Titelblatt von: Karl Friedrich Westphal "Die conträre Sexualempfindung, Symptom eines neuropathischen  (psychopathischen)  Zustandes." 1869

ARCHIV
FÜR

PSYCHIATRIE


UND
NERVENKRANKHEITEN.

HERAUSGEGEBEN
VON

DR. L. MEYER,
A. O. PROFSSOR UND DIRECTOR DER PROV.-
IRRENANSTALT ZU GÖTTINGEN.

UND
DR. C. WESTPHAL,
A. O. PROFESSOR UND DIRIGIRENDEM ARZTE
DER ABTHEILUNGEN FÜR GEISTESKRANKE UND FÜR
NERVENKRANKE DER K. CHARITE ZU BERLIN.


II. BAND. 1. HEFT.


BERLIN, 1869.
VERLAG VON AUGUST HIRSCHWALD.
68. UNTER DEN LINDEN.


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v.

Die conträre Sexualempfindung,

Symptom eines neuropathischen (psychopathischen) Zustandes.

Von

Professor C. Westphal.

Bei den Krankheitsfällen, welche ich in Folgendem mittheilen und erörtern werde, trat als Haupterscheinung ein Symptom hervor, welches als solches bisher wenig oder gar nicht beschrieben ist: eine angeborene Verkehrung der Geschlechtsempfindung mit dem Bewusstsein von der Krankhaftigkeit dieser Erscheinung. Diese Fälle sind um so interessanter und von um so allgemeinerer Bedeutung, als sie Individuen beiderlei Geschlechts betreffen. —

Der Irren-Abtheilung der Charité wurde am 30. Mai 1864 Frl. N. zugeführt mit einem ärztlichen Zeugnisse, dessen Inhalt im Wesentlichen dahin ging: „Die N. leidet angeblich seit ihrem achten Jahre an einer Wuth, Frauen zu lieben und mit ihnen ausser Scherzen und Küssen Onanie zu treiben. Sie will dabei, wenn ihr der Wunsch von einer weiblichen Person, mit ihr nach Belieben zu agiren, versagt wird, in solche Wuth gerathen, dass sie zu Allem fähig sei; mit Männern will sie nie Umgang gehabt, auch nie eine Neigung dazu gefühlt haben. Mit Frauen scherzend, sei in ihr ein solches Wonnegefühl erweckt, wie sie sich ausdrückt, dass ihr förmlich der Same abging; sie ist, wie sie einräumt, zu Allem fähig bei Versagung ihrer Wünsche. Die Krankheit der N. gehört in die Klasse der Geisteskrankheiten und es ist mithin, um fernerem Unheile vorzubeugen, dringend nöthig, dass Pat. in eine öffentliche Heilanstalt gebracht und dort möglichst schnell, was sie sehnlichst wünscht, geheilt werde." —

Die N. ist 35 Jahre alt und lebte seit einer Reihe von Jahren mit ihrer älteren Schwester zusammen, welche ein Pensionat junger Mäd-


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chen gegründet hat, das Hauswesen der Schwester leitend. Letztere erzählt: „meine Schwester, welcher in der Schule das Lernen etwas schwer geworden, deren Gedächtniss aber im Uebrigen stets gut war, ist von jeher etwas zur Schwermuth geneigt und mit ihrem Schicksale und sich selbst unzufrieden gewesen. Es wurde ihr jedoch ihres Gebrechens wegen (sie hat einen Wolfsrachen) Manches nachgesehen und ihre missvergnügte Stimmung, ihr Eigensinn, ihre Reizbarkeit und Heftigkeit, immer diesem Unglück zugeschrieben. Schlechte Charactereigenschaften, wie Lügenhaftigkeit, Bosheit, Hang zu Diebereien u. s. w. hatte sie nicht; in der Wirthschaft war sie fleissig und ordentlich, hielt sich aber stets zurückgezogen, wie man glaubte, ihres Gebrechens wegen. Im letzten Winter (1863 auf 1864) hat sich indess ihr Zustand so auffallend verändert, dass ich oft nicht wusste, was ich von ihr denken sollte. Die Anfälle von Schwermuth sind viel häufiger gewesen, ihnen folgte gänzliche Gleichgültigkeit, fast Stumpfheit, dann wurde sie ausserordentlich heftig, ohne jeden Grund, warf bei ihren häuslichen Verrichtungen die Geräthschaften um sich herum, bediente sich gewisser Redensarten, die sie sonst nicht in den Mund nahm und war gegen alle Vorstellungen völlig taub. War sie in diesem aufgeregten Zustande, so hatte das Auge einen ganz veränderten unheimlichen Ausdruck und bemerkte man zugleich ein eigenthümliches Zucken im Gesichte, das sonst nicht vorhanden war. In solchen Zuständen wollte sie aus dem Hause, wollte nach Amerika gehen u. s. w. Ganz in derselben Weise kehrten diese Anfälle regelmässig wieder; in den letzten acht Tagen verschlimmerte sich der Znstand in solcher Weise, dass mir oft ganz bange war, mit ihr allein zu sein. Oft zeigte sich zugleich eine grosse Neigung zum Schlafe; sie legte sich nicht selten schon um 5 Uhr N. M. aufs Sopha bis zum Abend und konnte nicht früh genug zu Bette gehen; wurde dann zufällig einmal früher als sonst zu Bett gegangen, so war ihr auch dies wieder nicht recht und sie war ausser sich darüber, dass sie so früh zu Bette gehen sollte. Oft litt sie während der letzten Zeit an Kopfweh an einer umschriebenen Stelle des Scheitels „als wenn Messer sie stächen"; zur Zeit der Menstruation bestand „Brustbeklemmung", die sie als unterdrückte Weinkrämpfe bezeichnete; an letzteren litt sie auch früher zuweilen.

