wurde, und der lediglich durch die eiserne Pflicht, die ihn zu strenger Arbeit zwang, veranlasst wurde, seine sexuellen Gedanken aufzugeben, oder wenigstens seltener sich ihnen hinzugeben. Ich glaube, dass man nach dieser Richtung durch eine gewisse systematische Erziehung bei dem Urning manches erreichen kann. Man soll ihm den Rath geben, dass er niemals sich der geistigen Onanie 2) hingebe, dass er niemals willkürlich seinen Gedanken nachgebe, vielmehr versuche durch Arbeit und andere Thätigkeit sich abzulenken. Wenn es dadurch auch nicht gerade gelingen wird, den Urning normal zu machen, so kann man nichtsdestoweniger die Neigung oft vermindern, die Hyperästhesie des Geschlechtssinnes bekämpfen, und damit ist auch manchem Urning schon reichlich gedient.

Eine zweite Gruppe von Patienten verlangt, wie gesagt, direct, dass man den perversen Trieb in den normalen umwandle. Diese Umwandlung kann nur von einem umsichtigen, gewissenhaften und unermüdlichen Arzte geleitet werden. Das erste, was der Arzt berücksichtigen muss, ist, dass er das Vertrauen des Patienten unbedingt erwerbe. Dieser findet fast nirgends,

1) Nach Ansicht des Herrn N, N. ist die Hyperästhesie des Geschlechtstriebes bei den Urningen die Hauptursache dafür, dass so viele von ihnen im Leben „verbummeln"; sie werden oft viel zu sehr von sexuellen Gedanken geplagt, als dass sie es fertig brächten, einem ordentlichen Berufe sich hinzugeben. Dass es auch hier Ausnahmen giebt, ist selbstverständlich.

2) Der Ausdruck geistige Onanie stammt aus Hufelands Makrobiotik; „die geistige Onanie ist ohne alle Unkeuschheit des Körpers möglich; sie besteht in der Anfüllung und Erhitzung der Phantasie mit schlüpfrigen und wollüstigen Bildern".


Berücksichtigung der Constitution. 213

ausser bei seinen Leidensgefährten, Verständniss für seine Lage; zeigt ihm der Arzt ein solches, so wird er sehr bald auf den Patienten einen mächtigen Einfluss ausüben können, der ihm vollkommen entgeht, wenn er in der Beurtheilung des Leidens sich eine Blösse giebt.

Die Therapie hat darauf zu sehen, dass nicht nur die Gelegenheitsursachen und das Krankheitssymptom, sondern auch die Disposition zur Krankheit beseitigt werde. Da wir nun aber nichts weiter wissen, als dass eine nervöse Disposition bei fast allen Urningen vorgefunden wird und oft dem Ausbruch der conträren sexualen Empfindung schon vorausgeht, so nehmen wir, wie bereits auseinandergesetzt ist, an, dass der Uranismus bei nervöser Disposition mit Vorliebe gedeiht; wir werden daher jene allgemeinen und speciellen therapeutischen Agentien in Anwendung bringen müssen, die die nervöse Disposition bekämpfen. Dass demnach in der Behandlung auch auf die ganze Constitution des Patienten gesehen werden muss, ist selbstverständlich, und nach dieser Richtung hin kann gute Ernährung, frische Luft, Gymnastik erheblichen Einfluss ausüben; doch wird man nicht ausser Acht lassen dürfen, dass diese Mittel eben nur die Behandlung unterstützen können.

