II. Geschichtliches.

Die Erscheinungen der conträren Sexualempfindung resp. Liebe von Männern zu Männern lassen sich bis in eine sehr frühe Zeit zurückverfolgen. Selbst in der Bibel finden wir Stellen, die darauf hindeuten. Freilich unterliegt es keinem Zweifel, dass gerade bei den alten Juden der mannmännliche Geschlechtsverkehr als etwas verwerfliches und unsittliches gebrandmarkt war und dadurch zurücktrat.

Es scheint nämlich, dass im allgemeinen die mannmännliche Liebe zu den verschiedensten Zeiten und bei den verschiedenen Völkern um so häufiger hervortrat, je niedriger in socialer Hinsicht das Weib stand. Bei den alten Juden erfreute sich das Weib entschieden einer gewissen Achtung, wie auch das Familienleben der Hebräer wegen seiner Reinheit früher schon als nachahmenswerth angesehen wurde. Die Verabscheuung mannmännlicher Liebe bei den alten Juden kann deshalb nicht überraschen, und sie kann um so weniger verwundern, als reicher Kindersegen und Nachkommenschaft für ein Hauptziel der Menschen angesehen wurde; zahlreiche Stellen in der Bibel beweisen dies. In dem Buche der Richter beklagt Jephtas Tochter es als Schande, dass sie ohne Hinterlassung von Kindern sterben müsse.

Moses kam es ganz ebenso wesentlich auf reichliche Nachkommenschaft an; wie Sand am Meere sollte sich das Volk Israel vermehren. Reicher Kindersegen ist das Höchste, was sich der Mensch bei Moses wünschen konnte, Kinderlosigkeit galt bei ihm als ein Fluch. Onan liess den Saamen zur Erde fallen und ist deshalb verworfen. Die Abtreibung wurde nach Flavius Josephus mit dem Tode bestraft, während wir später lesen, dass bei anderen Völkern, denen zahlreiche Nachkommenschaft gerade nicht das hauptsächlich Erstrebenswerte war, Abtreibung viel weniger


10 Bibel, Juden.

streng angesehen wurde. So z. B. war, wie Ploss 1) berichtet, bei den alten Griechen die Abtreibung, wenn das Kind noch nicht lebensfähig war, unter Umständen erlaubt, und auch in Rom fand sie starke Verbreitung.

Ganz im Einklang mit dieser Anschauung über Abtreibung und über Kindersegen finden wir nun bei den alten Juden auch einen grossen Abscheu gegen jeden mannmännlichen Geschlechtsverkehr. In der Bibel wird von den Einwohnern Sodoms erzählt, die sich an den Engeln, die bei dem frommen Lot als Gäste weilten, vergreifen wollten; Gottes Zorn traf deshalb die Stadt Sodom, die vollständig zerstört wurde. Von ihr stammt der noch heute vielfach für gewisse Geschlechtsacte zwischen Männern (immissio membri in anum) oder mit Thieren gebräuchliche Ausdruck Sodomie. Auch andere Stellen in der Bibel deuten auf den Abscheu der Juden gegen die Päderastie hin, die ja den Hauptzweck des Volkes, den der reichlichen Vermehrung, verhindern musste. Im dritten Buche Mose spricht Gott zu Moses: „Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim Weibe, die haben ein Gräuel gethan und sollen beide des Todes sterben, ihr Blut sei auf ihnen," und an anderer Stelle spricht Gott: „Du sollst nicht bei Knaben liegen, denn es ist ein Gräuel."

Gewöhnlich wurde im Alterthum Asien als das Ursprungsland der Päderastie angesehen und auch heute noch wird von den meisten angenommen, dass im Orient die Päderastie bei weitem deutlicher hervortrete, vielleicht auch vorkomme, als im Abendlande. Indessen muss doch hier schon bemerkt werden, dass das schwächere Hervortreten mannmännlichen Verkehrs nicht als gleichbedeutend mit dessen Vorkommen angesehen werden darf, da es keinem Zweifel unterliegt, dass gewöhnlich der Verkehr nur im Geheimen erfolgt, ohne dass man in der Oeffentlichkeit nur das Geringste davon erfährt. Ich muss auf den Irrthum um so mehr an dieser Stelle schon hinweisen, als ich Männer kenne, die im öffentlichen Leben stehen, die nur den mannmännlichen Geschlechtsverkehr ausüben, ohne dass ausser den wenigen Eingeweihten irgend jemand davon weiss. Jedenfalls aber wurde der Orient als die Quelle der Päderastie angesehen, und zumal, wie Tarnowsky 2) berichtet, Armenien, von

1) H. Ploss. Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. 2Bde. Leipzig 1884.

2) B. Tarnowsky. Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes. Berlin 1886.


Griechische Mythologie. 11

wo aus dieselbe erst später sieh weiter im Orient entwickelt haben soll. Der genannte Autor glaubt, dass dies vielleicht daher komme, dass die Bewohner Armeniens wie viele andere Gebirgsbewohner hochgradige Zeichen psychischer Degeneration darbieten, auf deren Boden die perverse Sexualempfindung hauptsächlich gedeiht.

Gehen wir zu einem anderen Culturvolke des Alterthums über, zu den Griechen, so finden wir hier die uns interessirende Erscheinung mannmännlicher Liebe in ausgedehntem Maasse vor. Obwohl in den alten Göttersagen fast nirgends von Liebe zwischen männlichen Individuen die Rede ist, so sehen wir dennoch, dass spätere Erklärer gewisser Mythen deren Kernpunkt in der mannmännlichen Liebe finden wollten.

Das Verhältniss des Zeus zu Ganymedes wurde von den alten Griechen z. B. als ein solches der Knabenliebe angesehen. Zahlreiche Stellen weisen darauf hin. Xenophon sagt in seinem Symposion 1) allerdings, dass Zeus den Ganymedes seiner Seele wegen, ψυχης ενεχα zu sich genommen habe. Es kann aber nach dem ganzen Zusammenhang, den jene Worte im Text haben, keinem Zweifel unterliegen, dass das zwischen dem Gott und dem Jüngling geknüpfte Verhältniss als ein solches der Liebe und nicht bloss als ein freundschaftliches aufgefasst wurde. Noch deutlicher drückte sich über Zeus und Ganymedes P lato im Phädrus 2) aus. Hier wird geradezu von einem Liebesverhältniss gesprochen und zwar im Anschluss an die Erwähnung der körperlichen Berührung des Liebhabers mit dem Geliebten in den Gymnasien. Typisch für die Auffassung des Verhältnisses von Zeus zu Ganymedes ist es immerhin, dass diese Sage, wie Plato in den Gesetzen erwähnt, bei den Kretern entstanden ist, wo doch die Päderastie die grösste Ausdehnung hatte.

Auch das Verhältniss von Apollo und Hyacinth, von Hercules und Hylas wird auf ein solches der mannmännlichen Liebe zurückgeführt. Besonders häufig finden wir, dass die innige Freundschaft von Achilles und Patroklus in Wirklichkeit als ein Liebesverhältniss gedeutet wurde. Homer spricht zwar von dem selten innigen Freundschaftsverhältniss der beiden Griechen;

1) Cap. VJII, 30.

2) Cap. 36. Deutsche Uebersetzung von K. Lehrs. Leipzig 1869.

Moll_contraere1A1891Teil2-3.jpg

12 Griechische Mythologie.

es lässt sich bei ihm meines Erachtens nichts finden, was geradezu als Beweis dafür angesehen werden könnte, dass Homer die beiden als Liebhaber und Geliebten angesehen hätte. Äschines freilich sucht die Worte Homers in erotischem Sinne zu deuten, und später finden wir recht oft diese Auffassung vertreten. In den Myrmidonen von Äeschylus klagt Achilles über des Patroklus Tod in Ausdrücken, wie sie die reine Freundschaft kaum kennen würde. Freilich hat Welcker einer Deutung von Achilles Klage in erotischem Sinne widersprochen. In Platos „Gastmahl"1) wird von der Liebe der Alcestis zu ihrem Manne gesprochen und unmittelbar darauf wird als Analogon dieser Liebe Patroklus als εραστης des Achilles bezeichnet, während sonst öfter Achilles ερωμενος des Patroklus genannt wird. In dem Gastmahl von Xenophon ist die Auffassung eine andere, indem hier das Verhältniss des Patroklus zu Achilles nur als ein solches der Freundschaft dargestellt wird. Patroklus heisst hier εταιοο&sigmaf: des Achilles.

Auch zahlreiche andere mythische Persönlichkeiten wurden in dieser Weise von den Griechen benutzt, um gewissermaassen die Päderastie auf ein möglichst hohes Alterthum zurückzuführen und sie dadurch vielleicht zu beschönigen. So wird auch das Verhältniss von Orestes und Pylades bald als ein solches der Liebe, bald als ein solches der Freundschaft bezeichnet, ebenso das des Theseus und Peirithous. Nach Mantegazza 2) berichtet auch ein alter Schriftsteller, dass Achilles den Troilus, den Sohn des Priamus, erst dann tödtete, als er sich seinen unkeuschen Wünschen widersetzt hatte.

Wenn wir nun die Knaben- und Männerliebe, wie sie in Griechenland in historischen Zeiten bestanden, erörtern wollen, so dürfte es gut sein, wenn wir die einzelnen Staaten gesondert betrachten. Ich möchte zunächst Athen besprechen, wo nach allgemeinen Angaben die Knabenliebe am meisten verbreitet war, trotzdem, wie schon hier bemerkt sei, auf der Insel Kreta die Päderastie vielleicht eine grössere Ausdehnung hatte als in Athen.

Schon in Solons Gesetzen wurde gewissermaassen die Päderastie anerkannt. Wenn man freilich von den Gesetzen des Solon spricht, so kann nur von den Gesetzen die Rede sein, die man

1) Cap. 7.

2) Mantegazza, Anthropologisch - kulturhistorische Studien über die Geschlechtsverhältnisse der Menschen. A. d. Italien. Jena 1886.


Literatur über den Eros. 13

ihm zuschreibt, von denen aber nach dem Urtheil hervorragender Forscher manche auf ihn gar nicht zurückzuführen sind. Jedenfalls wurde in diesen Gesetzen die Päderastie gewissen Beschränkungen unterworfen, die aber besonders nur die Sklaven betrafen, sodass die freien Athener nach diesem Gesetz ziemlich unbeschränkt der Päderastie nachgehen konnten.

Die λογοι ερωτιχοι bilden in der alten griechischen Literatur einen wesentlichen Bestandteil und in ihnen wird gerade recht häufig von der Päderastie gesprochen. Wir werden auf einige derselben noch zurückkommen; wir wissen, wie dem Eros, der die Männerliebe beschützt, sogar Heiligthümer im alten Athen errichtet wurden. Charmos, der Liebhaber des Hippias, hatte dem Eros einen Altar errichtet beim Eingange des Gymnasiums der Akademie, wie Athenäus mittheilt. Ebenso hatte die Aphrodite Urania in Athen mehrere Tempel. Die Rasirstuben und auch die Badehäuser in Athen sollen eine Hauptquelle der Päderastie gewesen sein, indem dort die Männer unter einander Bekanntschaften zum Zwecke der Päderastie machten. Ganz besonders aber waren es die Palästren und Gymnasien, in denen die Bewunderung der Männerschönheit immer mehr den Charakter der Verliebtheit annahm, die mit der leichten Coquetterie, Neckereien, schwärmerischen Leidenschaften, Eifersucht und Verkehrung der sittlichen Begriffe mit sich führte (Arnold Hug).1) Zahlreiche Autoren weisen auf den Zusammenhang der Knabenliebe mit den körperlichen Uebungen in den Gymnasien hin, so Aristophanes in den Wolken, Plato in den Gesetzen, Plutarch in seinem Erotikos. Dass es übrigens zu körperlichen Berührungen in den Gymnasien und auch sonst zwischen Liebhabern und Geliebten kam, wird ausdrücklich im Phädrus von Plato erwähnt. Auch sonst werden uns aus dem alten Athen zahlreiche Liebesverhältnisse mitgetheilt. So liebte Kallias, der sogar die Archonten-würde erreicht hatte, Autolykos, deren Liebesverhältniss Eupolis Komödie „Autolykos" behandelt. Ebenso findet sich eine Verspottung des Kallias in des Aristophanes „Vögeln" und „Fröschen". Freilich, meint Ramdohr, dass Aristophanes nur die schlechten Sitten aufgesucht habe, um Lachen zu erregen, und dass er deshalb kein vollgültiger Zeuge sei. Dennoch ist an der Thatsache nicht zu zweifeln, dass Aristophanes thatsächliche Bräuche verspottete. Zu welchem Zweck er dies that, ist nebensächlich. Von

1) Platos Symposion erklärt von Arnold Hug.


14 Plato und Xenophon.

den zahlreichen Schriftstellern 1), die über das Thema im Alterthum schrieben, sei ferner der bekannte Redner Lysias genannt, es sei ferner Plutarch erwähnt, der in mehreren seiner Schriften hierauf zurückkommt und z. B. erwähnt, dass zu des Themistokles Zeiten die Knabenliebe in Athen vielfach verbreitet war. Auch bei Aristoteles finden sich Stellen, die auf Knabenliebe hinweisen, Uebrigens erwähnt Chevalier, wie beiläufig bemerkt sei, dass selbst der Eid des Hippokrates ein deutlicher Beweis für die damalige Päderastie war, da ausdrücklich ein Passus darin vorkommt, in dem der schwörende Arzt den Eid leistete, weder Weiber noch freie Knaben oder Sklaven zu verführen.

Einen Hauptanhaltspunkt für die damalige Knabenliebe finden wir zweifellos in zwei Werken des Plato, nämlich in seinem „Gastmahl" und im „Phädrus" sowie in Xenophons „Gastmahl". Es wird hier ganz besonders das Verhältniss auseinandergesetzt, wie es mancher Lehrer der Weisheit mit seinen Schülern hatte. Ramdohr meint ebenso wie andere, die Absicht des Plato und Xenophon sei es gewesen, in ihren „Gastmählern" den Sokrates von dem Vorwurf zu befreien, dass er einen körperlichen Verkehr mit Knaben und Jünglingen unterhalten habe. In der That sehen wir, dass nach dieser Richtung hin das ganze Gespräch und besonders die Ausführungen des Sokrates sich bewegen, der jedenfalls mehr das seelische Element in der Liebe betont.

Es ist mir unklar, wie man die Päderastie im Symposion des Plato und dem des Xenophon verkennen kann, wie man hier von einer Freundschaft zwischen Lehrer und Schülern zu sprechen vermag. Es ist ganz klar, dass in den genannten Werken die Ansichten einiger Personen über Päderastie auseinander gehen; der Differenzpunkt ist aber wesentlich der, ob das Verhältniss zweier Männer, wenn es sich um Liebe handelt, auf sinnlicher oder mehr seelischer Liebe aufgebaut sein solle. Dieser Streitpunkt ist sehr interessant, denn auch heute noch findet sich diese Form in der Männerliebe wieder. Es giebt eine Form derselben, bei der der sinnliche Geschlechstrieb ganz zurücktritt, und bei der es sich mehr um das seelische Bewusstsein, den Geliebten ganz

1) Es ist mir natürlich nicht möglich, auf alle Schriftsteller hier einzugehen. Genauere Zusammenstellungen über das Thema findet man in Paulys Encyclopädie des klassischen Alterthums; ferner in der Encyclopädie von Ersch und Gruber bei dem Artikel Päderastie.


Sokrates und Alcibiades. 15

allein zu besitzen, handelt, wobei übrigens die Eifersucht naturgemäss eine wesentliche Rolle spielt. Ich glaube, dass die Symposien und andere Schriften der Alten vollkommen unklar sind für den, der die conträre Sexualempfindung nicht studirt hat. Wie soll man sonst eine Nebeneinanderstellung der Liebe des Mannes zum Weibe mit des Mannes Liebe zum Manne verstehen?

