XI. Forensisches.

Die Gesetzgebung war in Bezug auf den mannmännlichen geschlechtlichen Verkehr zu verschiedenen Zeiten verschieden. Wir sahen bereits, dass unter den alten Juden Päderastie mit dem Tode bestraft wurde. Ob und welche Strafen in Griechenland bestanden, darüber wissen wir nichts bestimmtes. Nach Ramdohr haben wir keinen Beweis dafür, dass homosexualer geschlechtlicher Verkehr im alten Athen jemals dem freien Bürger durch Gesetz direct verboten war; da vielmehr ein Gesetz des Solon den Sklaven die Männerliebe verbot, so ist es allerdings wahrscheinlich, dass dem freien Mann gesetzlich die Päderastie nicht untersagt wurde. Bestraft wurde allerdings durch Solon und seine Nachfolger die Verführung, die Gewalt und die Gewinnsucht 1) bei der Männerliebe, diese selbst aber muss darnach als freie Liebe gestattet gewesen sein. Wer sich für Geld hingab, verlor alle Bürgerrechte; schwer bestraft wurde derjenige, welcher durch Raub oder Verführung

1) In seiner Rede gegen Timarchus sagte Aeschines u. a.: Wir kennen alte und junge Männer, die zu ihrer Zeit ihrer Schönheit wegen geliebt wurden und zum Theil noch geliebt werden, denen aber doch nicht vorgeworfen werden kann, was dem Timarchus. Athener! Ihr kennt den Kriton, den Perikles u. s. w., sie waren grosse Schönheiten und hatten ihre Liebhaber, aber alles Leute von Zucht und Ehre. Eine rechtmässige Liebe tadle ich nicht, und sage nicht, dass alle schönen Geliebten Hurer seien. Auch läugne ich keineswegs, selbst Liebesgedichte gemacht zu haben, und Liebhaber gewesen zu sein. Die Liebe zu schönen und sittsamen Jünglingen ist das Gefühl einer geselligen und menschenfreundlichen Seele; hingegen aber den Umgang mit für's Geld Gemietheten halte ich nur für die That eines ausschweifenden und pöbelhaften Mannes. Auch behaupte ich, dass auf unverdorbene Weise geliebt zu werden rühmlich, aber um Geldes willen schändlich sei. Lies das Gesetz selbst! Oeffentlich soll keiner reden, der seinen Vater oder seine Mutter schlägt, der seine väterlichen Güter verschwendet oder der seinen Leib um Geld einem Ausschweifenden vermiethet hat (nach Hössli).


224 Frühere strafrechtliche Beurtheilung.

junge Männer um ihre Unschuld brachte (Ramdohr). Dass auch im Volke männliche Liebe bei den alten Griechen nur dann verachtet war, wenn jedes sittliche Element dabei fehlte und nur körperliche Begierde mitsprach, sei noch erwähnt.

Bei den alten italischen Staaten wurde der Knabenschänder wie der Hochverräther behandelt und mit dem Tode bestraft, wie Mommsen in seiner Römischen Geschichte mittheilt. In der germanischen Urzeit vor Einführung des Christenthums wurde die widernatürliche Unzucht zu den Neidingswerken, d. h. den todeswürdigen Verbrechen gerechnet, sie galt für ein Zeichen verächtlicher Gesinnung und wurde mit dem Tode bestraft.1) Nach der Einführung des Christenthums blieb die Päderastie immer noch strafbar, und es hat jedenfalls die Auffassung der Juden über die der Griechen den Sieg davongetragen. Kaiser Karls V. Peinliche Gerichtsordnung setzte auf die Päderastie die Strafe des Feuertodes. Im allgemeinen sind aber in neuerer Zeit die Strafen immer milder geworden, und es gab und giebt selbst in neuerer Zeit Staaten, wo jeder mannmännliche Verkehr straflos bleibt, wenn nicht besondere Nebenumstände, z. B. Anwendung von Gewalt, hinzukommen. Mit dieser Beschränkung soll z. B. in Holland und Italien mannmännlicher Geschlechtsverkehr frei gegeben sein, ebenso wie in Frankreich nach v. Lisst.2) Auch der Code Napoleon hatte die Bestrafung abgeschafft; selbst in mehreren deutschen Staaten war, bevor nach Begründung des Deutschen Reiches die Frage einheitlich geregelt wurde, Strafbarkeit nicht vorhanden. So war Päderastie frei gegeben in Bayern und auch im ehemaligen Königreich Hannover. Gerichtliche Bedeutung fand die Päderastie in Bayern nur, wenn bei ihr Gewalt angewendet wurde, aus ihr für den Geschändeten Nachtheile entstanden, oder auch Verführung eines jungen Menschen zur Päderastie in Frage kam (Friedreich).3) Nach v. Lisst hatte sich auch die Preuss. Wissensch. Deputation seiner Zeit für Streichung des bez. Strafparagraphen ausgesprochen.

1) Richard Schröder, Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte, Leipzig 1889.

2) Franz v. Lisst, Lehrbuch des Deutschen Strafrechts, IV. Aufl. Berlin 1891.

3) Nach Casper-Liman, Handbuch der gerichtlichen Medicin, wurde allerdings in Bayern auf Grund des Art. 214 des Str.-G.-B. von 1861 Päderastie mit Zuchthaus bestraft: doch behauptete Ulrichs 1867, dass „Bayern die Verfolgung verwerfe". Die obige genauere Präcisirung der Bayrischen Gesetzgebung entstammt allerdings einem älteren Werke, nämlich D. B. Friedreich Handbuch der gerichtsärztlichen Praxis, Regensburg 1843.


§ 175. 225

Hingegen war im Kanonischen Recht die widernatürliche Unzucht stets verboten. Während wir in Deutschland die Bestimmung haben, dass widernatürliche Unzucht zwischen Männern strafbar ist, besteht eine solche Beschränkung für Weiber bei uns nicht. Nach dem österreichischen Strafgesetz 1) ist dies anders, und es werden dort auch Frauen nach § 129 strafrechtlich verfolgt, doch soll der neue österreichische Strafgesetz-Entwurf in § 190 die Inconsequenz des deutschen Strafparagraphen befolgen.

Von den Bestimmungen des Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich kommen für die Urninge verschiedene in Betracht, der wichtigste ist der § 175; er lautet:

„Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniss zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden".

Fraglich ist hier nur, was man unter widernatürlicher Unzucht zu verstehen hat. Die Judicatur über diese Frage ist sehr reich und zum Theil widersprechend.2) Es muss zunächst widernatürliche Unzucht streng geschieden werden von unzüchtigen Handlungen 3), die der § 176 des St.-G-.-B. unter gewissen Umständen bestraft. In älteren Strafgesetzbüchern war der Begriff der widernatürlichen Unzucht oft noch unklarer gedacht als im gegenwärtigen; die jetzige Fassung des § 175 ist wesentlich dem § 143 des früheren Preussischen St.-G.-B. nachgebildet. Hier war hauptsächlich nur an Päderastie gedacht. Die Motive zum Deutschen St.-G.-B. erläuterten den § 175 so, dass die Bestimmung des früheren Preussischen St.-G.-B, so weit sie sich auf Sodomie und Päderastie beziehen, in das Deutsche St.-G.-B. übernommen werden sollte.

Nach Reichsgerichtsentscheidung fällt nicht jede sexuelle Handlung zwischen Männern unter den Begriff der widernatürlichen Unzucht, vielmehr muss es, wo von dieser gesprochen werden soll, sich um einen Fall handeln, der dem naturgemässen Beischlaf ähnlich ist.4) Keineswegs ist aber hierbei notwendig, dass mem-

1) Ed. R. v. Hoffmann, „Lehrbuch der gerichtlichen Medicin", Wien und Leipzig 1887.

2) A. Dalcke, Strafrecht und Strafprozess. Berlin 1880.

3) Erkenntniss des Reichsgerichts vom 24./IV. 1880.

4) Rechtsprechung des Reichsgerichts in Strafsachen Bd. I, S. 652.

