III. Moderner Uranismus.

1) Sociales.

Was die Zahl der Urninge betrifft, so ist es ganz unmöglich, genau anzugeben, welchen Procentsatz der Bevölkerung sie ausmachen. Selbstverständlich können auch die Behörden hierbei sichere Angaben nicht machen, da sie sich nur mit denjenigen Fällen zu beschäftigen haben, die straffällig sind, d. h. denjenigen, die sogenannte widernatürliche Unzucht treiben. Viele andere dagegen kommen überhaupt gar nicht zur Anzeige, sind der Polizei und den Gerichten vollständig unbekannt.

Die dann und wann einmal mir von verschiedenen Leuten genannten Zahlen, z. B. dass es in Berlin allein 4000 Männer gäbe, die für Geld feil seien, muss ich als willkürlich bezeichnen. Ich kann nur sagen, dass ich mehrere hundert, etwa 3 — 400 Berliner Urninge gesehen und beobachtet, und von etwa 100—200 Urningen gehört habe. Nach diesem ungefähren Bilde kann ich sagen, dass sich die Zahl der Berliner Urninge mindestens auf 500 beläuft; dass aber in Wirklichkeit diese Zahl wesentlich überschritten wird, kann ich mit grösster Wahrscheinlichkeit sagen. Ob es aber 3000 oder 10 000 oder sogar, was ich nicht für ausgeschlossen halte, noch mehr Urninge in Berlin giebt, darüber kann ich mit Sicherheit nicht urtheilen.

Es kommt hinzu, dass es in der Bevölkerung eine Menge Individuen giebt, über deren krankhafte geschlechtliche Neigungen, trotzdem sie vorhanden sind, weder der Arzt noch irgend jemand etwas genaues erfährt; dies ist z. B. bei Knaben der Fall, die zweifellos zum grossen Theile, wie sich aus der Entwicklungsgeschichte einzelner Urninge ergiebt, bereits conträre geschlechtliche Triebe haben.

Von einigen Städten geben Urninge an, wie viele Urninge sie daselbst kennen. Von Magdeburg hat ein Urning mir mit-getheilt, dass er daselbst mindestens 70 Urninge kenne; dass die Zahl derselben dort in Wirklichkeit bedeutend grösser sei, ist


56 Zahl der Urninge,

wahrscheinlich. Ob übrigens in grossen Städten der Uranismus mehr gedeiht als in kleinen, und ob er auf dem Lande schwächer vertreten ist als in den Städten, kann ich nicht mit Sicherheit angeben. Die meisten Homosexualen, über die wissenschaftliche Beobachtungen vorliegen, haben in Städten entweder dauernd oder doch längere Zeit gelebt; dennoch darf hieraus unter keinen Umständen einfach auf eine Einwirkung der Verführung geschlossen werden. Auch v. Krafft-Ebing theilt mehrfach Daten über die Zahl der Urninge in einzelnen Städten mit. Ein Patient von v. Krafft-Ebing giebt an, dass er in einer Stadt von 13000 Einwohnern 14 Urninge, in einer Stadt von 60000 Einwohnern 80 kenne; v. Krafft-Ebing hält den Mann für glaubwürdig, meint aber, dass er nicht genug zwischen angeborener und erworbener Männerliebe unterscheide.

Nach Ulrichs (Gladius furens, Kassel 1868) lebten damals in Deutschland etwa 25000, in Preussen etwa 10000—12000, in Berlin etwa 500 —1000 erwachsene Urninge. Durchschnittlich rechnete der Verfasser auf 2000 Seelen resp. auf 500 erwachsene Männer l erwachsenen Urning. Ulrichs, der selbst Urning ist, und dessen Arbeiten infolgedessen sonst eine sehr subjective Färbung zeigen, dürfte hierin sich kaum einer Uebertreibung, eher einer Unterschätzung schuldig machen, wenn natürlich auch genauere Beurtheilungen sehr schwer sind.

Man darf sonst nicht alles für baare Münze nehmen, was die Urninge hierüber sagen; es wohnt vielen die Neigung inne, die Zahl sehr zu übertreiben; ich kenne Urninge, die fast von jedem dritten, ja von jedem zweiten Manne sagen, dass er Urning sei und die unglaublichsten Dinge über Liebesverhältnisse der Leute erzählen. Allgemein bekannte Personen werden hierbei von den Urningen mit Vorliebe für homosexual erklärt, so dass man nicht vorsichtig genug sein kann, wenn man diese Angaben auf ihre Zuverlässigkeit hin prüfen will.

Ebensowenig wie die Liebe des Mannes zum Weibe ein Privilegium bestimmter Klassen ist, ebenso scheint sich die con-träre Sexualempfindung in allen Ständen, von den niedrigsten bis zu den höchsten hinauf zu finden. Nach dem Eindruck, den ich gewonnen habe, scheint mir die bessere Gesellschaftsklasse verhältnissmässig eher stärker beteiligt zu sein als schwächer. Es kann dies nicht verwundern, wenn wir bedenken, dass nervöse Ver-


Beruf der Urninge. 57

anlagung das günstigste Feld für conträre Sexualempfindung bildet, und wenn wir berücksichtigen, dass jene ganz wesentlich in den besser gestellten Kreisen gefunden wird. Jedenfalls betont aber Mantegazza mit Recht, dass die Urninge keineswegs sich ausschliesslich in der Hefe des Volkes finden, dass sie vielmehr in Kreisen sich zeigen, die in Bezug auf Bildung, Reichthum und sociale Stellung zu den besten gerechnet werden. So finden sich z. B. zweifellos auch unter dem Geburtsadel sehr viele Urninge.

Die mir bekannten Urninge vertheilen sich auf zahlreiche Berufsarten. Ich weiss Urninge unter Juristen, Medicinern, Theologen, Philologen, Kaufleuten, Offizieren, Schriftstellern, Schauspielern, Handwerkern, Gärtnern, Arbeitern u. s. w. Dennoch scheint es einzelne Beschäftigungsarten zu geben, in denen sich eine relativ grössere Zahl von Urningen befindet, als in anderen, obwohl genauere statistische Berechnungen auch hier nicht möglich sind. Die betreffenden Berufsarten, die ich meine, sind: Schauspieler, Schriftsteller, Blumenarrangeure, Tapezierer, Decorateure, Köche, Friseure, Damenschneider und Damenkomiker. Es scheint, dass viele Urninge sich ihrer weiblichen Natur zufolge überhaupt zu Beschäftigungen hingezogen fühlen, die mehr dem weiblichen Charakter entsprechen. Hierzu gehört entschieden die Befähigung zu hübschen Arrangements, zur Verfertigung von Decorationen, Damentoiletten etc. Dass Urninge gern als Damenkomiker sowohl öffentlich als in Privatgesellschaften auftreten, ist leicht erklärlich; ihnen kommt ihre Fistelstimme sowie die Fähigkeit, weibliche Bewegungen mit grösster Eleganz auszuführen, bei diesem Berufe zu statten.

Von spiritistischen Medien giebt Ed. v. Hartmann1) an, dass sie mitunter sexuelle Perversionen haben. Mir wird privatim der Name eines solchen Mediums genannt, das vor einigen Jahren viel Aufsehen erregte, und das an conträrer Sexualempfindung litt.2) .

Wenn es nun auch gewisse Beschäftigungsarten giebt, denen die Urninge mit Vorliebe sich zuwenden, so darf daraus nicht etwa geschlossen werden, dass man bei Mitgliedern dieser Berufsklassen mit grosser Wahrscheinlichkeit auf conträre Sexualempfindung schliessen kann. Wenn wir z. B. annehmen, dass unter 100 Ur-

1) Nachträge zur Phänomenologie des Unbewussten.

2) In einem Briefe, der sich auf diese Person bezog, und der mir freundlichst zur Verfügung: gestellt wurde, ist die Sache allerdings so dargestellt, als ob es sich bei ihr um einen somatischen Hermaphroditen handelte; körperliche Hermaphrodisie hat aber mit conträrer Sexualempflndung, wie v. Krafft-Ebing mit Recht betont, nichts zu thun.


58 Beruf der Urninge.

ningen vielleicht 10 sich befinden, die Damenschneider sind, und wir nehmen andererseits an, dass auf 500 Einwohner ein Damenschneider kommt, so wird bei der grossen Zahl der Damenschneider die Zahl der Urninge unter ihnen zurücktreten, und es tritt ein für den Laien wesentlicher Procentsatz hierbei unter den Damenschneidern nicht hervor. Nur ein Beruf scheint mir sehr verdächtig, und ich glaube, dass eine sehr grosse Zahl von dessen Mitgliedern sexual conträr veranlagt ist, nämlich die Damenkomiker; die Männer, die mit Vorliebe in Damenrollen1) auftreten und hierbei gerade durch ihre Alt- oder Sopranstimme grossen Beifall erringen, scheinen sehr oft conträre Sexualempfindung zu haben.

Was die Urninge unter den Soldaten betrifft, so glaubte ein Urning, mir über diese die Mittheilung machen zu können, dass sie zum Waffendienst selten Neigung haben, dass sie daher, wenn sie Berufssoldaten sind, mehr zu theoretischen Leistungen sich hingezogen fühlen. Doch wurde diese Angabe von anderer Seite bestritten. Erwähnt sei übrigens, dass mehrere grosse Feldherren, Julius Cäsar, Karl XII., Tilly u. s. w. bei Urningen im Ruf der Männerliebe stehen. Doch konnte ich bei einigen derselben, besonders bei Tilly, ausser den darauf bezüglichen Traditionen in Urningskreisen keinen Anhaltspunkt gewinnen. Den einfachen Umstand, dass Tilly jeden Verkehr mit dem Weibe mied, als einen Beweis zu betrachten, dass er der Männerliebe gehuldigt, ist falsch. Auch Prinz Eugen ist der griechischen Liebe beschuldigt worden.2)

Interessant wäre es auch, genau den Procentsatz, in dem die Juden unter den Urningen vorkommen, zu wissen. Sicher ist es, dass es eine Anzahl jüdischer Urninge giebt: mir sind verschiedene

1) Dass übrigens Frauenrollen auch durch normal fühlende heterosexuelle Männer sehr oft gespielt werden und mit Erfolg gegeben werden, bedarf nicht der Erwähnung. Es kann vor nichts bei derartigen Fragen so sehr gewarnt werden, wie vor unberechtigter Verallgemeinerung. Vgl. übrigens zu dieser Frage Göthes Aufsatz: „Frauenrollen auf dem Römischen Theater durch Männer gespielt" Göthe sagt hier: „. . . Der Jüngling hat die Eigenheiten des weiblichen Geschlechts in ihrem Wesen und Betragen studirt; er kennt sie und bringt sie als Künstler wieder hervor, er spielt nicht sich selbst, sondern eine dritte und eigentlich fremde Natur . . ."

2) Vergl. hierüber J. D. E. Preuss, Friedrich der Grosse, I. Bd., Berlin 1832, wo auch derartige Gerüchte in Bezug auf Friedrich den Grossen besprochen werden. Voltaire, der gegen den König sehr gereizt war, sowie Formey und Büsching haben derartige Gerüchte über den grossen König veranlasst; Preuss lässt die Frage der Knabenlieoe des Königs unentschieden.


Alter der Urninge. 59

davon bekannt. Doch soll nach Mittheilung eines auf diesem Gebiete erfahrenen Herrn die Zahl der Juden unter den Urningen entsprechend dem Procentsatz in der Bevölkerung eher kleiner als grösser sein, was aber mit Gocks1) und Herrn N.N.'s Erfahrungen sich nicht deckt; mir scheinen die Juden in ungefähr dem ihnen zukommenden Verhältnisse betheiligt zu sein.

Ueber das Alter der Urninge kann ich folgendes angeben: der jüngste der mir bekannten ist 16 Jahre, der älteste 68 Jahre alt, doch zeigt sich aus Fragen, die ich an die erwachsenen Urninge gerichtet, dass diese bereits im Alter von 10 und 12 Jahren, ja noch früher den perversen Trieb empfanden. Ich kenne sogar einen Fall, wo bis ins dritte Lebensjahr das Entstehen der krankhaften Affection verfolgt werden kann, wo bereits zu dieser Zeit eine auffällige Zuneigung zu Männern bestand. Es kann sonach nicht bezweifelt werden, dass auch unter der jetzigen männlichen Bevölkerung, die unter 36 Jahren ist, eine grosse Anzahl Urninge sich befindet. Hierzu kommt, dass gerade bei der conträren Sexualempfindung der Geschlechtstrieb durchschnittlich zeitiger geweckt wird als bei Leuten, die normalen Geschlechtstrieb besitzen. Ob der krankhafte Geschlechtstrieb in einem früheren Alter erlischt als der normale, vermag ich nicht anzugeben. Von dem oben erwähnten Herrn, der sich Ende der 60er befindet, weiss ich nur, dass er heute seinen Trieb etwas seltener befriedigt, dass er früher durchschnittlich die Woche zweimal, jetzt nur einmal mit einem männlichen Individuum Umgang haben muss. Dass übrigens auch Leute noch im höheren Alter ihren perversen Trieb haben und befriedigen, weiss ich aus sicheren Quellen, wenn ich auch die Leute persönlich nicht kenne. Ein vor einiger Zeit ver-

(Fortserzung der Fußnote von der vorigen Seite)
Zweifellos hatte der König genügend Feinde, die sich ein Vergnügen daraus machten, falsche Beschuldigungen gegen ihn zu erheben. Berücksichtigt man ausserdem die Klatschsucht der damaligen Zeit, und, wie Preuss sehr richtig hervorhebt, auch des Königs literarische Werke, so erscheint es durchaus denkbar, dass alle auf Knabenliebe des Königs bezüglichen Gerüchte gänzlich grundlos waren.

1) Gock war es aufgefallen, dass seine zwei Fälle von contrarer Sexualempfindung (ein männliches und ein weibliches Individuum) Israeliten waren, und er glaubte, dies auf den orientalischen Ursprung zurückführen zu müssen. Die neuere Casuistik hat diese Annahme bereits als irrig bewiesen. In Deutschland sind übrigens nach Herrn N. N.'s Erfahrungen wohl keine wesentlichen Differenzen in dem procentualischen Verhältniss der Urninge unter Juden und Germanen vorhanden; wie überhaupt nach seiner Ansicht Urninge sich in allen Klassen gleichmässig finden, ohne dass eine mehr bevorzugt sei als die andere.


60 Somatische Eigenthümlichkeiten,

storbener Herr von 82 Jahren, der in diesem Alter ebenso wie früher seine conträre Sexualempfindung hatte, wurde, entsprechend dem Brauche der Urninge, sich und die Leidensgefährten weiblich zu benennen, allgemein als die Grossmama bezeichnet.

Wenn auch die conträre Sexualempfindung des Mannes darin besteht, dass das psychische und besonders das sexuale Empfinden conträr ist, obwohl es sich um einen körperlich und anatomisch normalen Mann handelt, so untersuchte man dennoch, ob nicht auch am Körper gewisse Veränderungen sich zeigten, die man als mit der conträren Sexualempfindung zusammenhängend ansehen musste.

So soll mitunter das membrum virile Abweichungen darbieten. In einigen Fällen soll bei Urningen sich ein auffallend kleiner Penis etwa in der Grösse wie sonst bei einem kleinen Kinde zeigen. In anderen Fällen wird angegeben, dass er auffallend lang sei. Ein Urning, den v. Krafft-Ebing 1) genauer beschreibt, giebt an, dass sein Penis von jeher auffallend gross war, und dass er in erigirtem Zustande 24 cm lang sei, 11 cm im Umfang habe. Doch findet sich bei den meisten entschieden keine Abweichung. Ebenso zeigen die Hoden keinerlei Veränderung, wenigstens nicht in dem Sinne, dass man sie durch eine gewöhnliche Untersuchung constatiren könnte. Bei einem Fall von Westphal waren die Hoden nur von mässigem Umfang und liessen sich leicht in den Leistenkanal hinaufschieben; doch kann hier kaum von einem engeren Zusammenhange zwischen dieser Abnormität und der conträren Sexualempfindung gesprochen werden.

Die Erectionen der Urninge sind im allgemeinen gut und kräftig; das Glied hat in erigirtem Zustande dieselbe Richtung wie beim normalen Manne. Dass natürlich in Fällen, wo viel Onanie getrieben worden ist, mitunter Mangel an Erection eintritt, ist ebenso selbstverständlich, wie bei den Männern, die, mit normalem Geschlechtstriebe versehen, dem Weibe gegenüber keine genügende Erection zeigen. Ein Arzt, der v. Krafft-Ebing seine ausführliche Krankengeschichte berichtet hat, erklärt ausdrücklich, dass er mit mindestens 600 Urningen geschlechtlich verkehrt, dass er aber eine abnorme Bildung der Genitalien bei ihnen nie constatirt habe.

l} Beobachtung 80.


Psychische. Eigenthümlichkeiten. 61

Die Haare an den Genitalien sind übrigens, wie mir scheint, gewöhnlich gut entwickelt. Hingegen haben einige Urninge am Körper nur wenig Haare, selbst wenn sie einen gut entwickelten Bart haben. Uebrigens sieht man gelegentlich auch solche, bei denen der Bart auffällig wenig entwickelt ist. Mir ist ein Urning bekannt, der, trotzdem er bereits Mitte der 20er Jahre steht, fast gar keinen Bart hat, und in dessen Familie, trotzdem sich in ihr conträre Sexualempfindung nicht zu finden scheint, allgemein nur schwacher Bartwuchs vorkommt.

Angegeben wird mitunter, dass sich bei Urningen eine Mammaentwickelung zeige, und ein Urning aus v. Krafft-Ebings Beobachtungsmaterial giebt an, dass er sogar von 13 bis 15 Jahren Milch in seinen Brüsten gehabt habe, die ihm ein Freund aussog (??). Ich habe wohl bei einigen Urningen eine auffallende Fettansammlung an den den Mammabrüsten entsprechenden Stellen gefunden, die wohl eine gewisse weibliche Rundung annehmen kann, habe aber eine typische Mammaentwickelung nicht beobachtet. Einige Urninge zeichnen sich durch einen auffallend kleinen weiblichen Fuss aus.

Unter den Neigungen der Urninge findet man nicht selten grosse Vorliebe für Kunst und Musik sowohl zu activer Bethätigung als auch zu passivem Genuss. Auch Coffignon führt als etwas sehr häufiges bei den Urningen deren grosse Neigung zur Musik an. Künstlernaturen finden sich sehr oft unter den Urningen; besonders ein ausgesprochenes Schauspielertalent ist bei einigen auffallend. Woher dies kommt, ist zweifelhaft; ich glaube, dass. man die grosse Lüge, mit der die Urninge durch das Leben ziehen, für die Ursache ihrer besonderen Schauspieleranlage betrachten darf. Ausserdem scheint es mir, dass die Fähigkeit, sich in andere Situationen hineinzudenten und sie meisterhaft durchzuführen, sowie die Neigung hierzu ebenso einer abnormen Anlage des Centralnervensystems entspricht, wie die conträre Sexualempfindung.

Uebrigens glaube man nicht etwa, dass die Urninge nur einer hervorragenden Thätigkeit ihrer Phantasie fähig sind. Es giebt vielmehr zweifellos Fälle, wo Urninge wissenschaftlich thätig sind und wissenschaftliches leisten, obwohl mir viele Beobachtungen nach dieser Richtung hin nicht bekannt sind.

Auch in Dichtungen leisten Urninge mitunter hervorragendes; besonders allerdings in Liebesgedichten, die sie an Männer richten. Sie fühlen hierzu oft einen ebenso mächtigen Drang, wie der weibliebende Jüngling zum Besingen seiner Geliebten.


62 Effeminatio.

Die von Ulrichs betonte strenge Religiosität vieler Urninge, die besonders, wenn sie älter werden, mehr zum Durchbruch kommen soll, weil sie bei ihrem verfehlten Leben die Neigung haben, sich an etwas anzuklammern, findet sich nur in einem kleinen Theil der Fälle.

Es kann unter Umständen vorkommen, dass das ganze Auftreten, die Bewegung, der Charakter und die Kleidung, wenn das sexuelle Empfinden ein conträres wird, umgeändert werden und einen weiblichen Grundzug erhalten; man spricht dann von einer Effeminatio. Schon Ramdohr meinte, dass eine Person, die man nach den äusseren Kennzeichen zu den Frauenspersonen zählt, oft mehr männliche Anlage habe, als diejenige, welche man gewöhnlich zu den Männern rechnet. Der Fall des Grafen Cajus, den Casper beobachtet und beschrieb, war dadurch besonders interessant, dass Casper selbst das weibische Wesen des der Päderastie Angeklagten auffiel. Auch Tardieu hat bei der Charakterisirung der Päderasten auf ihr weibisches Verhalten hingewiesen. Die Neigung, sich vollständig als Weib zu fühlen, soll in einem von Hammond 1) berichteten Fall so weit gegangen sein, dass der Patient öfter daran dachte, sich seine Genitalorgane abzuschneiden.

Uebrigens kann es nach den Erfahrungen der Psychologie und Physiologie nicht verwundern, dass neben dem abnormen sexuellen Empfinden auch in dieser Weise sich weibliche Eigenschaften entwickeln. Longet sagt mit Recht, dass in demselben Maasse, wie neue Organe sich entwickeln, wie neue Functionen sich einstellen, auch neue Ideen auftreten. Wir können es darnach begreifen, wie im Anschluss an die geschlechtliche Neigung zu Männern bei Urningen sich gewisse Ideen, die mit der Neigung zum Mann normaliter beim Weibe vorhanden sind, sich zeigen, z. B. Putzsucht, Coquetterie u. s. w.

