IX. Diagnostisches.

Die Diagnose des homosexualen Geschlechtstriebes bietet mancherlei Schwierigkeiten, so einfach dieselbe auch bei oberflächlicher Beobachtung scheinen mag. Eine Hauptgefahr, die Krankheit zu übersehen, liegt offenbar in dem Umstande, dass über keinen Gegenstand so unzuverlässige und unwahre Angaben von Seiten der Patienten dem Arzte gegenüber gemacht werden, wie über alles, was das sexuelle Leben betrifft. Wenn die Zahl derer auch immer mehr abnimmt, die Tripper und Syphilis für ein Verbrechen ansehen oder befürchten, dass andere dieser Ansicht sind und infolgedessen diese Krankheiten dem Arzte verheimlichen, so liegt die Frage schon anders bei der Onanie, die sehr häufig selbst auf Befragen des Arztes in Abrede gestellt wird, trotzdem deren Vorkommen in dem concreten Falle sicher ist. Aber es wird die Onanie, obwohl sie eine Mittelstellung zwischen Laster und Krankheit einnimmt, noch verhältnissmässig viel häufiger zugegeben, als ein krankhafter Geschlechtstrieb, der doch als ein innerer seelischer Vorgang unabhängig von dem Willen des Individuums ist und daher als Laster nicht gedeutet werden sollte. Dennoch veranlasst ein falsches Schamgefühl viele Patienten, mit der Wahrheit zurückzuhalten, und es kommt nach meiner Erfahrung außerordentlich selten vor, dass ein Patient unmittelbar und ungefragt dem Arzte klaren Wein über seinen abnormen Geschlechtstrieb einschenkt. Ich habe es mir deshalb zur Regel gemacht, bei allen meinen Patienten, bei denen nur irgendwie die anderen angegebenen Symptome einen Zusammenhang mit den geschlechtlichen Functionen vermuthen lassen, eine eingehende Fragestellung nicht nur bez. Onanie, sondern auch bezüglich des Geschlechtstriebes in qualitativer und quantitativer Hinsicht anzuwenden. Eine grosse Reihe von Patienten pflegt allerdings selbst in diesem Falle mit der Wahrheit zurückzuhalten; sie klagen wohl


192 Genaue Fragestellung.

über Impotenz, geben aber die wahre Ursache, das abnorme geschlechtliche Empfinden nicht zu. Theils falsch aufgefasstes Schamgefühl, theils Selbsttäuschung, die mancher Kranke so sehr liebt, und durch die er sich über sein Leiden hinwegsetzen will, oder dasselbe für nebensächlich hält, theils ungenaue Fragestellung seitens des Arztes sind in solchen Fällen die Ursache für das Verschweigen abnormen Geschlechtstriebes. Hierzu dürfte sehr oft auch der Umstand kommen, dass das Vertrauen des Kranken zur Verschwiegenheit des Arztes kein so grosses ist 1), um diesem Mittheilungen über die allerintimsten Vorgänge anzuvertrauen.

Die meisten Urninge sind ausserdem der Ansicht, dass gegen ihren sexuellen Zustand überhaupt nichts zu machen ist, sie vermeiden es deshalb, sich an Aerzte wegen homosexuellen Geschlechtstriebes zu wenden.

Wenn wir diese Ursachen des Mangels an Aufrichtigkeit und der falschen Aussagen der Patienten festhalten, so ergeben sich auch die Mittel, die wir Aerzte anzuwenden haben, um wahrheitsgemässe Auskünfte in der uns interessirenden Richtung zu erlangen. Um das falsche Schamgefühl zu beseitigen, thut der Arzt am besten, die fraglichen Erscheinungen als etwas krankhaftes zu bezeichnen, was jeden Menschen ohne sein Verschulden treffen könnte, und dessen er sich nicht zu geniren hätte. Selbsttäuschung des Kranken wird am ehesten dadurch verhindert, dass der Arzt diesen über die Bedeutung der Affection nicht im Unklaren lässt. Das sicherste Mittel aber, um eine Selbsttäuschung des Patienten zu verhindern, bildet eine richtige, ganz correcte Fragestellung nach der nöthigen Richtung. Um diese zu erleichtern und dem Patienten klar zu machen, worauf es ankommt, ist es gut, ihm eventell ein oder mehrere Beispiele von Perversion anzuführen. Bei einer vollkommen conträren Sexualempfindung dürfte der Patient sich schwerlich täuschen, es dürfte alsdann die einfache Frage genügen: „Fühlten Sie jemals oder fühlen Sie jetzt eine besondere Zuneigung zu Männern?" oder auch: „War oder ist Ihre Zuneigung zu Männern grösser als die zu Weibern?" Durch solche Fragen wird der Arzt in vielen Fällen Antworten

1) Dies ist nach Mittheilungen von mehreren Urningen der Hauptgrund; besonders ist es die Furcht mancher, dass sie durch Preisgebung des Geheimnisses seitens des Arztes in eine strafrechtliche Untersuchung verwickelt werden können. Dass diese Befürchtung viele Urninge abhielt, sich dem Arzt zu entdecken, war auch Westphals Ansicht.


Diagnostische Verwerthung der Träume. 193

erhalten, die ihm ein deutlicher Beweis sind für abnorme sexuelle Empfindungen. Der einigermaassen beschäftigte Arzt wird hierbei nicht selten überrascht sein, bei Leuten, die ihm spontan und auf eine allgemeine Frage keinerlei Mittheilung machten, solche bei derartigen genauen Fragen zu erhalten.