Contr. Sexualempfindung, 15


226 Reichtsgerichtsentscheidungen.

brum in anum immittitur; ja es ist nicht einmal nothwendig, dass überhaupt das Glied in eine Körperhöhle des Mannes eingeführt wird, um den § 175 anzuwenden.1) Es ist beispielsweise, wie eine bezügliche Reichsgerichtsentscheidung festgestellt hat, Reiben des Gliedes am Oberschenkel des andern als ein dem Beischlaf ähnlicher Act aufgefasst und demgemäss nach § 175 für strafbar erklärt worden.2) Ebenso ist es nicht nothwendig zur Anwendung des § 175, dass Samen entleert werde; vielmehr kann schon vor Erregung des Wollusttriebes eine strafbare Handlung vorhanden sein. Auch ist durch das Reichsgericht die Möglichkeit geschaffen worden, nur den einen Theil zu bestrafen 3), wenn bei dem andern Gründe für Strafausschluss vorhanden sind, wenn er z. B. schläft oder strafunmündig sind.

Andererseits sind durch das Reichsgericht streng geschieden worden unzüchtige Handlungen und widernatürliche Unzucht, ebenso wie bei Entstehung des § 175 eine solche Trennung absichtlich verlangt wurde. So wurde in einem Fall die Entscheidung des Vorderrichters, der Manipulationen am Gliede seitens eines andern für strafbar nach § 175 erklärt hatte, vom Reichsgericht umgeändert, weil dies zwar eine unzüchtige Handlung, nicht aber widernatürliche Unzucht sei.4)

Onanie eines Mannes durch einen andern, beziehungsweise gegenseitige Onanie ist demgemäss straflos, wenn nicht durch gleichzeitige Complicationen der Act ein beischlafsähnlicher wird. Dass hier die Abgrenzung eine ziemlich willkürliche ist, liegt auf der Hand; denn es ist dem subjectiven Ermessen des Richters anheimgestellt, was er unter beischlafsähnlich versteht. Nach Oppenhoff 5) sind beispielsweise einfache Umarmungen bei der wechselseitigen Onanie noch nicht genügend, um den Thatbestand des

1) Erkenntniss des Reichsgerichts vom 23./IV. 1880.

2) Erkenntniss des Reichsgerichts vom 23./IV. 1880.

3) Urtheil des Reichsgerichts vom 3./II. 1890.

4) Erkenntniss des Reichsgerichts vom 24./IV. 1880.

5) Das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich, erläutert durch Friedr. Oppenhoff. XI. Ausgabe, herausgegeben von Theodor Oppenhoff, Berlin 1888. Dass durch die Reichsgerichtsentscheidung vom 23./IV. 1880 Immissio penis in cavum nicht nöthig ist, um § 175 anzuwenden, sei bei diesem Autor noch erwähnt. In einer früheren Auflage des Buches sowie nach Rudolf und Stenglein (Strafgesetzb. für das Deutsche Reich) war nämlich, wie v. Krafft-Ebing mittheilt. Immissio penis in corpus vivum für Vorbedingung erklärt worden, um § 175 anzuwenden.


Schwierigkeiten in praxi. 227

§ 175 zu erfüllen; dazu gehört nach ihm vielmehr das Reiben des Gliedes an dem Körper des andern.

Wichtig ist endlich noch, dass das freiwillige Dulden der widernatürlichen Unzucht seitens eines Mannes diesen gleichfalls strafbar macht, selbst wenn dieser Befriedigung des eigenen Geschlechtstriebes nicht gesucht hat.

Die Strafbestimmungen, bezw. die Auslegung des § 175 scheinen theoretisch vielleicht recht einfach. Die Praxis aber wird in ausserordentlich schwieriger Weise den Thatbestand des § 175 im concreten Falle feststellen können. Bei immissio membri in anum ist zwar die Frage sehr einfach. Schwerer liegt sie, und dies sind wohl die häufigsten Fälle, wenn membrum appremitur alicui parti corporis alterius. In solchen Fällen wird die Frage der Strafbarkeit wesentlich davon abhängig sein, ob Frictionen ausgeübt worden sind. Die einfache Aneinanderlagerung der Körper genügt, wie wir sahen, nicht, um Strafbarkeit herbeizuführen. Finden hingegen hierbei Reibungen statt, d. h. Bewegungen des Körpers oder der Körper, so tritt Strafbarkeit ein, weil dadurch der Act zu einem „beischlafsähnlichen" werden soll. Man vergegenwärtige sich nun den concreten Fall, wo der Betheiligte vor Gericht aussagen soll, ob er bei dem Act Bewegungen gemacht habe oder nicht. Ich meine, dass eine solche Feststellung in praxi so enorm schwierig ist, dass ich mir überhaupt nicht denken kann, wie auf Grund einer solchen Beurtheilung der Frage ein gerechtes Urtheil zu stande kommen soll.

Eine den unbeschränkten mannmännlichen Verkehr gestattende Auslegung dem § 175 zu geben, geht kaum an, da bei der Auslegung das Gericht die Entstehung des Paragraphen, beziehungsweise die Motive desselben in Betracht zieht. Eigentlich ist es allerdings keine widernatürliche Unzucht, wenn der mit conträrem Geschlechtstrieb versehene Mann sexuell mit Männern verkehrt. Dies ist für ihn ebenso natürlich, wie für den weibliebenden Mann der Geschlechtsverkehr mit dem Weibe.

Wichtig ist auch der § 183 des St.-G.-B.:

„Wer durch eine unzüchtige Handlung öffentlich ein Aergerniss giebt, wird mit Gefängniss bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bis zu fünfhundert Mark bestraft.

Neben der Gefängnissstrafe kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden."

Hierunter würden, wie es in der That bereits in praxi der

15*


228 §§ 180, 176.

Fall war, u. a. Berührungen der Urninge, die sie an männlichen Genitalien öffentlich vornehmen, zu subsumiren sein.

Auch die Kuppelei bestrafenden Paragraphen kommen und kamen schon in Frage; so der § 180 des St.-G.B.:

„Wer gewohnheitsmässig oder aus Eigennutz durch seine Vermittelung oder durch Gewährung oder Verschaffung von Gelegenheit der Unzucht Vorschub leistet, wird wegen Kuppelei mit Gefängniss bestraft u. s. w."

Es ist ausdrücklich vom Gericht anerkannt worden, dass dieser Paragraph auch bei Unzucht von männlichen Individuen unter einander angewendet werden kann. Beispielsweise wurde er gegen einen Mann, der in einem von ihm gemietheten Raum Zusammenkünfte von Päderasten veranstaltete, zur Anwendung gezogen. Der Einwand des Angeklagten, dass es sich um Verkehr von Männern untereinander handle, wurde als nicht stichhaltig zurückgewiesen.

Auf andere Bestimmungen des St.-G.-B., die für den homosexualen Verkehr wichtig sind, möchte ich nicht eingehen, da deren Anwendung keinen wesentlichen Schwierigkeiten unterliegen dürfte. Es kann z. B. auch § 176 angewendet werden, der unzüchtige Handlungen an Personen unter 14 Jahren bestraft u. s. w. Zu berücksichtigen ist aber der § 51 des St.-G.-B. Er lautet: „Eine strafbare Handlung ist nicht vorhanden, wenn der Thäter zur Zeit der Begehung der Handlung sich in einem Zustande von Bewusstlosigkeit oder krankhafter Störung der Geistesthätigkeit befand, durch welchen seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen war."

Wenn sich demgemäss schwere psychische Erkrankungen, z. B. Dementia paralytica findet, oder wenn wirklich, wie Tarnowsky es annimmt, die Befriedigung des perversen sexualen Triebes als ein psychisches Aequivalent der epileptischen Anfälle zu betrachten ist, so würde zweifellos Straflosigkeit bestehen.

Nun sind allerdings nur in einer relativ kleinen Zahl der Fälle gleichzeitig mit der conträren Sexualempfindung schwere psychische Störungen vorhanden. Freilich haben sich in neuerer Zeit fast alle sachverständigen medicinischen Autoritäten dahin ausgesprochen, dass es sich bei perversem Sexualtriebe um einen pathologischen Vorgang handle; ja viele (v. Krafft-Ebing, Tarnowsky, Gley) heben ausdrücklich hervor, dass die Erscheinung immer oder fast immer ein Symptom sei, das in Begleitung anderer Symptome vorkomme, wie wir sie gewöhnlich bei Degenerirten antreffen.


§§ 51, 52. 229

Sicher ist es, dass wir in den meisten Fällen noch andere Symptome von nervösen oder psychischen Störungen finden. Der Sachverständige wird sich in keiner Weise durch anscheinende Gesundheit des Urnings dazu bestimmen lassen, das Vorhandensein anderer Symptome zu bestreiten. Er wird insbesondere die normale oder sogar gesteigerte Intelligenz und sonstige hervorragende geistige Anlagen des Urnings nicht als einen Beweis von dessen Gesundheit betrachten.