Schon in der Kindheit pflegt diese Neigung zum weiblichen Auftreten sich zu zeigen. Ein Beispiel soll dies demonstriren. X, jetzt 28 Jahre alt, hat niemals etwas für das Weib empfunden. Als kleines Kind liebte er es, mit Puppen zu spielen, in Mädchenkleidern herumzugehen, Handarbeiten zu machen. Auch heute noch

1) William A Hammond, Sexuelle Impotenz heim männlichen und weiblichen Geschlecht. Deutsche Ausgabe von Leo Salinger. Berlin 1889.


Einfluss der Erziehung. 63

würde er am liebsten, statt seiner Beschäftigung nachzugehen, sich mit Kochen, Sticken u. s. w. beschäftigen; er würde gern in Damenkleidern herumlaufen; X hat keinen Bart, er verabscheut es, einen solchen zu tragen, und zwar in dem Maasse, dass er sich nur einen Barbier nimmt, der auch das letzte Härchen wegrasirt. X kann ganz deutlich mit Fistelstimme sprechen. Ich bat ihn um eine kleine Probe, bei der ich in der That ein durchaus weiblich scheinendes Organ fand. Er geht sehr oft in Privatgesellschaften als Damenkomiker und erntet hierbei reichlichen Beifall.

Ulrichs weist darauf hin, dass die Beziehungen, die Umgebung, in der die Urninge aufwachsen, die sociale Stellung, die man ihnen giebt, männliche Manieren ihnen oft künstlich anerziehen. Den Mann spielen wir nur, so erklärte, er, „wir spielen ihn, wie auf dem Theater Weiber ihn spielen". Die Urninge bedauern es bereits als Kinder, dass sie von den Mädchenspielen ferngehalten werden, dass es ihnen nicht gestattet wird, sich an weiblichen Handarbeiten zu betheiligen.

Es ist in der That auffallend, wie mächtig bei den Urningen oft das weibliche Benehmen sich zeigt. Wenn man berücksichtigt, dass doch die Erziehung derartiger Knaben der anderer gleich ist, so ist es wunderbar, mit welcher Stärke trotzdem die weibliche Natur bei ihnen schliesslich durchbricht. Es ist das um so auffallender, als erstens viele Urninge diejenigen Männer nicht lieben, die viel vom weiblichen Wesen an sich tragen, vielmehr normale kräftige Männer vorziehen; und zweitens die Urninge sich durch weibisches Benehmen in den Augen normaler Männer verächtlich machen; dennoch gewöhnen sie jenes sich an, wie wenn ein innerer Trieb sie dazu drängt.

Der weibliche Gesichtstypus der Urninge, die weiblichen Bewegungen treten oft dann am deutlichsten hervor, wenn man sie in Weiberkleidern sieht; Männerkleider geben selbst einem weiblichen Typus sehr leicht ein männliches Aussehen, infolge der in unserer Seele eingewurzelten Associationen, die mit der männlichen Kleidung auch den Begriff des Mannes in uns wecken. Hat man aber Gelegenheit, sei es in natura, sei es auf Photographieen, die Urninge in Weiberkleidern zu sehen, so wird man sich sehr leicht täuschen und statt eines Mannes ein Weib vor sich zu haben glauben. Ich weiss einen Fall, wo ein sehr erfahrener und gewiegter Criminalbeamter sich eine Zeitlang täuschte.

Wie die Neigung das Weibische anzunehmen und besonders weibliche Toilette zu tragen bei manchen dieser Leute vorwiegt,


64 Elise Edwards; Homo mollis.

zeigt eine von Taylor in „Medical Jurisprudence 1873, Band II" angeführte Beobachtung, die ich Tarnowsky entnehme. Es handelt sich hier um eine angebliche englische Schauspielerin Elise Edwards, die als solche vielfach herumreiste, aber schliesslich, als sie gestorben war, sich als ein Mann erwies. Derselbe hatte von früher Jugend an immer nur weibliche Manieren, insbesondere auch die Neigung weibliche Toiletten zu tragen, gezeigt. Seine Geschlechtstheile waren durch einen Apparat so an den Körper befestigt, dass man sie nicht leicht erkennen konnte. Dies scheint übrigens auch gelegentlich selbst heute noch vorzukommen, wie ich nach Andeutungen eines in diesen Kreisen wohl bekannten Mannes annehmen muss.

H. Fränkel 1) hat in den 50 er Jahren einen Mann beschrieben unter dem Titel „Homo mollis": dieser hatte die Neigung, so oft er konnte, sich als Weib zu verkleiden. Infolge seiner Beschäftigung mit weiblichen Arbeiten soll er zu einer gewissen weiblichen Eitelkeit gekommen sein. Sorgfältig wusste er sich Hüften und Brüste auszustopfen u. s. w. Diese anfängliche Liebhaberei wurde später dem Betreffenden zu einem inneren Triebe; der Gang, die Stimme, alles wurde allmälig weiblich; der Mann gab sich einen weiblichen Vornamen u. s. w. Er war ausserdem, wie festgestellt wurde, passiver Päderast. Westphal, dem ich diesen Fall entnehme, glaubt einen Theil der Neigung des Patienten auf seinen Schwachsinn zurückführen zu müssen; insbesondere seine Neigung, sich einen weiblichen Namen zu gehen. Wahrscheinlich aber ist die ganze Auffassung des Falles eine umgekehrte; der Betreffende hatte von Anfang an eine weibliche Veranlagung: seine Beschäftigung mit weiblichen Gegenständen, seine Neigung sich weiblich zu kleiden, entsprachen jener; sie war so mächtig, dass vielleicht auch ohne eigentlichen Schwachsinn er sich immer mehr zu dem weiblichen Wesen hingezogen fühlte. Seine sexuale Veranlagung war eine conträre und stand im engsten Zusammenhange mit seinem sonstigen Auftreten. Westphal selbst übrigens glaubt auch, dass die Auffassung von Fränkel, es habe sich durch Beschäftigung mit weiblichen Arbeiten erst der weibische Typus entwickelt, auf Verwechslung von Ursache und Wirkung beruhe.

Der jetzt zu schildernde Fall aus Berlin ist mir persönlich,

1) Medicinische Zeitung, herausgeben von dem Verein für Heilkunde in, Preussen 1853, Bd. XXII, S. 102.


Männer in Weiberkleidung. 65

bekannt. Er spielt in der allerneuesten Zeit, und zwar habe ich ihn vor ca. 2 Monaten beobachtet. Ein hiesiger Urning, der sich vollständig als Weib fühlt und nur mit Männern sexuell verkehren kann, liebt es, in weiblicher Kleidung zu gehen. Ich habe ihn einmal in Begleitung eines Criminalbeamten genau in einem geschlossenen Lokale beobachtet. Der Urning war hierbei in weiblicher Kleidung. Ganz erstaunt war ich, als ich ihn nach einigen Tagen ebenso wie später in der Friedrichstrasse gleichfalls als Weib gekleidet gehen sah.

Die Polizei hat ein Interesse daran, derartige Dinge zu unterdrücken, da sie besonders bei Diebstählen sehr leicht durch in Weibercostüm gekleidete Männer auf eine ganz falsche Fährte geleitet wird. Die Leute werden deswegen oft wegen groben Unfugs mit Haft bestraft; dennoch vermögen alle Strafmandate die Leidenschaft mancher in weiblicher Kleidung zu gehen, nicht auszurotten.

Der Betreffende, den ich erwähnte, fühlt sich nur in weiblicher Kleidung wohl; aber noch mehr, er ist gezwungen, um seiner geschlechtlichen Begierde Genüge zu thun, als Weib aufzutreten. Was ihn nämlich, ebenso wie viele andere Urninge, auszeichnet, ist, dass er keinerlei Neigung zu andern Urningen hat. Er wird vielmehr nur durch vollständig männliche Personen 1) mit kräftigem Barte angezogen. Die Neigung besteht bei ihm, mit diesen dadurch den Act zu vollführen, dass er deren membrum in os proprium immittit, wobei er alicui parti corporis alterius membrum suum applicat. Da er nun unter Männern schwer einen findet, der diesen Act mit ihm ausführt, so nimmt er zu einem Betruge seine Zuflucht. Er sucht nämlich die Aufmerksamkeit von Männern, die ihm gefallen, zu erregen; diese werden dabei in den Glauben versetzt, dass jener weiblich Gekleidete ein Weib sei. Wenn er sich nun jenem anderen Manne genähert hat, so stellt er ihm dar, dass doch coitus vulgaris non tantam voluptatem offert quantam immissio membri in os. Membrum suum occulit dadurch, dass er es, so lange es nicht in Erection geräth, femoribus suis obtegit; das darüber gelegte Hemde, die Hände u. s. w. vervollständigen den Betrug. Brüste aus Gummi sind ein weiteres Mittel, den anderen zu täuschen.

Es unterliegt übrigens keinem Zweifel, dass eine Reihe anderer Leute gleichfalls in dieser Weise vorgeht, um ihre libido zu be-

1) D. h solche, die sexuell normal veranlagt sind.

Moll, Contr. Sexualempfindung. 6


66 Weibische Kleidung.

friedigen. Von gut unterrichteter Seite1) wird mir mitgetheilt, dass ein Berliner Urning längere Zeit als Kellnerin thätig war, weil es ihm eben mehr behagte, ganz als Weib aufzutreten.

Wir sahen im Vorhergehenden, dass viele Urninge sich mit Vorliebe vollständig der weiblichen Kleidung bedienen; aber auch in Bezug auf einzelne Theile der Kleidung zeigt der Urning oft seinen weibischen Charakter; so finden wir, dass er mit Vorliebe die Haare gelockt trägt, und dass er sie auch sonst nach weiblicher Art ordnet. Er bemalt sich die Augenbrauen, liebt Schmuckgegenstände, Armbänder; selbst Ohrringe tragen Männer mit conträrer Sexualempfindung häufig, wenn sie untereinander sind. Nur selten lassen sie sich freilich das Ohrläppchen durchstechen, gewöhnlich werden die Ohrringe mit Federn befestigt.

Viele Urninge lieben es decolletirt zu gehen, manche pflegen, ähnlich wie die Damen, gern ein Taschentuch in der Hand zu halten; auch spielt der Fächer eine grosse Rolle; das Spielen mit ihm gewährt ihnen einen eigenthümlichen Reiz. Manche Toilettengegenstände, die dem Blick entzogen sind, wählt der Urning nach weiblichem Typus. So kenne ich Urninge, die nur lange Damenstrümpfe tragen, und denen das Tragen kurzer Socken geradezu peinlich ist. Manche Urninge tragen Schuhe, die nicht nur hohe Absätze haben, sondern auch sonst in der ganzen Form dem weiblichen Schuh ähneln.

Die Urninge lieben es, bei vielen Gelegenheiten ein Corsett anzuziehen und dieses zu schnüren, um eine möglichst schmale Taille zu erhalten. Von einem weiss ich, dass er meistens ein Centimetermaass bei sich hat, um anderen zu zeigen, eine wie enge Taille er habe. Dieselbe betrug, wenn er sich schnürte, 54 cm. Einige schnüren sich hierbei so stark, dass schwere Ohnmachten beim Tanzen auftreten. Ein Urning hängt sich regelmässig auf, während sein Corsett geschnürt wird, damit es möglichst eng zusammengehe.

Wenn die Urninge zu einer Gesellschaft gehen, zu einem Ball oder dergleichen, so lieben sie es, sich nach Art der Weiber zu schminken und zu pudern. Was manche Urninge dadurch erreichen, ist allerdings geradezu fabelhaft, ihre Geschicklichkeit darin, sich jugendlich zu machen, ist in vielen Fällen eine ganz ungewöhnliche. Natürlich bestreiten die Urninge es ebenso, dass sie

l) Es ist mir von dieser Quelle auch der Name des betreffenden Urnings genannt worden. Der Herr, der mir die bezügliche Mittheilung machte, ist der competenteste Kenner der Berliner Urninge.


Toilettenkünste der Urninge. 67

sich schminken und pudern, wie es gewöhnlich die Damen thun, die zu derartigen Toilettenkünsten ihre Zuflucht nehmen. Ein Urning, der mir selbst zahlreiche Mittheilungen über das Leben der Urninge machte, erklärte mir sogar, als ich ihm meine Absicht dieses Buch zu schreiben, mittheilte, dass wohl nichts in diesem Buche die Urninge so sehr ärgern könnte, wie wenn ich erklärte, dass sie Toilettenkünste lieben. „Sagen sie", dies sind die Worte jenes Herrn, „dass die Urninge von schlechtem Charakter, dass sie zu Diebstählen, allen möglichen schlechten Handlungen geneigt sind. Nichts verletzt die Eitelkeit so sehr wie die offene Mittheilung von Toilettenkünsten".

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass auch in Xenophons Gastmahl bereits davon gesprochen wird, dass Männer sich mit wohlriechenden Salben parfümiren; doch tadelt dies Sokrates als der Männer unwürdig.

Viele Urninge lieben es auf parfümirtem Papier zu schreiben.

Alle ihre weiblichen Gewohnheiten wissen die Urninge, wenn sie wollen, zu verbergen, so dass der ferner Stehende nichts davon merkt; nur wenn sie sich gehen lassen, zeigen sie jene. Einige Urninge tragen übrigens gar keine Scheu, ihre Effeminatio zur Schau zu tragen.

Viele Urninge, die überhaupt an das Weib erinnern, lassen sich den Bart vollständig abrasiren, nicht etwa um die Neigung anderer Urninge dadurch zu gewinnen, sondern vielmehr aus einem gewissen Hang1), äusserlich möglichst das Weibliche anzunehmen. Die Neigung anderer Urninge, dadurch zu gewinnen kann wenigstens in manchen Fällen die Veranlassung dazu nicht sein, da, wie wir noch sehen werden, viele Urninge sich zu dem echt männlichen Typus mehr als zu dem urnischen hinziehen lassen. Manche suchen auch dadurch, dass sie sich die Barthaare mit Pincetten entfernen und durch alle möglichen Toilettenkünste das weibliche Aussehen zu vermehren.

1) „Wie bei Thieren aus allen Klassen, so werden auch beim Menschen die unterscheidenden Merkmale des männlichen Geschlechts nicht eher völlig entwickelt, als bis er nahezu geschlechtsreif ist, und wenn er entmannt wird, erscheinen sie niemals. Der Bart ist z. B. ein secundärer Sexualcharakter, und männliche Kinder sind bartlos etc." (Charles Darwin, Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl. A. d. Engl. übersetzt von J. Victor Carus. III. Aufl. Stuttgart 1875.) Die Aehnlichkeit zwischen dem Manne mit conträrer Sexualempfindung, der triebartig oft das Unmännliche sucht, und dem unreifen bezw. castrirten männlichen Individuum, bei dem das Unmännliche schon anatomisch sich zeigt, liegt auf der Hand.

5*


68 Neigungen der Urninge.

Auch die häusliche Einrichtung der Homosexualen soll oft an die der Weiber erinnern. Wie mir ein in diesen Dingen sehr erfahrener Herr mittheilt, lieben es viele, ein Himmelbett zu brauchen; andere haben die Toiletteneinrichtung vollständig so wie die Weiber. Nicht selten schmücken die Wohnung von Urningen Bilder und Statuen von schönen jungen Männern, wie auch Casper schon beobachtet hat; besonders soll der Apollo von Belvedere eine Lieblingsfigur der Urninge sein.

Im Gegensatz zur Abneigung vieler Männer gegen den Tanz finden wir, dass die Urninge ausserordentlich zu ihm hinneigen. Sie tanzen dabei mit weiblicher Eleganz und, wie v. Krafft-Ebing mit Recht betont, nicht gern mit Weibern, um so lieber aber mit Männern. Man findet dies besonders oft auf gewissen Bällen, wo Männer mit Männern zu tanzen pflegen.

Zu den besonderen Fähigkeiten des Urnings, die ich oben schon bei dem Berufe derselben besprochen habe, gehört ihre grosse Fertigkeit in Handarbeiten. Die einen können stricken, andere häkeln. Auffallend ist nicht nur die Fertigkeit, die manche hierin besitzen, sondern auch die grosse Vorliebe, die sich bei ihnen für diese Art von Beschäftigung findet; der Urning meidet sie oft nur, um von anderen nicht als Urning erkannt zu werden. Selbstgefertigte Handarbeiten1) spielen bei den gegenseitigen Geschenken der Urninge eine Rolle. Die Handschrift von Urningen scheint mitunter einen weiblichen Charakter zu besitzen. Ich habe dies allerdings nur in zwei mir bekannten Fällen constatiren können; meine graphologischen Kenntnisse sind übrigens, wie ich an dieser Stelle bekenne, nicht genügend, um dieses immerhin schwierige Gebiet zu beherrschen.

Manchmal wird angegeben, dass Männer mit conträrer Sexualempfindung nicht viel rauchen; von anderen hingegen weiss ich, dass sie sich das Rauchen absichtlich und in starkem Maaase angewöhnt haben, um nicht erkannt und verdächtig zu werden. Auch gegen Trinken geistiger Getränke sollen einige eine Abneigung zeigen.

Wichtig ist die Stimme und die Sprache der Urninge. Bekanntlich zeigt normaliter die weibliche Stimme eine ganz andere Klangfarbe und Tonlage als die des Mannes, nämlich die sogenannte Fistelstimme. Diese ist nun bei manchen Homosexualen sehr aus-

1) Solche aus Liebe gemachte und geschenkte Handarbeiten von Urningen habe ich selbst gesehen.


Stimme. 69

gebildet. Ich habe sie bei zwei Urningen besonders in so deutlicher Weise ausgesprochen gefunden, dass ich sie entschieden für die Stimme eines Weibes halten würde, wenn ich nicht wüsste, dass sie von körperlich wohl ausgebildeten Männern herrührte. Wenn solche Urninge mit Fistelstimme sprechen, so empfinden sie gar keine Schwierigkeiten, ja einzelne dieser Menschen müssen sich sogar in anderer Gesellschaft bemühen, nicht im Sopran, sondern mit männlicher Stimme zu sprechen, da ihnen die erstere die angenehmere und leichtere ist.

Während wir nun sehen, dass bei einigen Homosexualen gleichsam spontan die Stimme den weiblichen Charakter annimmt, giebt es andere, die absichtlich, sogar durch lange Studien ihrer Stimme einen ausgesprochenen Fistelton zu geben sich bemühen. Weshalb sie dies thun, ist mir nicht ganz klar; nur deshalb etwa, um andere Urninge auf diese Weise anzulocken, kann es nicht geschehen, da viele Homosexuale eine weibliche Stimme am Manne nicht lieben. Für das Wahrscheinliche halte ich es, dass es sich um einen inneren Trieb1) handelt, der diese Männer dazu drängt, in der Stimme ebenso wie in dem sonstigen Verhalten den weiblichen Charakter zu suchen. Es mag auch manches hierzu das moralische Contagium beitragen, und es dürfte mancher Urning zu seiner Fistelstimme lediglich durch die Gesellschaft, in der er sich bewegt, kommen.

Bekanntlich pflegt die Stimme des Mannes erst zur Zeit der Pubertät den männlichen Ton anzunehmen, während vorher des

1) Von den Zeichen der Effemination des Urnings sind einzelne sehr merkwürdig, indem sie den Zusammenhang mit dem Geschlechtstrieb unwiderleglich beweisen. Man sollte doch annehmen, dass die Stimme mit diesem nichts direct zu thun hat. Wenn wir sie aber bei Homosexualen verändert finden, oder auch nur den Trieb zur Veränderung beobachten, so drängt sich die Frage über den inneren Zusammenhang der Fistelstimme mit der contraren Sexualempfindung auf. Ob gleichzeitig anatomische sichtbare Veränderungen im Kehlkopf bestehen, kann ich nicht sagen; es wäre eine dankbare Aufgabe, nach dieser Richtung hin bei den Urningen genaue und zahlreiche Untersuchungen vorzunehmen. Bekanntlich sind die Stimmbänder des Mannes durchschnittlich um ein Drittel länger als die des Weibes resp. Knaben. Castration hält aber, wie Owen (Anatomy of Vertebrates) und Darwin (Die Abstammung des Menschen) hervorheben, das Wachsthum der Schildknorpel auf, welches die Verlängerung der Stimmbänder begleitet. Der Einfluss des sexuellen Lebens auf den Kehlkopf zeigt sich auch darin, dass die Stimme gerade zur Zeit der Pubertät den männlichen Charakter annimmt. Darwin hat diesen Einfluss zurückgeführt auf den Gebrauch der Stimmorgane der Thiere bei den Erregungen der Liebe und Eifersucht, bezw. auf die Vererbung des dadurch hervorgerufenen Zusammenhanges von geschlechtlichem Leben und der Stimme.


70 Bewegungen.

Knaben Stimme der des Mädchens ähnlich ist. Bei manchen Homosexualen scheint die Stimme zwar einen ganz normalen männlichen Charakter zu haben, aber es soll der tiefe männliche Ton auffallend spät hervortreten, etwa erst mit dem 18. Jahre, oder noch später. Die Stimme hat bei vielen auch etwas eigenthümlich pathetisches und geziertes.

