Antonio Panormita (1393 Palermo/Sizilien - 06.01.1471 Florenz) widmet seinen "Hermaphroditus" Cosimo dei Medici (27.9. 1389 Florenz - 1.8. 1464 Florenz) , genannt der Alte ("il Vecchio"); Cosimo gelangte zu höchster Macht und beherrschte Florenz ohne ein öffentliches Amt zu bekleiden. Er stiftete u.a. die Platon. Akademie und zog eine Vielzahl von Künstlern an.
Der Hermaphroditus wurde ca. 1420-1425 verfasst, 1791 gedruckt und 1824 in einer kommentierten Ausgabe von C. Fr. Forberg herausgegeben.
In seinen lateinischen Versen greift Panormita er die antike Tradition auf, schildert zynisch-belustigt u.a. "das Biegen der Knaben" und die Kapazität des Hinterns.

Die Zahlen in den Anmerkungen geben die Verszeile an.



Nicht untergehn kann dieses Denkmal hier.

HERMAPHRODITUS.

ERSTES BUCH.

I.
An den Erlauchten Cosimo von Florenz,


aus dem berühmten Geschlechte der Medici. Der Autor bittet ihn, er möge, unbeirrt von der Meinung der Menge, das Büchlein trotz seiner Laszivität mit wohlwollendem Gemüte lesen, und mit ihm vereint den Männern des Altertums nachstreben.

Wenn die Geschäfte und Sorgen des Staatsregimentes dir Muße
Lassen, o Cosimo, lies dieses mit heiterem Blick.
Reizt doch zum lauten Gelächter dies Buch auch den traurigsten
Murrkopf; Jedem, sogar Hippolyt, hebt sich beim Lesen das Glied.
Darin folge ich auch den gelehrten Poeten der Alten,
Die sich manch kräftigen Scherz haben zu dichten erlaubt;
Diese führten ja keusch (man weiß es) und ehrbar ihr Leben
Während die Schriften sie anfüllten mit schlüpfrigem Spaß.
Aber dem törichten Volk ist dies verborgen, das niemals
Nach den Alten gefragt, stets für den Bauch nur gesorgt;
Dumm, wie es ist, wird es auch bekritteln meine Gedichte.
Sei es! Was macht's? Ungeschmäht läßt der Verständige mich.
Du aber, Cosimo, lies mich, acht' nicht auf den Pöbel, den rohen.
Du auch wandle mit mir auf der Unsterblichen Spur.


Anmerkung: 1. Diejenigen Anmerkungen zum lateinischen Text, welche sich auf das Verhältnis der Handschriften und Ausgaben zueinander beziehen, welche nur Lesarten, Emendationen oder Konjekturen enthalten, müssen in der deutschen Übersetzung selbstverständlich als überflüssig, ja, geradezu störend, wegfallen. Aus diesem Grunde werden auf der rechten Seite hier und da einzelne Stellen leer bleiben müssen.
Der Übersetzer.

4. Ovid. Amores II, 4, 32:
stellst du
Dort den Hippolytus hin, wird ein Priapus er sein.


II.
Der Autor spricht mit sich selber und antwortet.


Cosmus besitzt, ja er liest sogar öfter die göttlichen Dichter;
Wozu, du heis'rer Poet, störst du beim Studium ihn?
Cosmus hält aber auch üppige Tafel; und doch ißt er Kohl gern?
Was für den Magen hier gilt, gilt doch fürs Studium auch.


Anmerkung zu II.
1. Er besitzt die Dichter. Bücher zu haben wollte zu jener Zeit schon etwas besagen.

4. Er liebt nämlich mit beiden abzuwechseln.


III.
An den Erlauchten Cosimo, über den Titel des Buches.


Cosimo, hast du den Titel von meinem Büchlein gelesen?
Oben am Rande hab ich's „Hermaphroditus" genannt.
Denn für ein Buch, das wie meins, ein weiblich und männliches Glied hat,
Paßt so ein Titel wie der ganz außerordentlich gut.
Nennst du es aber Popo, weil auch den Popo es besinget,
Hättest du's sicherlich auch gar nicht unpassend benannt.
Wenn dir jedoch von beiden nicht eins noch das andere zusagt,
Welchen Namen du willst gib ihm, nur sei er nicht keusch.


IV.
An die keuschen Frauen und Jungfrauen.


Jede Matrone, die hier ist, ersuche ich sich zu entfernen;
Auch jede schamhafte Maid fliehe errötend von hier.
Denn ich entkleide mich jetzt; schon steigt aus den offenen Hosen
Drohend mein Glied, und im Wein wird meine Muse ersäuft.
Aber Nichina mag bleiben, sie les' meine zotigen Verse,
Ursa auch, die gewöhnt ist an das Adamskostüm.

Anmerkung zu IV.
3. Martialis III, 68:
Weiche von hinnen:
Wir entkleiden uns: meid's, nackende Männer zu sehn.

5. In betreff der Nichina vgl. das XXX. Epigramm des zweiten Buches.


V.
An Ursa, als sie auf ihm lag.

Will meine Ursa gefickt sein, so legt sie sich auf den Priapus,
Spielt meine Rolle, und ich füg' in die ihrige mich.
Mußt du mich reiten, ach Ursa, dann rühre doch Hintern und Schenkel
Mäßiger, — oder mein Glied hält die Geschichte nicht aus.
Ferner auch steck dir den Penis nicht immer vom neuen ins Arschloch;
Wenn es dich, Ursa, auch freut, ihm macht es wenig Pläsier.

Anmerkung zu V.
1. Es ist das diejenige Figur des Koitus, bei welcher der Mann auf dem Rücken liegt, während das Weib, ihm zu- oder abgewandt, auf ihm liegt. Apulejus Metamorph. II, 17:
„Mit diesen Worten ist sie (Fotis) auf meinem Bette, sitzt rittlings auf mir, wiegt sich auf und nieder, läßt mit wollüstigen Gesten ihr reges Kreuz spielen und speist mich mit dem Genuß der schwebenden Venus."
Martial XI, 104:

Hinter der Tür befriedigten selbst sich die phrygischen Sklaven,
Wenn auf Hektorischem Roß ihre Gebieterin saß.


Ovidius, De arte amatoria III, 777—778:
Sitze die Kleine zu Pferde; nie saß die Thebäische Gattin,
Weil sie die Größeste war, auf dem Hektorischen Roß.


Aloisia Sigaea (die deutsche Übersetzung von H. Conradt, Leipzig 1903), S. 167:
„Steh auf, und nimm von hinten Rangoni zwischen deine Schenkel, so daß die Spitze deines Dolches genau auf deine darüber befindliche Scheide trifft."
Ebendaselbst, S. 241:
„Er (Chrysogonus) legt sich auf den Rücken, sie (Sempronia) steigt auf ihn und stößt sich mit eigener Hand seinen schlanken Speer hinein, nachdem sie die Schenkel auseinandergespreizt hat."
3. Hinterbacken und Schenkel stoßweise bewegen heißt in der Sprache des römischen Lupanars „crissare". Die Weiber führen diese Bewegungen aus, teils beim Koitus, um durch die Reibung das Wollustgefühl zu steigern, worauf sich Martial XI, 104 bezieht:
Du hältst es nicht für nötig, durch Bewegung das Werk zu fördern,
teils pantomimisch, beim Tanze, um die Sinnlichkeit des Zuschauers zu reizen. Die Mädchen von Gades (heut Cadiz) in Spanien waren berühmt wegen ihrer wollüstigen Tanzpantomimen. Martialis V, 78:
Noch bewegen vom frechen Gades Mädchen,
Unaufhörlich von Lüsternheit gestachelt,
Wollustkundig sie schaukelnd, ihre Hüften.


Ebenderselbe XIV, 203:
So verführerisch reizt sie, so zitternd bewegt sie die Hüften,
Daß sich sogar Hippolyt hätte vor ihr masturbiert.


Solch ein Mädchen war die Quintia, Priap. XXVII:
Quintia, des Volkes Ergötzen, die weithin bekannte, im großen
Circus, die kunstvoll gewandt wiegend die Hüften bewegt.


Ebenso Telethusa, Priap. XIX:
Wenn hier das Gassendirnchen Telethusa,
Dem keine Tunika den Hintern zudeckt,
Gelenker als ein Schlangenmensch den Steiß hebt,
Vor dir die Hüften wiegt im Wellentakte,
Dann müßte sie Priapus nicht nur, sondern
Der Phädra Stiefsohn auch gewaltig aufregen.


Statt des unverständlichen „extis" in der dritten Zeile erlaube ich mir „exosse" zu lesen, denn „knochenlos" (exossis) scheint das Mädchen zu sein, welches die Fähigkeit besitzt, mit aufgehobenen Hinterbacken und Hüften ihr Gesäß wollüstig schaukelnd zu bewegen. Apulejus, Apologie, Kap. 74:
„in früher Jugend Pantomimen zu tanzen, fast ohne Knochen und Sehnen."
Ebenderselbe, Metamorph., I. Buch, Kap. 4:
„Und siehe da, ein schöner, zarter Knabe erhebt sich und führt mit verschlungenen Bewegungen, fast wie ohne Sehnen und Knochen, einen Tanz aus."
Vgl. Lucretius IV, 1247:
Ziehet den Saft sie ein als fehlten dem Körper die Knochen (sich so bewegend).
5. Er will nicht das „Knabenkränzlein" der Fotis angeboten haben. Apulejus, Metamorph. III. Buch, Kap. 20:
„Wir überlassen uns dem Taumel der Wollust, und schon ermattete ich, als Fotis mir aus eigener Freigebigkeit ihr Knabenkränzlein darbot."


VI.
Auf Corvinus, der seinen Wein sorgsam bewacht, aber nicht sein Weib.


Fest hinter Riegel und Schloß verwahrt Corvinus sein Weinfaß,
Aber der Gattin Geschoß sperrt er mit Schlössern nicht ab.
Eifersucht quält um das Faß, doch nicht um die Fut ihn; das eine,
Bohrt man es an, läuft aus, aber die andere nicht.

Anmerkung zu VI.
4. Priap. III:
Gib mir
Immer, was geben du kannst; schließlich verlierst du doch nichts.


VII.
Grabschrift des hinkenden Päderasten Pegasus.


Willst meinen Namen du wissen und was ich begehre, o Wandrer,
Pegasus bin ich und lahm, den diese Erde bedeckt.
Wisse nun auch meinen Wunsch, nachdem du den Namen erfahren,
Daß deine Neugier auch gänzlich befriedigt dir sei:
Wenn einen Jüngling du hast, mit dem du der Liebe willst pflegen,
Tu' das, ich bitte dich drum, Wanderer, auf diesem Grab.
So durch den Beischlaf und nicht durch Weihrauchwolken versöhnet,
Sei meinen Manen die Ruh', die ich ersehne, vergönnt.
Damit besänftiget man die Schatten des Hades am besten,
Wie es vor alters ja auch haben die Väter geglaubt.
So versöhnte Achill die Asche im Grabe des Chiron,
Solches hat auch dein Popo, blonder Patroklos, verspürt.
Hylas erfuhr es, als Herakles ihn auf dem Grabe des Vaters
Spießte. Drum opfre auch du wie es die Alten gelehrt.


