V. Sexuelle Perversionen als Complication der conträren Sexualempfindung.

Man kann den Uranismus erst dann richtig würdigen, wenn man die weiteren auf dessen Boden bestehenden sexuellen Perversionen mit denen vergleicht, die bei heterosexualem Triebe vorkommen. Es ist eine auffallende Erscheinung, dass im Anschluss an die conträre Sexualempfindung, die den Mann zum Manne zieht, sich genau dieselben Perversionen finden, die wir bei dem zum Weibe hingezogenen Manne beobachten. Besonders durch die vielen Arbeiten von v. Krafft-Ebing 1) sind uns sonderbare Erscheinungen bekannt geworden, die sich bei Männern finden, deren sexuales Gefühl sie zu Weibern hinzieht.

Während unter normalen Verhältnissen die Geschlechtstheile des Weibes es sind, die einen Hauptreiz dem Manne gewähren, und der Coitus als Hauptmittel zur Befriedigung gilt, sehen wir, dass es Abweichungen giebt, bei denen dies nicht der Fall ist. Es giebt vielmehr Männer, für die den Hauptreiz des Weibes entweder ein bestimmter Körpertheil, der mit dem sexualen Verkehr direct nichts zu thun hat, oder auch ein Kleidungsstück bezw. ein anderes Object des Weibes bildet; v. Krafft-Ebing hat mit Lombroso, Binet und Max Dessoir derartige Fälle als Fetischismus bezeichnet. Wir können also einen Kleidungsstück- resp. einen Gegenstand-Fetischismus und einen Körpertheil-Fetischismus unterscheiden. Eine Trennung in Gegenstand- und Körpertheil-Fetischismus ist durchaus möglich, da z. B. für Stiefelfetischisten der unbekleidete Fuss gewöhnlich ohne Reiz ist, andererseits Handfetischisten durch die blosse Hand, nicht aber durch den Handschuh gezeizt(gereizt) werden.

Andeutungen des zuerst zu betrachtenden Gegenstand-Fetischismus sind so häufig, dass die einzelnen Fälle kaum auffallen.

1) Vgl. insbesondere ausser der neuesten Auflage der Psychopathia sexualis „Neue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia sexualis". Stuttgart 1890.


Normaler Fetischismus. 123

Es ist bekannt, dass mancher, der ein weibliches Wesen liebt, Gegenstände, die diesem gehören, mit Küssen bedeckt, z. B. Handschuhe, einen empfangenen Liebesbrief u. dgl.; von den Polen wird bekanntlich erzählt, dass es bei ihnen Brauch war, aus Damenschuhen Wein zu trinken. In diesen Vorgängen haben wir deutlich den Beginn des Fetischismus 1).

In dem gelegentlichen Küssen von Gegenständen einer geliebten Person dürfen wir aber etwas krankhaftes nicht finden; wir würden sonst dazu kommen, bei fast allen Männern eine dauernde oder zeitweise sexuelle Perversion zu finden. Was diese noch in das Gebiet des Normalen gehörenden Fälle von dem krankhaften Fetischismus unterscheidet, ist der Umstand, dass es sich bei ihnen um Liebe zu einer Person handelt, dass ein Kleidungsstück des Weibes nur deshalb geküsst wird, weil es der geliebten Person gehört. Bei dem pathologischen Fetischismus ist hingegen die Liebe zu dem Gegenstand das, was in den Vordergrund tritt und die ganze Scene beherrscht; hierbei sind die körperlichen und geistigen Eigenschaften der zugehörigen Person zwar nicht immer gleichgültig, aber sie treten entschieden in den Hintergrund. Der Stiefelfetischismus, wie ihn Zola in Therese Raquin beschreibt, wobei der betreffende Mann den eleganten Stiefel seiner Geliebten mehrmals küsst, gehört hiernach noch in das Gebiet des Normalen, zumal da die Sehnsucht, den Coitus auszuführen, den Mann ganz und gar erfüllt. Hingegen sind durchaus krankhaft die Fälle von Fetischismus, in denen der Coitus nicht das Ziel der Libido ist, diese vielmehr nur in dem Wunsche besteht, sich an einem Kleidungsstück oder an einem anderen Gegenstande sinnlich zu ergötzen. Ich halte es hierbei für gleichgültig, ob der Gegenstand einer dem Manne bekannten Person gehört, oder ob der Fetischist sich mit

l) Zahlreiche hierher gehörige Vorgänge finden sich in „Die Physiologie der Liebe von Paul Mantegazza, a. d. Ital. von Eduard Engel", und zwar im Capitel, das „Die erhabenen Thorheiten der Liebe" überschrieben ist. Ich führe einige Stellen hieraus an, zumal sie ganz richtig die allgemeinen fetischistischen Neigungen der Menschen auch ausserhalb der Liebe charakterisiren. Die Liebe ist knabenhaft, weil sie religiös bis zum Aberglauben ist; keine Religion hat je eine so sinnlose Götzendienerei gehabt, wie die Liebe. Sie allein hätte ganz allein aus sich heraus die Götzendienerei erfunden, wenn diese nicht aus unendlichen anderen Quellen ihre Nahrung gezogen hätte. Für die Liebe ist alles geheiligt, was die Hand, das Auge, der Gedanke der geliebten Person getroffen. Wer gedenkt nicht noch des Jubels über den Besitz eines Rosenstrauches, von dem sie eine Blume gepflückt? Wer möchte die unzähligen Narrheiten der Liebesgötzendienerei nennen?


124 Fetischismus bei Heterosexualen.

seiner Phantasie zu dem Gegenstande eine Person hinzuconstruirt. Ebenso ist es für den Begriff des Pathologischen indifferent, ob der Fetischist die Stiefeln mit Wollustgefühl nur betrachtet, befühlt, küsst, oder ob er an ihnen masturbirt.

Bei dem Gegenstand-Fetischismus spielen eine Hauptrolle Stiefel und weisse Wäschegegenstände des Weibes, z. B. Taschentücher; besonders sind eine Reihe von Fällen bekannt geworden, sie haben auch zum Theil criminelle Bedeutung erlangt, in denen Männer durch Taschentücher oder andere Wäsche von Weibern angelockt wurden, z. B. ein von W. Passow 1) mitgetheilter Fall. Die Leidenschaft für Taschentücher kann soweit gehen, dass ein Mann vollständig im Banne des Taschentuchs steht. Eine weibliche Person sagte mir: „Ich kenne einen Herrn; wenn ich ihn in der Ferne sehe, so brauche ich nur mein Taschentuch hervorzuziehen, so dass es aus der Tasche etwas herausguckt, und ich bin sicher, jener Herr folgt mir wie ein Hund seinem Herrn. Ich kann hingehen, wohin ich will, jener Herr wird mir immer nachfolgen; der Herr kann in einer Droschke fahren, er kann bei der Erledigung eines sehr wichtigen Geschäftes sein; wenn er mein Taschentuch erblickt, lässt er jenes im Stich, um mir, resp. dem Taschentuch zu folgen". Dieser Taschen(Taschentuch)-Fetischismus kann nun in verschiedener Weise zur sexuellen Befriedigung benutzt werden. Die einen fühlen sich getrieben, Taschentücher von Weibern zu stehlen und zu Hause in ihrer Wohnung zu sammeln, sie machen nichts weiter mit ihnen, soweit mir bekannt ist und sind glücklich in deren Besitz und deren Betrachtung. Taschentuchdiebstähle aus fetischistischen Neigungen haben mehrfach schon die Gerichte beschäftigt, die übrigens in neuerer Zeit dabei ziemlich nachsichtig zu verfahren scheinen; auch in Berlin haben solche Processe schon gespielt. Bei einigen Fetischisten ist es nicht ausschliesslich die Befriedigung am Besitz, die den sexuellen Reiz ausmacht, sie wollen etwas mehr von dem Taschentuche haben. So weiss ich von einem Fetischisten, der leidenschaftlich Taschentücher von weiblichen Personen zerbeisst und hierbei sexuelle Befriedigung erlangt 2).

Dieser Taschentuch-Fetischismus findet sich auch bei Männern, die sich zum Manne hingezogen fühlen, so dass es sich hier um eine doppelte Perversion handelt, 1.) um die Neigung zum Manne

1) Eulenberg, Vierteljahrsschrift für gerichtl. Medicin 1878.
2) Der Fall ähnelt sehr dem Manne, den Diez erwähnt, wo es zur Ejaculation beim Zerreissen von Frauenwäsche kommt.


Taschentuch-Fetischismus eines Homosexualen. 125

und 2.) um den Taschentuch-Fetischismus. Ebenso wie dem Fetischisten, den das weibliche Taschentuch reizt, der geschlechtliche Verkehr mit dem Weibe, d. h. der Coitus keinerlei Befriedigung gewährt, ebenso liegt dies für den mannmännlichen Verkehr bei Fetischisten, die Taschentücher von Männern lieben. Derartige Fetischisten werden weder durch Päderastie noch durch mutuelle Onanie gereizt, die Geschlechtsorgane des Mannes sind ihnen ebenso abstossend, wie die Geschlechtsorgane des Weibes dem Fetischisten, der die Taschentücher der Weiber liebt. In welcher Weise ein solcher Mann sich geschlechtlich befriedigt, mag folgender Fall, den ich zu beobachten Gelegenheit hatte, zeigen:

Es handelt sich hier um einen Mann X, einen Handwerker, ca. 40 Jahre alt. Er ist von kräftiger Statur und kam wegen verschiedener neurasthenischer und hypochondrischer Beschwerden zu mir; er klagte über Kopfschmerz, Schwere in den Beinen, Mangel an Arbeitslust, Rückenschmerzen u. s. w. Nachdem er eine Zeit lang bei mir in Behandlung gewesen war, machte er mir interessante Angaben über seine vita sexualis.