In prophylaktischer Hinsicht müssen zweifellos v. Krafft-Ebings 1) und Tarnowskys Rathschläge berücksichtigt werden. Letzterer meint, dass besonders bei schwach entwickelter conträrer Sexualempfindung die Umgebung im stande ist, die geschlechtliche Thätigkeit nach der einen oder anderen Richtung zu bestimmen. Er hält es insbesondere für unbedingt nothwendig, dass Eltern und Erzieher weibische Eigenschaften der Knaben nicht von der heiteren Seite als Scherz auffassen, sondern es sich überlegen, ob nicht ein ernsterer Hintergrund vorhanden ist; er hält es unter diesen Umständen für nöthig, bei den Knaben derartige Regungen durch Strafen möglichst frühzeitig zu unterdrücken, damit der Trieb nicht so mächtig anschwelle, wie es gewöhnlich in kurzem

1) v. Krafft-Ebing misst übrigens derartigen Maassregeln bei weitem nicht die Bedeutung und den Einfluss bei wie Tarnowsky. Ich schliesse mich dem ersteren vollkommen an. Natürlich ist v. Krafft-Ebing nichtsdestoweniger ebenso wie ich der Ansicht, dass nichts unversucht gelassen werden darf, um die Krankheit zu bekämpfen. Da aber nach seiner Ansicht in den meisten Fällen die Anlage eine angeborene ist, so folgt daraus die Zwecklosigkeit prophylaktischer Maassregeln in solchen Fällen. Die Nichterzeugung derartiger Individuen hält v. Krafft-Ebing für die wirksamste Prophylaxe. Für die erworbenen Fälle von conträrer Sexualempfindung hat hingegen die Prophylaxe nach demselben Autor einen sehr grossen Werth.


214 Werth der Prophylaxe.

schon der Fall ist. Hierher gehören manche Erscheinungen, z.B. der Umstand, dass sich Knaben gern Weiberkleider anziehen. Der eine Patient von Westphal wurde deswegen, weil er vom achten Jahre an sich sehr oft die Kleider seiner Mutter nahm und anzog, von dieser bestraft; ob aber Strafe überhaupt einen so mächtigen Trieb unterdrücken kann, halte ich für zweifelhaft. Tarnowsky glaubt, dass auch eine leichte Verspottung des Knaben, der in dieser Weise Neigung zu weiblicher Toilette zeigt, am Anfang wesentlich sei und die weitere Entwickelung des Triebes aufzuhalten vermag.

Was die Gelegenheitsursachen betrifft, die möglicherweise zum Ausbruch der conträren sexualen Empfindungen in einzelnen Fällen führen können, und unter denen die mutuelle Onanie, sowie das moralische Contagium, zumal in der Kindheit, besonders zu erwähnen ist, so werden wir auch hiergegen ärztlich einschreiten müssen. Das meiste, was hierüber zu sagen wäre, ergiebt sich aus dem ätiologischen Abschnitt des Buches von selbst. Es fragt sich, ob nicht durch Belehrung der Knaben von seiten älterer Leute hier mehr genützt und der mutuellen Onanie mehr vorgebeugt werden kann, als durch das absolute Ignoriren dieser Erscheinungen. Ich möchte nur diesen Punkt berühren. Es ist, wie ich mir wohl bewusst bin, eine sehr missliche Sache, sei es für den Vater, sei es für den Lehrer, zu den Kindern über sexuelle Vorgänge zu sprechen. Wenn es nun aber gelingen soll, die conträre sexuelle Empfindung zum Verschwinden zu bringen, dann ist es unbedingt nöthig, dass man möglichst frühzeitig dagegen ankämpft, da derjenige, der mit conträren sexuellen Empfindungen behaftet ist, wenn er überhaupt zu heilen ist, diese Heilung jedenfalls dadurch erschwert, dass er sich immer mehr in seinem Fühlen an den Verkehr mit Männern accommodirt. So besteht eine der Hauptaufgaben der Therapie darin, möglichst frühzeitig einzuschreiten und nicht etwa das dreissigste Lebensjahr abzuwarten, ehe man irgend einen Versuch macht. Die Urninge selbst erwarten im allgemeinen, wie ich aus mehreren Unterhaltungen mit ihnen ersehen habe, wenig von einer prophylaktischen Behandlung, dennoch kann immerhin auf den Punkt geachtet werden. Auch ist nach Tarnowsky besonders bei perverser Veranlagung darauf zu sehen, dass die geschlechtliche Thätigkeit selbst möglichst spät zur Entwicklung komme, da hierbei die Prognose sich bessere. Hartmann 1) erklärt ebenso wie die meisten,

1) Ph. K. Hartmann, „Glückseligkeitslehre", Dessau und Leipzig 1808.


