VII. Aetiologisches.

Was die Ursachen der conträren Sexualempfindung betrifft, so werden deren sehr viele von den verschiedenen Schriftstellern angegeben. Casper theilte die Männer mit conträrer Sexualempfindung in zwei Gruppen, eine nämlich, bei der der Hang angeboren, und eine, bei der er infolge Uebersättigung am normalen Coitus später erworben wurde. Wir werden sehen, dass die Eintheilung Caspers auch heute noch vielfach als richtig anerkannt wird; und auch die anderen Schriftsteller, die sich nicht ganz ihm anschliessen, pflegen dennoch ihm theilweise zu folgen. So unterscheidet Gley1) ausser den zwei Gruppen von Casper noch eine dritte, bei der der perverse Trieb dadurch entsteht, dass der betreffende Mann zuerst nur einige Male den perversen Act probiren wollte, wobei er allmälig den krankhaften Trieb annehme. Auch Tarnowsky schliesst sich im grossen und ganzen Caspers Eintheilung an, nur nimmt er noch in die zweite Gruppe, bei der der Hang nicht angeboren ist, diejenigen auf, bei denen durch Erziehung, durch Beispiel, oder auch durch gewisse Geisteskrankheiten der krankhafte Trieb hervorbricht. Ziemlich kurz spricht sich Mantegazza in seinen „anthropologisch-kulturhistorischen Studien über die Geschlechtsverhältnisse des Menschen" in Bezug auf die Aetiologie der conträren Sexualempfindung aus. Er meint, dass alle sexuellen Perversitäten aus zwei Quellen fliessen: entweder rührten sie her von der Schwierigkeit in normaler Weise den Coitus auszuüben, oder dem Wunsch ein anderes Vergnügen zu empfinden. Auch von v. Krafft-Ebing wird die erworbene conträre Sexualempfindung von der angeborenen unterschieden. Er meint, dass gewisse Veranlassungen (die ausführlich

1) Revue philosophique 1884, Bd. XVII, S. 66. Gley, Les aberrations de l'instinct sexuel d'apres des travaux récents.


Angeborene und erworbene conträre Sexualempfindung. 157

später noch besprochen werden sollen), besonders aber sexualer Missbrauch und Onanie entscheidend sein können, um bei normal fühlenden Individuen eine conträre Sexualempfindung später zu erzeugen. Besonders sollen diese Einflüsse zur Zeit der Entwicklung der Zeugungsorgane bedenklich sein und sehr leicht, wie auch Tarnowsky meint, den Geschlechtstrieb auf Perversionen hinlenken. Im Gegensatz zu dieser erworbenen zeigt sich bei der angeborenen conträren Sexualempfindung die sexuelle Perversion von Anfang an und ohne dass vorher irgend welcher Trieb zum Weibe bemerkbar wäre.

Die meisten Fälle, die als solche von erworbener conträrer Sexualempfindung angeführt werden, scheinen mir indessen nicht ganz beweisend. Es ist natürlich nicht möglich, auf allgemeine Behauptungen hier einzugehen, um zu beweisen, dass in den meisten Fällen von conträrer Sexualempfindung die Spuren sich bereits in der Kindheit zeigen. Die gewissenhafte Casuistik von v. Krafft-Ebing berichtet nur wenige Fälle von erworbener Perversion. Ich meine aber, dass selbst diese nicht alle einwandsfrei sind, dass sich vielmehr bei einem derselben Andeutungen der perversen Ideen bereits vor dem heterosexuellen Triebe zeigen.

So z. B. ist die 72. Beobachtung 1) des genannten Autors keineswegs beweisend für das Vorkommen einer erworbenen conträren Sexualempfindung resp. für deren Trennung von der psychischen Hermaphrodisie. Noch ehe der betreffende Mann, den v. Krafft-Ebing als Fall von erworbener conträrer Sexualempfindung schildert, sich mit Weibern einliess, finden wir, dass er, 12 Jahre alt, mit seinem Bruder mutuelle Onanie trieb. Er onanirte alsdann längere Zeit weiter, und es kamen ihm, bei dem Onaniren ganz auffallende Erscheinungen vor: er selbst dünkt sich nämlich als Frauensperson, z. B. als eine Ballettänzerin, wie v. Krafft-Ebing schreibt, und im Coitus mit einem Officier begriffen; dieses Bild begleitet den onanistischen Act. Dass ausserdem der Patient, besonders wenn er eine Zeit lang nicht onanirt hat, den sexuellen Verkehr mit einem Weibe wünscht beweist, dass dieser Fall vielmehr in das Gebiet der psychosexualen Hermaphrodisie gehört, wenn auch in den erotischen Träumen nur weibliche Personen eine Rolle spielen.

Die eigentümlichen Ideen beim Onaniren kamen dem Franken

1) Ich citire hier und sonst nach der VI. Aufl. der Psychopathia sexualis von v. Krafft-Ebing.


158 Erworbene conträre Sexualempfindung.

früher als die heterosexualen; jene aber sind doch deutlich homosexualen Characters.

Ein anderer Fall von v. Krafft-Ebing, den er als 73. Beobachtung beschreibt, ist auch nicht ganz einwandsfrei. Jedenfalls zeigen sich im Verlauf der Entwicklung dieses Patienten deutliche Erscheinungen von psychosexualer Hermaphrodisie. Es findet sich eine Periode bei ihm, wo er zum männlichen und weiblichen Geschlecht in gleicher Weise hingezogen ist, freilich hier mit der besonderen Abweichung, dass er zum unreifen Individuum den sexuellen Trieb empfand. Später zeigte sich allerdings bei diesem Manne nur conträre Sexualempfindung; aber auch sie ist vielleicht nicht ganz rein; er selbst giebt an, dass er keinen Horror vor dem Weibe empfinde, und es scheint, dass seine Abneigung gegen das weibliche Geschlecht in sexualer Beziehung keine absolute war. Es könnte mithin dieser Fall möglicher Weise als ein solcher von psychischer Hermaphrodisie 1) gedeutet werden.

Ein anderer Fall, den v. Krafft-Ebing veröffentlicht (74. Beobachtung), ist deutlicher als erworbene conträre Sexualempfindung charakterisirt. Der betreffende Mann hat zwar früher, da der Geschlechtstrieb sich lebhaft in ihm regte, Befriedigung in Bordellen gesucht, der Patient bemerkte aber, dass ihn zwar der Anblick des nackten Weibes ergötzte, dass aber dennoch weder Orgasmus noch Erection eintraten, ja dass selbst die Erection bei Manustupration seitens des Weibes ausblieb. Dieses kann nun, da der Kranke ausdrücklich hinzufügt, dass er nach dem Verlassen des Bordells wieder den geschlechtlichen Trieb hatte, nur als ein solcher mit normalem Geschlechtstrieb, aber neurasthenischer Impotenz infolge von Onanie gedeutet werden. Indessen muss ich dennoch hier ganz allgemein 2) bemerken: es scheint mir, als ob ungenügendes Wollustgefühl bei dem Geschlechtsacte in vielen Fällen direct auf sexuelle Perversion zurückzuführen ist. Ich kenne wenigstens Fälle von Männern, die wohl einen unbestimmten Trieb zum Weibe hatten, die aber trotz genügender Erection und Ejaculation kein Wollustgefühl empfanden, während sie dieses im Verkehr mit dem Manne, zu dem sie als psychosexuelle Hermaphroditen neigten, in ausgedehntem Maasse hatten.

1) v. Krafft-Ebing fasst allerdings — und darauf beruht die Differenz —die psychosexuale Hermaphrodisie viel weniger weit als ich, vgl. S. 151. Daher rechnet er solche Fälle zur erworbenen conträren Sexualempfindung.