Die Freimüthigkeit mit der Alcibiades in dem Symposion des Plato über sein Verhältniss zu Sokrates spricht, zeigt doch ganz deutlich, dass grosse Zurückhaltung in mannmännlicher Liebe nicht bestand. Freilich lässt sich das Verhältniss des Sokrates zum Alcibiades nach dieser eben genannten Schrift nicht anders deuten, als dass Sokrates vermöge seiner ανδρεια und σωψροσυνη es nicht zum Geschlechtsverkehr mit Alcibiades kommen liess, so sehr dieser auch seine körperlichen Reize jenem gegenüber zur Schau trug. Die Art wie Aleibiades erzählt, mit welcher Raffinirtheit und Zudringlichkeit er den Sokrates zu verführen suchte, von dem er glaubte, dass er sein Liebhaber sei, ist für die damaligen Sitten in Athen charakteristisch. Wenn wir nun auch annehmen, dass Sokrates keine geschlechtlichen Acte mit anderen Männern ausgeführt hat, so geht doch aus den anderen Stellen, z. B. aus der Rede des Alcibiades in Platos Gastmahl ganz klar hervor, wie sinnlich die Päderastie war.

Wir sehen also, dass in diesen Werken ganz besonders auch das Verhältniss des Sokrates zum Alcibiades auseinandergesetzt wird, wir wissen aber auch aus anderen klassischen Werken, dass Alcibiades viele Liebhaber zu seiner Jünglingszeit hatte und, wie Cornelius Nepos berichtet, more Graecorum geliebt wurde. Ueber die Stellung des Sokrates hingegen sind die Ansichten noch vielfach getheilt. In Platos Gastmahl behauptet Sokrates allerdings, dass er sich auf nichts als auf die Materie der Liebe verstehe, aber die weitere Durchführung des Themas zeigt, dass hier unter Liebe nicht gerade Geschlechtsacte gemeint sind. Seinen Drang auf Jünglinge zu wirken führt Sokrates auf seinen Eros zurück. Sehr abfällig urtheilt über Sokrates Haller, der ihn für einen weisen Wollüstling erklärt und ihm nachsagt, dass er zwar die Tugend im Munde führte, in Wirklichkeit aber Päderastie ausübte. Von einer bekannten Hetäre wird auch erzählt, dass sie den Sokrates dazu zu veranlassen gesucht habe, den Alcibiades zu lieben. Endlich wird auch in dem Dialog „Alcibiades" von dem Sokratiker Aeschines über den Einfluss des Sokrates auf Alcibiades ausführlich ge-

Moll_contraere1A1891Teil2-8.jpg Moll_contraere1A1891Teil2-9.jpg

16 Knabenliebe in Athen.

schrieben. Jedenfalls scheint es, dass das Renommée des Sokrates doch ein sehr zweifelhaftes gerade in Bezug auf seine Männerliebe war, und A. Gr. Becker erklärt in seiner Einleitung zu Xenophons Gastmahl:

"Wenn man alle Umstände, die zur Verurtheilung des Sokrates beitragen, erwägt, so scheint es, dass die Beschuldigung, er habe die Sitten seiner jungen Freunde verdorben, am meisten darauf gewirkt hatte, man wollte davon Beispiele haben. Kritias und Alcibiades, bekannte Wollüstlinge, waren ja seine Schüler gewesen. Zu den gegen Sokrates vorgebrachten Klagen gehört insbesondere die, dass er die Jugend verführe und verderbe. So rechneten ihm Anytos und Melitos seine Begeisterung bei dem Anblick schöner Jünglinge für ein Verbrechen an. Wahrscheinlich hat diese Beschuldigung viel zu des Sokrates Tode beigetragen".

Ziemlich deutlich spricht sich über die Knabenliebe Pausanias in Platos Gastmahl aus. Er sucht dieser Liebe einen höheren Werth beizulegen, ja er meint, dass diejenigen, die nicht mit dem Eros der Urania lieben, d. h. die nicht Männer lieben, sondern Frauen, mehr zur Befriedigung gemeiner Lust (διαπραεαϑαι) lieben. Aus des Pausanias Rede geht auch hervor, dass damals selbst Unmündige wenig gegen die päderastische Verführung seitens älterer Männer geschützt waren. Es verlangt Pausanias, dass Gesetze gegeben würden, die es verhinderten, dass man Kinder liebe; aber recht typisch für die Stellung des Pausanias ist es, dass er dieses Verbot nur deshalb will, weil der Liebhaber bei einem Kinde noch nicht weiss, wen er liebt, und er dadurch unter Umständen viel Zeit und Mühe bei unnützer Liebesmühe verwenden könnte.

Man glaube nicht etwa, dass in Athen die Knabenliebe ganz allgemein und ohne jeden Unterschied zu allen Zeiten gleichmässig hervortrat. Im Gegentheil, es gab Zeiten, wo sie direct verpönt war. Freilich lauten die Mittheilungen der alten Schriftsteller hierüber etwas widerspruchsvoll. Wenn aber manche Philologen geneigt sind, die rein sinnliche Seite der Knabenliebe ganz in Abrede zu stellen, so ist es keine Frage, dass dies nur daher kommt, dass ihnen die mannmännliche Liebe gänzlich unbekannt und daher unbegreiflich erscheint. Sie 1) suchen daher die alten

1) Vergl. z. B. die interessante Abhandlung von M. Koch: Die Rede des Sokrates in Platons Symposion und das Problem der Erotik. Berlin 1886.


Knabenliebe in Elis und Böotien. 17

Schriftsteller da, wo wirklich Beziehungen hierauf stattfinden, in anderer Weise zu erklären und zwar mitunter in einer so gesuchten Weise, dass einen vorurtheilsfreien Beobachter diese künstlichen Definitionen nicht befriedigen können. Ich bin allerdings nicht genügend in den alten Sprachen bewandert, um eine sichere Deutung aller Stellen, die ich aufgesucht habe, zu geben; das eine aber steht fest, dass die rein sinnliche Knabenliebe im Alterthum sehr wohl bekannt und geübt war. Anders die Gespräche, die wir in dem Symposion des Plato, resp. seinem Phaedrus und in dem Symposion des Xenophon finden, zu deuten geht nicht an. Man kann darüber streiten, ob Plato und Sokrates selbst sich der sinnlichen Knabenliebe hingegeben haben, wie überhaupt der Streit um einzelne Personen fortgeführt werden kann; dass aber im grossen und ganzen vielfach diese sinnlichen Beziehungen zwischen Männern bestanden, geht ganz klar aus vielen Schriftstellern hervor. Wenn natürlich auch bei den griechischen Schriftstellern meistens gerade nicht von einer detaillirten Schilderung sexualer Acte die Rede ist, so schliesst dies in keiner Weise aus, dass sie dennoch stattfanden. Es ist das ganz genau dasselbe bei der Liebe vom Manne zum Weibe, wo bei deren Schilderung der physische Act gewöhnlich zugedeckt bleibt und nur aus dem geschlossen werden kann, was uns in der Darstellung über die seelische Zuneigung der betreffenden Personen gesagt wird. Dass dann und wann einmal die Schilderungen etwas weiter gehen, wie z. B. bei den modernen Naturalisten, kann daran nichts ändern, dass gewöhnlich solche Vorgänge in den Schriften sehr discret behandelt werden.

Nicht nur in Athen, wie oft irrthümlicher Weise von einigen angenommen wird, sondern auch in anderen Staaten Griechenlands war die Knabenliebe sehr verbreitet. Aus der Rede des Pausanias in Platos Gastmahl erfahren wir, dass in Elis und Böotien es durchaus für erlaubt galt, dem Liebhaber zu willfahren, und wir erfahren auch von Cicero 1) ungefähr dasselbe. Bei den Eleern und Thebanern sagt er, war alles freigegeben, was die Liebschaften der Jünglinge betraf. Dass hier nach Cicero in der That alles erlaubt war, geht aus der Gegenüberstellung der Lacedämonier hervor, bei denen zwar die Knabenliebe gestattet, die Schändung aber verboten war. Immerhin scheint mir diese Stelle des Cicero etwas unklar, denn er fügt ausdrücklich hinzu, dass

1) De repnblica; IV, 4.

Moll, Contr. Sexualempfindung. 2

Moll_contraere1A1891Teil2-10.jpg

18 Knabenliebe bei dea Lacedämoniern und Joniern.

bei den Lacedämoniern Umarmen und Zusammenliegen gestattet war. Ob es nun hierbei ohne Geschlechtsacte abging, scheint mir doch fraglich, da bei so weit gehenden körperlichen Berührungen doch ein sexualer Hintergrund wahrscheinlich ist.1) Jedenfalls weisen manche früheren Schriftsteller darauf hin, dass gerade bei den Lacedämoniern die Männerliebe weniger ausgebildet war: so ersehen wir aus Xenophons Gastmahl, dass bei den Lacedämoniern die Ansicht bestand, es sei derjenige, welcher nach dem Körper eines Geliebten begehrt, einer edlen und guten That nicht fähig. Im Gegensatz hierzu können wir nach zahlreichen alten Schriftstellern es als sicher annehmen, dass, wie erwähnt, bei den Thebanern und Eleern die sinnliche Päderastie ziemlich ausgebildet war. Der zuletzt genannte Autor berichtet uns auch von diesen Völkern, dass dort die Liebhaber mit dem Geliebten zusammenschlafen, was in anderen Staaten für schmachvoll gehalten wurde. Mitunter finden wir auch die Annahme, dass die berühmte heilige Schaar der 300 Thebaner aus Liebhabern und Geliebten bestanden habe, ja es wird an einer Stelle des Xenophon gesagt, dass bei den Böotiern die Knabenliebe als ein eheliches Verhältniss aufgefasst wurde.

Bei einem anderen griechischen Volksstamm, den Joniern, worunter man gewöhnlich die kleinasiatische Bevölkerung versteht, galt die Knabenliebe für schimpflich, und wir sehen, dass Pausanias in Platos Gastmahl sich dahin äussert, dass in Ländern, wo man, wie in Jonien, den Barbaren unterworfen sei, die Knabenliebe unterdrückt würde. Den Barbaren ist die Knabenliebe ebenso schimpflich, sagt Pausanias, wie aller Eifer für Wissenschaft und Körperbildung. Den Despoten fromme es nicht, dass bei den Untergebenen sich feste Freundschaften bilden, die die Quelle der Knabenliebe seien. Solche Freundschaften haben auch den Tyrannen oft Unglück bereitet. So machte des Aristogeiton und Harmodius Liebe ihrer Herrschaft ein Ende. In der That finden wir bei verschiedenen Schriftstellern, z. B. in Platos Gastmahl, dass Harmodius als der Geliebte des Aristogeiton hingestellt wird. Diese Gefahr der Männerliebe für die Tyrannen wird auch von einem anderen Schriftsteller Athenäus bestätigt: er nennt uns eine Reihe von Tyrannen, die auch die Gefahr der Männerliebe für ihre Herrschaft kennen lernten. So wurde Phalaris in Akragis die Liebe des Chariton zu Melanippus

1) Vielleicht war nur immissio membri in anum verpönt, andere sexuelle Acte gestattet. (Vermuthung von N. N.)


Kreta. Anakreon; Theokrit. 19

gefährlich, und Polykrates auf Samos soll aus diesem Grunde die Palästren, die wir bereits oben bei Athen als Hauptquelle der Päderastie kennen lernten, zerstört haben.

Wir haben nun eine Reihe von griechischen Staaten betrachtet und die Sitte der Männerliebe in ihnen besprochen. Ich darf eine Insel nicht übergehen, die am meisten durch die Päderastie berüchtigt war, nämlich Kreta. Aristoteles und Athenäus berichten uns darüber ebenso wie andere Schriftsteller. Es fand bei den Kretern ein förmlicher Knabenraub statt (αρπαγμος ), ja man ging hier soweit, dass es für Knaben aus besserer Familie entehrend war, wenn sie keinen Liebhaber hatten. Auch hier hat vielleicht erst eine spätere Zeit den rein sinnlichen Verkehr mit Knaben hervorgerufen. Jedenfalls war später nach den Perserkriegen gerade auf Kreta eine ausserordentliche Entartung eingetreten, sodass man Kreta fast sprichwörtlich für den sinnlichen Verkehr mit Knaben brauchte.

Ich will den Abschnitt nicht schliessen, ohne noch auf Dichter hinzuweisen, die die Männerliebe besangen. Reichhaltiges Material liefert Anakreon 1) in seinen Oden. In seiner Ode auf eine Schwalbe klagt er, dass ihm ihr frühes Singen seinen Bathyll aus seinen Träumen raube. In einer anderen Ode schildert er, wie sein Freund Bathyll aussehen soll: seine Haare sollen schwarz glänzend sein, sein Hals von Elfenbein, und er soll Hüften haben, wie die des Pollux. Unter seinen zarten Hüften, Seinen freudevollen Hüften, Mach` ihm eine Scham voll Unschuld, Die sich schon nach Liebe sehnet.

Später kommt auch eine Stelle in derselben Ode, die direct an die Päderastie erinnert:

Deine Kunst ist wohl sehr neidisch, Dass sie seinen schönen Rücken, Der das Beste ist, verbirget.

Auch ein späterer Dichter, Theokrit, hat in Idyllen die Männerliebe besungen. In seiner 12. Idylle fragt der Dichter:

Kommst Du geliebter Aitos? bringt nach dritter Nacht mir die dritte Morgenröthe Dich endlich wieder? O Jüngling, die Sehnsucht macht uns Liebende oft in einem Tage zum Greise! .....O wären uns beiden doch gleiche Liebesgötter gefällig!

1) Die Dichtungen sind dem Werke von Hössli entnommen.

2*


20 Stellung der Frau in Griechenland.

Man mag nun über die Dichter, welche die mannmännliche Liebe besungen, denken wie man will, man mag zugeben, dass die Dichter selbst nicht Männerliebhaber waren, die Menschen aber müssen vorhanden gewesen sein, deren Fälle sie besungen haben. Es ist aus diesem Grunde gänzlich gleichgültig, ob der betreffende Dichter selbst der Männerliebe huldigte oder nicht. Es sei hier an Lessings Ausspruch erinnert. In seinen „Rettungen des Horaz" erklärt Lessing an der Stelle, wo er von der durch Dichter besungenen Liebe spricht, des Dichters Pflicht sei es, den Ton seines Jahrhunderts anzunehmen, Horaz habe unmöglich anders von der Liebe reden können als nach der Denkungsart seiner Zeitgenossen. „Der Dichter muss," so meint Lessing, „die Empfindungen, die er erregen will, in sich selbst zu haben scheinen .... Muss er denn alle Gläser geleert und alle Mädchen geküsst haben, die er geleert und gektisst zu haben vorgiebt ?"

Gerade bei den Griechen zeigt es sich, dass das Hervortreten der Päderastie und das Ansehen der Frau in einem gewissen Wechselverhältniss stand, indem bei ihnen zweifellos die Frau, wenig Achtung genoss, dafür aber die Knabenliebe in ausgedehnter "Weise ausgeübt wurde. Vielleicht wird es auf die modernen Sittenprediger, die eine möglichst scharfe Trennung der Geschlechter bei allen Gelegenheiten durchzuführen versuchen, einigermaassen verwundernd wirken, dass gerade in Griechenland die Trennung der Geschlechter auf das schärfste durchgeführt war und nirgends, meint Moncaut,1) war das Schamgefühl mehr geschätzt als bei den alten Griechen. Während bei den alten Griechen eine wahre Liebe zum Weibe nur selten bestand, ein Mann z. B. nur selten sein Leben opferte, um das des Weibes zu erhalten, ist dieser Zug von Aufopferung und wahrer Liebe im mannmännlichen Verkehr weit häufiger zu constatiren„ (Ramdohr).