Werth der Prophylaxe. 215

die sich mit der Entwickelung des Geschlechtstriebes beschäftigt haben, dass ein Hauptpunkt der sei, die zeitige Entwickelung des Triebes möglichst zu verhindern. Wenn wir bedenken, dass fast alle Urninge die ersten Anzeichen ihrer Perversion bereits als Kinder noch vor der Pubertät beobachteten, so müssen wir dem Gedanken näher treten, ob nicht der frühe Beginn der geschlechtlichen Entwickelung sehr leicht den Knaben (bei den unklaren Vorstellungen von den sexuellen Differenzen der Menschen) zur homosexualen Neigung infolge der leichteren Nähe von Knaben führt, und ob nicht hieraus später eine dauernde Perversion hervorgehen kann. A. H. Niemeyer spricht sich übrigens auf Grund seiner Erfahrung und Beobachtung keineswegs für eine lange und scharfe Trennung der Geschlechter aus, ja selbst das lange Hinausschieben der Liebe und das Verbot ein Mädchen zu lieben, begünstigt er nicht, wofern nur die sinnlichen Triebe dabei möglichst zurückgedrängt werden.

Die Behauptung von Tarnowsky, dass die Erziehung und Umgehung einen außerordentlichen Einfluss auf die geschlechtliche Empfindung ausübt, ob dieselbe normal oder conträr wird, ist natürlich schwer zu beweisen, und in der That hat dieser Autor den Beweis für seine Behauptung nicht erbracht. Immerhin wäre es möglich, dass derartige äussere Einflüsse hier mitspielen, und nach dieser Richtung hin hat auch die Therapie mindestens die in dieser Beziehung gemachten Vorschläge zu berücksichtigen.

Ich halte es für denkbar, dass, wenn man bei Kindern in dieser Weise einschreiten kann, dies mitunter von gutem Erfolge sein dürfte. Ob aber wirklich, wie Tarnowsky meint, so viele von ihm beobachtete Jünglinge mit angeborener sexueller Perversion später im Alter von 25 — 30 Jahren durch Anwendung prophylaktischer Maassregeln normal wurden, scheint mir zweifelhaft.

Auf Individuen, die zu conträrer Sexualempfindung disponirt sind, wirkt eine ungünstige Umgebung gefährlich ein, wie Tarnowsky betont, und er meint besonders, dass z. B. in Lehranstalten, wo sich viele Kameraden zusammenfinden, die disponirten Subjecte von denen, die bereits in ausgeprägter Form die Perversion besitzen, auf die pathologische Bahn hingeleitet werden. Auch Chevalier spricht sich ganz entschieden dafür aus, dass besonders gewisse Einrichtungen, wo viele Knaben zusammen wohnen, der Ausbreitung der conträren Sexualempfindung wesentlich förderlich sind, und dass deshalb das sogenannte Internat,


216 Gefahr urnischer Umgebung.

das in französischen Schulen besteht, schon aus diesem Grunde zu verwerfen sei.1)

Es ist aber auch für den erwachsenen Urning unbedingt nöthig, dass er aus der Gesellschaft anderer Urninge möglichst entfernt wird, resp. dass ihm die Gelegenheit genommen wird, zu viel mit anderen Männern zu verkehren, bei denen ihm sexuelle Gedanken aufsteigen können. An diesem Punkte wird oft die Behandlung der Homosexualen scheitern. Ich kenne Urninge, die den lebhaften Wunsch, von ihrer geschlechtlichen Perversion befreit zu sein, hatten, sich aber aus der Gesellschaft, in der sie sich befanden, nicht zurückzuziehen vermochten. Besonders schwierig wird die Behandlung eines Urnings dann sein, wenn er mit einem anderen Mann ein Liebesverhältniss hat. Da ein solches Vernältniss gewöhnlich ein leidenschaftliches, die ganze Natur des Urnings beherrschendes ist, so kann es nicht verwundern, dass man einer Umwandlung des Geschlechtstriebes hier noch grösseren Schwierigkeiten begegnet, wie wenn es gilt, zwei heterosexuale einander Liebende von einander zu trennen. Thöricht sind ja die Eltern oder Angehörigen, die zwei Liebende dadurch von einander zu trennen suchen, dass sie ihnen Schwierigkeiten in den Weg legen; solche Hindernisse pflegen Liebende nur noch fester an einander zu ketten, nicht aber eine T(r)ennung herbeizuführen.