Besonders wenn die Urninge von geistigen Getränken stark angeheitert sind, pflegen sie sehr leicht in den Fistelton zu verfallen. Bei ihren Kaffeekränzchen sprechen sie mit Vorliebe in Fistelstimme.

Mitunter zeigen Urninge zwar, dass die Stimme als solche die männliche Tiefe besitzt, aber sie ist auffallend leise, ein Zeichen, das besonders Stark für etwas sehr häufiges bei ihnen hält.

Endlich sei noch erwähnt, dass nach Ulrichs die Urninge ebensowenig wie die Weiber zum Pfeifen eine Neigung oder Befähigung besitzen. Ich habe diese Beobachtung von Ulrichs nicht bestätigen können; ich habe viele Urninge gefragt, fand aber, dass sie ebensogut pfeifen können, wie normal fühlende Männer.

Der Gang der Urninge ist häufig recht typisch, sie wiegen sich in den Hüften nach Art der Weiber hin und her und geben so dem Gang einen unmännlichen Charakter. Die Homosexualen machen beim Gehen gewöhnlich kleine Schritte und heben die Kniee ziemlich hoch. Besonders letzteres gilt als ein Charakteristikum des Ganges, welches den Urningen oft dazu dient, sich gegenseitig zu erkennen.

Ebenso giebt es auch eine Armstellung, die sich besondere bei weiblichen Personen findet, und an der Urninge mitunter erkannt werden sollen. Es ist dies eine eigentümliche schwer zu beschreibende Stellung, bei der der vordere Theil des Handrückens an die Wange gelegt wird, während der Unterarm vom Körper entfernt ist, und der Ellbogen leicht aufgestützt wird.

Wenn mancher heute noch in dem homosexualen Verkehr das Anzeichen und den Beweis eines schlechten Charakters sieht, so ist es natürlich für einen solchen Beurtheiler ganz überflüssig, ihn genauer zu betrachten und insbesondere den Zusammenhang des urnischen Charakters mit dem eigentümlichen Geschlechtstriebe zu erwägen. Indes können wir, die wir objectiv die Frage studiren, überhaupt nicht im homosexualen Triebe an sich etwas lasterhaftes finden; und wenn man nun die Möglichkeit annimmt, dass es einen


Neigung zum Lügen. 71

homosexualen Geschlechtstrieb giebt, dann darf man auch nicht die Befriedigung eines solchen Triebes für das Zeichen eines verderbten Charakters ansehen. Der Urning verlangt die Befriedigung seines Triebes mit derselben Leidenschaft, wie der normale Mann den Beischlaf bei dem Weibe. Der Trieb ist ein innerer, vom Willen und von ethischen Motiven unabhängiger Vorgang; er kann mithin als solcher nicht die Schlechtigkeit des Charakters bei einem Manne darthun. Wir dürfen die Verachtung, die man gewöhnlich dem Urning entgegenbringt, als Psychologen und Naturforscher nicht für unseren Maassstab zur Beurtheilung des Urnings ansehen.

Können wir demnach auch nicht ohne weiteres den Stab über die Moral des Urnings brechen, so ist doch andererseits nicht zu leugnen, dass wir bei ihm widerliche und oft sehr verächtliche Charaktereigenthümlichkeiten finden. Diejenigen Charaktereigenschaften freilich, die sonst Impotente nach Gyurkovechky1) stets zeigen sollen, Missgunst, Feigheit, können bei den durch conträre Sexualempfindung hervorgerufenen Fällen von Impotenz keineswegs immer gefunden werden; es ist überhaupt zweifelhaft, ob denn für andere Fälle von Impotenz die Annahme jenes Autors immer richtig ist. Freilich zeigt, wie schon mehrfach angedeutet, auch der Charakter der Urninge oft mehr Aehnlichkeit mit dem des Weibes, als mit dem des Mannes.

Zu den bemerkenswertesten Charakterzügen der Urninge gehört ihre Schwatzhaftigkeit, Launenhaftigkeit und Neigung zum Lügen. Es ist nicht leicht, gerade auf dem Gebiete des Uranismus zuverlässige Forschungen anzustellen, weil zu viel von den Leuten gelogen wird. Ich habe deswegen alle Beobachtungen nur dann als Thatsachen angenommen, wenn sie mir in absolut zuverlässiger Weise von verschiedenen Seiten so mitgetheilt wurden, dass ich mich mit Sicherheit von ihrer Richtigkeit — selbst zum grossen Theil durch eigenes Anschauen2) — überzeugen konnte. Herr N. N. schreibt mir u. a. folgendes: „Glauben Sie mir, die hysterischsten und verlogensten Weiber, die es giebt, treffen Sie unter uns Urningen an; denn Weiber sind wir ja, das leugnen wir nicht." Woher diese Sucht zum Lügen kommt, bleibe unentschieden; vielleicht ist es der Umstand, dass die Urninge ihr ganzes Leben

1) Victor Gyurkovechky. Pathologie und Therapie der männlichen Impotenz. Wien und Leipzig. 1889.

2) Das gesellige Leben der Urninge ist z. B. sehr merkwürdig, und ich habe gerade dieses in Begleitung erfahrener Criminalbeamter genauer beobachten können.


72 Neigung zum Lügen.

hindurch gezwungen sind, sich mit einer grossen Lüge durch das Dasein hinzuziehen; denn nur wenigen vertrauen sie ihr Geheimniss an. Selbst wenn sie unter einander sind, pflegen viele Homosexuale den anderen über ihren Geschlechtstrieb keinen klaren Wein einzuschenken. Sie behaupten, dass sie sich geistig oder freundschaftlich zu diesem oder jenem Manne hingezogen fühlen, dass aber etwa irgend welche geschlechtlichen Beziehungen zwischen ihnen vorhanden seien, bestreiten sie. Es mag nun diese Lüge, die sie täglich sagen, auch die Neigung zu anderen Unwahrheiten hervorrufen; indessen dürfte wohl dies nicht der einzige Grund sein. Ich glaube, dass der wahre Grund häufig auch in der wirklich hysterischen, weibischen 1) Anlage der Urninge gesucht werden muss.

Ebenso wenig aber wie wir annehmen dürfen, dass alle Weiber lügen, und ebenso wie wir vielen Hysterischen eine vollkommene Liebe zur Wahrheit zutrauen können, ebenso liegt es bei den Urningen, deren Wahrheitsliebe nicht immer bestritten werden darf. Ich kenne solche, die abgesehen davon, dass sie sich in Bezug auf ihr sexuelles Leben niemandem entdecken, vollkommen zuverlässige Angaben machen, und deren Mittheilungen mir werthvoller sind, als die mancher normal empfindender Männer. Die meisten Lügen trifft man übrigens bei denjenigen Urningen an, die zur männlichen Demi-monde gehören, ihre Angaben prüfe man mit der grössten Gewissenhaftigkeit, selb(s)t wenn sie mit der grössten Sicherheit vorgebracht werden.

Coffignon2) erwähnt insbesondere eine gewisse affectirte Höflichkeit, die alle Urninge auszeichne; sie ist entschieden mitunter vorhanden. Ein gewisses süssliches Benehmen, hinter dem sich nicht selten die raffinirteste Verlogenheit verbirgt, charakterisirt viele Urninge.

Die Eitelkeit der Urninge ist mitunter unbegreiflich. Jeder sucht bei Bällen und ähnlichen Gelegenheiten, die sie unter einander zusammenführen, den anderen durch seine Erscheinung zu

1) Diejenigen Charaktereigenschaften, die wir bei manchen hysterischen Weibern finden, treffen wir auch beim Urning auffallend häufig an: andere hysterische Erscheinungen z. B. Unterleibsschmerz, hysterische Krämpfe, Migräne, Globus etc. scheinen hingegen beim Urning gerade nicht häufiger als beim normalen Manne vorzukommen. Ich erwähne dies deshalb, weil die Hysterie gewöhnlich für ein fast ausschliessliches besonderes Privilegium des weiblichen Geschlechts angesehen wurde. Canstatt bezeichnete hysterische Männer als weichlich und weibisch.

2 A. Coffignon, La corrnption à Paris; Paris, Ernest Kolb, éditeur.


Eitelkeit 73

übertreffen. So weiss ich von einem, dass er gewöhnlich nach derartigen Zusammenkünften sich ziemlich deutlich bei vielen anderen erkundigt, ob er nicht in seinem Costüm auch „die schönste" gewesen sei. Er trägt verschiedene Costüme, bald geht er als Zigeunerin, bald als Balleteuse und dergleichen.

Alle jene hässlichen Charaktereigenschaften, die wir überhaupt bei eitlen Weibern beobachten, finden wir auch bei dem Urning, der uns so sehr an das eitle Weib erinnert. Sowie es mancher Dame ein Gefühl der Befriedigung gewährt, eine schmälere Taille zu haben als eine andere, eben so finden wir diese Erscheinung des Neides und der Missgunst gerade in so nichtigen Dingen, beim Urning.

Der Spiegel spielt bei ihnen eine grosse Rolle, indem sie lange Zeit bei der Toilette sich vor ihn hinstellen, um zu probiren, wie die Toilette aussieht.

Die Modesucht, sagt Rudolf Schultze in „Die Modenarrheiten", ist durchaus generis feminini; darum nennen wir gerade die Laffen und Stutzer weibisch, weil sie jeden Wechsel der Mode mitmachen; sehr fein ist auch die Beobachtung dieses Autors, dass die Stutzer meistenteils solchen Berufsarten angehören, deren Arbeit ebenso gut in Weiber- wie in Männerhänden sein kann, was mit der Neigung der Urninge zu mancher Beschäftigung, wie oben erörtert, durchaus übereinstimmt.

Besonders erwähnt sei noch die Vorliebe der Urninge für Schmuckgegenstände.

Gross ist auch auf anderen Gebieten die Eitelkeit der Homosexualen: dieselben haben auch sehr häufig eine gewisse Renommisterei an sich, in der besonders ihre Liebesabenteuer eine Rolle spielen.

Wenn nun die bisher gegebene Charakterschilderung des Urnings im allgemeinen kein sehr erfreuliches Bild über diesen giebt, so soll etwa keineswegs damit gesagt sein, dass sich diese Eigenschaften bei allen Urningen finden. Es sei im Gegentheil ausdrücklich hier noch hervorgehoben, dass es Männer mit conträrer Sexualempfindung giebt, die von tadellosem Charakter sind, die alle niedrigen Charakterzüge vermissen lassen.

Zu denjenigen Eigenschaften, die das Weib vom Manne vortheilhaft unterscheiden, gehört die Schamhaftigkeit. Es ist interessant zu bemerken, dass dieser Charakterzug nach verschiedenen Schriftstellern sich bei Urningen bei weitem deutlicher zeigen soll,


74 Grenzen der Effemination

als bei normal fühlenden Männern. Manche Homosexuale erzählen, dass sie in der Kindheit und noch in der Jugend sich durch Schamhaftigkeit vor allen gleichaltrigen Knaben ausgezeichnet hätten. Nach Tarnowsky soll das Schamgefühl der Urninge sich, wenn sie noch Knaben sind, in abnormer Weise äussern. Es soll z. B. besonders dann auftreten, wenn sie sich einem fremden Manne gegenüber befinden, und es soll dem urnisch veranlagten Knaben viel mehr Schamgefühl verursachen, sich vor einem Manne, als vor einem Weibe zu entkleiden.

Uebrigens würde die Annahme durchaus verfehlt sein, dass etwa alle Urninge viele weibliche Eigenschaften zeigen. Im Gegentheil, es giebt „echte" Urninge, die in jeder Weise, abgesehen von ihrem Geschlechtstriebe, sich als Männer erweisen; sie haben weder Neigung zu weiblicher Kleidung noch Beschäftigung, sie zeigen ausgesprochen männliche Neigungen, sie lieben z. B. das Turnen, Reiten, Sport und dergleichen mehr.

Von diesen Homosexualen sind jedoch diejenigen zu trennen, die sich durch eine tief eingewurzelte Schauspielerei in Verkehr mit Nicht-Urningen wie normale Männer benehmen. In ungezwungener Unterhaltung mit ihren Leidensgefährten zeigen sie, besonders wenn sie durch den Alkohol etwas berauscht sind, ihre wahre weibliche Natur.

Nur 10% der Urninge, die ein Patient v. Krafft-Ebings kannte, sollen Sinn für weibliche Beschäftigungen zeigen, doch sind die Angaben dieses Patienten nicht ganz zuverlässig; insbesondere frappirt mich die Behauptung desselben, dass die Mehrzahl der Urninge zu activer Päderastie neige, eine Annahme, die mit meinen Erfahrungen und denen der meisten neueren Forscher nicht harmonirt; im Gegensatze dazu meint dieser Mann, dass die Neigung zu passiver Päderastie sehr selten sei.

Nicht genug muss ich hier davor warnen, etwa jede Andeutung von weiblichem Wesen für ein sicheres Symptom des Uranismus zu betrachten; man findet Männer, die diese oder jene etwas weibliche Gewohnheit haben, obwohl sie vollständig normal geschlechtlich veranlagt sind.1)

Es giebt besonders eine Reihe von Männern, die in der Kindheit sich wie kleine Mädchen benahmen, mit Puppen spielten: von

1) So wird mir der Fall eines Herrn berichtet, der in mancher Beziehung Erscheinungen der Effemination darbietet, aber in sexueller Beziehung trotzdem normal und nur heterosexuell veranlagt sein soll. Die Mutter des Herrn hatte sich lebhaft ein Mädchen gewünscht, als der Knabe geboren wurde; sie gab ihm


Selbstbeurtheilung der Urninge. 75

Soldaten und Kriegsspielen nichts wissen wollten, später aber zu normalen Männern heranreiften. Man beobachtet auch Knaben, die vor der Pubertät eine an Liebe grenzende Zuneigung zu anderen Knaben spüren, die aber später ausschliesslich zum weiblichen Geschlecht hinneigten, und bei denen auch nicht eine Spur homosexualer Empfindung zurück bleibt.

Ich komme jetzt zur Erörterung der Frage, welchen Einfluss die conträre Sexualempfindung auf den Verkehr des Urnings mit anderen Menschen ausübt. Es liegt nahe, zuerst darüber einiges zu sagen, wie der Urning selbst über seinen Zustand denkt.

Manche Urninge suchen sich lange über ihren wahren Zustand zu betrügen, indem sie den sexualen Hintergrund ihrer Zuneigung zu anderen Männern durch den weiten Begriff der Freundschaft bemänteln wollen. Sie suchen Eigenschaften des andern hervor, die ihre freundschaftliche Zuneigung anscheinend erklären, und sie vergessen es immer, dass sie sich dabei nur selbst betrügen. v. Krafft-Ebing meint im Gegensatz zu Westphal, dass die meisten Urninge sich bei ihrer conträren Sexualempfindung glücklich fühlen und nur insofern unglücklich sind, als sie durch gesellschaftliche und strafrechtliche Schranken in der Befriedigung ihres Triebes gehindert werden. Ich muss v. Krafft-Ebing darin beistimmen, dass in zahlreichen Fällen gerade dieser letztere Umstand es den Urningen unmöglich macht, sich wirklich glücklich zu fühlen; ganz gewiss ist es auch für manche Fälle richtig, wie v. Krafft-Ebing-meint, dass die conträre Sexualempfindung als solche die betreffenden Leute nicht unglücklich macht.

Der Urning hält sich bei richtiger Erkenntniss des Zustandes nicht für normal; trotzdem ist er gewöhnlich weit entfernt, sich für krank 1) zu halten. Er weiss sich oft den Zusammenhang zwischen

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite)
infolgedessen eine ganz weibliche Erziehung, liess ihn mit Puppen spielen, Handarbeiten machen etc. Besonders die Geschicklichkeit des heterosexuellen Herrn für diese soll heute noch eine ganz bedeutende sein.

1) Aus dem Gespräch zweier Urninge, des Herrn N. N. und eines gewissen S, dürfte folgender Passus interessiren. N. N., ein durchaus objectiver, ruhiger Herr, meinte zu X: „Wenn wir doch wenigstens es durchsetzen könnten, dass man die conträre Sesualempfindung für pathologisch ansieht, dass wir nicht mehr für Verbrecher gehalten werden." X entgegnete darauf: „Niemals kann ich dem beistimmen; lieber wähle ich noch den heutigen Zustand. Wir werden von den anderen doch nur majorisirt, und wenn man die Affection für krankhaft ansieht, dann steckt man uns ins Irrenhaus."


76 Unglückliche Stimmung.

den Anschauungen seiner Mitmenschen und seiner eigentümlichen Neigung gar nicht zu erklären.

Die Urninge selbst erkennen übrigens, wie z.B. auch Ulrichs, die Mangelhaftigkeit ihrer Liebe im Vergleich mit der zweigeschlechtlichen an, zumal der Umstand, dass sie nicht im stande sind, bei dem ihnen von der Natur verliehenen unglücklichen Triebe sich eine Familie zu gründen, gar manchem die Quelle schweren Leides ist. Viele Urninge halten deshalb ihr ganzes Leben für verfehlt; ich habe übrigens gerade unter den Homosexualen einzelne kennen gelernt, die mehr wie mancher geschlechtlich normal empfindende Ehemann geeignet wären, das fürsorgliche Haupt einer Familie zu werden.

Manche verheirathete Urninge berührt es sehr peinlich, dass sie gezwungen sind, zu ihrer sexuellen Befriedigung dann und wann mit Männern zu verkehren, da dies ihnen natürlich das Gefühl erweckt, dass sie ihrer eigenen Frau untreu werden.

Einige fühlen sich lange Zeit elend und unglücklich, weil sie der Meinung sind, dass sie die einzigen seien, die conträr fühlen. Besonders aus den besseren Kreisen und in kleineren Städten, wo die Urninge sich nicht so leicht unter einander treffen und aussprechen können, scheint es genügend unglückselige Existenzen zu geben, die sich ihres perversen Triebes zwar bewusst sind, aber nicht wissen, dass Hunderte und Tausende das gleiche Leiden haben. Dass bei diesem Trieb das Bewusstsein des Individuums, dass es ihn mit aller Willensenergie nicht unterdrücken kann, die Stimmung sehr verschlechtert, ist selbstverständlich; so sehen wir, dass eine Anzahl Urninge gerade dadurch in die deprimirteste Lage kommt.

Diejenigen unter den Urningen, die ihre Veranlagung als ein Unglück betrachten und in Folge dessen sich darüber sehr grämen, bieten oft andere seelische und körperliche Störungen dar, die wohl zum Theil als Folge ihres Kummers betrachtet werden müssen. Hierher gehören besonders hypochondrische und melancholische Gemüthsstimmung, dyspeptische Erscheinungen etc. Die hauptsächlichsten derartigen Störungen zeigen sich aber dann, wenn unglückliche Liebe den Urning niederdrückt, während selbst der über seine Veranlagung sonst traurige Urning, sobald er ein glückliches Liebesverhältniss mit einem Manne gefunden hat, froh und aufgeheitert wird.

Obgleich, wie wir sahen, gerade der Urning sein Geschick oft beklagt, so scheint es doch, dass der Selbstmord beim Urning


Selbstmord. 77

kaum je eine Folge der Affection als solcher ist. Mir sind weder Mittheilungen über ernste derartige Gedanken, noch über Ausführung von Selbstmord gemacht worden. Hingegen kann unglückliche Liebe des Urnings zu einem Mann, Furcht vor Erpressung und Furcht davor, Öffentlich als Urning bekannt zu werden, zum Selbstmorde führen. Ein hervorragender Gelehrter, der sich vor einer Reihe von Jahren selbst entleibte, hat dies, nach den Mittheilungen, die ich einem Freunde von ihm verdanke, lediglich deshalb gethan, um der öffentlichen Brandmarkung zu entgehen,. der er in Folge eines Processes ausgesetzt war, in welchem seine urnische Natur zur Sprache kommen sollte. Der Selbstmord in Folge von conträrer Sexualempfindung wurde im Anschluss an einen Fall, den Hutchinson berichtete, durch Hirschberg 1883 in der Berliner med.-psychol. Gesellschaft zur Sprache gebracht.

Hingegen sieht Tarnowsky l) in einem Punkte entschieden etwas zu schwarz; er meint, dass die Urninge sich aus unglücklicher Liebe in einem Anfall von Trübsinn das Leben nehmen oder in schwachsinnigem Zustande ihr Leben beenden. Ich weiss doch verschiedene Urninge in den 60er Jahren, von denen kein Mensch behaupten kann, dass sie sich in schwachsinnigem Zustande befänden, wenn sie auch ihr Leben wegen ihrer unglücklichen Leidenschaft als ein verfehltes ansehen.