EPITHAPHIUM PEGASI, CLAUDI PAEDICONIS.
Si vis scire meum nomen votumque, viator,
Pegasus hac ego sum claudus humatus humo.
Vota deinde scias, nomen quum sciveris; audi:
Sie desiderio tu potiare tuo.
Quum pathicum quemquam paedicaturus ephebum es,
Illud in hac tumba, quaeso, viator agas,
Atque ita mis animas coitu, non thure, piato,
Scilicet hanc requiem manibus, oro, dato.
Hoc apud infernas genus est leniminis umbras
Praecipuum; prisci sie statuere patres.
Quippe ita Chironis cineres placabat Achilles,
Sensit et hoc podex, flave Patrocle, tuus,
Gnovit Hylas patrio percisus ab Hercule busto.
Tu mihi majores quod docuere lita.

Anmerkung zu VII.
13. Virgil, Georg. III, 6:
Wer nicht hätte erzählt von Hylas, dem Knaben?
Martial XI, 43:
Herkules legte beiseit den Bogen um Hylas zu biegen.
Percidi (zerhauen, zerspalten werden) wird von den Pathicis gesagt: Martial IV, 48:
Hauen läßt du dich gern, gehauen, Papilus, klagst du.
Martial VII, 62:
Bei geöffneter Tür, Amillus, verhau'st du Erwachsne.


VIII.
Auf Ursas Geilheit und ihre Nase.


Wenn uns die Länge der Nase die Größe der Geilheit verriete,
Ursa, so ging' deine Brunst bis auf die Füße hinab.
Ja fürwahr, wenn die Geilheit der Größe der Nase entspräche,
Müßtest du bis zu dem Knie, Ursa, aus Nase bestehn.

Anmerkung zu VIII.
Ramusio da Rimini, Carm. XXXI:

Man heißt mich Hure, Wölfin, Kuh oder Bärin:
Mir trug der Zufall solcherlei Namen ein.

1. Martial VI, 36:
So groß, Papilus, ist dein Schwanz, so groß ist die Nase,
Daß du, so oft er sich hebt, ihn auch zu riechen vermagst.

2. Juvenal VI, 129:
noch heiß von der Brunst der genossenen Liebe.


IX.
An Cornutus.


Er erklärt ihm, weshalb er so niedergeschlagen sei, seitdem er Toscana verlassen hat.

Liebster Cornutus, du willst von dem Busenfreunde erfahren,
Was mich so traurig gestimmt, seit ich Toscana verließ,
Warum Freude und Scherz verschwunden, warum ich so bleich bin,
Was meiner Muse geschehn, daß sie so plötzlich verstummt?
Ach, hier regiert der Franzos mit mächtigem Glied und begehret
Alles was Schenkel nur hat, alles was küßt, für sich selbst
Sein ist was in der Stadt an Hinterbacken sich findet,
Was aus Toscana und sonst irgendwoher zu uns kommt.
Freilich wohl gibt er Geschenke wie sie einem Krösus geziemen,
Und den Geschenken fügt schmeichelnde Lockung er bei.
Drum auch erläßt er als Prätor Edikte an seine Epheben:
„Laßt es nicht zu, daß man euch anrührt oder verführt!"
Sprechen nicht darfst du mit einem der Knaben, wenn er's nicht erlaubt hat,
Keiner auch gibt sich dir hin, außer wenn er es so will.
Du dahingegen, du willst alle Weiber, ob Damen, ob Mägde,
Ob anständig, ob schlecht, mit deinem Dinge bedräun.
Kaum vor der Wöchnerin scheinst du heilige Scheu zu empfinden,
Ja, vor der Schwester und auch nicht vor der Mutter einmal.
Witwen vögelst du auch und Bräute und Gattinnen; kaum noch
Ist in der Stadt ein Geschoß übrig, das dir nicht gehört.
Du willst alles für dich, was hier in Bologna Pipi macht,
Er beansprucht für sich alles, was kackt in der Stadt.
Deswegen muß mir der Knüppel so stehn, daß, wenn etwa Einer
Größer ihn hat, er kein Mensch, sondern ein Maulesel ist;
Deswegen wachsen Begierden und Kräfte mir so, daß, wenn Einer
Mich übertrifft, er kein Mensch, sondern ein Sperling muß sein.
Ach, warum gibt man mir nicht was zu ficken in reichlicher Menge?
Ist denn hier nirgend ein Weib, das mir die Hoden erschöpft?
D'rum also sei doch so gut: überlaß mir von all deinen Mädchen
Eine für mich oder schau, daß du mir eine verschaffst.
Dann wirst du sehen, wie lustig ich bin und wie-üppig ich schlemme;
Lieblich ertönt dann aufs neu meiner Thalia Gesang.


AD CORNUTUM. RESPONDET QUARE RELICTA ETRURIA TRISTIOR SIT.
Quaeris ab unanimi, dulcis Cornute, sodali,
Cur videar licta tristior Etruria,
Cur lusus abiere jocique, et pallor in ore est,
Muta quid heic subito facta Thalia mea est.
Pene potens agit heic Gallus, qui cruscula solus
Quaeque velit, solus basia quaeque velit.
Is sibi habet quodcunque natis vel podicis urbe est,
Quidquid et e Tuscis aut aliunde venit.
Munera dat, Croeso nummato qualia sat sint;
Muneribus blandas adiicit illecebras.
Inde edicta suis scribit quasi praetor ephebis:
Ne sine te tangi, ne sine te subigi.
Non potes ergo loqui puero, ni indulgeat ille,
Ni velit is, puero non potes ipse frui.
Tu contra ingenuas mulieres, tu quoque servas,
Tuve bonas vexas inguine, tuve malas.
Vix tibi quae natum sacro de fonte levavit,
Vix sacra, vixque soror, vix tua tuta parens.
Tu futuis viduas, futuis nuptasque maritasve,
Et tibi vis cunni quidquid in urbe manet.
Tu tibi vis igitur tota quid mingit in urbe,
Ille sibi tota quidquid in urbe cacat.
Et mihi quin etiam jam constat mentula, qualem
Qui superat, certe non homo, mulus erit.
Et mihi nimirum constant viresque vicesque,
Quales qui vincit, non homo, passer erit.
Cur mihi non igitur futuendi copia fiat?
Nee sit quae coleos hauriat ulla meos?
Quare agedum nobis de partis cede puellam
Aut unam, aut unam tu mihi quaere novam.
Tunc me conspicias laetum lautumque licebit,
Candida tunc pulchrum nostra Thalia canet.

Anmerkung zu IX.
5. Vgl. Epig. XIII, 5. 6.
Cruscula velle (die Schenkel haben wollen) ist das Begehren des Päderasten. Dasselbe besagt (II. Buch, Epigr. XXTV, 4.) der Ausdruck „cruscula adfectare."
15. Ovid, De arte amat. II, 627—628:

Wahrlich, du solltest umher die sämtlichen Mädchen durchmustern,
Um zu erzählen der Welt: „Die auch besaß ich einmal."


20. Catull. XXXVII, 3-5:
Glaubt ihr beschlagen euch allein mit Mannsgliedern?
Allein befugt, wo irgend Mädchen blühn, alle
Zu ficken, wie wenn unsereins ein Bock wäre?

23. 24. Lampridius, Commodus, Kap. X: Auch hatte er einen Menschen bei sich, der ein ungewöhnlich großes Schamglied hatte und den er seinen Onos (Esel) nannte.
Juvenalis IX, 92:

suchet sich selbst einen andern zweibeinigen Esel.

Hieronymus zu Ezechiel XXIII: Sie entbrannte zuvor gegen ihre Buhlen, die Ägypter, deren Fleisch ähnlich ist dem der Esel, haben auch einen starken Samenfluß und so große Schamglieder, daß sie die der Rosse an Unförmlichkeit übertreffen.
Pacifico Massimi, Elegia X, S. 124 der Pariser Ausgabe:
Jenes vergeilte Geschöpf, das kein Esel je konnte befriedigen,
Siehe, da liegt sie! Du hast's mit deinem Glied ihr besorgt.
Derselbe, Elegia XI:
Such' sie sich doch einen andern, sie sieht solchen Penis nicht wieder;
Himmel und Erde besitzt so etwas Ähnliches nicht.

Petronius, Kap. XCII:
„Er hatte ein so großes, gewichtiges Schamglied, daß man glauben konnte, der ganze Mann sei nur ein Anhängsel seines Penis."
26. Priapeia XXVI:
Das Glied, das jede Nacht sie mir ermüden,
Die Nachbarinnen, denen es ewig juckt.
Noch lüsterner als im Frühling die Spatzen.

Scioppius bemerkt hierzu: Alle Wesen, besonders aber die Sperlinge, sind im Frühling dem Dienst der Venus mehr als sonst ergeben. Als ich in Ingolstadt wohnte, sah ich, von meiner Studierstube aus, einen Sperling zwanzigmal den Geschlechtsakt ausüben, worauf er so erschöpft war, daß er bei dem Versuche davonzufliegen, zu Boden fiel. Welch unbilliges Geschick, das den Sperlingen gewährt was es den Menschen versagt!


X.
Auf den hinkenden und schmähsüchtigen Mattia Lupi.

Wer hat's gewagt, meine Dichtungen frech zu bekritteln? Ich weiß nicht,
Aber ich irre wohl nicht, sage ich: „Lupi, der war's".
Liederlich freilich ist oft meine Muse, so scheint es den Leuten;
Dieses gesteh' ich, doch da paßt sie ja trefflich zu ihm:
Er ist ein geiler Gesell, und voll Wollust steckt unsere Muse;
Sie ist leichtfertig im Vers, locker in Sitten ist er.
Dazu noch stelle dir vor, dieses Vieh geht auf ungleichen Füßen,
Auch das Distichon baut auf sich auf ungleichem Fuß.
Tadelt er also den Vers, so faß er sich selbst an die Nase.
Wär'st du vernünftig, du schwiegst, degenerierter Cretin!


XI.
Auf denselben Krummfuß.


Sag' mir doch, Lupi, weshalb du in lange Gewänder dich kleidest?
Glaubst du, den Fehler am Fuß decke die Toga dir zu?
Eitles Bemühen, du Tropf; es bewegen sich Schultern und Hüften,
Wie ohne Ruder ein Kahn schwanket auf brausender Flut.


XII.
Auf den der größten Schande ergebenen Mamurianus.


Trügst du so viele der Schwänze als schon du im Hintern gehabt hast,
Fort auf den Schultern, du wärst stärker fürwahr als ein Ochs.


IN MAMURIANUM, POSTREMAE TURPITUDINIS VIRUM.
Si tot habes scapula penes, quot sorpseris ano,
Et perfers, vincis, Mamuriane, boves.

Anmerkung zu XII.
Ein der Schande ergebener Mann ist ein solcher, der der Venus von hinten frönt und seinen Steiß der Wollust seiner Liebhaber preisgibt.


XIII.
Lepidinus fragt den Autor, warum jemand, der einmal die Päderastie auszuüben begonnen hat, gar nicht wieder davon abläßt.