Da man nun natürlich darauf ausgeht, nicht nur den Geschlechtstrieb zu Männern zu unterdrücken, sondern ihn auch durch den Trieb zum Weibe zu ersetzen, wird man noch auf wesentliche andere Punkte Rücksicht nehmen müssen; insbesondere wird es nöthig sein, dass der Urning weiblichen Personen oder einer weiblichen Person sich nähert, die durch Eigenschaften, die der Natur des betreffenden Mannes angepasst sind, ihn zu reizen und zu fesseln versteht.

Tarnowsky glaubt, dass bei Individuen, die von Natur aus zu conträrer sexualer Empfindung disponirt sind, durch regelmässigen Verkehr mit dem Weibe eine normale Geschlechtsfunction herausgebildet werden könnte; doch bleibt Tarnowsky den Beweis für seine Behauptung schuldig. Theoretisch mag man sich die Sache erklären können; indessen haben wir es wahrscheinlich häufig in solchen Fällen mit Zeichen psychosexualer Hermaphrodisie

1) v. Krafft-Ebing sagt: „In vielen Schulen, Pensionaten wird Masturbation und Unzucht geradezu gezüchtet . . . Wenn nur der Lehrstoff persolvirt wird, das ist die Hauptsache. Dass darüber mancher Schüler an Leib und Seele verdirbt, kommt nicht in Betracht."


Stärkung des Willens. 217

zu thun, die allerdings mir weit häufiger zu sein scheint, als man gewöhnlich annimmt.

Natürlich ist gleichzeitig alles zu vermeiden, was geeignet ist, den Urning auf der homosexualen Bahn zurückzuhalten; hierzu gehören alle Gedanken sexueller Art, die sich auf den Mann beziehen. Wenn man nach dieser Richtung hin dem Urning einen Rath giebt, so muss dieser allerdings in einigermaassen verständiger Form gegeben werden; man darf nicht etwa dem Homosexualen einfach sagen, er solle nicht mehr an sexuelle Acte mit Männern denken. Wer einen solchen Rath giebt, muss dem Urning auch den Weg weisen, wie er solche Gedanken zu vermeiden vermag. Es kommt hinzu, dass gewöhnlich bei den Urningen eine ausserordentliche Hyperästhesie des Geschlechtstriebes besteht, so dass sie in weit höherem Maasse als der Nichturning von sexuellen Gedanken geplagt werden. Sie gehen mit ihnen schlafen: erotische Träume, deren Inhalt Männer bilden, begleiten den Schlaf. Nach dem Erwachen treten von neuem die entsprechenden Gedanken ein.Während der Beschäftigung, die den normalen Mann vollkommen in Anspruch nimmt, wird der Urning plötzlich von sexuellen Gedanken ergriffen und muss ihnen nachgehen, da er sie nicht zu bannen vermag. Es scheint fast, als ob die Urninge um so mehr nach der durch Gesetz und Sitte verbotenen Frucht verlangen, je mehr das Erreichen derselben ihnen erschwert wird. Dennoch vermag der Homosexuale durch Uebung in der Bekämpfung derartiger Gedanken manches zu erreichen. Man muss von Anfang an versuchen, dem Urning klar zu machen, dass er, wenn auch nicht plötzlich, so doch durch allmälige Uebung und Stärkung des Willens im stande sein wird, wenigstens einen Theil von seiner Hyperästhesie zu überwinden. Besonders mache man ihn auch darauf aufmerksam, dass er, so weit er irgend kann, sich willkürlich von derartigen Gedanken abziehe und niemals willkürlich sich homosexualen Gedanken hingebe. Ich habe in einem Falle von psychosexualer Hermaphrodisie es gesehen, dass der Patient nur dann der conträren Sexualempfindung wieder verfiel, wenn er sich derselben leichtfertig bei der geringsten Gelegenheit überliess. Es war das z. B. dann der Fall, wenn der Patient einen ihm zusagenden Mann sah und sich ihm nun sofort näherte. Unterliess er dies, und suchte er statt dessen sofort Ablenkung im Verkehr mit ihm zusagenden Weibern zu erlangen, so war die Perversion sofort erloschen und zwar oft schon innerhalb weniger Stunden.


