XII. Conträre Sexualempfindung beim Weibe.

Ich komme jetzt zur Besprechung der conträren Sexualempfindung beim Weibe; nur kurz will ich dieses Thema erörtern. Wenn ich im Verhältniss zu der Homosexualität des Mannes der des Weibes nur wenig Raum in diesem Buche einräume, so geschieht es nicht etwa deshalb, weil ich dieser Erscheinung beim weiblichen Geschlecht eine geringe praktische Bedeutung beimesse, vielmehr sind mehrere Umstände daran schuld. Einmal ist das Material, das wir über diese Erscheinung beim weiblichen Geschlecht besitzen, bei weitem nicht so gross wie das auf den Mann bezügliche; insbesondere wissen wir aus den besseren Gesellschaftskreisen nur wenig über Homosexualität des Weibes. Doch zweifle ich keinen Augenblick, dass sie sich hier ebenfalls nicht so selten findet. Zweitens aber ergeben sich viele Punkte in Bezug auf die Homosexualität des Weibes ziemlich leicht, wenn man die betreffenden Erscheinungen beim Manne berücksichtigt, so z. B. die Behandlung dieser Affection, ihre Diagnose und vieles andere. Drittens können die Weiber infolge der herrschenden Sitten nicht soviel unter einander verkehren wie die Männer, sodass sich die vielen socialen Beziehungen, die wir bei den Urningen kennen lernten, hier beim Weibe nicht wiederfinden. Endlich fällt für die Erscheinung beim Weibe jede forensische Bedeutung fort, da das Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches ihnen vollständig den homosexualen Verkehr erlaubt.1) Alle diese Gründe dürften es wohl genügend rechtfertigen, wenn ich die Erscheinung beim Weibe nur relativ kurz bespreche.

1) Für Deutschland bietet homosexueller Verkehr unter Weibern keine strafrechtliche Bedeutung; in Oesterreich ist dies nach § 129 des dortigen St.-G. anders vgl. S. 225. Natürlich würde auch in Deutschland bei erschwerenden Nebenumständen, z. B. bei Anwendung von Gewalt oder bei Erregung öffent-


248 Perversionen beim Weibe.

Dass beim Weib ganz ebenso geschlechtliche Perversionen sich zeigen wie beim Manne, haben die neueren Untersuchungen besonders von v. Krafft-Ebing gezeigt. In manchen Fällen mag allerdings bei einer etwas merkwürdigen Befriedigung der Weiber nicht gerade ein krankhafter Trieb vorliegen. Mantegazza erwähnt, dass manche Damen ihr Schosshündchen zu sexuellen Zwecken gebrauchen; ich kenne den Fall einer verheiratheten Frau, die sich gelegentlich von ihrem Hunde bis zur Befriedigung genitalia lambere lässt und mir dies selbst erzählte, als sie eine Krankheit dabei acquirirt zu haben fürchtete. Von einer anderen Frau weiss ich, dass sie durchaus sadistisch veranlagt ist. Der normale Beischlaf macht ihr in keiner Weise ein Vergnügen; „am liebsten wäre es mir," so meint sie, „wenn der Beischlaf vollständig fortfiele und morsibus, quos applico marito meo ipseque mini applicat, ersetzt würde."

Ebenso nun, wie andere Perversionen beim Weibe sich finden, so zeigt sich, wie es scheint, als häufigste die conträre Sexualempfindung, wobei das Weib nicht zum Manne, wie es normal ist, sondern in sexueller Beziehung sich zum Weibe hingezogen fühlt, d. h. ebenso homosexuell empfindet, wie der Urning, von dem ich oben ausführlich gesprochen habe; die Bezeichnung, die man solchen homosexualen Weibern giebt, ist verschieden, und werde ich auf einige solche Namen noch zurückkommen. Ulrichs bezeichnete ein derartiges Weit als Urnigin und nahm an, dass Urninge und Urniginnen in ungefähr gleicher Zahl vorhanden seien.

Sehr stark soll die homosexuelle Frauenliebe im Alterthum auf der Insel Lesbos verbreitet gewesen sein; besonders der Dichterin Sappho wurde der Vorwurf gemacht, dass sie der Liebe zu Weibern huldige. Virey nnd viele andere halten die Beschuldigung für erwiesen, während andere Erklärer, z. B. Moncaut

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite):

lichen Aergernisses u. s w. das Gericht einschreiten, v. Hofmann meint über diesen Punkt: „Der widernatürlichen Unzucht zwischen Weibern kommt, wenn sie nur zwischen Erwachsenen stattfindet, nach keiner Richtung hin jene moralische und insbesondere strafrechtliche Bedeutung zu, wie der Päderastie." Ich kann mich dem nicht anschliessen, hier einen Unterschied zwischen homosexualem Verkehr der Weiber und Männer zu machen; weshalb sollte das eine weniger moralisch sein als das andere? Ich finde dass beispielsweise der Cumilingus der Weiber doch nicht anders angesehen werden darf, als appressio membri virilis ad corpus alterius. Wenn es sich um krankhaften Trieb handelt, halte ich entschieden in beiden Fällen Straflosigkeit für angezeigt.

Geschichtliches über Tribadie. 249

meinen, dass man mit Unrecht der Sappho Weiberliebe zum Vorwurf mache. Sie habe nur mit einiger Uebertreibung statt Worte der Freundschaft solche der Liebe gebraucht. Indessen muss ich bemerken, dass Moncaut, so fleissig seine geschichtliche 1) Studie über die Liebe ausgearbeitet ist, in Bezug auf sexuelle Perversion kein zuverlässiger Beurtheiler ist, da er sie kaum zu kennen scheint. In den Gedichten der Sappho scheint mir allerdings Liebe zu Weibern vorzukommen, und dem widerspricht nicht der Umstand, dass auch die eheliche Liebe vom Mann und Weib von der Dichterin besungen wird. Aber wenn dem auch so ist, braucht durchaus noch immer nicht der Schluss gezogen zu werden, dass Sappho selbst Weiberliebe getrieben habe, da es durchaus denkbar ist, dass sie in ihren Gedichten nur die Stimmung ihrer Zeitgenossinnen gemalt hat.

Im alten Rom war die Tribadie nach Ploss 2) gleichfalls sehr stark verbreitet und wurde nach diesem Autor mittelst der abnorm grossen Clitoris ausgeübt. Die homosexualen Weiber hiessen frictrices oder subigatrices.

Ploss erwähnt, dass im Orient die gegenseitige Masturbation bei Weibern sehr häufig sei. Eine künstliche Vergrösserung der Clitoris soll nach Ploss mitunter vielleicht in der Absicht herbeigeführt werden, um die Schamtheile zur Ausübung der sogenannten Tribadie geeignet zu machen, und zwar soll diese Vergrösserung durch vielfache Masturbation an der Clitoris mitunter erzeugt werden. Im Orient ist die Tribadie nach Ploss von jeher sehr verbreitet gewesen, besonders bei den Arabern kam sie vor. Besonders soll geschlechtlicher Verkehr von Weibern unter einander in Harems oft vorkommen, wie Mantegazza berichtet.