Warum verlernt wohl, o Dichter, wer's einmal mit Knaben versucht hat,
Oder auch einmal „in os", diese Gewohnheit nicht mehr?
Selbst so ein Brite, ein Tölpel, der's einmal geschmeckt hat, der nimmt schon
In diesem Liebesgenuß mit Sienesen es auf.
Galliern weichet Neapel, den Cimbern Florenz, wenn der Zufall
Solche Barbaren einmal Knaben berühren gelehrt.
Wer einem Knaben nur einmal sich über den Rücken gelegt hat,
Kann von dem Werke nicht mehr lassen, nachdem er's probiert.


LEPIDINUS AB AUCTORE QUAERIT, CUR QUI SEMEL PAEDICARE COEPERIT HAUDQUAQUAM DESISTIT.
Cur qui paedicat semel, aut semel irrumat, auctor
Nugarum, nunquam dedidicisse potest?
Immo Brito et bardus, quum vix gustaverit, ultro
Certat in hoc ipso vincere amore Senas.
Parthenope Gallis cedit, Florentia Cimbris,
Si semel his puerum sors tetigisse dedit.
Sic qui forte manes semel inclinaverit, idem
Haud facinus coeptum destituisse potest.

Anmerkung zu XIII.
3. Die Briten galten bei den alten Römern für dumm und schwer von Begriffen. Juvenal XV, 111:

Gallien lehrte, im Reden geübt, den britannischen Anwalt.

Isidorus, Originum lib. IX, Kap. 2:
„Die Briten werden, wie einige vermuten, auf lateinisch so genannt, weil sie dumm (bruti) sind." Hier werden die Briten mit den Cimbern zugleich genannt, wie bei Juvenal XV, 124:
weder die schrecklichen Cimbern, noch je die Britonen.

5. Der Autor sagt, daß die Neapolitaner und die Florentiner, die von allen Männern am meisten der Päderastie ergeben sind, darin von den Franzosen und den Völkern des Nordens noch übertreffen werden, sobald diese die Wollust einmal kennen gelernt haben, vor der sie sonst einen heftigen Abscheu empfinden. Die Ursache indessen, weshalb sowohl die Italiener als die Spanier so großes Vergnügen an der Päderastie finden, erklärt Aloisia Sigaea in ihren „Gesprächen", S. 184, wenigstens einigermaßen: „In der Jetztzeit tragen vorzugsweise die Franzosen den größten Abscheu vor widernatürlicher Geschlechtsbefriedigung zur Schau; den Sünder, der sich damit befleckt, übergeben sie zur Reinigung der strafenden Flamme, da nach ihrer Meinung die Schärfe des Schwertes noch nicht genügt, die beleidigte Keuschheit zu rächen. Den Italienern und Spaniern erscheint dies unbegreiflich, ganz zu geschweigen von den Völkern, die dem Gebot des Propheten Mohammed Untertan sind. In den Augen der Südländer sind die Franzosen und die ändern Nationen des Nordens zu stumpfsinnig zur Wollust; sie haben nicht, wie sie, den richtigen Begriff von den Freuden der Liebe. Aber im Grunde werden durch uns Frauen die widernatürlichen Begierden der Männer angestachelt: wir zwingen sie, anderweitig einen Genuß zu suchen, dessen volle Befriedigung sie nicht bei uns finden können. Bei uns Italienerinnen und Spanierinnen steht das Venuspförtlein — wer könnte das leugnen wollen? — viel weiter offen als bei anderen Frauen. Wenn ein Mann, der mit uns zu tun hat, nicht in ganz besonderer Weise begabt und ausgestattet ist, so muß er glauben, nicht ein Liebesspiel zu treiben, sondern in einer weiten Halle sich im Speerstoßen zu üben. Wenn der Zutritt zur Grotte zu leicht gestattet wird, macht ihr Besuch weniger Vergnügen. Die Mentula hat es gern, wenn sie zusammengepreßt und ausgesogen wird; wenn sie allzu frei herumspazieren kann, ist sie nicht zufrieden. Beim Liebesgenuß von hinten geht die Sache angenehmer vor sich. Die Mentula findet nur mit Mühe Eingang, und wenn sie drinnen ist, füllt sie nicht nur den Raum aus, sondern dehnt sogar dessen Wände. Die Stechbahn ist also nicht breiter, als der Reiter sie wünscht; die Herberge richtet sich nach dem Gast, dem sie Unterkunft gewährt, da die Muskeln sich nach Belieben zusammenziehen oder ausdehnen können. Wenn dagegen unsere Grotte einmal mit Gewalt geöffnet und zu einem fürchterlichen Schlund geworden ist, dann vermag eine Frau es durch keine Geschicklichkeit, durch keine besondere Stellung oder Bewegung zu bewirken, daß sie nicht weit bleibt: sie ist nach wie vor ein fürchterlicher Schlund für die arme Mentula, und das nimmt der Begattung viel von ihrem Wert. Darum sind bei uns die Liebhaber der unreinen Lust so zahlreich, während es deren im Gegenteil bei den Franzosen und den Deutschen nur wenige gibt. In den nördlichen Ländern sind die Frauen nicht so weit gebaut; es ist wie wenn durch die Kälte die Glieder sich zusammenzögen. Da also die Männer im naturgemäßen Verkehr mit ihren Frauen alle nur wünschenswerte Lust finden, was könnten sie mehr verlangen als die Hausmannskost, die sie im Speiseschrank haben? Auch bei uns halten sich ja diejenigen Männer, die von der Natur reich ausgestattet sind und einer stattlichen Manneszier sich rühmen können, von diesen Sachen frei: sie machen es nicht von hinten, noch auch lassen sie sich's machen. Soweit unsere Aloisia Sigaea, oder vielmehr Nicolas Chorier, der sich hinter dem Pseudonym der gelehrten Jungfrau verborgen haben soll.
7. 8. Da die Kinäden gewöhnlich von ihren Liebhabern vornüber geneigt wurden, um eine bequemere Stellung einzunehmen, wurde der Ausdruck „inclinare" (biegen) als Euphemismus für „paedicare" gebraucht, ebenso wie .concumbere" (beisammenliegen) für „futuere". Juvenal IX, 26:
ja, du pflegtest sogar Ehmänner zu biegen.

Derselbe X, 224:
wie viel biegt von den Schülern Hamillus.

Gleiche Bedeutung hat „incurvare" (beugen); Martial XI, 43:
Auch der Tirynthier hat sich den Hylas niedergebeuget.

Beide Ausdrücke gebraucht man auch von Frauen, mit denen der naturgemäße Beischlaf vollzogen wird, aber — entweder wegen ihres großen Leibesumfanges oder aus Lust an der Abwechslung — von hinten, nicht von vorn. Luxorius in der Anthologia Burmanni, Bd. II, S. 592:
„Zelotypus beugt mehrere Mädchen mit dem Gesäße." Und auf dieselbe Weise setzt jener saubere Bursch, bei Apuleius, Metam. IX. Buch, Kap. 7 dem Ehemann Hörner auf:
„unterdessen schmiegt sich der saubere Bursch über seine Frau Zimmermännin hin, welche sich auf das Faß gebückt hatte und verhämmert sie in aller Ruhe."


XIV.
Auf den stolzen, aber der größten Schande ergebenen Weichling Lentulus.


Lentulus, dir nur allein gehören dein Geld, deine Bücher,
Knaben, die hast du für dich, auch deine Kleider sind dein.
Für dich allein hast du Geist, hast Gemüt und hast deine Freunde,
Alles besitzt du allein, nehmen wir eines nur aus.
Denn dies eine, den Hintern, den hast du für dich nicht alleine,
Weichlicher Lentulus, nein: der ist Gemeingut des Volks.


IN LENTULUM MOLLEM, ELATUM ET POSTREMAE TURPITUDINIS VIRUM.
Solus habes nummos, et solus, Lentule, libros,
Solus habes pueros, pallia solus habes,
Solus et ingenium, cor solus, solus amicos,
Unum si demas omnia solus habes.
Hoc unutn est podex, quem non tibi, Lentule, solus,
Sed quem cum populo, Lentule mollis, habes.

Anmerkung zu XIV.
6. Lentulus war reich und dennoch ein Weichling oder Pathicus. Denn gegen Bezahlung gaben sich nicht nur Kinäden zum passiven Liebesgenusse, sondern auch Päderasten zur aktiven Ausübung der Päderastie her. Dazu hatte Virro den Naevolus veranlaßt, den uns Juvenal IX, 42—46 so köstlich schildert, wie er sich über den Geiz seines rechnenden und dabei „arschwackelnden" Herrn beschwert:

dann rechne noch meine Bemühung.
Ist es so leicht und bequem, meinen ehrlichen Penis in deinem
Darme zu schieben umher, wo dem gestrigen Mahl er begegnet?
Weniger ist zu beklagen der Knecht, der den Acker bestellet,
Als der den Herrn.

Der Dichter tröstet aber den niedergeschlagenen und mit seinem Schicksal hadernden Burschen, der es zu nichts bringen kann, weil es nicht genügend bekannt war, welch einen langen Spieß er hätte; Vers 130:
Nimmer verzage, denn nie wirst gefällige Freunde du missen.

Im übrigen gibt unser Poet in diesem Epigramme fast wörtlich dasjenige des Martial III, 26 wieder.


XV.
Antwortschreiben an Lepidinus und warum der Bär keinen Schweif hat.


Hör, Lepidinus, mein Lieber, die Fabel; sie ist dir zum Lachen,
Kann auch die Frage dir leicht lösen, die du mir gestellt:
Einstmals wurde gefragt von einer Göttin Priapus, —
Ob Aphrodite es war oder ob Chloris vielleicht? —
Warum, dieweil doch die Tiere fast alle mit Schweifen versehn sind,
Einzig der Bär nicht verhüllt trägt mit dem Schwänze die Scham?
Jener erzählt', daß der Bär, als gierig er suchte nach Speise,
Einige Waben, die voll waren von Honig, einst fand.
Aber so hungrig er war, so verschmäht' er zuerst, sie zu essen,
Weil ihm das Ding nicht bekannt, hielt er die Waben für Mist.
Hunger tut wehe; er stutzt, er kostet, er macht sich darüber.
Ha, wie das schmeckt! Und der Bär frißt nicht mehr, sondern verschlingt.
Aber ein Landmann, der Wächter des Honigs, mit Augen wie Argus,
Eilet herbei und macht Lärm; stören nicht läßt sich der Bär.
Schließlich ergreift den gewaltigen Bären der Bauer beim Schweife,
Zieht was er kann, doch er bringt nicht von dem Honig ihn fort.
Jener befürchtet Verlust, und der, daß vom Fraß man ihn wegzieht,
Jener bleibt fest im Entschluß, aber auch dieser bleibt fest.
Wie unser Bauer nun zieht, und der Bär sich entgegen ihm stemmet,
Reißt ihm der Schwanz, und verblüfft hält ihn der Mann in derHand.—
Hierbei erhob sich dem Hüter der Gärten das Glied, und er konnte
Mehr nicht erzählen: sein Spieß hatte die Göttin verjagt.

Anmerkung zu XV.
Lepidinus hatte den Autor gefragt, Epigr. XIII., warum jemand, der die Päderastie auszuüben begonnen hat, gar nicht wieder davon abläßt. Er antwortet ihm hier, daß es dem Anfänger in der Päderastie ebenso gehe wie dem Bären, der zuerst die Süßigkeit des Honigs geschmeckt hat: er lasse sich lieber den Schwänz abreißen, als daß er die Schleckerei aufgebe.