Der Urning ist zwar durch seinen sexuellen Trieb dazu gezwungen, mit männlichen Individuen sexuell zu verkehren, dennoch empfindet mancher nach dem Acte Ekel und Reue, weil er ihn für unmoralisch hält. Nichtsdestoweniger kann dieses nachfolgende Gefühl des Ekels und der Reue ihn vor erneuter Befriedigung seines perversen Triebes nicht schützen, ebensowenig wie der Mann im allgemeinen vom Coitus durcht Furcht vor Reue abgeschreckt wird. Es ist eben hier die allbekannte und immer wieder bestätigte

1) Der Geist, der sich in dem bereits citirten Buche von Tarnowsky findet, entspricht im allgemeinen überhaupt nicht den Beobachtungen, wie ich sie zu machen Gelegenheit hatte. Es scheint, dass das Beobachtungsmaterial von Tarnowsky entweder nur einzelne Kreise der Urninge betraf, oder dass die Verhältnisse in Russland, speciell in Petersburg ganz anders liegen, wie in Deutschland. Weder die Häufigkeit der Päderastie bei conträrer Sexualempfindung entspricht den hiesigen Verhältnissen, noch kann ich die Confundirung der conträren Sexualempfindung mit der käuflichen männlichen Demi-monde, wie es bei Tarnowsky der Fall ist, für richtig halten, da mannliche Prostitution und Homosexualität in Berlin ganz getrennte Erscheinungen sind, wie aus dem Abschnitt über jene hervorgehoben wird.


78 Entdeckung der Perversion.

Erscheinung zu beobachten, die bekanntlich Ed. v. Hartmann1) so charakteristisch hervorhebt, dass nämlich die Nichtbefriedigung des Triebes für das betreffende Individuum immer noch ein grösseres Uebel sei, als die maassvolle Befriedigung.

Scholz hat einen Fall unter dem Titel „Bekenntnisse eines an perverser Geschlechtsrichtung Leidenden" veröffentlicht; der Patient selbst drückt es hier aus, wie widerlich ihm der Akt sei, der social so sehr verpönt sei; ähnliche Angaben hörte ich öfter von Homosexualen, die dennoch ihren Trieb nicht bekämpfen konnten.

Fragen wir jetzt, wie sich der Verkehr des Homosexualen mit dem weiblichen Geschlecht gestaltet. Mancher wird sich, wie wir oben sahen, lange Zeit überhaupt nicht klar darüber, dass er an conträrer Sexualempfindung leidet; er verkehrt mit Weibern, wundert sich auch wohl, dass er impotent ist; ein anderer hingegen hat direct einen Ekel vor dem Weibe, verkehrt geschlechtlich nicht mit ihm, ist darüber erstaunt, dass seine Kameraden sich so sehr zu Weibern hingezogen fühlen, wird sich aber dessen nicht bewusst, dass er geschlechtlich vollständig anders empfindet als andere Männer. Ich weiss mehrere Fälle, wo die Leute erst in den zwanziger Jahren sich über ihren Zustand vollständig klar wurden: die Erkenntniss kam in diesen Fällen erst durch eine geradezu schwärmerische Leidenschaft, die diese Männer zu anderen fassten. So scheinen übrigens auch die Fälle zu liegen, die in Moritz Magazin für Erfahrungsseelenkunde 1791 veröffentlicht wurden. Bei einem mir bekannten Fall handelte es sich um einen Mann, der bis zu seinem 22. Jahre in nichts von anderen abwich, als darin, dass er sexuell nicht mit Weibern verkehrte; er hatte auch keine deutliche Zuneigung zu Männern. Eines Tages sieht er einen Mann, in dessen Bannkreise er sich nun sofort befindet; der Gedanke an diesen Mann verfolgt den ersteren Tag und Nacht, es kommt wohl auch bereits zu Erection bei dem Gedanken an ihn, bis eines Tages Saamenerguss bei Umarmung jenes Mannes eintritt. Dieser Moment machte es plötzlich jenem unglücklichen Menschen klar, wie sein Geschlechtstrieb beschaffen ist. Mir will es scheinen, dass häufiger in dieser Weise, als durch Impotenz dem Weibe gegenüber der Urning seine wahre Natur erkennt.

Die Entdeckung seiner conträren Sexualempfindung, resp. seiner Abneigung gegen das weibliche Geschlecht kann in verschiedener Weise auf die Stimmung des Urnings wirken. Viele setzen sich

l) Ed. v. Hartmann, Philosophie des Unbewussten, Berlin 1878.


Socialer Verkehr mit Weibern. 79

über ihre Antipathie gegen das Weib sehr leicht hinweg; das geistig greisenhafte Aussehen, das nach einem Autor alle vorzeitig Impotente haben, ist bei ihnen nicht zu entdecken. Der Grad, in welchem die Abneigung des Urnings gegen das Weib auftritt, kann verschieden sein, er kann von einer leichten Antipathie bis zu dem ausgesprochensten Horror gehen. Für manchen Urning hat schon die Vorstellung eines nackten Weibes etwas abstossendes, widerliches, selbst wenn er an Berührung desselben gar nicht denkt. Ich weiss Urninge, die den Coitus versuchen wollten, aber aus Ekel vor jeder Berührung das Zimmer des Weibes verliessen; bei andern ist dieser Horror nicht so stark vorhanden. Es giebt übrigens Urninge, die recht viel mit Weibern verkehren,1) trotzdem sie sich sexuell ausschliesslich zum Manne hingezogen fühlen.

Einige Urninge verkehren ganz absichtlich viel mit Weibern, und ich weiss solche, die dadurch allgemein in Berlin in dem Ruf stehen, grosse Weiberhelden zu sein; sie wollen lieber dieses Renommee haben, als zugeben, dass ihre Urningsnatur bekannt wird. Durch den geselligen Verkehr mit Weibern wissen diese Urninge Freunde, Angehörige vollständig zu täuschen. Ich weiss einen jungen Mann in Berlin, von dem mir erst kürzlich erzählt wurde, dass er täglich mit einem andern Weibe und zwar von wenig zweifelhaftem Renommee, getroffen wird, und trotzdem weiss ich von ihm, dass er wie Tilly von sich sagen kann, dass er noch niemals ein Weib berührt hat.

Andere Urninge freilich vermeiden vollständig Verkehr mit Weibern, und ich kenne solche, die in dem Ruf stehen, musterhafte Jünglinge zu sein, weil sie eben nicht, wie andere mit normalem Geschlechtstriebe dem weiblichen Geschlecht nachgehen. Es ist recht leicht für einen Urning, die Keuschheit dem Weibe gegenüber zu bewahren. Vielleicht hat mancher,2) der in der Geschichte durch seine Keuschheit bekannt ist, lediglich seiner perversen Sexualempfindung diesen Ruhm zu danken.

Uebrigens sei erwähnt, dass es eine Reihe von Urningen giebt, die verheirathet sind.3) Einige von diesen Leuten gehören zu

1) D. h. gesellig, nicht sexuell.

a) Karl XII. von Schweden, dessen Sittenreinheit besonders in sexueller Beziehung so häufig hervorgehoben wird, rechnen manche zu den Urningen.

3) Dieser Umstand kann auch bei vielen historischen Personen leicht irre leiten und die urnische Natur verdecken, so z.B. bei Friedrich I., König von Württemberg, der 1797—1816 regierte. Er war zweimal verheirathet und hatte mehrere Kinder, deren eines ihm auch in der Regierung folgte; eine Tochter heirathete den König Jérome von Westphalen. Und dennoch scheint der König


80 Sexueller Verkehr mit Weibern.

den psychischen Hermaphroditen, sie verkehren bald mit ihrer Frau, bald mit einem Manne; andere sind ganz zu Männern hingezogen. Es ist mir eine Ehe in Berlin bekannt, wo der Mann ausgesprochener Urning ist, wo aber die Frau sich dadurch an ihren Mann revanchirt, dass sie mit andern Männern ziemlich ungenirten sexuellen Verkehr treibt. Die Ehen von Urningen sind trotzdem nicht immer unglücklich, da einige mit ihrer Frau durch ein inniges psychisches Band sich vereinigt fühlen. Dass aus solchen Ehen auch Kinder hervorgehen, ist sicher. Den Coitus übt der Urning so aus, dass er entweder zufällige Erectionen dazu benutzt, oder dass er sich, um Erection zu erzielen, einen Mann vorstellt und schliesslich dadurch auch ejaculatio in vaginam erreicht.

Selbst wenn dadurch der Coitus möglich ist, verkehren die Homosexualen nur sehr selten geschlechtlich mit dem Weibe, da der Beischlaf in dieser Weise sie sehr angreift. Sie fühlen sich, wenn sie Erection durch die Phantasievorstellung eines Mannes erzielt haben, nach Vollendung des Coitus sehr geschwächt und nicht befriedigt. Ein Urning, dessen Lebensgeschichte Scho1z veröffentlichte, hat in mehrjähriger Ehe nur zwei Mal mit seiner durchaus nicht hässlichen Frau den sexuellen Act ausgeübt, da die fleischliche Vermischung mit einem Weibe ihm Widerwillen und Ekel bereitete; ähnlich lauten die Berichte mehrerer Patienten von v. Krafft-Ebing.

Ein Urning schreibt mir über seinen sexuellen Verkehr mit dem Weibe folgendes: „Meine Erlebnisse mit der Frauenwelt lassen sich dahin zusammenfassen, dass ich stets der passive Theil war. Neugier, Eitelkeit, Unkenntniss meines eigenen Herzens veranlassten mich, zuweilen die Sache zu begünstigen. Ich hoffte immer, durch ein normales Liebesverhältniss von meiner krankhaften Anlage zu genesen. Den Geschlechtsact konnte ich nach einiger Anregung durch Alkohol 1) ganz gut ausführen; indessen das

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite)
Friedrich I. die mannmännliche Liebe gekannt zu haben. „Unwürdige Jünglinge, wie der berüchtigte Graf von Dillen, benutzten die Leidenschaft des Königs für schöne Jünglinge, um ihn zu beherrschen. Er liess ganze Transporte vom armen Adel aus Mecklenburg kommen, die nun verschlangen, was der Hofhalt von den Landeseinkünften übrig liess." (Meyers Conversationslexicon.)

1) Tarnowsky meint, dass mancher, der in seinem gewöhnlichen Zustande einen perversen sexualen Act nicht ausführen würde, sehr leicht dazu im Rauschzustande veranlasst würde, da ihm die Selbstbeherrschung fehle, und die sinnliche Begierde gesteigert sei. Ich habe ausser dem obigen Fall noch andere Beobachtungen von Männern, die unter normalen Verhältnissen nicht im Stande sind, den gewöhnlichen Geschlechtsact auszuführen, die aber im Rauschzustände es vermögen.


Verkehr mit Weibern. 81

seelische Moment, der eigentliche geschlechtliche Reiz fehlte. Weibliche Schönheit liess mich kalt. Beim Coitus hatte ich übrigens nicht die Vorstellung eines Mannes; durch energisches Anpressen des Weibes und mechanische Bemühungen in dieser Weise gelang es meistens, Erection hervorzurufen, der dann auch bald Ejaculation folgte; einige Male missglückte auch das Experiment. Seit sechs Jahren verkehre ich nicht mehr geschlechtlich mit Frauen, weil ich selbst sehr wenig davon habe, und die Sache auch sonst keinen Zweck hat."

Jedenfalls sieht man auch aus dieser Schilderung, dass perverser Geschlechtstrieb keineswegs mit impotentia coeundi verwechselt werden darf, dass mithin Urninge sehr wohl selbst Nachkommenschaft zu zeugen im Stande sind, da ihr Samen sich normal verhält.

Manche Urninge sind übrigens in anständigen Damengesellschaften gern gesehen, ich kenne sogar solche, die eine Art „Salonlöwen" bilden; manche freilich nur dadurch, dass sie es verstehen, sich an Weibergesprächen infolge ihrer krankhaften Veranlagung mehr zu betheiligen als normale Männer. Oft kommt die Beliebtheit der Urninge bei einigen Damen, wie mir mehrfach mitgetheilt wurde, auch daher, dass sie gerade die gesellschaftlich etwas vernachlässigten Damen in ihrer Unterhaltung begünstigen, dass sie z. B. mit alten Jungfern, die andern Herren oft wenig sympathisch sind, sich recht gern gesellschaftlich beschäftigen, da naturgemäss das sinnliche Element bei den Homosexualen vollständig fehlt.

Die Urninge pflegen zwar zu Frauen sich oft hingezogen zu fühlen, aber es ist etwas ganz anderes als die sexuelle Neigung. Der homosexuale Mann weiss eine schöne Frau recht gut zu beurtheilen; er ist auch gern mit interessanten Frauen der Unterhaltung wegen zusammen, aber dennoch fehlt hierbei jedes ausgesprochene sinnliche Moment. Selbst einer schönen Frau einen Kuss zu geben, kostet dem wahren Urning ebenso viel Ueberwindung, wie gewöhnlich dem Mann es unangenehm ist, einen andern Mann zu küssen, selbst wenn dieser sich durch Schönheit auszeichnet. Es kann zu gleicher Zeit übrigens der Urning selbst Gegenstand der Liebe von Seiten eines Weibes werden; ja es können für ihn gerade dadurch sehr unangenehme Situationen geschaffen werden, dass ein Weib sich in ihn verliebt, er aber beim besten Willen nicht in der Lage ist, die Liebe zu erwiedern. Es giebt übrigens auch sehr feinfühlige Weiber, die den Urning so zu sagen instinctiv durchschauen, obwohl es ihnen selbst nicht ganz

Moll, Contr. Sexualempfindung. 6


82 Gegenseitiges Erkennen der Urninge.

zum Bewusstsein kommt. Eine feine, gebildete Dame erklärte z. B. Herrn N. N., nachdem sie ihn öfter gesehen, dass er ihrer Ueberzeugung nach nie im Stande sein würde, auch nur eine Spur von Liebe für eine Dame zu empfinden. Einem anderen, bereits in hohem Mannesalter stehenden Urning ist das gleiche öfter gesagt worden.

Ich komme jetzt zu einem der interessantesten Punkte, nämlich zur Erörterung des Verkehrs der Urninge unter einander sowie der Art und Weise, wie sie sich kennen lernen. Sie geben gewöhnlich an, dass sie sich auf der Strasse und an anderen Orten auf den ersten Blick1) erkennen. Es sei aber schon hier erwähnt, dass dies eines der vielen Mährchen ist, die die Urninge erzählen, und die sie selbst glauben. Viele lernen sich allerdings so zu sagen durch die Augensprache auf der Strasse kennen. Dass das gegenseitige Ansehen auf der Strasse sehr leicht dazu führt, Urninge einander zuzuführen, ist sicher. Es ist dies genau derselbe Vorgang, welcher beim Manne stattfindet, der sich nach einem ihm zusagenden Weibe umsieht, wodurch dieses auf ihn aufmerksam wird. Wenn nun ein Urning A bei einem anderen Manne B vorbeigeht, der ihm gefällt, so ist er ganz ebenso geneigt, sich nach ihm umzusehen; B wird natürlich auf das Umsehen und auf seine Beachtung von Seiten des A Gewicht legen, wenn er selbst Urning ist, so dass nicht in mystischer, sondern in ganz natürlicher Weise ein gleichzeitiges Umsehen und Aufmerksamwerden auf einander stattfindet. Durch Bewegungen und andere Zeichen pflegen, wie ein Herr behauptet, die Urninge sich sehr leicht untereinander über die Art der Befriedigung, über ihre Neigungen u. s. w. zu verständigen (?). Bekanntschaften der Urninge und besonders der Mitglieder der männlichen Demi-monde werden sehr häufig durch Aufforderung ein Glas Bier zu trinken, die von seiten des Demi-monde-Mitgliedes an den Urning auf der Strasse gerichtet wird, eingeleitet, auch durch die Fragen, wie spät es ist, durch die Bitte um Feuer für die Cigarre etc.

Die Urninge haben in Berlin ganz bestimmte öffentliche Lokale, in denen sie vorwiegend verkehren; mir sind fünf Berliner

1) Diese Angabe geht durch fast alle Bücher, die über conträre Sexualempfindang handeln; sie steht in verschiedenen Autobiographieen von Homosexualen; es ist, wie Herr N.N. mir mittheilt, für den Urning fast ein Dogma, dass einer den andern auf den ersten Blick erkennt. N. N. selbst hält diese Behauptung der Urninge für gänzlich falsch.


Geselliges Leben der Urninge. 83

Restaurants bekannt, darunter eines der renommirtesten und besuchtesten Bier-Lokale der Friedrichstadt. Dann und wann passirt es ihnen übrigens, dass sie ihr Lokal wechseln müssen, da sie in angeheiterter Stimmung mitunter die Grenzen des Schicklichen überschreiten, in Fistelstimme sprechen, sich mit Weibernamen anreden u. s. w. Im allgemeinen ist aber ihr Verkehr in den angedeuteten Lokalen ein anständigerer im Vergleich mit früheren Zeiten geworden. Solche ekelhafte Vorgänge, die vor einigen Jahren einen grossen Process gegen einen Restaurateur und viele seiner urnischen Gäste hervorriefen, scheinen jetzt in diesen Lokalen nicht mehr vorzukommen. Der Uneingeweihte erkennt übrigens die Homosexualen an den betreffenden Orten kaum; nur wenn ein Eingeweihter ihn aufmerksam macht, dann kann er ihr Leben und Treiben recht genau beobachten, er sieht dann selbst, wie von einem Tisch zum andern hinüber „geliebäugelt" wird.

Die Urninge bilden oft kleine Kreise von 3 bis 12 Personen, die in Freundschaft mit einander verkehren, doch unterliegt dies, wie man sich denken kann, mehr oder weniger individuellen Schwankungen, da manche Urninge es geradezu vermeiden, mit anderen Leidensgefährten, abgesehen von dem sexualen Verkehr, irgendwie zusammenzukommen. Bei ihren Zusammenkünften kommt es nicht selten auch zu officiellen „Verlobungen", die sie, die Wirklichkeit nachahmend, in jeder Weise zu feiern suchen.

Die Homosexualen lieben es, unter einander Gesellschaften zu veranstalten, wo sie sich ungenirt bewegen können. So giebt es bald grössere Bälle, bald kommen sie in kleinen Zirkeln zusammen. Mit Vorliebe veranstalten sie auch einen kleinen „Kaffeeklatsch", zu dem etwa nur ein Dutzend Personen zugelassen wird. In derartigen Gesellschaften geht es nun recht merkwürdig zu, und in jeder Weise tritt hier das Weibische hervor. Ich stütze mich auf vorzügliche Gewährsmänner, wenn ich einige kaum glaubliche Sachen hier erzähle. Bei einem solchen Kaffeeklatsch z. B. wird zunächst nur Kaffee getrunken und schon daraus zeigt sich, wie die Leute sich in der That dem weiblichen Charakter nähern, da doch Männer sich nicht bei Kaffeegesellschaften zu vereinigen pflegen, diese vielmehr ein Vorrecht des weiblichen Geschlechts sind. „Bei dem Fest sassen die Leute mit Hamburger Häubchen bekleidet und (man sollte es kaum für denkbar halten) selbst mit Schürzen. Jeder nahm seine Handarbeit vor, der eine stickte, der andere strickte, der dritte machte eine Häkelarbeit

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84 Geselliges Leben der Urninge.

und dergl. mehr."1) Das Gesprächsthema bilden hierbei nicht etwa Dinge, wie sie unter Männern üblich sind, also politische, wissenschaftliche Fragen und dergl.; vielmehr ist es der echte Klatsch, wie ihn die Weiber kennen; Liebesgeschichten, Eifersuchtsscenen u. s. w. Die Urninge selbst werden hierbei ein wenig zutraulich zu einander, es kommt zu verliebten Berührungen, die aber nicht gerade das Gebiet des Anstandes weit überschreiten sollen.

Ausser jenen kleinen Gesellschaften arrangiren die Urninge mit Vorliebe grössere Bälle, die mitunter mehrere hundert Theilnehmer zeigen; das weibliche Geschlecht ist hier gewöhnlich nur schwach vertreten,2) hingegen gehen die Urninge selbst zum grossen Theil in weiblicher Toilette. Alle möglichen Costüme sind hierbei vertreten, Reitcostüme, Ballettänzerin, Zigeunerin, Spanierin, Chinesin u. s. w. Das Ballcostüm ist für den Urning ein Gegenstand grosser Sorge; einer sucht hierbei den anderen zu übertreffen. So erklärt ein Urning, bevor er zu einer Urningsgesellschaft geht, nachdem er sich mit anderen berathen hatte, wie er sich kleiden solle: „Aber Ihr sollt mal sehen, wie ich euch heute Furore machen werde". Mit Vorliebe tanzen bei solchen Bällen Männer mit Männern; die weibischen Bewegungen treten hier mit grösster Deutlichkeit hervor.

Der Urning liebt es auf solche Bälle zu gehen und zwar deswegen, weil, wie einer mir sagte, er doch das ganze Jahr hindurch „Komödie" spielen müsse, um sich nicht zu verrathen, er aber auf einem solchen Balle seinen Empfindungen freien Spielraum lassen dürfe.

In der Welt der Urninge existiren ganz ausgesprochene Standesunterschiede. Zwar will keiner anerkennen, dass andere Homosexuale über ihm stehen; wohl aber betrachtet er den in socialer Beziehung unter ihm stehenden als etwas geringeres. Ein jüdischer Urning erklärte mir, dass es unter den Homosexualen keinerlei antisemitische Strömungen gäbe; ein anderer Urning erklärt, dass er mit vielen Adligen verkehrt habe, und dass überhaupt kein Adelsstolz herrsche. Derselbe aber betrachtet dennoch unbemit-

1) Die obigen Mitteilungen habe ich von einem mir als durchaus glaubwürdig bekannten Urning erhalten; ganz unabhängig von ihm erzählten mir andere ganz spontan, ohne dass ich die Angaben in sie hineinexammirte, ähnliches. Uebrigens weiss ich mehrere Urninge, die solchen Kaffeeklatsch in ihren Wohnungen gelegentlich veranstalten.