2) Die Bemerkung bezieht sich nicht auf den zuletzt genannten Fall.


Erworbene conträre Sexualempfindung u. psychische Hermaphrodisie. 159

Ich meine nach dieser Auseinandersetzung, dass man wenigstens einen Theil der Fälle, die als erworbene conträre Sexualempfindung geschildert werden, mit genau demselben Recht zur psychischen Hermaphrodisie rechnen darf. Ich leugne nicht, dass dann und wann Fälle von conträrer Sexualempfindung vorkommen, bei denen im Anfang der Entwicklung ausschliesslich Trieb zum Weibe bestand, während später homosexuelle Neigungen sich zeigten. Ich meine aber, dass wir es hier wesentlich nur mit einer klinischen Trennung zu thun haben, und dass jedenfalls die Fälle, die wir als reine Fälle erworbener conträrer Sexualempfindung betrachten könnten, ausserordentlich selten sind. Fast alle Forscher stimmen übrigens hiermit überein. Ich finde, dass eigentlich nur wenige 1) die erworbene conträre Sexualempfindung als das gewöhnliche betrachten.

Um Irrthümer zu meiden, so sei ausdrücklich noch betont, dass die erworbene nur solche Fälle betrifft, bei denen zuerst Trieb zum Weibe, später zum Manne sich zeigte. Genau genommen könnten wir alle Fälle als erworben bezeichnen, da auch im 8. Lebensjahre aufgetretene conträre Sexualempfindung unter Umständen gleichfalls erworben sein kann und nicht angeboren zu sein braucht. In diesem Sinne ist jedenfalls die erworbene Perversion äusserst selten. Ich finde, dass nur Autoren, die nicht über sehr viel Beobachtungsmaterial zu verfügen scheinen, die angeborene Perversion als sehr selten erklären. Ein hervorragender Criminalist, der auf diesem Gebiete enorm viele Erfahrungen hat, ist gleichfalls, wie er mir mittheilte, der Ansicht, dass bei den meisten Päderasten und Urningen die Perversion bis in die früheste Kindheit zurückdatirt, dass es sich um eine krankhaft angeborne Anlage handelt.

Wenn wir nun auch festhalten, dass es dann und wann einen reinen Fall von erworbener conträrer Sexualempfindung giebt, so sind doch auch hier wieder fast alle Autoren darüber einig, dass

1) Selbstverständlich kann ich auf die Schriftsteller, die von dem Thema und der conträren Sexualempfindung keine Ahnung haben, trotzdem sie darüber schreiben, nicht eingehen. Bei ihnen findet man recht oft Worte wie: „Verirrung, Folgen von ausschweifendem Leben, Laster, Scheusslichkeiten etc." Die meisten derartigen Schriften sind nicht vom Standpunkt klinischer Beobachtung, sondern moralisirender Sittenprediger geschrieben, können demnach nicht ernst genommen werden.


160 Degeneration.

das wahre ätiologische Moment bei der erworbenen und bei der angeborenen conträren Sexualempfindung dasselbe ist. Wir können es kurz als das der psychischen oder nervösen Belastung bezw. der Degeneration des Centralnervensystems charakterisiren. Morel, der den Begriff der Degeneration in diesem Sinne einführte, sowie Legrand du Saulle, der ihn weiter verfolgte, sind der Ansicht, dass bei den Nachkommen gewöhnlich schwerere Formen der Degeneration auftreten als bei den Ascendenten. Sind also hier auch nur schwache Zeichen der Entartung des Centralnervensystems vorhanden, z. B. Hysterie, so kann bei den Descendenten bereits schwere Geistesstörung sich zeigen.

Sicher ist nun, dass bei fast allen Fällen von conträrer Sexualempfindung, ob es sich nun um erworbene oder um angeborene Perversion handelt, sich bei Mitgliedern der Familie schwere belastende Momente auffinden lassen; v. Krafft-Ebing, Rabow, Charcot, Magnan, Blumenstock, Kowalewsky, Bourneville, Raoult, Gley, Tarnowsky und fast alle andern Forscher sind darin einig; Westphal lässt es nur unentschieden, ob man es mit einem durch erbliche Belastung hervorgerufenen neuropathischen oder psychopathischen Zustand zu thun hat. Der Unterschied mag klinisch von Interesse sein, für die Frage der Aetiologie spielt er eine untergeordnete Rolle, da wir wissen, dass Degeneration in gleicher Weise bei reinen Nervenkrankheiten wie auch bei psychischen Affectionen vorkommt, und dass zur erblichen Belastung Nerven- wie Geisteskrankheiten gehören.

Aber auch viele andere Umstände ausser anerkannten Nerven-und Geisteskrankheiten müssen als erblich belastend anerkannt werden, wenn es sich um die Frage der Degeneration des Nervensystems handelt. In dieser Weise gehören zur Belastung noch ganz besonders Trunksucht, Selbstmord, Verheirathung unter Blutsverwandten. In dem Fall, den Charcot und Magnan beschrieben, wird als belastend der grosse Altersunterschied zwischen Vater und Mutter angegeben, der 31 Jahre betrug. Die erbliche Belastung wird ferner sich oft nur durch Excentricitäten in der Familie zeigen, besonders wird excentrische Religiosität mir mehrfach angegeben. Auch kenne ich mehrere Fälle, wo Blutsverwandte, besonders auch der Vater des Urnings, als Lebemänner und Weiberhelden bekannt waren; v. Krafft-Ebing giebt andererseits an, dass in einigen Fällen conträre Sexualempfindung sich auch bei den Ascendenten, wenn auch in schwächerem Grade, zeige.


Degenerationszeichen. 161

Als Ursache der psychischen Belastung gilt nach Tarnowsky auch die Syphilis. Dieser Autor führt einige hierauf bezügliche Fälle an, doch scheinen mir diese nicht genügend beweisend zu sein, um bei der Häufigkeit, mit der sonst Syphilis beobachtet wird, in ihr ein prädisponirendes Moment für conträre sexuale Empfindung zu sehen. Die grosse Ausdehnung, die Tarnowsky der erblichen Veranlagung giebt, schwere Erkrankungen der Eltern, die sie z. Zt. der Zeugung oder kurz vorher überstanden hatten, Typhus, Pneumonie, Anämie, geistige Ueberanstrengungen u. s. w. würden der nervösen Belastung ein zu grosses Feld einräumen und scheinen mir jedenfalls in Bezug auf das hier in Frage stehende Leiden nicht genügend constatirt.

Eine besondere Rolle spielen hingegen bei der hereditären Belastung auch Fälle von Atavismus, indem Vater und Mutter vollständig gesund sein können, aber bei Nachforschung sich herausstellt, dass die Grosseltern in die Kategorie der Nervenkranken gehörten.

v. Krafft-Ebing führt ausserdem mehrere Punkte an, die seine Annahme von der neuro- resp. psychopathischen Belastung stützen. Es sind dies im wesentlichen folgende: 1. Der Umstand, dass bei conträrer Sexualempfindung gewöhnlich das Geschlechtsleben auffallend früh eintritt; 2. dass die seelische Seite der Liebe bei diesen Leuten den Charakter des Ueberschwänglichen hat; 3. dass häufig Erscheinungen von Neurose, Hysterie, Neurasthenie u. s. w. auftreten; in einigen Fällen kommt hinzu, dass sich bei schwach entwickelter Intelligenz oft eine hervorragende Veranlagung für Dichtkunst, Musik u. dergl. findet; mitunter gehen die Störungen des psychischen Gleichgewichtes sogar so weit, dass geradezu Geistesstörungen zeitweise oder dauernd beobachtet werden.