Zyro 3) erwähnt die Erzählung von Pouqueville aus dem Jahre 1805, dass die schmachtenden Weiber im Harem des Grosssultans, welcher die griechische Liebe der natürlichen vorzog, Liebende ihrer Gespielinnen wurden. Auch Virey bringt uns ähnliche Berichte aus dem Orient. Die Poesie bietet hier gleichfalls manches, was sich hierauf bezieht.

l) Cénac Moncaut, Histoire de l'amour dans l'antiquité, Paris 1862. Vergl. auch die Fortsetzung des Werkes: Cénac Moncaut, Histoire de l'amour dans les temps modernes, Paris 1863.

2) H. Ploss, „Das Weib in der Natur- und Völkerkunde". II. Aufl. Herausgegeben von Dr. Max Bartels. Leipzig 1887.

3) F. F. Zyro, „Wissenschaftlich-praktische Beurtheilung des Selbstmordes", Bern 1837.


250 Geschichtliches.

Ein altes arabisches Volkslied stellt das Schmählied eines Mannes auf seine Frau dar. Ich gebe einige Zeilen nach der Rückert'schen Uebersetzung wieder:

Grott gab mir ein Mannweib, so dürr wie ein Stab, So frech und so diebisch wie Elster und Rab', Das lieb hat die Weiber, die Männer verschmäht, Und nur sich mit losem Gesindel begeht

etc. etc. Einen Fall, der in Siam spielte, berichtet Ploss. Es handelte sich dort um eine grausame Bestrafung der Beischläferinnen des Königs von Siam, nachdem dieser erfahren hatte, dass sie unter einander Tribadie ausübten.

Ploss erwähnt auch, dass die Tribadie offenbar bei den deutschen Frauen im Mittelalter geherrscht hat, und er citirt als Belag hierfür das Verzeichniss der Kirchenstrafen, welche der Bischof Burchard von Worms im elften Jahrhundert verfasst hatte, und in welchem über den sexuellen Verkehr von Weibern mit einander gesprochen wird.

Aus England wurden in früheren Jahren eine Reihe verschiedener Fälle berichtet, die William Tegg zum Theil gesammelt hat, und wo es sich in der That um Weiber handelte, die lange Zeit für Männer galten und die zum Theil sogar sich mit anderen Frauen verheirathet haben. Die Fälle stammen zum Theil aus dem Ende des 18. Jahrhunderts.

Auch ParentDuchâtelet hat Beobachtungen über die leidenschaftliche Liebe von Weibern zu einander gemacht.

Ulrichs giebt eine Reihe von Notizen von historischen weiblichen Persönlichkeiten, die homosexuellen Verkehr ausgeübt haben sollen; er bringt aber leider keine sicheren Beläge dafür, die allerdings wohl auch schwer zu beschaffen wären. Ulrichs erwähnt, dass Catharina Howard, Gemahlin Heinrichs VIII. von England, an conträrer Sexualempfindung litt, oder, wie er es nennt, Urnigin war. Er glaubt, dass sie wegen ihres homosexuellen 1) geschlechtlichen Verkehrs hingerichtet wurde.

Die wissenschaftlichen Erörterungen des conträren Geschlechtstriebes bei Weibern haben erst in neuerer Zeit begonnen; wir begegnen hier im allgemeinen denselben Namen, die wir oben fanden; besonders die Arbeiten von Westphal und v. Krafft-Ebing haben dieses Gebiet gefördert. Ich nenne ferner von den vielen verdienstvollen Mitarbeitern: Chevalier, Cantarano, Sérieux. 1) Sonst wird erzählt, dass die Königin mit einigen Dienern ihres Grossvaters sexuellen Verkehr gehabt habe, und dass sie deswegen hingerichtet wurde.

Belletristrik. 251

Genauere Angaben findet man in der schon öfter erwähnten Psychopathia sexualis von v. Krafft-Ebing.

Auch die belletristische Literatur hat uns über die conträre Sexualempfindung des Weibes vieles gebracht. Chevalier glaubt, dass im allgemeinen die Romanschriftsteller sich lieber homosexuale Liebe des Weibes, als die des Mannes aussuchen, weil diese doch im allgemeinen viel ekelhafter erscheine. Jedenfalls finden wir für jene bei den französischen modernen Naturalisten zahlreiche Beispiele. Schon früher hat Diderot in „La Religieuse" die homosexuelle Liebe des Weibes gezeigt. In neuerer Zeit hat Zola unter anderm in „Nana" ganz klar uns das Liebesverhältniss zwischen Nana und ihrer Freundin Satin geschildert. Von sonstigen belletristischen Autoren, die das gleiche Thema behandeln, ist von Chevalier u. a. noch Balzac genannt. Er schildert mit Vorliebe gewisse Erscheinungen des perversen Geschlechtstriebes. Während er in einem seiner Romane die Vorliebe eines Weibes für einen Entmannten, über die ich gesprochen habe 1), zur Darstellung bringt, schildert er die homosexuale Liebe des Weibes in La Fille aux yeux d'or.

Die Frage, in welchen Kreisen man die conträr sexual veranlagten Weiber am meisten findet, ist ausserordentlich schwer zu beantworten, weil von seiten der Frauen noch viel weniger in die Oeffentlichkeit dringt, als seitens der Männer. Ich habe es versucht, dieser Frage, soweit es möglich war, hier in Berlin nachzuspüren. Ich verdanke meine Auskünfte zum Theil weiblichen Personen, die selbst conträr sexuell veranlagt sind und mir in bereitwilliger Weise Mitteilungen machten. Ferner ist es mir auch gelungen, mit Personen mich zu unterhalten, die in den Kreisen homosexueller Weiber wohl bekannt sind und einiges Material hierüber mir liefern konnten.2)

Solche Liebesverhältnisse von Weibern untereinander finden sich nun in sehr vielen Kreisen; z. B. unter Schauspielerinnen,

1) Vergl. S. 100.

2) Ganz besonders reichhaltige Auskunft erhielt ich durch eine Dame, die wegen conträrer Sexaalempfindung nach mehrjähriger Ehe sich von ihrem Manne musste scheiden lassen und jetzt mit einer andern weiblichen Person, ihrem „Verhältniss" zusammen lebt. Ich habe gerade auf dem Gebiete der Homosexualität der Weiber die meisten Nachforschungen gemeinsam mit meinem Freunde Herrn Dr. Max Dessoir angestellt.


252 Homosexualität in verschiedeneu Kreisen.

Kellnerinnen. Dass aber auch bei verheiratheten Frauen conträre Sexualempfindung vorkommt und unter Umständen der perverse Trieb befriedigt wird, kann ich als sicher behaupten. Unter den eingeschriebenen Prostituirten Berlins befinden sich zweifellos ausserordentlich viele, die der Weiberliebe huldigen. Von gut unterrichteter Seite wird mir erklärt, dass circa 25% von den prostituirten Weibern Berlins ein Verhältniss mit andern Weibern haben.