Am 24. Mai 1864 — 6 Tage vor der Aufnahme in die Charité — gegen Abend traf ich sie heftig weinend an. Auf dringendes Zureden sagte sie mir, sie sei schrecklich unglücklich, denn sie liebe ein junges Mädchen furchtbar; sie könne nicht länger im Hause bleiben, sie müsse fort. Dieses heftige Weinen währte mehrere Tage


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und Nächte; sie genoss in drei Tagen nicht das Mindeste. Darnach wurde sie anscheinend ruhiger, doch diese Ruhe währte nur kurze Zeit, ihr folgten Ausbrüche der Wuth. Sie sprach nur von Rache, von Sterben, und hatte allerlei schwarze Gedanken. Am 26. Mai ging sie aus eigenem Antriebe zu Dr. S., der sie schon seit vielen Jahren kennt, und theilte ihm den eigentlichen Grund ihres unglücklichen Zustandes mit. Von nun an kreuzten sich die Gedanken bunt in ihrem Kopfe; kaum hatte sie einen Entschluss gefasst, so verwarf sie ihn sogleich wieder. Am 28. stieg ihre Wuth plötzlich aufs Höchste: sie warf Alles um sich und stiess die heftigsten Reden und Drohungen aus. So wüthete sie bis zum 29. Mittags. Dann wurde sie ganz stumpf, legte sich aufs Sopha und war regungslos. Am 30. wurde sie nach der Charité befördert, da es ihr innigster Wunsch war, wiederhergestellt zu werden." — So weit die Angaben der Schwester.

Ich selbst fand die Patientin am Tage der Aufnahme ohne alle äusserlich auffallende Erscheinungen; weder gab sich in Mienen oder Gebärden ein besonderer Affect zu erkennen, noch war die Sprache ungewöhnlich lebhaft, noch bestand irgend welche Störung in dem Ablaufe und dem Zusammenhange der Vorstellungen. Sie erklärte, dass sie selbst zwar in ein Krankenhaus zu kommen gewünscht, allerdings aber überrascht sei, dass man sie eine Irren-Abtheilung gebracht habe, da sie geistig nicht gestört sei; besonders der Gedanke, mit den übrigen Geisteskranken zu schlafen, ängstige sie. In vollkommenem Zusammenhange, präcise auf alle Fragen antwortend, ohne Umschweife machte sie nun einen Theil der folgenden Angaben, die während des weiteren Aufenthalts der Pat. auf der Abtheilung ergänzt wurden und die ich hier im Zusammenhange mittheile; ich bemerke gleich hier ausdrücklich, dass nichts in die Patientin hineinexaminirt worden ist, was übrigens aus dem Inhalte der Angaben selbst genugsam hervorgehen dürfte.

Sie hat, erzählt sie, als Kind besonders gern Knabenspiele gespielt und sich gern als Junge verkleidet; von ihrem achten Jahre an empfindet sie eine Neigung zu jungen Mädchen, nicht zu allen, sondern zu ganz bestimmten, die sie von der ersten Begegnung an fesselten und denen sie es sofort an den Augen ansieht: „es ist merkwürdig, es liegt im Auge — es ist eine Art Magnetismus, der mich anzieht". Diesen Mädchen sucht sie dann systematisch näher zu kommen, sie macht ihnen „förmlich die Cour", küsst sie gerne und mehrmals brachte sie es dahin, dass sie ihnen an die Geschlechtstheile greifen durfte. Andere Mädchen zu küssen hat sie sogar eine förmliche Abneigung. Eine geschlechtliche Aufregung empfindet sie erst