Es ist keine Frage, dass anderweitige psychische und nervöse Störungen in den meisten Fällen constatirt werden können. Es sei bei dieser Gelegenheit auf die historisch interessante Thatsache hingewiesen, dass bei einigen römischen Kaisern, die homosexualen Geschlechtstrieb zeigten, jetzt nachgewiesen ist, dass es sich bei ihnen um psychisch kranke und degenerirte Individuen handelte.1) Auch heute können wir in vielen Fällen Geistesstörungen beobachten; so war in einem Fall von Westphal folie circulaire, in

1) Vgl. Wiedemeister, Der Cäsarenwahnsinn der Julisch-Claudischen Imperatorenfamilie, Hannover 1875.

Moll Contr. Sexualempfindung. 11


162 Homosexualität ohne Degeneration.

einem andern Schwachsinn vorhanden. In dem von Gock veröffentlichten und in mehreren andern Fällen traten melancholische Zustände auf, bei einigen Homosexualen sah ich deutliche Zwangsvorstellungen. Auf die Fälle von conträrer Sexualempfindung, bei denen gleichzeitig Epilepsie, progressive Paralyse oder senile Demenz vorliegt, komme ich später noch zurück.

Natürlich kann mit der Erklärung der psycho- oder neuro-pathischen Grundlage der sexuellen Perversion die Frage der Aetiologie nicht als erledigt betrachtet werden. Es bleiben noch eine Reihe Punkte, die vollkommen unklar sind, übrig, z. B. der Einwurf, warum nicht alle Degenerirten conträre Sexualem(p)findung zeigen. Um dies zu verstehen, muss man annehmen, dass bei den mit sexualer Perversion behafteten Degenerirten der Geschlechtstrieb der locus minoris resistentiae sei. Ebenso wie bei dem einen erblich Belasteten sich die Belastung nur in Zwangsvorstellungen, bei einem andern in epileptischen Anfällen äussert, so finden wir, dass sie sich bei dem Urning in der sexuellen Perversion zeigt. Warum in dem einen Fall die Degeneration sich als Epilepsie, in dem andern als conträre Sexualempfindung kund giebt, das können wir ebenso wenig beantworten, wie die Frage, warum der eine bei der Erkältung den Schnupfen, ein anderer aber den Rheumatismus davonträgt.

Sicher ist also, wie wir sahen, dass viele Urninge aus nervös veranlagten Familien hervorgehen. Es ist ja freilich oft ausserordentlich schwer, hierüber sichere Angaben zu machen, da selbst in den Fällen, wo schwere nervöse Belastung nicht zugegeben wird, diese nicht selten besteht. Selbst wenn man Patienten über die Familienmitglieder befragt, so erhält man oft über Alkoholgenuss und Geisteskrankheiten keine genügenden Angaben, indem der Patient bald absichtlich die ihm bekannten, bald unabsichtlich die ihm selbst unbekannten Krankheiten der Familie verheimlicht. Immerhin muss ich behaupten, dass nicht für alle Fälle von conträrer Sexualempfindung bei Männern der Beweis vorliegt, dass es sich um erblich belastete Individuen handelt. Hinzu kommt, dass die Ausdehnung der erblichen Belastung augenblicklich bei einigen Autoren soweit geht, dass man erbliche Veranlagung zu Nerven-bezw. Geisteskrankheiten bei fast allen Menschen nachweisen kann.

Wenn wir nun die Anlage zu conträrer Sexualempfindung meistens als angeboren annehmen, so mögen doch mitunter Ge-


Gelegenheitsursachen. 163

legenheitsursachen ebenso wie bei der erworbenen das Auftreten der Perversion veranlassen. Selbst in den Fällen, wo wir die conträre Sexualempfindung bis in die ersten Lebensjahre zurück zu verfolgen vermögen, können wir natürlich nur finden, dass eine krankhafte Anlage bestand; dass aber der Ausbruch des perversen Triebes durch eine Gelegenheitsursache erfolgt, können wir eigentlich niemals ganz in Abrede stellen. Es wäre immerhin möglich, dass selbst bei einem kleinen Kinde die Berührung der Genitalien durch einen Mann, wie sie zufällig stattfinden kann, bei bestehender Anlage den Trieb weckt, indem durch feste Association der Berührung der Genitalien mit der Vorstellung des Mannes die Affection sich nun ausbildet.

Eine scharfe Grenze anzugeben zwischen den Fällen, die als rein angeboren betrachtet werden müssen und denen, bei denen eine Gelegenheit den perversen Trieb hervorrief, sind wir also nicht im stande.

Hammond erzählt einen Fall, wo ein Mann mit conträrer Sexualempfindung, der sich bei conträrer Sexualempfindung nur der passiven Päderastie hingab, zu dieser dadurch geführt wurde, dass er als junges Kind einen Hund mit einer Hündin sich paaren sah. Der kleine Knabe dachte, dass dies vom After aus geschehe. Um den Act nachzuahmen, führte er jetzt einen Bleistift in den eigenen After ein, wobei er eine Schmerzempfindung, gleichzeitig aber ein sehr angenehmes Gefühl hatte.

Sollen wir nun sagen, dass dieser Knabe, der später passiver Päderast wurde, durch diesen zufälligen Anblick zu seiner Perversion kam? Dies können wir nicht; denn die krankhafte Anlage war zweifellos in dem Knaben vorhanden: wie hätte er sonst bei dem Hineinstecken des Bleistifts in den After ein solch angenehmes Gefühl haben können, dass er dies so häufig wiederholte? Es ist wohl sicher, dass irgend eine ähnliche Gelegenheitsursache in gleicher Weise genügt hätte, um bei dem Knaben, der niemals zum Weibe sich hingezogen fühlte, den conträren Geschlechtstrieb und die Neigung zu passiver Päderastie zu wecken. Ein normaler Knabe oder Mann wird sich täglich Gegenstände in den After stecken können, ohne dass dadurch irgend welche perversen Neigungen auf sexualer Basis entstehen.

Dennoch will ich nicht etwa bestreiten, dass Gelegenheitsursachen ganz ohne Werth seien. Es ist sehr wohl denkbar, dass beispielsweise bei psychosexualer Hermaphrodisie eine Gelegenheitsursache den Ausschlag giebt nach der einen oder andern Richtung,

11*


164 Gelegenheitsursachen.

wenigstens für eine gewisse Zeit. In allen diesen Fällen aber müssen wir annehmen, dass die conträre Sexualempfindung gleichsam latent in dem Individuum ist und erst durch eine besondere Veranlassung, z. B. die Bekanntschaft mit einem sympathischen Manne hervortritt. Aber wir dürfen auch dieses Bewusstwerden der conträren Sexualempfindung nicht mit deren Auftreten verwechseln.

Wenn wir wirklich annehmen, dass Gelegenheitsursachen den Ausbruch des perversen Triebes begünstigen können, so müssen sie wohl ausserordentlich zahlreich vorhanden sein, und wir dürfen nicht hoffen, dass wir durch günstige Vorsichtsmaassregeln sie beseitigen können; denn das eine ist sicher, dass keineswegs durch eine systematische Verführung die conträre Sexualempfindung hervorgerufen wird. Wenn es auch vorkommen mag, dass die Befriedigung des Geschlechtstriebes durch Verführung wesentlich verfrüht werden kann, wenn wir dies als richtig annehmen, so werden wir doch nicht mit Tarnowsky hoffen können, dass wir durch richtige Vorsichtsmaassregeln in vielen Fällen 1) den conträr sexuell Veranlagten auf den normalen Weg werden führen können. Für unmöglich halte ich es auch nicht, dass eine bestimmte Art der sexuellen Befriedigung bei bestehender conträrer sexueller Anlage durch Gelegenheitsursachen begünstigt wird. Aber man muss andererseits sagen, dass auch hier, wie schon erwähnt, für gewisse Formen, besonders die passive Päderastie irgend eine Anlage zu bestehen scheint.2) Ich kann es mir sonst nicht erklären, warum es Individuen giebt, die zweifellos von Anfang an nur durch passive Päderastie sexuell befriedigt werden können.