Niemals hatte X irgend welchen Trieb zum Weibe; schöne Männer hingegen übten von jeher einen ganz besonderen Reiz auf ihn aus. Mutuelle Onanie oder Päderastie hat Patient nicht getrieben, hingegen übte er sehr häufig und auch noch in der Zeit, während er bei mir in Behandlung stand, Onanie aus. Sein Hauptvergnügen und die höchste Wollust bestand hierbei für den Patienten darin, dass er weisse Wäsche, ganz besonders aber weisse Taschentücher von hübschen Männern nahm, in ihnen membrum suum involvit und nun masturbirte. Zu diesem Zwecke entwendete er öfter seinen Freunden Taschentücher: er wusste sehr gut eine Entdeckung des Diebstahles zu verhindern, indem er stets eines seiner eigenen Taschentücher dem betreffenden Freunde zurückliess, um dadurch ev. den Schein einer Verwechselung zu erregen. Wenn er einmal kein Taschentuch zu diesem Zwecke hatte, so onanirte er und stellte sich hierbei mittelst seiner Phantasie ein Taschentuch oder andere weisse Wäsche von Männern lebhaft vor. Den Coitus mit puellis publicis hat Patient öfter ausgeführt; aber stets ohne jeden Trieb dazu und ohne Wollustgefühl. Erection und Ejaculation trat nur dann ein, wenn Patient während des Actes an das Taschentuch eines Mannes dachte; noch leichter war es dem Patienten den Coitus auszuführen, wenn er sich das Taschentuch eines Freundes mitnahm und während des Actes in der Hand hielt. Die erotischen Träume des Patienten beziehen sich nicht


126 Stiefel-Fetischismus,

auf den Coitus und nicht auf das weibliche Geschlecht, vielmehr tritt die Ejaculation im Traume immer nur bei der Vorstellung von Wäsche von Männern ein.

Ausser weisser Wäsche bildet die Fussbekleidung 1) des Weibes oft den Gegenstand der Liebe des fetischistischen Mannes; das gleiche zeigt sich auch bei homosexuellem Trieb. Recht charakteristisch ist eine Beobachtung von v. Krafft-Ebing, wo der Patient schon im Alter von 4 Jahren besonders die schön geputzten Stiefel von Reitknechten liebte, und zwar zeigte sich diese Erscheinung ganz besonders auch im Traum. Diesem Patienten ist eine mannmännliche Liebe, wie sie Urninge sonst zeigen, vollständig zuwider, nur zeigt er eben in ausgesprochenster Weise nicht nur diese fetischistischen, sondern auch manche masochistischen 2) Neigungen Männern gegenüber. Er hat die Neigung z. B. seinen Dienern die Stiefel zu küssen, zu wichsen, sie ihnen auszuziehen u. s. w.

In das Gebiet des Stiefel-Fetischismus bei Urningen gehört auch ein Fall, der mir von einer Behörde freundlichst mitgetheilt wurde. Es handelte sich um einen gebildeten Herrn in angesehener Stellung, der einen Officier mit Briefen belästigte, sodass dieser sich schliesslich an die Polizei wandte. Der Herr, der nach dem Urtheil eines competenten Beobachters entschieden Urningsnatur besass, hatte den Officier in schwärmerischer Weise mit Briefen verfolgt und besonders ihn ganz ernstlich um die Erlaubniss gebeten, ihm doch nur die Stiefel putzen zu dürfen.

Auffallend ist, dass manche Urninge für den Fetischismus, sowie für andere sexuelle Perversionen, ausser der reinen conträren Sexualempfindnng, nur ein mitleidiges Lächeln, ja Verachtung haben. Der eine erklärte mir z. B., dass er es geradezu verächtlich finde, an den Stiefeln eines Menschen sich aufzuregen, dass ihm aber die homosexuelle Liebe selbstverständlich und sittlich erscheine.

1) Ein Volksaberglaube giebt in Hessen als Liebesmittel die Entwendung eines Stiefels oder Schuhes der geliebten Person an; man trägt ihn dann acht Tage lang selbst und giebt ihn dann wieder zurück (Adolf Wuttcke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, Berlin 1869). Noch zahlreiche andere Angaben, die mit gewissen pathologischen Erscheinungen der Liebe eine Verwandtschaft zeigen, finden sich in demselben Buche. Darnach spielt in Böhmen auch ein weisses Tuch als Liebesmittel eine Rolle.

2) Vgl. unten.


Leichterer Grad von Fetischismus bei Heterosexualen. 127

Im Gegensatz zu den oben erwähnten Fällen von Gegenstands-Fetischismus, bei denen der Coitus verabscheut wird trotz heterosexueller Neigung, giebt es aber auch solche, in denen der Coitus das Ziel der Libido ist; aber der Trieb zum Beischlaf ist ganz oder theilweise von einem bestimmten Kleidungsstück oder einer gewissen Kleidungsart abhängig. Hierbei müsste man eigentlich wieder unterscheiden, ob die Kleidungsart nur vor dem Coitus zur Erregung der Libido nöthig ist, oder ob sie auch während des Beischlafes erfordert wird. Das hierüber vorliegende Material ist indessen noch nicht genügend, um diese Scheidung zu machen. Einige Beispiele, die mir bekannte Männer betreffen, werden die erwähnten Erscheinungen illustriren.

Ein Herr A, im Alter von 26 Jahren erklärt, dass er mit einem vollständig nackten Weibe den Beischlaf nicht vollziehen könne; dasselbe muss wenigstens mit einem Hemde bekleidet sein.

Ein anderer Herr fühlt seine Libido nur dann erwachen, wenn das Weib mit weissen Unterhosen bekleidet ist.

Ein dritter, Herr B theilt mir mit, dass ihn eine gewisse Kleidungsart des Weibes sexuell sehr errege; er schildert die hierzu nöthige Kleidung in folgender Weise: „Das betreffende Weib muss entweder ein kurzes Tuchjaquet oder einen langen Regenmantel von ganz dunkler Farbe tragen; die Taille muss gleichfalls dunkel und womöglich eng geschnürt sein; der Rock darf nicht viele Falten haben, soll auch dunkel sein; indessen ist hier die helle Farbe nicht so unsympathisch wie bei den anderen Kleidungsstücken". Ferner bevorzugt B elegantes Schuhwerk, lange Strümpfe, weisse Beinkleider und weisses Hemde. Soweit B es vorhersehen kann, wählt er sich nur in der angegebenen Weise gekleidete Weiber, wenn er den Coitus ausführen will.

Ein vierter, Herr C ist ein besonderer Liebhaber des Sammets. C wird durch schöne Weiber in normaler Weise angezogen, ganz besonders aber erregt es ihn, wenn er die Person, mit der er sexuell verkehrt, in Sammetkleidung antrifft. Hier ist nun besonders auffallend, dass nicht sowohl das Sehen als das Berühren des Sammets die Erregung verursacht. C sagte mir, dass das Herüberstreichen über die Sammetjacke einer weiblichen Person ihn so sehr sexuell errege, wie es auf andere Weise kaum erfolgen (k)önne.

Ein fünfter Herr, ein Arzt, sagt mir, dass Lackschuhe ihn entschieden erregen, dass ausserdem enggeschnürte Taille, insbesondere aber ein an den Hüften recht breiter Rock ihn sexuell reize.


128 Leichterer Grad von Fetischismus bei Homosexualen.

Derartige Fälle wie die letztgenannten, bei denen, wie nochmals hervorgehoben sei, der Geschlechtstrieb auf den Coitus gerichtet ist, existiren, wie mir scheint, in ausserordentlich grosser Zahl. Dennoch müssen wir viele derselben zu den pathologischen rechnen. Der Kernpunkt, nach dem wir uns bei der Beurtheilung zu richten haben, ist die Beantwortung der Frage: ist eine bestimmte Art der Kleidung oder auch die Vorstellung derselben eine conditio sine qua non für die Libido? Ist dies der Fall, so gehört der Fall zu den krankhaften, so z. B. der erwähnte Fall, das Hemde betreffend. Ist hingegen eine Art der Kleidung nur geeignet, den Geschlechtstrieb zu vermehren, so thun wir gut, den Fall noch in das Gebiet des Normalen zu rechnen. Wir entgehen so am besten der Schwierigkeit, die sich sonst daraus ergeben würde, dass die Kleidung des Weibes entschieden ausserordentlich oft den Sexualtrieb steigert.

Ganz ähnliche Vorgänge nun, wie bei der Liebe des Mannes zum Weibe, finden wir auch beim homosexualen Geschlechtstriebe. Auch hier übt nämlich die Kleidung einen wesentlichen Einfluss auf die Erweckung, resp. Steigerung des Triebes aus, und zwar zeigt sich dieser Einfluss in verschiedenen Abstufungen. Von einem Urning weiss ich, dass er nur dann mit dem andern sexuell verkehren kann, wenn dieser durch schwarze Strümpfe und Lackschuhe die Libido des ersteren angeregt hat. Der geschlechtliche Verkehr hierbei ist aber der gewöhnliche und besteht in mutueller Onanie. Zu diesem Einfluss der Kleidung gehört auch die Vorliebe mancher Urninge für das Militär. Bekanntlich zeigt sich in der Liebe des Weibes eine ähnliche Erscheinung, und es ist noch nicht ganz aufgeklärt, weshalb gerade die Uniform auf manche weibliche Personen eine so hochgradig erregende Wirkung hat. Vielleicht sind es die an die Idee der Uniform sich anschliessenden Vorstellungen von Muth und Entschlossenheit, die das Weib hierbei reizen, und zwar kann nach dem Mechanismus unserer seelischen Functionen die Vorstellung von Muth ganz unbewusst bleiben und dennoch die entsprechende Wirkung ausüben. Bei der Liebe des Urnings zum Militär resp. zum Uniformrock spielen vielleicht ähnliche Momente mit. Jedenfalls giebt es Urninge, die nur gern mit Militärpersonen verkehren. Endlich gehört auch wohl in diese specielle Kategorie die Neigung einzelner Urninge, mit Männern zu verkehren, die weiblich gekleidet sind. Wir haben zwar gesehen, dass diese keineswegs allgemein ist, aber es giebt doch dann und wann Urninge, die durch Personen


Leichterer Grad von Fetischismus bei Homosexualen. 129

in Männerkleidung nicht erregt werden, wohl aber sofort hochgradige Erregung zeigen, wenn die männliche Person in weiblicher Kleidung erscheint.