Wenn dies der Fall ist, wobei die beiden Weiber oft in einer Wohnung zusammen leben, so pflegt doch nur der eine Theil der Prostitution obzuliegen; die andere Person lebt oft, wie mir erzählt wird, unter dem Scheine eines Dienstmädchens oder einer Mietherin bei ihrer Freundin. Wir werden später sehen, dass bei den Verhältnissen von Weibern untereinander die active und passive Rolle oft scharf getrennt ist, der active Theil wird gewöhnlich als „Vater", der passive als „Mutter" bezeichnet. Ebenso wie in normaler Ehe wohl dem Manne ein Abschweifen dann und wann verstattet ist, dagegen die Unberührtheit der Frau auf jeden Fall bewahrt werden soll, ebenso darf auch in der homosexualen „Ehe" der Weiber nur der Vater, d. h. der active Theil mit Männern verkehren.1)

Ob unter den nicht eingeschriebenen, aber für Geld käuflichen Mädchen ein annähernd ebenso grosser Procentsatz von Homosexualen sich findet, konnte von meinen Gewährsmännern nicht mit Bestimmtheit behauptet, werden, dagegen unterliegt es keinem Zweifel, dass auch bei anständigen Mädchen und Frauen pervers veranlagte Individuen existiren. In Paris sind nach Coffignons Mittheilungen ausser den Prostituirten am meisten unter den Damen der Aristokratie solche mit Geschlechtstrieb zum Weibe vorhanden.

Die Weiber, die in dieser Weise homosexual veranlagt sind, werden in ihren Kreisen gewöhnlich als „schwul" bezeichnet, ein Ausdruck, der übrigens mitunter auch auf die Urninge von diesen selbst angewendet wird. Wenn zwei Weiber nun miteinander zusammenleben und ein festes Verhältniss haben, so spricht man auch von einer schwulen Ehe oder einem schwulen Verhältniss.

1) Doch wird mir von anderer Seite berichtet, dass dies nicht ausnahmslos so sei, dass mitunter z. B. der durch körperliche Vorzüge ausgezeichnete Theil, gleichviel ob im homosexualen Verkehr activ oder passiv, zur Prostitution bestimmt werde.

Terminologie. Körperliche Eigenschaften. 253

In einigen Fällen hört man wohl öfter den Ausdruck Freundschaftsverhältniss hierfür. In Wien sollen übrigens, wie ein Patient von v. Krafft-Ebing angiebt, conträr sexuell empfindende Weiber sich untereinander mit dem Namen Onkel bezeichnen.

Weiber, die homosexuell empfinden, werden wohl auch Tribaden genannt, obwohl einige diesen Ausdruck auch nur für solche Weiber anwenden, die in einer bestimmten Weise sich befriedigen, nämlich durch immissio clitoridis des einen Weibes in die Vagina des andern. Die auf diese Weise hervorgerufene Befriedigung nennt man dann auch Tribadismus. Von der Insel Lesbos hat man wohl auch den Ausdruck Lesbische Liebe für diese Art der Neigung angewendet, doch wird nach andern dieses wieder nur auf solche Fälle bezogen, wo die Befriedigung durch lambendo lingua genitalia geschieht. Mulier lambens wird wohl auch als cunnilingua bezeichnet; der ganze Act auch als cunnilingus, ebenso wie dieser Name schliesslich auch für den zweigeschlechtlichen Verkehr gewählt wird, wenn die Befriedigung in gleicher Weise geschieht.

Physiognomie und sonstiges Aussehen der schwulen Weiber sind in vielen Fällen durchaus normal, insbesondere scheint mir nach meinen Beobachtungen es keineswegs, als ob Weiber, die etwas stärkeren Haarwuchs auf dem Gesicht haben, besonders zur conträren sexualen Empfindung disponirt sind. Die Geschlechtstheile solcher Weiber sind gleichfalls normal. In einzelnen Fällen allerdings zeigt das heterosexuale Weib einen auffallend ausgesprochenen männlichen Typus 1), der sich in der ganzen Erscheinung, besonders in den Gesichtszügen kundgiebt.

Die Entwickelung der heterosexualen Weiber ist eine verschiedene. Viele Tribaden sind sich lange Zeit über ihren Zustand gar nicht klar. Die eine erklärte mir, dass sie jetzt manches begreifen könne, was sie in der Jugend gethan habe, dass ihr dies aber früher ganz unklar war. Sie war früher lange Zeit Erzieherin in einem Hause, und sie erinnert sich, dass sie als 16jähriges Mädchen, wenn die Herrschaft ausgegangen war, sich sehr gern die Männerkleider eines der Söhne angezogen und sich sehr wohl und behaglich darin gefunden hatte. Sie würde auch heute

1) v. Krafft-Ebing bezeichnet diejenigen homosexualen Weiber, bei denen nicht nur der Geschlechtstrieb und andere psychische Eigenschaften denen des normalen Mannes entsprechen, sondern auch in Skelettbildung, Gesichtstypus, Stimme u. s. w. überhaupt in anthropologischer Hinsicht das Weib sich dem Manne nähert, als Gynandrier, die Affection selbst als Gynandrie.


254 Entwickelung der Tribaden.

noch in Männerkleidern gehen, wenn es ihr gestattet wäre. Zu Hause wird es ihr von der „Mutter" (d. h. ihrem sexualen Verhältniss) untersagt, die überhaupt, trotz ihrer zärtlichen Zuneigung zu der Geliebten, alles Anstössige in ihrem Hause zu entfernen sucht.

Eine andere weibliche Person mit conträrer sexualer Empfindung war sich lange Zeit gar nicht bewusst, dass sie so veranlagt sei. Als sie ca. 18 Jahre alt war und öfters mit Altersgenossinnen sich unterhielt, hörte sie mit Verwunderung, wie diese stets es als so schön schilderten, mit einem Herrn ein Verhältniss zu haben, von einem hübschen Manne geküsst zu werden resp. mit ihm zusammen zu sein. Sie erwiderte stets darauf, dass sie gar nicht wisse, was man dabei finden könne, es sei doch viel hübscher, mit einer schönen Frau zusammen zu sein, als mit einem schönen Manne. In ganz naiver Weise ging sie, ohne sich der Perversion bewusst zu sein, durch das Leben, bis ihr in dem Alter von etwa 20 Jahren über ihre eigentümliche Veranlagung ein Licht aufging. Es geschah dies durch eine Freundin, deren Zimmer sie betreten hatte, und die ihr über manches Auskunft gab. Man glaube durchaus nicht, dass die homosexualen Weiber sich durch schlechte Charaktereigenschaften auszeichnen, im Gegentheil, es giebt unter ihnen solche, die jede Lüge und andere Schlechtigkeiten durchaus verabscheuen.