Ein gutes Mittel Aussagen in dieser Richtung von seiten der Patienten zu erhalten, und diese zu wahrheitsgemässen Angaben zu veranlassen, besteht in der Erforschung der Träume. Es ist eine wichtige Erscheinung, die sich aus den meisten Krankengeschichten ergiebt, dass die erotischen Träume gewöhnlich denselben Inhalt haben wie die Geschlechtsempfindungen im wachen Zustande. Derjenige, der conträr sexuell veranlagt ist, pflegt auch unter Träumen, die Männer betreffen, seine nächtlichen Pollutionen zu haben. Der Fetischist pflegt im Schlafe von dem Kleidungsstück zu träumen, das er wachend besonders liebt. Freilich giebt es Ausnahmen; so hatte ein mir bekannter Urning, der wachend absolut nichts für das Weib zu empfinden vermochte, dennoch im Schlafe mehreremale — er erinnert sich dreier Fälle — Pollutionen, während er von Weibern und sexuellen Acten träumte, die er an ihnen vornahm. Doch waren in der bei weitem überwiegenden Majorität der erotischen Träume nur Vorstellungen von sexuellen Acten, die mit Männern ausgeführt wurden, vorhanden.

Trotzdem nun einzelne Ausnahmen 1) vorkommen, so kann es doch nach dem bisherigen Beobachtungsmaterial keinem Zweifel unterliegen, dass im allgemeinen pervers veranlagte Leute auch perverse Träume haben. Halten wir dieses fest, so ergiebt sich, dass die Erforschung der Träume uns über das sexuelle Empfinden von Patienten ebenso Anhaltspunkte gewährt, wie Fragen, die den wachen Zustand betreffen. Da nun manche Patienten viel eher geneigt sind, perverse Gedanken ihres Traumlebens als ihres normalen Bewusstseins zuzugeben, dessen Perversion sie viel mehr genirt, als Perversion des Traumbewusstseins, so ergiebt sich, dass wir auf Fragen, die sich auf dieses beziehen, eher aufrichtige Antworten erwarten können. Es scheint mir deshalb praktisch

1) Besonders kommt es vor, dass, wenn sich durch eine rationelle psychische Therapie die Perversion im wachen Zustand schon verloren, und normaler Geschlechtstrieb eingetreten ist, die erotischen Träume trotzdem noch lange die Perversion zum Inhalt haben. Umgekehrt erzählt mir Herr Dr.Max Dessoir von einem Herrn, der, obwohl an später entstandenen perversen Ideen leidend, doch stets mit normalen Träumen seine Pollutionen hat.

Moll Contr. Sexualempfindung. 13


194 Werth der Erfahrung.

richtig, bei Personen, die irgendwie einer sexuellen Perversion verdächtig sind, Nachfrage über den Inhalt erotischer Träume anzustellen, von denen ausgehend alsdann das geschlechtliche Empfinden im Wachen leichter beurtheilt werden kann. Welche Fragen immer der Arzt an den Patienten stellt, niemals lasse er sich durch allgemeine und ausweichende Antworten befriedigen. Wer sich mit allgemeinen Antworten begnügt, wird manchen hierher gehörigen Fall übersehen.

Dass übrigens Erfahrung auch hier für die Stellung der Diagnose von grossem Werthe ist, dass sogar erfahrene Beobachter in manchen Fällen sexuelle Perversionen, insbesondere die conträre Sexualempfindung ohne detaillirte Fragestellung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit diagnosticiren können, ist sicher. Es geht dies schon aus der oft angegebenen Thatsache hervor, dass Urninge sich mitunter gegenseitig sehr schnell erkennen. Allerdings geschieht dieses Erkennen der Urninge keineswegs immer momentan, da in manchen Fällen sogar eine längere Beobachtung erforderlich ist, um die Natur des andern beurtheilen zu können. Die Urninge stellen freilich ihr gegenseitiges Erkennen so dar, als ob es sich hier um eine besondere Fähigkeit, oder um ein momentan wirkendes, von unsern gewöhnlichen Sinnesorganen unabhängiges Sympathiegefühl handle; dies ist aber falsch. Die Urninge pflegen überhaupt hierin sich grosser Uebertreibungen schuldig zu machen; es ist, wie bereits S. 82 erwähnt ist, eine in ihren Kreisen ziemlich allgemein erzählte Fabel, dass ein Urning den andern im Augenblick mit absoluter Sicherheit erkenne.

Es unterliegt keinem Zweifel, dass es gewisse Momente giebt, durch die man zuweilen in die Lage versetzt ist, mit grosser Wahrscheinlichkeit auch ohne detaillirte Fragestellung den Urning zu erkennen. Dass es solche äusseren Kennzeichen giebt, war schon den Alten bekannt; bei Aristoteles, Polemon, Lucian und besonders bei Aristophanes finden sich Stellen1), die auf den eigenthümlichen Gang, die Stimme, den Blick jener Leute hinweisen. Man wird aus den Schilderungen, die ich in dem III. Capitel gegeben habe, die Wichtigkeit dieser Symptome erkennen; man wird naturgemäss besonders auch Bewegungen aller Art bei dem zu beobachtenden Individuum berücksichtigen müssen.

1) Vgl. Casper-Liman, Handbuch der gerichtlichen Medicin. VII. Aufl. Berlin 1881, I. Bd., S. 169.


Überschätzung der Augenblicksdiagnosen. 195

Es beruht das Erkennen der Urninge auf Uebung, und es sind auch normal veranlagte Menschen im stande, nach längeren Beobachtungen von Urningen diese mitunter zu erkennen. Criminalbeamte, die Erfahrungen auf diesem Gebiete besitzen, erklärten mir, dass sie Urninge oft erkennen, dass sie sich nur selten hierbei täuschen.

Was den Blick der Urninge betrifft, der bei ihrem Erkennen eine so grosse Rolle spielen soll, so habe ich ihn bereits S. 82 ausführlich als einen Blick des Interesses beschrieben, in dem nichts besonders geheimnissvolles liegt.

