VI Psychosexuale Hermaphrodisie.

Wir haben bereits mehrfach gesehen, dass es eine Anzahl männlicher Individuen giebt, die bald zu Männern, bald zu Weibern sexuell hinneigen. Schon Casper sprach von Männern, die bald mit Weibern, bald mit Männern sexuell verkehrten; er führte dieses Abweichen aber auf eine durch sexuelle Excesse mit Weibern hervorgerufene Uebersättigung zurück. Er kannte wohl noch nicht diejenigen Fälle, bei denen die krankhafte Veranlagung zur psychischen Hermaphrodisie von Anfang an besteht, die je nach den äusseren Umständen bald das männliche, bald das weibliche Individuum begehrenswerth macht. Uebrigens scheint es im Alterthum, auch besonders bei den Griechen zahlreiche Männer gegeben zu haben, die zur psychischen Hermaphrodisie gehörten.

v. Krafft-Ebing sucht die verschiedenen Stufen der angeborenen conträren Sexualempfindung möglichst von einander abzugrenzen, indem er vier Formen annimmt. 1. Psychosexuale Hermaphrodisie; hier bestehen bei vorwaltender homosexualer Geschlechtsempfindung Spuren heterosexualer. 2. Homosexualität; jede Neigung zum andern Geschlecht ist geschwunden, es besteht nur sexuelle Neigung zum eigenen. 3. Effeminatio; auch das ganze psychische Sein ist der conträren Geschlechtsempfindung entsprechend geartet. 4. Androgynie; hier nähern sich selbst die Körperformen derjenigen, welche der abnormen Geschlechtsempfindung entspricht. Diese Eintheilung von v. Krafft-Ebing ist recht praktisch, und man wird sicher die meisten Fälle von conträrer Sexualempfindung mit grosser Leichtigkeit in eine dieser Gruppen unterbringen können. Dennoch begegnet man zuweilen Schwierigkeiten, was auch nicht überraschen kann. So z. B. sah ich Fälle von ausgesprochener Effeminatio, Männer, die in ihrem ganzen Wesen sich wie Weiber benahmen, dennoch aber zeitweise mit Weibern sexuell verkehrten


Abstufungen der Homosexualität. 151

und hierbei befriedigt wurden. Derartige Leute würden also gleichzeitig Gruppe I und III angehören.

Ich möchte jedenfalls den Begriff der psychosexualen Hermaphrodisie etwas weiter ausdehnen, als v. Krafft-Ebing. Ich kenne eine Reihe von Fällen, bei denen entschieden die heterosexuale Neigung überwiegt, dann und wann aber homosexueller Trieb sich zeigt. Ich möchte derartige Leute ebenfalls zur psychischen Hermaphrodisie rechnen, obwohl v. Krafft-Ebing annimmt, dass bei dieser die heterosexuale Geschlechtsempfindung nur rudimentär vorhanden sei. Ueberhaupt würden wir gut thun alle diejenigen Leute, bei denen entweder in einem bestimmten Zeitabschnitt bald Neigung zum Manne, bald zum Weibe auftritt, oder bei denen in einer grösseren Lebensperiode nur Neigung zum Mann, in einer anderen grösseren Periode nur Neigung zum Weibe sich zeigt, nicht von der psychosexualen Hermaphrodisie zu trennen, da die Uebergänge hier ganz allmähliche sind.

Wir können natürlich nicht erwarten, dass die conträre Sexualempfindung von der normalen durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt ist. Weder Geistesstörungen noch andere abnorme psychische Zustände sind ganz schroff und ohne Uebergangsformen vom normalen Zustande geschieden. Ueberall finden wir zahlreiche Zwischenstufen; solche sehen wir demgemäss auch bei den uns beschäftigenden Erscheinungen. Von den leisesten Anklängen an die Liebe zum Manne bis zur ausgesprochenen mannmännlichen Liebe finden wir alle Grade.

Nur ganz vorübergehend tritt bei dem einen, wenn er zufällig einen ihm sympathischen Mann erblickt, die krankhafte Neigung auf ihn zu berühren. Unmittelbar nachher ist sie wieder verschwunden, um nie mehr, selbst beim abermaligen Erblicken jenes Manes zu erscheinen.