Als Kinder spielen viele von ihnen gern Knabenspiele: sie ziehen sich von den Puppenspielen anderer Mädchen zurück. Diejenigen unter den Tribaden, welche die Vater- resp. activen Rollen übernehmen, gehen mit Vorliebe auch in Männerkleidern, doch findet nach dieser Richtung hin nicht eine absolute Regel statt. So ist mir auch von mehreren, die passive Rolle übernehmenden Tribaden bekannt, dass sie dann und wann gern einmal sich in

Mannskleider werfen.

Männliche Eigenschaften 1) spielen bei den Tribaden überhaupt eine grosse Rolle. Während gewöhnlich Damen nicht rauchen,

1) Wenn nicht nur der Geschlechtstrieb ein homosexualer ist, vielmehr auch die sonstigen Neigungen mehr denen des männlichen Geschlechts entsprechen, so nennt man den Zustand mit v. Krafft-Ebing Viraginität, das betreffende Weib Virago. Dieser Autor schildert derartige Weiber in folgender Weise: „Schon als kleines Mädchen zeigt es die betreffenden Erscheinungen. Sein Lieblingsort ist der Tummelplatz der Knaben. Von Puppen will das Mädchen nichts wissen; seine Passion ist das Steckenpferd, das Soldaten- und Räuberspielen. Zu weiblichen Arbeiten zeigt es nicht bloss Unlust, sondern vielfach Ungeschick. Die Toilette wird vernachlässigt, in einem derben burschikosen Wesen Gefallen gefunden. Statt zu Künsten zeigt sich Sinn und Neigung

Männliche Beschäftigung und Bewegungen. 255

höchstens einige Cigaretten, sehen wir, dass Tribaden oft ausser-ordentlich stark und viele Cigarren rauchen. Von einer Homosexualen weiss ich, dass sie bereits mit dem fünften Jahre anfing Cigarren stark zu rauchen, die sie auch heute noch den Cigaretten vorzieht: niemals übrigens hat sie ein Unwohlsein selbst nach langem Rauchen gespürt.

Manche Tribaden würden viel lieber irgend einer männlichen Beschäftigung nachgehen; so giebt eine Patientin von Westphal an, dass sie stets grosse Vorliebe zur Maschinenbauerei gehabt habe. Ebenso wie wir bei Urningen fanden, dass sie in manchen Beziehungen das Weibliche angenommen haben, z. B. Neigung und Geschicklichkeit für Handarbeiten, ebenso finden wir umgekehrt, dass solche conträr sexual empfindenden Weiber in sonst weiblichen Beschäftigungen oft wenig leisten. Eine solche Person erklärte mir z. B., dass sie niemals auch nur die geringste Neigung zu weiblichen Handarbeiten gehabt hätte, sie besorgt zwar zu Hause die Wirthschaft, thut es aber nicht etwa, weil sie daran ein besonderes Vergnügen hat, sondern weil sie als sogenannte Mutter in dem Verhältnisse die Wirthschaft besorgen muss; Handarbeiten zu machen wäre ihr aber vollkommen unmöglich.

Die Bewegungen der Tribaden erscheinen übrigens nur dann so vollständig männlich, wenn sie sich gehen lassen können. Wenn sie sich beobachtet glauben, oder wenn sie überhaupt nicht unter sich sind, wo jede Gêne wegfällt, suchen sie künstlich das Weibliche mehr nachzuahmen, um sich nicht zu verrathen. Ich kenne solche Tribaden, denen ich auch nicht die Spur von ihrem geschlechtlichen Fühlen angemerkt hätte.

Ganz anders liegt es, wenn die betreffende Person sich gehen lässt. Ich erinnere mich, ein homosexuales Weib in männlichem Costüm gesehen zu haben: ein kleiner künstlicher Schnurrbart

(Fortsetzung der Fussnote von der vorigen Seite):

für Wissenschaften. Gelegentlich wird ein Anlauf genommen, im Rauchen und Trinken sich zu versuchen. Parfüms und Näschereien werden verabscheut. Schmerzliche Reflectionen ruft das Bewusstsein hervor, als Weib geboren zu sein und der Universität mit ihrem flotten Leben und dem Militärstand ferne bleiben zu müssen. In amazonenhaften Neigungen zu männlichem Sport giebt sich die männliche Seele im weiblichen Busen kund, nicht minder in Kundgebungen von Muth und männlicher Gesinnung. Der weibliche Urning liebt es, Haar und Zuschnitt der Kleidung männlich zu tragen, und seine höchste Lust wäre und ist es, gelegentlich in männlicher Kleidung zu erscheinen. Seine Ideale sind durch Geist und Thatkraft hervorragende weibliche Persönlichkeiten der Geschichte und der Gegenwart."


256 Liebe. Männliche Namen.

deckte die Oberlippe. Die Bewegungen, das ganze Aussehen und der Eindruck der Person waren ausgesprochen männlich. Die Art, wie sie ihre Cigarre zum Munde führte, die Bewegungen bei Begrüssung, nichts liess mich auch nur einen Moment denken, dass es sich um ein Weib handle. Wer die Betreffende, eine bekannte Berliner Tribade, nicht kannte, musste sie für männlichen Geschlechts halten. Zu meiner Verwunderung erklärte mir ein in diesen Kreisen wohlbewanderter Criminalbeamter, dass es ein Weib sei.

Die heterosexualen Weiber lieben es übrigens auch, mit ändern Weibern zu tanzen. Dem Tanz mit dem Manne können sie keinen Reiz abgewinnen.

Die Liebe der heterosexualen Weiber ist oft eine leidenschaftliche, ebenso wie die der Urninge. Genau wie diese fühlen sie sich oft selig, wenn sie glücklich lieben. Dennoch ist manchen von ihnen ganz ebenso wie dem Urning der Umstand sehr peinlich, dass sie sich eine Familie nicht begründen können infolge der sexuellen Antipathie 1) gegen die männliche Berührung. Wenn die Liebe eines homosexuellen Weibe nicht erwiedert wird, so kann daraus eine schwere Störung des Nervensystems erfolgen, die bis zu Wuthanfällen gehen kann. Dies wusste schon Soranus, wie Virey berichtet. Die sogenannten Tribaden, sagt er, verfolgen junge Mädchen mit einer Wuth, wie es kaum die Männer thun.

Die Tribaden bekommen häufig, wenn auch nicht in dem ausgedehnten Maasse wie die Urninge weibliche Namen erhalten, so männliche. Eine bekannte Tribade z. B., deren Namen ich hier in keiner Weise andeuten will und deren Vornamen ich anders wiedergebe, heisst allgemein „der Manchettenfritz", weil sie stets etwas auffällig herabhängende Manchetten trägt. Der Name Fritz ist nicht der richtige, weil ich den eigentlichen mir bekannten Namen hier absichtlich nicht veröffentliche, da es auch nicht zur Sache beiträgt. Ebenso wie die Urninge erkennen sich angeblich auch die „schwulen" Weiber unter einander, wie mir eine Reihe

l) Nach den mir gemachten Mittheilungen scheint im grossen und ganzen bei den Tribaden der Horror vor der Berührung mit dem Mann nicht so gross zu sein, wie bei den Urningen, die mit einem Weibe coitiren wollen. Die einfache Antipathie des Weibes gegen den Mann hat für den Coitus natürlich lauge nicht die praktische Bedeutung wie die Antipathie des Urnings gegen das Weib, da in letzterem Falle dadurch die Erection, die Vorbedingung zur Immissio membri verhindert wird.