Mit grosser Reserve muss man deshalb die Angaben der Urninge, dass sie sich auf den ersten Blick herauserkennen, aufnehmen. Die grosse Sicherheit 1) mit der die meisten Urninge behaupten, dass sie sich überall, in allen Ländern, in allen Städten, im Norden und im Süden, im Westen und in Osten ohne weiteres wiedererkennen, scheint mir sehr unbegründet zu sein.

Ich weiss zwei Berliner Urninge, die sich mir selbst als solche mit allen Einzelheiten entdeckten, die in demselben Kreise lange Zeit mit einander verkehrten, und die trotzdem keine Ahnung davon hatten, dass der andere ein Urning sei. Dennoch behaupten sie und besonders der eine, dass sie mit tödtlicher Sicherheit auf den ersten Blick andere Urninge herauserkennen können. Vor einer Uebertreibung dieser schnellen Diagnose kann nicht genug gewarnt werden. Umgekehrt wird mir auch von einem jungen Mann, anfangs der 20er, berichtet, der vollständig das weibische Benehmen der Urninge hat; es wird mir trotzdem von zuverlässiger Seite erzählt, dass er ein sexuell vollständig normal veranlagter Mann sei. Ich kenne den Fall nicht absolut

1) In einer der bekanntesten Autobiographieen, die von Urningen erschienen, und die Casper veröffentlichte, sagt der Urning: „Die gütige Natur hat uns einen gewissen Instinct verliehen, der uns, gleich einer Brüderschaft vereint; wir finden uns gleich, es ist kaum ein Blick des Auges, wie ein elektrischer Schlag, und hat mich bei einiger Vorsicht noch nie getäuscht. . . . Auf dem Righi, in Palermo, im Louvre, in Hochschottland, in Petersburg, ja bei der Landung in Barcelona fand ich Leute, die ich nie gesehen, die in einer Sekunde an mich gebannt.waren, ich an sie". Auch für andere sexuelle Perversionen wird angegeben, dass die damit Behafteten sich sehr schnell gegenseitig erkennen. So behauptet es einer der heterosexuell empfindet, aber den S. 112 beschriebenen „ideellen Coitus" ausübt; in der neuen Auflage von v. Krafft-Ebings „Neue Forschungen" hat ein Schuhfetischist sich, wenn auch etwas reservirter, die gleiche Fähigkeit zugesprochen.

13 *


196 Hilfsmittel für die Diagnose.

sicher, aber nach dem, was ich davon gehört habe, scheint mir an dem normalen Geschlechtstriebe kein Zweifel möglich zu sein; und dennoch hat dieser junge Mann, der einen Beruf hat, den Urninge bevorzugen, ein vollkommen ausgesprochenes weibisches Benehmen; Handbewegungen, Bewegungen des Körpers, des Kopfes, alles erinnert an das Weib.1)

Wenn man die Diagnose der conträren Sexualempfindung durch Beobachtung von Bewegungen etc. stellen will, so wählte man hierzu immer am besten einen Moment, wo der andere sich nicht beobachtet glaubt. Von allen Zeichen, die zur Erkennung des Urnings angegeben werden, ist übrigens keines so wichtig wie dasjenige, das mir Herr N. N. mittheilte. Der Urning sieht, wenn er sich gehen lässt, mit Vorliebe in eam directionem ubi membrum virile est, praesertim cum vestes solum membrum non formam membri obtegunt. Herr N. N. giebt auf diesen Punkt viel mehr als auf alle anderen.

Es giebt übrigens einzelne Urninge, die selbst angeben, dass sie niemals von anderen Urningen in ihrer richtigen Natur erkannt worden seien, und es giebt auch einzelne Homosexuale, die keineswegs den Anspruch erheben, andere Urninge aus dem Blick zu erkennen.

Andere behaupten allerdings sogar, dass sie ohne weiteres sogar aus Photographien Urninge erkennen wollen. Ich habe deswegen selbst eine ganze Reihe Versuche angestellt, indem ich eine grössere Zahl von Photographien Urningen vorlegte. Ihre Angaben waren hier zum grössten Theil widersprechend; dagegen wurden zwei Photographien, die allgemein bekannte Männer darstellen, stets von sämmtlichen Urningeu, die ihre Diagnose aus Photographien stellen zu können behaupteten, für urnisch erklärt. Ich habe indessen hierbei die Beobachtung gemacht, dass diejenigen männlichen Porträts am ehesten für die von Urningen gehalten werden, bei denen der Blick stark nach der Seite gerichtet ist; wenigstens ist dies bei den Bildern, die mit grosser Sicherheit von allen Urningen für urnisch gehalten wurden, der Fall; es kommt dies wohl daher, dass die Urninge gewöhnt sind, auf der

1) Derartige, an das Weib erinnernde Züge kommen bei Männern mit heterosexualem Triebe durchaus vor. So giebt es Männer, die facientes coiturn succumbere volunt, dum femina superincumbit. Ulrichs veröffentlichte sogar einen interessanten Eall, wo ein derartiger Mann erst dann befriedigt wird, wenn ein Ringen mit dem Weibe vorausgeht, wobei jener schliesslich unterliegt.


Irrthümer in der Diagnose. 197

Strasse beim Vorbeigehen denjenigen für homosexual zu halten, p(d)er sie von der Seite scharf ansieht.