Ein zweiter fühlt schon einen lebhafteren Trieb und wird jedesmal von conträren Sexualempfindungen erfasst, wenn er einen bestimmten Mann sieht, während er sonst sich sexuell vollständig normal fühlt.

Ein dritter wird nicht nur beim Anblick eines Mannes, sondern einer bestimmten Categorie von Männern, z. B. grosser Männer mit hellen blonden Haaren sexuell erregt, während er sonst, wenn er solche Leute nicht sieht, sexuell normal empfindet. Ein


152 Abstufungen der Homosexualität.

Herr, der an dieser Form der Erkrankung leidet, besehreibt mir seinen Zustand in folgender Weise:

„ . . . Mein Leiden bestand darin, dass ich immerwährend zwischen dem männlichen und weiblichen Empfinden hin und her geworfen wurde, der männliche Körper einen unwiderstehlichen Reiz auf mich ausübte und meine Phantasie erhitzte, während ich mich dabei nach der Umarmung eines Weibes sehnte. Schon seit meiner Kindheit hatten hervorragende männliche und weibliche Schönheiten mich mächtig entflammt. Ich habe seit meinem 7. Jahre maasslos onanirt, wobei ich mir oft männliche Personen vorstellte. Zweimal hatte ich mich aus diesem Wirrsal heraus gearbeitet, jetzt ist es mir nicht mehr möglich. Eine erhitzte Phantasie belästigt mich, die mir blonde, kräftige, blühende Männer als ausserordentlich begehrenswerth erscheinen lässt; ein Zustand, der mich entsetzlich quält, dem ich aber nicht entrinnen kann. Besonders verwirren mich kräftige, männliche Schenkel und Tailleneinschnitte; ebenso auch ein hervorragend grosses männliches Glied. . . ."

Der Mann, dessen Autobiographie ich einen Theil entnommen, ist augenblicklich vollständig von seinen homosexualen Neigungen befreit. Es ist jedenfalls merkwürdig, dass brünette Männer ihn durchaus gleichgültig lassen, und dass nur ein blonder, „echt germanischer" Kopf ihn erregen kann.

Ein anderer wiederum zeigt ganz gleichmässige Neigungen, bald zum männlichen, bald zum weiblichen Geschlecht und wird unabhängig davon, ob es sich um brünette oder blonde handelt, durch schöne Vertreter des weiblichen wie männlichen Geschlechts angezogen.

Es giebt aber auch weitere Variationen, indem in vielen Fällen die conträre Sexualempfindung das hervorstechende ist und nur ganz gelegentlich sich heterosexuelle Triebe zeigen. Mitunter sind diese, wie v. Krafft-Ebing hervorhebt, nur im Traum vorhanden und treten sonst ganz in den Hintergrund.

Es ist eine im Leben vieler Urninge beobachtete Erscheinung, dass sie, obwohl sonst vollständig der conträren sexualen Empfindung ergeben, doch einmal eine kurze Episode ihres Lebens haben, wo sie sich zu einem Mädchen hingezogen fühlen. Ich kenne z. B. den Fall eines ganz ausgesprochenen Urnings, der ein Mädchen, das er auf einem Maskenbälle kennen gelernt hatte, einmal, da er sich sehr zu ihm hingezogen fühlte, geschlechtlich brauchte; aber er fühlte sich unmittelbar darauf so zurückge-


Periodische Homosexualität. 153

stossen von ihm, dass er kurz nach dem Beischlaf das Mädchen für geradezu widerlich hielt und es floh, um es nie wiederzusehen. In einem anderen Falle hat ein Urning zwar die heftigste Leidenschaft für ein Mädchen gefasst und glaubte auch, dass er sexuell dasselbe hätte befriedigen können, aber gerade dieses Mädchen war ihm durch sociale Verhältnisse unnahbar. Derartige Angaben finden sich in den Lebensbeschreibungen verschiedener Urninge.