XVI.
Lob der Alda.


Ach, in den Augen der Alda wohnt Venus und ihre Chariten,
Und auf den Lippen thront lächelnd Cupido, der Schelm.
Sicher, sie pißt nicht; doch wenn sie es tut, dann spritzet sie Balsam;
Sicher, sie kackt auch nicht; höchstens, daß Veilchen sie kackt.


XVII.
An Corydon,

wie er in den häßlichen und mißgestalteten Knaben Quinctius verliebt war.

Jener Knabe, in den du dich, Corydon, wütend vergafft hast,
Trockener ist er als Hörn und wie der Safran so gelb.
Trockener Staub statt flüssigen Bluts erfüllt ihm die Adern,
Und seinem mageren Leib mangelt es gänzlich an Saft.
Wie man mir sagt, hat ein Mohr bei seiner Frau Mutter geschlafen,
Darum auch hat sie zur Welt schwärzliche Bälge gebracht.
Wenn du zum Lachen ihn bringst, so öffnet sein Rachen so weit sich
Wie einer Stute der Schlitz, wenn sie die Sommerglut sticht.
Riechst du den Hauch seines Mundes, so glaubst du den Hintern zu riechen,
Aber trotzdem ist sein Steiß sauberer noch als sein Mund.
Kraftlos bleibt dir und schlaff dein Penis auf ewiglich hangen,
Wenn du's nur einmal versuchst, ihm dich zum Kusse zu nahn.
Fort von hier, Quinctius, fort, du abscheuliches, stinkendes Laster,
Fort, und verpeste die Luft anderswo mit deinem Gift!
Wer kann zählen, wie oft er Schwänze im Hintern gehabt hat?
Skylla verschlang nicht so viel Schiffe am Sikuler-Strand.
Öffentlich gibt er sich Preis, o der Schande, zu allem was Weiber
Dulden, verkauft dieser Bub jedem sich hier in der Stadt.
Doch wer es über sich bringt, zu biegen diesen Kinäden,
Wahrlich, der könnte es auch mit einer Bestie tun.


AD CORYDONEM, ARDENTEM QUINTIUM, TURPEM ET DEFORMEM PUERUM.
Quintius is Corydon, quem vesanissime flagras,
Siccior est cornu, pallidiorque croco.
Aridus in venis extat pro sanguine pulvis,
Deque suo gracili corpore sudor abest.
Aethiopi perhibent gens concubuisse parentem,
Atque ideo gnatos edidit illa nigros.
Si risum elicias, rictum inspicies sibi, qualem
Prodit in aestivo tempore cunnus equae.
Si buccam olfacias, culum olfecisse putabis,
Verum etiam culus mundior ore suo est.
Mentula perpetuo tibi quam contracta jacebit,
Tu sibi dumtaxat basia fige semel.
I procul hinc, Quinti, foedum putensque lupanar,
Atque alio quovis ista venena feras.
Quis numeret, quot hians absorpserit inguina podex,
Quot naves Siculo littore Scylla voret?
Ipse palam patitur, pudet heu, muliebria cuivis,
Ipse palam tota prostat in urbe puer.
Qui puerum hunc igitur quit paedicare, proiecto
Is poterit rigidas supposuisse feras.

Anmerkung zu XVII.
8. Catull. XCVII, 7. 8:

Ferner ein offenes Loch, weit klafft's, wie der Spalt eines Maultiers,
Wenn es in brennender Glut brunzt mit gewaltigem Strahl.

10. Catull. XCVII, 4:
Freilich ist auch der Steiß besser und sauberer doch (als der Mund des Aemilius).


XVIII.
Auf den bissigen Hodus.


Hodus behauptet von mir, daß kein ehrbares Leben ich führe;
Weil meine Schriften er las, meint er, er kenne mich selbst.
Hodus muß niemals Catull, den zärtlichen, haben gelesen;
Auch an Priapus nie sah er den ragenden Schwanz.
Was einem Marcus geziemt', einem Marsus, was den Pedonen,
Ja, was selbst Allen geziemt', sei mir allein eine Schmach?
Laß, wenn ich fehle, mich doch mit so vielen Dichtern mich irren,
Du aber glaub' mit der Plebs was dir zu glauben beliebt.

Anmerkung zu XVIII.
6. Martial in der Vorrede zum ersten Buche seiner Epigramme:
„Wegen der kecken Offenheit der Worte würde ich mich entschuldigen, hätte ich das Beispiel gegeben. Aber so schrieb Catullus, so Marsus, so Pedo, so Qae-tulicus, so liest man durchweg bei jedem."


XIX.
An Battista Alberti, von Ursas Üppigkeit.


Freundlich bist du, ein stattlicher Mann, von vortrefflicher Laune,
Ganz ist dein Leben der Kunst, ist es der Forschung geweiht.
Aus dem erlauchten Geschlecht der Alberti bist du entsprossen;
Edler an Abkunft als du, findet sich schwerlich ein Mann.
Während du Allen gefällst, weil reich die Natur dich begabt hat,
Bist du mir darum so lieb, weil du so einfach und schlicht.
Da du die Wahrheit gern sagst mit offener Stirn deinen Freunden,
Sag' mir, was würdest du tun, ging' es dir etwa wie mir.
War' meine Tafel mit Schüsseln bedeckt wie der Vogel mit Federn.
Ursa, die schleckrige, fraß' alles in einem Tag auf.
Wäre mein Keller mit Fässern gefüllt wie das Wasser mit Fischen,
Ursa, die durstige, soff alles in einem Tag leer.
Hätt' ich gefüllete Kasten so viel als es Sand gibt am Strande,
Ursa verschwendete die alle in einem Tag leicht.
Hätte ich Bücher so viel als gefiedertes Volk in der Luft fliegt,
Ursa verpfändete sie alle in einem Tag leicht.
Hätte ich Schwänze soviel als ein Baum hat Äste und Zweige,
Ursa entkräftete sie alle in einem Tag leicht.
Wäre ich schließlich, Battista, auch über und über voll Nasen,
Ursa verpestete sie alle mit ihrem Gestank.

XX.
An Quinctius, wie er ihn zum Stehen bringen kann.


Wenn du ein Weib nicht magst, dann, Quinctius, steht dir der Penis,
Wenn sie dir aber gefällt, bringst du ihn nicht in die Höh'.
Wer es will können, der stecke die Finger ins Arschloch, denn also
Hat bei der Helena es Paris zustande gebracht.

Anmerkung zu XX.
Martial III. 76:

Bassus, es reizen zur Lust dich Greisinnen, Junge verschmähst du,
Und nicht die Schöne gefällt, sondern die Sterbende dir.
Ist das nicht Tollheit? Ich bitte, dein Penis muß wirklich verrückt sein!
Während dich Hecuba reizt, läßt dich Andromache kalt.


XXI.
Grabschrift der Orietta, eines sehr schönen und sittsamen Mädchens aus Siena.


Seit in dem marmornen Grab Orietta nun lieget, so glaub ich
Fast, daß der Göttlichen Geist selber dem Tode erliegt.
Nicht unähnlich sogar an Gestalt und an Tugenden war sie
Himmelsbewohnern, sie hat Siena zum Ruhme gereicht.
Wehe, o wehe, daß nicht Unschuld, nicht einzige Schönheit
Vor unerbittlichem Tod jemand zu schützen vermag.
Kann aber strahlende Tugend zu Göttern die Sterblichen machen,
Tat das himmlische Reich schuldloser Seele sich auf,
Dann — daran zweifle ich nicht —, wenn Gewalt nicht dem Rechte vorangeht,
Wird durch die Jungfrau entthront Jupiter selbst im Olymp.

Anmerkung zu XXI.
Orietta, im Decamerone, Giornata VI, Novella I: Madonna Oretta [vielleicht Abkürzung von „Lauretta"] (Anm. d. Übersetzers).


XXII.
Grabschrift der kleinen Battista, Oriettas Schwester.


Hier dieser Hügel, der wohl vor ändern glücklich zu preisen,
Decket Battistas, des goldhaarigen Mägdleins Gebein.
Mit der beweglichen Hand schlug süß sie die Zymbeln im Takte,
Während den Fuß sie gewandt setzte zum künstlichen Tanz.
Alle entzückte ihr Lied, wenn sie sang wie die Nachtigall lieblich,
War ihre Mutter auch schön, schöner gewiß war sie selbst.
Bei dem geringsten Versehn erröteten züchtig die Wangen,
Reizend von Purpur bedeckt, züchtig von Röte durchglüht.
Als der Natur sie bezahlt' den Tribut am Ende der Tage,
Hatte sie nicht einmal zwei Lustra vom Leben durcheilt.


XXIII.
Auf den Grammatiker Mattia Lupi.


Reichliches Jahresgehalt bezahlt man dir, Lupi, auf Kosten
Unsres Senats; und wieviel Jünglinge lehrest du? Drei.

Anmerkung zu XXIII.
Ahnlich ist II. 16. Martial X. 60:

Ein Dreischülerrecht erbat sich Munna vom Kaiser,
Denn er war immer nur zwei Schüler zu lehren gewohnt.

Nichtsdestoweniger hatte der von Antonio so arg verspottete Schulmeister in Siena einen ganz hervorragenden Schüler: Enea Silvio Piccolomini, später Papst Pius II. (Anm. d. Obersetzers).


XXIV.
Auf denselben unwissenden Gelehrten.


Wo deine Bücher du hast, o Lupi, da hast du dein Wissen;
Wer nicht ein Narr ist, der fragt lieber die Bücher als dich.


XXV.
An Mino, daß er sein Büchlein nicht kastrieren will.


Mino, du mahnst mich, den Schwanz aus meinem Gedicht zu entfernen,
Weil es alsdann, wie du meinst, jedermann besser gefällt. Mino, ich möchte mein Buch denn doch nicht selber kastrieren:
Phoebus hat auch so ein Ding, Kalliope hat ein Loch.

XXVI.
Auf Mattia Lupi, den Päderasten.


Isbo, der Knabe, der stets in deiner Küche sich satt ißt,
Warum folgt er dir nicht, wenn du ihm etwas befiehlst?
Wenn du als Lehrer ihm auch beibringst die lateinische Sprache,
Warum prügelt er dich öfters mit kindlicher Hand?
Fremd zwar ist mir die Kunst des Tiresias, fremd des Haruspex,
Dieses ahne ich doch; glaube zu wissen es wohl.


IN MATTHIAM LUPIUM PAEDICONEM.
Ergo tua, Lupi, si pascitur Hisbo culina,
Cur non obsequitur jussibus ille tuis?
Etsi grammatica instituas hunc arte magister,
Cur tibi dat tenera verbera crebra manu?
Nescio Tiresiae sortes, nee haruspicis artes,
Sed conjectura hoc et ratione scio.

Anmerkung zu XXVI.
Martial III. 71:

Wenn dem Knaben der Schwanz, dir, Naevolus, weh der Popo tut,
Bin ich auch kein Prophet, weiß ich doch, was du dann treibst.

Ähnlich Catull. LXXX.