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von der Zeit an, wo ihre Periode eintrat. In der Zeit vom 18—23. Jahre hatte sie am häufigsten Gelegenheit zur Befriedigung ihres Triebes, zumal als sie während 5 Wochen in einem Bette mit einer Cousine schlief und jede Nacht mit dieser ihr Wesen trieb; sie machte sich dabei mit der Hand an den Geschlechtstheilen des anderen Mädchens zu schaffen, liess sich selbst aber niemals berühren. Diese Zeit nennt sie die glücklichste ihres Lebens! Vom 23. Jahre an bis zum October des vorigen Jahres will sie nicht wieder Gelegenheit zu solchem intimeren Verkehr gehabt haben; dagegen onanirte sie, besonders kurz vor und nach dem Eintritt der Periode, wobei sie sich ein geliebtes Mädchen lebhaft vorstellte. So viel sie konnte, will sie den Trieb zu onaniren unterdrückt haben, denn es sei ihr selbst unangenehm gewesen, auch habe sie sich matt, abgeschlagen und misslaunig danach gefühlt, aber oft zwang es sie mit einer unwiderstehlichen Gewalt, so dass sie manchmal „gewaltsam mit der Hand hinstossen" musste. Sie will öfter während des Bestehens der Periode an der inneren Seite der Schenkel kleine, heftig juckende Knötchen bemerkt haben; dies war es jedoch nicht, was sie zum Onaniren anregte und bestanden diese juckenden Knötchen nur während der Periode, der Hang zum Onaniren jedoch trat etwa 8 Tage vor und nach derselben ein. Auch Ausfluss aus den Geschlechtstheilen will sie öfter gehabt haben. Wenn sie den Trieb zum Onaniren mit Gewalt unterdrückte, behauptet sie sofort einen widerwärtigen Geruch und Geschmack, gleichsam wie von den eigenen Genitalien aufsteigend, empfunden zu haben. Oft fühlte sie sich durch die heftigsten Gewissensbisse beunruhigt und gequält, entdeckte sich aber Niemandem. Für Männer hat sich Patientin ihrer Aussage nach nie auch nur im Allergeringsten interessirt und liessen sie Gespräche darüber vollkommen kalt; sie erklärt mit grosser Entschiedenheit, sie würde ohne jede Erregung unter Mähnern wohnen und schlafen können. Wenn sie im Bette lag mit geschlossenen Augen, erschienen ihr oft die von ihr geliebten Mädchen in völliger Natürlichkeit. Oefter auch sah sie eine Reihe hässlicher Köpfe, einen nach dem anderen vorüberziehen. In ihren wollüstigen Träumen erschien sie selbst sich stets in der Situation des Mannes; oft hörte sie dabei schöne Melodien. Mit grosser Entschiedenheit und ungefragt erklärt sie, dass ihre Neigung zum eigenen Geschlechte ihr selbst schrecklich sei, dass sie nicht begreifen könne, wie sie dazu käme und so ganz anders sei als andere Mädchen. Wie oft habe sie sehnlichst gewünscht, davon befreit werden zu können!

Was die Vorfälle der letzten Tage betrifft, so sei sie seit 8 Tagen


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aufgeregt, schlaf- und appetitlos gewesen, da das Bewusstsein sie gequält, sie müsse von Hause fort. Sie habe nämlich eine Leidenschaft für ein junges schönes Mädchen, das sich bei ihrer Schwester in Pension befinde. Im August des vorigen Jahres (1863) sei dieselbe in das Haus gekommen und vom ersten Augenblick an habe sie sich verliebt, das Mädchen dann mit Schmeicheleien an sich zu fesseln gesucht, sei dann einmal, als sie zufällig neben ihr sass, zärtlich geworden, habe sie geküsst, umarmt, sei dabei in die grösste geschlechtliche Erregung gerathen und habe sich endlich so weit vergessen, dem Mädchen nach den Geschlechtstheilen greifen zu wollen; als diese ihr indignirt Widerstand leistete und ihre Entrüstung äusserte, habe sie den Versuch aufgegeben und um Verzeihung gebeten. Dies geschah im October (1863). Die junge Dame mied von da an die Patientin und behandelte sie, wie sie meint, sehr missachtend, worüber sie aufgeregt und gekränkt war. Sie versuchte immer wieder Verzeihung zu erbitten und sagt, dass sie öfter wie gebannt habe stehen bleiben müssen, das junge Mädchen ansehend, ohne sich rühren zu können. Die Aufregung steigerte sich mehr und mehr, sie weinte, wurde aufs Höchste eifersüchtig, wenn der Gegenstand ihrer Liebe mit Jemand sprach, durch jedes Lachen glaubte sie sich verhöhnt, sie wollte sich das Leben nehmen und hätte am liebsten den Gegenstand ihrer Liebe mit umgebracht. Am 24. Mai 1864 bot sie dem Mädchen, welches unwohl war und auf dem Sopha lag, bald Thee, bald Kaffee u. s. w. an, um sich ihr gefällig zu erweisen, und als diese endlich, offenbar ärgerlich, ihr in gereiztem Tone antwortete, blieb sie plötzlich wie gebannt stehen, das junge Mädchen ansehend, ohne sich rühren zu können — „sie war zu schön!" Nochmals bat sie dann um Verzeihung und nur um einen Kuss, und als das Mädchen entrüstet aufsprang und erklärte, sie würde sofort ihrer Mutter schreiben und das Haus verlassen, brach sie in leidenschaftliche Aufregung aus. In dieser entdeckte sie sich ihrer Schwester, welche, wie die übrige Umgebung, keine Ahnung von ihrem Znstande hatte, mit den Worten: „ich liebe sie leidenschaftlich, ich halte es ohne sie nicht mehr aus." Der Zustand während der wenigen Tage bis zur Beförderung nach der Charité ist bereits oben nach den Angaben der Schwester geschildert.