Wenn wir aber Gelegenheitsursachen annehmen, so dürfen wir andererseits nicht diejenige Gelegenheit, die Veranlassung zur Ausübung des perversen Actes giebt, mit derjenigen Gelegenheit verwechseln, die den perversen Trieb zum Ausbruch bringt. Wenn ein Mann lange Zeit den conträren sexuellen Trieb bereits in sich trägt, wenn er dann bei irgend einer günstigen Gelegenheit den perversen Act an einem Manne befriedigt, so ist es natürlich verfehlt, dies letztere Zusammentreffen als die Gelegenheitsursache für das Entstehen des Triebes zu betrachten. Nichtsdestoweniger scheint es, dass mitunter dieser Fehler begangen wird.

1) Trotzdem muss, wie im therapeutischen Abschnitt gezeigt werden soll, natürlich alles versucht werden, was man etwa gegen die Entwickelang des homosexualen Triebes thun kann.

2) Vgl. S. 108.


Moralisches Contagium. 165

Als besonders veranlassendes Moment bei einem selbstverständlich prädisponirten Individuum soll folgender Vorfall genannt werden, der mir von zuverlässiger Seite mitgetheilt wurde: ein Herr war in Paris, und nachdem er immer nur normal mit dem Weibe verkehrt hatte, lernt er dort eine Person kennen, die ihn aufforderte, mit ihr nach Hause zu gehen. Er geht zu ihr hin, und da dieselbe ihn ausserordentlich reizte, will er den Beischlaf bei ihr versuchen. Bei der Entkleidung entpuppte sich dieselbe als ein Mann, nachdem jener sie vorher wegen ihres weiblichen Aussehens und ihrer weiblichen Kleidung für ein Weib gehalten hatte. Während sonst unter analogen Verhältnissen diese eine Idee des Männlichen genügen würde, um den andern, wenn er normal veranlagt ist, vor jeder körperlichen Berührung zurückzuschrecken, lag dies hier anders. Trotz der männlichen Genitalien übte das weibliche Wesen dieser Person auf jenen Mann einen so grossen Reiz aus, dass er sich schliesslich von ihr masturbiren liess. Von dieser Zeit an soll er zur conträren sexualen Empfindung übergegangen sein.

Ich will nun im folgenden eine Reihe von Gelegenheitsursachen besprechen, oder vielmehr bestimmte Momente, die das Auftreten des perversen Triebes begünstigen sollen. Ich bemerke vorweg, dass ich die meisten dieser Angaben nicht für bewiesen ansehe; eine einigermaassen zuverlässige Casuistik für den Werth dieser ursächlichen Momente fehlt. Es scheint, dass gewöhnlich ein Autor dem andern diese Angaben abschreibt, ohne dass er selbst zuverlässiges Material darüber bringt.

In erster Linie ist hier das moralische Contagium und die Verführung zu erwähnen. Tarnowsky legt hierauf besonderen Werth und behauptet, dass ein Knabe, der z. B. mit conträrer Sexualempfindung in eine grosse Erziehungsanstalt kommt, sehr leicht hier die Krankheit zu verbreiten vermag. Mancher junge Mensch, glaubt er, wird hier anfangs den Act nur vollführen, während er sich die Gestalten von Weibern denkt. Nachdem er aber oft genug nun in dieser Weise die Päderastie 1) ausgeübt hat,

1) Es ist bei dem genannten Autor, so verdienstlich zweifellos seine Arbeit ist, mitunter nicht klar, ob er Päderastie in unserem Sinne für immissio membri in anum viri oder allgemein für sexuelle Acte auf Grund conträrer Sexualempfindung braucht. Ebenso ist die Trennung der perversen Acte vom perversen Trieb nicht durchgeführt; in manchen Fällen kommt es zweifellos vor, dass ein normaler junger Mann sich von dem anderen masturbiren lässt, ohne dass aber hierbei eine sexuelle Perversion besteht oder sich infolgedessen entwickelt.


166 Verführung.

während er sich eine weibliche Person vorstellte, wird allmählich auch die ganze Geschlechtsrichtung eine abnorme werden, indem unter dem Einflüsse der Gewohnheit schliesslich die Päderastie als ein den Urning befriedigendes Mittel betrachtet wird.

Verführt kann immer nur derjenige werden, der fähig ist verführt zu werden. Da nun die Ausführung des Geschlechtsactes wesentlich nur den dadurch hervorgerufenen Lustgefühlen seine Entstehung verdankt, so wird irgend einen sexuellen Act nur derjenige ausüben, der hierbei ein Vergnügen empfindet. Mögen nun Knaben auch in gegenseitiger Onanie sich ergötzen. Wenn der normale Jüngling das Weib kennen gelernt hat, so reizt ihn nur dieses, der sexuelle Act mit Männern wird ihm widerlich, wie ich von vielen Fällen weiss, wo der frühere sexuelle Verkehr mit Männern eine Perversion nicht herbeiführen konnte.

Tarnowsky glaubt, dass der Wunsch, einer bestimmten Person zu ähneln und auch die Lust durch aussergewöhnliche Handlungen zu frappiren, eitle und geistesarme Charaktere mitunter veranlasse, sich an abnorme Acte der Geschlechtsthätigkeit zu gewöhnen, ohne dass dies durch einen inneren Trieb verlangt werde.

Coffignon meint, dass die grossen Fortschritte, die die Päderastie in den letzten Jahren gemacht habe, zum grossen Theil zurückzuführen sei auf den Verkehr, der sich zwischen dem Abendlande mit Asien und Afrika mehr und mehr entwickelt hat; dies glaubt er insbesondere in Bezug auf England annehmen zu müssen. Er meint, dass auch in Deutschland eine wesentliche Steigerung des Uranismus in den letzten Jahren stattgefunden hat, ohne dass er es indessen beweist.

Dass natürlich, wenn wirklich die Päderastie mitunter durch Verführung sich fortpflanzt, auch die Literatur hierzu beiträgt und als ein ätiologisches Moment betrachtet werden muss, kann nicht geleugnet werden; besonders in neuerer Zeit, wo die Literatur, die sexuelle Perversionen betrifft, einen gewissen Aufschwung nimmt, wäre dann diese Möglichkeit immerhin vorhanden.

Tarnowsky nimmt in Uebereinstimmung mit dem Vorhergehenden 1) als Ursache für die Verbreitung der Päderastie die

1) Dass das moralische Contagium dazu führt, sexuelle Perversionen, zumal conträre Sexualempfindung zu schaffen, ist eine bisher nur theoretisch angenommene und abgeleitete Behauptung. Die Macht der Nachahmung ist allerdings für psychische Symptome keine geringe, und es erwähnt Vorländer, dass Ideler und Alibert von einem eigenen Nachahmungstrieb des Menschen sprachen. Dass Verbrechen sehr oft durch Nachahmung in grösserer Zahl vorkommen, wird


Mutuelle Onanie. 167

mutuelle Onanie an, die in Schulen, Pensionaten, auch wohl Gefängnissen und dergleichen ausserordentlich häufig sein soll. Theoretisch scheint die Möglichkeit sehr wohl denkbar, dass sich an solche mutuelle Onanie durch Gewöhnung an den Reiz conträre Sexualempfindung anschliesst, die zuerst nicht vorhanden war; indessen sind die vorliegenden Thatsachen doch noch in sehr geringer Zahl vorhanden, und es ist die Frage, ob auf diesem Wege wirklich ein conträrer geschlechtlicher Trieb entstehen kann, noch lange nicht gelöst. Ist nun auch vorher viel mutuelle Onanie mit Knaben von Seiten eines andern getrieben worden, so dürfen wir hier nicht ohne weiteres einen ursächlichen Zusammenhang construiren, wenn bei diesem sich nachher conträre Sexualempfindung herausstellt; nicht selten mag diese eben schon vorher bestanden haben. Hinzu kommt, dass die mutuelle Onanie in einigen Kreisen 1) so enorm verbreitet ist, dass, wenn aus ihnen einige Urninge hervorgehen, dies auch ohne ursächlichen Zusammenhang mit der mutuellen Onanie erklärlich ist.