Auf mehrere leicht und häufig begangene Irrthümer in der Diagnose der conträren Sexualempfindung muss ich jetzt hinweisen. Gonorrhoe des betreffenden Mannes wurde von Westphal in einem Falle mit Unrecht für einen Beweis gehalten, dass es sich um einen nicht mit Männern sexuell verkehrenden Mann handle. Es kommt Gonorrhoe bei Homosexualen vor, und zwar sah ich sie sogar bei einem Urning, der ausschliesslich mit Männern verkehrt. Dieser Mann verkehrte sexuell mit einem andern Mann, der sich bei einem Weibe Gonorrhoe zugezogen hatte. Membrum suum ponens juxta membrum alterius inficirte sich der erstere bei dem zweiten. Ferner aber kommt Infection naturgemäss sehr leicht bei den psychosexualen Hermaphroditen vor; sie können sich ebenso wie jeder andere inficiren, da sie ja zu gewissen Zeiten mit dem weiblichen Geschlecht verkehren. Ebenso muss davor gewarnt werden, aus dem Verheirathetsein von Männern, oder auch daraus, dass sie Nachkommenschaft haben, auf normalen Geschlechtstrieb zu schliessen. Zunächst bleibt stets der Einwurf psychosexualer Hermaphrodisie bestehen; aber selbst, wenn diese ausgeschlossen ist, kann der Urning durch gewisse künstliche Mittel, z. B. durch Vorstellung eines Mannes, Erection sich verschaffen und schliesslich den Beischlaf ausüben. Ich glaube demgemäss, und ich kenne derartige Fälle, dass Urninge sehr wohl Nachkommenschaft zeugen können. Ich denke, der bösartige Einwand, dass etwa der Vater der Kinder ein anderer sei, ist doch in vielen Fällen auszuschliessen. Es giebt sogar Urninge, die über ihre unglückliche conträre Sexualempfindung sich durch Freude an Kindern hinwegzusetzen suchen, und die aus diesem Grunde alles daran setzen, den Beischlaf ausüben zu können.

Es muss potentia coeundi et generandi vollständig vom normalen Geschlechtstrieb geschieden werden. Um diesen anzunehmen, genügt keineswegs die Fähigkeit zum Beischlaf; es muss vielmehr zum Coitus der Trieb vorliegen. Zur Heilung einer sexuellen Perversion reicht es mithin nicht aus, dass der Betreffende mit Erfolg den Coitus ausführt, was irrthümlicher Weise mitunter als genügend angenommen wird.


198 Diagnose verschiedener Formen von conträrer Sexualempfindung.

v. Krafft-Ebing betont, dass die Diagnose der psyschischen Hermaphrodisie Schwierigkeiten bereiten kann, indem man sie mit der erworbenen conträren Sexualempfindung verwechselt, da bei dieser unter Umständen Reste früherer normaler Geschlechtsempfindung bestehen bleiben können. Ich finde, dass diese Diagnose nicht nur Schwierigkeiten machen kann, sondern ich bin der Ansicht, dass wir es in den letzteren Fällen thatsächlich gleichfalls mit psychosexualer Hermaphrodisie zu thun haben, die allerdings vielleicht aus klinischen Gründen von der originären psychischen Hermaphrodisie theoretisch getrennt werden kann. Im concreten Fall dürfte eine solche Scheidung oft Schwierigkeiten begegnen, weil in manchen Fällen, die als erworbene conträre Sexualempfindung mit Resten heterosexualen Triebes beschrieben werden, die perversen Ideen bei genauer Nachforschung bis in die Kindheit zurück verfolgt werden können. Dennoch kann man natürlich versuchen, durch genaue Fragestellung die Differentialdiagnose zwischen erworbener und originärer Hermaphrodisie zu stellen.

v. Krafft-Ebing hebt noch besonders hervor, dass man, wenn die Diagnose der conträren Sexualempfindung festgestellt ist, noch weiter unterscheiden muss, ob es sich um die erworbene oder angeborene Form handelt. Eine detaillirte Fragestellung wird in den meisten Fällen genügen, um die Entscheidung herbeizuführen, ob vor dem Auftreten der conträren Sexualempfindung Zeichen von heterosexualem Triebe sich zeigten oder nicht.

Auf die Unterscheidung der conträren Sexualempfindung von anderen Affectionen brauche ich wohl nicht ausführlich einzugehen, da es deren kaum welche giebt, die damit verwechselt werden können. Erwähnen will ich nur einen mir bekannten Fall, der einen Herrn betrifft. Er wird sehr häufig sexuell durch Knaben von 10—12 Jahren angeregt; es kommt bei ihm zur Erection, aber es wäre ihm unmöglich, jemals an einem männlichen Individuum sich sexuell zu befriedigen. Der Herr glaubt vielmehr, dass die weiblichen Züge von Knaben ihm durch abnorme Association den Gedanken des Weibes nahe legen und dadurch die sexuelle Erregung herbeiführen. Bei einer solchen Auffassung muss natürlich dieser Fall zur Hyperästhesie des Geschlechtstriebes, der durch ein unter normalen Verhältnissen sexuell nicht erregendes Object 1)

1) v. Krafft-Ebing rechnet mit Emminghaus zur krankhaften Hyperästhesie alle Fälle, in denen das Erwachen der Libido bei an und für sich geschlechtlich indifferentem Anblick von Personen oder Sachen stattfindet. Dies


Differentialdiagnose. 199

erregt wird, gerechnet werden; nicht aber dürfen wir den Fall als solchen von conträrer Sexualempfindung betrachten.

Auch ist natürlich die conträre Sexualempfindung vollkommen zu scheiden von Geistesstörungen 1), bei denen sich der geisteskranke

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite):

ist auch ganz richtig, nur muss natürlich die Libido auf den Coitus gerichtet sein, nicht auf irgend einen perversen Act, da wir es sonst mit einer Perversion d. h. einer qualitativen und nicht nur quantitativen Erkrankung des Geschlechtstriebes zu thun hätten.