218 Sexueller Verkehr mit Weibern.

Ebenso verkehrt aber ist es, wenn man dem Urning ohne weiteres den Rath giebt, mit Weibern den Beischlaf auszuüben. Der echte Urning kann bei einem Weibe gar nicht liegen, ohne von Horror ergriffen zu werden. Zahlreiche Homosexuale, die es versuchten, beim Weibe zu coitiren, wurden sehr bald durch den Ekel vor der sexuellen Berührung des Weibes abgestossen und mussten infolgedessen auf den Geschlechtsact verzichten. Ich kenne Urninge, die schon bei der Entkleidung des Weibes so von Horror ergriffen wurden nur bei dem Gedanken, das Weib zu berühren, dass sie froh waren, das Zimmer verlassen zu können. Muss nicht unter solchen Umständen der Urning, selbst wenn er nicht diesen vollständigen Horror coitus hat, daran zweifeln, dass der einfach den Coitus anrathende Arzt kein Verständniss für seine Lage besitzt? Es ist in Wirklichkeit ein solcher Rath ungefähr dasselbe, wie wenn man einem normal fühlenden Manne sagen würde, er solle den Geschlechtsact mit dem Manne ausführen und nicht mit dem Weibe. Manche Urninge können auf keine Weise bei dem Weib eine Erection erzielen, da ihnen die Berührung desselben so viele Unlustgefühle erweckt, dass selbst der eifrigste Gedanke an den Mann eine Erection nicht hervorbringen kann, sodass natürlich eine Vorbedingung zur Ausübung des Geschlechtsactes fehlt. Viele Homosexuale haben, ohne den Arzt zu fragen, derartige Versuche schon gemacht, meistens aber ohne Erfolg. Das Nichtgelingen des Coitus erzeugt bei derartigen Leuten ein Gefühl der Niedergeschlagenheit; die Ueberzeugung von der Unheilbarkeit des perversen Triebes nimmt zu. Wir haben gesehen, dass der Urning nicht gerade fest von der Möglichkeit, den perversen Trieb zu beseitigen, überzeugt ist, und es ist doch nöthig, alles zu vermeiden, was den Glauben an die Heilbarkeit des Leidens zerstören kann.

Wenn man demnach die Heilung des Urnings bezweckt, so muss man die perversen Empfindungen bekämpfen, nicht aber den perversen Act. Man muss normale Empfindungen an die Stelle der abnormen zu setzen suchen, den normalen Act aber als das secundäre ansehen. Selbst dann, wenn man den Coitus ausführen lässt, ehe noch ein normaler Trieb vorhanden, selbst dann darf der Coitus nicht als das eigentliche Ziel betrachtet werden; freilich könnte der Coitus vielleicht secundär mitunter das Entstehen des normalen Triebes begünstigen, während der Beischlaf selbst nur durch künstliche Maassnahmen, z. B. die Phantasievorstellung eines Mannes, ermöglicht wird. Stets ist es aber verfehlt,


Sexueller Verkehr mit Weibern. 219

einem Urning so lange den sexuellen Verkehr mit dem Weibe anzurathen, so lange die Wahrscheinlichkeit der Potenz nicht besteht. Jeder Misserfolg vergrössert nur die Verzweiflung und den Zweifel des Patienten an seiner Heilung.