Immerhin sind, wie von v. Krafft-Ebing sehr richtig hervorhebt, gewöhnlich doch nur solche anderweitige Störungen vorhanden, die bei der herrschenden Auslegung des betr. Paragraphen nicht strafausschliessend wirken. Der § 51 ist zwar ausserordentlich dehnbar. Wenn wir nun auch die conträre Sexualempflndung nicht unter den Begriff der krankhaften Störung der Geistesthätigkeit subsumiren, so liegt doch an sich kein Hinderniss vor, sie als einen Zustand der Bewusstlosigkeit im Sinne des St.-G.-B. aufzufassen, da gerade die Bewusstlosigkeit im Sinne des § 51 recht weit ausgedehnt werden kann. Immerhin scheinen die heutigen Ausleger des St.-G. hierzu nicht geneigt, ihn auch für Fälle von perversem Geschlechtstrieb anzuwenden. Es bedeutet Bewusstlosigkeit im Sinne des Strafgesetzbuches nur Bewusstseinsstörung. So lange aber das Individuum sich vollständig seiner Situation bewusst ist, vollständig alles zu beurtheilen vermag, die Folgen seiner Handlungsweise einsieht, so lange sind wohl die Gerichtsärzte nicht geneigt, von einer Bewusstseinsstörung zu sprechen. Endlich wäre noch die Frage zu erörtern, ob man nicht den § 52, der für straflos alle diejenigen Handlungen erklärt, bei denen der Thäter unter dem Einflüsse einer unwiderstehlichen Gewalt gehandelt hat, auch für homosexualen Geschlechtstrieb in Betracht ziehen könnte. Indessen scheinen hier zwei Hindernisse im Wege zu stehen: einmal wird man unter Gewalt gewöhnlich nur eine physische Gewalt verstehen, und wenn auch principielle Bedenken nicht entgegenstehen, so scheint der bisherige Brauch des Strafgesetzes hier nur physische Gewalt verstanden zu haben; ferner aber würde, selbst wenn man einen psychischen Act hierunter rechnet, es kaum möglich sein, einen inneren Trieb 1) als

1) Auch sonst dürften die Gerichtsärzte wohl wenig Neigung haben, den Geschlechtstrieb für eine unwiderstehliche Macht zu halten. Es ist sehr bedauernswerth, dass wir nicht im stande sind, die Stärke des Geschlechtstriebes eines andern zu beurtheilen. Man darf hier nicht verallgemeinern und einfach von sich auf andere schliessen; freilich ist es praktisch eine missliche Seite, eine


230 Simultation.

Gewalt zu betrachten, da der Begriff der Gewalt gerade etwas von aussen wirkendes einschliesst.

Blumenstock 1) betont ausdrücklich, dass in jedem Fall von conträrer Sexualempfindung die Zurechnungsfähigkeit des Individuums geprüft werden muss. Nach seiner Ansicht soll sogar bei derartigen Leuten selbst dann diese Frage aufgeworfen und erörtert werden, wenn nicht der sexuelle Excess, sondern irgend eine andere rechtswidrige Handlung Gegenstand gerichtlicher Untersuchungen ist, weil eben die sexuelle Perversion an sich ein Symptom ist, das die geistige Gesundheit in Frage stellt.

Wichtig ist endlich noch die Bemerkung von Fürstner 2), der bei einer Discussion über die conträre Sexualempfindung die Simulationsfrage aufwarf. Simulation ist nach ihm zu fürchten bei Männern, die perverse sexuelle Acte ausführen, die aber, weil sie dafür strafrechtlich verantwortlich gemacht werden sollen, die ihnen bekannten und vorher studirten Zeichen, z. B. solche der Epilepsie, simuliren, um dadurch straffrei zu werden.

Für den Fall, dass Immissio penis in anum vermuthet wird, kann die gerichtsärztliche Diagnose grosse Schwierigkeiten bereiten. Die verschiedenen Forscher auf dem Gebiete der gerichtlichen Medicin haben infolgedessen schon seit mehreren hundert Jahren Zeichen gesucht, um sowohl Anhaltspunkte für die Ausübung der activen wie der passiven Päderastie zu finden. Ohne aber den meisten dieser Forscher zu nahe treten zu wollen, scheint es mir, dass nur selten einer in der Lage gewesen ist, persönlich derartige positive Feststellungen zu machen. Die von ihnen angegebenen Zeichen gehen gewöhnlich aus einem Buch in das andere über; es sollten die bezüglichen Autoren es wirklich offen einräumen, ob sie selbst solche Zeichen gefunden haben oder nicht. Ich glaube mit ziemlicher Sicherheit, dass die meisten dann werden zugeben müssen, dass solche Zeichen, die besonders für passive Päderastie angegeben wurden, in relativ wenigen Fällen

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite)
unwiderstehliche Stärke des Geschlechtstriebes zuzulassen; dies darf aber von der Wahrheit nicht abhalten. Nach Casper-Liman hat allerdings der Geschlechtstrieb nicht den Charakter der Unbezwinglichkeit; kein anderer Trieb kann nach ihnen so gezügelt werden, wie der Geschlechtstrieb.

1) Artikel „Conträre Sexualempfindung" in Eulenburgs Realencyclopädie, II. Aufl.

2) Bei einer Discussion (in einer Psychiaterversammlung im Jahre 1881), die im Anschluss an einen Vortrag von Kirn stattfand.


Diagnose der Päderastie. 23l

sich finden, so dass man zunächst in ihrem Fehlen einen Anhaltspunkt für das Unterbleiben der passiven Päderastie nicht finden kann. Andererseits aber finden sich die oft angegebenen Zeichen offenbar bei so vielen andern Männern, die niemals der Päderastie oblagen, dass auch das Vorhandensein jener Zeichen keineswegs als ein Beweis gilt.

Schon Martial im Alterthum und Paulus Zacchias im 17. Jahrhundert, ferner Tardieu u. a. gaben an, dass bei passiver Päderastie der After trichterförmig sei, letzterer auch, dass die Nates eingesunken, die Afteröffnung erweitert, der Sphincter ani erschlafft sei. E. v. Hofmann tritt in objectiver Weise entschieden gegen die diagnostische Bedeutung dieser Zeichen auf, da die dutenförmigen Einsenkungen, sowie die Erschlaffung der Hinterbacken viel mehr vom Ernährungszustande des Individuums, von seinem Alter abhänge, und weil andererseits zweifellos habituelle, passive Päderasten ganz normale Hinterbacken haben. Uebrigens ist in der That das letztere in einem mir bekannten forensischen Falle festgestellt worden.

Auch diejenigen Zeichen, die wichtig sein sollen für den einzelnen Fall, d. h. also nicht für die habituelle passive Päderastie, dürften wohl eine allzugrosse Bedeutung nicht haben. Friedreich gab als diagnostisch wichtig an, dass unmittelbar nach dem Act der After nicht fest geschlossen sei, dass sich an ihm Röthungen, Anschwellungen, Schmerzhaftigkeit, zuweilen blutige Einrisse unmittelbar nachher zeigen. Da ferner der passive Theil gewöhnlich bei dem Act gleichfalls Samenerguss hat, sei es spontan, sei es durch Masturbation seitens des activen, so ist nach Friedreich am Hemde und sonst besonders hierauf zu untersuchen.

Auch den Zeichen, die diagnostisch für die active Päderastie wichtig sein sollen, messen Casper-Liman und E. v. Hofmann keine Bedeutung bei. Formveränderungen der Eichel, wie sie Tardieu beschrieben, haben nach jenen Autoren keine forensische Bedeutung. Wahrscheinlich hat Tardieu, sowie die andern, die solche Fälle beschrieben haben, ganz übersehen, dass auch ohne Päderastie die Form der Eichel mächtige individuelle 1) Differenzen zeigt.