Gegenseitiges Erkennnen der Tribaden. 257

derselben versicherte, am Blick, mitunter auch erst an der Art der Begegnung, der Begrüssung u. s. w. Was es eigentlich in dem Blicke sei, das ihnen die Leidensgenossinnen vor anderen Personen verräth, kann ich mit Sicherheit nicht angeben. Ausführliche Unterhaltungen, die ich zu diesem Zwecke mit anderen Tribaden hatte, ergaben indessen als wahrscheinlich das folgende, was ganz dem analogen Fall bei den Urningen entspricht. In derselben Weise, wie ein Mann eine hübsche weibliche Person auf der Strasse ansieht, in derselben Weise fixirt eine Tribade gewöhnlich eine andere weibliche Person. Je nachdem nun diese andere weibliche Person den Blick erwiedert und dadurch ausdrückt, dass sie sich für die andere Person interessirt, je nachdem wird das Urtheil gefällt. Oft ist es übrigens nicht ausschliesslich der Blick, sondern die Bewegung und die Unterhaltung verräth eine Tribade der anderen. Der Blick, an dem sich die Tribaden unter einander erkennen, ist also in ähnlicher Weise ein ebenso begehrlicher, wie ihn die Urninge unter einander austauschen. Keineswegs darf man etwa hier auf irgend eine besondere Kraft schliessen.

Auch geben die heterosexualen Weiber an, dass sie sich moventes linguam mitunter schon ohne ein Wort zu sprechen über die Art ihres eventl. Geschlechtsverkehrs verständigen können, so dass sie bei zwei verschiedenen Bewegungen gleich erkennen, ob die Betreffende activ oder passiv thätig sein will.

Bekanntschaften machen homosexuale Weiber auf verschiedene Weise. Der Weg der Annonce findet sich mitunter. Besonders sollen Annoncen, in denen ein Weib eine „Freundin" sucht, nach dieser Richtung hin sehr verdachtig sein; ausserdem aber lernen sie sich auch dann und wann auf der Strasse durch Anlocken anderer Weiber kennen.

Die Neigungen sind auch bei den homosexnalen Weibern ganz ähnlich, wie bei den Urningen, mitunter auf eine ganz bestimmte Kategorie von Weibern gerichtet. So erklärte mir z. B. die eine, dass sie nur dann sexuell befriedigt werde und nur dann Liebe empfinde, wenn sie mit einer grossen blonden weiblichen Person verkehre, brünette und kleine Weiber könnten sie in keiner Weise tangiren. Die Neigung der Tribaden ist verschieden; während die einen ihrem Verhältniss vollständig treu sind, lieben die anderen die Abwechselung und laufen täglich anderen nach.

Unter den Liebesverhältnissen soll es nach Aussage meiner

Contr. Sexualempfindung. 17


258 Art der Befriedigung.

Gewährsmänner sehr viele Verhältnisse geben, welche eine lange Reihe von Jahren überdauern, so dass das Zusammenleben in einem Beispiele schon 17 Jahre, in einem anderen Falle, den ich genau kenne, 7 Jahre dauert. Ein solches Verhältniss von langer Dauer gilt allgemein bei den Tribaden als einer Ehe gleichwerthig. Auch bei den homosexualen Weibern kommt es zu Eifersuchtsscenen 1), Schlägereien u. s.w., denen aber gewöhnlich sehr bald Versöhnung folgt. Unglückliche Liebe vermag derartige Weiber seelisch und körperlich ausserordentlich herunterzubringen, wie z. B. der Fall von Westphal beweist, wo die betreffende Person aufgeregt, schlaf- und appetitlos wurde. Die Trennung von ihrem Verhältniss kann die Tribaden in die unglücklichste Lage versetzen.

Wie findet bei denselben die sexuelle Befriedigung statt? Eine sehr häufige Angabe über die gegenseitige Befriedigung 2) der Tribaden ist bekanntlich die, dass die eine ihre vergrösserte Clitoris in vaginam alterius immittit, und dass dabei Befriedigung beider eintrete. Ob dies dann und wann der Fall ist, weiss ich nicht; die Regel ist es jedenfalls nicht, soweit meine Erfahrungen darüber reichen. Eine so abnorme Vergrösserung des Kitzlers, dass derselbe in die Scheide eines anderen Weibes eingeführt werden kann, soll nicht vorkommen; dagegen genügt oft das blosse Aufeinanderliegen und Frictionen der Gesehlechtstheile, um Erguss bei beiden Weibern hervorzurufen. Dass übrigens, wie Mantegazza meint, die Clitoris sich bei dem sexualen Verkehr des Weibes mit einer anderen vergrössere 8), beweist er in keiner Weise, und diese Behauptung ist auch sehr fraglich.

Nach meinen Informationen besteht bei weitem die häufigste Befriedigung der Tribaden in lambendo lingua genitalia. Hierbei ist mulier lambens activ, die andere passiv. Coffignon meint,

1) Die Eifersucht in der homosexualen Liebe des Weibes schildert sehr schön Zola in Nana. „Nana sprach davon Frau Robert (bei der Nanas Geliebte Satin war) zu ohrfeigen." Auch die Eifersucht eines Liebhabers der Nana auf deren Geliebte schildert Zola „Vandeouvres spielte den Eifersüchtigen und bedrohte die Satin mit einem Duell, wenn sie Nana noch einmal umarmte."

2) Die alten Milesierinnen bedienten sich, wie Aristophanes spottet, eines künstlichen Penis beim homosexualen Verkehr (Casper, Liman.)

3) Die Behauptung Forbergs, dass die Clitoris so verlängert sei, dass sie zur Befriedigung genügt, ist nach Casper, Liman durch keinen Fall, der wirklich beobachtet worden wäre, erwiesen.

Cunnilingus. 259

dass eine Trennung in activ und passiv bei den homosexualen Weibern weit seltener durchgeführt sei, als bei den Päderasten. Ich kenne naturgemäss die Fälle in Paris nicht; hier in Berlin ist jedenfalls die Trennung bei den Weibern oft eine ganz scharfe. Ein homosexual empfindendes Weib X erklärte mir, dass sie nur, si ipsa lambit genitalia alterius, befriedigt würde; ich fragte sie nun, ob es ihr nicht möglich sei, auch dadurch sexuell befriedigt zu werden, dass altera lambit genitalia propria, sodass sie passiv sei; die Antwort der Betreffenden war, dass es ihr vollständig unmöglich sei, in dieser Weise erregt zu werden. Ich erinnere mich auch noch, dass sie mit einer gewissen Entrüstung diese Frage aufnahm, die ungefähr der entsprach, die ein normaler Mann empfinden würde, wenn ich ihn fragte, ob es ihm denn nicht möglich sei, sexuell mit Männern zu verkehren.