1) Während das obige in Druck war, erschien die II. Auflage von v. Krafft-Ebings „Neue Forschungen". Der Autor geht hier ausführlich auf die Frage des Wahnes der Geschlechtsverwandlung ein und giebt gewisse Uebergangsstufen an von der einfachen conträren Sexualempfindung bis zu jenem Wahn. Vielleicht können wir uns die Sache ähnlich denken wie Wahn- und Zwangsvorstellungen; bei diesen besteht das Bewusstsein der Krankhaftigkeit oder jedenfalls der Wunsch der Unterdrückung der andrängenden Ideen, während bei den Wahnvorstellungen diese nicht mehr als krankhaft erkannt werden. Aehnlich sehen wir in manchen Fällen von conträrer Sexualempfindung den Wunsch der Unterdrückung dieser, da sie, wenn auch nicht immer als krankhaft, so doch als abnorm erkannt wird, während es sich bei dem Wahn der Geschlechtsverwandlung um eine Form der Paranoia handelt, bei der eben das Bewusstsein der Krankhaftigkeit fehlt. In der II. Auflage seiner „Neue Forschungen" hat nun v. Krafft-Ebing einen Fall (16. Beobachtung) veröffentlicht, der einen Uebergang zwischen diesen Formen darstellt. Der betreffende Mann, ein Arzt, hat z. B. alle 4 Wochen 5 Tage lang alle Molimina wie eine Frau, körperlich und geistig, nur dass er nicht blutet; er hat das Gefühl, weibliche Genitalien zu besitzen, v. Krafft-Ebing bezeichnet solche Fälle als Eviratio; der analoge Vorgang scheint sich auch beim Weibe zu finden und wird hier als Defeminatio bezeichnet. Wenn jene Erscheinung beim Mann eine weitere Steigerung erfährt, so kommt jener zum Glauben, dass er ein Weib sei, und wir haben es dann mit einer Paranoia bezw. Transmutatio sexus paranoica zu thun. So ist z. B. die 18. Beobachtung in v. Krafft-Ebings Neue Forschungen, II. Aufl., ein solcher Fall; der Betreffende protestirt u. a. dagegen, dass er mit „Herr" angeredet wird, da er ein Weib sei. Die 19. Beobachtung desselben Buches ist ähnlich; der Mann hielt sich für Grafin V.; bei der Section und der durch Schüle vorgenommenen mikroskopischen Untersuchungdes Gehirns wurden charakteristische Veränderungen im Gehirn nicht constatirt. Andere hierher gehörige Beobachtungen wurden von Arndt, SÚrieuz und Esquirol gemacht; näheres darüber findet man in v. Krafft-Ebings „Neue Forschungen". Aehnlich verhält sich die Sache in einem Fall von Blumenstock, worüber in Eulenburgs Realencyclopädie, II. Aufl., beim Artikel „conträre Sexualempfindung" berichtet ist. Der betreffende Mann, der vor einigen Jahren als Religionsstifter in Westgalizien auftrat, lebte sogar in dem Wahn, dass er schwanger sei und eine Doppelfrucht trage, v. Krafft-Ebing bespricht im Anschluss an derartige Fälle den sogenannten Scythenwahnsinn, den er als Effeminatio auffasst, den aber Marandon irrthümlich für einen Wahn in dem eben besprochenen Sinne {Paranoia) aufgefasst hat.


200 Fehlen der Heterosexualität, ein pathologisches Phänomen.

Mann für ein Weib hält, sich infolgedessen als solches kleidet und mit Männern verkehren will.

Wenn wir jetzt die Frage erwägen, ob wir die conträre Sexualempfindung als eine krankhafte Erscheinung betrachten sollen, so gehen wir am besten von der Betrachtung derjenigen Fälle aus, in denen die conträre Veranlagung ausschliesslich besteht mit Fehlen jeden Triebes zum Weibe. Wir müssen dann überlegen, ob das Fehlen jedes sexuellen Triebes zum Weibe ein pathologisches Phänomen ist.

Hammond meint, dass es zweifellos völlig gesunde Personen giebt, welche niemals geschlechtliche Triebe gefunden haben. Eine solche Behauptung erscheint ziemlich willkürlich, wenn man bedenkt, dass ein anderer sehr gut einwerfen kann: eine Person, die keinen Geschlechtstrieb hat, ist an sich nicht gesund. Ich meine in der That nun, dass man zum Begriff der Gesundheit das Vorhandensein jener somatischen und psychischen Factoren rechnen muss, die zur Erhaltung des Individuums und der Gattung nöthig sind. Sicher halten wir jene Personen nicht für gesund, deren seelische und körperliche Functionen zur Erhaltung des Individuums nicht genügen. Wenn also jemand beispielsweise Nahrungsmittel nicht mehr zu sich nehmen kann, so halten wir das für ein krankhaftes Symptom und zwar schon deshalb, weil die Nahrungsaufnahme zur Erhaltung des Individuums nöthig ist.

Wenn wir nun mit Lauer 1) annehmen, dass es zur Verrichtung des Gesunden gehört, dass die Unvergänglichkeit der Gattung in dem vergänglichen Leben des Individuums gewährleistet werde, so müssen wir jene Leute für pathologisch halten, bei denen die Möglichkeit die Gattung zu erhalten, d. h. sich fortzupflanzen, fehlt. Es würde also impotentia generandi das Individuum ohne weiteres in die Gruppe der pathologischen bringen, vorausgesetzt natürlich, dass der betreffende Mann in dem Lebensalter steht, wo normaliter die Fortpflanzung möglich ist.

Nach der bisher gegebenen Auseinandersetzung sind wir allerdings nicht im stande, das Fehlen des normalen Geschlechtstriebes an sich für etwas pathologisches zu halten, da trotz dessen Fehlens die Möglichkeit einer Zeugung oft besteht, sodass nur der Trieb zum Fortpflanzungsacte fehlt. In der That kommt

1) G. A. Lauer, Gesundheit, Krankheit, Tod, Berlin 1865.