1) Brouardel meinte, dass die Deformitäten der Eichel, welche Tardieu beschrieben hatte, wahrscheinlich angeborene Erscheinungen waren, die letzterer irrthümlich in einen Causalnexus mit der Päderastie brachte. Coutagne hat in neuerer Zeit aber bei einem activen, während der That überraschten Päde-


232 Gesetzesvorschläge.

Diagnostisch wichtig könnte wohl aber unter Umständen eine syphilitische Affection, vielleicht auch Gonorrhoe des Rectum sein. Auch bei Immissio penis in os könnte eine Affection des Mundes in Frage kommen. Ein urnischer Patient von v. Krafft-Ebing giebt in der That an, dass er ausser syphilitischen Ulcerationen am Anus auch einen Fall von syphilitischer 1) Primäraffection des weichen Gaumens bei einem jungen Mann gesehen habe, der sich per os von andern Männern benutzen liess.

Nachdem ich die Frage erörtert habe, welche der augenblicklichen Gesetzesparagraphen bei sexualen Acten zwischen Männern in Frage kommen, und wie ev. die gerichtsärztliche Diagnose zu stellen ist, will ich jetzt die Frage besprechen, ob die augenblicklich gesetzlichen Vorschriften nicht doch einer Abänderung bedürfen. Wenn ich insbesondere den Vorschlag mache, dass § 175 aufgehoben wird oder wenigstens so geändert wird 2), dass homosexualer Verkehr nicht strafbar sei, so wird sich wohl mancher hierüber wundern. Es ist in der That nicht ganz leicht, ein Wort zu Gunsten einer Menschenklasse zu sprechen, unter der ich die grössten Lügner gefunden habe, die mir je begegnet sind und anscheinend zu Gunsten von Männern, die durch ihr widerliches Auftreten auf der Strasse und an anderen Orten den anständigen Menschen oft zurückstossen müssen. Wer aber nur diese wenig sympathischen Urninge berücksichtigt, wird vielleicht nicht streng genug die Strafe finden, die das Gesetzbuch über sie verhängt.

Indessen ist hier zunächst einzuwerfen, dass man auch diejenigen Urninge berücksichtigen muss, die sich gar nicht als solche in der Oeffentlichkeit zeigen; und über den Charakter dieser wird man oft ein wesentlich günstigeres Urtheil gewinnen müssen. Solche bedauernswerthe Männer giebt es aber eine ganze Reihe,

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite):

rasten eine ringförmige Furche an der Grenze des vorderen und mittleren Drittels der Eichel beobachtet; v. Hofmann, der dies berichtet, sah niemals Formveränderungen an Penis bezw. Eichel.

1) Wenn Gustav Jäger, desen sonstige Sachlichkeit in dieser Frage ich anerkennen muss, soweit geht als „eine besondere Tugend der Homosexualen" hervorzuheben, dass sie keine Weiterverbreiier der Syphilis seien, so ist dies entschieden eine unberechtigte Apologie der Urninge.

2) Da der § 175 auch Unzucht mit Thieren bestraft, ich diesen Punkt aber in vorliegendem Buche unerörtert lasse, so käme für die Frage des mannmännlichen Verkehrs nur eine Abänderung in Frage, nicht eine Abschaffung des Paragraphen.


Gesetzesvorschläge 233

und es wird ihnen keiner, der Gefühl besitzt, seine Theilnahme versagen können. Wer das Vertrauen dieser unglücklichen Menschen sich gewinnen kann, wem sie ihr Herz ausschütten, der wird oft sein Urtheil über die Urninge corrigiren. Erst durch Beobachtung auch dieser Gruppe von Homosexualen kommt man zu dem Bewusstsein, dass es sich bei der conträren Sexualempfindung nicht um eine lasterhafte Begierde handelt, die man durch Erschwerung ihrer Befriedigung beseitigen kann, sondern um eine, das ganze Individuum durchdringende pathologische Empfindung, die freilich bald mehr bald weniger ausgebildet scheint. Auch diese Leute müssen bei einer gerechten Würdigung berücksichtigt werden. Es kommt ferner hinzu, dass wir selbst gegen die Urninge, wenn deren Charakter ein widerlicher ist, unbillige gesetzliche Vorschriften nicht erlassen dürfen. Jedenfalls kann der Gesetzgeber ebenso wie der Arzt nur dann jene Frage verstehen, wenn er beide Kategorien von Urningen kennt.

Dass freilich der anständige Theil der Urninge nur selten einem Nichturning sich entdeckt, liegt in der Natur der Sache, da gewöhnlich die pervers veranlagten Männer mit den Mitgliedern der Demi-monde confundirt werden. Gerade aber infolge dieses Mangels an Verständniss bleibt eben nur die Heuchelei dem Urning übrig. Man vergesse nicht, dass hervorragende, gebildete und höchst charaktervolle Männer Urningsnatur heute besitzen, ebenso, wie sie sie in früheren Zeiten besessen haben. Von früheren erwähne ich nochmals: Winckelmann, Platen, Muret.

Dass man das Recht hat, über die Strafbarkeit der sogenannten widernatürlichen Unzucht zu sprechen, geht schon daraus hervor, dass manche Staaten diese nicht bestrafen. Der Widerspruch zwischen Kliniker und Gerichtsarzt wird von Tarnowsky erörtert. Wo der letztere oft nur Lasterhaftigkeit sieht, da erkennt der Kliniker einen krankhaften seelischen Zustand: aber noch wichtiger als der Widerspruch zwischen Kliniker und Gerichtsarzt ist der zwischen Kliniker und Strafgesetz. Der erstere erkennt da nur einen krankhaften Geschlechtstrieb, wo das Strafgesetz ein Verbrechen oder Vergehen sieht. Mit dem Fortschritt der Wissenschaft und der Humanität müssen aber derartige Widersprüche fallen.

Aus allen diesen Gründen ist eine Discussion der Frage, ob die jetzige gesetzliche Regelung des mannmännlichen Geschlechtsverkehrs im Deutschen Reiche begründet oder einer Verbesserung fähig ist, durchaus am Platze. Der Vorschlag eines Urnings, die


234 Gesetzesvorschläge. Strafrechtstheorien.

Gerichte, die über Urninge aburtheilen, zur Hälfte mit Urningen zu besetzen, ist wohl nur als schlechter Witz zu betrachten. So lange widernatürliche Unzucht strafbar ist nach dem Strafgesetzbuch und Reichsgerichtsentscheidungen, die sich den Motiven zum Strafgesetzbuch anschliessen, so lange ist die Zusammensetzung des Gerichtshofes ganz gleichgültig. Uebrigens könnten sonst mit demselben Recht, wie die Urninge, auch die Mörder und Diebe es verlangen, dass der Gerichtshof aus Mördern und Dieben bestehe, um ein gerechtes Urtheil zu erzielen.

Wie wichtig es ist, dass man sich ernstlich mit diesen Dingen beschäftigt, lehrt auch der eine Fall, wo ein 19jähriger Mensch in Paris hingerichtet wurde, weil er einen Lustmord an einem 4jährigen Mädchen verübt hatte. Ich will über den Fall nur das erwähnen, dass mehrere bekannte Pariser Psychiater, Lasuège, Brouardel und Motet den Angeklagten für vollkommen zurechnungsfähig erklärten, ein Gutachten, das Tarnowsky „eine Schande der Wissenschaft" und bedauerlich nennt. Wenn derartige Widersprüche zwischen wissenschaftlichen Forschern vorkommen, dann wird man doch zugeben müssen, dass eine vorurtheilslose Discussion über diese eigenthümlichen Erscheinungen nothwendig ist.

Wir wollen jetzt die Frage, ob eine Bestrafung mannmännlichen Geschlechtsverkehrs vom Standpunkt der verschiedenen Strafrechtstheorien aus gerechtfertigt sei, erörtern.

Bekanntlich haben wir drei grundlegende Strafrechtstheorien. Auf die zahlreichen unbedeutenden, die von verschiedenen Juristen aufgestellt sind, einzugehen, lohnt nicht der Mühe. Die drei Haupttheorien sind: 1. Die Strafe soll dazu dienen, von der Begehung eines Verbrechens abzuschrecken. 2. Die Strafe soll die Sühne des Verbrechens sein, d. h. sie soll für die begangene That gleichsam eine Compensation darstellen. 3. Die Strafe soll den Verbrecher bessern.