Chevalier, Krauss, Appert,2) Tarnowsky u. a. nehmen als weitere Ursache der conträren Sexualempfindung den Mangel

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite)
oft, u. a. schon von Esquirol und Osiander, angegeben. Dass Symptome von Geistesstörung und Neurosen sich gleichfalls in dieser Weise zeigen, ist ebenso oft behauptet worden. Bouchut schlug aus diesem Grunde auch (in „De la contagion nerveuse") vor, solche Erscheinungen nicht vor Laien zu erörtern; ebenso sprachen sich Ébrard, Moreau fils, Rambosson u. a. aus, um das moralische Contagium des Selbstmordes zu bekämpfen. Ganz sicher glaube ich, dass die Neigung zur Nachahmung gelegentlich einmal dazu führen kann, auch perverse Sexualacte zu probiren. Ob aber eine Perversion des Geschlechtstriebes durch Imitation herbeigeführt werden kann, bezweifle ich. Für viele durch Nachahmung hervorgerufene Erscheinungen findet sich selbst bei geistesgesunden Personen oft ein vorbereiteter Boden, so für den Selbstmord in dem häufigen Elend, für das Verbrechen in der Habsucht des Mensehen; für das Auftreten hysterischer Symptome, z.B. von Convulsionen, findet sich die Anlage in der hysterischen Disposition. Ein solcher Boden fehlt bei dem normal veranlagten Menschen für den homosexualen Geschlechtstrieb. Die heterosexuale Neigung ist dem normalen Manne bei der Geburt eingepflanzt und kann, wie ich glaube, bei deren Macht nicht einfach in Folge von Imitation durch eine homosexuale ersetzt werden.

1) Ich kenne eine derartige Epidemie aus einer Berliner Schule, woselbst ein jetziger Schauspieler die mutuelle Onanie in schamloser Weise eingeführt hat. Obwohl ich jetzt die Namen von sehr vielen Berliner Urningen weiss, so konnte ich doch unter den damaligen Schülern des betreffenden Gymnasiums von keinem auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit ermitteln, dass er Urning geworden sei; hingegen weiss ich von vielen dieser Schüler ziemlich genau, dass sie jetzt geschlechtlich normal empfinden und verkehren.

2) Von Krauss citirt.


168 Mangel an Weibern.

an weiblichem Verkehr an. Wenn viele männliche Individuen mit Ausschluss von Weibern lange Zeit vereinigt sind, soll es oft zu sexueller Perversion kommen. Diese Form soll nach Chevalier, Ulrichs stets nur einen vorübergehenden Charakter haben und jedesmal, wenn die äusseren Verhältnisse sich wieder ändern, normaler Geschlechtstrieb sich zeigen. Hierher rechnet Chevalier besonders grosse Armeen, Schiffsbesatzungen, Gefängnisse, Institute, Erziehungsanstalten, Krankenhäuser und dergl. Tarnowsky, der so grossen Werth auf das moralische Contagium legt, muss auch zugeben, dass gewöhnlich viele günstige Bedingungen zusammentreffen müssen, um die Päderastie in Instituten u. a. zu breiter Entwickelung kommen zu lassen.

Auch bei den Thieren soll es vorkommen, dass, wenn nur männliche zusammen sind, der Geschlechtstrieb sich leicht verirrt. Vielleicht ist sogar bereits in der Kindheit die Trennung der Geschlechter von einem gewissen Einfluss auf das spätere Hervorbrechen conträrer Sexualempfindung; besonders ist nach Annahme einiger zur Zeit der Pubertät die scharfe Trennung der Geschlechter leicht die Ursache, dass der Geschlechtstrieb des Knaben auf das männliche Geschlecht hingelenkt wird.

Dennoch möchte ich diese Frage nicht endgültig beantworten. Wenn wir hier wirklich eine gewissenhafte und zuverlässige Antwort haben wollten, dann bliebe uns nichts übrig, als festzustellen, ob junge Männer mit conträrer Sexualempfindung auffallend häufig zur Zeit der Pubertät vom weiblichen Geschlecht getrennt gelebt haben. Ich habe diese Beobachtung übrigens nicht machen können. Andererseits wäre es auch möglich, dadurch die Frage zu beantworten, dass wir untersuchen, ob junge Männer, die als Knaben in freierem Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht gelebt haben, weniger als andere bei der conträren Sexualempfindung betheiligt sind. Vielleicht wäre es werthvoll, besonders festzustellen, ob in den Gegenden Amerikas, wo der Verkehr zwischen Knaben und Mädchen ein besonders ungenirter ist, die homosexuelle Liebe weniger gedeiht. Wie H. T. Finck berichtet, ist gerade in Amerika, wo Knaben und Mädchen gewöhnlich in denselben Schulen erzogen werden, die Trennung der Geschlechter viel seltener als bei uns, wo der Knabe und auch noch der Jüngling vom weiblichen Verkehr möglichst lange zurückgehalten zu werden pflegt. Die Trennung der Geschlechter ist dort so wenig durchgeführt, dass, wie Finck meint, in den westlichen Landschulen Amerikas jedes Mädchen seinen 14 bis 17jährigen „Beau" hat, wovon übrigens


Furcht vor heterosexuellem Verkehr. 169

nach diesem Autor niemals üble Folgen beobachtet werden sollen. Es wäre eine dankbare Aufgabe, festzustellen, ob bei solchen Verhältnissen conträre Sexualempfiadung schwächer gedeiht als sonst.

Die Moralprediger, die stets für eine möglichst lange Trennung der Geschlechter in der Kindheit und Jugend sind, sollten sich das wohl überlegen, ob sie nicht dadurch den conträren sexuellen Trieb begünstigen. Ein mir bekannter Herr, der in psychosexualer Beziehung Hermaphrodit ist, d. h. sich zu Frauen und Männern hingezogen fühlt, erklärte mir, dass er entschieden auf seine strenge Erziehung diese eigentümliche Perversion zurückführt. Es habe sich, so meint er, bei ihm der Geschlechtstrieb schon zeitig geregt, dadurch aber, dass man ihn durch die Erziehung vollständig von dem weiblichen Verkehr abschloss, habe sein Gesehlechtstrieb sich den Männern zugewendet, später sei zwar auch das Weib ihm in manchen Beziehungen als ein Reiz erschienen, aber die Neigung zum männlichen Geschlecht blieb bestehen.

Unter den Ursachen, die in Griechenland so sehr zu einer Ausbreitung der Knabenliebe beitrugen, erwähnte, wie beiläufig bemerkt sei, schon E. Meier besonders die grosse Absonderung, die im allgemeinen die Weiber in Griechenland von den Männern trennte. Die Weiber wurden zum grossen Theil, besonders auch in Athen, den Tag über vollkommen von dem Manne abgeschlossen. Ausserdem wurde es durch die ganze Bildung der Frauen unmöglich gemacht, dass ein Mann von Seiten seiner Frau eine vollkommene Befriedigung und geistige Anregung erhalten konnte, wie es doch heute schliesslich gewöhnlich der Fall ist. In Folge dessen wendeten sich nach Meier die Männer gerade mehr den Knaben zu, zu denen jedenfalls ein geistiges Band sie oft hinzog.