Endlich würde ich hierher auch diejenigen Urninge rechnen, die überhaupt durch unbekleidete Männer nicht erregt werden; die Fälle sind selten, kommen aber vor. So schreibt mir ein Urning hierüber: „ . . . . Merkwürdiger Weise machte der Reiz sich nur bei bekleideten Männern geltend, während gänzlich nackte, wie sie im römisch-russischen Bad sich zeigen, mich ziemlich gleichgütig liessen, höchstens ein kunstästhetisches Interesse in mir erweckten." Im heterosexuellen Verkehr ist die Neigung zu halb oder ganz bekleideten und Abneigung gegen unbekleidete Weiber gar nicht so selten; diesbezügliche Fälle schildern Hammond, v. Krafft-Ebing u. a. Ich weiss von einem Ehemann, der stets nur dann bei seiner Frau potent ist, wenn diese ihn durch ihre Toilette reizt, die sie aber während des Actes nicht ablegen darf.

Besonders gehören in diese Gruppe des Gegenstand-Fetischismus auch diejenigen Fälle, in denen das Weib einen bestimmten Stoff, besonders Sammet, Seide oder Pelz tragen muss, wenn sie den hierfür inclinirenden Mann erregen will. Mir sind analoge Fälle aus dem männlichen Verkehr, die sich auf Neigung zu derartigen Stoffen beziehen, nicht bekannt geworden.

Ich sagte oben, dass es ausser dem Gegenstand-Fetischismus auch einen Körpertheil-Fetischismus gebe. Sowie den Hauptreiz für den Urning in den genannten Fällen ein Gegenstand des geliebten Mannes, Taschentuch oder Stiefel, bildete, so ist in diesen Fällen ein Körpertheil des Mannes der Gegenstand der Liebe des Urnings 1); die Genitalien des andern spielen hierbei nur eine untergeordnete, jedenfalls nicht die Rolle, wie beim gewöhnlichen Urning. Ganz besonders wird der Fuss des Mannes vom Urning bevorzugt, sowie er auch bei heterosexueller Neigung und gleichzeitigem Fetischismus eine wesentliche Rolle spielt.

Der Körpertheil-Fetischismus in seiner krankhaften Form geht

l) Die Erscheinung des Körpertheil-Fetischismus findet ebenso wie der Gegenstand-Fetischismus im Volksaberglauben seine Vertretung. Adolf Wuttcke sagt: dass die bei weitem meisten Liebesmittel darin bestehen, dass man der geliebten Person irgend etwas von dem eigenen Körper, Haare, Nägel etc., im Essen oder Getränk beibringt, dadurch werde sie an die erstere Person aufs engste gefesselt.

Moll, Contr- Sexualempfindung. 9


130 Körpertheil-Fetischismus bei Heterosexualen.

bei heterosexueller Neigung sehr allmählich in die noch normale Vorliebe für irgend einen schönen oder besonders gestalteten Körpertheil über. Der eine liebt besonders blondes Haar, der andere eine kleine Hand, ein dritter einen hübschen Mund. Die Romanschriftsteller haben hierüber eine Menge von Beobachtungen in ihren Schriften verwerthet; so beschreibt Belot, wie v. Krafft-Ebing erwähnt, in „La bouche de Madame X" eine solche ausschliessliche Schwärmerei für den Mund. Dass die Vorliebe für Zöpfe so weit gehen kann, dass ein Diebstahl dadurch hervorgerufen wird, ist sicher und geht u. a. aus einem Fall von Motet hervor.

Als pathologisch betrachte ich hier gleichfalls 1) alle Fälle, in denen die Libido nicht auf den Coitus per vaginam gerichtet ist, wo vielmehr irgend ein anderer Act, z. B. Stossen mit dem Fuss, Masturbation mit der Hand, Coitus inter mammas u. s. w. Befriedigung gewährt. Hingegen scheint es mir nicht richtig, diejenigen Fälle als krankhaft zu bezeichnen, in denen jemand ein besonderes Vergnügen darin findet, den einen oder anderen Körpertheil zu küssen, zu berühren oder zu betrachten; vielleicht gehören hier einige Fälle schon in das Gebiet des Abnormen, ohne aber direct krankhaft zu sein. Würden wir solche Fälle ohne weiteres als krankhaft betrachten, so liegt die Gefahr nahe, die Grenze von Gesundheit und Krankheit ganz zu verlieren, da eben der Geschmack einzelner Männer ein verschiedener ist; der eine liebt einen schönen Mund, der andere helles, ein dritter dunkles Haar, dieser ein grosses Auge, jener einen kleinen Fuss. Wie verschiedene Körperstellen auf einzelne den Hauptreiz ausüben, sollen folgende Beispiele zeigen.

Ein mir bekannter Arzt, der niemals irgend welche krankhafte Neigung der Libido an sich beobachtet hat, gab mir auf dahin gerichtete Frage an, dass der Oberarm weiblicher Personen ihn ausserordentlich errege; hierbei ist aber die Libido immer nur auf den Coitus per vaginam gerichtet. Bei diesem Acte pflegt freilich jener Herr den Oberarm des Weibes viel zu drücken, zu berühren, wohl auch zu küssen.

Ein anderer Herr, ein Künstler, wird besonders von einer Stelle des menschlichen Körpers erregt, nämlich von der Grenze zwischen dem behaarten Kopf und dem Nacken, da wo der stärkere Haarwuchs aufhört. Diese Stelle wird übrigens auch von einigen

1) Ebenso wie beim Gegenstand-Fetischismus.


Körpertheil-Fetischismus bei Heterosexualen. 131

französischen Naturalisten, u. a. von Guy de Maupassant als besonders zum Küssen einladend bezeichnet.

Ein dritter Herr wird, sobald er ein weibliches Wesen mit einem Zopf erblickt, sofort hochgradig sexuell erregt; offenes noch so schönes Haar vermag diese Wirkung nicht zu erzielen. Was diesen Herrn sonst noch auszeichnet, ist seine Vorliebe für das Ohr. Indessen muss dieses, um ihn zu reizen, klein sein, die Muschel darf vom Kopf nicht sehr abstehen; es darf das Ohrläppchen ferner nicht durchstochen und demgemäss auch nicht mit Ohrringen versehen sein.

In allen derartigen Fällen vermag ich eine krankhafte sexuelle Perversion nicht zu erblicken, so lange nicht eine gewisse Grenze des Körpertheil-Fetischismus 1) überschritten wird. Diese zu bestimmen ist allerdings hier deshalb nicht leicht, weil über den Körpertheil-Fetischismus bei Trieb zum Coitus noch wenig sicheres Beobachtungsmaterial vorliegt. Ich möchte den Versuch machen, den Beginn des Pathologischen dadurch festzustellen, dass als krankhaft alle diejenigen Fälle betrachtet werden, in denen die sinnliche Wahrnehmung eines bestimmten Körpertheiles oder dessen willkürliche bewusste Vorstellung eine conditio sine qua non für das Auftreten der Libido ist. In derartigen Fällen würde das Weib als Ganzes nicht genügen, um Libido hervorzurufen, was aber beim normalen Geschlechtstrieb der Fall sein muss. In den pathologischen Fällen würde also so zu sagen das Weib nur ein Anhängsel des bestimmten Körpertheiles sein, während dieser für den betreffenden Mann die ganze Scene beherrscht.

Die Erscheinungen des Körpertheil-Fetischismus finden sich ganz ebenso bei den homosexualen wie bei den heterosexualen Männern.

Besonders wird der Fuss des Weibes zum Fetisch des Mannes und dementsprechend bei homosexueller Liebe der Fuss des Mannes. Einem Manne bereitet es besondere Wollust, die Zehen eines jungen Mannes zu küssen; hierbei tritt Ejaculation mit

l) Ein auswärtiger Herr theilt mir mit, dass seiner Ansicht nach der Begriff des Fetischismus nur auf Gegenstände, nicht auf lebendes Gewebe, auf Körpertheile ausgedehnt werden dürfe, dass dies dem Sinn des Wortes Fetisch widerspreche. Indessen ist dies nicht richtig. Das Wort Fetisch wurde zuerst durch de Brosse (Du culte des dieux féticches Paris 1760, deutsch von Pistorius, Stralsund 1785) in Umlauf gebracht; es bezeichnet dies Wort aber nicht nur leblose Gegenstände, sondern auch lebende Thiere, Tiger, Schlangen etc., die einen besonderen Zusammenhang mit der Religion haben. (Meyers Conversationslexicon.)

9*


132 Körpertheil-Fetischismus bei Homosexualen.

Wollustgefühl ein. Dieses Lecken und Küssen der Füsse wird bei Urningen öfters gefunden. Einige haben hierbei eine besondere Vorliebe für schweissige Füsse, während ich von einem anderen weiss, dass er einen schweissigen Fuss verabscheut. Von einem Urning hörte ich, dass es ihm grosse sexuelle Erregung verursacht, in einem Kahne zu fahren und hierbei die entblössten Füsse des Schiffers zu betrachten.