Betrachten wir zunächst die Abschreckungstheorie. Es könnte darnach die Bestrafung mannmännlichen Geschlechtsverkehrs ihre Begründung darin finden, dass die Bestrafung desselben davon abschreckt. Es wäre immerhin möglich und kann keineswegs bestritten werden, scheint mir sogar wahrscheinlich, dass in einzelnen Fällen Geschlechtsacte unterbleiben, die ausgeübt werden würden, wenn nicht das Schreckgespenst der Strafe dem Betreffen-


Abschreckungs- und Sühnetheorie. 235

den vor Augen träte. Dennoch dürfte dies in einer relativ kleinen Zahl von Fällen der Fall sein. Bei der Mächtigkeit, mit der die sexuellen Neigungen sich äussern, wird selbst hier eine Unterdrückung des sexuellen Actes nicht unterbleiben. Hingegen ist es wahrscheinlich, dass statt der Befriedigung bei dem andern Manne der durch die Strafe Abgeschreckte sich durch Onanie befriedigt. Dass aber die Schädigung des Individuums durch Onanie eine bei weitem grössere ist, als die beim Verkehr desselben mit einem andern, unterliegt keinem Zweifel. Ob der Ersatz mannmännlichen Verkehrs durch einsame Onanie zur Hebung der Sittlichkeit beiträgt, möchte ich einstweilen bezweifeln. Bei einer gewissen Stärke des Triebes, wobei schliesslich ein anderes Individuum verlangt wird, wird übrigens viele Urninge keine Strafe von dem homosexualen Acte abschrecken, zumal eine gewisse Steigerung des Triebes jede Bekämpfung illusorisch macht.

Was die Sühnetheorie betrifft, so scheint mir diese noch bei weitem weniger geeignet, die Bestrafung widernatürlicher Unzucht zu begründen. Was soll denn der Betreffende sühnen? offenbar doch ein Unrecht. Unrecht ist aber ein relativer Begriff, und wir können den sexuellen Act des Urnings nicht für ein Unrecht betrachten, wenn wir den gewöhnlichen Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Weib beim normalen Manne für Recht ansehen. Der Mann übt den Geschlechtsverkehr mit dem Weibe aus, gewöhnlich nicht in der bewussten Absicht, um Kinder zu zeugen, sondern um einem mächtig ihn beherrschenden Triebe nachzugeben. Genau dasselbe thut der Urning, der mit dem Manne verkehrt. Es kann also der Act als solcher ihm als ein Unrecht nicht zugerechnet werden, sodass für den Begriff der Sühne überhaupt jede Grundlage fehlt. Bei einer gewisssen Stärke des Triebes kann ihn der Mann eben nicht mehr bekämpfen. Er kann die Neigung zum Manne weder willkürlich erzeugen, noch willkürlich unterdrücken. Er ist an seinem abnormen Triebe schuldlos, wie von v. Krafft-Ebing und allen vorurtheilslosen Forschern anerkannt wird. Es findet in sachverständigen Kreisen das Märchen vom Laster und dem vorhergegangenen Wüstlingsleben nur noch für wenige Fälle Glauben, v. Krafft-Ebing nennt die Personen mit perversem Sexualtrieb die Stiefkinder der Natur. Dass natürlich mancher Urning im stande ist, durch Willenskraft und durch sociale Schranken gezwungen, den päderastischen Act oder den sonstigen Verkehr mit Männern zu unterdrücken, kommt vor, dennoch besteht bei diesen Leuten gewöhnlich das Gefühl der


236 Besserungstheorie.

Schwäche und das Bewusstsein, dass sie bei einer gewissen Stärke des Triebes ihn zu unterdrücken nicht im stande seien. Ein Fall 1), den J. C. Shaw und N. Ferris 1883 veröffentlichten, ist in dieser Beziehung recht typisch geschildert. Der betreffende Mann sagt ausdrücklich, dass er nur zum Arzte gekommen sei, weil er glaubt, dass er in Zukunft nicht mehr wie bisher im stande sein würde, sich von dem geschlechtlichen Verkehr mit Männern zurückzuhalten, zu denen er die grösste Neigung habe. Der Patient war 35 Jahre alt, fühlte aber, wie der Trieb immer mächtiger in ihm wurde.

Was nun endlich die dritte Theorie, die der Besserung anlangt, so wird wohl niemand ernstlich glauben, dass Männer mit conträrer Sexualempfindung durch eine Bestrafung von ihrem Triebe befreit werden. Mag dann und wann bei verbrecherischer Neigung eine solche Besserung erfolgen, mag sie zugegeben werden bei Leuten, die ohne conträre Sexualempfindung lediglich aus verbrecherischer Gesinnung den männlichen Verkehr ausüben: für gänzlich ausgeschlossen muss ich es halten, dass ein Urning mit conträrer Sexualempfindung durch Freiheitsstrafen, sei es von kürzerer, sei es von längerer Dauer, von seinem Triebe befreit wird. Es wird hier der perverse Geschlechtstrieb ebenso wenig erlöschen, wie er bei Männern erlischt, die wegen irgend eines Verbrechens ins Gefängniss kommen. In der That weiss ich verschiedene Homosexuale, die bereits wegen der Befriedigung ihres Triebes bestraft worden sind. Ich habe aber nicht einen gesehen, bei dem durch die Strafe der Trieb erloschen wäre oder die spätere Bethätigung des Triebes hätte verhindert werden können. Dazu ist eben der Geschlechtstrieb viel zu mächtig.

Es sei übrigens hierbei an einen Patienten erinnert, der an einer andern sexuellen Perversion litt. Beim Anblick weisser Schürzen empfand er stets sexuelle Erregung. Der Patient ging in ein Kloster, um sich durch Fasten und Beten von seiner Leidenschaft zu befreien; doch ist ihm dies natürlich nicht gelungen, da auf solche Weise Heilungen nicht erreicht werden.

Betrachten wir nun die Gründe, die für Strafbarkeit der widernatürlichen Unzucht sprechen sollen, im einzelnen. Ein Hauptgrund soll der sein, dass die allgemeine Sittlichkeit durch wider-

1) Journal of nervous and mental diseases 1883, No. II.


Angebliche Gefahr für die Sittlichkeit. Abscheu beim Volke. 237

natürliche Unzucht leidet. Dann und wann wird wohl zur Begründung dieser Behauptung angeführt, dass in Griechenland die Päderastie gerade bei dessen Verfall geübt wurde. Nun ist es aber eine Thatsache, dass auch zur Hauptblüthezeit Griechenlands mannmännlicher Verkehr in gleicher Weise stattfand wie später. Einen ursächlichen Zusammenhang kann man also zwischen diesen beiden Erscheinungen, Verfall und Knabenliebe, nicht constatiren. Hössli geht allerdings etwas weit, wenn er den mannmännlichen Geschlechtsverkehr in Griechenland sogar gewissermaassen für die Ursache von dessen Grösse hält, und ich glaube nicht, dass er mit Recht sich auf Sulzer beruft, nach dem die Grösse der griechischen Künstler nur in der freien Entwicklung aller natürlichen Anlagen der Seele ihre Ursache gehabt hat. Ob Sulzer gerade hierbei an die Päderastie des Alterthums dachte, wie Hössli anzunehmen scheint, dürfte doch wohl fraglich sein.

Ebenso wie man den Verkehr zwischen Mann und Frau nur in den vier Wänden ungestraft ausführen lässt, bei dieser Vorsichtsmaassregel aber eine Vermehrung der Unsittlichkeit nicht zu befürchten braucht, ebenso dürfte mannmännlicher Geschlechtsverkehr an sich die Sittlichkeit nicht schädigen. Was dem einen als sittlich erscheint, hält der andere für unsittlich, und es wird vielleicht der mannmännliche Verkehr nur deswegen für unsittlich gehalten, weil er glücklicher Weise nur von der Minorität geübt wird. In dem engsten Zusammenhang mit der Frage, ob die allgemeine Sittlichkeit durch mannmännlichen Geschlechtsverkehr geschädigt werde, steht auch ein anderes Motiv, das für die Strafbarkeit desselben geltend gemacht wird, nämlich der Umstand, dass er beim Volke einen so grossen Abscheu errege und verachtet sei. Ein Hauptgrund hierfür dürfte übrigens wohl der sein, dass der Act nach gewöhnlicher Annahme durch Immissio membri in anum erfolgt ; indessen habe ich diese Meinung schon oben als falsch zurückgewiesen, und wir haben gesehen, dass gegenwärtig die Päderastie nur selten ausgeübt wird.