2) Die meisten derartigen Weiber gehören zu den Homosexualen, über die im letzten Abschnitt gesprochen werden wird.


Benennungen. 85

telte Urninge, z. B. Handwerker für weniger als sich selbst und spricht von ihnen und von ihren Gesellschaften mit einer gewissen Geringschätzung. Die socialen Unterschiede der Urninge werden hingegen nicht selten durch die besondere Art ihrer Leidenschaften vollständig oder zeitweise verwischt, indem gerade mancher, der in der besten Stellung sich befindet, infolge einer besonderen Perversion sich zu niederen Individuen hingezogen fühlt.

Interessant sind endlich noch die in Urningskreisen herrschenden Benennungen. Unter den Ausdrücken, mit denen die Urninge sich zu bezeichnen pflegen, ist einer der merkwürdigsten der, dass sie den Urning als „vernünftig" bezeichnen. Es bedeutet also z. B. X ist auch vernünftig, soviel wie X ist auch Urning. Y. ist unvernünftig heisst Y ist kein Urning. Um ferner andere Elemente von den Urningen zu unterscheiden, bezeichnen sie sich auch als „echt", d. h. eben nur dann, wenn sie sich vollkommen zum Manne hingezogen fühlen. Mit dem Ausdruck „echt" suchen die Urninge besonders sich von den Mitgliedern der männlichen Prostitution zu unterscheiden, da bei dieser eine Menge Individuen vorhanden sind, die in keiner Weise sexuelle Perversionen darbieten. Ferner haben die Urninge für den gewöhnlichen Verkehr auch noch die Redensart: „Der ist auch so einer", um damit zu sagen, dass die betreffende Person Männerliebhaber sei.

Sehr häufig und ziemlich allgemein in Berlin nennen sich die Urninge im gegenseitigen Verkehr „Tanten", mitunter auch „Schwestern". Der letztere Ausdruck soll in Wien der allgemeinere sein, wie ein Patient von v. Krafft-Ebing mittheilt. Es scheint übrigens, dass die Bezeichnung „Tante" international ist. In Paris findet sich gleichfalls nach Coffignon der Ausdruck tante. Während ihn aber einige in Paris allgemein auf die Päderasten ausdehnen, ist dies nach Coffignon1) nicht richtig, und er wendet ihn nur für eine bestimmte Gruppe von passiven Päderasten an, und zwar umschliesst nach diesem Autor tante nur diejenigen passiven Päderasten, die sich der Päderastie zum Zweck des Gewinnes und der Erpressung hingeben, wobei sie, um die Bekanntschaft von Urningen leichter zu machen, auch in intimen Verkehr

]) Dieser Autor hat in „La corruption à Paris" zahlreiche Mittheilungen über Päderastie in Paris gebracht; einige Notizen citirt aus diesem Buch auch v. Krafft-Ebing, der mich ausserdem privatim auf dasselbe freundlichst aufmerksam machte. Coffignon giebt über die Bezeichnung der Pariser Päderasten zahlreiche Einzelheiten; einige von diesen Leuten heissen jésus, andere petit-jésus etc.


86 Weibliche Namen.

mit einer Prostituirten treten. Von dem in Berlin am häufigsten gebräuchlichen Wort Tante haben die Urninge auch das Adjectiv „tantig" abgeleitet. Sie sagen z. B. „X ist tantig" für „X ist Urning".

Um den einzelnen unter den „Tanten" herauszuerkennen, erhält jeder in den Urningskreisen auch noch einen besonderen weiblichen Namen. So heisst der eine Lieschen, der andere Martha u. s. w. Um aber nun ein Lieschen von einem andern zu unterscheiden, erhält der betreffende Urning noch einen andern Spitznamen, der von irgend einer Eigenthümlichkeit hergenommen ist. So heisst z. B. der eine das Henkellieschen, weil er die Arme oft wie Henkel in die Hüften stemmt. Die weiblichen Namen, die sich die Urninge unter einander geben, scheinen im allgemeinen eine wesentliche Bedeutung nicht zu haben; doch ist es immerhin ganz charakteristisch, dass die jüdischen Urninge gewöhnlich einen jüdischen Namen bekommen, selbst wenn ihr wirklicher Name keineswegs jüdisch ist; so z. B. spielen etwa Namen wie Sarah, Rebekka zur Bezeichnung jüdischer Urninge in den Kreisen der Urninge eine Rolle. Auch sonst pflegen sich die Urninge mit weiblichen Namen zu benennen1). So brauchen sie mitunter selbst den Familiennamen in das weibliche übertragen. Sie sprechen z. B. von einer Müller'n, einer Schulze'n, um damit den Müller oder Schulze heissenden Urning zu bezeichnen.

Die Urninge kennen sich übrigens in Berlin und andern Grossstädten ziemlich genau; wenn sie auch nicht immer unter einander verkehren, so spricht es sich in ihren Kreisen sehr bald herum, wer Urning ist und wer nicht.

Die Urninge sind normalen Männern gegenüber in Bezug auf ihr sexuelles Leben sehr verschlossen und geben ungern Auskunft über ihre Verhältnisse und besonders über ihr geschlechtliches Fühlen. Es ist nicht leicht ihr Vertrauen zu gewinnen, da man ihnen fast überall, wo sie ihre krankhafte Veranlagung erwähnen, mit Hohn oder Verachtung begegnet. Alle derartigen Leute, die mit Hohn behandelt werden, erlangen allmälig einen gewissen Grad von Misstrauen gegen andere Menschen. Das Misstrauen, das bekanntlich viele Taubstumme auszeichnet, ist wahrscheinlich auch zum Theil durch Verhöhnungen bedingt, denen

l) Auch nach der Person, mit der der Urning sexuell verkehrt oder früher verkehrt hat, wird der ihn bezeichnende Name nicht selten gewählt. Ein Urning, der früher ein Verhältniss mit einem Baron X hatte, wird z. B. noch lange nachher „die Frau Baronin" genannt.


Verschlossenes Wesen. 87

diese unglücklichen Menschen bedauerlicher Weise mitunter ausgesetzt sind. Ebenso wie aber Taubstumme schliesslich, wenn sie einen ernsten Freund gefunden zu haben glauben, sich fest an diesen anschliessen, ebenso sind Urninge, wenn sie Verschwiegenheit und Einsicht von einem anderen erwarten, nicht selten zu den weitgehendsten Auskünften bereit.

Es ist keine Frage, dass man den Ekel, den man den Urningen auf der Strasse und in öffentlichen Lokalen, entgegenbringt, und den diese durch ihr schamloses Auftreten mitunter selbst hervorrufen, absolut nicht empfindet, wenn Patienten mit conträrer Sexualempfindung sich dem Arzte vorstellen mit der Bitte, von diesem ihrem krankhaften Triebe befreit zu werden. Ich habe Männer in vorzüglichen Stellungen in meinem Sprechzimmer Thränen vergiessen sehen wegen dieses ihres Unglücks.

Tarnowsky meint, dass gewisse Päderasten besonders aber die periodischen noch viel mehr verschlossen seien, während die anderen mittheilsamer seien. Ich konnte diesen Unterschied gleichfalls machen, besonders allerdings sprechen diejenigen kaum mit einem Dritten darüber, die nur ganz gelegentlich an sexueller Perversion leiden.

In grossen Städten sollen nach Tarnowsky die Urninge bei Infectionen, die ja vorkommen und auch bei ähnlichen Veranlassungen sich mit Vorliebe an einen und denselben Arzt wenden. Ob dies für Berlin zutrifft, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Mir ist auch hier der Name eines solchen Arztes genannt worden; doch scheinen mir die bezüglichen Angaben nicht ganz zuverlässig.

2. Sexuelles.

Nachdem ich das Leben der Homosexualen im allgemeinen geschildert, will ich jetzt ihre besonderen sexuellen Verhältnisse, ihre Liebe, sowie die Art der geschlechtlichen Befriedigung erörtern.

Die Liebe des Urnings ist oft eine excentrische; fortwährend denkt er an den von ihm geliebten Mann, er folgt ihm auf Schritt und Tritt und sucht seinen Gefühlen in Liebesbriefen, resp. Aufforderung zu Rendez-vous Luft zu machen. Die Liebe des Urnings reicht mitunter bis zu einer Vergötterung seines Geliebten heran. Ich sah in Begleitung eines Criminalbeamten einen Urning seinen Geliebten betrachten; die Glückseligkeit die geliebte Person zu


88 Leidenschaftliche Liebe.

sehen, spiegelte sich in seinem ganzen Angesicht wieder, ganz ebenso, vielleicht noch stärker als bei der Liebe des Mannes zum Weibe. Durch seine Liebe ist der Urning auch fähig, seinem Geliebten die grössten Opfer zu bringen, und es ist gerade deshalb die Liebe der Urninge mehrfach mit der Liebe des Weibes zum Manne verglichen worden. Ebenso wie des Weibes Liebe mächtiger und aufopferungsvoller als die des normalen Mannes, ebenso wie des Weibes Liebe an Innigkeit die des Mannes übertrifft, so soll nach Ulrichs auch des Urnings Liebe nach dieser Richtung bei weitem höher stehen, als die des weibliebenden Mannes.

Nicht selten geht die Liebe des Urnings bis zu einer vollständigen Hingebung seines Wesens; er kann weder den Befehlen noch den Wünschen seines Geliebten widerstehen; er wird ein Werkzeug in der Hand desselben, und es kommt vor, dass der Geliebte den Urning dadurch in unwürdiger Weise ausbeutet, ganz ebenso, wie wir es finden, dass in der Liebe vom Mann zum Weib oft der eine Theil sich durch seine leidenschaftliche Liebe zum andern ganz und gar zu dessen Sklaven macht. Dieses Gefühl der Abhängigkeit des Urnings ist ihm oft deutlich bewusst und erwünscht. Wir beobachten hierin bereits deutlich den Anfang des später genauer zu besprechenden Masochismus.

Wenn der Urning sich von seinem Geliebten trennt, indem er etwa den bisherigen gemeinsamen Wohnort verlässt, so entwickelt sich nicht selten eine lebhafte Correspondenz, in der natürlich die Liebe eine Hauptrolle spielt. In den schwärmerischsten Ausdrücken sind die Briefe abgefasst. Die Ueberschrift ist mitunter so, wie wenn der Brief an ein Weib gerichtet wäre, und ebenso besteht die Unterschrift gewöhnlich in einem weiblichen Namen, wie ihn der Betreffende in seinem Kreise bei den „Tanten" gerade führt 1). Schon Tardieu hat auf die leidenschaftliche Correspondenz der Urninge hingewiesen.

Die Liebe vieler Urninge, die sich in der Jugend entwickelte, bleibt mitunter das ganze Leben2) hindurch bestehen. Ich weiss von

1) So sah ich den Brief eines Herrn X an seinen Freund Y mit der Anrede: „Süsse Anna" und der Unterschrift „Deine Martha". Die gleichfalls mir gezeigte Photographie eines Urnings enthielt auf der Rückseite als Widmung an seinen Geliebten die Verse:

„Immer schneidig, fesch und chic, So hat man bei uns Damen Glück."

2) Allerdings bezweifle ich es, ob dies bei dauerndem Zusammenleben der Falle wäre.


Frühes Erwachen der Liebe. 89

solchen Männern, die ihren ersten Geliebten viele Jahre, ja Jahrzehnte nicht mehr gesehen haben, und dennoch zeigte sich beim Wiedersehen das alte Feuer der ersten Liebe. Bei andern pflegt ein intimerer Liebesbund viele Jahre ununterbrochen zu währen.

Diese schwärmerische Liebe äussert sich oft schon in früher Jugend. Knaben haben eine an Liebe grenzende Zuneigung zu Altersgenossen, die sich in der Schule bereits zeigt und über deren sexualen Hintergrund, trotzdem die Kinder oft kaum das sechste oder siebente Lebensjahr überschritten haben, keinerlei Zweifel sein kann. Die Knaben geben selbst später oft an, dass sie bei solchem Verkehr mit Altersgenossen Erection hatten, und dass sie bereits als kleine Kinder sich gegenseitig an den Genitalien spielten. Ein Urning, dessen Krankengeschichte v. Krafft-Ebing veröffentlicht, erklärt, dass er mit 10 oder 11 Jahren bereits, als er eine Schwärmerei für einen hübschen Knaben gefasst hatte, jene süsse Sehnsucht empfand, die für die Liebe charakteristisch ist. Besonders häufig sehen wir auch, dass Urninge angeben, dass sie mit ihrem Nachbar in der Schule ein inniges Verhältniss gehabt haben, dass sie neben einem bestimmten Knaben zu sitzen grossen Reiz empfanden.

Wie gross die Leidenschaft der Urninge mitunter ist, und wie sehr sie im stande ist, bei ihnen alle edleren Gefühle zurückzudrängen und schlechte Handlungen selbst nahestehenden Personen gegenüber herbeizuführen, soll folgender Fall zeigen, der mir aus Berlin bekannt ist. Ein hiesiger Urning A, an dem ich, ebenso wie andere, die ihn kennen, niemals eine schlechte Charaktereigenschaft zu entdecken vermochte, ist in einen andern Urning B verliebt, beide haben schon lange ein Verhältniss mit einander. Wie es aber auch sonst leicht vorkommt, so tritt bei ihnen oft ein Streit ein, der nach einigen Tagen beendet ist und sie nur noch inniger an einander kettet. Dennoch hat A die Befürchtung, dass er die Liebe des B und damit diesen selbst einmal verlieren könnte. Um dies zu verhindern, wird von A ein geradezu niederträchtiger Plan verfolgt. A will nämlich den B mit seiner, d. h. A's Schwester verheiraten, A behauptet, seine Schwester sehr zu lieben, er ist auch fest von dem schweren Unrecht, das er seiner Schwester anthun will, überzeugt; er weiss, dass B nicht im stande sein wird, seiner Schwester in der Ehe zu genügen, aber des A Leidenschaft für B ist zu gross, um derartigen Erwägungen Gewicht zu verleihen. B ist, wie ich durch den A selbst weiss, ganz echter Urning, der zu Weibern noch niemals eine Spur von Zuneigung gehabt hat, aber A sucht dennoch eine


90 Unglückliche Liebe.

Ehe zu Stande zu bringen, weil er den B., wenn er sein Schwager wird, „ohne jeden Verdacht stets in seiner Nähe haben kann".

Von der schwärmerischen Liebe der Urninge soll auch folgender, mir von einem urnischen, ca. 38 Jahre alten Arzte zugesendeter Brief zeugen. Es handelt sich hier um einen Fall von unglücklicher Liebe, indem der betreffende Arzt einen andern Mann, der nach seiner Ansicht auch Urningsnatur besass, liebte. Indessen fand der betreffende Arzt keine Gegenliebe; vielmehr schenkte der andere später seine Liebe einem dritten Manne, mit dem er ein intimes Verhältniss anknüpfte, und mit dem er auch später zusammen wohnte. Ueber diese Verhältnisse nun schreibt der Arzt in seiner Autobiographie, die er mir sandte, folgendes:

„. ..Im Jahre 1886 lernte ich den kennen, der meinem Leben den entscheidenden Inhalt gegeben hat. Er war jung, liebenswürdig, eine Künstlernatur, er hegte für mich eine zärtlich leidenschaftliche Neigung, voll Aufopferung und Sorge für mein Wohl, aber es war die Liebe nicht; ich aber nahm seine schwärmerische Sympathie für eine grosse Leidenschaft, die ich ihm selbst entgegenbrachte. Der Irrthum war um so leichter möglich, da sein Wesen zu mir der Liebe um ein Haar ähnlich sah.

„Aus diesen Prämissen musste sich mit Notwendigkeit eine Reihe von Conflicten entwickeln, die für mich so grausam und zerstörend wirkten, dass ich seitdem keine Stunde mehr froh war; Heiterkeit, Schlaf, Arbeitslust, Interesse, alles war vernichtet, der Grund war der, dass er mit mir geschlechtlich nicht verkehren mochte. Es geschah wohl im Anfang einige Male, aber dann wirkte jeder Versuch in diesem Sinne, der von mir ausging, gerade gegentheilig. Diese ewigen Verschmähungen, dieses tödtliche Verletzen meiner Empfindungen, die sich ja nur auf ihn concentrirten, brachten mich fast um; dabei blieb er immer derselbe Freundliche, Gütige zu mir. Ich suchte nach Gründen für sein Verhalten; warum gefiel ich ihm körperlich nicht? Was hinderte, dass ich keinen Reiz für ihn hatte? Diese Gedanken quälten mich unaufhörlich, Tag und Nacht.

„Endlich, nach furchtbaren inneren Kämpfen schrieb ich ihm, dass ich ihn nicht mehr sehen wolle, er kam sofort zu mir, weinte wie ein Kind und beschwor mich auf den Knieen, ihn nicht zu verstossen, natürlich war ich schwach, und alles blieb beim Alten. Eine Zeit lang ging es nun, dann erwachten die alten Wünsche wieder in mir, denn die Liebe, die sich auf einen Gegenstand geworfen, ist zu sehr an die Sinne gebannt, als dass sie dieselben


Unglückliche Liebe. 91

ignoriren könnte. Kein anderer konnte mir ersetzen, was er mir versagte; neue Conflicte, neue Qualen. Trennen konnte ich mich nicht von ihm, und doch besass ich ihn nicht, dabei waren wir immer zusammen. Er hatte keine anderen Bekanntschaften und liebte mich, wie er sagte, über alles. Ich machte mehrmalige Versuche, mich aus dem Banne zu befreien, die jedoch immer dasselbe Schicksal hatten; aber der Nichtbesitz, dieses ewige Greifen nach einem schönen Wahngebilde, das so nahe vor meinen Augen schwebte, und das ich doch nicht erreichen konnte, machten mich seelisch zu einem anderen Menschen. Der Argwohn, der nagende Zweifel untergruben meinen Frieden, die vielen Räthsel1), die mir jeder Tag aufgab, suchte ich zu lösen und zermarterte mein Gehirn mit einer Antwort, die mich beruhigen sollte.

„Drei Jahre hatte das nun gedauert, ich war physisch ebenso wie psychisch ruinirt; da lernte er einen jungen Mann kennen, die Liebe zog in sein Herz ein. Er erzählte mir, nachdem die Neigung ungefähr 3 Wochen bestand, eines Tages selbst das Vorgefallene. Alle Dämonen, die in der Menschenbrust wohnen, waren von dem Augenblicke an in mir entfesselt, ich hätte ihn am liebsten ermordet und dann mich. Der Gedanke, dass alles, was ich seit Jahren ersehnte, jetzt einem anderen gewährt würde, dass sein Sinn und sein Herz einem anderen gehören, machte mich fast wahnsinnig; es blieb mir nur übrig, das Glück der beiden mir mit krankhafter Phantasie auf das schönste auszumalen zur eigenen Qual. Was ich früher empfand, hatte sich verwandelt in den Wunsch nach Vergeltung2), wenn ich selbst es auch nicht über das Herz brächte, dies auszuführen. Eigentliche Eifersucht habe ich nicht empfunden, da der Dritte mir nichts genommen hatte, was ich besass, und mein Lebensglück nur von dem zerstört war, den ich liebte."

Hiermit endet die Schilderung, die mir der betreffende Arzt über seinen seelischen Zustand gab. Ich habe den Herrn persönlich gesprochen und muss bemerken, dass ich selten einen so bedauernswerthen Kranken gefunden habe, wie diesen von Seelenqualen heim-

1) In der That ist das Verhalten des anderen räthselhaft; er benahm sich gegen den Arzt so, wie wenn er ihn liebte, verweigerte aber geschlechtlichen Verkehr mit ihm. Wahrscheinlich handelte es sich also um eine rein seelische Liebe zu dem Arzt, bei der sexuelle Acte mitunter von Urningen ahsichtlich vermieden werden, da der Trieb zu ihnen nicht vorliegt. Ich komme auf diese seelische Liebe unten ausführlich zurück.

2) Der Briefschreiber meint damit Ermordung des von ihm Geliebten.


92 Unglückliche Liebe.

gesuchten Arzt. Besonders war es der Gedanke, der ihn verfolgte, dass er sich an dem andern, der ihm die Liebe verweigerte, dafür rächen wolle, dass er ihn so lange hingehalten und ihn nicht habe wissen lassen, ob er ihn liebe oder nicht. Mordgedanken tauchten in ihm auf und nahmen zeitweise den bedauernswerthen Arzt vollständig gefangen. Nach einiger Zeit schrieb er mir wieder aus seinem Heimathsorte, und dieser Brief ist auch in manchen Beziehungen charakteristisch. Ich will einige Zeilen von ihm noch mittheilen:

„.. .Die folternden Vorstellungen einer verrathenen Leidenschaft lassen mich nicht einschlafen, so dass ich genöthigt bin, hin und wieder zum Chloralhydrat zu greifen. Meine Träume sind nur eine Fortsetzung der Wirklichkeit und geben ihr an Schmerzhaftigkeit nichts nach. Wie das einmal enden soll, ist mir noch nicht recht klar; aber elementare Empfindungen gehen wohl immer ihren eigenen Gang. Ich habe schon daran gedacht, für immer von hier fortzugehen und würde es auch thun, wenn ich nicht wüsste, dass mein Dämon mitreist. Die einzige vernunftgemässe Lösung des Conflictes ist der Tod, aber drei Menschen, denen ich alles bin, würden mit daran zu Grunde gehen."