Dass übrigens trotz aller Blüthe der Päderastie in Griechenland diese keineswegs für die allein erstrebenswerthe Befriedigung des Geschlechtstriebes angesehen wurde, ist selbstverständlich; denn die Fortpflanzung ihres Geschlechts war den Griechen nicht gleichgültig; die Ehelosigkeit von Männern war sogar daselbst trotz der Päderastie verpöut (G. Gh. Lichtenberg). So hatte Lykurg für die unverheirateten Männer in Sparta manche demüthigenden gesetzlichen Bestimmungen getroffen, und ähnliche

1) Cänac Moncaut, Histoire de 1'amour dans l'antiqmte. Paris 1862..


Rom zur Zeit der Republik. 21

Bräuche' bestanden in Athen und in Corinth, wo sogar Ehelosen nach dem Tode die Begräbnissceremonien verweigert wurden.

Die Päderastie war in Rom gerade zu der Zeit, wo wir sie in Griechenland so ausgebreitet finden, wenig zu beobachten; wenigstens finde ich in den Schriftstellern nur selten eine Stelle, die auf Knabenliebe in den älteren Zeiten der römischen Republik hinweist. Doch soll sich dies nach den punischen Kriegen, wie Ramdohr hervorhebt, geändert haben. In Carthago soll die Päderastie vielfach ausgeübt worden sein, und es ist immerhin interessant, dass gerade, nachdem durch die Kriege die Römer die Sitten jenes Staates kennen gelernt hatten, die Knabenliebe im römischen Reiche mehr hervortrat. Es erfolgte jedenfalls in den späteren Zeiten der Republik mit der gleichzeitigen Zunahme des Hetärenwesens wieder ein Umschlag, indem nach Ramdohr die mannmännlichen Neigungen mehr zurücktraten. Ueberhaupt konnte die Mänuerliebe in Rom niemals zu dem Grade socialer Duldung, ja Ansehens gelangen, wie in Athen, wenn auch manche Stellen bei Dichtern und Schriftstellern uns zeigen, dass auch zur Zeit der Republik die Päderastie in Rom bekannt war. Sie wird übrigens hier nicht so selten als „griechische Liebe" bezeichnet.

Schon bevor Rom ein Kaiserreich wurde, in dem die Männerliebe mehr hervortrat, finden wir Vorgänge, die auf sie hinweisen. So wurde T. Veturius, der ein Schuldknecht des G. Plotius war, von diesem gezüchtigt, weil er sich von ihm nicht schänden lassen wollte. (Dionys, Valerius Maximus.) Nach Polybius konnte man etwa um die Mitte des 2. Jahrhunderts vor Christi Geburt in Rom für ein Talent einen geliebten Knaben kaufen. Dennoch war durch Gesetz die Knabenschändung verboten, und zwar war es die Lex Scatinia, die sie bestrafte; die Höhe der Strafe, die durch dieses Gesetz festgesetzt war, wird allerdings verschieden angegeben. Auch Cicero spricht mehrfach über das Thema. Cicero sagt in seinen Tusculanen,1) dass die Entblössung des Leibes unter Bürgern der Schande Anfang; sei. Die Gymnasien der Griechen haben nach Cicero diese Gewohnheit erzeugt. Was die Dichter mit des Ganymedes Raub bezwecken, steht nach Cicero gleichfalls in Zusammenhang mit der Päderastie; aber man müsse die Liebe und Freundschaft trennen, denn die Lieb»

1) IV, 33


22 Cäsar; Octavian.

zu einem Manne sei doch etwas wesentlich anderes, als die Freundschaft mit dem Mann; das gehe schon daraus hervor, dass niemand einen hässlichen Jüngling noch einen wohlgestalteten Greis liebt.

Zur Zeit Cäsars und der ersten römischen Kaiser gab es in Rom so viele unverheiratete Personen wie noch nie vorher. (G. Chr. Lichtenberg)1). Diese Zeit fällt gerade mit dem deutlicheren Hervortreten der Päderastie zusammen. Jedenfalls sollen römische Weiber auch niemals sich so entartet gezeigt haben, wie gerade damals.

Julius Cäsar wurde häufig der Männerliebe beschuldigt, worüber Sueton Mittheilungen macht. Die ersten Kriegsdienste leistete Cäsar in Asien. Als er dort zur Herbeiholnng der Flotte nach Bithynien entsendet wurde, blieb er auffallend lange beim König Nikomedes, und hieran knüpfte sich das erste Gerücht von der Männerliebe Cäsars, der er mit jenem König gefröhnt haben soll. Dauernd blieb auch dieser Vorwurf an dem grossen Feldherrn haften und veranlasste zahlreiche Schmähungen, die er sich von verschiedenen, z. B. Calvinus Licinius und ändern zuzog. Von Curio, dem Vater, wurde er als das Bordell, von einem anderen als Bithyniens Königin bezeichnet. Auch Cicero spricht in mehreren seiner Briefe über Cäsar, der die Blüthe seiner Jugend dem Nikomedes preisgegeben habe. Auch musste er es sich, da er im Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht auch gerade nicht allzu keusch gewesen zu sein scheint, die Bemerkungen von Curio, dem Vater, gefallen lassen, er sei der Mann aller Weiber und das Weib aller Männer. Auch mit dem Freigelassenen Rufio soll Julius Cäsar, nach einer Stelle im Sueton, widernatürliche Unzucht getrieben haben. Interessant ist immerhin eine Gewohnheit Cäsars, die an die später zu beschreibende Erscheinung der Effemination erinnert. Er legte grossen Werth auf Schönheit seines Körpers, liess sich sorgfältig scheeren und rasiren, und er soll, ganz wie der moderne Urning, die einzelnen Haare am Körper sich ausgerupft haben, um möglichst glatte Haut zu besitzen.

Auch der erste römische Kaiser Octavian, der Verwandte von Julius Cäsar, konnte sich nicht vor dem Ruf, Verkehr mit Männern zu haben, schützen, ja es wurde ihm sogar nachgesagt, dass er mit seinem Verwandten Cäsar selbst geschlechlich verkehrt

1) G. C. Lichtenbergs vermischte Schriften, Göttingen 1845. Bd. VI. 398.


Tiberius, Caligula, Claudius. 23

habe, und er habe, wie Marcus Antonius sagte, nur dadurch sich die Adoption seitens Cäsars erworben. Bei einer Bühnenvorstellung, in der ein Wortspiel vorkam, wurde der darin erwähnte Ausdruck cinädus vom Volke auf den Kaiser bezogen. Doch meint Sueton, dass er die vielfachen Anschuldigungen unnatürlicher Wollust durch sein späteres Leben am besten widerlegt habe.

Der zweite Kaiser Tiberius, berüchtigt durch seine Grausamkeit, war in bedeutend höherem Grade dem Ruf der Päderastie verfallen. So soll er in Capri Schaaren von Mädchen und Lustknaben zusammengebracht und unnatürliche Beischlafsweisen erfunden haben, und in Parkanlagen richtete er Stellen ein, wo er junge Leute beiderlei Geschlechts zur Unzucht aufforderte.

Tiberius soll einmal bei einem Opfer durch einen Knaben so erregt worden sein, dass er unmittelbar nach dem Opfer denselben missbraucht hat.

Der Nachfolger des Tiberius, Caligula, hat ebenso sich den Ruf widernatürlicher Unzucht erworben. Ausser mit mehreren Fürsten, die in Rom sich als Geisseln aufhielten, scheint er besonders mit Valerius Catullus verkehrt zu haben; dieser scheint am meisten zu des Caligula hierauf bezüglichem Renommee beigetragen zu haben, da er öffentlich erklärte, dass er vom Kaiser durch Unzucht krank gemacht worden sei. Auf diesen Kaiser beziehen sich die Verse des im vierten Jahrhundert nach Christi lebenden Dichters Ausonius, die Mantegazza citirt:

Tres uno in lectu: stuprum duo perpetiuntur,
Et duo committunt; quatuor esse reor.
Falleris, extremis da singula crimina, et illum
Bis numeres medium, qui facit et patitur.
Die Stelle kann nur bedeuten, dass Caligula gleichzeitig activ und passiv als Päderast fungirte.

Der Nachfolger des Caligula auf dem römischen Kaiserthron war Claudius. Dass auch unter seiner Regierung Knabenliebe bekannt war, ist sicher. So wurde in dieser Zeit sein Schwiegersohn Pompejus erstochen, weil er in den Armen eines von ihm geliebten Knaben gefunden wurde.

Der Kaiser Nero war gleichfalls allgemein durch seinen unzüchtigen Verkehr mit Knaben bekannt. Den jungen Sporus liess er künstlich auf jede mögliche Weise zu einem weibähnlichen Individuum machen. Er vereinigte sieh mit ihm durch entsprechende Heirathsceremonie und verlangte, dass er wie seine Gemahlin behandelt würde. Da Nero durch seine Grausamkeit allgemein bekannt


24 Nero und die nächsten Kaiser.

und gefürchtet war, wurde auf ihn der Ausspruch gethan, es sei bedauerlich, dass sein Vater sich nicht eine solche Gattin angeschafft hätte, wie Nero selbst: jedenfalls behandelte der Kaiser den Sporus wie eine Kaiserin, er küsste ihn öffentlich und führte ihn oft mit sich herum.

Dass sich Nero andererseits auch selbst als Weib fühlte und sich einen Mann nahm, nämlich den Doryphorus, sei gleichfalls hier erwähnt. Bruno Bauer 1) erklärt freilich manches, was Sueton, Dio Cassius, Aurelius Victor über Nero anführen, für ein Phantasieprodukt seiner Gegner. Andererseits wirft Dio Cassius dem Lehrer des Nero, dem Philosophen Seneca vor, er habe den Kaiser zur Knabenliebe angeleitet.

Der Kaiser Galba stand nach Sueton mehr im Verkehr mit Männern als mit Weibern, und zwar nahm er sich mit Vorliebe hagere und in der Unzucht bewanderte Männer. Besonders Einen soll er vor aller Welt öffentlich auf das leidenschaftlichste geküsst haben. Seinem Nachfolger Otho wurde nachgesagt, mit dem Kaiser Nero selbst verkehrt zu haben; jedenfalls zeigte gerade er vielfach weibliche Gewohnheiten; er liess sich, ähnlich wie Julius Cäsar, die Haare am Leibe ausrupfen.

Auch der müde Kaiser Titus zog sich, da er viele Verschnittene um sich hatte, den Ruf der Päderastie zu.

Sein Nachfolger Domitian scheint mit Clodius Pollio geschlechtlich verkehrt zu haben. Interessant ist übrigens ein Fall bei Sueton, aus dem jedenfalls hervorgeht, dass es sicherlich auch selbst bei den damals so entarteten Römern nicht gerade für eine Ehre galt, Urningsnatur zu besitzen. Als nämlich unter Domitian ein Aufstand ausgebroehen war, wurden die Hauptführer desselben streng bestraft. Zwei von ihnen wurden begnadigt; sie hatten nämlich den Nachweis geführt, dass sie der Männerliebe ergeben seien und deshalb in keinerlei Weise bei den Anführern, noch bei den Soldaten ein bedeutendes Ansehen hätten geniessen können und daher ungefährlich seien.

Auch Nerva, der Nachfolger des Domitian, war unnatürlicher Lust ergeben, und zwar wird behauptet, dass er mit seinem Vorgänger Domitian bei dessen Lebzeiten geschlechtlich verkehrt habe.

Auch die nächsten römischen Kaiser sind durch ihre Knabenliebe bekannt. Ein Mann, wie Trajan, hat, wie Ferdinand

1) Bruno Bauer, Christus und die Cäsaren, Berlin 1879.


Hadrian; Heliogabal. 25

Gregorovius1) zur Charakterisirung der damaligen Sitten hervorhebt, der Männerliebe gehuldigt.

Sein Nachfolger Hadrian jedoch spielt eine ganz besondere Rolle. Sein Liebling war ein junger, durch Schönheit ausgezeichneter Grieche Antinous, der bekanntlich auf einer Reise des Kaisers nach Aegypten im Nil sich das Leben nahm. Es ist noch immer nicht einstimmig entschieden, wie der Tod des Antinous zu erklären sei. Dass er der Geliebte des Kaisers war, darüber scheint doch kaum noch ein Zweifel möglich zu sein, und es haben auch mehrere Roman-Schriftsteller, z. B. George Taylor, O. Linke, dies geschildert. Warum er sich den Tod gegeben hat, ist noch mit einem Schleier verdeckt; man weiss es nicht, ob er sich freiwillig für den abergläubischen Hadrian geopfert hat, um ihn vor einem Unglück zu retten, oder ob der Kaiser das Opfer von ihm verlangte. Die alten Schriftsteller Dio Cassius, Spartianus, Aurelius Victor sprechen sich verschieden hierüber aus; dass der Kaiser den Jüngling nach seinem Tode ehrte, ist bekannt und wie Spartianus sagt, beweinte Hadrian den Antinous wie ein Weib (muliebriter). Der Kaiser liess dem todten Geliebten zu Ehren eine Stadt gründen. Es scheint, dass es sich bei beiden hier um eine wahre gegenseitige Liebe gehandelt hat. Nach Ansicht einiger hat vielleicht Antinous aus Gram über den Wankelmuth des Kaisers in der Liebe sich das Leben genommen. Jedenfalls wurde nach seinem Tode der Geliebte wie ein Gott von dem Kaiser geehrt, der auch wohl nun erst einsah, dass er wahre Liebe verloren habe.2)

Ein anderer Kaiser, Heliogabal, war ein ganz echter Urning. Er kleidete sich als Weib und brachte seine Günstlinge in die besten Aemter. Ja er wollte sich, ähnlich dem Nero, mit einem derselben trauen lassen. Als der Unwille gegen ihn sich zeigte, und ein Aufstand ausbrach, durch den er Krone und Leben verlor, wollte er mit seinem Geliebten fliehen, aber er wurde von den Soldaten ermordet. Von Heliogabal sagte Lampridius, dass er per cuncta cava corporis libidinem suscipere. Seinen Eunuchen Hierocles soli der Kaiser so geliebt haben, ut eidem inguina oscularetur.3)

Ich habe bisher eine ganze Reihe von römischen Kaisern

1) Ferd. Gregorovius, Der Kaiser Hadrian. III. Aufl. Stuttgart 1884.

2) Mitteilungen des Herrn N. N.

3) J. J. Virey, Die Ausschweifung in der Liebe. A. d. Französischen von L. Hermann, Leipzig 1829.


26 Phädrus; Horaz.

genannt, deren Männer- und Knabenliebe die Aufmerksamkeit von jeher auf sich gezogen hatte. Dass natürlich bei Lebzeiten der Kaiser nicht nur diese persönlich, sondern auch andere sich der Männerliebe hingaben, ist schon gelegentlich erwähnt worden. Auch die Dichter und Schriftsteller aus jener Zeit sind voll von Stellen, die hierauf hinweisen.

In des Phädrus Fabeln des Aesop findet zich im Buch IV als 15. Fabel ein „Prometheus" überschriebenes Gedicht, das in ziemlich deutlicher Weise die Urningsnatur der Menschen behandelt:

Rogavit alter, tribadas et molles mares. quae ratio procreasset? exposuit senex. Die Gegenüberstellung von Tribaden und molles mares lässt einen Zweifel darüber, dass hier wirklich geschlechtlich zum Manne hingezogene und weiblich fühlende Männer mit „molles mares" gemeint sind, nicht zu. Die Fortsetzung der Fabel bestätigt dies. Auf die oben aufgestellte Frage, auf welche Weise Tribaden und Urninge erzeugt wurden, antwortet der Greis mit einer Erzählung, deren Inhalt der ist: Prometheus, der nach einigen alten Sagen das Menschengeschlecht erschaffen hat, hat getrennt von dem Körper die Schamtheile gebildet. Ehe er sie aber den Körpern anfügen kann, wird er vom Gotte Bacchus zum Mahle geladen. Nach der Rückkehr von ihm verwechselt Prometheus halbschlafend und trunken die Schamtheile und befestigt am Manne die weiblichen, am Weibe die männlichen Geschlechtstheile: adplicuit virginale generi masculo, et masculina membra adposuit feminis. ita nunc libido pravo fruitur gaudio.