Besonders ist auch zu berücksichtigen, dass selbst diejenigen Urninge, die in psychosexualer Beziehung hermaphroditisch veranlagt sind, doch oft nicht bei jedem Weibe 1) potent sind, ja dass sie mitunter nur durch ein ganz bestimmtes Weib gereizt werden. Dieser Punkt muss in der ernstester Weise berücksichtigt werden. Es muss dies um so mehr geschehen, als, wie nochmals erwähnt sei, ein öfteres Misslingen des Coitus, wie mehrere Autoren angeben, die homosexuale Neigung begünstigt. Man hat also in solchen Fällen, in denen bei psychosexualer Hermaphrodisie die Neigung zum Coitus mit einem Weibe oder einer bestimmten Art von Weibern besteht, darauf zu achten, dass der Patient nicht durch Misserfolge bei ihn abstossenden Weibern geschädigt werde.

Abgesehen von der Enttäuschung und Verzweiflung, die den Patienten bei Nichtgelingen des Coitus erfasst, muss der Arzt auch berücksichtigen, dass der Beischlaf beim Weibe den echten Urning ausserordentlich angreift; er fühlt sich dabei geschwächt. Die meisten Urninge erklären, dass sie entschieden mehr Genuss und Kräftigung von der einfachen Onanie haben, als von dem Beischlaf beim Weibe; selbst wenn dieser gelingt, so fehlt ihnen das normale Wollustgefühl und infolgedessen die Befriedigung, während sie beim Beischlaf mit Männern sich entschieden befriedigt und daher vom Beischlaf selbst gekräftigt fühlen. Die nervöse Abgeschlagenheit, die den Urning nach dem selbst erfolgreichen Beischlaf beim Weibe trifft, kann solche Dimensionen an-

1) Verwandt hiermit sind diejenigen Fälle, bei denen zwar nur heterosexuale Neigungen aber ausschliesslich zu gewissen Weibern bestehen. Fürbringer sagt über diese merkwürdigen Fälle in dem Artikel „Impotenz" in Eulenburgs „Realencyclopädie" II. Aufl.: „Schwer verständlich und bereits in das (den) Bereich der perversen Sexualempfindungen herüberspielend sind jene nicht häufigen Formen von Impotenz, in denen ein gewisses Ekelgefühl vor dem oder jenem Weibe die Erection nicht zulässt, obwohl weder körperliche Gebrechen noch ekelerregende Dinge, noch Unschönheit überhaupt vorliegt. Bisweilen fugt es die Tücke des Schicksals, dass gerade die eigene Ehefrau nicht den Anreiz zu gewähren vermag, welchen liederliche Frauenzimmer auszulösen pflegen, ohne dass der Mann unter dem Einfluss einer durch ausschweifendes Leben verderbten Phantasie zu leben braucht. Es sind dies Fälle von „relativer" Impotenz."


220 Sexueller Verkehr mit Weibern.

nehmen, dass meiner Ueberzeugung nach der Arzt es sich sehr reiflich überlegen muss, ehe er einem Patienten mit conträrer sexualer Empfindung die öftere Wiederholung des Beischlafes beim Weibe anräth.

Wenn auch Urningen bei dem Weibe der Coitus gelungen ist, so folgt daraus noch lange nicht ein günstiges therapeutisches Resultat; es giebt vielmehr Urninge, die nach dem Coitus voller Ekel von dem Weibe sich abwenden und, trotzdem der Coitus gelungen ist, vor jeder Wiederholung desselben abschrecken Dies kommt selbst dann vor, wenn vor dem Coitus Trieb zu dem Weibe bestand. Noch viel eher ist nach dem Coitus Horror vor dem Weibe zu befürchten, wenn der Coitus ohne Trieb zu ihm durch künstliche Mittel herbeigeführt wurde.