In einem anderen Fall erklärte z.B. die sogenannte „Mutter", d. h. der passive Theil, dass sie es niemals über sich gewinnen könnte, activ zu sein, d. h. lingua lambere genitalia alterius feminae. Beiden wäre eine Umkehrung des Verhältnisses geradezu unangenehm und ekelhaft. Diese scharfe Trennung findet, wie es mir scheint, in den meisten derartigen Verhältnissen statt. Die X, die ich eben erwähnte, hatte bereits früher einmal ein anderes Verhältniss angebahnt, musste es aber auflösen, weil das andere Weib verlangte, dass die X passiv sein sollte; der X war dies so unmöglich, dass sie es vorzog, dieses Verhältniss ganz aufzugeben. In manchen Fällen sind aber die active und passive Rolle keineswegs scharf getrennt. Hier wird der Act wechselseitig vorgenommen, weil z.B. keiner der beiden Theile Befriedigung findet, wenn er activ ist: wohl aber der andere Theil, der passiv ist, sexuell befriedigt wird.

Vieles ist überhaupt noch dunkel auf diesem Gebiete, und die Angaben sind oft einander widersprechend. So erklärte mir eine Tribade, im Gegensatz zu anderen mir durchaus zuverlässig scheinenden Angaben, dass sie es überhaupt nicht glaube, dass ein Weib, das nur activ sei, sexuell befriedigt werden könnte. Man muss, wenn man hierüber ein zuverlässiges Urtheil gewinnen will, in den verschiedensten Kreisen seine Erkundigungen einziehen, da offenbar zahlreiche Variationen bestehen. Man darf auch nicht, wenn man z. B. bei zwei homosexualen Weibern es findet, dass sie den Act wechselseitig (d. h, ohne scharfe Trennung in active und passive Rolle) vornehmen, diesen Vorgang sofort verallgemeiitern. Ich meine im Gegentheil, wie oben auseinander-

17*


260 Onanie.

gesetzt, dass beides vorkommt, sowohl scharfe Trennung der Rollen wie Abwechselung in denselben. Die Befriedigung lambendo lingua genitalia alterius feminae seitens eines Weibes wird auch als „Sapphismus"1) bezeichnet nach der oben erwähnten Dichterin Sappho. Der sexuelle Verkehr wird verschieden häufig bei solchen Tribaden ausgeübt. Zwei mir bekannte thun es nur sehr selten; obwohl der active Theil hier ausserordentüch sexuell erregbar ist und möglichst oft den Act ausführen will, wird durch die viel ruhigere „Mutter" dem ein Hinderniss entgegengesetzt.

Dass Weiber, die conträr sexual veranlagt sind, in vielen Fällen durch Onanie ihren Trieb befriedigen, kann keinem Zweifel unterliegen. In einzelnen Fällen onaniren offenbar auch die Weiber an der von ihnen geliebten Person, betasten deren Schamtheile und Beine, wie v. Krafft-Ebing und Westphal betonen. Die homosexualen Weiber pflegen sich bei der Onanie nur Mädchen vorzustellen. Es giebt auch eine ganze Reihe von sogenannten „Schwulen", die keinen sexuellen Verkehr unterhalten; einige werden durch sociale und sittliche Gründe davon abgehalten; andere aber begnügen sich überhaupt mit einem mehr platonischen Verhaltniss, das wir auch dann und wann bei den Urningen fanden. In den wollüstigen Träumen homosexualer schwuler Weiber pflegen sich gleichfalls nur die perversen Vorstellungen zu zeigen.

Die Weiber, die an conträrer Sexualempflndung leiden, sind dennoch in einer Reihe von Fällen verheirathet; doch scheint es, dass die meisten gerade eine grosse Neigung zum Heirathen nicht haben. Eine mir bekannte Dame, die conträr sexuell veranlagt ist, heirathete nur deshalb, „um als Hausfrau auftreten zu können, mit ihrem Manne reisen zu können u. s. w.", sie liess sich aber schon nach 6 Jahren scheiden, da die Ehe ihr absolut nicht behagte, und sie gezwungen war, um ihrem Geschlechtstrieb nachzugeben, ausser mit dem Manne, mit einer weiblichen Person sexuell zu verkehren. In dieser Weise soll bei einigen Tribaden die Ehe nur eine Art Episode sein.

In einzelnen Fällen allerdings kann, ebenso wie wir bei den Urningen eine psychische Hermaphrodisie finden, so auch bei diesen Weibern Neigung zu Männern und zu Weitern be-

l) Martineau beschrieb in „Lecons sur les d´rformations vulvairee et anales etc." die Form der homosexualen Befriedigung der Weiber, bei der una fellat lingua clitoridem alterius als „Saphisme".

Verheiratete Tribaden. 261

stehen. Die Neigung zu den Männern kann dabei zeitlich vollständig getrennt von der zu Weibern sein, es kann z. B. an sich die betreffende Neigung zu Weibern haben; eines Tages trifft sie. einen Mann, zu dem sie sich doch hingezogen fühlt. Hieraus kann sich ein wirkliches Liebesverhältniss und eine Ehe entwickeln, doch scheint bei ausgesprochener conträrer sexualer Veranlagung die Liebe zu Männern alsdann gewöhnlich nur eine Art Episode zu sein, und es kommt in vielen Fällen die Liebe zum Weibe sehr bald wieder in alter Stärke zum Ausbruch.

Bei homosexualen Weibern pflegt der normale Beischlaf nicht zur Befriedigung zu genügen. Eine mir bekannte schwule Frau liess sich z. B. auch von ihrem Manne viel lieber lingua lambere als immisgione membri reizen; bei dem letzteren Acte bleibt sie kalt, und es findet sehr häufig sogar bei ihr nicht einmal Wollustempfindung und Ejaculation statt. Weniger unangenehm ist ihr schon der Cunnilingus seitens des Mannes; dabei tritt viel eher der nöthige Reiz ein und zwar, wie eine Frau mir ausdrücklich bemerkte, ohne dass sie sich etwa Phantasievorstellungen zu Hülfe nimmt und sich irgend ein Weib denkt, dessen Vorstellung die sexuale Befriedigung bewirkt. Dennoch kann nach den mir bekannten Erfahrungen über „schwule" Frauen keineswegs Lambere seitens des Mannes ihnen den Genuss gewähren, den sie dann empfinden, wenn sie vom Weibe dies vornehmen lassen. Eine mir bekannte Frau liess sich endlich scheiden, als sie merkte, dass sie doch in keiner Weise die geschlechtliche Befriedigung in der Ehe finden konnte, die sie suchte.