Der betreffende Arzt, der mehreren Familienmitgliedern die einzige Stütze war, worauf auch der letzte Passus des eben citirten Briefes hindeutet, hat mir ganz kürzlich wieder geschrieben, und zwar nach Verlauf von ca. 2 Jahren seit seiner endgültigen Trennung von dem von ihm geliebten Manne. Er hat es versucht und theilweise erreicht, durch seine Berufsthätigkeit und Arbeit sich von seinen krankhaften Racheideen zu befreien, wenn ihm dies auch nicht vollständig gelungen ist.

Wie mächtig die Leidenschaft des Urnings sein kann, dürfte wohl aus obigem klar hervorgehen.

Die Zeit, wo der Urning glücklich liebt, hat für ihn etwas erhebendes. Sein geistiges und körperliches Befinden wird besser, Arbeitsfähigkeit und Leistungsfähigkeit nehmen zu, ganz ebenso wie bei einem normalen jungen Manne glückliche Liebe oft sehr günstige Einwirkung zeigt. Doch wird sofort für den Urning die Situation eine sehr traurige, wenn er keine Gegenliebe bei dem Manne findet, dem er seine Neigung geschenkt hat. Es kann unter solchen Umständen zu Selbstmordgedanken, ja zum Selbstmord kommen. Mir ist der Fall eines urnischen Mannes bekannt, der zweifellos in Folge unglücklicher Liebe sein Leben freiwillig geendet hätte, wenn nicht Verpflichtungen gegen seine Angehörigen


Platonische Liebe. 93

ihn zurückhielten. Dass vielleicht mancher nicht aufgeklärte Selbstmord von Männern in unglücklicher Liebe zu Männern seinen Grund hat, ist wahrscheinlich.

Wenn auch aus den Berichten vieler Urninge hervorgeht, dass sie einer tiefen Leidenschaft für den geliebten Mann fähig sind, dass sie ihm die grössten Opfer zu bringen vermögen, so scheint es mir dennoch fraglich, ob sie einer das ganze Leben1) dauernden Liebe fähig sind, wie die weibliebenden Männer, zumal ein Hauptbindemittel der Ehe, die Gründung der Familie, vollständig fehlt. Es braucht wohl aus diesem Grunde die Frage nicht ernstlich erörtert zu werden, wie man sich zu dem Projecte von Ulrichs zu stellen hat, der die gesetzliche Einführung der Ehe zwischen Urningen in Vorschlag brachte.

Die Liebe der Urninge ist mitunter hauptsächlich auf die psychische Seite beschränkt, d. h. sie ist nicht darauf gerichtet, einen sexuellen Act vorzunehmen; wenigstens kommt ein derartiger Wunsch ihnen nicht zum Bewusstsein oder bleibt, wie mir scheinen will, nur eine gewisse Zeit latent. Sicherlich sind diese Fälle die seltneren; aber sie kommen vor. Von einem Urning, der geschlechtlich nur mit normalen Männern verkehren kann, weiss ich, dass er dennoch ein besonderes „Verhältniss" mit einem Urning hat, das aber sozusagen platonisch2) ist. Es ist sehr schwer für

1) D. h. bei dauerndem Zusammenleben.

2) Es dürfte wohl der geeigneteste Ort sein, einige Worte über diese platonische Liebe zu sagen. Darüber, was man hierunter zu verstehen hat, hört man ganz verschiedene Ansichten. So oft das Wort in den Mund genommen wird, fast eben so oft kann man beobachten, dass der es Aussprechende keine Ahnung von dem ursprünglichen Sinn hat. Die Autoren selbst geben verschiedene Definitionen an. Hermann Klencke (Diätetik der Seele, Leipzig 1873) z. B. meint, dass man unter platonischer Liebe diejenige Liebe versteht, bei der kein sinnliches Begehren stattfindet, wo es den Liebenden genügt, die gegenseitige Zuneigung zu erwerben, und wo durch den Zügel der Vernunft und Sitten jede sinnliche Lust sofort bekämpft wird. Michael v. Lenhossäk (Darstellung des menschlichen Gemüths. II. Aufl. Wien 1834) sagt: bei der platonischen Liebe scheint der Gemüthszustand des Liebenden ein reines, von allen Begehrungen freies Gefühl, das seine Befriedigung in sich selbst enthält, seine Wonne in der stillen Bewunderung, in der begeisterten Hochachtung des geliebten Gegenstandes findet. Man sieht, dass schon diese zwei Autoren sich von einander unterscheiden, indem der eine bei der platonischen die Gegenseitigkeit der Liebe betont, die bei dem andern vollständig wegfällt.

Zunächst sei erwähnt, dass, wenn wir den Ursprung der „platonischen" Liebe in Platos Schriften studiren, zu deren Begriff ein Verhältniss vom Mann zum Mann oder zum Jüngling gehört, und dass man von platonischer Liebe niemals bei einem Verhältniss vom Mann zum Weib sprechen kann. Wir sehen, dass


94 Platonische Liebe.

manchen und auch für den Autor dieses Buches, sich eine solche Liebe 1) als längere Zeit dauernd zu denken: aber nach Schilderungen, wie sie mir gemacht wurden, muss ich sie bei manchen Urningen als in einzelnen Fällen bestehend anerkennen. Hier werden die Urninge nicht etwa von ihrer Neigung, den sexualen Act auszuführen, abgehalten durch irgend welche sittlichen oder strafrechtlichen Bedenken, es besteht vielmehr gar nicht die Neigung zu einem sexuellen Acte.

Was eigentlich platonische Liebe sei, ist schwer zu sagen. Sie mit Freundschaft zu identificiren, geht nicht gut an; die Eifersucht, die bei jener mitspielt, trennt sie schon von dieser2). Die einfache geschlechtliche Liebe, deren Ziel der Sinnesgenuss ist, ist sie auch nicht, da sie in dem gewöhnlich aufgefassten Sinne die Entstehung körperlicher Begierden ausschliesst. Ich kann auch nicht zugeben, dass man unter platonischer Liebe etwa eine Liebe versteht, bei der sittliche, sociale Motive die Ausführung des sinnlichen Actes zurückdrängen; denn dies wäre gleichfalls die gewöhnliche Liebe, bei der nur der geschlechtliche Act fehlt, weil eben gewisse Gründe gegen dessen Ausführung sprechen, der Trieb zu dem Acte aber vorhanden ist. v. Krafft-Ebing bestreitet ebenso wie andere Autoren die Existenz einer platonischen Liebe vollständig. Es fragt sich nur, ob hierbei nicht zu leicht

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite)
Hössli platonische Liebe sogar als gleichbedeutend mit der mannmännlichen Liebe braucht, und dass ganz ebenso z. B. H. T. Finck (Romantische Liebe und persönliche Schönheit. 2 Bände) im Anschluss an George Grote der gleichen Ansicht ist. Auseinander gehen Hössli und Finck nur darin, dass ersterer die auf geistiger und körperlicher Zuneigung beruhende Liebe mit dem ihr anhaftenden sinnlichen Triebe betont, während Finck mehr die leidenschaftliche Gluth romantischer Liebe ohne körperlichen Geschlechtsact hervorhebt.

Es kann also eigentlich platonische Liebe nur ein Verhältniss bezeichnen, wie es bei Plato beschrieben wird. Nun aber wurde das von Plato beschriebene und empfohlene Verhältniss des Mannes zum Jüngling von vielen Erklärern als ein rein ideelles und seelisches mit Ausschluss sinnlicher Triebe aufgefasst. Es war nämlich wahrscheinlich Platos Zweck bei Abfassung seiner bezüglichen Schriften, den Sokrates von dem Vorwurf der sinnlichen Knabenliebe zu reinigen. Hierauf deuten viele Stellen in den Schriften, wie z. B. die Bemerkung des Sokrates, dass er körperliche Schönheit gering schätze. Infolgedesssen bezeichnete man später als platonische Liebe diejenige, bei der jeder sinnliche Trieb fehlen soll, gleichviel ob es sich um hetero- oder homosexuelle Liebe handelte.

1) D. h. sowohl für hetero- wie für homosexuelle Neigung.

2) Wenn Lenhossék u. a. von Eifersucht bei der Freundschaft sprechen, so ist dies ein Ausdruck für eine ganz andere Erscheinung, als es die Eifersucht in der Liebe ist.


Erotomanie. 95

verallgemeinert wird; sie scheint mir aber jedenfalls in der homosexuellen Liebe nach den mir gemachten Mittheilungen einzelner Personen möglich, mindestens als eine Episode in der Liebe, charakterisirt durch ein unbestimmtes Sehnen ohne bewussten Trieb zum geschlechtlichen Act. Es giebt übrigens hier wieder zweifellos eine besondere Abart, wo zwar der Trieb zu körperlichen Berührungen, zu Umarmungen und Küssen besteht, aber die Genitalorgane keine Rolle spielen. Es scheint mir, dass bei den homosexualen Männern diese Form der platonischen Liebe bei weitem häufiger ist, als die, bei der die Sinne gar keine Rolle spielen. Ja ich kann das Vorkommen dieser Form nicht mit absoluter Sicherheit behaupten, während ich jene Art (ohne Beteiligung der Genitalien, aber Neigung zu körperlicher Berührung)1) als zweifellos hinstellen kann.

In manchen Fällen geht die Liebe des Urnings zu seinem Geliebten so weit, dass wir von einer Erotomanie sprechen können, d. h, jener seelischen Störung, die als Erregung des ganzen seelischen Verhaltens mit erotischem Grundzuge sich zeigt. Am heftigsten soll sie nach Tarnowsky bei solchen Urningen vorkommen, die, unter Frauen aufgewachsen, der Verführung durch Päderasten entgangen sind. Bei dieser Erotomanie2) treten sexuelle Gedanken vollständig zurück (Ideler), und es zeigt sich die Liebe wesentlich in einer exaltirten Bewunderung der geliebten Person. Diese Bewunderung kommt übrigens in einigen Fällen vor, ohne dass wir von einer Erotomanie sprechen können. Ebenso wie das Weib am Manne das Männliche in der äusseren Erscheinung, die männlichen Eigenschaften seines Charakters, Muth und Entschlossenheit liebt, ebenso wird mancher Urning hierdurch am lebhaftesten gereizt.

1) Herrn N. N. ist diese Form aus eigener Erfahrung als lange Zeit dauernd bekannt.

2) Unter Erotomanie wurden allerdings ganz verschiedene Zustände beschrieben. So hat Pinel gerade die sinnliche Seite als ein Charakteristikum der Krankheit bezeichnet, wobei sogar die obscönsten Anträge, unanständige Gesten u. s. w. die Scene beherrschen. Indessen betont Gillet (in La Monomanie, 1845} mit vollem Recht, dass es sich hier offenbar um eine ganz andere Affection handelt, als bei der Erotomanie, wie sie Esquirol auffasste. Die letztere ist oben gemeint. Gillet sieht ein typisches und meisterhaft durchgeführtes Beispiel dieser Erotomanie bei heterosexualer Neigung im Don Quixote von Cervantes.


96 Sprödigkeit.

Auch sonst sind in der homosexualen Liebe des Mannes alle jene Eigenthümlichkeiten zu entdecken, die wir in der zweigeschlechtlichen finden. Schlauheit und besonders die Neigung, dem Manne recht begehrenswerth zu erscheinen, veranlassen bekanntlich oft das Weib sich spröde zu zeigen und Kälte zu heucheln, selbst wenn es am liebsten dem betreffenden Manne um den Hals fallen möchte. Aehnliche Vorgänge finden wir unter den Urningen. Ein Urning A lernte einen anderen B kennen; kaum hatte A bemerkt, dass der andere, B seine Augen auf ihn geworfen hatte, als er Gleichmütigkeit simulirte und sich dem B dadurch noch begehrenswerther machte. In Wirklichkeit hat sich nach kurzer Zeit zwischen den beiden, obwohl B verheirathet ist, ein inniges Verhältniss entwickelt, das, wie es bei solchen „Verhältnissen" nicht selten geschieht, durch zahlreiche gegenseitige Geschenke aufrecht erhalten wurde. Bei solchen Geschenken spielen übrigens Schmuckgegenstände eine Hauptrolle; dann und wann kommen wohl auch, wie schon erwähnt, von den Männern selbst verfertigte Handarbeiten vor, die sie als Geschenke sich einander dediciren.

Man muss übrigens nicht etwa glauben, dass es in den Liebesverhältnissen der Urninge ganz ohne Streit abgeht. Im Gegentheil, es spielen zahlreiche Zänkereien hierbei eine Hauptrolle; an ihnen ist grösstentheils die Eifersucht schuld. Wo es Liebe giebt, da giebt es Eifersucht, und wenn es wahr wäre, was Rousseau meint, dass der Wilde frei von Eifersucht sei 1), so können wir, glaube ich, auch nicht bei ihm von Liebe sprechen, die in manchen Fällen mit dem Geschlechtstrieb verwechselt wird. Das Auftreten der Eifersucht in der mannmännlichen Liebe kann um so weniger auffallen, als wir wissen, dass die Eifersucht gewöhnlich die Folge einer überschwenglichen Liebe 2) ist. Da wir nun bei

1) Uebrigens ist wohl diese Ansicht von Rousseau nicht ganz richtig, da ganz zweifellos die Eifersucht sich, wenn auch nicht in demselben Grade wie beim Culturmenschen, so doch immerhin gelegentlich auch bei den sogenannten Wilden zeigt. Interessante Notizen hierüber giebt Alibert in „Physiologie des Passions, Paris 1837", der auch auf Eifersucht unter Thieren, ebenso wie Buffon, hinweist. La Pérouse hat, wie Alibert erwähnt, bei den Koriaken sehr ausgesprochene Eifersucht gefunden, die sogar auf einfachen Verdacht hin ihre Frauen tödteten. Ebenso hat Noyer auf den Krieg hingewiesen, den mehrere Stämme in Guyana untereinander führten, und der ausschliesslich durch Eifersucht verursacht wurde. S. A. Tissot (Abhandlung von den Nerven und ihren Krankheiten, a. d. Franz, übersetzt von F. A. Weber) meint übrigens, dass je gröber und dümmer eine Nation ist, desto eifersuchtiger sie auch sei.

2) Emile Laurent, L'amour morbide, Paris 1891.


Eifersucht. 97

Urningen oft nicht nur den Geschlechtstrieb, sondern auch das Gefühl der Liebe lebhaft gesteigert finden, so kann uns die bei ihnen bestehende Eifersucht in keiner Weise verwundern. Einige Fälle aus der Welt der Urninge sollen die Eifersucht deutlich zeigen.

Es giebt unter den Urningen einzelne, die so zu sagen die gefeierten Schönheiten sind, ebenso wie es in der Damenwelt stets einige Mitglieder giebt, die deren Glanzpunkt bilden, und um deren Besitz der heisseste Kampf der Männer entbrennt. Ein solcher vielbegehrter Urning ist z. B. Herr X, ein Sänger; er hat ein festes Verhältniss mit Y. Nun werden von anderen Urningen alle möglichen Mittel angewendet, um X und Y von einander zu trennen. Z z. B. sucht sich dem X auf jede Weise zu nähern, um mit ihm ein Verhältniss zu beginnen; kleine Verdächtigungen des Y, der mit anderen Männern verkehre, werden angewendet, um Misstrauen hervorzurufen. Als Z auf keine Weise sein Ziel erreichte, wendete er das in Urningskreisen sehr gefürchtete, aber auch oft beliebte Mittel an; er droht nämlich dem X, dass er ihn auf der Strasse öffentlich als Päderasten bezeichnen würde,1) wenn er nicht mit ihm geschlechtlich verkehren wolle.

Von den vielen Eifersuchtsscenen sei eine andere, die mir von dem betheiligten A erzählt wurde, hier wiedergegeben. A, der schon lange mit B sexuell verkehrt, kommt eines Tages zu ihm, nachdem ihm bekannt geworden war, dass B die Besuche eines gewissen C empfange, ja sogar Geschenke von diesem erhalten habe. A war über den Vorfall sehr erregt. Das erste, als er zu B kam, war, dass er ihn fragte, ob er je ein Geschenk von C erhalten habe. B bestreitet es, und nun erklärt ihm A, indem er ihm sein Taschenmesser zeigt: „Dein Glück; denn mit diesem Messer hätte ich Dich auf der Stelle erstochen, wenn es der Fall gewesen wäre". A, ein ausgesprochener Urning, der mir den Vorfall mittheilte, ist eine sehr erregbare Natur; er hält es für möglich, dass die Eifersucht ihm einmal den Verstand rauben und ihn zu einem Verbrechen führen könne.

Solche krankhafte Affectzustände infolge von Eifersucht können bei sonst sehr ehrenwerthen und charaktervollen Leuten auftreten; denn die Leidenschaft der Liebe kann den Urning ebenso blind machen, wie sie im Stande ist, bei normal fühlenden Menschen

l) Die Urninge bezeichnen eine solche öffentliche Blossstellung als Päderast mit „Aufbieten".

Moll, Contr. Sexualempfindung. 7


98 Eifersucht.

Gegenvorstellungen zurückzudrängen und verbrecherische Handlungen hervorzurufen. Mit Recht lässt Euripides1) die Helena

die Worte sprechen:

Zeus,

Dess Macht den andern Göttern überlegen ist, Doch unterthan der Liebe.

Wie gross die Eifersucht ist, soll folgende Scene zeigen. Ein Urning D verkehrt sexuell mit E. Wenn D den E nach Hause begleitet hat, und E nicht wünscht, dass D mit ihm hinauf in sein Zimmer komme, so ist dieser gewöhnlich misstrauisch; er denkt alsdann, dass E einen anderen Mann bei sich habe, resp. erwarte. D bleibt dann nicht selten an der Hausthür des E stehen bis tief in den Morgen hinein, um sich davon zu überzeugen, dass niemand bei E über Nacht gewesen ist. Wenn D andererseits ausgeht, muss er sehr vorsichtig sein, um nicht den Verdacht des E zu erwecken. Sobald insbesondere D öfter mit einem anderen Manne zusammen gewesen ist, so glaubt E, dass es sich hierbei um einen Urning handle, der mit D verkehre; es giebt alsdann die heftigsten Vorwürfe, und E untersagt es schliesslich dem D, überhaupt öfter mit einem und demselben Manne zusammenzukommen.

Ein anderer Homosexualer, F, der ein Verhältniss mit G hat, wirft dann und wann einen Blick auf andere Männer. Der sehr eifersüchtige G pflegt dafür in reichlicher Weise den F mit Ohrfeigen zu bestrafen; doch meint F, dass ihm die Schläge, die er von seinem Geliebten empfange, sehr angenehm seien, „da er doch daraus die Liebe desselben erkenne"2).

Zu der Anlage der Urninge zur Eifersucht mag ausser der leidenschaftlichen Liebe auch die nervöse Disposition der Leute Veranlassung geben. Wie eine Zwangsvorstellung kann der Gedanke, dass der Geliebte ihm untreu werde, den Urning beherrschen. Immer mehr setzt er sich in seinem Geiste fest, er raubt ihm Appetit, Lust zur Arbeit. In einem mir bekannten

1) Die Troerinnen, Vers 922,

2) In Kants „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" ist Analoges über die zweigeschlechtliche Liebe erzählt. „Die alte Sage von den Russen, dass die Weiber ihre Ehemänner im Verdacht hielten, es mit anderen Weibern zu halten, wenn sie nicht dann und wann von diesen Schläge bekämen, wird gewöhnlich für Fabel gehalten. Allein in Cooks Reisen findet man, dass als ein englischer Matrose einen Indier auf Otaheite sein Weib züchtigen sah, jener mit Drohungen auf diesen losging. Das Weib kehrte sich wider den Engländer, sagte, was ihn das angehe etc."


Polygamische und monogamische Urninge. 99

Falle ging die Veränderung des Urnings durch die Eifersucht so weit, dass seine Umgebung allgemein den Ausbruch einer Geisteskrankheit befürchtete.

Tarnowsky betont, dass die Urninge gerade auf die Weiber beständig eifersüchtig seien wegen deren Erfolge beim männlichen Geschlecht, während sie ihre unglückselige Neigung, einen normalfühlenden1) Mann als ihren Liebhaber zu haben, nicht befriedigen können. Ich habe diese eigenthümliche Eifersucht gegenüber dem Weib zwar nicht constatiren können, sie scheint mir aber für eine Reihe von Fällen vollständig plausibel,

Ebenso wie der weibliebende Mann nicht in gleichmässiger Weise alle Weiber liebt, vielmehr wenn die Liebe eine wahre ist, nur ein Individuum liebt und mit diesem zeitweise oder dauernd, z. B. in der Ehe, seinen Geschlechtstrieb befriedigt, ebenso sehen wir, dass der mannliebende Mann nicht mit allen Männern in gleicher Weise sexuell verkehrt; er fühlt sich vielmehr entweder nur zu ganz bestimmten Männern oder auch nur zu einem Individuum, selbst auf Jahre hinaus, hingezogen; ja es scheint mir, dass der Geschlechtstrieb beim Urning noch mehr (s)electiv ist als beim normalen Manne, wenn auch nicht so beständig. Auch bei dem weibliebenden Manne kann die Neigung zu einem Weibe soweit gehen, dass anderen gegenüber geradezu sexuelle Impotenz besteht; in demselben Grade finden wir diese Erscheinung auch beim Urning wieder. Viele Urninge sind allerdings mehr polygamisch veranlagt; sie verkehren bald mit dem, bald mit jenem, haben keinen ständigen Geliebten, während der monogamische Urning nur sein „Verhältniss" hat, das gelegentlich zu hintergehen, ihm allerdings keine sehr grossen Gewissensbisse verursacht.