Es wird mir von mehreren Seiten auch angegeben, dass die Oberschenkel, besonders wenn die Hosen straff ansitzen, sexuelle Erregung hervorrufen. Tarnowsky meint, dass bei einigen Männern mit conträrer Sexualempfindung gerade die Hinterbacken resp. der After anderer Männer einen abnormen Reiz ausüben. Schon Albert hat in Friedreichs Blättern (1859) Fälle angeführt, wo Schullehrer ihre Schüler auf die Hinterbacken schlugen, da sie durch deren Anblick in sexuelle Erregung versetzt wurden. Vielleicht hat nicht nur der Anblick der Hinterbacken, sondern auch das Bewusstsein, dem Knaben Schmerz zuzufügen nach Art der später zu besprechenden sadistischen Neigung hierzu geführt 1). Tarnowsky glaubt, dass diejenigen Männer active Päderasten seien, die sich zu den Hinterbacken anderer Männer besonders hingezogen fühlen, indessen halte ich diese Ansicht für durchaus verkehrt. Ich habe Männer gesehen, auf die in der That die Hinterbacken des andern einen besonderen Reiz ausübten. Sie liebten es, dieselben zu drücken und zu befühlen und wurden dabei in sexuelle Erregung versetzt; es wäre ihnen aber durchaus widerlich und abstossend gewesen, membrum immittere in anum. Dass gerade derartige Personen, die durch die Nates gereizt werden, wie Tarnowsky meint, keine weiblichen Neigungen haben, ist falsch und beruht auf der irrthümlicher Weise verallgemeinerten Eintheilung der Urninge in active und passive.

Ebenso wie sich der Fetischismus in der männlichen Liebe zeigt, ebenso auch der Masochismus, den uns v. Krafft-Ebing in neuerer Zeit besonders geschildert, resp. zum Theil erklärt hat. Der Name stammt von dem bekannten Romanschriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, der in einigen seiner Novellen mit Vorliebe uns schildert, wie ein Mann den Hauptreiz darin findet, dem

1) Es ist dies auch v. Krafft-Ebings Ansicht, sodass er diese Fälle gleichfalls zu dem Sadismus rechnet.


Masochismus bei Heterosexualen. 133

Weibe vollständig unterthan zu sein und sogar des Mannes Wollust darin besteht, von dem Weibe gemisshandelt zu werden.

Diese Neigung zu Misshandiungen zeigt sich oft in dem Wunsche, von der geliebten Person geschlagen zu werden. Uebrigens hält v. Krafft-Ebing die masochistische Neigung des Mannes an sich bereits für eine Perversion, die gerade mit der conträren Sexualempfindung die grösste Aehnlichkeit hat; v. Krafft-Ebing meint nämlich, dass gerade die Neigung, dem andern unterthan zu sein, in der seelischen Seite des sexualen Lebens dem Weibe zukomme, der Wunsch zu herrschen hingegen dem Manne. Wenn dies sich nun in der angedeuteten Weise umkehrt, indem der Mann dem Weibe unterthan sein will, so kann es sich eben nur um eine gewisse Form der conträren Sexualempfindung handeln; denn ein Element, das an sich dem Weibe zukommt, wird nun krankhafter Weise auf den Mann übertragen. Auf die Berechtigung dieser geistreichen Deutung, die ich nicht für ganz einwurfsfrei halte, will ich hier nicht eingehen.

Diese Auffassung von v. Krafft-Ebing hat übrigens schon Ramdohr Ende des vorigen Jährhunderts, wie es scheint, gleichfalls gehabt. Bekanntlich hat Jean Jaques Rousseau sexuelle Erregung nur dann empfunden, wenn er von dem ihm sympathischen Weibe geschlagen wurde, und bei der Analysirung von Rousseaus Liebe zeigt sich nach Ramdohr überhaupt, dass er vollständig wie ein Weib fühlte und liebte; er wollte in jeder Beziehung mehr passiv sein.

Masochistische Erscheinungen haben wir zu den verschiedensten Zeiten gesehen; es hat aber gewisse Perioden gegeben, wo der Masochismus des Mannes gleichsam epidemisch war. Hierher rechnet ein Patient von v. Krafft-Ebing besonders den höfischen Frauendienst im Mittelalter, wo allerdings eine sklavische Unterwerfung unter das weibliche Geschlecht stattfand; doch hat schon zur römischen Kaiserzeit, wie aus mehreren römischen Dichtern hervorgeht, eine gleiche Erscheinung in schwächerem Grade bestanden. Von den damaligen römischen Elegikern wird, wie Ramdohr hervorhebt, die Geliebte mit Vorliebe als die Gebieterin bezeichnet, an die der Geliebte mit Ketten als ein Sklave gefesselt sei.

Die Demüthigung der andern Person gegenüber, die Unterwerfung unter sie, kann in verschiedener Weise geschehen: sowohl in psychischer und symbolischer Weise wie auch in physischer Beziehung. Der Wunsch einiger, durch selbstempfundene körper-


134 Masochismus bei Homosexualen.

liche Schmerzen sexuell erregt zu werden, steht jedenfalls, wie v. Krafft-Ebing mit Recht betont, dem Masochismus sehr nahe, oder er bildet sogar eine bestimmte Form desselben. Sie kommt bei Heterosexuellen nicht selten als Flagellantismus 1), d. h. als Wunsch, von dem geliebten Weibe gegeisselt zu werden, vor; besonders die Schläge auf die Nates spielen hierbei eine Rolle.

Ganz gleiche Erscheinungen finden wir nun auch bei Homosexualen. Ein mir bekannter Herr, der mit einem andern Urning ein Verhältniss hat, hegt oft den Wunsch, von seinem Geliebten gemisshandelt zu werden und, um dies zu erreichen, sucht er dessen Eifersucht häufig zu erregen. „Eine solch' kleine Eifersuchtsscene", erzählt er mir, „bringt den Geliebten gewöhnlich in hochgradige Aufregung, bei der es schliesslich zu Schlägen kommt, Schläge aber sind mir, wenn sie von jenem Manne kommen, die Quelle grossen Vergnügens. Ich vergehe mitunter vor Wollust, wenn mich mein Freund schlägt."

Ein anderer Urning gab mir über seine sexuelle Entwicklung eine ausführliche Beschreibung, der ich mit Rücksicht auf die hier zu besprechende masochistische Neigung folgendes entnehme: „Die geschlechtlichen Vorstellungen, welche mich bei der Onanie beherrschen, sind sinnlicher Natur. Anfänglich, zuerst im Alter von 10—12 Jahren, bestanden sie in der Idee, dass ich vollkommen in der Gewalt eines Mannes befindlich, von demselben in verschiedener Weise erregt wurde; mit zunehmender Reife wurde die Rolle, welche ich meiner Vorstellung nach im geschlechtlichen Verkehr spielte, immer ähnlicher der des Weibes, aber daneben machten sich auch andere Ideen bemerkbar. Küsse auf den Anus und auf den ganzen Körper wirkten erregend; vor allem aber machte sich immer der Wunsch geltend, von dem ersehnten Manne geschlagen zu werden und zwar auf die Nates. Ich glaube, dass ich mir wirkliche Misshandlungen mit Wollust gefallen lassen würde. Ich würde glücklich bei den Schlägen sein und dabei Samenerguss haben. Es ist eine sklavische, bis zur Aufgabe der Selbstachtung

1) Flagellation der Nates wurde bei manchen Schriftstellern schon vor längerer Zeit als sexuell erregend dargestellt; vgl. z. B. J. H. Meibomius, Von der Nützlichkeit der Geisselhiebe, wovon die erste Ausgabe 1639 erschien; ferner Thomas Bartholin, de usu flagrorum, 1670; D.....Das Geisseln und seine Einwirkung auf den Geschlechtstrieb, aus dem Franz. 1788; K. F. Paullini, Flagellom salutis, 1698. Gelegentliche Andeutungen vom Einfluss der Schläge auf den Körper resp. die Nates behufs sexueller Erregung finden sich vielfach, auch bei Heine.


Masochismus und Fetischismus. 135

gehende Unterwerfung unter den Willen des Geliebten, die mit einer üppigen Phantasie Hand in Hand zu gehen pflegt."

Von einem andern Urning weiss ich, dass er nur dann sexuell befriedigt wird, dass es nur dann bei ihm zum Samenerguss mit Wollustgefühl kommt, wenn der Mann, mit dem er zusammen verkehrt, ihn mit einer Bürste auf dem Rücken blutig reibt; wenn dieser Act fehlt, so erfolgt bei ihm keine Befriedigung.

Auch andere Acte glaubt v. Krafft-Ebing auf den Masochismus zurückführen zu müssen, und besonders meint er, dass gewisse ekelhafte Handlungen in dem Wunsche der Selbsterniedrigung und der Demüthigung dem andern gegenüber ihre Quelle haben. Das Ekelhafteste, was mir von zuverlässiger Seite mitgetheilt wird, besteht darin, dass ein auswärtiger Urning von dem Wunsche beseelt ist, oscula applicare ad anum alterius. Es kommt bei diesem, bereits in den 50er Jahren stehenden Urning während dieses ekelhaften Actes zur Erection und Ejaculation. Von anderer Seite wird mir übrigens noch ein ganz analoger Fall berichtet.