XXVII.
An Sanzio Ballo, einen Verehrer seiner Verse.


Sanzio, du eifriger Leser von meinem poetischen Kleinkram,
Dem meine Muse mehr, als sie verdienet, gefällt,
Höre zu staunen doch auf über Verse wie ich sie machte
Während des Mahls vielleicht oder bei mangelnder Zeit.
Weißt du es doch, daß, wenn ich im Kopf hatt' irgend ein Verschen,
Ursa die Feder mir frech aus meinen Fingern entriß.
Meine Gedichte, das weißt du, sind oft im Lärmen des Marktes,
Mitten im Trubel gemacht, wie du auch lesen sie magst.
Wenn auf der Gasse ich suchte nach passendem Wort und Zitate,
Wurde ich öfters durch dich erst eines Bessern belehrt.
Du überschätzt mein Talent und als Dichter meinst du am Ende,
Thrakischen Sehers Gesang bring' meine Leier hervor.
Wenn meiner Feder indes das Schicksal wird Muße vergönnen,
Daß ich später einmal schreibe nach Herzensgelüst,
Will ich Gedichte noch schaffen, die keines der künft'gen Geschlechter
Jemals wieder vergißt, bleibt mir mein Genius treu.
Du aber, Ballo, leb' wohl mein Lieber, sei glücklich und liebe;
Möge der Parze Gespinst für dich aus Eisen bestehn;
Möge auch endlich vom Stolz deine spröde Masia lassen,
Lieber Landsmann, im Glück mögest du wandeln. Leb' wohl!

Anmerkung zu XXVII.
Er nennt seine nicht besonders ernsten Epigramme „nugae" (Scherze, leichte Ware, Kleinkram) nach dem Vorgange des Martialis IX, 1. X, 17.
19. Ovid., Remed. amor. 511:
Bald wird schwinden ihr Stolz, wenn sie sieht, wie dein Feuer sich abkühlt.


XXVIII.
Lauridius an den Autor, von seiner heftigen Liebe.


Nun in Perugia wohnt mir ein Liebling, der den von Siena
Gänzlich verdrängt, wie quält mich der Perusische Schatz!
Daß doch der Donnerer sie, die Kinder Perugias begnade,
Daß doch Perugias Geschlecht finde des Himmlischen Gunst.
Carlo, von schöner Gestalt und angeborenem Liebreiz,
Hält mich gefangen und setzt mir auf den Nacken den Fuß.


XXIX.
Antwort an Lauridius, von seiner Liebe.


Quäle dich liebende Pein um deinen Perusischen Knaben,
Mich hält Lucia, mein Schatz, der von Siena, hier fest.
Lasse die Kinder Perugias doch dir, laß dem Zeus sie gefallen,
Wenn meine Nymphe mich nur, meine Seneserin liebt.
Nichts ist sterblich an ihr, den Göttinnen gleicht sie an Sitten
Und an Gestalt; sie ist würdig, daß Zeus sie entführt.


XXX.
Siena, die Stadt in Etrurien, spricht, und bittet Jupiter, daß er wenigstens ihre Nymphe vor dem Schicksal der Sterblichkeit bewahre.


Jupiter, Gnädigster du und Allmächtiger unter den Göttern,
Höre die Bitte, mit der dich deine Siena bestürmt.
Billiges fleh' ich, erhöre, Gerechter, der Billigkeit Stimme,
Und mit dem Elend der Stadt habe Erbarmen, o Gott!
Da dir's gefiel, durch den Tod so vieler Männer und Frauen
Mich zu betrüben, so laß leben das Pflegekind mir.
Schütze sie, die ich erzog, die wie eine Mutter ich liebe,
Die ihrer Mutter, du weißt's, immer gereichte zur Zier.
Lange noch möge die Maid, des Vaterlands glücklichster Sprößling,
Leben, mir Ehre und Ruhm, Hoffnung und Mitgift und Ruf.
Mögen die ändern vergehn und nur die eine mir bleiben:
Was ihre Stadt auch verlor, reichlich ersetzet es sie.
Lebt sie, ist unser die Tugend, der Sieg und die Sitten, der Friede,
Wie auch der Ruhm und mit ihm sicher das Wohl meiner Stadt.
Geht sie von hinnen, so wird mir alles und mehr noch entschwinden ;
Ach, und ihr Tod, für uns alle bedeutet er Tod.
Liebe nicht mehr, noch Schmuck, noch irgend ein Scherz in der Stadt, nicht
Lachen, noch Händegeklatsch, nimmer ein fröhlicher Tag.
Mit dem Gymnasium war' es vorbei, mit dem Ruhme Sienas,
Das dies Mädchen erhält mit ihrem heiteren Blick.
Glaubt es, ihr Himmlischen, sorgt darum, daß das ruhmreiche Mägdlein
Lebe, denn sie ist es wert, lange zu schauen den Tag.
Götter und Göttinnen, wiederum fleh' ich: errettet das Mägdlein,
Laßt in Etruriens Stadt sie, ihre Zierde, bestehn.
Glaubt mir, wenn einst die Schwestern, die dunklen, die Laufbahn ihr kürzen,
Wird ein gewaltiger Streit unter den Göttinnen sein,
Weil, wenn die himmlischen Hallen die Jungfrau werden empfangen,
Eine der Göttinnen ihr muß überlassen den Thron;
Entweder müßtet für sie einen zehnten Olymp ihr errichten, —
Hat doch Lucia, die Maid, neu einen Himmel verdient,
Oder sie müßte vom eigenen Sitz eine andre verjagen, —
Hat doch Lucia, die Maid, selbst ihren Himmel verdient.
Saget doch, habt ihr wohl selber den Himmel durch Tugend erworben?
Ist denn wohl eine von euch würdiger solches Geschenks?
Keine von euch — ihr verzeiht, daß ich's sage — war reiner als jene,
Keine war größer an Geist, keine so fromm von Gemüt.
Tut nun das eurige drum, daß hundert der Jahre sie lebe,
Wenn ihr nicht wollt, daß ihr Tod bringe Verderben auf euch.
Göttinnen, betet darum mit mir zum donnernden Gotte,
Daß er dem Mädchen gewährt lang sich des Lebens zu freun.

Anmerkung zu XXX.
Die Pest, auf welche Antonio öfter anspielt, muß im Sommer 1424 in Siena geherrscht haben (Anm. d. Übersetzers).


XXXI.
An den Erlauchten Cosimo von Florenz.


Wenn dir nicht angenehm klang die Stimme, die eben du hörtest,
Cosimo, wunderts mich nicht; war es doch Siena, die sprach.

Anmerkung zu XXXI.
Siena war nämlich den Florentinern ein Dorn im Auge, weil sie mit dieser Stadt fast ohne Unterbrechung in Fehde lagen.


XXXII.
Grabschrift der schönheitgeschmückten Jungfrau Caterina


Unter dem Grabe hier liegt die edle Gestalt Caterinas.
Manch einem Freier gefiel diese so zierliche Maid.
Um ihren Tod nun trauern die Lieder, es trauern die Tänze,
Venus, sie weint und es klagt Amor, in Trauer versenkt.


XXXIII.
Auf den Toscaner Mamurianus, den Penissauger.


Du bist Toscaner; es lieben toscanische Männer den Penis;
Und in Toscana schrieb ich, Mamurianus, mein Buch.
Dennoch soll ich den Schwanz aus meinem Buche entfernen
Willst du, so schnell es nur geht. — Mamurianus, ei, ei!
Eher nicht schneid' ich ihn ab, bevor du mir das nicht versprochen,
Daß, wenn ich wirklich es tu, du an dem Gliede nicht saugst.


IN MAMURIANUM TUSCUM PENISUGGUM.
Tuscus es, et populo jucunda est mentula Tusco;
Tusculus et meus est, Mamuriane, liber.
Attamen e nostro praecidam codice penem,
Praecidat simulac, Mamuriane, jubes.
Nec prius abscindam, nisi tu prius ipse virilem
Promittas demptam suggere nolle notam.

Anmerkung zu XXXIII.
Den Päderasten Mamurianus führt Martial I, 92, an; als Pathicus kennzeichnet ihn Antonio, oben, Epigr. XII.
An dieser Stelle hingegen wird Mamurianus als Fellator gegeißelt. Denn den Penis saugen ist fellare, während irrumare bedeutet den Penis zum Saugen jemandem in den Mund stecken. Eine große Rolle spielt dieser sonderbare Liebesgenuß bei Martial. Nicht nur Weiber besorgten das Geschäft des Fellare, wie Lesbia, Lyris, Chione, Thais, Aegle, Vetustilla, Rufa (Martial II, 50, 73. III, 83, 87. IV, 50, 84. I, 94. II, 28. Catull. LIX), sondern auch Männer, wie Zoilus, Linus, Qaurus, Gellius (Martial III, 82. XI, 30. VII, 10. II, 89. Catull. LXXX). Der Fellator „leckte' (die Mentula), wie man zu sagen pflegte. Martial VII, 55:


Lecken sollst du ihn — aber mir nicht;
Bin ich keusch doch und zaghaft — sondern jenem
Der, aus Solyma kommend, Rom Tribut zollt.

Derselbe III, 88:
Zwillinge sind sie, doch lecken sie gern bei verschiednen Geschlechtern,

d. h. der eine ist Fellator, der andere Cunnilingus.
Bei Martial II, 61, werden auch Männer von Fellatoren geleckt (lambuntur):
Als noch undeutlicher Flaum auf deinen Wangen dir sproßte,
Hast du mit ruchloser Zung' Männern die Mitte geleckt.

Was der Dichter sagen will, geht deutlich aus dem letzten Distichon hervor:
Laß deine schuldige Zunge doch lieber hängen am Cunnus,
Denn, da Fellator du warst, war sie doch minder befleckt.

Derselbe III, 81:
Lecken die Zunge dir soll den Männern die Mitte des Leibes.

Bei Catull wird das Glied von dem Fellator verschlungen, LXXX, 5. 6:
Wie? sagte die flüsternde Fama
Wahrheit, daß du des Manns Mittelgeschäfte verschlingst?

Catullus unterdrückt hier das obszöne Substantivum, ebenso wie Martialis in der Stelle VI, 54:
von dem Sextilian werden so große geliebt.

Ähnlich Martial III, 68:
nein, offen nennet sie jenes,
Was in dem sechsten Mond prangend die Venus empfängt,
Was hinstellet als Wächter der Landmann mitten im Garten,
Was, vorhaltend die Hand, züchtige Mädchen beschaun.

Priapeia VI:
Und diesen ganzen, ohne Bedenken, so groß er ist,
Noch straffer gespannt als ein Geschütz oder eine Zithersait',
Steck' bis zur siebenten Rippe ich dir hinein.