Abgesehen hiervon beansprucht der Urning auch bei dem von ihm zu liebenden Mann gewisse Eigenschaften, die nach der Individualität der einzelnen Urninge verschieden sind.

Viele Urninge können mit anderen Urningen nicht verkehren. Ein Herr erklärte mir, dass sehr häufig Urninge dies wissen, und dass sie deswegen auch dem von ihnen geliebten Manne die eigene urnische Natur verbergen, um ihn nicht abzustossen. Einem Ur-

1) Viele Urninge lieben nur nicht-urnische Männer und werden von anderen Urningen sexuell abgestossen.

7*


100 Abneigung gegen den Urning.

ning ist es öfters passirt, dass er mit Leuten, die er nicht für Urninge hielt, geschlechtlich verkehren wollte und auch, wirklich mit Erfolg verkehrte; in dem Augenblicke aber, wo die Betreffenden ihm sagten, oder er es entdeckte, dass sie Urninge seien, war jede geschlechtliche Erregung geschwunden. Es scheint fast, dass die Idee des Mannes es unter Umständen ist, die den Urning reizt; denn sobald irgendwie bei dem anderen das Weibische, was ja schließlich der Uranismus ist, zum Vorschein kommt, in demselben Augenblicke ist jeder Reiz geschwunden.

Nach dem Eindrucke, den ich gewonnen habe, scheint es mir, dass vielleicht die grössere Hälfte der Urninge, wenn sie die Wahl hätten, am liebsten mit Männern mit normalem Geschlechtstriebe verkehren würde. Der eine sagte mir, dass er am liebsten mit Männern, die sich zu Weibern hingezogen fühlen, verkehren würde, dass er aber davon abstehen müsse, weil ein solcher Mann sich nicht leicht hierzu hergebe, mit einem Urning zu verkehren, dass es ihn aber auch selbst geniren würde, einem Nicht-Urning 1) einen geschlechtlichen Act anzubieten. Andere Urninge aber können, wie gesagt, gar nicht mit einem anderen Urning verkehren, sie sind auf normale Männer angewiesen, und es hat sich theilweise dadurch in grösseren Städten eine männliche Demi-monde entwickelt, die zum Theil aus normal veranlagten, für Geld feilen Männern besteht. Wie sehr die meistenUrninge das echt Männliche 2) lieben, geht u. a. daraus hervor, dass gerade ein membrum virile permagnum ihnen den Besitzer desselben besonders begehrenswert macht. Ein Urning, dessen Krankengeschichte v. Krafft-Ebing beschreibt, konnte mit von Anfang an homosexuellen Männern nicht verkehren, war aber geneigt, mit gezüchteten Urningen, resp. mit normal fühlenden Mannern geschlechtliche Acte auszuführen.

Viel weniger als der rein sinnliche Trieb ist es bei vielen Homosexualen das seelische Verlangen, die geliebte Person ganz und gar zu besitzen, der Wunsch, von ihr wieder geliebt zu werden,

1) Ulrichs nannte die Männer mit normalem Geschlechtstrieb Dioninge, abgeleitet von Dione, vgl. die Stelle aus Plato S. 6.

2) Doch giebt es hier wohl Ausnahmen. Wenigstens weist darauf der Umstand hin, dass im alten Rom die Kaiser oft verschnittene Knaben zum sexuellen Verkehr wählten, ebenso wie heute die Wohlhabenden in Marocco, vgl. S. 39. Vielleicht geschieht das Entmannen, um die Individuen länger jung zu erhalten. Uebrigens ist das Bevorzugen Entmannter seitens einiger Homosexualer eine Analogie der Vorliebe einiger Frauen für Castrirte, worüber besonders aus dem alten Rom und dem Orient gelegentlich berichtet wird.


Alter der einander Liebenden. 101

der sie beherrscht. Nicht nur sociale Rücksichten sind es, die hier in den Weg treten, sondern eben der Umstand, dass der Urning gern von einem nicht urnischen Manne geliebt sein will, und dass natürlich dies unmöglich ist. Die Nichterfüllung dieses Wunsches ist für derartige Leute die Quelle grossen Leides, ja der Verzweiflung. So unsinnig und unmöglich es ihm scheint, so erklärte mir ein älterer Urning, so habe er im Stillen noch immer eine leise Hoffnung, es könne einmal ein normaler Mann ihn lieben !! Ueber das Altersverhältniss der bei der Männerliebe Betheiligten ist manches unrichtige geschrieben worden. J. B. Friedreich1) meint, dass bei der Päderastie gewöhnlich ein älterer Mann membrum immittere in anum juvenis. Doch ist dieses Altersverhältniss keineswegs in allen oder nur in den meisten Fällen vorhanden. Die beiden Unzucht treibenden sind oft in gleichem Alter; es ist andererseits bei der Päderastie mitunter der passive Theil älter. Der Irrthum kommt wohl daher, dass im alten Griechenland häufig ein Liebesverhältniss zwischen einem älteren Mann und einem Jüngling bestand, wie es aus der häufigen Liebe des Lehrers und Schülers hervorgehen musste. Doch gab es auch bei den alten Griechen viele Ausnahmen, und oft waren es, wie wir sahen, jüngere Leute, die uns in der Geschichte als Freunde begegnen, bei denen wir aber ein sexuelles Verhältniss anzunehmen das Recht haben. Aehnliche Zustände finden sich auch heute mitunter noch in Lehranstalten und Gymnasien, besonders aber auch in Pensionaten von jungen Männern, wie mir von einigen berichtet wird. Allerdings scheint es, dass im alten Griechenland Jünglinge und Knaben besonders begehrt waren. Freilich darf der Ausdruck Knabe nicht falsch verstanden werden; wir wenden ihn als Uebersetzung des griechischen παις an. Gewöhnlich aber bezeichnete παις den heranwachsenden Jüngling, und es finden sich zahlreiche Angaben bei den alten Griechen, wonach die Zeit von Beginn der Pubertät bis zur Entwicklung des Bartes für die Knabenliebe die schönste sei. Dies würde sich ungefähr von 15 bis zu 18 Jahren erstrecken. Man darf sich nicht irreleiten lassen dadurch, dass mitunter der Begriff παις auch jüngere Knaben umfasst. Es giebt übrigens auch heute noch Urninge, die in Bezug auf das Alter des Geliebten die gleiche Neigung haben, wie die alten Griechen. So verkehrt ein mir bekannter Student am liebsten mit 14- bis 16jährigen Knaben,

1) J.B.Friedreich, Handbuch der gerichtsärztlichen Praxis. Regensburg 1843; L, S. 272.


102 Verschiedenheit des Geschmacks.

Männer mit Bärten sind ihm nicht nur unsympathisch, sondern stossen ihn sexuell noch mehr ab als das Weib.

Andererseits sehen wir, dass gewöhnlich der urnische Mann sich nur zu vollkommen erwachsenen und ausgebildeten Männern hingezogen fühlt. Dennoch scheint es, dass im Laufe der Jahrhunderte doch eine Geschmacksveränderung eingetreten ist, indem zu den Zeiten der alten Griechen mehr die Knabenliebe bevorzugt war, während in neuerer Zeit diese Knabenliebe seltener geworden zu sein scheint. v. Krafft-Ebing betont ausdrücklich, dass erwachsene Urninge niemals unreifen männlichen Individuen sich zuwenden, im Gegensatz zu Wüstlingen, welche Knaben bevorzugen. Indessen lässt sich dieser Satz doch wohl nicht verallgemeinern; es scheint vielmehr, dass es hier wiederum gewisse Abweichungen giebt, die wohl noch mehr pathologisch sind, als die gewöhnliche conträre Sexualempfindung. Ebenso wie es auf pathologischer Basis Männer giebt, die sich zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlen, die aber nicht erwachsene, sondern unreife Mädchen bevorzugen, ebenso scheint es Urninge zu geben, die nicht mit dem erwachsenen Manne, sondern mit unreifen Knaben zu verkehren geneigt sind. Man muss durchaus vorsichtig sein mit der Schlussfolgerung, dass solche Leute verkommene Individuen seien. Eine merkwürdige Erscheinung ist es, dass viele Urninge, je älter sie werden, um so ältere Individuen zu ihrer Befriedigung wünschen; viele sind in jedem Abschnitt ihres Lebens immer nur zu gleichalterigen hingezogen, also 8jährige Knaben zu 8jährigen Knaben, mit 20 Jahren besteht Neigung zu 20jährigen Jünglingen u. s. w. Bei vielen tritt im höheren Alter wieder eine Neigung zu immer jüngeren Individuen auf, während auch sehr oft bereits bei Kindern eine Neigung zu Erwachsenen beobachtet wurde.

Der Geschmack der einzelnen Leute ist auch sonst verschieden. So liebt ein erwachsener christlicher Herr, der vollständig blond ist, auffallender Weise nur jüdische Knaben, und zwar dürfen diese auch noch nicht älter als etwa 16 Jahre sein. Von einem anderen Urning weiss ich, dass er nur recht robuste Arbeiter liebt, ein anderer wird nur von ganz zerlumpten Individuen angezogen; der eine liebt nur Schwarze, der andere Blonde. Viele Urninge können nur mit Männern verkehren, die Bärte haben; der eine erklärte mir, dass er besonders Männer mit Vollbärten liebe, aber auch Männer mit Knebelbärten können ihn noch reizen, unmöglich aber sei es ihm, bei einem Manne Befriedigung zu finden, der gar keinen Bart habe.


Einfluss der Verführung auf die Art der Befriedigung. 103

Zu erwähnen ist auch die Vorliebe einiger Urninge für das Militär, besonders die Cavallerie. Es erinnert dies in mancher Weise an die besondere Vorliebe, die manche Weiber für die Uniform haben. In ganz gleicher Weise sehen wir, dass einige Urninge durch die Uniform wesentlich angezogen werden und mit Nichtmilitärs überhaupt gar keinen sexuellen Verkehr suchen.

Die Art und Weise, wie der Urning im Geschlechtsverkehr mit dem Manne seine Befriedigung sucht und findet, ist verschieden. Welche Art der Befriedigung jemand im einzelnen Falle wählt, ist von zahlreichen Momenten abhängig, unter denen das der Verführung nicht die geringste Rolle spielen dürfte. Ob überhaupt ausser der Aneinanderlagerung der Körper, ohne dass Zufälle und Verführung mitspielen, eine bestimmte Art der Befriedigung (z.B. immissio membri in os) seitens des Urnings bevorzugt wird, halte ich noch immer nicht für sicher. Beim normalen Geschlechtstrieb nehmen wir an, dass die Neigung auf den Coitus gerichtet ist. d. h. auf immissio membri in vaginam. Dass übrigens auch hier Verführung, Nachahmung als Gelegenheitsursachen für diese Art der Befriedigung mitspielen, halte ich für wahrscheinlich, ebenso dass diese bei der conträren Sexualempfindung in erhöhtem Maasse mitwirken; vielleicht würde sich sonst im heterosexualen Verkehr mancher wenigstens eine Zeit lang mit der einfachen Anlagerung membri ad corpus feminae begnügen.1) Leider sind diese Fragen sehr schwer zu beantworten, weil eben die Verführung kaum jemals ganz beseitigt werden kann. Ich hätte geglaubt, in

1) Ed. v. Hartmann rechnet in seiner Philosophie des Unbewussten die normale Art der Geschlechtsbefriedigung, d. h. den Coitus per vaginam zu den im Menschen liegenden und ihm angeborenen Instincten; das Wirken des Unbewussten bildet nach ihm die Geschlechtstheile zusammenpassend und treibt als Instinct zu ihrer richtigen Benutzung. Angenommen dass dies richtig ist, so fehlt natürlich jedes derartige Moment für den homosexualen Verkehr, bei dem der Zweck der Fortpflanzung weder bewusst noch unbewusst auf die Art der Befriedigung einen Einfluss übt. Diese wird vielmehr — und dies ist unter solchen Umständen wohl verständlich — ausschliesslich nach der Grösse des Reizes gewählt, den der Urning empfindet; sie ist daher wesentlich von der Erfahrung abhängig. Dass man unter solchen Umständen beim Fehlen des Zweckes der Fortpflanzung zu etwas ungewöhnlich scheinenden Arten griff, kann ebensowenig verwundern, wie der gelegentlich vorkommende analoge Vorgang in dem heterosexuellen Verkehr, wenn Schwängerung vermieden werden soll, obwohl selbst bei dem Wunsche dies zu verhindern, der Instinct nach Ed. v. Hartmann zum Coitus per vaginam drängt.


104 Entwicklung des sexuellen Actes.

der Beschreibung sogenannter Wolfskinder, d. h. der Kinder, die ganz zeitig aus der menschlichen Gesellschaft entfernt, in der Wildniss sich selbst überlassen wurden, eine Aufklärung zu finden, doch sind die meisten derartigen Fälle, die ich studirt habe und die Dorn zusammengestellt hat, nicht genau genug beobachtet; es wird nur angegeben, dass die Wolfskinder, nachdem sie später unter Menschen in den Culturzustand gekommen, sich durch Anästhesie in geschlechtlicher Beziehung ausgezeichnet haben.

Es ist mir übrigens wahrscheinlich, dass die Art der Befriedigung bei den Urningen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten differirt, dass z. B. in Paris zur Zeit, wo Tardieu sein Buch schrieb, die Päderastie häufiger war als gegenwärtig in Berlin.

Folgender Fall soll zeigen, wie bei einem Urning sich in dessen verschiedenen Lebenszeiten der geschlechtliche Act entwickelt.

X, ca. 50 Jahre alt, ein bekannter Künstler, führt seine perverse Anlage auf die früheste Kindeszeit zurück. Die ersten Gedanken in Bezug auf sexuelles Leben kamen ihm im Alter von etwa 10 oder 11 Jahren, wo ein junger Mann Y, X's Hand erst in seine, d. h. Y's Hosen und dann an den Geschlechtstheil heranführte. Das Anfassen desselben, sowie besonders auch das Anfassen der Haare und später deren Betrachten war für S mit besonderer Wollust verbunden. X fühlte von da ab immer einen besonderen Drang männliche Genitalien zu sehen, ohne sich aber irgendwie dabei etwas zu denken. Als er älter wurde, machte ihm auch die sonstige körperliche Berührung männlicher Individuen grosses Vergnügen, ohne dass er aber irgend wie sich einem bestimmten Act hingab. Später liebte er es, besonders Freunde an seine Wange zu pressen, und allmälig empfand er auch ein Vergnügen daran, überhaupt seinen Körper an den eines anderen etwa gleichalterigen Mannes heranzulegen. Niemals war er sich dabei dessen bewusst, dass er irgend einen bestimmten Act ausführen wolle, ja er hatte bis zu seinem 26sten Jahre gar keine Empfindung davon, dass er bei diesen Umarmungen und Berührungen Samenerguss haben könnte. Erst in seinem 26sten Jahre, als er mit einem Freunde zusammen im Bette lag und ihn sehr liebkoste, corpus membrumque suum apprimens ad corpus amici, empfand er plötzlich, dass Samenerguss mit Wollustgefühl erfolgte; hierbei ging für X eine ganz neue Welt auf. Nie hatte er vorher Onanie getrieben, nur des Nachts hatte er bei wollüstigen Träumen, die stets Männer betrafen, öfters Pollutionen, niemals aber Samenerguss in wachem


Periphere Vorgänge. 105

Zustande. Auch jetzt noch ist er sich nicht bewusst, dass er irgendwie mit seinem Gliede einen besonderen Act ausführen müsse. Immissio membri in anum ist ihm widerlich; apprimere membrum gewährt ihm grosse Befriedigung; hierbei liebt X es, wenn der andere Mann incumbit, ipseque succumbit.

Die Vorgänge an den Genitalien sind bei Befriedigung im allgemeinen dieselben, wie die bei Befriedigung durch den normalen Coitus, es tritt bei den Urningen Erection, Ejaculation mit Wollustgefühl ganz ebenso auf, wie beim normalen Mann. Doch ist mir angegeben worden, dass es bei manchen Urningen überhaupt nur bis zur Erection kommt, und ich weise auf den eben beschriebenen Fall hin, bei dem selbst noch im 25. Jahre, trotzdem bereits nächtlicher Samenerguss eintrat, der Act in Wirklichkeit nie weiter als bis zur Erection kam; diese gewährte jenem Herrn auch volle Befriedigung. An sich ist die Erection natürlich beim Urning nicht so vollständig nöthig zur Vollendung des Actes, wie beim normalen Coitus, da membrum saepe in cavum non immittitur. Natürlich geht aber unabhängig hiervon, d. h. ohne dass sie einen bestimmten Zweck hat, die Erection der Ejaculation beim Homosexualen voraus, da die peripheren physiologischen Vorgänge dieselben sind, wie beim normalen Mann.

Die 1) gewöhnliche Annahme ist die, dass der Act beim Urning dadurch zu Stande gebracht wird, dass unus membrum suum in anum alterius immittit. Dieser Act wird eigentlich ganz speciell als Päderastie bezeichnet; indessen ist es ein grosser Irrthum, zu glauben, dass dieser Vorgang so häufig sei. Einige Autoren, wie v. Krafft-Ebing, gehen sogar so weit, anzunehmen, dass nur bei sittlich defecten Männern diese Form auftritt. Ich kann nach dem, was ich gehört habe, dem doch nicht ganz beistimmen. Nach den neuerlichen mir gemachten Mittheilungen unterliegt es

1) Wenn ich dem Brauche der meisten Schriftsteller über Päderastie folgen wollte, so müsste ich auch erst am Beginn dieser Auseinandersetzung den Leser um „Entschuldigung" bitten wegen des Inhaltes derselben. Indessen wird wohl kein Mensch verlangen, dass man bei einer Abhandlung über conträre Sexualempfindung einen der wichtigsten Punkte, nämlich die Art der Befriedigung übergeht, daher lasse ich jede captatio benevolentiae aus und stelle es dem Ermessen eines jeden Lesers anheim, wie er über den folgenden Abschnitt denken will. Nur möchte jeder vorher noch einmal erwägen, ob der normale Beischlaf beim Weibe nicht an sich ein gleichfalls vieles ekelhafte bietender Vorgang ist, dessen Beschreibung aber nichtsdestoweniger häufig unumgänglich nöthig ist.


106 Päderastie.

mir nämlich keinem Zweifel, dass Päderastie gelegentlich unter den Berliner Urningen vorkommt, ohne dass ein sittlicher Mangel vorliegt, und zwar scheint sie gerade bei den Urningen, die eine bessere sociale Stellung haben, sich mehr zu zeigen als bei den Proletariern1). Für selten muss ich die Befriedigung auf diesem Wege dennoch erklären. Das gewöhnliche ist übrigens bei der Päderastie nicht, dass jemand eine Neigung hat, immittere membrum in rectum alterius, vielmehr findet gewöhnlich das Gegentheil statt, indem es einzelnen Urningen einen besonderen Reiz gewährt, durch immissio membri alterius in anum proprium gereizt zu werden; hierbei pflegt dann der betreffende passive Urning selbst Samenerguss zu haben. Um das Ekelhafte des Actes zu mildern, kommt es wohl auch vor, dass einzelne Urninge anum odoribus imbuunt: membrum interdum oleo infricant, ut facile penetret in anum; eodem modo prohibent ne faeces membro adhaereant. Es kommt auch vor, dass anus instrumento dilatatur, ut membrum immitti possit. Saepe paederastia ita fit, ut eodem tempore, quo A immittit membrum in anum B, A circumcludit manu membrum B, ut eum manustrupret, dum ipse ejaculat semen in anum.

Dass übrigens bei allen erworbenen Päderasten, wie von Tarnowsky angenommen wird, die Erection rasch mit Samenentleerung endigt, so dass der Geschlechtsact immer nur sehr kurze Zeit dauere, ist nicht richtig.

Nochmals sei erwähnt, dass diese Art der Befriedigung selten ist. Man könnte vielleicht einwenden, dass viele Urninge mir die Wahrheit über diesen Punkt nicht sagen wollen, weil bekanntlich der Act als solcher strafbar ist, und weil sie durch Furcht vor einer Preisgebung des Geheimnisses meinerseits sich davon abhalten lassen. Dieser Einwand ist nicht stichhaltig, denn viele Urninge haben mir andere Arten der Befriedigung angegeben, die ebenso strafbar sind wie die Päderastie; es hinderte also die Furcht vor Strafe die Urninge nicht, mir Angaben hierüber zu machen.

Männer, die zur passiven Päderastie geneigt sind, kommen oft schon in früher Jugend dazu zu onaniren, sie thun dies aber nicht nur in der Weise, dass sie am membrum Friction ausüben, vielmehr geschieht es bei ihnen mitunter so, dass sie irgend einen Gegenstand in anum immittunt.

2) Herr N. N. hält dies für einen Irrtimm. Päderastie ist nach ihm bei Urningen sehr selten, kommt aber in allen Kreisen gleichmässig gelegentlich vor, ohne dass sie bei dem einen Stande häufiger sei als bei dem anderen.