Mantegazza meint, dass manche unglückliehe Ehe, die unglücklich sei, ohne dass man über die Ursache klar wird, in der Homosexualität der Frau die Störung des Glückes finde. Dies scheint mir auch sehr wohl denkbar, und es stimmt damit durchaus überein, dass, wie mir erzählt wurde, verheirathete Weiber, wenn sie homosexual sind, hinter dem Rücken des Mannes sexuellen Verkehr mit einem Weib unterhalten, wie übrigens auch Martineau berichtet hat. Duhousset berichtete 1877 einen merkwürdigen Fall von conträrer Sexualempfindung, der kaum glaublich klingt. Es handelte sich um zwei Weiber, die mit einander sexuelle Beziehungen hatten. Die eine von ihnen verheirathete sich, verkehrte aber trotzdem mit dem von ihm geliebten Weibe weiter; die letztere, die unverheirathet war, wurde nun schwanger, und wenn man nicht annehmen will, dass hier irgend wie eine Mystifikation vorliegt, so ist der Fall in der That, wie er auch von einigen erklärt wird,


262 Periodische Homosexualität. Aetiologie.

so zu deuten, dass die Verheirathete einen Theil des Samens ihres Mannes bei dem späteren Verkehr auf die Unverheirathete übertrug.

Ueber fetischistische, masochistische und sadistische 1) Neigungen der conträr sexual empfindenden Weiber vermochte ich sichere Auskunft nicht zu erhalten. Im Gegentheil erklärten mir einige Weiber, denen offenbar auf diesem Gebiete eine nicht geringe Erfahrung zur Seite steht, dass sie wohl bei der Liebe vom Manne zum Weibe von derartigen Vorgängen gehört hätten, dass aber bei schwulen Weibern etwas derartiges nicht vorkäme. Nur das weiss ich von einem Falle, dass in einem Liebesverhältniss zweier Weiber das eine und zwar das active auf Wunsch des passiven Theils zu Hause in Männerkleidung und zwar in kurzen Sammethosen geht. Es sind übrigens auch Fälle veröffentlicht worden, wo der perverse Geschlechtstrieb bei Weibern periodisch auftraten und zwar auch gleichzeitig mit dem Erscheinen anderer psychischen Abnormitäten. Bei einigen Weibern soll besonders zur Zeit der Menstruation der perverse Trieb lebhaft sein, während sie zu andern Zeiten, wenn auch sexuell nicht ganz normal, so doch jedenfalls viel ruhiger sich verhalten.

Was die Aetiologie der conträren Sexualempfindung des Weibes betrifft, so müssen wir ebenso wie beim Manne eine Anlage annehmen. Auch hier unterscheidet v. Krafft-Ebing eine angeborene von der erworbenen conträren Sexualempfindung, und er führt als Beispiel für die erworbene den Fall der bekannten Ilma S. an, an der er seine berühmten hypnotischen Versuche 2) gemacht hat. Diese Person hatte anfangs Verkehr mit einem Manne gehabt, den sie auch innig liebte, erst später zeigte sich bei ihr Neigung zum weiblichen Geschlecht. Nach ihrer eigenen Angabe hat sie ihre sexuale Zuneigung zu Männern dadurch verloren, dass sie sich in der Liebe zu ihrem Vetter getäuscht sah; sie selbst meinte, dass sie nie mehr im stande sein würde, einen Mann zu

1) Neigung zu unreifen Mädchen scheint beim homosexualen Verkehr der Weiber auch vorzukommen, Tardien berichtet einen Fall, wo eine Frau mit kleinen Mädchen im Alter von 6—11 Jahren zahlreiche unsittliche Handlungen vorgenommen hatte. In einem anderen Fall hat die eigene Mutter ihre etwa 10jährige Tochter mit den Fingern deflorirt und Jahre hindurch dieselben täglich an deren Geschlechtstheile gebracht, in die Vagina und auch in den

Anus eingeführt.

2) v. Krafft-Ebing, Eine experimentelle Studie auf dem Gebiete des

Hypnotismus. II. Aufl. Stuttgart 1889.

Gelegenheitsursachen. 263

lieben, dass sie überhaupt zu jenen gehöre, die nur einmal im Leben lieben könnten. v. Krafft-Ebing, der gleichfalls die Ansicht vertritt, dass vielleicht Weiber viel eher dazu veranlagt seien, nur einmal im Leben zu lieben, rechnet diesen Fall zu den erworbenen. Im Gegensatz zu dieser erworbenen wird nun von v. Krafft-Ebing eine angeborene conträre Sexualempfindung des Weibes für viele Fälle angenommen. Westphal betonte gleichfalls, dass die conträre Sexualempfindung beim Weibe angeboren sei.

Die conträre Sexualempfindung bei Weibern geht häufig auch bis in ein frühes Alter zurück. Die eine Patientin, von der uns Westphal berichtet, führt die ersten Spuren schon auf das achte Lebensjahr zurück. Damals schon hatte sie eine Art Wuth, Frauen zu lieben und mit ihnen ausser Scherzen und Kosen Onanie zu treiben.

Gelegenheitsursachen 1) wird man auch bei der conträren Sexualempfindung des Weibes in vielen Fällen constatiren können. Ich glaube aber, dass auch hier die Gelegenheitsursachen sich gewöhnlich nur auf Momente beziehen, wo der perverse Trieb entweder zum ersten Mal befriedigt, oder der betreffenden deutlich, zum Bewusstsein kommt. Latent dürfte er ebenso, wie bei den meisten Urningen, bereits vorher sein in dem Sinne, dass ein ge wisser zufälliger äusserer Anlass ihn weckt.

Uebrigens wird auch in Bezug auf die Aetiologie bei der conträren Sexualempfindung von Weibern angenommen, dass es sich immer um psychopathische resp. neuropathische Constitution auf hereditärer Grundlage handle, eine Ansicht, die ich aber,

1) Auch für den homosexualen Verkehr der Weiber wird als ätiologisches Moment das Zusammenleben von Weibern bei Ausschluss des männlichen Geschlechts angegeben. Einige Daten hierüber giebt v, Hofmann in seinem „Lehrbuch der gerichtlichen Medicin." Darnach soll in Gefängnissen und Detentionsanstalten für Prostituirte die Tribadie sehr häufig sein. „Wie Mayer mittheilt, berichtet Dr. Fischer, ein sehr erfahrener Gefängnissarzt, es komme gar nicht selten vor, dass die an sexuelle Genüsse gewöhnten Mädchen in der Anstalt selbst Liebschaften etabliren. Ihre Leidenschaft entbrennt nach dieser Richtung merkwürdig, und sie machen alle Qualen der Liebe und Eifersucht durch, wie sie nur bei Verschiedenheit der Geschlechter hier und da vorzukommen pflegt. Aehnliche Angaben vide Andronico, Arch. d. psych. Vol. III. p. 145." Ich meine, dass wahrscheinlich der Causalzusammenhang ein anderer ist, als ihn bei dieser Frage die meisten Autoren annehmen. Unter den Prostituirten finden sich — wenigstens in Berlin — auffallend viele mit conträrer Sexualempfindung; wenn diese ins Gefängniss kommen, so fallen ihre Liebesverhältnisse dem Beobachter auf; aber es ist wahrscheinlich ein Irrthum, im Gefängniss die Ursache für die sexuelle Perversion zu suchen.