Fehlen der Heterosexualität, ein pathologisches Phänomen. 201

es mitunter vor, dass Urninge, selbst wenn ihr Trieb ausschliesslich zum Manne geht, sexuell auch mit dem Weib verkehren. So giebt es Urninge, die aus socialen Rücksichten oder andern Ursachen, wohl auch, um Nachkommenschaft zu erzielen, den Beischlaf ausüben. Dennoch müssen wir das Fehlen des Geschlechtstriebes bei bestehender Möglichkeit des Beischlafs für eine krankhafte Erscheinung ansehen.

Um dies zu ergründen, müssen wir den Weg der Analogie suchen, da bei den schwankenden Begriffen von „gesund" und „krank" gewöhnlich nur dadurch ein Anhaltspunkt gefunden werden kann, was wir gesund und was wir krank nennen. Wir haben schon oben die Erhaltung der Gattung ebenso für eine Function des Gesunden erklärt, wie die Erhaltung des Individuums. Verfolgen wir diesen Weg etwas weiter, so finden wir, dass zur Erhaltung des Individuums die Zufuhr gewisser Nahrungsmittel nöthig ist; das Bedürfniss des Körpers zur Nahrungszufuhr zwecks seiner Erhaltung macht sich durch den Appetit bemerkbar. Wenn der Appetit vollständig fehlt, so sprechen wir stets von einer krankhaften Erscheinung. Es ist hierbei ganz gleichgültig, ob auch ohne Appetit dem Organismus genügend Nahrungsmittel zugeführt werden können oder nicht.

Wenn wir nun die obige Analogie zwischen Appetit und Geschlechtstrieb weiter durchführen, so müssen wir das Bestehen des letzteren als eine Vorbedingung dafür ansehen, dass wir das Individuum gesund nennen, und wir werden, wenn der normale Geschlechtstrieb fehlt, stets von einer pathologischen Erscheinung sprechen. Es ist hierbei ganz gleichgültig, ob an Stelle des normalen sexuellen Triebes ein homosexueller tritt oder nicht.

Alle diese Erörterungen, bei denen es sich um die Möglichkeit den Coitus auszuüben bei fehlender Libido handelt, haben natürlich gar keinen Bezug auf diejenigen Fälle der conträren Sexualempfindung, wo Unmöglichkeit des Coitus infolge von Horror gegen das Weib besteht. Hier liegt eine unzweifelhafte krankhafte Impotenz vor.

Ein Grund könnte allerdings scheinbar vorliegen, die conträre Sexualempfindung vom Begriff des Krankhaften zu trennen. Bekanntlich nämlich fühlen sich Urninge bei Ausübung des homosexuellen Actes ganz ebenso wohl wie normale Männer nach dem normalen sexuellen Act. Wenn hingegen der Urning sich zu dem Coitus beim Weibe zwingt, z. B. durch Vorstellung eines Mannes, so greift ihn dieser Act, wie auch v. Krafft-Ebing berichtet,


202 Fehlen der Heterosexualität, ein pathologisches Phänomen.

körperlich sehr an. Durch diesen gezwungenen, für den Urning unnatürlichen Verkehr mit Weibern kann er an seiner Gesundheit geschädigt werden, sodass der sexuelle Verkehr des Homosexualen mit dem Mann vom Standpunkte der Selbsterhaltung durchaus angezeigt ist. Wir haben es demgemäss mit einem Fall zu thun, wo der Urning im Interesse der Selbsterhaltung handelt, wo er aber der Bestimmung des Individuums, die Gattung zu erhalten, zuwiderhandelt. Man könnte infolge dieses Dilemmas fragen, ob man hier diesen Zustand als pathologisch auffassen soll oder nicht, da natürlich das Individuum sich selbst zu erhalten bestrebt sein muss.

Der scheinbare Widerspruch rührt aber nur davon her, dass so häufig der Geschlechtstrieb und der Geschlechtsact zusammengeworfen werden; nur der Geschlechtstrieb kommt für unsere Frage in Betracht. Der Act, der dem krankhaften Triebe folgt, kann sehr wohl als ein der Gesundheit im concreten Falle zuträglicher betrachtet werden. Das Essen von piquanten Sachen ist bei mancher Dyspepsie geeignet, den Appetit anzuregen: nichtsdestoweniger ist die Dyspepsie als solche eine krankhafte Erscheinung.1) Ebenso kann der aus dem krankhaften Geschlechtstriebe hervorgehende Act dem Individuum zuträglich sein, ohne dass dadurch etwa der dazu drängende Trieb als ein normaler bezeichnet werden darf.

Wenn wir nun den Geschlechtstrieb nicht lediglich als ein Mittel zum Vergnügen ansehen, wenn wir ihn vielmehr als ein Mittel zur Fortpflanzung betrachten, dann müssen wir die ausschliesslich contrare Sexualempfindung in das Gebiet der Pathologie rechnen, und wir dürfen ein damit behaftetes Individuum nie für gesund erklären.

Nachdem wir nun gesehen haben, dass das Bestehen des normalen Geschlechtstriebes eine conditio sine qua non für die Annahme eines gesunden Zustandes ist, so fragt es sich weiter, ob denn das Bestehen conträrer Sexualempfindung an sich bereits die Annahme eines gesunden Zustandes ausschliesst. Diese

1) Die alten Aerzte haben diesem Heilinstinct des Organismus eine ganz ausserordentliche Ausdehnung gegeben. Sehr oft, so nahmen sie an, sollte nach ihrer Ansicht bei Erkrankungen des Organismus der Kranke selbst empfinden, was ihm zusage und was nicht. Freilich sollte dieser Instinct wesentlich dazu dienen, die Krankheit zu heben, wovon natürlich bei dem Geschlechtstriebe des Homosexualen nicht die Rede ist. Näheres über jenen Heilinstinct bei Joh. Jac. Günther, Natur und Kunst in Heilung der Krankheiten, Frankfurt a. M. 1834.