Den Coitus bei dem Weibe suchen, wie wir sahen, manche Urninge sich durch Alkoholgenuss oder auf andere Weise zu ermöglichen, und in der That weiss ich eine Reihe von Umingen, die durch Alkohol angeregt beim Weibe potent sind, mit der Beschränkung jedoch, dass ihnen ein wirkliches Gefühl der Befriedigung und ausgesprochenen Wollust fehlt. Ebenso suchen Urninge durch Vorstellung eines Mannes Erection und Ejaculation beim Weibe zu erzielen.

Der Rath, den man dem Urning giebt, mit Weibern geschlechtlich zu verkehren, ist nicht nur deshalb so schwer auszuführen, weil der Urning durch seinen Mangel an Libido sich davon abgestossen fühlt, sondern auch weil es überhaupt nicht so leicht sein dürfte, passende weibliche Personen für den Urning zu finden. Eine anständige Dame wird doch selbstverständlich mit dem Urning nicht sexuell verkehren; ihn Prostituirten in die Hände zu führen, ist sehr bedenklich, weil er möglicher Weise von diesen noch mehr abgestossen wird, als von anderen Weibern. Wenn aber nicht ein geeignetes Weib den Urning bei seiner Hinlenkung auf den normalen Trieb zu fesseln vermag, so wird man oft auf Heilung verzichten müssen. Ich glaube, dass auch in dem bekannten Fall von v. Schrenck-Notzing 1) der betreffende Urning nicht geheilt worden wäre, wenn er nicht eine ihm zusagende weibliche Person gefunden hätte, mit der er sich sogar vermählte.2)

1) Wiener Internationale Klinische Rundschau, 6. Oct. 1889, N. 40.

2) Dass der Arzt in Bezug auf die Ehe, wenn er von einem Urning consultirt wird, sehr zurückhaltend seinen Rath zu geben hat, ist selbstverständlich. Die Ehe hier als Universalmittel betrachten zu wollen, wie es bei andern Krankheiten mitunter noch geschieht, wäre durchaus verkehrt. Der Mann wurde


Suggestion. 221

Dieser Fall war ein solcher von anscheinend angeborener conträrer Sexualempfindung, der durch psychisch-suggestive Beeinflussung erheblich gebessert wurde.

Selbstverständlich muss man den Leuten, die an conträrer Sexualempfindung leiden, auf das allerentschiedenste die Onanie verbieten, und ganz besonders ist die Masturbation, die mit Gedanken an Männer getrieben wird, zu verwerfen, damit sich nicht immer mehr und mehr die Natur des Individuums an den Mann gewöhnt. Weshalb die Masturbation überhaupt zu widerrathen sei, braucht kaum erwähnt zu werden, da sie ja bekanntlich eines der sichersten Mittel zur Herbeiführung neurasthenischer Zustände bildet und die Prognose eines günstig verlaufenden Coitus mehr und mehr verhindert.

Dass man bei der psychischen Behandlung der conträren Sexualempfindung auf die hypnotische Suggestion zurückgreift, ist für jeden, der dieses Gebiet studirt und die psychologische Bedeutung der Suggestion aus den zahlreichen Arbeiten von Liebeault, Bernheim, Forel, v. Krafft-Ebing, Obersteiner, Max Dessoir, Sperling u. a. würdigen gelernt hat, selbstverständlich Dass man unter Umständen durch beharrliches und verständiges Vorgehen hierbei Erfolge erzielt, zeigen Fälle von v. Krafft-Ebing 1), v. Schrenck-Notzing und Ladame 2); dass man die Bethätigung des Triebes bei tiefer Hypnose durch posthypnotische Suggestion herabsetzen, dass man die das Individuum fortwährend bedrängenden Gedanken an Männer vermindern kann, dass man dadurch im stande ist, auch die Bethätigung des Geschlechtsactes seltener zu machen, kann ich für sicher auch aus meiner eigenen Erfahrung erklären. Ebenso sah ich gleichfalls heterosexuale Ideen durch Suggestion sich entwickeln. Doch erwarte man nicht etwa, dass man hierbei in einigen wenigen Tagen stets einen Erfolg haben müsse, und man wird, wie v. Krafft-