Ebenso wie es Männer giebt, die sexuelle Neigung zum Weibe zeigen, aber Befriedigung nur dann finden, wenn sie urinam mulieris bibunt, so giebt es auch gelegentlich einen Urning, der sexuell befriedigt nur dann wird, si alter immittit urinam in os proprium. Dieser ekelhafte Act vermag bei dem Betreffenden Samenerguss hervorzubringen.

v. Krafft-Ebing bringt auch viele Fälle von Fetischismus direct in Beziehung zum Masochismus und glaubt insbesondere, dass der Stiefel- und Fussfetischismus lediglich in der symbolischen Bedeutung des Fusses resp. Stiefels seine Quelle habe. Der empfangene Fusstritt ist ein Symbol für die Erniedrigung, und dieser Wunsch der eigenen Erniedrigung beherrscht den Masochisten, wie wir sahen. Es kann nun, ohne dass der Zusammenhang zwischen der Liebe zum Stiefel und dem Wunsche der Erniedrigung dem Stiefel-Fetischisten bewusst ist, nach v. Krafft-Ebing dennoch ein solcher Zusammenhang bestehen, und er meint eben, dass dieser unbewusste Zusammenhang die Quelle des Stiefel-Fetischismus sei, dass also dieser durch den unbewusst bleibenden Wunsch der Erniedrigung vor dem Weibe bedingt sei. Manche Erscheinungen sprechen zweifellos dafür; so ein mir bekannter Fall, wo ein Mann gleichzeitig Stiefelfetischist und Masochist ist. Er wird z. B. sexuell ebenso leicht durch Stiefel, wie durch das Bewusstsein, von einem Weibe gedemüthigt zu werden, erregt.


136 Mixoskopie.

Es würden demnach gewisse Fälle von dem oben besprochenen Fetischismus gleichsam noch zu dem Masochismus zu rechnen sein. Dennoch halte ich die Erklärung von v. Krafft-Ebing nicht für ganz einwandsfrei. Räthselhaft bleibt es z. B. doch immer, warum der Fetischist Stiefeln mit hohen Absätzen, ferner gewöhnlich Knöpfstiefel, oft auch Lackschuhe bevorzugt. Bei dem engen Zusammenhang, in dem unter pathologischen Verhältnissen Geruchssinn und Geschlechtstrieb stehen, sei immerhin darauf hingewiesen, dass vielleicht der Stiefel-Fetischismus mitunter in dem intensiven Geruche, der den Füssen resp. den Stiefeln anhaftet, seine Entstehung verdankt, oder wenigstens dadurch begünstigt wird 1).

Es sei zum Schlusse noch kurz darauf hingewiesen, dass schon Tardieu 1858 einen Fall veröffentlichte, wo ein Mann besondere Wollust dabei empfand, wenn er von einem andern Manne mit dem Fusse auf den Podex getreten wurde, und dass nach demselben Autor mitunter Päderasten vor schmutzigen Kindern niederknieen und ihnen leidenschaftlich die Füsse küssen.

Endlich sei des historischen Interesses wegen noch auf masochistische Neigungen von Nero hingewiesen. Nero hatte eine Art Spiel sich erdacht, das in folgendem bestand. Er liess sich in das Fell eines wilden Thieres nähen und kam aus einem Behälter heraus; in diesem Zustande stürzte sich der Kaiser auf die Schamtheile der an einen Pfahl gefesselten Männer und Frauen. Schliesslich liess er sich, nachdem er, wie Sueton 2) berichtet, seine wüste Lust gebüsst hatte, von dem Freigelassenen Doryphorus erlegen. Diesen nahm er sich dann zu seinem Gemahl in derselben Weise, wie er den Sporus sich zu seiner Frau genommen hatte, und ahmte auch die Töne von Jungfrauen hierbei nach!

Es giebt eine besondere Perversion des Geschlechtstriebes, die sich bei hetero- und homosexualem Triebe findet, und die ich noch nicht genauer beschrieben finde. Ich will sie als Mixoskopie bezeichnen, von &&&&& = die geschlechtliche Vereinigung und &&&&&&&& zuschauen. Es finden sich nämlich, um zunächst das, was sich auf die heterosexuale Geschlechtsempfindung bezieht, zu erwähnen,

1) Wenn durch v. Krafft-Ebing auch nicht alles erklärt ist, so halte ich doch seine Ausführungen über den Zusammenhang von Fetischismus und Masochisimus für den wichtigsten Fortschritt, den wir in dem theoretischen Studium der sexuellen Perversionen gemacht haben. In deren Erklärung ist damit ein grosser Schritt nach vorwärts gethan, und es ist das frühere ausschliesslich casuistische Studium damit für die Theorie fruchtbar geworden.

2) Suetons Kaiserbiographien, verdeutscht von Adolph Stahr.


Mixoskopie. 137

mitunter Männer, die nicht durch den Coitus bei dem Weibe sich befriedigt fühlen, sondern die ihre Befriedigung nur darin finden, dass sie einen Dritten den Coitus mit dem Weibe ausführen sehen. Wahrscheinlich ist der Fall verwandt mit dem Masochismus 1), den v. Krafft-Ebing uns so genau geschildert hat; und es besteht der Reiz für den Dritten vielleicht darin, dass er leidet, indem er das Weib in dem Besitze eines andern sieht. Ich weiss verschiedene derartige Fälle, wo Männer nur in dieser Weise ihre sexuelle Libido befriedigen. Aehnliches wird nun auch bei der homosexualen Geschlechtsempfindung beobachtet, und Tarnowsky hat einen interessanten hierher gehörigen Fall beschrieben. Es handelt sich hier um zwei Knaben, die ein Mann dazu abgerichtet hatte, einander zu masturbiren. Er selbst sah zu, wobei er sich mitunter auch selbst päderastisch betheiligte. Dieser Zustand tritt übrigens bei diesem Patienten nur periodisch auf, es ist aber dieser Reiz, dass er sexuelle Befriedigung in dem päderastischen Acte anderer findet, ein auffallend krankhaftes Symptom.

Tiberius soll in Capri gleichfalls dadurch sich sexuell erregt haben, dass er sexuelle Acte von jungen Leuten ausführen liess, wobei er nur zuschaute.

Nächst dem Masochismus muss ich den Sadismus besprechen, d. h. jene Erscheinung, die den Gegensatz des Masochismus bildet, und wobei der Geschlechtstrieb in der Neigung, die geliebte Person zu schlagen, zu misshandeln und sie zu demüthigen besteht. Der Name kommt her vom Marquis de Sade, dem berüchtigten französischen Romanschriftsteller (1740—1814), der, wegen Sodomie, Giftmischerei und anderer Gräuel zum Tode verurtheilt, im Gefängniss Romane schrieb, in denen Wollust und Grausamkeit als verwandte Erscheinungen geschildert wurden. Zahlreiche Schriftsteller haben auf die nahen Beziehungen zwischen Wollust und Schmerz hingewiesen, und besonders in dem Schmerz des einen eine Quelle der Wollust des anderen unter pathologischen Verhält-

1) In „Venus im Pelz" u. a. beschreibt v. Sacher-Masoch ganz analoge Vorgänge. Ich citire folgende Stellen: „Für mich liegt im Leiden ein seltsamer Reiz, die Tyrannei, die Grausamkeit und vor allem die Treulosigkeit eines schönen Weibes facht meine Leidenschaft sehr an." . . . „Um einen Mann für immer zu fesseln, darf man ihm nicht treu sein. Welche brave Frau ist je so angebetet worden wie eine Hetäre? In der Treulosigkeit eines geliebten Weibes liegt ein schmerzhafter Reiz, die höchste Wollust."


138 Sadismus bei Heterosexualen.

nissen gefunden: Blumröder, v. Krafft-Ebing, Lombroso u. a. Zahlreiche Beispiele finden wir dafür, dass der Schmerz des anderen Lust in demjenigen erweckt, der den Schmerz zufügt. Dass aber dieses Zufügen des Schmerzes gerade mit den Geschlechtsfunctionen in Zusammenhang steht, das ist das Typische des Sadismus. Wir würden also zum Sadismus nicht irgend eine rohe oder grausame That rechnen 1), sondern nur solche Handlungen, bei denen der grausame Act eine Anregung oder einen Ersatz für den Beischlaf 2) bildet. In der Liebe finden wir recht oft kleine Andeutungen des Sadismus in der Thatsache, dass der eine liebende dem andern Theil recht gern in Neckereien und Scherzen kleine Leiden zufügt.

Der von dem sadistischen Manne unter pathologischen Verhältnissen der weiblichen Person zugefügte Act, der ersterem sexuelle Befriedigung verschafft, besteht bald in Schlägen, bald in Verwundungen, Besudelung aller Art, Fesselung des Weibes, endlich selbst im Mord, der als Lustmord uns bekannt ist. Dass übrigens Nothzucht mitunter gleichfalls auf sadistischer Grundlage beruht, ist wahrscheinlich. Interessant ist ein Fall, den v. Krafft-Ebing anführt, wo ein Mann nur ein einziges Mal beim Coitus ein Wollustgefühl hatte, und zwar war dies der Fall, als er sich ein Stuprum gegen ein Mädchen zu Schulden kommen liess; kurze Zeit darauf übte er mit derselben Person nach deren Einwilligung den Beischlaf aus, ohne aber dabei Wollustgefühl zu haben.

Wie viele Vorgänge in der Geschichte auf sexuelle Perversionen überhaupt und insbesondere auf Sadismus zurückzuführen sind, das lässt sich mit Sicherheit kaum sagen. Wahrscheinlich aber ist es, dass viele grausame Acte der Weltgeschichte in der sexuellen Sphäre ihre Entstehung haben. Wenn wir die Thaten Iwans des Schrecklichen lesen, so drängt sich der Gedanke auf, dass bei

1) Wenn also (in Physiologie de l'Amour moderne, Fragments d'un ouvrage de Claude Larcher, recueillis et publiés par Paul Bourget, Paris 1891) gesagt wird: „II y a comme un sadisme personnel dans notre complaisance dans certaines sortes de douleurs", so ist dies nur mit der oben gegebenen Einschränkung richtig.