Die Patientin ist ein mässig grosses, etwas zart gebautes Individuum von wenig einnehmendem, unbedeutendem Aeusseren; Physiognomie und Habitus haben nichts vom weiblichen Typus Abweichendes, der Kopf ist klein, ohne etwas Auffallendes in der Form darzubieten, der Haar-


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wuchs in gewöhnlichem Masse entwickelt, an den Ohren zeigt sich keine Deformität, die Gesichtshälften sind nicht merklich unsymmetrisch, nur steht die Nase etwas schief nach der linken Seite hin gerichtet; von der rechten Oberlippe nach aufwärts erstreckt sich eine von der (durch Dieffenbach ausgeführten) Operation der Hasenscharte herrührende Narbe; der harte und weiche Gaumen sind vollständig gespalten und zeigen einen grossen Defect, die Sprache ist dem entsprechend stark näselnd, aber gut verständlich. Im Uebrigen zeigen sich keine Deformitäten der äusseren Bildung, namentlich auch nicht an den Geschlechtstheilen. Die grossen Schamlippen klaffen etwas auseinander, so dass die kleinen in der Schamspalte sichtbar sind, die Clitoris ist von gewöhnlicher Länge, das Hymen völlig intact und lässt kaum die Spitze des kleinen Fingers eindringen. Die Schleimhaut der äusseren Gesehlechtstheile ist weder erodirt noch geröthet, die Empfindlichkeit bei der Untersuchung aber sehr gross. Von einer Exploratio per vaginam musste der Schmerzen wegen, welche der Versuch mit dem Finger einzudringen machte, Abstand genommen werden. An der Innenseite der Oberschenkel sind kleine aufgekratzte Stellen sichtbar, an denen heftiges Jucken bestanden haben soll.

Am Circulations-, Respirations-, Verdauungs- und Harnapparat zeigen sich keine Störungen; dagegen klagt Pat. über Kopfschmerzen, an denen sie seit ca. 4 Jahren leiden will. Der Kopfschmerz nimmt eine circumscripte Stelle in der Gegend der kleinen Fontanelle ein, und hat sich Pat. angeblich vor 5 Jahren an dieser Stelle heftig gestossen; Druck auf diese Stelle steigert den Schmerz nicht merklich, eine Narbe auf der Kopfhaut ist nicht sichtbar. Dieser Schmerz tritt gleichzeitig mit einem Schwindelgefühl in unregelmässigen Zwischenräumen und meist bald wieder vorübergehend auf. Anfälle von Bewusstlosigkeit will sie nie gehabt haben. Die Pupillen sind gleich weit und reagiren gut, geringer Strabism. converg. Sonst an den Sinnesorganen nichts besonderes.

Der Vater der Patientin endete durch Selbstmord; er spielte, machte Schulden und war längere Zeit hindurch melancholisch; es wird ausdrücklich (von der Schwester der Pat.) angegeben, dass die Schulden unbedeutend und vollständig gedeckt waren. Die Mutter starb an einem Brustübel; als sie mit der Pat. schwanger war, soll sie, als sie Jemand küsste, sich heftig erschrocken haben (Angabe der Pat.). Fälle von Wolfsrachen in der Familie sind nicht bekannt.

Während des zweimonatlichen Aufenthalts der Patientin in der Irren-Abtheilung zeigte sie sich äusserlich vollkommen ruhig; sie klagte


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viel über den erwähnten Kopfschmerz, der vergeblich durch Coffein, kalte Umschläge u. s. w. bekämpft wurde, ferner im ersten Monate zuweilen über „nervöse Aufregung, Kriebeln in den Fingern und Zehen, im ganzen Körper Frost und Hitze", ein Zustand, den sie auch früher, wenn sie sich geärgert, öfter gehabt haben will; gegenwärtig leitet sie ihn davon her, dass ihr Schlaf durch andere Kranke oft unterbrochen und gestört werde. Die Menses traten im Juni und Juli rechtzeitig ein und setzten beide Male, nachdem sie l—2 Tage bestanden, einen halben oder ganzen Tag aus, um dann noch einmal auf kurze Zeit zurückzukehren; Schmerzen oder andere Erscheinungen seitens des Nervensystems wurden dabei nicht beobachtet. Von der eigenthümlichen Neigung der Patientin traten auch während ihres Aufenthalts in der Abtheilung Andeutungen hervor: sie wurde ein paar Mal in zärtlicher Umarmung mit einer anderen — schwachsinnigen, an einer Art Moral insanity leidenden — Kranken von der Wärterin angetroffen, wies aber mit Entrüstung jeden Verdacht, als habe sie Unschickliches gewollt, zurück und erklärte stets, dass sie nur eine von jeder geschlechtlichen Erregung freie rein freundschaftliche Zuneigung zu der Betreffenden fühle, die sie für zurückgesetzt und von den Anderen für verkannt hielt, und welche daher ihr Mitleid in Anspruch genommen habe. Als diese Kranke entlassen wurde, fühlte sie sich „sehr ergriffen" wegen der Abreise „ihrer besten Freundin". Im Uebrigen drängt sie häufig nach Entlassung, da sie doch nicht geisteskrank sei; sie würde hier noch vor Aufregung über die Geisteskranken das Nervenfieber bekommen und wolle ja gern jedesmal zu den Morgenvisiten herkommen, wenn es gewünscht würde. Später klagte sie, dass sie oft unverwandt auf einen Kellerhals blicken müsse und dies sei ihr schrecklich, da die Leiche ihres in der Charite verstorbenen Vaters in einem Keller gelegen, wo ihr dieselbe gezeigt worden sei; dieser Anblick werde ihr immer unerträglicher und wünsche sie auch deshalb ihre Entlassung.