Daher geniesst jetzt der Geschlechtstrieb einen verkehrten Genuss. Viele auf mannmännliche Liebe bezügliche Stellen finden sich in den Dichtungen des Horaz. In seiner Ode an Valgius sucht er diesen wegen des Todes des von ihm geliebten Knaben zu trösten. Valgius hatte selbst auf seinen todten Liebling Trauerlieder gedichtet, und hierauf bezieht sich des Horaz: Tu semper urges flebilibus modis, Mysten ademptum, nec tibi Vespero Surgente decedunt amores, Nec rapidum fugiente Solem,

Horaz wird wegen verschiedener Oden, die er an Männer gerichtet, der Männerliebe beschuldigt. Indessen scheint mir in ihnen keineswegs ein zwingender Beweis zu liegen. Ich finde, dass in mehreren seiner Gedichte, die als Hauptbeweismittel an-


Römische Dichter. Scythen; Macedonier. 27

gesehen werden, absolut nichts liegt, was die Annahme rechtfertigen könnte. Die zehnte Ode des vierten Buches, die an Ligurinus gerichtet ist, ist allerdings etwas verdächtig: sie schildert diesen als schönen Jüngling, dessen Jugendschönheit aber später vergehen werde. Mantegazza rechnet auch Virgil zu deu Männerliebhabern; unter dem Namen Alexis habe Virgil seine Liebe zu dem jungen Alexander unsterblich gemacht: die zweite Ekloge Virgils ist jedenfalls sehr wichtig zur Beurtheilung der Frage.

Es sei noch auf den Roman des Petronius, „Satyrikon"1) hingewiesen, in dem die Päderastie neben anderen Sitten des kaiserlichen Roms von dem Autor behandelt wird. v. Krafft-Ebing citirt die Schrift als den ältesten Roman über Päderastie. Auch sonst finden wir bei Dichtem, insbesondere Martial, Juvenal, Catull u. a., noch reichlichen Stoff für unser Thema.

Ebenso hatte schon der etwas früher lebende Tibull sich in seinen Elegieen ziemlich frei über Knabenliebe geäussert. Den Priap, des Bacchus Sohn, fragt er, wie er denn die schönen Knaben gewinne: die Antwort des Priap lautet, er solle sich hüten, den Betheuerungen des Knaben zu träuen, da sie den Meineid der Liebe aussprechen.

Uebrigens soll auch die päderastische Prostitution unter den Kaisern in Rom sehr ausgebreitet gewesen sein.

Ausser bei den alten Griechen und Römern finden wir die Päderastie auch noch bei andern alten Völkerschaften. Herodot und Hippokrates haben eine Krankheit beschrieben, die bei den Scythen sich zeigte. Sie pflegten sich dann als Weiber zu kleiden, wobei sie auch allen möglichen weiblichen Beschäftigungsarten sich zuwendeten. Schon Michéa hat, wie Chevalier meint, auf die Bedeutung der Krankheit der Scythen als con-träre Sexualempfindung hingewiesen, ebenso v. Krafft-Ebing.

Bei den Macedoniern war mannmännliche Liebe ebenfalls wohlbekannt; wird doch sogar Alexander dem Grossen es nachgesagt, dass er ihr ergeben, und dass Hephästion sein Geliebter war.2) Die Klagen des grossen Königs bei des Hephästion Tode

1) In einer früheren deutschen Uebersetzung des Romans ist, wie Herr N. N. mir mittheilt, eine Inhaltsveränderung in dem Sinne erfolgt, dass statt „Knaben" „Mädchen" gesagt wurde, so dass die homosexualen Erscheinungen unterdrückt sind.

2) Vgl. hierüber Arrians Anabasis.


28 Tempelritter.

vergleicht Gregorovius mit den Klagen des Hadrian bei dem Tode des Antinous.

Auch bei den alten Germanen soll sich nach einigen Schriftstellern 1) mannmännliche Liebe gezeigt haben, ebenso fanden bei den alten Galliern, sowie bei den oskischen Völkern Italiens päderastische Acte nach den Berichten von Diodor statt, wie Chevalier berichtet, dem wir zahlreiche historische Angaben über unser Thema verdanken.

Es ist schwer, genauer die conträre Sexualempfindung zur Zeit des Christentums im Mitteialter und in der Neuzeit bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts geschichtlich zu verfolgen. Dass die Päderastie jedoch sehr ausgebreitet war, geht aus einem grossen Werke vom Paulus Zacchias Quaestionum medico-legalium tomi III, Lib. IV hervor, das E. Hofmann citirt. In Frankreich soll die Päderastie nach Mantegazza ziemlich allgemein nach den Kreuzzügen eingeführt worden sein. Philipp der Schöne trat sehr entschieden dagegen auf. Unter seiner Regierung fand der berüchtigte Process gegen die Tempelritter statt. Schwere Anklagen wegen Unzucht wider die Natur wurden gegen die Mitglieder des Templerordens erhoben. Ein früherer Komthur des Ordens Squin von Flexiau war der erste Angeber. Es scheint aber doch noch zweifelhaft zu sein, wie viel von den Anklagen auf Wahrheit beruht. Interessant ist immerhin ein Brauch, der bei der Aufnahme neuer Mitglieder bestanden haben soll. Der Aufzunehmende hatte den Receptor auf einen „ungewöhnlichen oder unanständigen zu diesem Zwecke entblössten Theil des Körpers" zu küssen, um durch Scham zur Verschwiegenheit veranlasst zu werden. Henne-Am Rhyn,2) dem ich dies entnehme, bezweifelt zwar die Richtigkeit dieser Angabe, glaubt aber im übrigen, dass Unsittlichkeit im Templerorden oft vorgekommen sei. Später gaben übrigens die Franzosen den Italienern Schuld an der Einführung der Päderastie in Frankreich und zwar den Begleitern, die Catharina von Medici sich nach Frankreich mitgenommen hatte.

Dass man bei der Verachtung, die mannmännlieher Geschlechtsverkehr fand, ihn auch sonst Geistlichen und anderen Angehörigen

1) Bei Tacitus findet sieh nach Hössli eine Stelle, wo die Worte corpore infames im Zusammenhang mit dem Text nur die Deutung zulassen, dass hierdurch die Germanen der Knabenliebe beschuldigt werden; Lipsius, der eine solche Beschuldigung der Germanen für unmöglich hielt, habe den Text geändert und statt „corpore" „torpore" gesagt.

2) Das Buch der Mysterien. St. Gallen 1869.


Klosterleben. 29

der katholischen Kirche vorwarf, kann nicht verwundern, da ja deren Feinde gerade nicht sehr wählerisch in ihren Mitteln waren, ebenso wenig wie die Kirche selbst.

In den „Aurea Monita" des Jesuitenordens, deren Authencität allerdings noch zweifelhaft ist, werden als Ursache der Ausstossung Fleischessünden, unter denen Sodomie obenan steht, genannt; es wird jedoch die Beschränkung hinzugefügt, dass die Obern davon absolviren können. In der That wirft Carl Julius Weber 1) ihnen grosse Nachsicht gegen widernatürliche Lüste vor. Derselbe Autor berichtet auch über das Klosterleben am Ende des 18. Jahrhunderts, wie er es selbst kennen gelernt haben will. In dem Kloster Eberach gab es Castraten, die als Singknaben angestellt waren. Ein Lieblingsspiel der Mönche war es nach Weber, „Hochzeit halten". „Es mag unschuldig dabei zugegangen sein, wie wir aus christlicher Liebe annehmen wollen, da wir nicht selbst dabei waren — aber unvergesslich sind uns die Faunenblicke, die Mönche, vorzüglich Italiener, auf schöne Jünglinge warfen, und sie küssten, wie Jupiter den Ganymed und Sokrates den Alcibiades geküsst haben sollen". Weber 2) giebt dem Cölibatgesetz von Hildebrand die Hauptschuld daran, dass die katholische Geistlichkeit unmittelbar nach Erlass desselben immer mehr in die schändlichste Unzucht versank, ja selbst in widernatürliche Laster verfiel. Wenn auch Hegel das Cölibat der katholischen Kirche als nicht sowohl gegen die Natur als gegen die Sittlichkeit verstossend betrachtet, so bleibe doch dahingestellt, wie viel mannmännliche Liebe durch ein solches Gesetz hervorgerufen sein kann.3)

Dass auch sonst die Päderastie im Mittelalter stark geblüht hat, geht aus zahlreichen Stellen bei den verschiedensten Schriftstellern hervor. Antonio Beccadelli aus Palermo (1394—1471), der unter dem Namen Panormitanus bekannt ist, geisselte im Hermaphroditus die unnatürlichen Laster 4).

Auch aus dem Orient erfahren wir manches über die Männerliebe im Mittelalter. Es soll schon zur Zeit Constantins in Constan-

l) Die Möncherey. Stuttgart 1820. III, l, S. 314.

2) Das Pabsthum und die Päbste. Stuttgart 1884. I. Bd. S. 348

3) Das bekannte Buch „Liber Gomorrhianus", in dem Damiani die Ausschweifungen und Fleischessünden des Clerus schildert, erschien bereits vor der Regierung Hildebrands.

4) Renaissance und Humanismus in Italien und Deutschland. Von Ludwig Geiger, Berlin 1882.


30 Knabenliebe im Orient.

tinopel öffentliche Häuser gegeben haben, in denen Männer ebenso käuflich zu haben waren wie Frauen.

Unter Bajesid I. (reg. 1389—1403) soll die Knabenliebe im türkischen Reich allgemeinen Eingang gefunden haben. Den Wesir Ali-Pascha lockten die christlichen Knaben; er liess sie wegen ihrer schönen Gestalt sehr bald zu Pagen erheben: dies soll den Beginn, oder was mir richtiger scheint, das offene Hervortreten der Knabenliebe im osmanischen Reich bewirkt haben. Viele Kriege gegen die Christen sollen lediglich zu dem Zwecke geführt worden sein, um christliche Knaben für die Unzucht der Türken zu gewinnen und damit die gelichteten Reihen der Pagen zu ergänzen. Griechische, serbische, bulgarische, ungarische Knaben mussten der Lust ihrer Herren fröhnen, gelangten aber schliesslich dadurch oft zu den hervorragendsten Stellungen. Wie sehr selbst bis in die neuere Zeit im Orient die Knabenliebe in die Oeffentlichkeit trat, dafür ist auch charakteristisch, dass Ende April 1771 bei Beginn eines Feldzuges der Grossvezier Befehl erliess, alle „Lotterbuben" aus dem Lager zu entfernen: dem Befehl wurde übrigens nicht nachgegeben l)

Sowohl wegen des starken Hervortretens der Päderastie, als auch wegen des Haremsinstitutes und ähnlicher Einrichtungen ist nicht selten dem Muselman der Vorwurf der Unsittlichkeit gemacht worden; es sei deshalb erwähnt, dass ein ausgezeichneter Kenner der Verhältnisse. Aug. Müller, meint, dass unter den Moslemin unendlich viel weniger Unsittlichkeit zu finden sei als im Abendlande.2)

Viele orientalische, türkische sowohl wie persische Dichter besangen die Männerliebe. Hössli hat zahlreiche Dichtungen und andere Mittheilungen über das Thema gesammelt. Ich entnehme einen Theil der folgenden Angaben diesem Autor.

Der türkische Dichter Ruscheni hatte ein Liebesverhaltniss mit Chysr, einem schönen Jüngling. Der türkische Weise Ssaadi Tschelebi, bekannt durch seine Tugend, hinterliess uns eine ganze Reihe von Dichtungen, unter anderen folgendes Gasel an einen Jüngling:

Deiner Schönheit heller Mond beleuchtet die Welt:
Deine schwarzen Augen rauben mir den Verstand, etc.

i) Joseph v. Hammer-Purgstall. Geschichte des Osmanischen Reiches. Pesth 1840. 4 Bände.

2) Der Islam im Morgen- und Abendlande. Von Aug. Müller, Berlin 1885. (S. 205.)


Orientalische Dichter. 31

Von dem bekannten Kalligraphen Ssaj i wird gleichfalls ziemlich deutlich über sein Verhältniss zu einem schönen Knaben erzählt, dem er all sein Geld verschenkte.

In Persien finden wir die Dichter vielfach die Männerliebe besingen. Der persische Dichter Sadi hat uns eine Reihe von Gedichten hinterlassen, in denen er seinen Geliebten anbetet. Nach des Geliebten Tode klagt Sadi:

Dass meine Augen die Welt, die meinen Geliebten entbehret, Nicht mehr sähen, dass ich unter der Erde mit Dir Läge, wo jetzo weinend auf Deinem Grabe mein Haupt liegt.

Bei der Trennung vom geliebten Manne klagt der persische Dichter: Bitter und süss ist der Abschiedskuss an der Lippe des Freundes etc.

Des Sadi Dichtungen über Liebe sind von ganz besonderem Werth; der Dichter lebte um 1300. Er suchte in die Dichtungen, die von mannmännlicher Liebe handeln, stets einen sittlichen Grundzug mit einzuflechten. So wird einmal die Frage aufgeworfen: wie es kommt, dass ein König, der die schönsten Jünglinge in seiner Nähe hat, doch einen weniger schönen liebe? Die Antwort ist, weil dasjenige, was der Seele gefällt, auch den Augen schön erscheint.

Es sei endlich noch der hervorragende persische Dichter Hafiz († 1394) genannt, der Anakreon der Perser, wie ihn Ramdohr nennt. Fast alle Gedichte des Hafiz sind an seine Lieblinge gerichtet; er war der ausschweifenden Liebe an sie ergeben. Hier dürfte wohl der sophistischste Erklärer die Männerliebe kaum wegdisputiren können:

„Wenn der liebliche Mundschenk mir hold wäre, so würde ich mit den Haaren meiner Augenbrauen den Boden seiner Behausung kehren." „Der Wind berührte deine Haarlocken, und vor Eifersucht verfinsterte sich die Welt über mir." „O Liebling! Des Mondes Glanz leuchtet aus deinem Gesicht hervor, und in der Grube deines Kinnes liegt ein Quell von Reizen! .... Möge es mein Schicksal sein, immerfort deinen zuckersüssen Mund zu küssen!"1)

Mewlana Dschelaleddin Rumi, der hervorragende, 1273 gestorbene persische Dichter, hat uns gleichfalls u. a. ein an die Männerliebe erinnerndes Gedicht hinterlassen, von dem einige Zeilen nach Rückerts Uebersetzung folgendermaassen lauten:

1) Die citirten Stellen sind dem Buche von Ramdohr entnommen.


32 Gelegentliche Erwähnung der Knabenliebe.

Die Rose ist das höchste Liebeszeichen,
Dem Herzensfreund will ich die Rose reichen.
.... Die Rose trägt den stillen Dorn am Herzen,
Weil nie die Schmerzen von der Liebe weichen.
Besonders wird von den persischen Dichtern auch der Schenke besungen:
Auf dem Schenken lag mein Auge,
Auf der Laute lag mein Ohr......

In einem ändern Gedichte heisst es:
Komm' Schenke, denn ich möchte dir so gerne dienen.