Auch für das Vorkommen der Päderastie bei den Muselmanen wird mitunter als Ursache die strengere Abgeschlossenheit des Weibes im Orient angegeben.

Chevalier nimmt mit verschiedenen anderen Autoren als Ursache erworbener conträrer Sexualempfindung auch die Furcht vor ansteckenden Krankheiten beim Verkehr mit dem Weibe an, ebenso Furcht vor Schwängerung. In dieselbe Kategorie liesse sich wohl auch die Furcht vor Impotenz im sexuellen Umgang mit dem Weibe rangiren. Indessen ich finde, dass das Material, welches diese angeblichen Ursachen als thatsächlich vorhanden beweisen soll, sehr mangelhaft ist. Es sind gewisse Dinge, die von einem Buch in das andere übergehen, aber dadurch, wenn sie unbegründet sind, nicht bewiesen werden. Chevalier citirt aller-


170 Berufszweig.

dings einen Fall von E. Hofmann 1), dem 1870 in Innsbruck ein crimineller Päderast erklärte, dass er von dem normalen Verkehr mit dem Weibe aus Furcht vor Schwängerung zurückgehalten worden sei, im Verkehr mit Knaben aber solcher Gefahr entginge. Indessen kann doch eine solche Angabe eines Angeklagten nicht als Maassstab zur Beurtheilung dienen. Ich will nicht die Möglichkeit bestreiten, dass im einen oder andern Falle die angeführten Momente von ätiologischer Bedeutung sein können; häufig dürfte es nicht der Fall sein, denn es scheint mir ganz undenkbar, dass ohne eine besonders krankhafte, bezw. homosexuelle Veranlagung ein erwachsener Mann durch den Verkehr mit dem Manne befriedigt wird, mag er aus welchen Gründen immer davon abstehen, mit dem weiblichen Geschlecht zu verkehren.

Dass öfter bei katholischen Geistlichen Knabenliebe vorkommt, wird von einigen, z. B. E. Hofmann, darauf zurückgeführt, dass die Verpflichtung derselben zum Cölibat sie die Folgen des normalen Geschlechtsgenusses fürchten lässt, und dass sie als Ersatz derselben der Päderastie nachgehen. Ich meine, dass viel eher der Zusammenhang ein anderer ist. Zu einem Beruf, der zum Cölibat zwingt, lassen sich Personen viel leichter bringen, deren Neigung zum Weib von Anfang an eine geringere ist oder vollständig fehlt; dies letztere geht aber häufig Hand in Hand mit conträrer Sexualempfindung.

Conträre Sexualempfindung kann ferner nach Tarnowsky und anderen auch dadurch entstehen, dass die Ausübung der Handlung für den Betreffenden ein Berufszweig wird. Um Geld zu verdienen, wenden sich normale Männer an Männer mit conträrer Sexualempfindung und fangen selbst später an, an ihr zu erkranken, d. h. sie ist in manchen Beziehungen künstlich und gesucht; doch giebt kein Autor hier scharf genug die Grenze an, wo es sich wirklich um eine perverse Handlung, und wo es sich um eine Perversion des Gefühls handelt. Ob wirklich bei ganz normalen Männern durch häufigere Ausübung des perversen Actes aus gewinnsüchtiger Absicht eine conträre sexuale Empfindung erzeugt werden kann, ist zweifelhaft.

Ganz entschieden muss ich die Annahme von Moreau 2) zurück-

1) Eduard R. v. Hofmann, Lehrbuch der gerichtlichen Medicin. IV. Aufl. Wien und Leipzig 1887. Vgl. auch desselben Autors Artikel „Päderastie" in Eulenburg's Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. II. Anfl.

2) Paul Moreau (de Tours), Des Aberrations du sens généaiqne. IIlme ed. Paris 1883.


Onanie, Ausschweifung. 171

weisen, dass Onanie die Ursache des conträren Triebes sei. Es ist eine ganz falsche Auffassung, bei der Ursache und Wirkung verwechselt werden; es sind eben sehr viele Urninge gezwungen zu onaniren, weil ihnen eine andere Art der Befriedigung fehlt.

Wenn ich auch der Ansicht bin, dass Masturbation nicht gerade als die Ursache des Uranismus betrachtet werden kann, so mag dennoch die Masturbation mitunter ein begünstigendes Moment sein. Besonders der Umstand, das der Urning im Beginn seiner sexualen Entwickelung beim Masturbiren jederzeit nur an Männer denkt, ist ein die conträre Sexualempfindung vermehrendes Moment, da sich immer mehr und mehr mit der sexualen Libido der Gedanke an Männer associirt. Hierzu kommt, dass natürlich durch die fortwährende Onanie auch sehr leicht später eine Impotenz im Verkehr mit dem Weibe eintritt, so dass Zurückhaltung vom Verkehr mit dem Weibe bei den Urningen dadurch noch mehr begünstigt wird.

Der schädliche Einfluss der Onanie für Leute, die an conträrer Sexualempfindung leiden oder dazu disponirt sind, wird von v. Krafft-Ebing und Leopold Casper 1) betont. Nach ihnen soll der ästhetische, ideale, reine Zug, durch den das Individuum zum weiblichen Geschlecht gedrängt wird, durch Onanie leicht vernichtet werden.

Ebenso wie Onanie werden bei vielen Schriftstellern ausschweifendes Leben, Uebermaass des normalen Geschlechtsgenusses als ätiologische Momente für conträre Sexualempfindung angeführt. Auch Coffignon schliesst sich dieser Meinung an und sagt, dass gerade in den wohlhabenden Kreisen dies oft die Ursache für mannmännlichen Verkehr abgebe. Ich kann mich auch dieser Ansicht nicht ganz anschliessen. Die Behauptung, dass Wüstlinge, um einen neuen Reiz zu finden, so oft zur Päderastie übergehen, dürfte kaum in dem Maasse richtig sein, wie man es oft angegeben findet.

Es ist mir auch theoretisch schwer möglich, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Excessen dem Weibe gegenüber und dem Bestehen eines zum Manne gerichteten Geschlechtstriebes zu finden. Wie soll ein Mann, der vom Manne sexuell abgestossen wird, eines Tages von ihm geschlechtlich deswegen gereizt werden, weil jener vom Weibe früher sehr häufig gereizt worden ist? Ich kann mir dies ebenso wenig denken, wie ich mir vorstellen kann,

1) Leopold Casper, Impotentia et sterilitas virilis, München 1890.


172 Abstumpfung.

dass jemand, der sich an Leckereien, z. B. an Süssigkeiten zu viel gegönnt hat, eines Tages infolge dessen an ekelhaften Sachen, etwa an Strassenschmutz Genuss finden sollte.

Wäre übrigens die Behauptung jener Leute richtig, dass sexuelle Excesse beim Weibe zur conträren Sexualempfindung führen, dann könnte man umgekehrt den Schluss machen, dass geschlechtliche Ausschweifungen in der mannmännlichen Liebe den Geschlechtstrieb zum Weibe herüberführen, so dass man ein recht bequemes Mittel in der Hand hätte, solche Männer zu kuriren. Leider ist mir nicht ein Fall bekannt geworden, bei dem auf diesem Wege es der Fall gewesen wäre.