Jedenfalls sind im Geschlechtsverkehr von Mann und Weib gewisse Acte ebenso ekelhaft, als der gewöhnliche mannmännliche Geschlechtsverkehr. Die gesetzlich erlaubte Pädicatio, d. h. Immissio membri in anum mulieris, dürfte wohl an Ekelhaftigkeit dem sexuellen Verkehr zwischen Männern nicht nachstehen. Fügen wir ferner hinzu, dass auch die Koprophagie erlaubt ist, für deren Appetitlichkeit wohl keiner meiner Leser, wie ich hoffe, eintreten wird. Uebrigens erwähne ich nochmals, dass auch der normale


238 Abscheu beim Volke.

Beischlaf beim Weib doch gewiss wenig ästhetisches an sich hat. Ich meine, dass, wenn man durch tägliche Gewohnheit sich nicht daran gewöhnt hätte, das Ekelhafte des Coitus zu übersehen, wir kaum annehmen würden, dass er an Ekelhaftigkeit andern Acten nachsteht.

Dadurch dass augenblicklich die Befriedigung des conträren sexualen Triebes durch die Gesetzgebung bestraft wird, dadurch wird zweifellos auch zum grossen Theile das Urtheil des Volkes über die Verächtlichkeit derartiger Veranlagung mitgenährt; andererseits ist wiederum bei der Motivirung 1) der Strafbestimmung dieser Umstand theilweise ausschlaggebend gewesen, dass mannmännlicher Geschlechtsverkehr im Volke grossem Abscheu begegne. Es ist auch gerade nicht anzunehmen, dass gleichzeitig mit der Aufhebung der Strafbestimmung ein vollständiger Umschlag bei dem Volke eintreten werde, denn dies könnte nur allmälig geschehen. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass eine Aenderung der gesetzlichen Bestimmungen auch allmälig auf die sociale Stellung des Urnings einen Einfluss ausüben würde, und wenn auch gerade nicht anzunehmen ist, dass der Uranismus bei uns als eine sehr schöne Erscheinung proclamirt werden wird, so ist es doch möglich, dass die absolute Verächtlichkeit, die man heute diesen unglücklichen Menschen gegenüber empfindet, allmälig abnehmen wird.

Es ist übrigens sicher, dass selbst in solchen Ländern, wo Straflosigkeit schon besteht, dennoch der mannliebende Mann eine gewisse Geringschätzung sich zuzieht 2); wahrscheinlich wird selbst

1) Ueber das Verhältniss der Gesetzgebung zum Sittlichkeitsbewusstsein des Volkes ist manches geschrieben worden, ohne dass es gelungen wäre, eine Einigung in dieser Frage herzustellen. Ausführlich behandelt das Thema Ed. v. Hartmann in Phänomenologie des sittlichen Bewustseins, Berlin 1879. „Das Moralprincip der staatlichen Gesetzgebung besagt nun, dass an und für sich nichts sittlich oder unsittlich sei, sondern erst werde durch das Gebot oder Verbot der staatlichen Gesetzgebung. Das Princip erweist sich offenbar zu eng .... Abgesehen von Ausnahmen lehrt die Geschichte, dass im allgemeinen das Rechts- und Staatsbewusstsein der Völker das Prius der geschriebenen Gesetze und Verfassungen ist, sodass diese nur aus jenem erklärt werden können, aber nicht umgekehrt.... Eine gewisse Rückwirkung der Gesetze auf das Sittlichkeitsbewusstsein des Volkes soll hiermit keineswegs geleugnet werden."

2) Ich glaube sogar, dass immer oder doch noch sehr lange Zeit ein gewisser Hohn besonders bei Ungebildeten dem Urning entgegengebracht werden wird. Auch die gewöhnliche Impotenz gilt nicht für ein Verbrechen; da sie aber etwas unmännliches ist, so setzt sie den damit Behafteten in der Achtung entschieden etwas herab.


Abscheu beim Volke. Bibel. 239

in solchen Ländern durch den internationalen Verkehr die Verachtung des Urnings gefördert. Keineswegs halte ich es für richtig, dass etwa Straflosigkeit und Ansehen des Uranismus absolut von einander abhängig sind. So sehen wir z. B., dass auch in Frankreich der Uranismus sich heute keineswegs einer socialen Gleichberechtigung erfreut. Er wird dort geduldet ebenso wie er früher in Hannover geduldet war, wo vor der Begründung des Deutschen Reiches gleichfalls Straflosigkeit bestand. Andererseits zeigt uns die Geschichte des alten Griechenland, dass sehr wohl ein Staat bestehen kann, ohne dass der Urning wegen seines perversen Geschlechtstriebes im Volke verachtet ist.

Wir dürfen bei der gesetzlichen Regelung der Frage nicht etwa auf die Bibel zurückgreifen und die Verwerfung mannmännlicher Liebe in ihr als ein Motiv für moderne Gesetzgebung gelten lassen. Mit Anführung derartiger Citate laufen wir leicht Gefahr, Angriffe auf andere Cultureinrichtungen hervorzurufen. So werden z. B. von den Mormonen 1) zur Vertheidigung der Vielweiberei Stellen aus der Bibel citirt, insbesondere berufen sie sich auf Abraham, der sich ausser der unfruchtbaren Sarah noch ein Weib nahm.

Die schlimmen Folgen, welche der homosexuale Geschlechtsverkehr und insbesondere die Päderastie nach sich führen, sind in alten Büchern sehr oft angeführt worden. Schwere Gesundheitsschädigung sollte darnach die Folge sein. D. Dohrn 2) hat die Ansichten der verschiedenen Autoren hierüber zusammengestellt. Ich folge seinen Angaben.

Nach Nicolai sollen diejenigen, welche sich zur Päderastie brauchen lassen, ausser den örtlichen Folgen eine allgemeine Schwäche, besonders der unteren Gliedmassen, und eine Lähmung der Geschlechtsfunctionen erleiden. Nach Wildberg ist eine allgemeine Abzehrung die Folge. Henke giebt sogar an, dass die

1) In seiner „Geschichte der Mormonen" erzählt Moritz Busch, wie Orson Pratt beweist, dass die Vielweiberei ein heiliges Institut sei; nirgends enthalte die Bibel ein Verbot derselben, ja an vielen Stellen werde sie ausdrücklich gebilligt. Gott habe auch mitgewirkt, als David, der bereits mit mehreren Frauen Vermählte, auch noch die Weiber Sauls sich angeeignet.

2) F. Dohrn, „Zur Lehre von der Päderastie". Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin, Berlin 1855; VII. Bd. Dohrn geht hier soweit, in der durch Päderastie hervorgerufenen Schwächung des Nervensystems ein prädisponirendes Moment für Nervenfieber zu sehen und den durch Nervenfieber erfolgten Tod von päderastirten Knaben auf die Unzucht in einem gerichtlichen Gutachten zurückzuführen.


240 Gesundheitsschädigung.

Päderastie Schwindsucht und Wassersucht hervorrufe. Caspar 1) hat indessen diese Ansichten scharf zurückgewiesen und meinte, dass diejenigen, die er als Päderasten kennen lernte, sich im allgemeinen ebenso wohl befunden hätten wie andere Männer.

Die Behauptung, dass die Befriedigung der conträren sexualen Empfindungen gesundheitlich nachträglich ist, ist unrichtig. Im Gegentheil, Leute, die derartige Triebe haben, und bei denen es nicht gelingt, die Triebe anderweitig zu ändern, werden eher krank, wenn sie dem für sie natürlichen Triebe nicht nachgeben können. Zwingt man solche Leute zum Verkehr mit Weibern, so kann entweder, wie bereits öfter erwähnt, vollständige Impotenz vorhanden sein, oder aber, wenn es ihnen gelingt, den Beischlaf auszuführen, so tritt keinerlei Befriedigung, vielmehr eine zunächst vorübergehende Schwächung ein, die zweifellos bei häufiger Wiederholung direct gesundheitsgefährlich ist. Wer die Urninge übrigens öfter gesehen hat, wird wohl darin dem Verfasser beistimmen müssen, dass sie keineswegs eine ganz entnervte Gruppe der Menschheit bilden; man findet im Gegentheil kräftige, gesund aussehende Leute unter ihnen. Selbst wenn sie aber krank und nervös erscheinen, so ist es viel eher wahrscheinlich, dass sie durch die ihnen aufgezwungene Enthaltung vom sexuellen Verkehr geschädigt sind, als durch diesen selbst. Ebenso werden die Nerven vieler durch die modernen socialen Verhältnisse zerrüttet, da sie sich mitunter entdeckt glauben, und sie insbesondere unter dem Umstand, dass sie unverschuldet zu den Parias der Menschheit gehören sollen, schwer leiden. Dass aber derartige gemüthliche Verstimmungen sehr ungünstig auf den allgemeinen Gesundheitszustand wirken müssen, liegt auf der Hand. Endlich kommt noch hinzu, dass, wie wir sahen, sehr häufig der Urning von Natur aus krankhaft nervös veranlagt ist, so dass auch auf diese angeborne Disposition manche Beschwerde zurückzuführen ist.