Ausgesprochenere affectartige Zustände, Sinnestäuschungen, Wahnvorstellungen traten während der ganzen Beobachtungszeit nicht hervor; dagegen konnte man nicht umhin einen gewissen leichten Grad geistiger Beschränktheit bei ihr anzunehmen. Die Patientin, die sie für ihre beste Freundin erklärte und über deren Abgang sie so ergriffen war, konnte vielleicht für kurze Zeit den Schein der Gesundheit vortäuschen, da sie nicht verwirt sprach, für gewöhnlich keine auffallenderen Wahnvorstellungen äusserte u. s. w. — indess ihr schwachsinniges, albernes Wesen, ihre kindischen Handlungen hätte einer mit gesundem Urtheil begabten Person kaum entgehen können. Auch


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kamen nicht selten Aeusserungen zum Vorschein, welche gleichfalls von mangelhaftem Urtheil zeugten; dahin ist die schon erwähnte Proposition zu rechnen, zu den Morgenvisiten nach der Charité kommen zu wollen, ferner eine oft binnen wenigen Minuten hervortretender Widerspruch in ihren Aeusserungen: so erklärte sie sich einmal für vollkommen wohl und gesund, gleich darauf für unglaublich unglücklich u. s. w. Ferner trat es deutlich hervor, dass wenn sie auch ein Bewusstsein von der Krankhaftigkeit ihrer Neigung hatte, ihr doch eine weiter gehende richtige Beurtheilung aller damit in Zusammenhang stehenden Ereignisse und Verhältnisse abging; so zeigte sie sich u. A. auch ungerechter Weise gegen ihre Schwester gereizt, warf ihr Missachtung ihrer Person, schlechte Behandlung, Herrschsucht u. A. vor und schien den ganzen Vorfall, der sie hierher geführt, in seiner ganzen Wichtigkeit gar nicht zu würdigen. — Am 28. Juli 1864 wurde sie entlassen, nachdem sie sich in letzter Zeit in Gemeinschaft mit den übrigen Kranken den grössten Theil des Tages über ruhig und fleissig mit Handarbeiten beschäftigt hatte.

Im Mai dieses Jahres (1869) suchte ich die Patientin auf, um über ihren gegenwärtigen Zustand etwas zu erfahren. Sie wohnte, nachdem sie eine Zeit lang fern von Berlin auf dem Lande gelebt, wieder mit ihrer Schwester in denselben Verhältnissen zusammen. Es war nichts Aehnliches wieder vorgekommen. Das Bild des jungen Mädchens, die seit lange an einem entfernten Orte lebt, schwebte ihr noch oft vor, namentlich lebhaft zur Zeit der Periode, auch in ihren Träumen; sie fühlt immer noch eine gewisse Neigung zu ihr, ihr Gesichtsausdruck wird lebhaft, wenn sie von den Vorzügen des Mädchens spricht; niemals will sie seither wieder Annäherungsversuche an andere Mädchen gemacht haben. Dagegen gesteht sie, dass sie noch zeitweise onanire (sie reibt mit der Hand die äusseren Geschlechtstheile), und zwar, wie früher, im Zusammenhange mit der Periode; auch erzählt sie von selbst, dass, wenn sie den Hang unterdrücke, immer noch derselbe widerwärtige Geruch entstände. Ueber die Natur ihrer Neigung zu Mädchen spricht sie sich fast wörtlich wie früher aus: „ich fühle mich überhaupt als Mann und möchte gern ein Mann sein; weibliche Beschäftigungen waren mir eigentlich stets zuwider, ich möchte gern eine männliche Beschäftigung haben, so habe ich mich z. B. immer für Maschinenbauerei interessirt." Auch die Erzählung des damaligen Vorfalles stimmt genau mit den früher von ihr gemachten Angaben. Sie klagt auch jetzt noch über den früheren Kopfschmerz, der oft sehr lästig wird, so dass sie um Hülfe dagegen bittet; derselbe hat


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seinen Hauptsitz in der Gegend der kleinen Fontanelle, mehr in der Tiefe, Druck daselbst ist nur in geringem Grade empfindlich, die Haut selbst nicht empfindlicher als an anderen Theilen des Kopfes, auch nirgend anästhetisch. Nach dem Kämmen mit einem engen Kamme tritt Kopfschmerz auf, der weniger in der Haut als tiefer im Innern empfunden wird, besonders an der genannten Stelle; oft zieht er sich aber auch nach der Stirn hin und ist dann zuweilen der ganze Kopf wie benommen; „ich bin dann oft so schwach, dass ich mich eine ganze Weile besinnen muss, was ich eigentlich gewollt habe". Die Untersuchung der äusseren Genitalien ergiebt das gleiche Resultat wie früher : bedeutende Schmerzhaftigkeit bei Berührung, so dass die Patientin bei stärkerer Berührung sogleich aufschreit, dabei, wenn überhaupt, so doch höchstens eine ganz leichte Röthung, das Hymen vollkommen intact. Ich bemerke ausdrücklich, dass sich Patientin der Untersuchung ohne Widerspruch aber auch ohne die geringste Spur eines Cynismus unterzog, auch jetzt, wie früher, einen durchaus gesitteten Eindruck machte und gern eine ärztliche Behandlung vorgeschrieben haben wollte. Von ihrer Schwester, von der sie bei ihrem Aufenthalte in der Charite immer nur gereizt gesprochen und die sie mannigfach beschuldigt hatte, sprach sie jetzt mit grosser Liebe und Achtung und hatte ihr nicht das Geringste vorzuwerfen. Die ganze Wichtigkeit des damaligen Vorfalls schien sie indess auch jetzt noch nicht zu würdigen und stellte sie ihre damalige Erregung eigentlich immer mehr als natürliche Folge des Betragens seitens des Mädchens dar.