Unter die Ursachen der Päderastie rechnet Stark auch die Abstumpfung gegen den normalen Geschlechtsreiz in dem Sinne, dass die Contraction des Sphincter Cunni bei derartiger Abstumpfung nicht mehr genügend sei, um hinreichende Wollustreize auszuüben und deshalb von solchen Leuten die stärkere Zusammenziehung des Schliessmuskels des Afters gesucht werde. Auch Mantegazza meint, dass die Päderastie mit Knaben darauf zurückzuführen sei, dass manche Individuen während des sexuellen Actes membrum möglichst eng circumclusum haben wollen, und dass sie deshalb den geringen Durchmesser des Anus dem grösseren der Vagina vorziehen. Sollte dies wirklich denkbar sein, so wäre zwar die Paedicatio mulieris, id est immissio membri in anum feminae erklärlich. Wie aber hieraus eine Päderastia viri vel pueri hervorgehen soll, das ist damit nicht im geringsten erklärt.

Hinzukommen soll nach Stark auch der Haut-goût des Afters. Es mag vielleicht sein, dass, wenn wirklich einzelne Leute zu dieser Art der Befriedigung sich hingezogen fühlen, es sich nicht nur um conträre Sexualempfindung, sondern gleichzeitig um eine weitere Perversion des Geschlechtstriebes, die an die Koprophagie erinnert, vorhanden ist.

Tarnowsky glaubt, dass auch manche Männer, die an einer Hyperästhesie des Geschlechtssinnes leiden, mitunter zur activen Päderastie gebracht werden können. Wenn ihnen einmal die Möglichkeit normaler Befriedigung fehle, so masturbiren sie entweder oder wenden sich nach diesem Autor an einen passiven Päderasten, um so den normalen Beischlaf zu ersetzen. Ich glaube aber, dass dieser Autor hier entschieden zu weit geht, denn es dürfte eben wohl schon bei vielen 1) solcher Leute nicht nur eine

1) Dass mitunter der Fall ohne Perversion vorkommt, bestreite ich natürlich nicht; dann handelt es sich aber nicht um eine Perversion in v. Krafft-


Gewöhnung. 173

Hyperästhesie des Geschlechtstriebes, sondern auch eine Perversion desselben vorliegen, wenn sie den Trieb haben, selbst bei hochgradiger sexueller Erregung wirklich einen Mann zu päderastiren. Gley hebt besonders den Einfluss hervor, den die Gewöhnung an gewisse Genüsse ausübt; er meint, dass zur sexuellen Befriedigung neue Reize aufgesucht werden. Durch Gewöhnung an sie bildet sich nun allmählich ein bestimmter abnormer Zustand, nämlich der der conträren Sexualempfindung heraus, wenn der neue Reiz, den der Betreffende gesucht hat, geschlechtlicher Verkehr mit Männern war. Auch Tarnowsky meint, und dies klingt ganz plausibel, dass, je häufiger der Verkehr zwischen Jünglingen und Knaben untereinander erfolgt, um so eher eine conträre Sexualempfindung sich entwickle.1) Ich muss auch hier wiederum hervorheben, dass ich die Möglichkeit hiervon nicht bestreite, dass aber ein irgendwie gewissenhaft zusammengestelltes Material zur Stütze dieser Behauptung durchaus fehlt.

Im Vorhergehenden habe ich eine Anzahl ätiologischer Momente zusammengestellt, die angeblich zur conträren Sexual-empfindung führen können. Ohne die Möglichkeit hiervon ganz zu bestreiten, habe ich vor einer Ueberschätzung dieser Causalmomente schon gelegentlich gewarnt und erwähne noch, dass bei einer noch schärferen Trennung von Perversion und Perversität, wie sie schon v. Krafft-Ebing vorgeschlagen hat, sicherlich mancher Autor jenen nicht die Bedeutung würde zu theil werden lassen, wie es heute noch in manchen Büchern geschieht. Es handelt sich bei mancher angeblichen Perversion in Wirklichkeit nur um einen gelegentlichen perversen Act.

Der Vollständigkeit halber sei zum Schluss noch darauf hingewiesen., dass sich ein Zusammenhang zwischen körperlicher Hermaphrodisie und conträrer Sexualempfindung nicht constatiren lässt. Zwar hat Gley ihn für möglich gehalten, und ebenso wie

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite)
Ebings und meinem Sinne, sondern um eine Perversität (vgl. S. 5). Bei einer solchen Steigerung des Geschlechtstriebes kann es überhaupt zu allen möglichen perversen Handlungen kommen. In einem Falle, der in einer mittelgrossen deutschen Stadt spielte, und dessen Acten mir von der Königlichen Staatsanwaltschaft zum Studium gewährt wurden, gab der Angeklagte an, dass er mit einer Ziege deshalb Sodomie getrieben habe, weil er geschlechtlich sehr erregt war und gerade kein anderes Object zu seiner Befriedigung hatte.

1) Man vergleiche hiermit die entgegengesetzte Behauptung, dass durch zu viel Verkehr mit Weibern, conträre Sexualempflndung bei Männern entstehe! Die widersprechendsten ätiologischen Momente für dieselbe sind durch kritiklose Arbeiten angegeben worden,


174 Somatische Hermaphrodisie.

Chevalier stellte er eine besondere Gruppe der conträren Sexualempfindung auf, die ätiologisch durch somatische Hermaphrodisie bedingt sei. Zur Unterstützung seiner Ansicht führt er einen allerdings sehr merkwürdigen Fall an, den Magitot im Jahre 1881 veröffentlichte. Es handelte sich um ein Individuum, das sich bei genauer Untersuchung der Genitalien als Mann entpuppte, dessen äussere Geschlechtsorgane aber so deutliche Analogien mit dem Weibe darboten, dass die Person von ihrer Geburt an als weiblich betrachtet wurde. Sie heirathete infolgedessen einen Mann, mit dem sie sexuell verkehrte, hatte aber gleichzeitig sexuelle Beziehungen zu Weibern. Auf Grund dieses Falles machte Gley die obige Annahme. Indessen finde ich, dass, ehe man eine derartige ätiologische Gruppe aufstellt, es doch nöthig wäre, die psychische Seite der Vita sexualis genauer bei solchen Individuen zu prüfen, um zu untersuchen, ob wirklich ein ausgesprochener Geschlechtstrieb zum Manne vorhanden war, oder ob es sich nur um ein gleichgültiges Zusammenleben handelte.

Aehnlich liegt ein Fall, den Tourtual 1) im Jahre 1856 veröffentlichte: es handelte sich hier gleichfalls um einen Fall von somatischer Hermaphrodisie. Eine Person war mit einem Manne kirchlich getraut. Der Mann übte mit der Person öfter den Beischlaf aus, wurde aber hierbei nicht befriedigt. Nachdem er viele Leute um Rath gefragt hatte, wurde schliesslich eine offizielle Untersuchung der ihm angetrauten Person vorgenommen. Hierbei stellte sich heraus, dass man es mit einem Hermaphroditen zu thun hatte, der aber vorwiegend männliche Bildung der Genitalien zeigte. Durch eine Einsenkung bei dem Hermaphroditen war es dem Manne zwar möglich, bis zu einem gewissen Grad das Glied einzuführen, aber nicht tief genug, um zur Befriedigung zu kommen. Schliesslich wurde die Verbindung aufgelöst, weil eben festgestellt war, dass man es bei der fraglichen Person nicht mit einem Weibe zu thun hatte. Merkwürdig ist deren Angabe, dass sie sexuelle Neigung zum Manne habe. Da nun in Wirklichkeit es sich um einen Mann bei dem Hermaphroditen handelte, so würde in der That eine homosexuelle Neigung hier bestanden haben. Doch glaube ich nach Durchlesen des ganzen Falles nicht, dass die Person wirklich Neigung zum Manne hatte. Wahrscheinlich scheint es mir vielmehr, dass sie dies nur vorgab, um eine Trennung der Ehe zu verhindern, die ihr eine sicherere Stellung gab, als sie sonst eingenommen hätte.

l) Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin 1856, X. Bd.