Einige sind von der Zwecklosigkeit des Verkehrs mit dem Weibe überzeugt; sie erwarten selbst bei vorübergehender Neigung zum Weib doch mit Sicherheit die Rückkehr ausschliesslich homosexualer Neigung. So entnehme ich dies den Mittheilungen von X. X hat mehrfach den Beischlaf mit Weibern ausgeführt mit Erfolg und mit Wollustgefühl; er glaubt dennoch nicht, dass es ihm je gelingen würde, vollständig von der Liebe zum männlichen Geschlecht loszukommen, da schon der Anblick eines ihm sympathischen Mannes sexuelle Regungen in ihm veranlasse. X erklärt, dass er jetzt nie mehr den Versuch machen werde, zum heterosexualen Verkehr überzugehen, selbst wenn er einmal eine Neigung dazu verspüren sollte.

Andere bemühen sich hingegen, solche Episoden durch Verkehr beim Mädchen zu benutzen.

In einigen Fällen müssen wir übrigens die homosexuelle Neigung als periodisch auftretend ansehen; Tarnowsky hebt besonders solche Fälle hervor. Er vergleicht sie mit den Dipsomanen, und zwar besonders deshalb, weil bei jenen Formen das bestimmte Bewusstsein der Unfähigkeit zu widerstehen vorherrsche, ebenso wie bei der Dipsomanie. Interessant sind die Beobachtungen von Tarnowsky, dass es Leute giebt, die an periodischer conträrer Sexualempfindung leiden, und die es genau vorher wissen, wann der Anfall wiederkommt; sie treffen dann Vorbereitungen, um den Anfall vor der Umgebung in das tiefste Geheimniss zu hüllen.

v. Krafft-Ebing meint, dass hermaphroditische Existenzen gar nicht so selten sind. Da derartige Individuen gewöhnlich recht gut in der Ehe leben, zeitweise vielleicht ihrem Weibe gegenüber etwas kühl sind, so sind sie nicht besonders auffällig. Ich selbst weiss von verschiedenen Ehemännern, die hermaphroditisch veranlagt sind, zeitweise mit dem Manne, zeitweise mit dem Weibe verkehren.

Bei vielen Hermaphroditen zeigt sich, dass das Geschlecht des andern überhaupt keine Rolle spielt; sie fühlen sich zu einem gewissen Typus hingezogen, und es ist ihnen Nebensache, ob


154 Psychische Hermaphrodisie vor der Pubertät.

dieser Typus durch ein männliches oder weibliches Wesen vertreten ist. Hierbei ist besonders wichtig der Kopf; so neigen manche zu einem blonden Kopfe mit kurz geschnittenen Haaren, mit zarten Gesichtszügen, und dem Betreffenden ist es nun ziemlich gleichgültig, ob der Kopf einem Weibe oder einem Manne gehört. Manche Urninge wissen nur bei solchen Weibern sexuelle Erregungen zu verspüren, die in ihrem Aeussern eine gewisse Aehnlichkeit mit Männern haben, z. B. bei Weibern mit kurzen Haaren.

Ich habe beobachtet, dass bis zur vollständigen Ausbildung der Geschlechtstheile eine gewisse Hermaphrodisie häufiger ist; dass die Neigung gewisser Knaben zu anderen Knaben mitunter entschieden den sexuellen Charakter trägt, dass aber später mit der Entwickelung der Pubertät diese Neigung zu Knaben immer mehr und mehr schwindet. Dass hier in der That schon vor der Vollendung der Pubertät eine sexuelle Zuneigung stattfindet, geht mir daraus hervor, dass solche Knaben ganz deutliche Erectionen beim Zusammensein mit anderen, bei Betrachten und Umarmen ihrer Freunde haben. Besonders häufig scheinen mir derartige Fälle der psychosexualen Hermaphrodisie vor der Pubertät bei sexuellen Perversionen zu sein. Ein Herr aus meiner Praxis, dessen Krankengeschichte bereits kurz in v. Krafft-Ebings letzter Auflage der Psychopathia sexualis veröffentlicht ist, und der Stiefel-Fetischist ist, litt an diesem Fetischismus bereits von Kindheit an. Als kleiner Knabe wünschte er stets die Stiefel seines Lehrers zu küssen, er küsste und drückte die Stiefel seiner Schulkameraden fest an sich und dergleichen mehr; ebenso liebte er bereits damals die Stiefel von kleinen Mädchen. Mit dem Eintritt der Pubertät ist diese Neigung vollständig eine heterosexuale geworden, indem er schliesslich nur die Stiefel von Damen und zwar von hochgestellten Damen liebte.