Von grossem Interesse waren folgende Angaben, welche die früheren Mittheilungen der Patientin ergänzten: so lange sie erwachsen ist, besitzt sie die Eigentümlichkeit, oft unverwandt auf eine bestimmte Stelle hinsehen zu müssen, so dass ihr die Augen ordentlich weh thun; wenn sie dann auch einmal fortsieht muss sie sogleich wieder hinsehen. Es sind sowohl Personen, auf die sich der Blick richtet und zwar ohne dass sie nachher recht weiss, wie diese Personen denn ausgesehen haben, als auch Gegenstände der verschiedensten Art. Denken will sie eigentlich gar nichts dabei. Dieses unwillkührliche Hinstarren stellt sich hauptsächlich ein, wenn sie in „trüber Stimmung" ist, in jeder beliebigen Situation, so z. B. oft bei Tische. Auch auf der Strasse, wenn sie sich unter vielen Menschen bewegt, muss sie oft starr auf Etwas hinsehen und hat dabei das Gefühl, als ob die Leute deshalb auf sie aufmerksam wären und es ihr anmerkten; dann wird ihr „ganz schwach" und geht sie deshalb meist in der Dunkelstunde aus, um, wie sie meint, weniger beobachtet zu sein. Die „trübe Stim-

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mung", von der sie spricht, und die sie auch als „Tiefsinn" bezeichnet, tritt aber immer in ganz spontaner Weise mit einer gewissen Periodicität ein und wechselt mit der entgegengesetzten Stimmung. Letztere besteht kurze Zeit vor und nach den Menses; Patientin ist dann heiter, lebhaft, gesprächig und fühlt dabei zugleich — und zwar ausschliesslich nur in dieser Zeit — den Trieb zum Onaniren und zu geschlechtlichen Berührungen von Mädchen, deren Bild dann besonders lebhaft wird. Daran schliesst sich die „trübe Stimmung" und eine gewisse „Stumpfheit", wobei sie wenig zum Reden aufgelegt ist und das beschriebene Hinsehen auf einen Fleck besonders hervortritt. Diese Stimmung dauert dann wiederum nur 8 Tage oder kürzere Zeit und ihr folgt schliesslich gewöhnlich ein Zustand, in welchem sie sich in einer gesunden Stimmung fühlt und auch nicht so „hinsehen" muss; zuweilen schien ihr das Wetter insofern einen Einfluss auszuüben als trübe Tage die deprimirte Stimmung steigerten.

Ein in vieler Beziehung verschiedenes Bild bot der folgende Fall dar: Im Winter 1868 wurde auf einem hiesigen Bahnhofe unter verdächtigen Umständen ein Mann in Frauenkleidern verhaftet und am 26. September unter dem Namen G. B. aus der Untersuchungshaft der Abtheilung für kranke Gefangene der Charite übergeben, da er nach der Anzeige des Gefängniss-Arztes an epileptischen Anfällen und starker Lungenblutung leiden sollte. Auf der betreffenden Abtheilung constatirte man eine Gonorrhoe; später bekam Pat. noch ein Gesichtserysipel und wurde, nach Heilung beider Affectionen, am 24. November 1868 auf die — mit der Abtheilung für Geisteskranke verbundene — Abtheilung für Krampfkranke verlegt, da wiederholt epileptische Anfälle bei ihm beobachtet waren, bei denen er grosse Mengen von Blut durch den Mund verlor; äussere Gründe und der ganze Eindruck eines solchen Anfalles legten, wie das über ihn geführte Journal berichtet, den Gedanken an eine Simulation nahe. Indess wurde, wie es später heisst, nach einem solchen Anfalle eine Pulsfrequenz bis zu 100 Schlagen und eine Temperatursteigerung bis 39,4 constatirt. Ferner erwähnt das Journal noch eines fast weibischen Gebahrens des Patienten, der meist mit lispelnder Stimme in weibischem Tone spräche. —

Ich selbst sah den Patienten zum ersten Male unmittelbar nach seiner Verlegung zur Krampfstation am 24. November 1868; er erregte sofort meine Aufmerksamkeit durch seine ganze Haltung und durch die weibliche Stickarbeit, mit der beschäftigt ich ihn antraf. Er ist ein kräftig gebauter, gut genährter Mann, von hoher Statur, Mus-