Epilepsie; Altersblödsinn. 175

Ich schliesse mich einstweilen von v. Krafft-Ebing an, der einen Zusammenhang zwischen körperlicher Hermaphrodisie und Uranismus nicht findet.

Uebrigens hat sich andererseits schon Tardieu dahin ausgesprochen, dass bei somatischer Hermaphrodisie die geistigen, die moralischen Eigenschaften und die Gefühlssphäre unter dem Einfluss der Hermaphrodisie ständen.

Es giebt eine Reihe von Krankheiten, bei denen nach mehreren Autoren besonders häufig conträre Sexualempfindung sich zeigen soll. Es ist dies in erster Linie die Epilepsie; sehr häufig findet sich hier nach Tarnowsky conträre Sexualempfindung; er hat sogar aus dieser Verbindung von Epilepsie und sexueller Perversion eine besondere Krankheitsgruppe für letztere aufgestellt. Derselbe Autor glaubt, dass bei einigen das Auftreten der conträren Sexualempfindung als ein psychisches Aequivalent der Epilepsie betrachtet werden könne, und dass man demgemäss von einer epileptischen Päderastie sprechen dürfe. Tarnowsky berichtet von einem andern Fall, wo der Mann, der übrigens mit einem Weibe geschlechtlich verkehrt hatte und nie sexuelle Perversion dargeboten hatte, im epileptischen Zustande, allerdings nachdem er Wein getrunken hatte, einen 14jährigen Knaben nothzüchtigte. Der Act entschwand vollständig seinem Gedächtnisse, und es wurden später sexuelle Perversionen bei ihm nicht beobachtet.

Im Altersblödsinn zeigt sich die von Tarnowsky sogenannte senile Päderastie öfters; ja es soll sogar die Abweichung des Geschlechtstriebes mitunter das am meisten hervortretende Symptom sein. Besonders soll eine gewisse rohe Ausdrucksweise über sexuelle Verhältnisse, die sich auch in Unterhaltungen mit Knaben kundgiebt, nach Tarnowsky diese Form oft einleiten. Solche Greise pflegen mitunter die Knaben in gewisser Weise zur passiven Päderastie abzurichten, doch soll es auch vorkommen, dass bei der senilen Päderastie der Patient sich zur passiven Päderastie hingezogen fühlt und den Knaben- resp. den anderen als activen Päderasten benutzt. Es soll bei längerem Bestehen dieser senilen Päderastie öfter zu Nothzuchtsacten kommen. Lange Zeit kann übrigens die Diagnose schwankend sein, da sich schwerere Störungen der Intelligenz oft lange Zeit nicht wahrnehmen lassen, und man infolge dessen sehr leicht geneigt sein könnte, den Fall


176 Progressive Paralyse.

zu den criminellen zu rechnen; auch soll bei der senilen Demenz mitunter Sadismus mit gleichzeitiger conträrer Sexualempfindung beobachtet werden, indem Misshandlung von Knaben als sexuelles Erregungsmittel wirkt.

Conträre Sexualempfindung auf Grund von progressiver Paralyse soll mitunter in einem Stadium schon auftreten, wo diese noch nicht erkannt wird (v. Krafft-Ebing). Nach Tarnowsky ist es besonders verdächtig, wenn der Betreffende mit einer gewissen Offenheit von seiner geschlechtlichen Befriedigung spricht und diese in keiner Weise verheimlicht, auch sollen derartige Kranke nach demselben Autor überhaupt wenig und selten Vorsichtsmaassregeln, die sie etwa vor Entdeckung schützen, treffen und dadurch schon Verdacht auf psychische Erkrankung erregen.

Auch Chevalier nimmt die paralytische Päderastie am Anfang der progressiven Paralyse, ebenso die bei der Dementia senilis, sowie bei einer Reihe anderer Gehirnkrankheiten an, wo mitunter die conträre Sexualempfindung nur vorübergehend auftritt. Bei dieser gelegentlichen Aeusserung zeigt sie sich dann mitunter von unwiderstehlicher Gewalt.

Von den zahlreichen anderen Geisteskrankheiten, bei denen sich Homosexualität findet, will ich hier nicht genauer sprechen. Wer sich hierfür interessirt, findet in v. Krafft-Ebings Buch, Psychopathia sexualis, genügendes Material.

Des historischen Interesses halber will ich noch eine Reihe von ursächlichen Momenten anführen, die E. Meier für das Auftreten der Knabenliebe im alten Griechenland zusammengestellt hat. Meier glaubt, und dies wird von zahlreichen anderen Schriftstellern gleichfalls behauptet, dass die Neigung der alten Griechen sich in kleinen Associationen zusammen zu schliessen, die Liebe unter Männern sehr begünstigen musste. Da wo derartige kleinere Verbindungen von Männern misstrauisch durch die Staatsbehörden angesehen wurden, konnte in der That nach Meier die Knabenliebe lange nicht so populär werden, wie in anderen Staaten. Insbesondere wurde sie nach Meier in Athen nicht 1) so allgemein, wie in anderen Staaten, und soll dies eben auf die Herrschaft, welche Tyrannen daselbst ausübten, zurückzuführen sein. Die Tyrannen suchten nämlich derartige intime Verbrüderungen mög-

1) Von anderen wird, wie im historischen Theil gezeigt ist, das Gegentheil angegeben.


Angebliche Ursachen der Päderastie in Griechenland. 177

lichst zu bekämpfen, weil sie dadurch ihren eigenen Sturz befürchteten.

Ferner wird hauptsächlich die Gymnastik als Ursache betont; durch sie wurden besonders schöne, blühende Körper bei Knaben und Jünglingen erzeugt, die einen ganz anderen Reiz auf den Beschauer ausüben, als die bei mangelnder Gymnastik erzeugten schwächlichen Körper. Insbesondere wird auch von einigen Schriftstellern, darunter Cicero und Plutarch angeführt, dass in den Gymnasien 1) die Männer zu viel einander nackt sich näherten, und dass dadurch ganz besonders die eigenthümliche Knabenliebe begünstigt werden musste.

Besonders in Dorien, resp. Sparta wurde die Knabenliebe ferner durch die eigenthümliche Verfassung begünstigt. Da nämlich hier die Knaben schon sehr zeitig, mit 7 Jahren, der Erziehung der Eltern entzogen wurden, bildete sich sehr bald ein Institut heraus, vermöge dessen die Knaben sich einen älteren Mann nicht nur als ihren Begleiter und Freund, sondern auch zu ihrem Führer nahmen, der für die gute Ausbildung der Knaben Sorge tragen musste. Diese Entziehung der Knaben aus der Familie und deren Annäherung an andere Männer sollte gleichfalls die Knabenliebe begünstigen.

Endlich giebt Meier noch an, dass besonders die edlere Form der Knabenliebe durch die Neigung junger Leute zu Studien begünstigt wurde. Die Knaben fühlten sich zu ihren Lehrern sehr stark hingezogen, es bildete sich zwischen Lehrern und Schülern, da Geldhonorare nicht gezahlt wurden, sehr bald ein edleres Verhältniss, das an Innigkeit dem heutigen Verhältniss von Lehrern und Schülern bei weitem überlegen war.

1) Ramdohr ist übrigens der Ansicht, dass die Gymnasien keinen so grossen Einfluss auf die Ausbildung der Päderastie im alten Griechenland ausgeübt haben; er weist besonders auch darauf hin, dass bei den Weibern dieselben Erscheinungen beobachtet wurden, zumal in Lesbos, und dass doch diese homosexuelle Liebe der Weiber in keiner Weise etwas mit den Gymnasien zu thun hatte.

Moll, Contr. Sexualempfindung. 12




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