Im Vorhergehenden habe ich die mannmännliche Liebe, soweit man sie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts beobachten konnte, besprochen. Wir sahen, dass sie im Abendlande vom Mittelalter an stets als ein Laster gebrandmarkt war, dass sie aber im Orient eines grösseren Ansehens sich erfreute. Objective Literaturangaben finden wir im Abendland nur selten. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts begann eine ruhigere Auffassung Geltung zu gewinnen. Es sei aber noch hinzugefügt, dass man gelegentliche Erwähnung jener Erscheinungen auch vorher findet. So finden sich hierauf bezügliche Stellen bei Boccaccio, bei Macchiavelli, bei Aretino, in Casanovas Memoiren, bei Voltaire in seinem Dictionnaire philosophique, unter „amour socratique". Solche gelegentliche Erwähnung finden wir auch später bis in die letzten Jahre, wo die wissenschaftliche Discussion eine lebhaftere wurde; so z. B. bei Wieland, ferner in Hermann Klenckes 1) System der organischen Psychologie, Leipzig 1842, und vielen anderen Schriften.2)

Die wissenschaftliche Discussion der Frage suchten besonders

1) Klencke spricht statt von einer homosexualen Liebe von einer pythago-räischen; doch wie mir scheint, mit Unrecht. Ich finde weder bei Pythagoras noch bei dem von ihm gestifteten Freundschaftsbund der Pythagoräer Anhaltspunkte für gleichgeschlechtliche Liebe.

2) Fast in allen Büchern, die die Cultur der Griechen besprechen oder Platos und Xenophons Gastmahl behandeln, ist die Knabenliebe der Griechen berücksichtigt worden, so z. B. bei Herder, in Charikles oder Bilder altgriechischer Sitte, 1840, 2 Bde. von W. A. Becker, ferner bei Schenkl, G. F. Rettig in seinen Erläuterungen zu Xenophons Gastmahl, W. H. Thompson in seiner Ausgabe von Platos Phädrus, K. Prantl in seinen Anmerkungen zu Platos Gastmahl und Phädrus, A. Hug in seiner Ausgabe von Platos Symposion; auch die Literatur über Aeschines Rede gegen Timarchus berührt das Thema.


Ende des XVIII. Jahrhunderts. 33

Ramdohr und auch Meiners 1) anzuregen; sehr ausführlich bespricht jener in seinem bereits citirten Buche „Venus Urania" die Homosexualität.

Sehr deutlich spricht sich Ramdohr über die mannmännliche Liebe aus und zwar auf Grund seiner offenbar sehr ausgedehnten Erfahrungen und eines feinen Verständnisses. Er giebt nicht nur ausführliche Erörterungen über die Ansichten der alten Griechen und anderer Völker über die Männerliebe, er weist vielmehr selbst auf die Häufigkeit mannmännlicher Liebe bei seinen Lebzeiten am Ende des vorigen Jahrhunderts hin und theilt uns auch bereits mehrere Fälle mit, die in mancher Beziehung merkwürdig sind. Ramdohr hält es für falsch, wenn man die Wirksamkeit der Geschlechtssympathie der Körper nur annimmt bei der Verbindung solcher Körper, die zur Fortpflanzung der Gattung geschickt sind. Nach Ramdohr kann der Geschlechtstrieb einer Person auch von Körpern angeregt werden, die nach den äusseren Kennzeichen zu demselben Geschlecht gehören.

In Moritz' Magazin für Erfahrungsseelenkunde (Band VIII, 1791) finden wir 2 ausgesprochene Fälle von conträrer Sexual-empfindung. Obwohl hier ausdrücklich Päderastie bestritten wird, so zeigen die Fälle ganz deutlich die typisch schwärmerische Zuneigung zu Männern. Bei dem einen Manne ist die conträre Sexualempfindung, wenigstens in ihrer Stärke, erst durch die Bekanntschaft mit einem Manne deutlich hervorgetreten, wie wir dies auch sonst in einer ganzen Reihe von Fällen beobachten, wo die conträre Sexualempfindung latent bleibt und erst bei der Bekanntschaft mit einem ganz bestimmten Manne mächtig sich zeigt.

Nach Ramdohr finden wir, dass ein Autor, namens Hössli, 1836 in leidenschaftlicher Weise für die Berechtigung mannmännlicher Liebe auftrat. Sein Buch Eros, das schon citirt ist, umfasst zwei Bände, ist sehr weitläufig geschrieben und dadurch auch ziemlich langweilig zu lesen, enthält aber reichhaltiges Material in literarischer Hinsicht.

Es war damals ein Fall in der Schweiz vorgekommen, der grosses Aufsehen erregte. Ein angesehener Mann hatte plötzlich einen jungen Mann ermordet und wurde zur Strafe dafür hingerichtet. Hössli bemühte sich den dunklen Fall aufzuklären, da er ver-

1) Leider ist mir die betreifende Abhandlung nicht zuganglich gewesen; ich finde sie mehrfach citirt, wobei mir nicht klar wird, ob Meiners selbst der Verfasser gewesen ist, oder ob in einer von ihm herausgegebenen Sammlung von Arbeiten ein anderer Autor, Weingart, das Thema behandelt hat.

Moll, Contr. Sexual Empfindung. 3


34 Hössli; Casper; Schopenhauer.

muthete und annahm, dass es sich um einen Mord aus Eifersucht handle. Er wendete sich damals an Heinrich Zschocke; dieser schrieb eine Novelle, in der ein Mädchen in Knabenkleidern die Leidenschaft eines Mannes entfachte, doch soll der bekannte Novellist Hössli missverstanden haben. Dieser trat nun selbst mit genanntem Buche hervor. Im Jahre 1844 veröffentlichte Kaan eine Arbeit (Psychopathia sexualis), in der er die Päderastie neben der Onanie erörtert. Doch bildet die letztere das Hauptgebiet der

Arbeit.

Im Jahre 1847 wurden von Brierre de Boismont, Michéa und anderen in Frankreich sexuelle Perversionen beobachtet. So hat der letztere 1849 bei Gelegenheit eines Falles von Leichenschändung bereits auf den homosexualen Geschlechtstrieb hingewiesen. 1852 hat Casper in der von ihm herausgegebeneu Vierteljahrsschrift Mittheilungen über Päderastie gemacht. Er hebt besonders hervor, dass in sehr vielen Fällen der Zustand angeboren sei und weist auch schon darauf hin, dass keineswegs in allen Fällen Befriedigung durch immissio membri in anum erfolge. Andererseits zeigt aber auch derselbe Autor, dass in manchen Fällen man es lediglich mit einer Erscheinung der Demoralisation zu thun habe. Casper lieferte uns auch eine ganze Reihe von interessanten Mittheilungen und Biographieen von Urningen. Grosses Aufsehen hat s. Z. ein Päderastenprocess erregt, wo Casper als Sachverständiger zugezogen wurde; Hauptangeklagter war hierbei ein Graf, den Casper als Grafen Cajus bezeichnet. Auch in seinen klinischen Novellen hat derselbe Autor uns manches Material geboten. Ungefähr gleichzeitig sehen wir in Frankreich einen Autor, namens Tardieu 1) Mittheilungen über Päderastie machen. Er hat ausgedehnte Erfahrungen auf diesem Gebiete gewonnen und ein enormes Material, wie es scheint, gesehen.

Ausser den eben genannten Autoren hat auch Schopenhauer die conträre Sexualempfindung gekannt. Nach diesem Philosophen ist bekanntlich alles in der Welt zu einem bestimmten Zweck da, und einen solchen Zweck findet er auch in der conträren Sexualempfindung der Greise. Da diese gewöhnlich schwächliche Kinder zeugen, so hat die Natur ihnen nach Schopenhauer nicht den Trieb zum Weibe, sondern den Trieb zum Manne eingepflanzt, damit dadurch verhindert werde, dass das Menschengeschlecht körperlich zurückgehe; Schopenhauer sieht daher in seinem

1) Étude médico-1égale sur le attentats aux moeurs; cinquiéme éd. Paris 1867.


Ulrichs. 35

Buche „Die Welt als Wille und Vorstellung" fast nur Vortheile von der Päderastie.

In den sechziger Jahren trat besonders ein Autor hervor, der zuerst unter dem Pseudonym „Numa Numantius", später aber unter seinem wahren Namen uns eine grosse Reihe von Abhandlungen über conträre Sexualempfindung lieferte. Dieser Autor heisst Carl Heinrich Ulrichs.1) Er war früher Amtsassessor in Hannover und hatte sich vorher auf ganz andern Gebieten einen guten Namen gemacht. Er führte den Ausdruck „Urning", wie schon in dem vorigen Capitel gesagt ist, ein. Die Schriften des genannten Autors hatten die Aufklärung über die Urninge und deren Vertheidigung zum Ziele, besonders aber verlangte er die Aufhebung aller gesetzlichen Schranken im mannmännlichen Geschlechtsverkehr; er sollte ebenso frei gegeben werden wie der zwischen Mann und Weib, das Gesetz sollte nur unter denselben Umständen einschreiten wie bei dem normalen Geschlechtsverkehr. Ulrichs' Arbeiten sind in mancher Beziehung bemerkenswerth. Wie Chevalier betont, hat eine ganze Reihe von Jahren Ulrichs allein die wissenschaftliche Literatur über conträre Sexualempfindung repräsentirt. In seinen Schlussforderungen geht er zweifellos viel zu weit; verlangt er doch sogar, dass gesetzlich Ehen zwischen Männern gestattet würden, ebenso wie zwischen Mann und Frau! Hätte er übrigens nicht in so leidenschaftlicher Sprache seine Ansichten vorgetragen, so hätte er vielleicht mehr Berücksichtigung gefunden, als es der Fall war. Da er selbst, wie er offen erklärte, Urningsnatur hatte, so sprach er gewissermaassen pro domo, und dadurch hat er sich häufig zu einem Ton in seinen Arbeiten hinreissen lassen, der ihre wissenschaftliche Anerkennung an vielen Orten verhindern musste. 1865 hat Ulrichs gemeinsam mit Professor Tewes aus Graz auf dem deutschen Juristentage einen Antrag gestellt behufs Abschaffung des Strafparagraphen in allen deutschen Staaten; 1867 nahm Ulrichs auf dem Juristentage in München die Frage wieder auf; es scheint, dass man die Sache, um keinen Anstoss zu erregen, absichtlich nicht zur Verhandlung kommen liess. Im Jahre 1870 beabsichtigte ein deutscher

l) Ulrichs, der ein entschiedener Anhänger der Welfen war, wurde nach der Annexion von Hannover 1867 aus politischen Gründen verhaftet und in Minden internirt; bei seiner Abführung wurden seine sämmtlichen Papiere mit Beschlag belegt. Unter ihnen befanden sich auch Verzeichnisse von Urningen aus verschiedenen grossen Städten; die Liste für Berlin enthielt 150 Namen; Darunter befanden sich nach Ulrichs auch sehr hochgestellte Personen.

3*


36 Westphal.

Verleger eine Zeitschrift „Uranus" her auszugehen, die ausschliesslich die conträre Sexualempfindung behandeln sollte. Es ist aber, wie es scheint, nur das erste Heft erschienen; wenigstens sind mir weitere Hefte nicht bekannt geworden.

Kurz vorher hatte ein hervorragender deutscher Psychiater, Griesinger in dem Vortrage, mit dem er 1869 die Berliner psychiatrische Klinik eröffnete, über die Erscheinungen bei Urningen gesprochen, ohne aber viel Berücksichtigung zu finden. K. Fränkel in Dessau hat 1869 uns Mittheilungen gemacht, indem er bei der sexualen Perversion der Päderasten auch auf weitere psychische Störungen, Hallucinationen hinwies. Kurz darauf hat besonders Westphal 1) neue Anregung zur Behandlung der Frage gegeben, er führte auch, wie bereits betont ist, den Namen conträre Sexualempfindung für diese Erscheinung ein. Er hielt sie für angeboren, veröffentlichte zunächst 2 Fälle und hob besonders hervor, dass bei derartigen Patienten das Bewusstsein der Krankhaftigkeit des Zustandes bestehe.

Nach Westphals Veröffentlichung erschienen zunächst fast nur in Deutschland über das uns beschäftigende Gebiet Arbeiten. Das von jenem Autor herausgegebene Archiv für Psychiatrie bildete längere Zeit gewissermaassen den Sammelpunkt für einen grossen Theil der Casuistik. 2) Unter den Autoren seien an dieser Stelle genannt: Scholz, Gock, Schminke, Liman, Sterz, Krueg, Rabow, Blumer, Savage, Servaes u. a. Genauere Angaben gerade über die neuere Literatur und Casuistik findet man in v. Krafft-Ebings Psychopathia sexualis, 1891. Im Jahre 1876 hielt Stark auf der Wanderversammlung der süddeutschen Irrenärzte einen anregenden Vortrag über das Thema mit anderen neuen casuistischen Mittheilungen. Diese nahmen allmälig immermehr zu. Auch aus dem Auslande sahen wir später mehr Fälle wie anfangs veröffentlicht. Einen der merkwürdigsten Fälle beobachteten

1) Es sei an dieser Stelle, daWestphal bereits todt ist, ausdrücklich auf seine Humanität hingewiesen. Ein Herr, der einer der ersten Fälle war, die Westphal zu seinen Studien über conträre Sexualempfindung veranlassten, theilte mir persönlich mit, mit welchem Mitgefühl und welchem Verständniss Westphal von Anfang an derartige Patienten betrachtet habe.

2) In der Berliner med. psychol. Gesellschaft wurde 1868 durch Westphal eine interessante Discussion über die Frage angeregt, an der sich u. a. Skrzeczka und A. Bastian betheiligten. Letzterer wies darauf hin, dass sich, bei uncultivirten Völkerschaften perverse Geachlechtsneigungen nicht selten finden, dass sogar bei einigen die damit behafteten Individuen als eigene Kaste, als höher gestellte Persönlichkeiten, als Heilige u. dgl. betrachtet werden.


v. Krafft-Ebing. 37

Charcot und Magnan. Im Jahre 1885 veröffentlichte Magnan eine Arbeit über sexuale Perversion, nachdem kurz vorher Lacassagne in Lyon über dieses Gebiet Vorlesungen gehalten hatte. Nach dem Vorgehen von Charcot und Magnan wurde diese Geschlechtsempfindung in Frankreich gewöhnlich als Inversion de l`instinct sexuel bezeichnet, ein Name, der auch von mehreren Italienern acceptirt wurde.

Im Jahre l886 erschien ein Buch von Tarnowsky,1) in welchem uns reichhaltiges Material über perverse und besonders über conträre Geschlechtsempfindungen geboten wurde; nur fehlt seinem Buche eine systematische Anordnung, die die verschiedenen Perversionen von einander genügend abgrenzt.

Absichtlich habe ich bisher einen Autor nur gelegentlich genannt, der seit einer Reihe von Jahren zweifellos am meisten für die Untersuchung der conträren Sexualempfindung gethan hat, nämlich v. Krafft-Ebing. Schon 1877 hat er uns eine ziemlich ausführliche Publication über conträre Sexualempfindung gegeben. 1881 erschien von ihm eine weitere Arbeit über das gleiche Thema. Ganz besonders hat er uns durch seine Psychopathia sexualis eine systematische Monographie über das Gebiet geliefert. Dieselbe ist im Laufe weniger Jahre zu einem grösseren Werk angewachsen, dessen letzte Auflage 1891 erschien;2) v. Krafft-Ebing ist es zuzuschreiben, dass eine scharfe Gruppirung der verschiedenen Formen der sexualen Perversionen versucht wurde; ihm ist es zu danken, dass man andere Formen der sexualen Perversion von der conträren Sexualempfindung zu trennen suchte, so insbesondere den Masochismus, Sadismus und Fetischismus;3) er hat aber andererseits auch gerade wieder die Beziehungen, die zwischen conträrer Sexualempfindung und diesen anderen sexualen Perversionen bestehen, hinreichend betont. Ganz besonders aber ist es noch das Verdienst von v. Krafft-Ebing, dass durch Veröffentlichung rückhaltsloser Autobiographieen die Casuistik werthvolle Bereicherungen erfuhr. Es ist mir nicht möglich, alle Autoren, die in neuerer Zeit auf dem betreffenden Gebiete gearbeitet haben, zu nennen; die einzelnen Arbeiten sind in zu grosser Zahl bereits vorhanden. Ich nenne noch: Morselli, Leonpacher, Holländer, Kriese;

1) B. Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes. Berlin 1886

2) Wo ich dieses Buch citire, ist stets die Auflage von 1891 gemeint.