Homosexualität, ein pathologisches Phänomen. 203

beiden Fragen müssen scharf von einander getrennt werden; denn wir sehen, dass in nicht wenigen Fällen eine psychosexuale Hermaphrodisie stattfindet, wenn Trieb zum Weibe und Trieb zum Manne sich findet. Die eine Vorbedingung der Gesundheit, der Trieb zum Weibe, findet sich demnach in diesem Falle, und es fragt sich nun, ob wir nichtsdestoweniger wegen der conträren Sexualempfindung solche Fälle in das Gebiet der Pathologie rechnen sollen.

Die Frage ist schwer zu beantworten, ich glaube indessen, dass wir uns auch hier nur mit einer Analogie werden behelfen können, wenn wir uns entscheiden wollen. Nehmen wir hier wieder zum Vergleich den Appetit. Bekanntlich giebt es Personen, die auf Dinge Appetit haben, die mit der Ernährung des Organismus nichts zu thun haben. Wir finden diese Fälle häufig bei Chlorotischen, bei Hysterischen und Schwangeren; solche Personen essen mit Vorliebe Kreide, Ziegelstücke, Kaffeebohnen und dergl. mehr. Diese Neigungen betrachten wir als pathologische, weil sie auf Dinge gerichtet sind, die zur Erhaltung des Organismus nichts beitragen. Dass hierbei gleichzeitig jene Leute auch Appetit auf nothwendige Dinge, z. B. Fleisch und dergleichen haben, kann nicht verhindern, dass wir jene speciellen Neigungen als krankhafte betrachten. Wenn wir nun jene Neigungen als krankhafte betrachten, so werden wir, da wir die Möglichkeit der Fortpflanzung des Organismus ebenso wie seine Erhaltung als eine Vorbedingung der Gesundheit kennen gelernt haben, diejenigen Triebe seines Genitalsystems, die mit dieser Function nichts zu thun haben, als pathologische ansehen müssen. Wir werden demgemäss die conträre Sexualempfindung, die für die Fortpflanzung des Individuums überflüssig ist, als krankhaft bezeichnen müssen.

Es sind öfter andere Gründe angeführt worden, um zu beweisen, dass man es bei homosexuellem Geschlechtstrieb mit einer krankhaften Erscheinung zu thun habe; doch finde ich, dass sonstige Begründungen von sehr hervorragenden Autoren nicht ganz stichhaltig sind. Man beruft sich gewöhnlich darauf, dass, wie wir auch im Capitel VII gesehen haben, homosexualer Geschlechtstrieb gewöhnlich bei degenerirten Individuen vorkommt, bei denen gleichzeitig auch noch andere Erscheinungen der Degeneration des Centralnervensystems vorliegen. Einer solchen Beweisführung dürfen wir aber nicht zu viel Gewicht beimessen, denn sicher kommt es vor, dass sich homosexueller Geschlechtstrieb als einziges Symptom, wenn auch sehr selten, vorfindet. Wollten wir nun zur Begründung, dass dieser homosexuelle Trieb krankhaft sei, an-


204 Homosexualität, ein pathologisches Phänomen.

führen, dass das Individuum aus einer degenerirten Familie stammt, so könnten wir mit demselben Recht behaupten, dass, wenn das betreffende Individuum gern ein Beefsteak isst, das Essen des Beefsteaks 1) ein Zeichen der Degeneration sei, weil es bei einem belasteten Individuum vorkommt. Es ist durchaus ein Fehler gegen die Logik, zu behaupten, die conträre Sexualempfindung finde sich bei degenerirten Individuen, mithin sei sie ein krankhaftes Symptom. Es mag diese Erörterung vom Standpunkt der Aetiologie und Theorie aus ihre Berechtigung haben, für die Entscheidung der Frage, ob die Erscheinung krankhaft sei oder nicht, hat sie nicht die Bedeutung, die ihr im allgemeinen beigemessen wird.

Nichts destoweniger werden wir in solchen Fällen, wo wir deutliche Zeichen einer Neurose oder Psychose finden, leicht geneigt sein, die conträre Sexualempfindung als ein Symptom des Krankheitszustandes aufzufassen. Es mag dies ähnlich liegen wie bei der Dyspepsie, die uns bald als isolirtes Symptom als essentielle entgegentritt, bald gleichzeitig mit zahlreichen andern Erscheinungen von Neurasthenie als ein Symptom der letzteren. Schon Westphal hat übrigens diesen Punkt kurz erörtert, es aber ganz unentschieden gelassen, ob man es bei der conträren Sexualempfindung mit einem Symptom eines neuro- resp. psychopathischen Zustandes zu thun habe, oder ob sie ein isolirtes Symptom sei.

Durch den Weg, den ich oben eingeschlagen habe, den der Analogie, bin ich zu dem Resultat gekommen, den homosexuellen Geschlechtstrieb als ein pathologisches Phänomen zu betrachten. Eine weitere Frage ist es nun, zu welcher Gruppe von Kranken wir ein Individuum, bei dem der Geschlechtstrieb conträr ist, einreihen sollen. Insbesondere ist die Frage zu beantworten, ob

1) Vielleicht wäre es besser, statt dieses Beispiels eine sonst selten vorkommende Handlung oder Neigung des betreffenden Individuums zu wählen. Wir dürfen aber eine solche auch nicht einfach für ein pathologisches Symptom halten, weil das Individuum aus einer degenerirten Familie stammt, oder jene Erscheinung sich bei nicht Degenerirten selten findet. Wir müssen vielmehr das Symptom stets auch an sich betrachten und uns überlegen, ob es durch seinen Einfluss auf das Individuum bezw. die Fortpflanzung als ein krankhaftes angesehen werden muss. Damit steht natürlich nicht in Widerspruch, dass man in der Psychiatrie heute zur Feststellung der Degeneration auf das genaueste die Antecedentien der Familie prüft. Dadurch kann natürlich die Frage der Degeneration, nicht aber die Frage, ob irgend ein Symptom pathologisch ist, entschieden werden.