Wenn man einmal Urninge trifft, die wirklich schwere Zeichen von Nervosität oder sogar psychische Störungen darbieten, so ist es aus allen diesen Gründen ganz unlogisch zu behaupten, dass diese krankhaften Erscheinungen eine Folge der Befriedigung ihres krankhaften Naturtriebes seien, da eben die erwähnten Momente hierbei sehr wesentlich mitsprechen.

1) Vgl. insbesondere Caspers Nachschrift zu dem eben citirten Dohrn'schen Artikel.


Gesundheitsschädigung. 241

v. Krafft-Ebing meint, dass es unter den Urningen Individuen giebt, die durch Feinfühligkeit und Willensstärke ausgezeichnet, ihre Triebe zu beherrschen im stande sind. Gerade aber bei ihnen liegt nach demselben Autor die Gefahr vor, dass erzwungene Abstinenz zu Neurasthenie und Gemüthskrankheiten führe. Diese Beobachtung des erfahrenen Psychiaters würde also ein Gesetz, das dem Urning Enthaltung vom mannmännlichen Verkehr auferlegt, als ein solches erweisen, das die Erkrankung des Urnings begünstigt. Der Einwurf, dass der Homosexuale Abstinenz durch sexuellen Verkehr beim Weibe vermeide, ist natürlich unberechtigt aus den schon mehrfach angegebenen Gründen. Tarnowsky meint sogar, dass das Misslingen des Coitus bei Urningen häufig einen hysterischen Anfall auslöse.

Dass natürlich sexuelle Excesse dem Urning gesundheitlich ebenso schädlich sind, wie dem normalen Mann, ist selbstverständlich. Wenn z. B. ein Patient Hammonds, nachdem er in einer Nacht elfmal die Päderastie ausgeübt hat, davon sich angegriffen und ermüdet fühlt, so ist das nicht wunderbar. Ebenso wenig darf es auffallen, dass Urninge, unmittelbar nachdem sie mit dem Manne sexuell verkehrt haben, sich in einem vorübergehenden Zustand leichter Erschöpfung befinden: dieser Vorgang ist bekanntlich etwas, was auch nach dem Beischlaf des normalen Mannes beim Weibe unter physiologischen Verhältnissen beobachtet wird.

Wenn nun die gewöhnlich zur Begründung angeführten und im Vorhergehenden widerlegten Momente auch nicht geeignet sind, die Bestrafung homosexualen Verkehrs zu rechtfertigen, so müssen wir doch ernstlich uns überlegen, ob nicht vielleicht andere Gründe dafür sprechen, dass man nicht ohne weiteres den Verkehr von Urningen mit anderen Männern freigiebt.

Es giebt, wie wir gesehen haben, Urninge, die nur mit Männern, die keine Urningsnatur haben, verkehren können und nur von ihnen befriedigt werden. Es lässt sich nun gegen eine Aufhebung der Strafbestimmungen einwenden, dass vielleicht derartige normale Männer moralisch herunterkommen, wenn sie sexuell mit Urningen verkehren, ja dass die Gefahr vorliegt, dass solche Männer selbst durch Gewöhnung die urnische Natur annehmen. Dieser Punkt bedarf sorgfältiger Erwägung. Indessen scheinen, soweit Material nach dieser Richtung zur Verfügung steht, normal empfindende Männer, nachdem sie die Mannbarkeit bereits erreicht haben, durch einen derartigen Verkehr keineswegs zur Urningsnatur zu

Moll, Contr. Sexualempfindung. 16


242 Gefahr der psychischen Infection.

kommen.1) Da sich ausserdem der Verkehr eines Urnings mit einem solchen Manne gewöhnlich darauf beschränkt, dass der Mann den Urning dadurch befriedigt, dass er ihn masturbirt, bei jenem es aber nur selten bei dem Act zu künstlicher geschlechtlicher Erregung kommt, so ist eine solche Befürchtung nicht am Platze. Dass solche Männer, die nur für irgend ein Geschenk sich zu solchem sexualen Acte hergeben, sittlich verdorben werden, mag ebenso liegen, wie bei den weiblichen Prostituirten, deren Erwerbszweig zur Hebung des Charakters gerade nicht beitragen dürfte. Wird aber das eine geduldet, so liegt nichts vor, weshalb nicht auch das andere geduldet werden soll; thatsächlich ist die moderne Gesetzgebung auch nicht geeignet, die männliche Prostitution zu unterdrücken. Sie blüht vielmehr, und zwar leider ohne scharfe Controle seitens der Polizei, wie wir noch sehen werden, gerade durch die heutige Gesetzgebung.

Sollte man übrigens die Gefahr, dass der normale Mann durch sexuellen Umgang mit dem Urning homosexualen Trieb annehme, für begründet halten (eine Auffassung, die durch Thatsachen nicht gerechtfertigt ist), so würde immerhin dieser Einwurf gegen den sexuellen Verkehr der Urninge untereinander hinfällig sein. Es würde sich dann fragen, ob man nicht die gesetzliche Regelung wenigstens so macht, dass der Urning stets straflos ist, wenn er mit Leidensgefährten den Geschlechtstrieb befriedigt, dass hingegen Befriedigung desselben mit normalen Männern entweder an diesen allein oder an beiden Theilnehmern bestraft wird.

In etwas anderer Weise spricht sich v. Lisst aus, der nur Bestrafung der gewerbsmässigen Päderastie für angezeigt hält, um einen Hemmschuh gegen die päderastische Prostitution dadurch anzulegen.

Auch der Einwand, dass etwa bei Freigabe mannmännlichen Geschlechtsverkehrs gleich einer psychischen Epidemie dieser zunähme, halte ich nicht für gerechtfertigt. Ich glaube, der normal fühlende Mann wird sich hüten, sexuellen Verkehr mit dem Manne auszuüben, bloss weil er gesetzlich gestattet ist. Man könnte mit demselben Recht heute bereits erwarten, dass viele normale erwachsene Männer deswegen mit andern mutuell onaniren, weil dies straflos ist. Ich glaube nicht, dass, wenn nicht eine

1) Etwas anderes ist natürlich der Umstand, dass der normale Mann, der sich aus Habsucht einem Urning zur Befriedigung anbietet, den Ekel, den ihm der Act anfangs verursacht, durch Gewöhnung allmälig überwinden dürfte. Dies ist aber ganz etwas anderes als die Annahme eines perversen Triebes.


Widersprüche in der Gesetzgebung. 243

conträre sexuelle Veranlagung vorliegt, dies so leicht jemand thun wird. Uebrigens zeigt sich auch in Ländern, wo der Verkehr freigegeben ist, keineswegs, dass dieser epidemisch zunehme.

Der Einwurf, dass gewisse Acte mannmännlichen Verkehrs, insbesondere mutuelle Onanie, gestattet seien, mithin der Urning heute genügend berücksichtigt sei, ist gleichfalls ohne jeden Werth, da die Neigungen hier sehr verschiedene sind; dem einen z. B. Applicatio membri ad corpus alterius allein die adäquate Befriedigung seines Triebes ist, während mutuelle Onanie für ihn gleichbedeutend mit gewöhnlicher Onanie ist.

Endlich aber sei erwähnt, dass die augenblickliche gesetzliche Regelung zum Theil unlogisch ist. Alle Gründe, die man etwa gegen die sogenannte widernatürliche Unzucht citiren kann, lassen sich in demselben Maasse gegen die gesetzlich gestattete mutuelle Onanie anführen. Sowohl die Frage der Sittlichkeit als die Frage der Gesundheitsschädigung und alle andern Einwände lassen sich mit demselben Recht gegen alle sexuellen Acte zwischen Männern anführen. Ich glaube allerdings, dass alle Einwände hinfällig sind, die man gegen die mutuelle Onanie, wie gegen die widernatürliche Unzucht vom Standpunkt des Gesetzgebers aus macht.