Auch Niemeyer 1) betont, dass mitunter Knaben eine Leidenschaft für andere Knaben fassen, wobei der Umgang derselben etwas der Geschlechtsliebe ähnliches darbietet. Es scheint nach

l) August Hermann Niemeyer, Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts. 3 Bde. IX. Aufl. Halle 1834—1835. Es soll übrigens auf dieses Buch, das die sexuellen Vorgänge vom Standpunkt der Pädagogik erörtert, hier hingewiesen werden. Fern von aller Schulmeisterei erörtert der Autor diese Fragen; er findet weder in dem absoluten Vermeiden jeder Belehrung der Kinder über den Geschlechtstrieb noch in vielen Vorwürfen den richtigen Weg zum Ziele zu kommen, wenn man bei Kindern Onanie u, dgl. unterdrücken will. Niemeyer


Effeminatio ohne Homosexualität. 155

diesem Autor hierbei eben der Geschlechtstrieb zu erwachen, aber während er einen Gegenstand sucht, verirrt er sich noch.

Selbst wenn ausschliesslich conträrer Geschlechtstrieb besteht, selbst dann kann dieser in verschiedener Stärke auftreten; ebenso wie bei weibliebenden Männern der eine den Geschlechtstrieb stärker, der andere schwächer spürt, ebenso bei homosexuellem Triebe. Nur kommen hier Steigerungen des Triebes, sogenannte Hyperästhesieen, wie es scheinen will, unvergleichlich häufiger vor. Ebenso aber, wie die Zuneigung zum eigenen Geschlecht alle möglichen Grade zeigen kann, ebenso finden wir in der Abneigung gegenüber dem Weibe zahlreiche Abstufungen. Sie kann von leichter sexueller Antipathie bis zum ausgesprochenen Horror gehen (v. Krafft-Ebing).

Es giebt, wie man nach einem von Westphal beschriebenen Falle annehmen kann, eine Form von conträrer Sexualempfindung, die unvollkommen ist, weil bei ihr der sexuale Trieb gerade zum Weib gerichtet ist, aber sonst das Individuum den Typus der Effeminatio darstellt, die sich besonders auch in der Neigung weibliche Toilette zu tragen, zeigt. Auch diese Erscheinung kann periodisch auftreten. Der eine Patient Westphals, bei dem dies der Fall, giebt an, dass, wenn er seinen Trieb unterdrücke, er furchtbare Angstzustände bekäme, die erst mit dessen Befriedigung nachliessen. Sexueller Verkehr mit Männern konnte dem Betreffenden nicht nachgewiesen werden. Dennoch hatte er in seinem sonstigen Wesen ein fast ausschliesslich weibliches Fühlen. Mit einer Schauspielergesellschaft zog er als Dame in die Welt, und auch sonst liebte er weibliche Beschäftigungen.

Mit Recht macht Westphal auf die Schwierigkeit, die in solchen Fällen besteht, aufmerksam. Es kommt vor, dass Männer lediglich deswegen Weiberkleider anlegen, um dadurch Diebstähle zu begehen und die Polizei auf eine falsche Fährte zu lenken. Dieser Punkt war besonders in dem Westphal'schen Falle zu erwägen, da der Betreffende wirklich eine ganze Reihe von verbrecherischen Handlungen ausgeführt hatte. Dennoch kam Westphal zur Ueberzeugung, dass unabhängig hiervon ein krankhafter Trieb zum Anlegen weiblicher Kleidung vorlag.

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite)
weist auf einen Ausspruch Quintilians und auf Rousseau hin, um den schädlichen Effect körperlicher Züchtigungen zu demonstriren und Erzieher vor diesen zu warnen. Bezüglich Rousseaus sei bei dieser Gelegenheit noch besonders auf J. J. Rousseau's Krankengeschichte von Möbius aufmerksam gemacht.




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