264 Gelegenheitsursachen.

soweit meine Informationen reichen, nicht in allen Fällen für bewiesen halten kann. Damit übereinstimmend werden auch in vielen Fällen von Homosexualität des Weibes andere Erkrankungen gefunden; so beobachtete Westphal folie circulaire, v. Krafft-Ebing Hysteroepilepsie.

Folgender Fall soll zeigen, dass in der That bei einem conträr sexuell veranlagten Weib eine kleine Gelegenheit genügen kann, diesen Trieb ihr zum Bewusstsein zu bringen.

Die Person X ist jetzt 30 Jahre alt; sie wurde im Alter von 15 Jahren durch einen jungen Mann deflorirt, hat aber ihren Verführer seitdem nicht mehr gesehen, und es sind ihr ebenso von ihm, wie von der Entjungferung nur unangenehme Eindrücke verblieben. Später lernte sie einen andern jungen Mann kennen, der ihr, seinem Aeusseren zufolge, zusagte, und mit dem sie den Beischlaf vollzog. Sie wiederholte den Act mehrere Male mit dem Manne, wobei sich bei ihr der volle Genuss des Coitus einstellte. Mit 18 Jahren, nachdem sie öfter mit anderen Männern verkehrt hatte, lernte sie ein anderes Mädchen, Y kennen, das sich ihr vertraulich näherte, sie umarmte und besonders an den Brüsten betastete. Letzteres erregte ihr sofort, wie sie noch jetzt mit grosser Begeisterung berichtet, grosses Wohlgefallen. Im allgemeinen war die zarte weibliche Art der Annäherung ihr überhaupt angenehm. Kurze Zeit darauf wurde die X von ihrer Freundin veranlasst, sich mit ihr ins Bett zu legen. Hier wurde die X von der Y, die activ war, durch Cunnilingus befriedigt; kurz darauf wurden die Rollen vertauscht, und beide lebten nun in dieser Weise weiter, sodass bald die eine, bald die andere activ

bezw. passiv war.

Von dieser Zeit ab hat die X nie mehr einen Genuss im Verkehr mit dem Manne gefunden, vielmehr ward ihr Befriedigung nur durch den homosexuellen Geschlechtsact zu Theil. Sie liess sich öfter auch von Männern Cunnilingus machen; das erregte ihr aber fast gar keine sexuelle Befriedigung. Seit 8 Jahren lebt jetzt die Betreffende in Berlin mit einem Mädchen zusammen, das ihr zusagt. Beide befriedigen sich sexuell gegenseitig.

Es wird mir wohl jeder zugeben, dass das zufällige Berühren des Weibes, die Umarmung, die die X mit einem andern ihr sympathischen Mädchen ausgetauscht und besonders das Betasten ihrer Brüste nicht als Ursache betrachtet werden darf für die conträre Sexualempfindung. Der Boden war vorbereitet, und dieser kleine Anlass hat eben die Erscheinung erst deutlich ge-

Falsche Erklärung. Diagnose. 265

macht. Es würde aber auch später ganz sicherlich eine andere analoge Veranlassung, wenn jene gefehlt hätte, dasselbe bewirkt haben. Es ist genau dasselbe der Fall, wie bei der homosexualen Liebe des Mannes, der von seiner Homosexualität lange Zeit nichts weiss; eines Tages aber, wenn er den ihm sympathischen Mann sieht, plötzlich vollkommen seiner Perversion sich bewusst wird.

Mitunter hört man für die Homosexualität der Weiber ganz ähnliche Erklärungen geben, wie für die der Männer, ohne dass sie aber richtig wären. So giebt mir eine Tribade als Erklärung ihres jetzigen Verhaltens und ihrer Geschlechtsentwickelung an, dass der Reiz des Cunnilingus ein so grosser sei, dass man an dem normalen Geschlechtsverkehr keinen Genuss mehr finden kann. Ebenso wie der gewohnheitsmässige Onanist die Fähigkeit und auch die Freude am Beischlaf verlöre, ehenso verlöre die Tribade den Sinn für den normalen Coitus. Es erinnert diese Erklärung an die für die Homosexualität des Mannes von Stark und Mantegazza 1) gegebene. Indessen ist bei jener ebenso wie bei dieser der Hauptpunkt unberücksichtigt gelassen, nämlich die Zuneigung der Tribade zum Weib anstatt der Neigung zum Mann; denn der von diesem ausgeübte Cunnilingus führt entweder zu keiner oder nur zu schwacher Befriedigung, während den Hauptreiz der Umstand bildet, dass ein Weib den Act vornimmt.

Was das medicinische Gebiet der conträren Sexualempfindung bei Weibern betrifft, so dürfte sich wohl das meiste aus dem ergeben, was ich in den bezüglichen Abschnitten über die Urninge gesagt habe. Noch grössere Schwierigkeiten wird natürlich beim weiblichen Geschlecht die Diagnose bieten als beim männlichen, weil die Zurückhaltung hier noch eine bei weitem grössere ist; noch seltener wird ein Weib sich an einen Arzt wenden wegen der sexuellen Perversion, als der Mann. Dass sie aber auch beim Weib vorkommt, unterliegt natürlich keinem Zweifel, und hat der Arzt hier in gleicher Weise vorzugehen wie beim Mann.

Dass man sich weiblichen Personen gegenüber oft in einer sehr schwierigen Lage befindet, wenn man auf die sexuellen Vorgänge zu sprechen kommt, ist selbstverständlich. Ebenso wie man aber bekanntlich von Männern am besten eine Auskunft er-

1) Vgl. S. 172.


266 Therapie.

hält, wenn man sie ganz allein unter vier Augen über sexuelle Vorgänge fragt, ebenso liegt die Sache bei weiblichen Personen. Es ist bei verheiratheten Frauen wohl sogar anzurathen, eine unser Gebiet betreffende Fragestellung nicht in Gegenwart des Ehemannes zu machen, da manche Frau eher geneigt sein dürfte einem Arzte, der Verständniss hierfür hat, Mittheilungen über sexuelle Perversionen zu machen, als ihrem Gatten, dem gewöhnlich jedes Urtheil hierüber abgeht.

Der Arzt wird in erster Linie auch beim Weibe berücksichtigen müssen, dass wesentlich nur auf psychischem Wege eine Behandlung möglich ist. Dass man suggestiv wenigstens im stande ist, den Trieb wesentlich zu vermindern, hat v. Krafft-Ebing gezeigt. Mantegazza behauptet, dass die conträre Sexualempfindung beim Weibe kurz nach der Verheirathung leicht beseitigt werden kann, während später eine Heilung sehr selten möglich sei; doch halte ich dies für eine durchaus unbewiesene Behauptung. Für so leicht möglich halte ich die Heilung nicht, wenn ich sie auch schon ans theoretischen Gründen keineswegs für ausgeschlossen erachte.




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