Ein fernerer Widerspruch der augenblicklichen Gesetzgebung ist es, dass der sexuelle Verkehr der Weiber unter einander in Deutschland keinen Strafbestimmungen unterliegt; sie können nach dieser Richtung thun, was sie wollen. Vielleicht fehlen hier die Strafbestimmungen deshalb, weil man über den Verkehr der Weiber untereinander bei der Gesetzgebung gar nicht unterrichtet war. Es führen aber die Weiber genau dieselben Acte, ohne sich strafbar zu machen, aus, z. B. lambunt lingua genitalia alterius, was bei Männern strafbar ist.

Bei jedem Gesetz muss man sich schliesslich die Frage vorlegen, ob es sich als Gesetz bewährt hat, oder ob es nicht mehr Schaden als Nutzen gebracht hat. Wenn wir nun finden, dass das Gesetz, das die widernatürliche Unzucht bestraft, so viel Schaden gebracht hat duch Züchtung der Erpresserbande, so müssen wir uns natürlich überlegen, ob nicht eine Aufhebung des Gesetzes der Moral und der Hebung der Sittlichkeit und der Förderung des Gerechtigkeitsgefühls im Volke mehr nutzen wird, als die Bestrafung der widernatürlichen Unzucht.

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244 Grenze der Straflosigkeit.

Ganz selbstverständlich ist es, dass Bestrafung der Urninge wegen sexualer Acte dann erfolgen muss, wenn Gewalt angewendet wird, um den andern zur Duldung des Actes zu zwingen. Es lässt sich freilich hier einwenden, dass vielleicht mancher durch die Stärke seines Triebes gezwungen wird, Gewalt gegenüber dem andern anzuwenden, so dass unter Umständen es auch hier sich mehr um ein pathologisches Phänomen, als um einen verbrecherischen Act handeln würde. Dies mag sein. Indessen würde doch ein Gewaltact gegen einen Mann ebenso diesen und die Gesellschaft schädigen, wie es bei der Nothzueht eines weiblichen Wesens diesem gegenüber geschieht. Eine solche Gefahr von Personen hat der Staat entschieden zu beseitigen. Sollte aber der Gewaltact bei dem einen, oder andern pathologischen Ursprungs sein, sollte jemand nicht im stande sein ihn zu unterdrücken, so bliebe zum Schutze der Gesellschaft nur übrig, den Mann statt in das Gefängniss ins Irrenhaus zu bringen. Wer die Gesellschaft schädigt, muss aus ihr entfernt werden. Der Verbrecher kommt ins Gefängniss, der Geisteskranke ins Irrenhaus.

Ebenso muss Bestrafung bestehen bleiben, wenn durch sexuelle Acte der Urninge ein öffentliches Aergerniss erregt wird. Es dürfen z. B. unzüchtige Handlungen nicht öffentlich vorgenommen werden, ebenso wie ein Mann nicht das Recht hat, unzüchtige Handlungen mit einem Weibe öffentlich vorzunehmen, während ihm dies unter vier Augen gestattet ist.

Wenn sich ein erwachsener Mann freiwilig dem Urning hingiebt, so scheint es angezeigt zu sein, dass man einen solchen Verkehr gesetzlich nicht beschränkt. Für nothwendig halte ich es allerdings, dass der dem Urning sich Hingebende bereits ein gewisses Alter überschritten habe. Denn dass man etwa solchen Urningen, die sich zu Knaben hingezogen fühlen, den Verkehr mit solchen gesetzlich gestattet, erscheint unrecht. Knaben, die ein bestimmtes Alter, sagen wir das 16. oder 18. Jahr noch nicht erreicht haben, müssen vom Gesetz besonders geschützt werden, da sie noch nicht die nöthige Einsicht besitzen; sie müssen geschützt werden, da immerhin die entfernte Möglichkeit besteht, dass Knaben, die die Pubertät noch nicht überschritten haben, einmal selbst durch den Verkehr mit Urningen deren Natur annehmen, andererseits auch die grosse Gefahr besteht, dass der Knabe durch solchen Verkehr in seinen sittlichen Anschauungen geschädigt und demoralisirt werde. Unter allen Umständen muss aus diesem Grunde eine Strafbestimmung bestehen bleiben, die Knaben


Gesetzesvorschläge. 245

schützt. Wie hoch man die Grenze setzt, ob man das 16., 18. oder ein anderes Lebensjahr als Grenze nimmt, das möchte ich hier nicht beurtheilen.

Da nicht geleugnet werden kann, dass die Urninge nach tausenden zählen, so sollte der Staat ihnen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er sie wegen der Befriedigung eines der stärksten Naturtriebe nicht mit den gemeinsten Verbrechern auf eine Stufe stellt. Soweit ich in der Lage war, gerichtliche Acten zu studiren, scheint es mir, dass allerdings in der letzten Zeit eine relativ milde Praxis in der Beurtheilung stattgefunden hat, und dass die Strafen, auf die bei widernatürlicher Unzucht erkannt wird, relativ niedrige sind, und dass jedenfalls diejenigen, die einem wirklich krankhaften Geschlechtstrieb hierbei erliegen, von den Gerichtshöfen milde angesehen werden. Dennoch ist auch eine niedrige Strafe natürlich ohne weiteres geeignet, die meisten Menschen aus der besseren Gesellschaft sofort auszuschliessen; ja selbst eine Untersuchung, in die die Leute dieserhalb verwickelt werden, genügt nicht so selten, um sie gesellschaftlich vollständig unmöglich zu machen.

Wenn der Staat der Ansicht ist, dass die Urninge die Sittlichkeit bei Befriedigung ihres Triebes schädigen, wenn andererseits festgestellt ist, dass sie schuldlos an ihrem perversen Triebe sind, und dass es sich um einen krankhaften, ihnen innewohnenden Naturtrieb handelt, den sie befriedigen, dann hat der Staat nur einen Ausweg: nämlich das Irrenhaus. Gefängnisse sind nur für Verbrecher; als solche aber kann man die Urninge heute nicht mehr ansehen.

Wenn ich in dem Vorhergehenden die Abschaffung resp. Abänderung des § 175 des St.-G.-B. vorgeschlagen habe, so möchte ich noch eine andere Aenderung in dem St.-G.-B. vorschlagen und zwar betrifft sie den sechsten Absatz des § 361. Er lautet:

„Mit Haft wird bestraft eine Weibsperson, welche wegen gewerbsmässiger Unzucht einer polizeilichen Aufsicht unterstellt ist, wenn sie den in dieser Hinsicht zur Sicherung der Gesundheit, der öffentlichen Ordnung und des öffentlichen Anstandes erlassenen polizeilichen Vorschriften zuwiderhandelt, oder welche, ohne einer solchen Aufsicht unterstellt zu sein, gewerbsmässige Unzucht treibt."

Dieser Paragraph giebt der Polizei ziemlich scharfe Mittel in


246 Gesetzesvorschläge.

die Hand, um gegen die weibliche Prostitution vorzugehen; die öffentlichen Weiber können von gewissen Strassen durch die Polizei ausgeschlossen werden. Leider existirt eine derartige Bestimmung gegenüber der männlichen Prostitution nicht. Die prostituirten Männer können, ohne dass die Polizei oder das Gericht ihnen es verwehren kann, in unbeschränkter Weise ihrem unsittlichen Gewerbe nachgehen. Die vielen gewerbsmässig Unzucht treibenden Männer, zumal in Berlin, sind jeder polizeilichen Beaufsichtigung entzogen. Da der § 175 des St.-G.-B. sich nur gegen gewisse Formen des mannmännlichen Geschlechtsverkehrs richtet, so stehen die Behörden gerade der männlichen Demi-monde ziemlich machtlos gegenüber. Es würde sich dies sofort ändern, wenn der § 361, Abs. 6, so gefasst würde, dass nicht nur weibliche, sondern auch männliche Personen unter ihn fielen, wenn also die Bestimmung lauten würde:

„Mit Haft wird bestraft eine Person, welche wegen gewerbsmässiger Unzucht etc."

Es ist eine Ungerechtigkeit, die prostituirten Männer mehr zu schützen, als die prostituirten Weiber; andererseits aber dem Urning, der Befriedigung des Geschlechtstriebes als Urning sucht, schwere Beschränkungen aufzuerlegen.




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