Daß mit all dem der „Penis" gemeint ist, dürfte wohl niemandem unklar sein. Dagegen hat die Auslassung des Wortes „Cunnus" in den Priapeia XII die Gelehrten sehr irregeführt.
Eine Vettel, vielleicht etwas jünger als Priamus, eine
Schwester jener cumä'schen Sibylle, glaub ich beinah,
Der vergleichbar, die Theseus einst bei der Rückkehr in seine
Heimat, sich auf dem Misthaufen wälzend daliegen sah,
So ein Mensch kommt täglich hierher mit mühsamem Schritte
Und, die warzenbedeckten Hände hebend, erfleht
Sie vom Himmel für sich den Phallus in brünstiger Bitte.
Gestern spuckte sie plötzlich, denkt euch, inmitten Gebet
Einen ihrer drei Zähne heraus. — „Pfui", sagte ich, „schere
Dich von hier weg, und unter dem roten Hemde laß nur
Ewig verborgen bleiben und, wie es sein soll, das hehre
Tageslicht scheuen, was weit bei dir aufsteht in klaffender Spur!
Deinen rissigen Rock zieh über die dürre Oase,
Mageres Scheusal, du, mit deiner endlosen Nase,
Daß man glauben möchte, es gähne fürwahr Epikur!"

Nun, um Himmels willen; das, was Priapus die alte Vettel fortnehmen, unter dem Rocke verbergen und das Licht des Tages scheuen heißt, ist doch nicht der Zahn, wie sich die Kommentatoren einbilden. Wozu befiehlt er denn der Alten, die ihn um eine Mentula bittet, den Zahn unter den Rock zu verbannen, und zwar unter den Rock, „wie sie es immer pflegt?" Nein, Priapus will, daß die geile Hexe ihre Fut aus seinem Gesichtskreise entferne, sie unter ihrem zerrissenen Unterrocke verberge (denn Mädchen, die gewöhnt sind, die Röcke aufzuheben, pflegen keine zerrissenen „Dessous" zu haben), und sie das Licht scheuen lasse, wie es ihr zukomme, denn sie war schon längst nicht mehr gewöhnt, entblößt und von männlichen Gliedern besucht zu werden. Und nichts anderes ist es als die Fut der Vettel, die so unverschämt klaffend offen steht wie ein riesiges mit Haaren besetztes Nasenloch, daß man meine, den Epikur gähnen zu sehen. Man höre, wie Martial III, 72, die Fut der Saufeja mit ähnlicher Derbheit schildert:
Oder, zerrissen, dir klafft das Geschoß mit gewaltiger Mündung,
Oder es raget vielleicht etwas daraus dir hervor.

Es könnte allzu respektwidrig scheinen, wie hier das Gesicht eines Philosophen mit einer Fut verglichen wird, aber auch dazu findet sich bei Martial, in der Invektive auf die Vetustilla, III, 93, eine Parallelstelle:
Und knöchern wie ein alter Zyniker ist dein Geschoß.

Es wäre zu untersuchen ob das, was bei Martials Saufeja „aus der Mündung der Fut hervorragt" und das, was in den Priapeia die „aufragende Nase der Fut" genannt wird, nicht dasselbe sei, was bei Juvenal VI, 422. 423 der pfiffige Salber mit den Fingern drückt:
Unten drückt in das Haar der Masseur ihr die spielenden Finger
Knetet das Bein mit der Hand, daß schnalzende Töne entstehen.

6. Priapeia LXVI:
Wenn du das Zeichen der Mannheit nicht sehn willst, gehe von hinnen.


XXXIV.
Auf den Päderasten Amilius.


Biege den Knaben, der dir den Brief, Amilius, hinbringt:
Sage mir dann, ob du je lasest solch hübsches Billett.


AD AMILIUM PAEDICONEM.
Hunc paedicato, qui portat, Amile, tabellam,
Et referas, quae sit pulcra tabella magis.

Anmerkung zu XXXIV.
Einen gewissen Amilius, einen Kinäden, der aber lieber für einen Päderasten gelten wollte, geißelt Martial VII, 62. Auch Juvenal X, 224, gibt einem gewissen Hamillus, der Schulknaben biegt, einen Hieb.


XXXV.
Von einem Bauerntölpel, als er die Alda küßte.


Als ein Facchino mit breitem Gesichte die Alda emporhob,
Raubte ein Bauer der nichts Ahnenden rasch einen Kuß.
Als einen Narren verlacht ihn das Volk, doch törichter ist wohl
Selber, glaub ich, das Volk. Dünkt mich der Narr doch gescheit!
Ist es den Narren erlaubt, straflos die Mädchen zu küssen,
Mögen die Götter auch mich machen zum Narren geschwind.


XXXVI.
Auf den Päderasten Mattia Lupi.


Während Lupius bog einen unerfahrenen Knaben
Sprach er: Mein süßer Gesell, wackle hübsch mit dem Popo!
Dieser: Das würde ich tun, wenn mit einem Wort du es ausdrückst.
Lupius darauf: „Ceve" — sage ich, also nun los!


IN MATTHIAM LUPIUM PAEDICONEM.
Lupius indoctum dum paedicaret ephebum,
Dixit, io clunes, dulcis ephebe, move.
Hic ait, id faciam, verbo si dixeris uno;
Ille refert: ceve, diximus, ergo move.

Anmerkung zu XXXVI.
4. „Cevere" heißt die Hinterbacken und Schenkel stoßweise bewegen. Es gehört das zum Geschäft der Pathici, die durch die Reibung, welche sie damit hervorbringen, das Wollustgefühl der Päderasten vermehren. Martial III, 95:

Du gibst dich, Naevolus, preis, und das Stoßen verstehst du ganz trefflich.

Juvenal IX, 40, von einem geizigen Weichling:
er rechnet nach und stößt dabei.

Diese Kunst hatte der Mignon Lupis noch nicht zur Genüge erlernt, weshalb er „wenig gelehrig" genannt wird. Besser in der Kunst erfahren war jener, von dem es in Tibulls priapischem Gedichte, v. 21—23, heißt:
Weder irgend ein zärtlicher Knabe
Soll dir zu Diensten sein, auf knarrender Bettstatt
Kunstvoll nachhelfend mit beweglichem Schenkel.

Was das „cevere" bei den Männern, das ist das „crissare" bei den Weibern. Auch diese letztere Kunst wollte gelernt sein. Sehr gut verstanden sich darauf die beiden florentinischen Dirnen Elena und Mateida; vgl. II. Buch, Epigr. XXXVII, 13, 14.
Auch Pitho war Meisterin darin; ebendaselbst v. 23.
Tullia war von Callias in dieser Kunst unterrichtet worden; Aloisia Sigaea, S. 43: „Callias befiehlt mir, ich solle den Rumpf vorstoßen. Ich tu's. Dann läßt er mich dasselbe mit einem heftigen Stoß wiederholen. Ich gehorche. Kurz und gut, er machte meine Hinterbacken beweglicher, als seine eigenen waren; und als er sah, daß ich die Sache hinlänglich verstanden, bat er mich, ich möchte auch meine Lenden nicht schonen. Er stößt heftig; ich stoße noch heftiger zurück. Mit meinen Stößen von unten her dränge ich mich ihm entgegen; er bearbeitete mich mit aller Kraft, und so vergalt ich ihm ebenfalls mit aller Kraft die Stöße, die er auf mich führte. Ich rutschte hin und her, er bewegte die Hinterbacken, und während wir so ineinander verschlungen arbeiteten, schien es, als sollte davon unser Bett in Stücke gehen".
Man höre, wie gescheit Lucretius, IV, 1244—1253 hierüber philosophiert:
Doch es bedarf eine Gattin durchaus nicht wollüst'ger Bewegung,
Denn die verhindert das Weib, zu empfangen, und selber vertreibt sie,
Zieht sie die Schenkel zur Unzeit zurück, die Begierde des Mannes.
Gänzlich erschöpft ihren Körper sie auch und beraubt ihn der Säfte,
Da sie den Pflug von der richtigen Furche und Richtung des Weges
Ablenkt, und also der Same nicht fällt auf fruchtbaren Boden.
Solche Bewegungen machen die Dirnen aus triftigen Gründen,
Weil sie nicht häufig geschwängert sein mögen, noch liegen im Kindbett,
Und weil den Männern sie dadurch den Liebesgenuß noch erhöhen;
Gründe, die unsere Frauen, — so mein' ich — gewißlich nicht haben.

Der Dichter und Philosoph lehrt also, daß durch das Zurückziehen und Wiedervorstoßen der Hinterbacken, womit das Weib ihrerseits den abwechselnd ein- und ausgehenden Penis in seiner Arbeit unterstützt, und durch das wellenförmige, den Stößen des Gliedes nachgebende Zusammenziehen von Brust und Bauch, das Weib bewirkt, daß erstens der Mann ein vermehrtes Lustgefühl bekommt, dann aber — und das ist die Hauptsache —, daß sie selber die Empfängnis verhindern. Sie lenken nämlich den Samenerguß von der richtigen Stelle ab, und deswegen gehöre diese Kunstfertigkeit mehr zum Geschäfte der Huren, als zu dem der verheirateten Frauen, die die Befruchtung nicht zu fürchten brauchten.


XXXVII.
Grabschrift des im Kriege und im Frieden hervorragenden Sanzio Liguori.


Römische Tugend wie einst erstrahlt' in des Niedergangs Zeiten
Wieder in mir, im Krieg wie auch im Frieden daheim.
Sanzio war ich genannt, aus dem ruhmreichen Haus der Liguori.
Weilt nun im Sarge der Leib, unter dem Himmel der Geist.


XXXVIII.
An Pontanus, der in die Halbgöttin Polla verliebt ist, für welche er flehend bittet.


Wenn dir's beliebt, mein Freund, du Liebling Aonischer Musen,
Nimm, was mit Herz ich und Mund für dich erflehe, hier an.
Mögen die Götter dir Jahre verleihen, denn würdig des Alters
Bist du, und würdiger ist Polla des würdigen Manns.
Dir sei Cupido geneigt samt seiner zärtlichen Mutter,
Polla verdient die Gunst mehr noch der göttlichen Frau.
Mögest du immer, Pontan, an deiner Geliebten dich satt sehn
Und deine Göttin an dir, heimlich von niemand belauscht.
Möge dein runzliges Weib das immer nur zanket und keifet,
In den Brunnen hinein fallen vom Eimer beschwert.
Möge dein Weg, der bergabwärts dich führt, ganz eben dir werden,
Möge die Freundin stets hören den Klang deines Schritts.
Und wenn lieblich du singst, soll ihr deine Stimme noch süßer
Tönen ins Ohr, daß sie glaubt, Süßeres gäbe es nichts.
Wachsen von Tage zu Tag soll euere Neigung; du mögest
Inniger lieben sie stets, inniger liebe sie dich.
Herrlich erscheine sie dir, deine Maid, wie Tyndarus Tochter
Helena: scheine du ihr herrlich wie Paris zu sein.
Möge ihr garst'ger Gemahl sobald als nur möglich krepieren,
Falls nicht gar, wie du meinst, selbst ein Priapus er ist.
Aber er sei nun ein Gott oder nicht, so glaube sie, du seist's,
Den sie im Bette umfängt, wenn sich der Gatte ihr naht.
Sei es dir auch vergönnt, der Geliebten die Zunge zu kosen
Mit deinen Lippen und kühn dringen zur Pforte hinein.
Willst du, teuerster Freund, auch mir in gleicher Gesinnung
Etwas wünschen für das was ich so gutes gewünscht:
Bitt' ich dringend, zu Gott magst täglich und nächtlich du beten,
Daß jede Vettel und Hex' sei von der Erde vertilgt.
Sei meinen Versen nicht bös, die nicht wohlklingend und kunstvoll
Nur zum Scherze ich schrieb unter Gelächter und Spiel.