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keln und Fettpolster gut entwickelt. Seine Haltung, der Gang, die Art wie er sich umdreht, die Bewegungen des Kopfes u. s. w. haben etwas Langsames, Gemessenes, fast Steifes, Bühnenhaftes. Der Kopf ist den Verhältnissen des Körperbaues entsprechend gross, Höhen- und Längendurchmesser besonders entwickelt, übrigens regelmässig gebildet, das Gesicht zeigt einen gewissen Grad von Abrundung in den Formen, ist sehr regelmässig, mit Zügen, in denen man vielleicht etwas Weibliches finden kann, das Haar ist blond, sehr reichlich, lang, leicht lockig und wird nach hinten übergekämmt getragen, Pat. geht glatt rasirt, und sind die Spuren des Bartes überall in der gewöhnlichen Weise sichtbar. Die Ohren zeigen keine besondere Deformität, in den Ohrläppchen finden sich die Spuren von Ohrlöchern (er hat sie sich vor einigen Jahren in Stettin stechen lassen), der Körper ist im Ganzen reichlich behaart, die Behaarung der Geschlechtstheile erstreckt sich bis zum Nabel hinauf; letztere selbst sind wohlgebildet, das Scrotum und die Haut des Penis stark pigmentirt und gerunzelt, Testikel von nur mässigem Umfange und lassen sich leicht in den Leistenkanal hinaufschieben. Der Kehlkopf ist deutlich prominent, von gewöhnlichem Umfange, die Stimme des Patienten eigentümlich, schwer zu beschreiben, etwas weich, auch dehnt und zieht er beim Sprechen, das etwas langsam geschieht, viele Worte, namentlich am Ende eines Satzes und lässt dann die Stimme nicht sinken; letztere hat übrigens keineswegs die Höhe einer Frauenstimme, sondern die mittlere Tiefe einer männlichen. Pat. selbst gibt an, dass seine Stimme erst vom 20. Jahre ab tiefer und rauher geworden sei und meint, dass wenn er sich in weiblicher Gesellschaft bewege, er mit weicherer und höherer Stimme spreche. — Die Untersuchung des Afters zeigt nichts Besonderes, namentlich keine abnormen Einsenkungen, die Analfalten sind in gewöhnlicher Weise vorhanden, auch ist ein Hämorrhoidalknoten sichtbar, aus dem Pat. zuweilen Blut verlieren will. — Sonst ergibt die Untersuchung, mit Ausnahme einer leichten Vergrösserung der Mandeln, nichts Erwähnenswerthes. Bei der Untersuchung selbst erröthet Pat. und geräth in allgemeines starkes Zittern, Erscheinungen, die auch später unter ähnlichen Umständen und wenn man ihn anredete, öfter beobachtet wurden. Er klagt über Krampfanfälle, über Schwindel, der ihn oft veranlasst, sich hinzulegen, über Schwarzwerden vor den Augen beim Bücken und über häufige Schmerzen in der linken Supraorbitalgegend. Druck auf die Austrittsstelle des linken N. supraorbitalis ist sehr empfindlich, rechts nicht.

Auf die an ihn gerichteten Fragen gibt er ruhig, ohne Erregung,


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oft in etwas schwülstigen Redensarten mit leichtem Pathos Antwort und erzählt, nach den Motiven seiner Verkleidung gefragt, im Verlaufe des Gespräches, das möglichst wortgetreu mitgeschrieben wurde, Folgendes: „Ich habe eine grosse Neigung, Damenkleider anzuziehen; ich fühle mich oft selbst unglücklich darüber und denke: „Warum bist du nicht so wie andere Menschen?" — es kommen Tage, an denen ich mir sage: „mein Gott, du kannst doch nicht verrückt sein." — Ich kann es gar nicht begreifen und besonders wenn ich darauf geholfen werde (i. e. wenn man mir darauf hilft) — so bin ich bei Leuten gewesen, die sagten, ich hätte ein Damengesicht — besonders wenn ich meinen Gedanken Lauf lasse in meinen Mussestunden, da weiss ich nicht, wie ich den Trieb bekomme; ich habe schon vom achten Jahre an diesen Trieb und bin von meiner Mutter oft bestraft worden, da ich oft ihr Kleider nahm; je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es; eine Veranlassung weiss ich nicht. Das weibische Wesen ist eine wahre Qual für mich gewesen, das Verlangen, Frauenkleider anzuziehen, steigt öfter nach längeren Pausen in mir auf. Wenn ich es unterdrücke, so bekomme ich eine förmliche Angst, bis ich es befriedigen kann. Mit Frauensleuten bin ich von Jugend an zusammengewesen, es machte mir Vergnügen, mit ihnen in Frauenkleidern zu verkehren, besonders zum Tanz zu gehen, es machte mir lange nicht so viel Vergnügen, als Herr zu tanzen; ich hatte mir Schmuck angeschafft, Nadeln, Uhrgehänge, Ketten, Ohrringe, das Haar trage ich dabei nach der jetzigen Mode aufgewickelt. Mit Frauen geschlechtlichen Umgang zu pflegen habe ich Neigung gehabt, jedoch selten, da ich fürchtete, dadurch hässlich zu werden." — Von Männern habe er sich nie brauchen lassen und sich nie mit ihnen geschlechtlich zu schaffen gemacht, obwohl viele Anerbietungen nach dieser Richtung hin an ihn gelangt seien; sein Seelsorger habe ihm einmal gesagt, er habe, wenn er aufgeregt sei, ein glänzendes Auge und einen sonderbaren Gang und das ziehe die Leute ihm nach. Onanirt will er nur als ganz junger Mensch haben, jetzt schon lange nicht mehr.