3) Vgl. auch R. v. Krafft-Bbing, Neue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia sexualis. Stuttgart 1890.


38 Belletristik.

ferner die schon 1885 erschienene ausführliche Arbeit von Chevalier: De l`inversion de l`instinct sexuel. Ich citire noch: Golenko in Russland, Ritti; Cantarano, Tamassia, Lombroso in Italien, Sérieux, Kiernan, v. Schrenck-Notzing. Genauere Angaben finden sich in v. Krafft-Ebings Psychopathia sexualis 1891 und in Chevaliers ebengenanntem Buche.

Zu erwähnen ist auch endlich, dass gelegentlich in der belletristischen Literatur die mannmännliche Liebe berücksichtigt ist, obwohl viel häufiger die conträre Sexualempfindung des Weibes hier angetroffen wird. In neuerer Zeit deutet Tolstoi in der Kreuzersonate jene Erscheinungen an, während früher der seiner Zeit sehr gefeierte Romanschriftsteller Alexander v. Ungern-Sternberg mehrfach in seinen Romanen mannmännliche Liebe zum Gegenstand der Darstellung machte, ebensowie der Dichter Wiese 1) in einem Drama.

Dass bei den nördlichen Culturvölkern nicht allein, sondern auch in andern Staaten die Päderastie, resp. die Erscheinungen des Uranismus bekannt sind, ist sicher. In einzelnen Ländern des Mittelmeerbeckens tritt die männliche Prostitution heute noch ziemlich deutlich hervor. In Neapel bieten sich des Abends auf der via Toledo junge Männer dem Vorübergehenden an, und die Zwischenhändler preisen dort nicht nur ihre weibliche, sondern auch die männliche Waare an.2) Dass in Italien die Männer-

1) Man findet einzelne Stellen aus WiesesDrama „Die Freunde" beiHössli citirt. Ich benutze die Gelegenheit, um auf die ausserordentliche Intoleranz der Urninge gegenüber denjenigen Belletristen und Dichtern hinzuweisen, die irgendwie die mannmännliche Liebe berühren. Der moderne Urning halt die urnische Natur des betreffenden Schriftstellers damit sofort für bewiesen.Wenn dieser sich aber in seinen Romanen und Dichtungen in die Seele des zu Schildernden hineinversetzen kann, so genügt dies für ihn in vielen Fällen; man braucht die Sucht der Urninge, möglichst viele als urnisch hinzustellen, nur zu kennen, um die Zuverlässigkeit ihrer Angaben nach dieser Richtung würdigen zu können. Ueberhaupt fehlt demUrning gewöhnlich die ruhige objective Ueberlegung in allem, was seine Natur betrifft, und man findet kaum irgendwo mehr Unduldsamkeit als bei den Urningen.

2) Private Mittheilungen von Ohrenzeugen aus den letzten Jahren. Ganz gleiche Mittbeilungen machte 1854 J. L. Casper: „In Neapel und Sicilien wird dem Reisenden am hellen Tage von auf den Strassen lungernden Kupplern un bellissimo ragazzo schamlos angeboten, wenn man ihre Anträge, Weiber betreffend, zurückweist." Aehnliches berichtete Casper über Russland und die Türkei, was gleichfalls mit privaten mir gemachten Mittheilungen übereinstimmt.


Orient. 39

liebe stets, etwas mehr hervortrat als in ändern Ländern Europas, scheint mir sicher. Aus dem vorigen Jahrhundert giebt Ramdohr an, dass in Italien die männlichen Geschlechtsneigungen sehr häufig seien. Auch aus dem Orient liegen zahlreiche Mittheilungen vor. Heinrich v. Maltzahn erzählt in einem seiner Werke, dass im Vorhof der Kaaba sich Burschen dem Fremden anbieten, und ein anderer Reisender theilt mit, dass die Sklavenhändler in Cairo ihn beim Handel um zwei Knaben gefragt haben: „Rechnest du denn das Vergnügen, das sie dir bereiten werden, für nichts?" Lenz erzählt in seinem Reisewerke „Timbuktu": „Schlimm ist in Marocco die Unsitte der Grossen des Reiches, sich verschnittene Negerbuben zu halten, wozu gewöhnlich die Kinder ihrer Sklaven genommen werden. Es ist diese Neigung so allgemein verbreitet, dass sich niemand darüber aufhält, und dass der Europäer nur erstaunen muss über die Offenheit, mit der über die Angelegenheit gesprochen und verhandelt wird."

In China wird nach Krauss 1) die Päderastie wohl heute am meisten noch ausgeübt. In der Stadt Tschang-theu wimmelt es nach diesem Autor von Catamiti, den päderastischen Medien. In der Provinz erscheinen sie als Haussklaven. In Peking treten sie als eine öffentliche Klasse an das Licht. In dieser Stadt finden sich Institute, wo Knaben von 11 bis 12 Jahren für die Prostitution herangezogen werden. Man sieht im Theater die Wohlhabenden mit ihren Amasii, d. h. den männlichen Geliebten, hinter sich sitzen. Die thierischen Orgien, welche daselbst gefeiert werden, finden ihres Gleichen nur im alten Rom.

Von Japan erzählt mir ein Herr, der viele Jahre dort gelebt, Treiben und Sitten sehr genau kennen gelernt hat, dass auch dort die Päderastie oft vorkomme. Nach diesem Herrn findet sie sich vielfach bei Schülern, die gewöhnlich in Alumnaten wohnen; ebenso bei Soldaten in Kasernen. Doch ist in Japan die Erscheinung nicht so öffentlich wie in China.

Tarnowsky sagt, dass die Vornehmheit und der Reichthum des Muselman an der Zahl der Knaben, die er in seinem Dienst hält, mitunter gemessen wird. Auch sonst finden wir zahlreiche Angaben, die die Knabenliebe im Orient und auch in vielen Theilen Afrikas uns schildern.

Aber nicht nur, wie man mitunter glaubt, im Orient, sondern auch in vielen andern aussereuropäischen Ländern zeigen sich ganz

1) A. Krauss, Die Psychologie des Verbrechens. Tübingen 1884.


40 Amerika.

ähnliche Erscheinungen. Ueber Päderastie bei verschiedenen auswärtigen Völkern berichtet Mantegazza in seinen anthropologischen Studien über die Geschlechtsverhältnisse des Menschen: seinen Angaben entnehme ich einen Theil der folgenden Mittheilungen. In einigen Theilen von Mexico wurden nach ihm sogar früher Ehen zwischen Männern geschlossen. Auch in Californien und Nicaragua finden sich Päderasten nach den Mittheilungen von Reisenden. Dass sich auch bei Naturvölkern die Päderastie findet, geht aus der Angabe Mantegazzas hervor, wonach bereits bei der Entdeckung Päderastie unter den Einwohnern von Panama gefunden wurde. Ueberhaupt scheinen gerade die Angaben über Amerika darauf hinzudeuten, dass die Päderastie dort schon vor der Entdeckung bekannt war, so auch im alten Peru.1) Auf Madagascar finden sich Tänzer, die als Frauen gekleidet sind, und die gleichfalls auf Päderastie hinweisen. Nach einer Notiz in der Zeitschrift für Ethnologie 2) kommen, wie Westphal sagt, ähnliche Erscheinungen bei Indianern vor. Bei ihnen findet sich eine Klasse von Männern, die von unwiderstehlichem Drange getrieben, weibliche Kleider anzuziehen, sich ganz wie Weiber benehmen. Uebrigens erzählte Virey schon in seiner 1824 in Paris erschienenen Histoire naturelle du genre humain, dass der mannmännliche Verkehr bei andern uncultivirten Völkern in Nordamerika vorkäme.

Hammond berichtet, wie v. Krafft-Ebing mittheilt, Aehn. liches über die Nachkommen der Azteken in Neu-Mexiko. Sie züchten sogenannte Mujerados, deren jeder Stamm einen zu religiösen Gebräuchen braucht, bei denen die Päderastie eine hervorragende Rolle spielt. Der Mujerado wird durch Masturbation und beständiges Herumreiten zu paralytischer Impotenz gebracht, wodurch eine Atrophie der Hoden und des Penis erreicht wird, in Folge dessen aber auch ähnlich wie bei den Eunuchen sonstige weibliche Erscheinungen auftreten. So zeigt sich Ausfall der Barthaare, die Stimme wird allmälig höher, kurz und gut der Mujerado zeigt auch weibliche Neigungen und gesellt sich den Weibern vollständig zu.

1) Was Peru betrifft, so darf nicht übersehen werden, dass allerdings die Spanier dessen Einwohnern alle möglichen Laster vorwarfen, um die maasslosen Grausamkeiten Pizarros und anderer Spanier bei Eroberung des Landes zu rechtfertigen (Joh. Scherr).
2) I. Band, 1869. S. 88.


Heinrich III. von Frankreich. 41

Ich will jetzt noch eine Reihe von Persönlichkeiten aus den letzten Jahrhunderten besprechen, die der conträren Sexualempfindung verdächtigt wurden oder verdächtig sind. Es liegt mir selbstverständlich fern, irgend wie einen Makel auf die betreffenden Personen werfen zu wollen; es dürfte wohl aus der ganzen Abfassung dieser Arbeit hervorgehen, dass, selbst wenn ich bei einigen die conträre Sexualempfindung als bestehend annehme, ich sie eben nur für ein Symptom halte, das pathologisch ist, das aber den Charakter als solchen nicht berührt. Mit den historischen Notizen über conträre Sexnalempfindungen muss man, wie Gley mit Recht betont, sehr vorsichtig sein. Es ist sehr leicht hier Behauptungen aufzustellen; sie zu beweisen ist oft sehr schwer, und besonders die Art, wie Moreau, Ulrichs und andere conträre Sexualempfindungen resp. andere sexuelle Perversionen bei zahlreichen historischen Personen annehmen, ohne ihre Annahme irgendwie zu stützen, muss verworfen werden. Andererseits sehe ich keine Veranlassung, die mir zu Gebote stehenden Angaben über urnische Neigungen historischer Personen fortzulassen; eine solche Methode wäre ebenfalls einseitig und würde die Aufklärung über das Gebiet verhindern. Leider wird bei den meisten Personen alles unterdrückt, was die sexuelle ganz besonders aber die pervers sexuelle Sphäre betrifft. Dennoch habe ich in Biographieen, Geschichtswerken etc. manches gefunden, was bei einzelnen Persönlichkeiten an die weibischen Gewohnheiten des Urnings erinnert, bei anderen direct die conträre Sexualempfindung beweist.

Heinrich III. von Frankreich, der von 1574—1589 regierte,1) wird nicht mit Unrecht für einen Urning gehalten. In fast jeder Geschichte findet man Dinge über ihn erzählt, die kaum eine andere Deutung zulassen. Den König umgaben viele Günstlinge, die mit dem Namen Mignons bezeichnet wurden, und deren weibisches Benehmen allgemein auffiel. Zahlreiche Bälle und andere Festlichkeiten wurden in dem Palaste des Königs veranstaltet, wobei übrigens auch das andere Geschlecht nicht gefehlt haben soll. Mit Vorliebe liess sich der König öffentlich in Weiberkleidern sehen; in seinen Zärtlichkeiten gegen seine Günstlinge soll er selbst öffent-

1) Erwähnenswerth ist, dass auch Karl IX. (1560—1574), der Vorgänger Heinrichs III., der Päderastie beschuldigt wurde; der Mutter beider, Catharina von Medici, schrieben, wie oben erwähnt, die Franzosen die Einführung des mannmännlichen Geschlechtsverkehrs in Frankreich zu. Genaueres über Heinrich III. berichtete d'Aubigné.


42 Eduard II. und Jacob I. von England.

lich ziemlich weit gegangen sein. Auch sadistische 1) Neigungen zeigte der König, indem er an Busstagen mit Wollust seine Mignons geisselte. In einem kurz nach des Königs Tode erschienenen Bild wird er in Kriegsrüstung, aber mit weiblicher Frisur und anderen weiblichen Toilettengegenständen dargestellt.

Eduard II. von England (reg. 1307— 1327) steht gleichfalls in dem Ruf, urnische Natur besessen zu haben. Er liebte die Freuden und Genüsse des Hoflebens, und es ist keine Frage, dass er sehr darauf bedacht war, seine Günstlinge zu erhöhen. Peter von Gaveston, ein Ritter aus der Gascogne, stand sehr hoch bei ihm in Gunst; er wusste den König „wie mit Zauberbanden an sich zu fesseln". Später nach des Günstlings Tode nahm Hugo Spenser die einflussreiche Stellung desselben ein. Der König wurde bekanntlich schliesslich abgesetzt, und seine hartherzige Gemahlin, die den König verlassen hatte, wies jede Vereinigung mit ihm zurück. 2) Ausgezeichnet war übrigens der König, wie beiläufig bemerkt sei, nach Angabe von T. F. Tout, durch grosse Schwatzhaftigkeit, die ihn selbst dazu veranlasste Staatsgeheimnisse

auszuplaudern.

Jacob I. von England (reg. 1603—1625), der als König von Schottland Jacob VI. hiess und der Sohn von Maria Stuart war, wird gleichfalls von den Urningen als einer der Ihrigen reclamirt, und zwar, wie mir scheint, mit mehr Recht als Eduard II. In Jacobs Character lag manches, was als abnorm 3) bezeichnet werden muss: Liebe zum Absolutismus, verbunden mit Feigheit und Characterschwäche, Interesse für Wissenschaft bei gleichzeitiger kindischer Pedanterie zeichneten den König aus. Sein Auftreten wird als unwürdig, seine Gestalt als unmännlich geschildert. Trotzdem er mit einer dänischen Prinzessin vermählt war und aus dieser Ehe mehrere Kinder hatte, so war er doch durch seine

1) Verbindung von Grausamkeit und sexuellen Gedanken; über den Sadismus wird unten ausführlich gesprochen werden, v. Krafft-Ebing hat auf die Beziehungen hingewiesen, die zwischen dem Auftreten der Flagellanten (im Mittelalter und noch später), die sich zur Busse geisselten, und dem Geschlechtstrieb bestehen, der durch Geisseln unter pathologischen Verhältnissen erweckt wird. Gerade unter der Regierung Heinrichs III. traten in Paris die Flagellanten sehr stark auf. (Boileau, Histoire des Flagellants.)

2) Weber, Allgemeine Weltgeschichte. Bd. VII. Ich entnehme diesem Werke nur die allgemeinen Angaben; über die urnische Natur des Königs findet sich darin nichts.

3) Die Urninge zeigen gewöhnlich, abgesehen von ihrem perversen Geschlechtstriebe, andere psychische Abnormitäten.


Rudolf II. von Habsburg. 43

Günstlingsherrschaft berüchtigt. Besonders Georg Villiers, Herzog von Buckingham, ward von dem König wegen seiner körperlichen Schönheit sehr begünstigt und übte auf die Regierung des Landes einen bedeutenden Einfluss aus. Durch seine Zärtlichkeit für unwürdige Lieblinge 1) erregte der König bei dem Volke allgemeine Unzufriedenheit.