Anmerkung zu XXXVIII.
23. Ovid., Amor. II, 5, 57-58:

daß ich ganz mit den Lippen
Meine Zunge, daß du meine mit deinen empfingst.

Derselbe III, 14; 23:
Hier verberge sich tief in den purpurnen Lippen die Zunge.

Aloisia Sigaea, S. 41:
„Er gab mir nun vibrierende Zungenküsse, und zugleich mit der Lanze den Todesstoß."

Vgl. den Anhang zum Hermaphroditus II, 84.
24. Ovid., Amor. II, 4; 22:
Büßen möcht ich dafür lassen der Tadlerin Schoß.

Derselbe III, 14; 22:
Noch an des Mannes Schoß enge zu schmiegen den Schoß.

Ähnlich Tibull. I, 9; 26:
Schenkel an Schenkel zu pressen.


XXXIX.
Auf einen Schmähsüchtigen.


So ein Gewisser, der lobt ins Gesicht mich, und lobt meine Verse,
Heimlich verlästert er mich, reißt meine Scherze herab.
Aber er möge nur still sein, sonst rück' ich ihm offen und heimlich,
Ja, auch mit dreifacher Zung' all seine Schandtaten vor.


XL.
An Crispus, bei dessen Loblied der Autor durch einen scheißenden Bauer unterbrochen wurde.


Mitten im grünen Gefild befindet ein schattender Baum sich,
Seitwärts ein spiegelnder Bach, dorten ein lauschiger Hain.
Kommt nun ein Vöglein herbei und singt im schönen Gezweige,
Rauschen gelinde und sanft Welle und Äste dazu.
Hierher kam ich, wie oft ich es tat, in Muße zu dichten;
Clio folgte dem Ruf, kam meiner Feder zu Hilf.
Dich, deine treffliche Art, mein Crispus, begann ich zu preisen,
Wie in der Prosa du groß bist und im Liede zugleich,
Wie man einst schätzen dich wird als der Stadt ansehnlichsten Bürger,
Wie deine Tugend den Lohn finden wird, den sie verdient.
Aber da kommt ein Bauer mit rumpelndem Bauch auf die Wiese,
Sich zu entladen, und legt nieder den Mantel ins Gras,
Knöpft die Hosen sich auf, daß Hoden und Glied sich entblößen;
Sanft um sein nacktes Gesäß spielet der säuselnde Wind.
Und nun beugt er die Knie und krümmt seinen Rücken und stemmt die
Ellenbogen aufs Knie, drückt an die Wangen die Hand'.
Mit seinen Fersen berühren sich, scheint es, die Backen des Hintern;
Wie er so dasitzt und drückt, öffnet der Leib sich: er scheißt.
Da aus dem lärmenden Arsche hervor nun brechen die Winde,
Donnernd mit Macht, es ertönt ringsum das ganze Gefild.
Schauder ergreift mich, die Feder entfällt mir, die Muse verschwindet,
Und bei dem Nachtstuhlrumor fliehet das Vöglein entsetzt.
Ha, dir elender Bauer, dir wünsch' ich, wenn Reben du pflanzest,
Daß dich nie labe der Wein, daß er nie lösch' deinen Durst.
Wenn dem gefurcheten Boden der Erde du Saatkorn vertrauest,
Geb' er dir Elenden nichts, lasse dich hungern nach Brot.
Lebe nun wohl, und sobald der gefiederte Sänger zurückkehrt,
Crispus, fahre ich fort, dich zu besingen im Lied.


XLI.
Der Autor sendet die „Bitten" zu dem Sicilianer Aurispa, ihn zu ersuchen, daß er ihm den M. Valerius Martialis leihe.

Homers hübsche Erfindung der „Bitten".


Die „Bitten" sind nach Homer Göttinnen, Töchter des großen Zeus. Sie sind lahm und halbblind, und ihnen vorauf geht Ate, die Schadenbringende, auf gesunden und starken Füßen. Weit voran geht sie ihnen, die Menschen auf Erden schädigend; die „Bitten" aber folgen ihr. Wer nun die Töchter des Zeus verehrt, wenn sie sich ihm nähern, dem helfen sie gern und erhören seine Bitten. Wer sie aber mißachtet und hartherzig zurückweist, für den flehen sie im Fortgehen Zeus an, daß Schade ihn verfolge und daß er ihn bestrafen möge.

Gehet, ihr Bitten, ihr Töchter des Zeus, voran geht euch Ate,
Ate, die euch den Weg zeigt und zuerst ihn betritt.
Wenn mit dem kräftigen Schritt die Schadende weit euch voraufgeht,
Gehet, ihr Bitten, ihr halbblinden und hinkenden, schnell.
Rund um den Erdkreis schon ging sie, die jedermann schadende Ate,
Gehet mit schnellerem Schritt; Ate schon lief euch vorauf.
Höret: es lebt im Gebiet von Florenz ein gepriesener Dichter,
Den das sizilische Land stolz zu den Seinigen zählt.
Aus seinem Munde ertönt der Gesang helikonischer Musen,
Wenn mit der Hand des Apoll lieblich die Laute er schlägt.
Hellas und Latium haben seit Tausend von Jahren wohl keinen
Ihm an Beredsamkeit gleich oder an Güte erzeugt.
Diesen verehre auch ich und liebe schon lange ihn herzlich:
Lange schon sind wir uns wert, einer des anderen Freund.
Suchet nun diesen mir auf; ihr treffet ihn wachend zu Hause,
Wie er im Heldengedicht Taten der Könige singt.
Bittet ihn also, ihr Töchter des mächtigen Zeus und beschwöret
Ihn bei dem Ruhme, der einst wird seinen Schriften zuteil,
Daß er mir Marcus' Buch, das gar so seltene leihe.
Gern wieder läse ich es, gab' es ihm gern dann zurück.
Wenn er gefällig sich zeigt euch Göttinnen bei eurer Ankunft,
Und euch die Ehre erweist, die euresgleichen gebührt,
Schenket auch ihm dann Gehör, wenn er bittet, und seid ihm wie billig,
Freundlich zu helfen bereit, gebet ihm gleiches zurück.
Achtet er aber euch nichts und treibt er mit Härte euch von sich,
Dann, du verstoßene Schar, fordere dringend von Zeus,
Daß ihm mit schrecklicher Stimme die schadende Göttin verfolge,
Daß er zu Strafe und Büß' werde verdonnert von Zeus.

Anmerkung zu XLI.
Die betreffende Stelle des Homer (Ilias IX, 502—512) ist von Antonio fast wörtlich in Prosa wiedergegeben worden:

Denn die reuigen Bitten sind Zeus des Erhabenen Töchter,
Hinkend und runzelich sind sie und seitwärts irrenden Auges,
Die auch hinter der Schuld sich mit Sorg' anstrengen zu wandeln,
Aber die Schuld ist frisch und hurtig zu Fuß; denn vor allen
Weithin läuft sie voraus, und zuvor in jegliches Land auch
Kommt sie, schadend den Menschen; doch jen' als Heilende folgen.
Wer nun mit Scheu aufnimmt die nahenden Töchter Kronions,
Diesem frommen sie sehr, und hören auch seine Gebete.
Doch wenn sie einer verschmäht und trotzigen Sinnes sich weigert;
Jetzo flehen die Bitten, dem Zeus Kronion sich nahend,
Daß ihn verfolge die Schuld, bis er durch Schaden gebüßet.

19. Vgl. II. Buch, Epigr. XV. Martial erschien zuerst i. J. 1471 im Druck.


XLII.
An den Erlauchten Cosimo, von der Einteilung des Buches.


In zwei Teile zerfällt, o Cosimo, dieses mein Büchlein,
Weil auch der Hermaphrodit zweierlei Teile besitzt.
Dieser Teil war der erste, und folgen soll ihm der zweite.
Diente der erste als Schwanz, kommt nun die Fut an die Reih'.


XLIII.
An den Erlauchten Cosimo, wann und wem er das Büchlein vorlesen solle.


Was ich gedichtet bisher, der Heimat ewige Zierde,
Cosimo du, das lies vor deinen Gästen nach Tisch.
Aber der Rest ist Lektüre nach Tisch für fleißige Zecher,
So in einem Tag kommst du mit den Versen zu End.

Anmerkung zu XLIII.
3. Martial X, 19:

Dann ist's Zeit für dich, wenn Lyäus schwärmet,
Wenn die Rose da herrschet, wenn das Haar trieft,
Dann mag selbst mich ein strenger Cato lesen.


Auszüge aus Buch II

VI.
An Philopappa, der in den Schandbuben Sterconus heftig verliebt ist.


Wenn Sterconus dich nicht in Anspruch nimmt, möchte ich wissen,
Ob einen Magen dein Glied, o Philopappa, besitzt,
Und einen Magen sogar, der den Ätna selbst könnte verdauen,
Wenn er noch winterlich weiß glänzt von gefallenem Schnee.
Warum rede jedoch ich in Rätseln, niemand verständlich?
Frei mit der Sprache heraus, was, Philopappa, ich will:
Für einen Knaben erglühst du, ja stirbst aus Liebe; ein Knabe
Ist dir dieser, der schon dreißig der Lenze gesehn.
Lange schon siecht er dahin, ist dürr wie ein Strohhalm; weshalb denn?
Weißt du denn, ob sein Gesicht Larve, ob Antlitz es ist?
Ist seine Gurgel auch lang und hart vom beständigen Saufen,
Möchte haben den Hals lang wie ein Kranich er gern.
Statt der Nase ihn ziert eine rötlich schimmernde Flöte,
Durch sie sieht man ins Hirn gänzlich vom Weine ersäuft.
Beine bedeckt und Gesäß ein Wald von starrenden Haaren,
Dicht, daß ein Hase darin sicher verbergen sich könnt'.
Geizig ist er dazu und käuflich, ein Säufer und Vielfraß,
So und noch häßlicher ist er, es mögen die Götter mir beistehn;
Du aber, Schande und Schmach, liebst ihn noch mehr als dich selbst.
Irgendwer, sagen die Leute, verschoß sich in einen Laternpfahl;
Dies schien früher mir dumm, aber jetzt halt ich's für wahr.
Gab's im etrurischen Volk denn nicht einen schöneren Knaben,
Nicht im italischen Land einen, der lieblicher war?
Oft wohl verblendet die Liebe, die blinde, die Herzen der Menschen,
Lässet uns Wahrheit und Trug nicht unterscheiden genau.
Warum den Dünger er fräße, so fragte ein Fuchs einen Esel;
„War es doch ehedem Gras", sagte der Esel darauf.
So antwortest du auch, wenn jemand fragen dich sollte,
Daß du so heftig ihn liebst. „War er doch ehedem jung."
Du bist verblendet und glaubst, ich hab keine Augen im Kopfe,
Wenn den Sterconus du hoch bis zu den Wolken erhebst.
Magst du auch sagen, dein Knabe hab Schenkel so nett wie von Seide,
Sind seine Beine doch dürr, trocken wie Bimsstein und hart.
Glaublich erscheint mir's, du könnest sogar beim verschnittnen Priapus
Schlafen und bei dem Getier, welches die Wüste bewohnt.
Heget dein Penis denn nur einen solch ungeheueren Magen,
Daß er nichts sieht und sich selbst bis auf die Augen verschlingt?