2) Es kann vorkommen, dass der Sadist bei dem grausamen Acte, z. B. beim Schlagen, Würgen oder Blutigstechen des Weibes, beim Schlachten eines Thieres, Samenerguss hat; es ist aber auch möglich, dass der grausame Act nur als Einleitung zum Coitus, d. h. zur Erregung der Libido, benutzt wird. Hierher gehört der Fall den Hofmann und v. Krafft-Ebing citiren: der Mann, der bei Prostituirten sich durch Martern und Tödten von Hühnern aufzuregen pflegte. Näheres findet sich über Sadismus in v. Krafft-Ebings Psychopathia sexualis und desselben Autors „Neuen Forschungen".


Sadismus bei Homosexualen, 139

diesem furchtbaren, rohen Herrscher vielleicht die sexuale Libido manches zur Grausamkeit beitrug. Es scheint dies um so näher liegend, als von Iwans Sohne Demetrius angegeben wird, dass er sich an dem Anblick der Todeszuckungen und des Blutes von Schafen, Hühnern und Gänsen mit Vorliebe geweidet hat. Bekanntlich findet sich diese Erscheinung auch heute bei manchen sexual perversen Individuen, indem die Zuckungen von Hühnern und Gänsen beim Schlachten jenen Erection mit Samenerguss hervorrufen.

Schon unter physiologischen Verhältnissen giebt es Vorgänge beim Coitus, die vielleicht eine Andeutung des Sadismus sind, wenn auch die bewusste Absicht, Schmerz zuzufügen, hierbei nicht vorliegt; dies ist z. B. bei dem festen Aneinanderdrücken und Pressen beim Beischlaf der Fall. Es kann hierbei sogar zu Blutigbeissen kommen, wenn, wie Roubaud in seiner meisterhaften Schilderung meint, der Beissende im Wollust-Delirium ganz und gar den anderen Theil vergesse. Genau dasselbe findet sich auch bei dem Verkehr von Urningen untereinander und ich hatte Gelegenheit, bei einem derselben ganz deutlich solche Wunden, die beim sexualen Act hervorgebracht wurden, zu sehen. Gröbere sadistische Acte bei homosexualem Geschlechtstrieb sind mir sonst nicht berichtet worden. In Bezug auf einen Urning wurde mir zwar erzählt, dass er eine Wollust darin finde, seinen Geliebten zu misshandeln; doch bestritt jener dies, leugnete übrigens auch mir gegenüber seine urnische Natur, über die allerdings kaum ein Zweifel möglich ist.

Von anderer Seite sind übrigens sadistische Acte auf homosexualer Basis publicirt worden 1). Ein Fall, der wohl in dieses Gebiet gehört, ist von Gyurkovechky veröffentlicht worden. Es handelte sich hier um einen 15jährigen Knaben P, der einen 14jährigen Freund B hatte. Bei dem letzteren war nun von der Mutter beobachtet worden, dass der Körper, besonders die Oberarme, Hinterbacken und Oberschenkel mit blauen Flecken bedeckt waren. Es stellte sich heraus, dass P durch Geld den B zu bewegen wusste, sich heftig kneifen zu lassen. Als B vor Schmerz weinte und schrie, wurde er von dem P mit der einen Hand ge-

1) Man glaubte früher mitunter, wenn ein Homosexualer an einem männlichen Individuum eine Körperverletzung oder sogar einen Mord ausgeführt, dass dies eine besonders bei Homosexualen vorkommende gemeingefährliche Handlung sei. Indessen ist dies, wenn es auf sexueller Basis beruht, eine besondere, seltene perverse Handlung, die in analoger Weise, wie oben angedeutet, auch bei heterosexualem Triebe vorkommt.


140 Sadismus bei Homosexualen.

schlagen, während dieser mit der andern onanirte; er erklärte, dass ihm Misshandlungen des Freundes bei gleichzeitigem Masturbiren der grösste Genuss seien. Der P ist Epileptiker und hochgradig nervös belastet.

In der Literatur sind auch sonst Fälle von Sadismus mit homosexueller Neigung bekannt geworden; sie betreffen Knaben, an denen Misshandlungen, Verstümmelungen etc. verübt wurden. In neuerer Zeit hat besonders der Fall von Zastrow Aufsehen erregt, über den Ulrichs in „Incubus" 1869 ausführlich referirte; v. Zastrows Neigung gehörte wesentlich unreifen Knaben; criminell wurde v. Zastrow durch Acte von Grausamkeit, die er an Knaben vorgenommen haben sollte: Bisse im Gesicht, Abschneiden der Testikel, Drosselung u. s. w. 1)

Ulrichs hat im Anschluss an diesen Fall in „Incubus" noch eine Reihe anderer sadistischer Acte von Urningen aus verschiedenen Zeiten gesammelt. Er erwähnt den Magister Julius Pellanda zu Landsberg, der 1713 die Knaben so unbändig liebte, dass er ihnen aus Wollust in die Wangen biss; Ulrichs erwähnt einen Urning, der vor Wonne jauchzte, wenn beim Geschlechtsact der von ihm misshandelte Mann sich vor Schmerz krümmte; er erinnert an J. v. Görres Ausspruch: „Der Zeugungslust ist verwandt die Mordlust"; Ulrichs erwähnt den Marquis de Sade, der seine Grausamkeiten an Knaben ebenso wie an Mädchen verübt hatte.

Zwei historische Notizen seien noch an dieser Stelle gegeben, die als Sadismus mit Homosexualität aufgefasst werden müssen.

Tiberius liess Männern, nachdem er ihnen viel Wein zu trinken gegeben hatte, das Schamglied so zusammenbinden, dass sowohl der zurückgehaltene Urin als auch die fest angezogenen Schnüre ihnen starke Schmerzen verursachten. Der andere Fall spielt im Mittelalter. Ein berüchtigter Process fand im Jahre 1440 zur Zeit Karls VII. in Frankreich statt. Ein französischer Marschall Gilles de Laval, sir de Rayes, hatte hunderte von Kindern genothzüchtigt und getödtet, darunter viele Knaben. Er wurde zur Strafe dafür 1440 verbrannt. Was die Aetiologie betrifft, so ist das Geständniss von Gilles de Laval interessant, der behauptete, dass er durch die Schriften von Sueton, der be-

1) Vielleicht gehört hierher auch ein von Liman in Casper-Liman, Handbuch der gerichtlichen Medicin, veröffentlichter Fall, wo ein Mann einen Knaben, mit dem er mutuelle Onanie getrieben hatte, am Penis so verletzte, dass eine dauernde Entstellung bei dem Verletzten dadurch hervorgerufen wurde.


Fall von Masochismus. 141

kanntlich die sexuellen Verirrungen der römischen Kaiser beschrieb, veranlasst worden sei, widernatürliche Unzucht und perversen sexuellen Verkehr zu treiben.

Einen Fall will ich noch besonders erwähnen, der einen mit conträrer Sexualempfindung behafteten Herrn betrifft. Der Fall ist so merkwürdig in seiner Art, er hat viele Behörden beschäftigt und ist mir von mehreren derselben freundlichst mitgetheilt worden. Es ist nach dem Verlaufe des Processes, der Gericht und Polizei in gleicher Weise in Anspruch nahm, nur zweifelhaft, ob es sich um einen Dummen - Jungen - Streich, oder um einen krankhaften Vorgang handelte. Das Interesse, das der Fall bietet, ist jedenfalls kein geringes.

Es handelt sich um einen Herrn A mit conträrer Sexualempfindung. Derselbe lebte im Auslande und hat von da aus einen Diener B engagirt, ohne ihn persönlich zu kennen. Nun liess A in der Provinz eine Villa miethen, in der er den B wohnen liess, während er selbst im Ausland blieb. Von hier aus ertheilte er dem B brieflich die Instruction, einen gewissen C durch Gewaltthätigkeit zur Päderastie abzurichten. C würde, wie A dem B brieflich mittheilte, zu B in die Villa kommen und zwar mit einem Briefe von A. An dem Ueberbringer des Briefes sollte alsdann B sofort seinen Auftrag ausführen. Die Instructionen, die A dem B ertheilte, sind so merkwürdig, resp. so cynischer Natur, dass man, wenn man nicht den Ausgang kennt, den A für einen der gemeingefährlichsten Menschen halten müsste, die es giebt. Ich lasse die Instructionen im einzelnen folgen. Ich bemerke nur, dass ich alle anstössigen deutschen Ausdrücke und besonders die zahlreichen geradezu der gemeinsten Sprache entlehnten Worte lateinisch wiedergebe. Die Instruction ist von A dem gleichfalls urnischen B gegeben behufs Abrichtung des C zur Päderastie.

§ l.

Gleich am ersten Abend, wenn Du ihn glücklich beim Stehlen der silbernen Löffel abgefasst hast 1), schliesse alle Thüren ab und sage ihm, dass Du ihn als Spitzbuben sofort ins Gefängniss bringen lassen wirst. Nun sagst Du ihm noch, dass Du von mir seine Briefe, die Du verbrannt hast, geschickt bekommen hast, und dass Du damit auf die Polizei gehen wirst.

l) Der Betreffende sollte auf diese Weise anscheinend gezwungen werden, sich allen Misshandlungen zu unterziehen; vgl. unten die Stelle, wo gesagt wird, dass er nur die Wahl zwischen Uebergabe an die Polizei und der Sklaverei habe.