Schon vorher hatte er unter dem Namen Jacob VI. in Schottland regiert und auch hier bereits gezeigt, dass er Wohlgefallen an jungen Männern von schöner Gestalt fand. Er zog deswegen solche Leute stets in seine Nähe und räumte ihnen grossen Einfluss auf die Regierung ein. Arran und Lennox übten hier einen enormen Einfluss auf den König aus.2)

Eine auffallende Erscheinung ist Rudolph II. von Habsburg, der 1576 — 1612 in Deutschland regierte. Er neigte zu einem gleichgültigen Stumpfsinn, war ohne Thatkraft und Festigkeit; zahlreiche grillenhafte Liebhabereien beschäftigten ihn, so sammelte er in seinem Museum im Hradschin alle möglichen Curiositäten der Natur und Kunst, Bücher, Edelsteine, Antiquitäten. Der Kaiser hielt sich viel in seinen Gärten und Marställen auf, hatte aber von der Höhe seines Amtes eine krankhaft gesteigerte Meinung. Seine Günstlinge leiteten in Wirklichkeit die Herrschaft; seine Kammerdiener von sittlicher Verworfenheit waren die angesehensten Leute, ohne sie war nichts zu erledigen; Fürsten und Staatsmänner mussten mit diesen schmutzigen Creaturen verkehren. In späteren Jahren kamen sinnliche Ausschweifungen hinzu. So ungefähr ist der Charakter des Kaisers in Webers allgemeiner Weltgeschichte geschildert. Wenn ich hiermit nun vergleiche, dass er, wie Ireland 3) berichtet, ein grosser Weiberfeind gewesen sei, so liegt die Vermuthung nahe, dass irgend welche sexuale Basis sein Ver-hältniss zu seinen Günstlingen hervorgerufen hat. Allerdings wird von anderer Seite behauptet, dass der unverehelicht gebliebene Kaiser viele uneheliche Kinder hinterlassen habe, über die man aber fast nichts weiter wisse. Ich konnte aber nichts darüber finden, mit welchen weiblichen 4) Personen der Kaiser intime

1) Karl Friedrich Beckers Weltgeschichte. Herausgegeben von Ad. Schmidt. Mit der Forsetzung von Eduard Arnd. III Aufl. Leipzig 1869, Bd. XI.

2) Weber, Allgemeine Weltgeschichte, Bd. VI.

3) M. W. Ireland, Herrschermacht und Geisteskrankheit. Stuttgart 1887.

4) Der sexuelle Verkehr mit Weibern kann Übrigens sehr wohl beim Urning zeitweise vorkommen und beweist nichts gegen seinen mannmännlichen Trieb. Mancher sucht auch ostentativ weiblichen (nicht sexuellen) Verkehr auf, um die Umgebung über seine wahre Natur irre zu leiten.


44 Julius II.; Sixtus IV.

Beziehungen gehabt hat, während ich über seine Günstlinge diesbezügliche Angaben fand. Ireland vergleicht übrigens den später noch zu besprechenden Ludwig II. von Bayern mit Rudolph II. und zwar aus verschiedenen Gründen, zu denen die Abneigung beider gegen das weibliche Geschlecht gehört. Besprechen wir jetzt einige Päbste.

Eine merkwürdige Erscheinung ist der Pabst Paulus II. (reg. 1464—1471). Zu seinen hervorstechendsten und am allermeisten bekannten Charaktereigenschaften gehörte eine grenzenlose Eitelkeit; als Cardinal meinte er, dass er sich als Pabst den Namen Formosus wegen seiner Schönheit geben würde, sein Ornat strotzte von Gold, die Tiara von Brillanten. Zu erwähnen ist auch seine leichte Neigung zum Weinen. Er soll ferner an einer gewissen Sammelwuth gelitten haben, die sich besonders auf Edelsteine erstreckte, aber es soll eben das Sammeln ohne jeden Zweck geschehen sein. Oeffentlich zeigte er sich nie ohne Schminke. Wegen seiner leichten Neigung zum Weinen wurde er Notre Dame de la Pitié genannt. Ich finde zwar nicht direct, dass dieser Pabst als Urning bezeichnet wird; ich glaube, ihn dennoch hier erwähnen zu müssen, weil er in vielen Dingen jedenfalls an die Effemination erinnert, die oft, wie in einem Falle Westphals, ohne Trieb zum Manne sich zeigt. Uebrigens soll der Pabst ein Töchterchen gezeugt haben (Weber)1).

Ganz sicher aber erscheint es, dass der Nachfolger des eben genannten Pabstes, Sixtus IV. (reg. 1471—1484) der Männerliebe gehuldigt hat; der eben citirte Weber meint, dass dieser Pabst seine Ganymede zu Cardinälen erhoben hätte. Einige Cardinäle hätten an diesen Pabst die Bitte gerichtet, in der heissen Jahreszeit Sodomiterei treiben zu dürfen, worauf der Pabst die Erlaubniss hierzu ertheilt haben soll. Bei diesem Pabst citirt Weber auch den Vers:

Roma quod inverso delectaretur amore
Nomen ab inverso nomine fecit Amor.
Der Vers ist zu obscön, um ihn zu verdeutschen: Roma heisst umgekehrt Amor.

Interessant ist auch bei Sixtus seine Neigung zur Grausamkeit und zum Ansehen blutiger Schauspiele; er liess z. B. am liebsten Duelle vor seinem Fenster ausfechten.

1) Das Pabstthum und die Päbste, ein Nachlass von Carl Julius Weber Stuttgart 1834. II. Theil.


Michelangelo. 45

Unter historischen Personen, die der Päderastie beschuldigt wurden, nenne ich ferner den Pabst Julius II. (reg. 1503—1513). Die von seinen Zeitgenossen gegen ihn erhobene Beschuldigung, dass er unnatürlichen Lastern fröhne, ist nach L. Geiger 1) vielleicht ungerecht, wenn auch nach diesem Forscher der Charakter und das sonstige Auftreten des Pabstes nicht gerade sehr viel erfreuliches bieten. Die Urningsnatur von Julius II. würde jedenfalls eine sehr merkwürdige Erscheinung sein, da dieser Pabst durch seine kriegerische Regierung, sowie durch die Unterstützung der Kunst bekannt ist. Julius II. soll früher zu den Cardinälen gehört haben, die den Pabst Sixtus IV. um die Erlaubniss baten, in der heissen Jahreszeit Päderastie treiben zu dürfen.

Der Zeitgenosse des Pabstes, Michelangelo Buonarotti, der grosse Bildhauer, den Julius II. nach Rom berief, ist gleichfalls dem Verdacht der sexualen Perversion ausgesetzt und zwar nicht mit Unrecht.

Sicher ist es, dass in dem Leben des grossen Künstlers sich nirgends eine Liebe zu einem Weibe entdecken lässt. Allerdings wird oft Vittoria Colonna genannt, wenn eine Frau, zu der er Beziehungen hatte, gesucht wird. Und doch meint Michelangelos Biograph Hermann Grimm 2), dass von Liebe hier zweifellos nicht, sondern nur von Freundschaft die Rede war. Als er sie kennen lernte, waren beide schon fast alt zu nennen; sie blieb für ihn stets die Fürstin. In des Bildhauers Gedichten finden sich übrigens Stellen, die man durch seine Liebe zu Frauen zu deuten suchte. Doch ebensowenig wie aus Liebesgedichten an Männer ohne weiteres auf Männerliebe des Dichtees geschlossen werden darf, wenn in ihnen nicht ein bestimmter Mann gemeint ist, ebensowenig darf man aus an Frauen gerichteten Gedichten auf Liebe des Dichters zum Weibe schliessen, wenn sich kein concretes Weib finden lässt, das er besungen. Andererseits findet sich in dem innigen Verhältniss, das den grossen Bildhauer mit zahlreichen Männern verband, manches, was auf geschlechtliche Liebe zu ihnen schliessen lässt. Sein Verhältniss zu Tommaso de' Cavalieri scheint mir höchst auffallend; letzterer war, wie Grimm uns erzählt, ein junger durch edle Geburt und grosse Schönheit ausgezeichneter Künstler, der von Michelangelo alles

1) Ludwig Geiger, Renaissance und Humanismns in Italien und Deutschland. Berlin 1882.

2) Leben Michelangelos von Hermann Grimm. I, Band. S. 372. V. Aufl. Berlin 1879.


46 Michelangelo.

erbitten konnte, was er wollte. Das Verhältniss des bereits alten Michelangelo zu dem jungen Cavalieri 1) muss ein inniges gewesen sein, das mit dem Begriff der Freundschaft sich nicht deckt, wie auch aus folgenden Versen, die jener an diesen gerichtet, hervorgeht.

Ich sehe sanftes Licht mit deinen Blicken,
Mit meinen eignen Augen bin ich blind,
Mit dir im gleichen Schritte wandelnd,
sind Leicht mir die Lasten, die mich sonst erdrücken.
Von deinen Schwingen mit emporgetragen
Flieg' ich mit dir hinauf zum Himmel ewig,
Wie du es willst: kühn oder zitternd leb' ich,
Kalt in der Sonne, warm in Wintertagen.
In deinem Willen ruht allein der meine,
Dein Herz, wo die Gedanken mir entstehn,
Dein Geist, in dem der Worte Quell sich findet:
So kommt's dass ich dem Monde gleich erscheine,
Den wir soweit am Himmel nur ersehn
Als ihn der Sonne Feuerstrahl entzündet.2)

Die Sprache einer ausschliesslich sinnlichen Liebe ist in diesem an Cavalieri gerichteten Sonett nicht zu finden; aber blosse Freundschaft scheint mir auch nicht daraus zu sprechen. Es ist ein Geist in ihm, der an des Sokrates Sprache im Gastmahl des Plato erinnert. Grimm citirt übrigens auch des Sokrates Verhältniss zu Alcibiades im Anschluss an das des Michelangelo zu Cavalieri.

Anton Springer 3) meint, dass Michelangelo von einem Freundschaftsparoxysmus ergriffen worden sei, dem später auch Winckelmann 4) verfiel. Ein Brief von Cavalieri an Michelangelo kann die Annahme einer blossen Freundschaft nicht stützen; im Gegentheil, es ist darinnen die Sprache eines „verwöhnten Lieblings".

1) Genauere Mittheilungen über des Künstlers Verhältniss zu Cavalieri giebt Vasari.
2) Nach Grimm citirt,
3) In „Kunst und Künstler Italiens". Herausgegeben von Robert Dohme. II. Bd. Leipzig 1878. S. 447,
4) Ueber Winckelmann wird unten noch gesprochen, werden, da auch er manches darbietet, was ihn verdächtig macht, urnische Natur besessen zu haben.


Razzi; Huret. 47

Jedenfalls wäre es eine auffallende Erscheinung, wenn ein so grosser Künstler wie Michelangelo von Sinnlichkeit 1) nichts empfunden hätte. Sicher ist es, dass Frauenliebe ihn nicht begleitete.

Einer der bedeutendsten italienischen Maler, Giovanni Antonio Razzi (1479 —1564), ein Zeitgenosse von Pabst Leo X., war durch sein ausschweifendes Leben sehr berüchtigt. Er zog sich durch seine Lebensweise sogar den Beinamen il Sodoma zu, und unter diesem Namen wird er in vielen Büchern heute noch aufgeführt. Leo X., der es nicht so genau nahm und selbst der Päderastie verdachtigt wird, erhob den durch seine Lebensweise ziemlich berüchtigten Maler in den Ritterstand.

Fiorillo 2) meint übrigens, dass die leichte Gemüthsart und eine gewisse Fröhlichkeit, die bei ihm bis zur Zügellosigkeit ausartete, sich gleichfalls in seinen Gemälden zeige. Der Maler ist ausserhalb Italiens nicht so sehr bekannt, da seine Gemälde meist in Fresken bestehen; er wird aber in Italien ausserordentlich geschätzt, ja sogar zu den hervorragendsten Künstlern gerechnet und Leonardo da Vinci an die Seite gestellt. Ein anderer Biograph, R. Vischer 3) meint in Bezug auf ihn, die grössten Fehler seiner Malerei seien auf „einen Mangel an Männlichkeit" zurückzuführen, seine Sinnesweise sei zu „weichlich".

Muret, bekannter Humanist, lebte von 1526 bis 1585. Die Angaben über seine perversen Neigungen entnehme ich Foisset 4), der übrigens von dem heterosexuellen Triebe des hervorragenden Gelehrten nicht überzeugt zu sein scheint. Immerhin sind doch die Angaben, die über Muret uns gemacht werden so, dass an seiner conträren Sexualempfindung wohl kein Zweifel bestehen kann. Muret lehrte 1552 zu Paris Philosophie und Civilrecht, wobei er einen ungeheuren Zulauf von Schülern hatte. Inmitten seiner Erfolge wurde ihm der Vorwurf gemacht, er habe widernatürliche Neigungen; infolgedessen kam er in das Gefängniss du Châtelet. Hier fasste er in seiner Verzweiflung den Entschluss, freiwillig vor Hunger zu sterben; doch gaben ihm seine Freunde die Freiheit wieder. Er ging nun nach Toulouse und hielt hier

1) Ein urnischer, mir durchaus glaubwürdig scheinender Künstler theilt mir mit, dass die Kunstwerke Michelangelos dessen urnische Natur oft zeigten, wenn es auch nur dem Urning klar und für den andern unbegreiflich sei.

2) Fiorillo, Geschichte der Malerei. I. Bd. Göttingen 1798.

3) In „Kunst und Künstler Italiens".

4) In der Biographie universelle.


48 Shakespeare.

Vorlesungen über römisches Recht. Von neuem wird eine Anklage gegen ihn wegen widernatürlicher Unzucht erhohen. Ein junger Mann Luc-Menge Fremiot wurde als sein Mitschuldiger angeklagt; beide sollten wegen Sodomie verbrannt werden, wie das bezügliche Edict von 1554 lautet; es gelang aber Muret, nach Italien zu entfliehen. Die auf ihm in Frankreich lastenden Gerüchte wurden auch in Italien vielfach verbreitet, so in Venedig und Padua. Dennoch gelang es ihm infolge seiner grossen wissenschaftlichen Leistungen, die Bekanntschaft der hervorragendsten Männer Italiens zu machen.

Shakespeare (1564—1616) ist ebenfalls der Beschuldigung, dass er der Männerliebe huldige, nicht entgangen. Als Hauptbeweis gelten seine Sonette, die theilweise allerdings, obwohl an einen Mann (wahrscheinlich den Grafen Southampton) gerichtet, die Sprache der Liebe zeigen. Friedrich Bodenstedt 1) bekämpft allerdings auf das Entschiedenste die Auffassung, als ob hier wirklich von Männerliebe gesprochen werden dürfe, die D. Barnstorff im „Schlüssel zu Shakespeares Sonetten" mit Bezug auf den Dichter bespricht. Am meisten wurde das „A woman's face, with nature's own hand painted" beginnende Sonett, das Bodenstedt in folgender Weise übersetzt, dem Dichter verdacht:


Du hast ein Fraungesicht, das die Natur
Dir selbst gemalt, Herr-Herrin meiner Liebe!
Ein mildes Frauenherz, doch ohne Spur
Von weibisch-laun'schem Wechsel seiner Triebe.
Ein hell'res Aug' und minder falsch im Rollen,
Den Gegenstand vergoldend drauf es scheint.
Und Mann und Frau muss Dir Bewundrung zollen,
Der Beider Macht und Zauber in sich eint.
Zum Weib warst Du zuerst bestimmt, doch machte
Dann die Natur, selbst ganz verliebt in Dich,
Den Zusatz, der mein Hoffen um Dich brachte,
Dir Gaben leihend, nutzlos ganz für mich.
Da sie Dich schmückte für der Frauen Liebe:
Weih' mir Dein Herz und ihnen Deine Triebe.

Bodenstedt führt die Sprache dieses und anderer Sonette darauf zurück, dass zur Zeit Shakespeares ein Cultus der Freundschaft unter Männern getrieben wurde, der die Freundschaft mit

1) William Shakespeare's Sonette in deutscher Nachbildung von Friedrich Bodenstedt. Berlin 1862.


Winckelmann. 49

den zärtlichsten Ausdrücken der Liebe schmückte, und dass diese Erscheinung durch den Einfluss der griechischen und römischen Dichter hervorgerufen wurde, der damals gerade in England ein sehr mächtiger war. Ich vermag die Frage in Bezug auf Shakespeare nicht befriedigend zu beantworten.