AD PHILOPAPPAM, DEPER1ENTEM STERCONUM, VIRUM TURPEM.
Ni te detineat Sterconus, scire volebam,
An stomachus peni sit, Philopappa, tuo.
Est stomachus certe talis, qui digerit Aetnam,
Albicat hiberna cum magis Aetna nive.
Quid loquor in nebulis, qui non intelligor ulli?
Simpliciter dicam, quid, Philopappa, velim.
Est puer, hunc ardes, quin deperis; et puer ille
Sit tibi, ter decies qui nova musta bibit?
Jam pridem aegrotat; cur aridus instar aristae est?
Et dubites, vultus larva sit, an facies.
Quamvis ipse gula sit longus, quum tarnen ossa
Proluit os, vellet guttur habere gruis.
Est sibi pro bello rubicundula tibia naso,
Et patula cerebrum nare videre potes.
Cruribus atque ano densorum sylva pilorum est,
Qua possit tuto delituisse lepus.
Mentis multivolae est, venalis, potor edoque,
Diligit et tantum munera, more lupae.
Ille, ita me dii ament, sie est, aut turpior; at tu
Proh pudor, hunc plus quam viscera coecus amas.
Nescio quem vulgus dicat flagrasse lucernam;
Derisi quondam, sed modo vera putem.
Non erat in populo formosior alter Etrusco,
Non erat Italico gratior orbe puer.
Coecus amor plerum mortalia pectora coecat,
Nec nos a falsis cernere vera sinit.
Cur edat ille fimum, vulpes quaesivit asellum;
Nam memini, dixit, quod fuit herba fimus.
Sic puto tu referes cuivis fortasse roganti,
Diligis hunc ideo, quod tener ante fuit.
Coecus es, et credis me cassum lumine coram
Sterconum eximiis laudibus usque ferens.
Crura licet pueri bombycea lautaque dicas,
Crura tarnen siccae pumicis instar habet.
Jam modo crediderim, te verpum posse Priapum
Scilicet et Lybicas accubuisse feras.
Immanem ergo fovet stomachum tua mentula, verum
Nil videt, usque oculos ederit illa suos.

Anmerkung zu VI.
18. Vgl. unten XXX, 22.
36. Vgl. hierzu Tibull I, 9, 75—76:

Und neben diesem da ruhte mein Knabe? Ja, wahrlich, nun glaub' ich,
Daß er sich liebend sogar paart' mit dem häßlichsten Tier.

37. Priap. LXXVII, 1:
Ihr seht den ungeheu'ren Magen, den ich habe.

Martial III, 76:
dein Penis muß wirklich verrückt sein!

38. Martial IX, 37:
Doch du versprichst sechshundert; das Glied hört aber darauf nicht,
Und einäugig auch sei's immer, dich siehet es doch.

Die Mentula ist einäugig, weil sie ein Loch anstatt eines Auges hat. Daher eben bei Martial II, 33:
Dich Kahlköpfige sollt' ich küssen? Niemals.
Dich, du Rotkopf, sollt' ich küssen? Niemals.
Dich Einäugige sollt' ich küssen? Niemals.
Wer das küsset, Philaenis, ist Fellator.

Die kahlköpfige Philaenis, mit roter Glatze und nur einem Auge erinnert den Dichter allzusehr an die — Mentula, die er nicht küssen möchte.


XVI.
Auf denselben Schulmeister.


Mattia Lupi, er hat in seiner verschwiegenen Schule
Drei der Schüler, wovon einer sein Schlafkamerad.


IN EUNDEM GRAMMATICUM.
Tres habet arcana Matthias Lupius aula
Discipulos; unus de tribus est famulus.

Anmerkung zu XVI.
Vgl. I. Buch, Epigr. 23.


XVII.
An den Jüngling Maura, im Namen des M. Soccino.


Schöner zwar bist du als Silber, doch würdest du schöner als Gold sein,
Gäbst du mir freundliches Wort, gütiger Knabe, zurück.
Liebevoll ist deine Sippschaft, die Brüder, die Schwester, die Eltern.
Gleich wie die Deinen so fromm, sei auch du milde gesinnt.
Schön ist deine Gestalt, so sei auch edel im Denken,
Daß deiner feinen Gestalt auch deine Antwort entspricht!
Männer, dem Untergang nah', zu retten, heißt königlich handeln,
Solch eine Handlung, sie macht selbst uns den Himmlischen gleich.
Ich aber will vom kastalischen Quell herführen die Schwestern,
Die deine Schönheit im Lied preisen, dein Denken und Tun.
Was kann ich bess'res, was größ'res dir bieten, als Kinder der Muse,
Als meine Lieder? O sag's, fordre, ich geb es dir gern.
Wer vom heiligen Dichter begehrt wird, hat dauernden Nachruhm;
Du auch, täusch ich mich nicht, wirst durch mein Lied noch
berühmt. Denn im beredten Gedicht will ich am Leben erhalten
Unserer Liebe Bund, bis mich das Leben verläßt.
Nämlich es sollen an dir sich ein Beispiel des Guten die Jüngern
Nehmen und gerne und oft ändern verkünden dein Lob.
Lebe, mein Engel, nun wohl, dir widme ich mich und die Muse.
Daß du doch wolltest — Leb' wohl, Maura, mein Engel, leb' wohl.


PRO M. SUCCINO AD MAURAM.
Pulcrior argento es, sed eris formosior auro,
Si bona reddideris verba, benigne puer.
Est pia vestra domus, fratres, germana, parentes;
Sis pariter mitis, si pia tota domus.
Est tua forma decens, mens sit quoque pulcra licebit;
Conveniant formae reddita verba tuae.
Conservare viros perituros regia res est;
Haec nos coelitibus res facit esse pares.
Ast ego Castalio deducam fönte sorores,
Quae formam et mores et tua facta canant.
Quid melius Musa tribuam? quid carmine majus?
Si potius quid sit carmine, posce; dabo.
Quem sacri vates voluere, est fama perennis;
Tu quoque, ni fallor, carmine clarus eris.
Namque ego doctiloquo vivaces carmine reddam
Semper amicitias, sit modo vita, pias.
Quippe boni de te capient exempla minores,
Gaudebunt actus saepe referre tuos.
Lux mea, Maura, vale, tibi meque meamque Thaliam
Dedo, velis uti, lux mea, Maura, vale.

Anmerkung zu XVII.
13. Ovid. amor. I, 15, 7—8:

denn ewigen Nachruhm finde ich.

Tibull. I, 4, 63—64:
Wen die Muse besingt, der lebt, weil Eichen noch rauschen,
Weil noch ein Stern uns blinkt, und sich noch kräuselt die Flut.


XVIII.
Der Autor betet für M. Soccino und ermuntert ihn, auf L. Maura zu hoffen.


Deinem Beginnen, Soccino, erfleh ich die Hilfe der Götter;
Sei Cytherea sowohl, als auch ihr Knabe dir hold.
Möge der holden Gestalt des Knaben Antwort entsprechen;
Liebliche Worte zurück gebe der liebliche Mund.
Liebevoll ist seine Sippschaft, die Brüder, die Schwester, die Eltern;
Warum solltest du nicht hoffen, da fromm ist sein Haus?
Selbst übertrifft er an Frömmigkeit wahrlich die nächsten Verwandten ;
Warum gliche wohl nicht Maura dem Vater genau?


XIX.
Auf Mattia Lupi.


Räuspert ein Knabe sich nur, so schimpft ihn schon Lupi; er selber
Furzet beim Essen und speit, wenn er den Bauch sich gefällt.


XX.
Auf den Weichling Lentulus.


Wenn du nicht Witwen, noch Frau'n, die verheiratet, Lentulus, vögelst,
Wenn eine Hure dir nicht, noch eine Jungfrau gefällt,
Wenn du dich trotzdem nennst einen ganz gediegenen Vogler,
Weichlicher Lentulus, was vögelst du eigentlich dann?


IN LENTULUM MOLLEM.
Si neque tu futuis viduas, neque, Lentule, nuptas,
Si tibi nec meretrix, nec tibi virgo placet,
Si dicas, quod sis calidus magnusque fututor,
Scire velim, mollis Lentule, quid futuas.


XXI.
Grabschrift des Martinus Polyphemus, eines berühmten Kochs.


Bleibe hier stehen, ich bitt' dich, begieße mit Tränen das Grab mir,
Wer du auch seist, Student, wenn dich vorbeiführt dein Weg.
Ich, Polyphemus, hieß so, weil allzu unförmlich mein Leib war;
Mit meinem Namen Martin war ich den Leuten bekannt.
Jederzeit sah ich studierende Jünglinge herzlich gern um mich,
Und als Bedienter und Koch fand meinesgleichen ich nicht.
Jetzo, der Ehre der Leichenbestattung beraubt, ohne Weihrauch,
Lieg ich hier oben, bedeckt mit einem Hügel von Erd'.
Mathesilanus befahl, daß in stürmischer Nacht ich verscharret
Und ohne Fackel und Licht würde zu Grabe gebracht.
Weder mit Kreuz noch Gesang zelebrierte ein Priester die Feier,
Niemand rief mir ins Grab: „Ruhe, du Teurer, nun sanft!"
Heimlich ward in 'nen Sack ich gesteckt und eilends begraben;
Doch meine Hoden umfaßt dieses zu enge Grab nicht.
Als man mich trug, ward ich stutzig und fürchtete zu den Latrinen,
Nicht zu geweihetem Ort ginge mein Leichenkondukt.
Schließe, ich bitte dich drum, mit ein wenig Erde den Fuß ein;
Bloß liegt er da, wie leicht sonst ihn ein Hündchen zerfleischt.
Immer will ich das Haus meines Herrn mit Gewinsel erfüllen,
Unglück verkündend; er selbst zog diese Strafe sich zu.


EPITAPHIUM MARTINI POLYPHEMI, COC1 EGREGII.
Siste, precor, lacrymisque meum consperge sepulcrum,
Hac quicunque studens forte tenebis iter.
Sum Polyphemus ego, vasto pro corpore dictus,
Martinas proprio nomine notus eram,
Qui iuvenes studiis devotos semper amavi,
Quem liquet et famulos et superasse coquos.
Nunc ego funebri tandem spoliatus honore
Thure carens summa sum tumulatus humo.
Me Mathesilanus tempesta in nocte recondi
Jussit, et exequias luce carere meas.
Ne cruce nec cantu celebravit nostra sacerdos
Funera, nec requies ultima dicta mihi,
Clamque fui sacco latitans raptimque sepultus,
Nec capiunt coleos arcta sepulcra meos.
Dum feror obstupui, timuique subire latrinas,
Nec loca crediderim religiosa dari.
Oro pedem adjecta claudas tellure parumper,
Qui patet, heu vereor ne lanient catuli.
Continuo domini complebo ululatibus aedem
Infaustis, poenas has dabit ipse suas.




www.schwulencity.de = www.queernet.de = www.queer-net.de
Zeittafel Home hs - homosexuelle Selbsthilfe schwule Bücher Links