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite):

gewöhnlich sich und seine Frau unglücklich machen, wenn er vor Beseitigung seiner Homosexualität in die Ehe ginge. „Zur Ehre der Damen und zur Schande unseres eigenen Geschlechts muss ich sagen, dass in vielen unglücklichen Ehen der Mann die Hauptursache ist." Dies erklärt Most (in Ueber Liebe und Ehe, 1837). Ich glaube, dass des Mannes Schuldkonto in diesem Punkte wesentlich belastet werden dürfte, wennn er leichtsinnig in die Ehe geht trotz urnischer Disposition.

1) Internationales Centralblatt f. d. Physiol. u. Pathol. der Harn- u. Sexualorgane, Bd. I, Heft l und 2.

2) Revue de l'Hypnotisme 1889/90. Die Fälle sind auch in v. Krafft-Ebings Psychopathia sexualis, VI. Aufl, ausführlich wiedergegeben.


222 Suggestion. Castration.

Ebing mit Recht bemerkt, nur bei einer tiefen Hypnose gute Resultate erzielen können.

Man glaube übrigens auch nicht etwa, dass selbst in tiefer Hypnose es so leicht ist, jemandem normale geschlechtliche Triebe zu suggeriren; kommen doch die meisten derartigen Leute so spät in ärztliche Beobachtung und Behandlung, dass gewöhnlich schon der abnorme Geschlechtstrieb so tief eingewurzelt ist, dass er die ganze Persönlichkeit beherrscht. Ich erinnere mich, unter meinen Patienten einmal einen Philologen behandelt zu haben, der an abnormem Geschlechtstriebe litt. Er war für Hypnose empfänglich; so oft ich ihm aber die Suggestion in der Hypnose gab, dass er in einer Stunde mit einem gleichfalls suggerirten Weibe gehen solle, begegnete ich dem heftigsten Widerstande. Erklärte ich ihm etwa, dass er sich mit einem Weibe, von dem ich ihn träumen liess, unterhalten solle, so war ich ziemlich sicher der Antwort: „Es ist ja noch gar nicht die richtige Zeit, erst eine Stunde später sollte ich ja die Dame treffen"; diese und ähnliche Ausflüchte zeigen so ganz charakteristisch, wie die Furcht, mit einem Weibe in Berührung zu kommen, selbst in tiefer Hypnose den Urning so beherrscht, dass er jeder Begegnung mit ihm auszuweichen sucht.

Selbst der enrangirteste Anhänger der Arzneimittel wird zugeben müssen, dass die Behandiung eines Urnings, wenn sie überhaupt Erfolg haben soll, nicht durch Arzneien, sondern auf psychische Weise geschehen muss. Man kann eben Empfindungen und Triebe nicht mit Salzsäure und nicht mit Aloe bekämpfen, man kann Empfindungen und Triebe vielmehr nur durch gleichartige psychische Vorgänge alteriren, wie schon Aurelian wusste.

Gelegentlich wurde auch die Frage erörtert, ob durch Castration die conträre Sexualempfindung beseitigt werden kann; während sich ein Autor (Meyer) dafür aussprach, sahen wir einen anderen, Westphal, dagegen sich wenden. Ich glaube aus theoretischen Gründen nicht, dass wir davon viel zu erwarten haben, und habe in einem Falle, wo ein Patient mich um Rath fragte und es von ihm abhängig machte, ob er sich castriren lassen sollte, ihm zu der folgeschweren Operation nicht zureden können. In neuerer Zeit hat Gustav Jäger gleichfalls das letztere als vom Staate geboten ausgesprochen; wenn dieser die homosexualen Acte für staatsgefährlich halte, so bleibe ihm nur übrig, die Urninge entweder so zeitig wie möglich zu tödten oder zu castriren. Beide Mittel sind wohl vom medicinischen Standpunkt aus etwas zu heroisch.




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