Von Johann Joachim Winckelmann (1717 —1768), dem grossen Kunstforscher, wird gleichfalls oft angenommen, dass er Urning gewesen sei. Als Beweis hierfür gelten Briefe des bekannten Forschers, in denen eine leidenschaftliche Gluth zu Tage tritt. Auch muss erwähnt werden, dass selbst der wohlwollende Biograph Justi eine gewisse Sinnlichkeit in Briefen Winckelmanns nicht verkennt, wie Ulrichs hervorhebt.

Ich bezweifle es nicht einen Augenblick, dass, wenn Briefe desselben Inhalts von Winckelmann an eine weibliche Person gerichtet worden wären, man allgemein angenommen hätte, dass ein Liebesverhältniss hier bestand. Berücksichtigen wir nun, dass es eine mannmännliche Liebe giebt, so scheint doch die einfachste Erklärung die zu sein, dass Winckelmanns Briefe der Ausfluss von Liebesempfindungen sind, zumal in seinem ganzen Leben sich nichts findet, was dieser Annahme widersprechen würde. Der Herausgeber einiger Briefe 1), Joh. Friedr. Vogt, sagt in der Vorrede: „Die Briefe enthalten Abbildungen der Denkungsart und der Empfindungen, die nothwendig erst müssen bekannt gemacht werden, ehe an eine vollständige Biographie zu denken ist." .... Die Briefe sind an den Landrath Friedrich Reinhold von Berg in Liefland geschrieben. Die Freundschaft Winckelmanns für den Landrath von Berg entstand bei dem ersten Anblick desselben! Der grosse Kunstforscher richtete an Berg die Worte: „Ich fand bei Ihnen in einem schönen Körper eine zur Tugend geschaffene Seele, es war mir der Abschied von Ihnen einer der schmerzlichsten meines Lebens." Wer nun die Briefe liest, wird die oben ausgesprochene Ansicht bestätigen müssen.2) In dem Briefe vom 9. Juni 1762 sagt Winckelmann: „So wie eine zärtliche Mutter untröstlich weinet um ein geliebtes Kind, ebenso beklage ich die

1) Joh. Winckelmanns Briefe an einen Freund in Liefland. Coblenz 1784.

2) Ich habe den damals herrschenden süsslichen Ton beim Briefschreiben, worauf mich Herr Dr. Max Dessoir aufmerksam macht, durchaus berücksichtigt. Aus einzelnen Passus der Briefe ist es schwer, sich einUrtheil zu bilden; wer die Briefe im ganzen liest, wird darin kaum einen Freundschaftsparoxysmus, vielmehr ausgesprochene Sinnlichkeit finden. Uebrigens hat Winckelmann in

Moll, Contr. Sexualempfindung. 4


50 Iffland.

Trennung von Ihnen, mein süsser Freund, mit Thränen, die aus der Seele selbst fliessen." In dem Briefe vom 10. Februar 1764 ist die Anrede an von Berg: „Geliebtester schönster Freund!" W. fährt dann fort: „Alle Namen, die ich Ihnen geben könnte,

sind nicht süss genug und reichen nicht an meine Liebe......
Ich küsse Ihr Bild und ersterbe
Ihr ewiger geweihter Freund und gehorsamster Diener
Winckelmann.

Die Ermordung Winckelmanns in dem Gasthause zu Triest dürfte gerade nicht gegen die Annahme seiner Urningsnatur sprechen. Es ist sicher, dass Winckelmann seinen Mörder Arcangeli erst kurz vorher kennen gelernt hatte; dennoch begleitete ihn dieser in Triest auf Schritt und Tritt; es war ein Verkehr zwischen ihnen entstanden, wie wenn sie sich schon sehr lange gekannt hätten. Es steht ferner fest, dass der Mörder ein ganz oberflächlicher ungebildeter Mensch war, der dem Geiste des grossen Kunstforschers nicht das geringste bieten konnte.

Dadurch, dass der Mörder Wohlgefallen an der Kunst und eine besondere Anhänglichkeit an Winckelmann heuchelte, gelang es ihm nach einigen, dessen Vertrauen vollständig zu erwerben. Der Mörder war ein Koch, der bereits früher zum Tode verurtheilt, aber begnadigt worden war. Soll man glauben, was ein Biograph 1) sagt, dass ein solches Individuum einem Manne wie Winckelmann gegenüber mit Erfolg Kunstverständniss heucheln konnte? Bei der Gerichtsverhandlung wurde ein Raubmord angenommen und Arcangeli hingerichtet.

Von dem grossen Schauspieler und Dichter A. W. Iffland scheint gleichfalls bei seinen Lebzeiten behauptet worden zu sein, dass er der Männerliebe huldigte. Einer seiner Biographen 2) meint zwar, dass der Ruf seiner unnatürlichen Ausschweifungen vielleicht unberechtigt war; indessen hat sich doch durch Tradition auch der Glauben hieran erhalten, wenigstens in manchen Kreisen. Hinzu kommt die Kinderlosigkeit der Ehe des Schauspielers; ferner der

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite):
Briefen an andere sehr vertraute Freunde einen Ton, der sehr zärtlich, aber nicht sinnlich ist, angewendet (vgl. die von Dassdorf herausgegebenen Briefe Winckelmanns, sowie seine Briefe an einen seiner vertrautesten Freunde, Berlin 1781). Dies beweist, dass eben nicht die Zeit als solche für den Ton der Briefe Winckelmanns an v. Berg u. a, verantwortlich ist.

1) Lexicon deutscher Dichter und Prosaisten, herausgegeben von Karl Heinrich Jördens. V. Band, Leipzig 1810.

2) Heinrich Döring in Ersch und Grubers Encyclopädie.


Prinz Heinrich; Byron. 5l

Umstand, dass die Ehe einen etwas kühlen Eindruck auf Aussenstehende gemacht zu haben scheint. Ein interessanter Brief von H. v. Kleist an Iffland soll vor einigen Jahren veröffentlicht worden sein. Kleist hatte erfahren, dass Iffland sein Schauspiel. „Das Käthchen von Heilbronn" nicht günstig beurtheilt habe; der Dichter schrieb infolgedessen an Iffland unter anderem ungefähr folgendes: „Das Käthchen würde Ihnen wahrscheinlich gefallen, wenn es ein Junge wäre." Dieser Brief wurde vor einigen Jahren veröffentlicht, wobei die betreffende Stelle aus Kleists Brief in sehr gesuchter Weise gedeutet wurde. Leider ist mir der Brief nicht zugänglich gewesen. Ich verdanke die Notiz dem in der Vorrede erwähnten urnischen Herrn N. N.

Prinz Heinrich, der Bruder Friedrichs des Grossen, ist ebenfalls der Männerliebe verdächtigt worden. In der geheimen Geschichte des Berliner Hofes oder Briefen eines reisenden Franzosen (Mirabeau), geschrieben 1786/87 (deutsche Uebersetzung 1789) finden sich im zweiten Bande mehrere hierauf bezügliche Stellen. So steht Seite 69: ein ehemaliger Bedienter des Prinzen Heinrich wurde durch seine Kunst, der Knabenliebe seines Herrn zu dienen, erst dessen Günstling, nachher aber Canonicus in Magdeburg, wo der Prinz Probst war. Seite 92 findet sich eine andere Stelle: die Aristokratie der Armee weiss, dass die Ganymede bei Prinz Heinrich stets über alles entschieden haben und entscheiden werden. Auch sonst wurde Prinz Heinrich Männerliebe nachgesagt. Sicher ist es, dass er mit seiner Frau auf gespanntestem Fusse lebte, dass er, wie in Streckfuss „Berlin seit 500 Jahren" erwähnt ist, von ihr getrennt lebte und selbst wenn er sie bei Hofe traf, mit ihr nicht sprach.

Auch der Dichter Byron ist, wie ich aus Privatgesprächen öfter entnahm, für einen Männerliebhaber gehalten worden. Indessen finde ich in seinem Lebenslauf oder seinen Werken nichts, was dazu ernstlich berechtigen könnte. Vielleicht ist die Annahme daher entstanden, dass ein als Knabe verkleidetes Mädchen den Dichter öfter begleitete.1) Auch mag die Verleumdungssucht diesen Ruf Byrons erzeugt haben, die den grossen unglücklichen Dichter grausam verfolgte.2)

Unter den neueren ist ferner noch als der conträren Sexualempfindung verdächtig der bekannte Dichter Graf Platen zu nennen;

1) Lord Byron von Karl Elze. III. Aufl. Berlin 1886. S. 65.
2) Vgl. Lord Byron von Eduard Engel. Berlin 1876. S. 120.

4*


52 Platen.

er scheint bei seinen Lebzeiten ziemlich allgemein dieses Renommee gehabt zu haben. Die Gedichte, die er an Männer gerichtet hat, in denen er den Schenken und den Freund feierte, mussten hierzu wesentlich beitragen; freilieh wird von anderer Seite eingewendet und auch Karl Gödeke, ein Biograph des Dichters, erwähnt 1) dies, er habe in seinen Gedichten den Geist der orientalischen Poesie nachahmen wollen. Der Umstand, dass Platen auch Liebesgedichte an das weibliche Geschlecht verfasste, konnte seinen Ruf als Männerfreund nicht ändern.

Der Dichter wurde in einen heftigen Streit mit Heine verwickelt, dem er seine jüdische Abstammung vorwarf; Heine rächte sich an dem adligen Dichter dadurch, dass er ihn öffentlich der Päderastie beschuldigte. In den „Bädern von Lukka" findet sich die bezügliche Stelle. Heine spricht hier von warmer brüderlicher Freundschaft des Grafen Platen, der seine Gefühle in seinen Gedichten „an den Mann", nicht an die Frau bringt, dessen Bücher ein dem eau de Cologne entgegengesetztes Parfüm hätten, dessen Liebe gegen die Sitten sei, und dessen Gedichte von einem mannstollen Mädchen abgefasst zu sein scheinen. Heine vergleicht Platen mit Nero, der sich mit einem Jüngling trauen liess; er nennt den Grafen Platen einen Mann von Steiss, nicht von Kopf. Der Streit zwischen beiden Dichtern erregte seiner Zeit ein ungeheures Aufsehen in Deutschland. Selbst Heines Biograph Strodtmann 2) kann die Art von Heines Angriffen nicht billigen. Dass Heine sich durch die Form der Polemik selbst sehr geschadet hat, ist sicher. In einem Briefe an Varnhagen nennt Heine den Grafen Platen den frechen Freudenjungen der Aristokratie und Pfaffen. Uebrigens war der Dichter Platen auch schon vor Heine, z. B. von Ludwig Robert, wegen des Inhalts seiner Gedichte scharf angegriffen worden. Platen hatte anfangs die Absicht, durch den Grafen Fugger eine Klage bei dem königlichen Kammergericht in Berlin gegen Heine anzustellen, liess aber die Sache schliesslich ruhen, weil, wie man glaubt, Heine den Wahrheitsbeweis antreten wollte.

Zum Schluss sei ein bezügliches Gedicht Platens citirt:

1) August Graf von Platen-Hallermünde. Biographie: in den gesammelten Werken des Grafen August von Platen. Stuttgart und Tübingen, 1853.

2) Adolf Strodtmann, H. Heines Leben und Werke. Berlin 1873. II. Aufl. 2 Bde.


Ludwig II. von Bayern.

Qualvolle Stunden hast du mir bereitet,
Die aber nie an dir der Himmel räche,
Sonst mussten fliessen deine Thränenbäche,
Wenn von der Lippe dir mein Name gleitet.

Doch bis Gewissheit jeden Wahn bestreitet,
Will gern ich dich, und thät' ich es aus Schwäche,
Vertheid'gen, Freund! von auf der Oberfläche
Geschöpften Zufallsgründen nie verleitet.

Zwar würd' ich kaum dir zum Vertheid'ger taugen,
Doch stets bedienst du dich als deiner bei den
Fürsprecher listig meiner beiden Augen:

So lang sie sich an deinem Blicke weiden,
So müssen Liebe sie aus ihm sich saugen,
Du aber lies' in ihrem Blick mein Leiden!

Als historischen Urning nenne ich endlich noch den unglücklichen König Ludwig II. von Bayern. Es scheint kaum zweifelhaft, dass bei ihm conträre Sexualempfindung in vollstem Maasse bestand. Ireland hat in seiner Broschüre „Herrschermacht und Geisteskrankheit" an der Hand verschiedener anderer Arbeiten (von E. P. Evans und Franz Carl*) eine psychiatrische Studie über den König veröffentlicht, der ich das folgende entnehme. Noch lange bevor die officielle Erklärung über die Geisteskrankheit des Königs erschien, scheint seine conträre Sexualempfindung deutlich vorhanden gewesen zu sein. Die Gleichgültigkeit, ja sogar die Abneigung gegen das weibliche Geschlecht war bekannt und zeigte sich in vielfachen Erscheinungen, während er an Männer die zärtlichsten Briefe schrieb, zärtlicher als ein Bräutigam an seine Braut. Dass über seine Männerliebe viel gesprochen wurde, ist sicher; dass aber von maassgebender Seite dieser Punkt stets übergangen wurde, deutet, wie Ireland meint, eher für als gegen die Annahme, dass es sich um eine Urningsnatur gehandelt habe. Ob die Misshandlungen, die manche Männer aus seiner Umgebung erfuhren, in der Grausamkeit des Sadisten 1) ihre Erklärung finden, bleibe dahin gestellt. Jedenfalls scheint der König in der letzten Zeit seines Lebens am Schmerze anderer und an der Menschenquälerei lebhaftes Vergnügen empfunden zu haben. Die Persön-

1) Vgl. unten über Sadismus.


54 v. Debschitz.

lichkeiten, die im sexualen Leben des Königs eine Solle spielten, sind zum Theil noch am Leben. Es scheint übrigens, dass der König seine psychische Liebe unabhängig von der Befriedigung des sexualen Actes bestimmten Männern geschenkt hat.

Ich könnte die Ausführungen über historische Urninge noch erweitern; zu ihnen werden von einigen mit mehr oder weniger Recht, z. B. Karl XII. von Schweden, Wilhelm von Oranien und viele andere gerechnet. Ich breche die Auseinandersetzungen hierüber ab und weise nur noch wegen der allgemeinen Bedeutung auf einen Fall des XVII. Jahrhunderts hin, da er ähnlieh wie Vorgänge in unserer Zeit ohne Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung schwer verständlich ist. Es mag überhaupt manche Begebenheit, die nicht aufgeklärt ist, mancher Mord und auch Selbstmord seine Quelle in der conträren Sexualempfindung

haben.

Ein Fall, der seiner Zeit grosses Aufsehen erregte und den ich dem ersten Bande von „Friedrich Bülaus Geheimen Geschichten und rätselhaften Menschen II. Aufl." entnehme, betrifft die Ermordung von Heinrich Gottlob von Debschitz auf Langenau im Alter von 35 Jahren im Jahre 1692. Die Familie des Ermordeten gehörte zu den angesehensten der Gegend. Erwähnt ist nirgends, dass die Männerliebe bei dem Morde mitspielte. Wie soll man es aber sich erklären, dass der Mörder Braun v. Merzdorf, der sein Opfer vorher nie gesehen, unmittelbar nachdem er den im Bette liegenden Mann geküsst und geherzt hatte, ihn erstach, als er an weiteren Liebkosungen verhindert werden sollte? Eine plötzlich entflammte Liebesleidenschaft dürfte sehr wohl zur Erklärung genügen.





nächster Abschnitt        voriger Abschnitt        Einführung/Inhaltsverzeichnis
www.schwulencity.de = www.queernet.de = www.queer-net.de
Zeittafel Home hs - homosexuelle Selbsthilfe schwule Bücher Links