142 Fall von Masochismus.

Nun wird er schauderhafte Angst kriegen und Dich um Gnade und Barmherzigkeit betteln.

Jetzt sagst Du ihm, dass Du ihn nicht anzeigen wirst, aber er soll als Knecht ohne einen Pfennig Lohn bei Dir dienen, solange Du willst und nebenbei Deine Meretrix sein und alles sich gefallen lassen, was Dir beliebt!

§ 2.

Wenn er einwilligt, so musst Du ihn gleich am ersten Abend zahm machen. Du ziehst ihm seinen Rock aus und bindest ihm die Hände wie einem Gefangenen fest auf den Rücken. Dann ziehst Du ihm seine Stiefeln aus und seine Strümpfe, nimmst ihm alle seine Sachen weg und lässt ihm nichts als seine Hosen und sein Hemde.

§ 3.

Dann rufst Du Deine Kameraden, die im Hause wohnen. Ihr setzt Euch gemüthlich hin und trinkt das Fässchen Bier, das ich Euch für diesen Festabend schicke, und raucht die Cigarren, die ich Euch senden werde.

Wenn Ihr alle so in der richtigen Laune seid, ei vestem detrahitis et facitis quae vultis. Erst muss er Euch allen die Füsse waschen und dann könnt Ihr seinen ejaculare in os suum vel debet oscula dare natibus vestris, wie es Euch gerade Spass macht.

Mit dem Kerl könnt Ihr die grössten Geschichten machen; denn der lässt sich alles gefallen.

§ 4.

In der Nacht wird er an die beiden Ketten gelegt, eine um den Hals und eine um den Fuss; denn wenn er auskneift, ist es mit Deiner ganzen Herrlichkeit aus.

§ 5.

Zum Schlafen bekommt er ein Bund Stroh und eine alte Decke; kein Bett.

§ 6.

Jeden Abend muss er Euch allen die Füsse waschen, was im heissen Sommer eine grosse Wohlthat ist.

§ 7.

Bei Regenwetter darf er mit Pantinen laufen, damit er sich nicht erkältet.

§ 8.

Jeden Morgen lässt Du ihn rasiren und giebst ihm zu diesem Zweck 10 Pf,


Fall von Masochismus. 143

§ 9. Er darf nur reden, wenn er gefragt wird.

§ 10.

Wenn Du ausgehst, oder wenn Niemand zu Hause ist, legst Du ihn an die Ketten, dann kannst Du sicher sein, dass er nicht wegläuft oder Dummheiten macht.

§ 11.

Wenn Du ihn prügelst, dann machst Du das auf russische Art, Du stellst eine Leiter ziemlich steil an die Wand und bindest ihm die Füsse unten an und die Hände über den Kopf an die Sprossen. Dann detrahis ei vestem. (Denudas eum, si vis.)

Mitten um den Leib kommt auch ein Strick. Dann nimmst Du Deine russische Peitsche und ziehst ihm ein Paar über nates denudatas. Prügele aber niemals mit voller Kraft, denn er ist ein sehr schwächlicher Bengel, und was ein kräftiger Mensch gar nicht fühlt, thut ihm schon furchtbar weh.

§ 12.

Bei jedem Ungehorsam wird er geprügelt!

§ 13.

Er hat jede Arbeit zu verrichten, die im Hause nöthig ist.

§ 14.

Nun werde ich Dir noch einige Arten von Vergnügen aufschreiben, die man eben nur in Russland und in der Türkei kennt.

§ 14a.

Die Arten sind zwar ein bischen gemein, aber wenn man einen Kerl hat wie Du, den man zu allem gebrauchen kann, so soll man sich dieses Wollustgefühl ja nicht entgehen lassen.

Hier in Russland muss man für solchen Genuss ein riesiges Geld zahlen und Du Glücklicher kannst es umsonst haben.

§ 14b.

Denudas te ipsum eumque. Deinde collocas te in ventrem alterque pedes tuos lingua lambere debet, praecipue inter digitos et plantam longum tempus; si erectionem habes, decumbis eo modo ut alter una manu membrum tuum alteraque testiculos tuos fringat; eodem tempore nates tuas lambere debet linguamque immittere in anum tam profunde quam potest, quoad ejaculationem seminis habes. Id est pulcherrimum quod habere possis.

§ 14c.

Denudas eum ejusque manus illigas post tergum ligasque quoque pedes; collocas eum in dorsum, faciem superiorem, membrum


144 Fall von Masochismus.

in ejus os immittis; sie semen tuum ejaculatur, ei non licet exspuere semen; potius membrum tuum in alterius ore manet quoad devoravit ultimam guttam. Simplici modo ad hunc finem pervenire potes, bene tenendo alterius caput, si semen ejaculatur; ita debet devorare utrum velit annon. Das ist türkische Sitte.

§ 15.

Wenn er alles gelernt hat, schreibst Du mir, dann komme ich selber, überzeuge mich und zahle Dir 500 M. Extra-Belohnung.
Am meisten liegt mir daran, dass er lingua lambere possit atque in ejus os semen ejaculetur, dum semen non exspuit. Die Regeln hast Du jeden Tag durchzulesen, damit nicht das kleinste vergessen wird. In diesem Buch ist ganz genau angegeben, was Du mit Deinem Knecht zu machen hast und bitte ich Dich zu Deinem eigenen Vortheil, alle meine Anordnungen ganz wörtlich bis ins Kleinste zu befolgen.

§ 16.

Zur Nahrung giebst Du ihm viel Milch, Schwarzbrot, Wasser, Eier, Gemüse, Kohl, Rüben, Erbsen, Kartoffeln, Sonntags nur ein wenig Fleisch.

§ 17.

Jeden Sonntag Vormittag von 10 bis 12 ist seine freie Zeit, da kann er ausgehen. Da kann er auch Stiefeln und Strümpfe anziehen. Aber sonst in der Woche niemals. Wenn er aber nicht Punkt 12 Uhr zu Hause ist, wird er geprügelt.

§ 18. Er hat also bei Dir vor allem zu lernen:

1) Garten und Feldarbeit verrichten.

2) Kleider und Stiefel putzen.

3) Treppen scheuern.

4) An der Kette Nachts zu schlafen (Kette um den Hals und um den Fuss).

5) Seinem Herrn die Füsse waschen.

6) Ut in os semen injiciatur atque semen devoret.

7) Pedes natesque lambere.

Ich halte Wort mit allem, was ich versprochen, das weisst Du, also nun halte auch Du Wort und vollziehe wörtlich alle diese meine Befehle.

§ 19.

Jeden zweiten Tag schreibst Du mir ganz genau mehrere Seiten lang, wie sich die Sache mit Deinem Knecht macht, und was Du mit ihm anfängst.


Fall von Masochismus. 145

Diesen Brief muss jedesmal Dein Knecht auf die Post tragen und zwar Eingeschrieben aufgeben und Dir den Quittungsschein bringen. Ich will nämlich, dass er genau weiss, dass Du mir fortwährend schreibst, damit er sieht, dass alles auf meinen Befehl geschieht.

§ 20.

Wenn er Euch abends im Hause bedient, vestem detrahere debet. Im Hause als Euer Knecht hat er Nachts immer vollständig nackt, höchstens im Hemd zu gehen.

Alle diese Regeln wirst Du jeden Tag genau durchlesen, damit nichts vergessen wird.

Theile mir sofort mit, ob Du bereit bist, gewissenhaft bis ins Kleinste alle Vorschriften in den beiliegenden Papieren auszuführen.

Hiermit übergebe ich Dir meinen früheren Diener zur Bestrafung für alle seine Spitzbubenstreiche. Alle seine Sachen mit Ausnahme von Hemd, Hose und Pantinen gehören Dir; auch alles baare Geld, das Du bei ihm findest, ist Dein Eigenthum.

Zu allem, was Du mit ihm machst, hast Du meine Zustimmung.

Er hat die Wahl! Entweder ohne Widerspruch ohne Lohn alle Deine Befehle zu erfüllen, oder von Dir sofort der Polizei als Dieb übergeben zu werden.

Du bist künftig sein einziger Herr und Gebieter ohne Gnade und Erbarmen.

Am 21. August komme ich selbst, jeden Mittwoch und jeden Sonntag erwarte ich Brief mit Bericht eingehend. A.

Dies sind die Instructionen, welche A dem B brieflich mitgetheilt hatte, um den C zur Päderastie abzurichten.

Es war nun bereits von B in A's Auftrag eine Villa gemiethet, in der er den C erwartete, um seinen Auftrag auszuführen. C sollte einen Brief des A an B überbringen, und der Ueberbringer sollte eben von B gleich festgehalten werden. In der That traf eines Tages in der gemietheten Villa bei B der C mit einem Briefe von A ein. Doch gelang es dem C, sehr bald wieder das Haus zu verlassen und zu entkommen, sodass B seinen Auftrag nicht ausführen konnte.

Was aber nun in der ganzen Sache das merkwürdigste ist, ist der Umstand, dass sich nach kurzer Zeit durch die Untersuchungen der Behörden herausstellte, dass A und C eine Person seien. Es hatte mithin A dem B eine Anweisung gegeben, ihn

Moll, Contr. Sexualempfindung. 10


146 Neigung zu unreifen Madchen.

selbst, d. h. den A zur Päderastie durch Misshandlungen abzurichten, beziehungsweise ihn zu misshandeln.