Neurose oder Psychose. 205

wir den Patienten bei einem so schweren psychischen Symptom zu den Nervenkranken oder Geisteskranken rechnen sollen, wenn andere schwere psychische Symptome fehlen. Wir wissen, dass man das Bestehen von Sinnestäuschungen, die der davon Befallene nicht als Täuschung erkennt, sondern für wirklich vorhanden ansieht, mitunter als Beweis einer Geisteskrankheit betrachtet 1). Wollten wir auch für den Geschlechtstrieb annehmen, dass das Erkennen der Krankhaftigkeit entscheidend sein soll für die Frage, ob wir es mit einer Geistesstörung zu thun haben oder nicht, so würden wir Gefahr laufen, eine Psychose bei fast allen Urningen annehmen zu müssen. Ich finde wenigstens, dass nur sehr selten ein Urning seinen Geschlechtstrieb als etwas krankhaftes bezeichnet, und ich weiche hierin von Westphals Annahme ab. Der in der Vorrede erwähnte Herr N. N. ist einer der wenigen von den mir bekannten Urningen, die ihren Trieb als etwas krankhaftes betrachten, und wir würden demgemäss die meisten Urninge für geisteskrank 2) ansehen, wenn wir die Entscheidung nach dem Bewusstsein der Krankhaftigkeit treffen wollten.

Dennoch nehme ich Anstand, dies zu thun, und den perversen Geschlechtstrieb ohne weiteres für genügend zu erklären, um den Mann für geisteskrank zu erachten. Ich möchte immer weiter die Analogie zwischen Geschlechtstrieb und Trieb zur Nahrungsaufnahme durchführen, um die Frage der Geistesstörung zu entscheiden. Mit Recht wird von verschiedenen Autoren die Liebe in eine gewisse Parallele gestellt zum Hunger. Zwei Gefühle wirken mit zwingender Notwendigkeit auf jedes belebte Wesen, sagt Laurent: der Hunger, der die Erhaltung des Individuums zum Zwecke hat und die Liebe, deren Zweck die Erhaltung der Gattung ist 3). Ebenso wenig aber, wie wir die Neigung und den

1) Die Autoren sind über diesen Punkt nicht ganz einig. W. Sander ist geneigt, in solchen Fällen stets krankhafte Geistesstörung anzunehmen, während v. Krafft-Ebing in seinem „Lehrbuch der Psychiatrie" manche hierher gehörige Person noch nicht für geisteskrank ansieht; er erwähnt insbesondere historische, nicht geisteskranke Personen, deren Hallucinationen bekannt sind: Luther, der dem Teufel das Tintenfass nachwarf, Sokrates, der sich mit seinem Dämon unterhielt, Mohammed u. s. w.

2) Es kommt noch hinzu, dass selbst der von der Krankhaftigkeit des Triebes Ueberzeugte ihn nicht zurückdrängen kann und schliesslich unter seinem Einfluss handelt, während der die Sinnestäuschung als solche Erkennende von ihr nicht weiter beeinflusst wird.

3) Auch v. Krafft-Ebing stellt den Erhaltungs- und den Geschlechtstrieb neben einander: „Das physiologische Leben kennt einen Erhaltungs- und


206 Neurose oder Psychose.

Trieb des Menschen zu gewissen sonst widerlichen Nahrungsmitteln uns Veranlassung giebt, den Betreffenden für geisteskrank zu halten, ebenso wenig möchte ich den conträren Geschlechtstrieb ohne weiteres für den Beweis einer Psychose betrachten.

Sicherlich sind ja alle Unterscheidungen von Neurose und Psychose ziemlich willkürlich, und was der eine für eine Neurose erachtet, wird der andere für eine Psychose ansehen. Daher kommen auch manche Widersprüche in der Beurtheilung der conträren Sexualempfindung bei verschiedenen, ja sogar bei demselben Autor. Westphal z. B., der sonst Anstand nahm, die conträre Sexualempfindung für das Symptom eines psychopathischen Zustandes zu erachten, vergleicht sie trotzdem mit der Moral insanity, die wir sonst als eine Psychose ansehen.

Stark vergleicht also ganz passend, wie aus meinen Erörterungen hervorgehen dürfte, die conträre Sexualempfindung mit der Hysterie oder vielmehr mit gewissen Symptomen, die im Verlaufe der Hysterie sich zeigen. Es kommt vor, dass bei der Hysterie gewisse Reize, die wir normaliter als angenehm und wohlthuend empfinden, z. B. Wohlgerüche bei hysterischen Frauen einen Ekel erregen, während bekanntlich Empfindungen, die bei normalen Menschen Widerwillen hervorrufen, von Hysterischen als wohlthuend empfunden werden, z. B. der Geschmack von Asa foetida.

(Fortsetzung der Fußnote von der vorigen Seite)
einen Geschlechtstrieb. Das krankhafte Leben schafft keine neuen Triebe, wie man fälschlich angenommen hat. Es kann die natürlichen Triebe nur vermindern, steigern oder in perverser Weise zur Aeusserung gelangen lassen."




nächster Abschnitt        voriger Abschnitt        Einführung/Inhaltsverzeichnis
www.schwulencity.de = www.queernet.de = www.queer-net.de
Zeittafel Home hs - homosexuelle Selbsthilfe schwule Bücher Links