Päderastie. 107

Die Päderastie führt mitunter zu Ulcera am Rectum, die besonders vom gerichtsärztlichen Standpunkte diagnostisch sehr wichtig sind; es kann auch zu einer Gonorrhoe des Rectums kommen.1)

Nochmals sei darauf hingewiesen, dass vielleicht in den meisten Fällen die Verführung 2) ein Haupttheil dazu beiträgt, wenn die Befriedigung durch immissio penis in anum gesucht wird.

Das Wort Päderastie bezeichnet jetzt, wie bereits erwähnt, in Deutschland ziemlich allgemein nur immissio membri in anum eines männlichen Individuums. Bei diesem Acte ist einer activ, derjenige qui immittit und derjenige passiv, in cujus anum immittitur. Die meisten Autoren machen eine ganz scharfe Scheidung, indem sie annehmen, dass, wenn zwei päderastisch mit einander verkehren, es so geschehe, dass derselbe stets activ, der andere passiv sei. Auch Coffignon, der zweifellos reiche Studien auf diesem Gebiete in Paris gemacht hat, schliesst sich dieser Trennung an und meint, dass sie bei weitem deutlicher sei, als bei dem homosexualen Verkehr von Weibern miteinander. Mir will es scheinen, dass bei den Weibern die Trennung eher schärfer, jedenfalls nicht schwächer ist. Derjenige, der passiv ist, wird mitunter als Kynede bezeichnet, doch wenden andere dieses Wort nur für solche an, die sich für Geld hingeben. Mantegazza braucht übrigens den Ausdruck cinedi gerade für die activen Päderasten und nennt die passiven patici. Ich kenne einige Fälle von Päderastie, bei denen diese Trennung von activ und passiv nicht durchgeführt ist, und es fallen diese mir bekannten Fälle um so mehr ins Gewicht, als die Päderastie gar nicht so häufig ist. Wir sahen schon, dass es eine Reihe von Urningen giebt, die zur passiven Päderastie neigen, und dass sie deshalb die Erection des andern benutzen, um sich befriedigen zu lassen. Dass aber, wie angegeben wird, derjenige, der der passiven Päderastie ergeben ist, etwa mehr wie andere Urninge ein weibliches Verhalten zeige und sich in dem Verhältniss mit seinem Geliebten immer als Weib und passiv betrachtet, kann ich nicht für richtig finden. Ich will eine von mir gemachte Beobachtung hier anführen, um meine Be-

1) Ich erinnere mich, in meiner Studienzeit einen Fall gesehen zu haben, bei dem die Diagnose auf Gonorrhoe im Darmkanal gestellt war, die durch den trichterförmig eingezogenen After gestützt werden sollte, da man auf passive Päderastie des Betreffenden schloss.

2) D. h. dass is qui immittit, verführt ist. Is, in cujus anum immittitur, hat vielleicht eine besondere Anlage hierzu, worüber unten noch gesprochen wird.


108 Päderastie.

hauptung durch ein Beispiel zu stützen. Ein Berliner Urning X, der ein intimes Verhältniss mit einem Y hat, liebt es, von dem Y durch Päderastie befriedigt zu werden, wobei also X passiv ist; sonst aber spielt gerade X in diesem Liebesverhältniss eine entschieden active Rolle, indem er z. B. mit Vorliebe membrum suum in os alterius immittit, während der andere Y, der membrum in anum immittit, sonst ganz passiv ist. Seine Hauptneigung ist es z. B., ut X immittat membrum in os von Y, wobei Y selbst Samenerguss hat, ohne dass irgendwie stärkere Frictionen an seinem membrum vorgenommen werden.

Es kann nach dem Gesagten nicht verwundern, dass in vielen Fällen bei der Päderastie nur der eine, besonders der passive Theil zur Befriedigung gelangt, da der andere zwar durch Annäherung an die geliebte Person Erection erreicht, im übrigen aber der Act nicht weiter geht, weil er dem Fühlen und Trieb desselben nicht adäquat ist.

Richtig mag es hingegen sein, dass viele Urninge überhaupt mehr passiv in dem ganzen sexuellen Verkehr auftreten; so meint Ulrichs, dass der Urning es mehr liebt umarmt zu werden als zu umarmen, während dieses letztere der normale Mann vorziehe. Ich habe oben gesagt, dass in vielen Fällen, vielleicht immer, die Art der Befriedigeng des Urnings von Verführung und ähnlichen Ursachen abhängig sei. Ich möchte diese Gelegenheit hier benutzen, eine kleine Einschränkung zu machen. Ich glaube nämlich, dass die Neigung zur passiven Päderastie wenigstens in vielen Fällen nicht der Verführung ihre Entstehung verdankt. Ich halte es vielmehr für wahrscheinlich, dass eine bestimmte in dem Individuum liegende Anlage die passive Päderastie mindestens begünstigt. Vielleicht liegt es bei ihr ähnlich wie bei der später zu erwähnenden Flagellation, bei welcher durch Geisselung der nates beim heterosexual empfindendem Mann der Geschlechtstrieb angeregt und mitunter der Geschlechtsact zu Ende geführt wird. Vielleicht ist beim passiven Päderasten ausser der Neigung zum Manne gleichzeitig ein besonderer, auf die Nerven des anus und des rectum auszuübender Reiz nöthig, der aber von dem andern Manne ausgehen muss, um jenen zu befriedigen.

Eine häufigere Art der Befriedigung des Urnings ist die immissio penis in os viri dilecti. Hierbei ist ein mehrfacher Weg möglich, Nonnulli immittunt totum membrum in os alterius, ut non solum glans includatur; alii solum glandem immittunt ut lingua et labris alterius tangatur, dum membri altera pars manet extra


Immissio in os. 109

cavum oris; saepe haec pars eodem tempore circumcluditur manibus viri dilecti.

Es giebt auch hierbei Urninge, die das Passive mehr lieben; so sind mir mehrere bekannt, die nur die Neigung haben, membrum alterius in os proprium suscipere, und die gar nicht den Wunsch hegen, membrum proprium immittere in os alterius1). Der erstere Reiz ist ihnen adäquat, um sexuell erregt zu werden. Wenn nun ein solcher passiver Urning mit einem hierbei activen qui immittit membrum verkehrt, so tritt bei beiden Befriedigung ein, es entsteht bei beiden, oft gleichzeitig, Ejaculation mit Orgasmus. Mitunter aber ist dies nicht der Fall, da beiden dieselbe, z. B. die active Rolle das Erwünschte ist. Manchen Urningen ist es eben gar kein Reiz membrum alterius suscipere in os proprium: sie thun es aber dennoch, weil dafür der andere bei ihnen sich revanchirt und den ihnen adäquaten Reiz anwendet.

Ejaculatio seminis geschieht gewöhnlich bei dieser Art der Befriedigung nicht in os alterius, sed membrum extrahitur eodem tempore quo ejaculatio incipit. Bei einigen Urningen geht aber die Perversion soweit, dass non solum immissio membri sed etiam ejaculatio seminis alterius in os proprium ihnen die erwünschte Befriedigung gewährt, ja es wurde mir von einem Herrn in guter socialer Stellung erzählt, dass es seine Hauptleidenschaft sei, semen alterius ejaculatum in os proprium devorare. Auch giebt es einzelne Fälle, wo is qui ejaculavit semen in os alterius vult, ut hic semen devoret. Indessen schienen mir diese Fälle ziemlich selten zu sein.

Die Befriedigung durch immissio membri in os ist, wie nochmals erwähnt sei, entschieden viel häufiger als die Päderastie. Is qui suscipit membrum wird fellator genannt, ein Ausdruck, der schon bei Martial und auch sonst bei den Alten sich für Kinder und Sklaven findet, die man zu diesem Acte brauchte. Die Ansicht von Tarnowsky, dass der Päderast nur deswegen sich in einen Fellator verwandle oder einen Fellator heranziehe, damit der Act sich recht lange hinziehe, ist nicht richtig; es giebt vielmehr Urninge, denen diese Art der Befriedigung die einzig zusagende ist, und denen sie jedenfalls von Anfang an einen bei weitem grösseren Reiz gewährt, als die von Tarnowsky als gewöhnlich angenommene Päderastie.

Eine grosse Gruppe von Urningen pflegt den Act so vorzu-

1) Vgl. den Fall S. 65.


110 Mutuelle Onanie.

nehmen, ut unus juxta alterum cubet; unus ponit membrum inter femora alterius et membra fringuntur usque ad ejaculationem. Diesen Act nennen die Franzosen „enfesser" (Tarnowsky), Andere legen sich einfach an einander membrumque applicant alicui parti corporis alterius. Es kommt auch vor, dass ein Urning semen ejaculat in axillam viri dilecti, wobei dieser, um den Reiz möglichst zu vergrössern, bracchinm corpori appremit. Die häufigste Befriedigung scheint neben dem Aneinanderlegen der Körper übrigens die zu sein, die man als mutuelle Onanie bezeichnet. Hierbei pflegt der eine Urning dem anderen membrum manu fringere usque ad ejaeulationem; dieses Onaniren kann gegenseitig bald gleichzeitig, bald abwechselnd geschehen. Es kann übrigens die Erregung des Masturbirenden eine so heftige werden, dass er selbst, ohne von dem anderen berührt zu sein oder ev. nur bei einer kurzen zufälligen Berührung Erection mit Samenerguss und vollständiger Befriedigung erhält. Die mutuelle Onanie machen Urninge stantes, vel cubantes, raro sedentes. Bei der gegenseitigen Onanie oder auch bei der einfachen Onanie des A durch B wird mitunter manus masturbantis vaselino vel oleo linitur.

Manche Urninge lassen sich übrigens durch einen normal veranlagten Mann masturbiren; besonders da, wo es sich um die bezahlte männliche Demi-monde handelt, ist dies ein sehr häufiger Vorgang; hier tritt keine mutuelle Onanie ein, da der andere ein normaler Mann ist, der sich durch den Urning nicht reizen liesse, vielmehr sich durchaus zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlt. Manchen Urningen aber liegt daran, dass auch der andere geschlechtlich zum Ziele komme, d. h. Ejaculation habe. Sie halten sich dafür bezahlte Individuen mit normalem Trieb: die letzteren aber sind gezwungen, um es zum Geschlechtsacte kommen zu lassen, sich in der Phantasie ein weibliches Wesen vorzustellen.

Eine Anzahl Urninge befriedigt den Geschlechtstrieb lediglich durch Onanie, zu der sie sich gezwungen sehen, wenn es ihnen an Gelegenheit fehlt, mit Männern zu verkehren. Insbesondere weiss ich von Homosexualen, die in kleinen Städten wohnen, die nur in dieser Weise sich befriedigen. Diese Onanie kann auch durch andere Momente, z. B. ungünstige pekuniäre Verhältnisse, Furcht vor Strafe, auch Schamgefühl verursacht werden, wodurch der Urning abgehalten wird, zum sexuellen Verkehr mit Männern überzugehen.

Ebenso wie der normal fühlende Mann bei der Onanie mit


Onanie. 111

dem Gedanken an Weiber onanirt, so stellt sich der Urning den geliebten Mann vor, der ihn geschlechtlich reizt. Auch findet man, dass Urninge sich zur sexuellen Erregung Bilder, besonders gern anatomische Abbildungen der männlichen Genitalien verschaffen, da dies für die Homosexualen ebenso pikante Bilder sind, wie für den normalen Mann nackte weibliche Gestalten.

Ein Urning, dessen Krankengeschichte v. Krafft-Ebing giebt, trieb die Onanie auf merkwürdige Weise. Da er einen Geliebten nicht findet, so stellte er sich vor einen grossen Spiegel, um seine eigene Gestalt darin zu sehen. Während er sich nun betrachtete, onanirte er und dachte sich allerdings noch dabei, wie viel schöner es doch sein müsse, einen wirklichen Geliebten vor sich zu haben. Ein anderer Patient v. Krafft-Ebings giebt an, dass er seinen Penis als 13 jähriger Knabe in os proprium suscipere potuit 1), wobei er sich natürlich stark bückte; dabei kam es schliesslich zu Ejaculation.

Wichtig ist es übrigens, dass derselbe Urning nicht etwa stets in gleicher Weise die Befriedigung sucht, vielmehr ist ihm bald diese, bald jene Art der Befriedigung erwünscht. Es kann dies natürlich nicht auffallen, da eben der Zweck2) der normalen Cohabitation, mag er bewusst oder unbewusst sein, vollständig fehlt. Auch giebt es Urninge, die in verschiedenen Lebensabschnitten verschiedene Arten der Befriedigung aufsuchen.

Zu den sonderbaren Arten der sexuellen Befriedigung gehört zweifellos diejenige, bei der es überhaupt für den Betreffenden nicht nöthig ist, membrum suum mit corpori alterius in Berühung zu bringen. Viele haben bei einfachem Umarmen des anderen Mannes nicht nur Erection, sondern auch Ejaculation mit Orgasmus. Bei andern ist nicht einmal Umarmung nöthig, sondern es genügt ein einfaches Berühren des geliebten Mannes, um alle sexuellen Vorgänge auszulösen. Noch andere verzichten selbst auf die Berührung, ihnen genügt es, den andern Mann, besonders nackend, anzusehen, wobei es gleichfalls zur Ejaculation kommt. Bei dem Betrachten des andern Mannes spielt fast stets das membrum desselben eine Hauptrolle, da es allein, wenn auch selten genügend erregend wirkt, um ohne weiteres Berühren Befriedigung herbeizuführen.

1) Nach Mittheilung des Herrn N. N. wird dies von mehreren Urningen angegeben; doch glaubt er, dass es sich hierbei oft um eine gewisse Renommisterei handle, die sich auf einen solchen Punkt verirren kann,

2) D. h. die Fortpflanzung .


112 Ideeller Coitus.

Die Fälle, wo der Urning ohne körperliche Berührung sich befriedigt, erinnern in mancherlei Weise an den „ideellen Coitus", den Hammond beschrieben hat und der, wie ich als sicher angeben kann, auch in Berlin geübt wird. Es ist dies ein ganz merkwürdiger Vorgang, zu dem eine ausserordentliche Thätigkeit der Phantasie gehört. Ein Herr X, von dem ich weiss, dass er in dieser Weise sich befriedigt, ist Künstler1). Der Act besteht in folgendem: X setzt sich einer schönen Dame, die angekleidet ist, gegenüber und stellt sich nun vor, dass er mit ihr den Beischlaf ausübt; diese Phantasievorstellung wirkt in Verbindung mit dem Sinneseindruck, den die weibliche Person hervorruft, so stark, dass es ohne absichtliche Friction zum Samenerguss mit Befriedigung kommt. Dieser ideelle Coitus befriedigt den X bei weitem mehr, als der thatsächlich vorgenommene.

Wahrscheinlich entsteht auch durch einfache Onanie eine derartige Neurose des Genitalsystems, dass die einfache Umarmung, Berührung oder sogar Betrachtung des Mannes zur Erection und Ejaculation genügt. Derartige Individuen sind aber von dem sexuellen Acte nicht befriedigt, sie klagen über mangelndes Wollustgefühl dabei, und es handelt sich hier sicherlich um Zustände, die mit der Impotenz mancher Individuen dem Weibe gegenüber eine nahe Verwandtschaft haben. Mitunter genügt bei solchen Urningen die Vorstellung der Geschlechtsorgane eines Mannes, um Ejaculation zu erzeugen.

Ueber die Häufigkeit, mit der die Urninge den Geschlechtsact ausüben, lassen sich ebensowenig wie für den weibliebenden Mann bestimmte Angaben machen, da sie individuell wechselt. Während einige infolge ihrer Hyperästhesie gezwungen sind, den Act selbst mehrere Male, ja öfter2) innerhalb 24 Stunden zu vollführen, sehen wir andere nur alle 8—14 Tage oder noch seltener den sexuellen Verkehr ausüben. Natürlich finden sich auch hier alle Zwischenstufen.

Ob es Urninge giebt, die keinerlei sexuellen Act ausführen, d. h. weder Onanie noch Verkehr mit Männern treiben, ist schwer

1) Der Herr hat den Vorgang Herrn Dr. Max Dessoir erzählt, dem ich die bezügliche Notiz verdanke.

2) Ganz ebenso wie die sexuelle Leistungsfähigkeit dem Weibe gegenüber für manchen Mann der Gegenstand der Renommisterei ist, ebenso bildet die Fähigkeit recht oft den Geschlechtsact mit dem Manne auszuüben, für den Urning oft den Inhalt seiner Prahlerei, wobei eine kleine Uebertreibung ihm ebensowenig Gewissensbisse verursacht, wie dem weibliebenden Manne.


Erotische Träume. Reiz der Genitalien. 113

zu sagen. Ich kenne keinen, der auf genaues Befragen mir gegenüber jeden sexuellen Act bestritten hätte; indessen wäre es ebenso für den Homosexualen denkbar, wie es vorkommen soll, dass erwachsene in der Blüthe der Jahre stehende normale Männer jeden Verkehr mit Weibern und jede Onanie unterlassen.

Die Träume der Urninge haben, soweit sie erotischer Natur sind, fast nur Männer zum Inhalt, und ebenso wie bei dem normal fühlenden Manne der Samenerguss bei dem Traum eintritt, dass er sich geschlechtlich einem Weibe nähere, ebenso tritt bei Urningen der Samenerguss und das Wollustgefühl im Traum dann ein, wenn er sich dem ihm sympathischen Manne nähert.

Fast in allen Fällen von conträrer Sexualempfindung übt das membrum alterius einen wesentlichen erregenden Einfluss auf den Urning aus; ja es scheint dies selbst in höherem Grade der Fall zu sein, als die Erregung des normal fühlenden Mannes durch die Genitalien des Weibes. Ein mir bekannter Urning war bereits in seinem 10. Lebensjahre sexuell so furchtbar erregt, dass er des Nachts sich erhob, zu dem Bette eines mit ihm in demselben Zimmer schlafenden Kameraden ging und dessen Bettdecke in die Höhe hob. Er betrachtete hierbei die Genitalien seines Schlafkameraden, deren Anblick ihm besonders dann einen hohen Grad von Wollust verschaffte, wenn das Glied sich in erigirtem Zustande befand. Er achtete dabei genau darauf, dass sein Kamerad auch weiter schlief und eilte, wenn dieser etwa erwachte, schleunigst in sein Bett zurück, um nicht entdeckt zu werden.

Legrand du Saulle erwähnte bei einer Discussion den Fall eines Studenten, der sich ausserordentlich zu Männern hingezogen fühlte. Dieser Mann fühlte auch eine Neigung zu Gemälden sowie Statuen, die nackte Männer repräsentirten. Ein Hauptreiz bildete es für ihn, den Penis eines Mannes zu erblicken, der gerade in seiner Nähe Urin liess1). Offenbar ist diese Kategorie

l) Den Reiz bildete für jenen Urning natürlich nicht das Urin lassen, sondern die hierdurch gebotene Gelegenheit membrum alterius videre. Eine merkwürdige Erscheinung bei vielen Urningen ist die, dass sie nicht nur videntes membrum alterius Reiz empfinden, sondern, dass das Zeigen der eigenen Genitalien für sie einen Reiz bildet. Herr N. N. macht mich auf diese Erscheinung aufmerksam. Worin der Reiz besteht, ist schwer zu erklären, wie überhaupt triebartige Vorgänge wohl dargestellt, selten aber erklärt werden können. Jedenfalls also sollen viele Urninge einen Genuss darin finden, wenn sie anderen Männern, seien es normale oder homosexuale, ihre eigenen Genitalien oder auch den ganzen Körper entblösst zeigen dürfen. Es erinnert dies lebhaft an die Exhibitionisten, die wir aus der Literatur schon kennen, und die vor Per-
Moll Contr. Sexualempfindung. 8


114 Liebkosungen.

nur ein Typus, der sich nicht so selten wiederholt: man sieht Männer in Öffentlichen Bedürfnissanstalten die Gelegenheit suchen, die Geschlechtstheile neben ihnen urinirender Männer zu fixiren. Mit einer gewissen Raffinirtheit wissen einzelne Urninge die Gelegenheit zu finden, wo sie mit ihren Augen diese Scenen beobachten können. Charcot und Magnan erzählen einen Fall, wo ein Mann sich auf eine Bank am Flusse setzte, von wo aus er die Badenden betrachten konnte. Er that dies unter dem Vorwande, Skizzen aufzunehmen und zwar schon in einem ziemlich jugendlichen Alter.1)

Die Urninge sind nicht blos zu geschlechtlichen Acten zu einander hingezogen, sondern auch andere Annäherungen finden statt, die einfachen Umarmungen und Küsse, die sie sich gegenseitig geben, sind an sich ihnen sehr angenehm. Bei dem Küssen der Urninge unter einander spielen dieselbe Momente eine Rolle, die auch beim Küssen von Mann und Weib stattfinden; insbesondere der wollusterregende contactus linguarum, wie er beim Küssen von Mann und Weib oft stattfindet, findet sich auch bei den Urningen, wie mir mehrere erklärten.

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite)
sonen des anderen Geschlechts ostentativ ihre Genitalien entblössen. Lasègue, Schuchardt, Liman, Pelanda u.a. haben darüber casuistische Beiträge geliefert. Ganz besonders instructiv ist das hierauf bezügliche Capitel in v. Krafft-Ebings Psychopathia sexualis (S. 292 ff.).

l) Die obigen Fälle sind dem Buche von Hammond „Sexuelle Impotenz" entnommen.




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