Soll man bei einem solchen Vorfall nun annehmen, dass A, wie er es darzustellen suchte, nur einen Scherz sich habe machen wollen, oder soll man den ganzen Vorgang auf masochistische Neigungen des A, der an conträrer Sexualempfindung litt, zurückführen? Dass A verschwand, als die Sache mit seiner Fesselung und Misshandlung ernst werden sollte, das steht mit der Annahme des Masochismus nicht in Widerspruch, da ihn vielleicht die Persönlichkeit des früher von ihm nicht gekannten B zu wenig lockte, um ihm gegenüber den Sklaven zu spielen. Auch wäre es möglich, dass A trotz seiner masochistischen Neigungen im letzten Moment Furcht vor den Misshandiungen bekam. Einfach einen Scherz anzunehmen, das scheint mir bei soweit vorgeschrittenen Vorbereitungen nicht richtig. Wenn man nicht Masochismus annimmt, so bleibt nur übrig, den ganzen Vorfall aus anderen Gründen auf eine vollständige Unzurechnungsfähigkeit des circa 30 Jahre alten A zurückzuführen.

Nachdem ich im vorhergehenden unter den sexuellen Perversionen, die sich an die conträre Sexualempfindung anschliessen, den Fetischismus, den Masochismus und den Sadismus besprochen habe, will ich nun zum Schluss noch kurz einige weitere Perversionen berühren, die wiederum eine vollkommene Analogie zur sexuellen Perversion bei heterosexualer Neigung bieten. Ebenso wie es heterosexual fühlende Männer giebt, die nicht zum ausgewachsenen Weibe, sondern zu unreifen Mädchen sich getrieben fühlen, ebenso giebt es Urninge, die nicht den Mann, sondern den Knaben resp. das Kind lieben. Dass diese besondere Neigung bereits im alten Griechenland bekannt war, sei hier nochmals erwähnt. Es geht dies schon daraus hervor, dass Pausanias in Platos Gastmahl ein Gesetz verlangt, durch welches die Liebe zu Kindern verboten würde. In einer gerichtlichen Affaire, die 1856 in Amiens spielte, kamen diese Dinge besonders zur Sprache. Es war dort ein Mann, der gewohnheitsmässig kleine Knaben zu sich lockte, um mit ihnen unsittliche Handlungen vorzunehmen, angeklagt. Tardieu berichtet ausführlich darüber.1)

1) Andere hierher gehörige Falle finden sich in Casper-Liman, Handbuch der gerichtlichen Medicin; manche derartige Falle sind mit Sadismus complicirt, der gerade im Verkehr der Homosexualen mit unreifen Knaben öfter vorzukommen scheint als bei sexuellem Umgang mit Erwachsenen.


Neigung zu unreifen Knaben; Statuenschändung. 147

Nicht in allen Fällen wird, wie man gewöhnlich annimmt, von den conträr sexuell Veranlagten Verkehr mit unreifen Knaben verabscheut. Es giebt auch heute erwachsene Urninge, die sich nur zu männlichen Individuen hingezogen fühlen, die noch nicht mannbar sind, und die noch keinen Bart haben. Besonders aber sehen wir, dass viele Urninge in ihrer eigenen Knabenzeit zu ungefähr gleichalterigen Knaben neigen, also auch zu nicht mannbaren Personen. Bei erwachsenen Homosexualen ist dieser Vorgang viel seltener, kommt aber gelegentlich vor.

Grosse Aehnlichkeit mit der Neigung der Urninge zu unreifen Knaben zeigen diejenigen, wo Weiber mit unreifen Knaben sexuell sich ergötzen, wie es in einem von Anjel 1) veröffentlichten Falle lag.2)

Tarnowsky führt sogar einen Fall an, wo ein 26jähriger Mann, der übrigens hochgradig psychopathisch gewesen zu sein scheint, mit einem 2jährigen Knaben Päderastie trieb. Der Fall ist S. W. Mierzejewski entnommen.

Als Gegensatz zu diesem Trieb zu unreifen Knaben seien noch diejenigen angeführt, bei denen nur Neigung zu alten Männern mit grauen Bärten besteht, wie es in einem mir bekannten Fall liegt, der einen jungen Juristen betrifft. Tarnowsky hält in Bezug auf die psychische Entartung es für einen besonders schlimmen Zustand, wenn der Urning sich ausschliesslich zu alten Männern hingezogen fühlt. Doch kann ich dem nicht beistimmen, da die Stärke der Degeneration hieran nicht gemessen werden kann.

Unter den weiteren Perversionen, die bei homosexualer Neigung sich finden, erwähne ich noch, dass auch Statuen dem Urning einen grossen Reiz gewähren können. Statuen von Männern sind für manchen Urning so erregend, dass er sie oft küsst. Einer erklärt allerdings v. Krafft-Ebing, dass es ihn stets geärgert habe, dass an Stelle der Genitalien sich an Statuen Feigenblätter 3) befinden. Von einem Griechen wird bei Athenäus erzählt, dass

1) Archiv für Psychiatrie XV, 1884.

2) Hierher gehörige Fälle, wo erwachsene Weiber mit unreifen Knaben Unzucht treiben, finden sich mehrfach in der Literatur. Tardieu hat 10 solche Beobachtungen gesammelt, darunter solche von Devergie und Casper. Es handelte sich stets um Knaben im Alter von 5 bis 13, und um Weiber im Alter von 18 bis 30 Jahren. Meistens waren es Dienstboten, die mit ihnen anvertrauten Knaben das Verbrechen begangen hatten; in einem Fall von Casper aber war es sogar die eigene Mutter, die ihren neunjährigen Sohn missbrauchte.

3) Ein auswärtiger Urning theilt mir dasselbe mit, ihn ärgerte es, dass die früher offenen Genitalien von Statuen in Italien später durch Feigenblätter verdeckt wurden.


148 Leichenschändung.

er sich in die Bildsäule des Cupido verliebt hatte und mit ihr den Geschlechtsact vollführte.

Auch die Leichenschändung (Necrophilie) beschränkt sich nicht ausschliesslich auf Leichen des anderen Geschlechts, v. Krafft-Ebing rechnet die Leichenschändung übrigens zu den sadistischen Acten. Sehr bekannt ist der 1849 von S. Michéa veröffentlichte Fall des Sergeanten Bertrand, der Leichen mit Küssen bedeckte, herzte, umarmte, ferner schändete; auch zerschnitt er Leichen in Stücke, um bei deren Anblick zu masturbiren. Derartige Acte nahm Bertrand sowohl an weiblichen wie auch an männlichen Leichen vor.

Auch sonst finden sich noch zahlreiche Perversionen auf dem Gebiete der conträren Sexualempfindung. Von einem Urning weiss ich, dass er gar nicht beansprucht, dass der andere seine Genitalien berührt, es genügen ihm allgemeine Reizungen seines Tastsinnes. Er lässt sich mit Vorliebe den Körper, die Stirn, den Nacken durch den andern Mann streicheln, hierbei kommt es bei ihm zur Erection und schliesslich zu Samenerguss. Sexuelle Erregung durch derartige Reizungen des Tastsinnes kommt auch bei heterosexualer Neigung vor.

Das Umgekehrte findet gleichfalls statt, dass gewisse Reizungen am anderen ausgeführt, den Urning bis zur Ejaculation erregen. So wurde mir von einem Falle mitgetheilt, wo ein Mann seine Libido dadurch befriedigte, dass er einem anderen Mann das Ohr innen leckte. Es trat hierbei bei dem Leckenden Samenerguss ein mit vollständigem Wollustgefühl.

Ich schliesse hiermit das Capitel von den sexualen Perversionen auf dem Boden conträrer Sexualempfindung, obwohl ich sie keineswegs erschöpfend geschildert habe; dies zu thun, dazu wäre ein eigenes Buch nötig, weil die besonderen Perversionen durch die Individualität der Menschen ausserordentlich zahlreich sind.

Besonders lehrreich wäre eine Vergleichung der sexuellen Perversionen in den verschiedenen Zeiten; die Bücher, welche über Geschichte der Liebe handeln, bringen hierüber leider nichts. Dass aber die Perversionen dennoch zu verschiedenen Zeiten in gewissen Grenzen variiren, halte ich für wahrscheinlich, und es dürfte dies schon aus dem Wechsel der Kleidermoden hervorgehen. Den Einfluss der Kleidung auf den Geschlechtstrieb habe ich oben besprochen: deren Wechsel in den verschiedenen Jahrhunderten


Wechsel der Perversionen. 149

ist bekannt, so dass z. B. ein Stiefelfetischist heute wohl nicht durch dieselbe Art des Stiefels gereizt wird wie früher. Der Einfluss der Mode auf den Geschlechtstrieb, oder wohl noch sicherer der Einfluss des letzteren auf jene scheint mir zweifellos.1) Dass die neuesten Moden oft der Halbwelt ihre Entstehung verdanken, und dass sich unsere feinen Damen gar nicht geniren, jener nachzuahmen, ist festgestellt. Rudolf Schultze sagt hierüber (in „Die Modenarrheiten"): „Es ist eine bekannte Sache, dass viele der neuesten Moden, die wir an Unterröcken, Kleiderbesatz, absurden Hüten etc. wahrnehmen, lediglich von den berüchtigtsten Celebritäten, von den Heldinnen der Pariser Halbwelt, herrühren, gleichwohl aber zum drakonischen Gesetz für die ganze schöne Welt erhoben wurden. Es ist notorisch, dass die sogenannte schöne Welt in Paris diese Quelle der neuesten Moden kennt und sich die tonangebenden Exemplare der Halbwelt express zum Muster nimmt".

l) Ueber den Fetischismus, der sich auf Kleidung bezieht, bringt die soeben erschienene II. Aufl. von v. Krafft-Ebings „Neuen Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathie sexualis" 1891 neues Material. Die neue Auflage erschien gerade, während dieses Buch in Druck war.




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