In seinem 16. Jahre hatte er seiner Angabe nach zum ersten Male nach einem Schreck einen Krampfanfall, wobei er bewusstlos auf der Erde liegend gefunden wurde. Er bekam dann später alle viertel oder halbe Jahre einen Anfall und spürte vorher Unwohlsein; in die Zunge hat er sich nie dabei gebissen. Auch nächtliche Anfälle will er gehabt haben, bei denen er aus dem Bette fiel. Im Beginne des Anfalls will er zuerst Herzklopfen spüren, bekommt dann Angst und es wird ihm kalt, besonders in den Fingern. Diese Erscheinungen sollen


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sich manchmal schon eine viertel Stunde vor dem Anfalle einstellen; dann kommt Klingen vor den Ohren, Schwarzwerden vor den Augen, die Besinnung verlässt ihn, er fällt um und bekommt Krämpfe, wobei ihm mitunter Blut aus dem Munde quillt. Bei den Krämpfen soll er öfter schreien. Nach dem Anfall fühlt er sich matt, abgeschlagen und schwer im Kopfe. Die Anfälle sollen jetzt sehr unregelmässig kommen, mehrere Mal in der Woche, öfter Monate lang nicht; besondere Veranlassungen zum Ausbruche der Anfälle kann Patient nicht angeben. Auf Befragen erfährt man weiter von ihm, dass sein Gedächtniss stellenweise schwach sei, so dass er nach einigen Stunden Alles vergesse; zuweilen habe er vergessen, nach dem Essen den Kaffee zu serviren und sei gefragt worden, ob er denn verliebt sei, da er oft so in Gedanken dastehe. Er neige leicht zum Zorn, finge auch leicht an zu weinen, könne Spirituosen gar nicht vertragen und werde danach sogleich aufgeregt; in einem Zustande von Aufregung, durch einen geringfügigen Streit veranlasst, habe er einmal im Lazareth in Altona, wo er eine Zeit lang als Wärter fungirte, einen andern Wärter gebissen und mit dem Nachtgeschirr auf den Kopf geschlagen und sei erst zur Besinnung gekommen, als er das Blut gesehen. Ferner erzählt er, dass er oft Anfälle von Schwermuth gehabt habe, in denen er seinem Vater und seiner Mutter geflucht (er ist ein uneheliches Kind), in furchtbarer Angst und Aufregung gerathen und in Schreien ausgebrochen sei; er habe dann auch viel in der Bibel gelesen.

Ueber seine Lebensschicksale gab er mir, aufgefordert sie niederzuschreiben, folgenden Bericht, den ich, mit Verbesserung der groben orthographischen und grammatikalischen Fehler hier folgen lasse:

„Ich, Aug. Ha..., genant Han. .*) wurde den 7. Juni 1841 zu Cöslin geboren, besuchte daselbst die Schule, wurde confirmirt und zog dann in Condition, wo ich stets von meiner Herrschaft gelobt wurde bis zu der Zeit, wo ich zum ersten Male die Krämpfe bekam; einige Zeit nach der Krankheit hatte meine Herrschaft in einem Briefe an meine Mutter mich getadelt und gesagt, dass ich seit meiner Krankheit sehr ungehorsam sei, worüber ich von der Mutter einen Vorwurf bekam. Ich versprach Besserung aber vergebens, ich wurde zu Ostern meines Dienstes entlassen und ging wieder nach Cöslin, wo ich von einem Namens W. B. aufgeredet wurde, mich als Dame zu verkleiden und so musste ich es machen — und sagte, ich hätte ein hübsches Frauengesicht, und wirklich mein Vorhaben gelang mir und wurde ich förmlich vergöttert von den Herren und genoss manches schöne Abenteuer, bekam immer reiche Geschenke von den Herren und wusste dann mich zu entfernen. Da beschloss ich dann im October mit einer Schauspielergesellschaft als Dame in die Welt zu ziehen,

*) Zur Zeit als Pat. dies niederschrieb, war es bereits an den Tag gekommen dass der Name U. B., den er anfangs führte, ein falscher gewesen.


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aber es fehlte noch an weisser Wäsche. Da ich eines Abends wieder ein schönes Abenteuer erlebt hatte und in vollem Rausche von mehreren Damen nach Hause begleitet wurde, es waren nämlich nur Hu—, wovon die eine jetzt im Zuchthause sich befindet — nämlich wir stahlen in dem Hause, wo ich wohnte, einer Dame, die nicht zu Hause war, weissen Schirting; ich behielt die Waare, der anderen gab ich 2 Thaler. Es wurde bald bekannt, dass ich Schirting in Arbeit gebracht hatte zu einer Frau, wozu, weiss ich nicht mehr. Ich wurde vor Gericht gefordert, wo ich sogleich bekannte; ich wollte meine Freundin nicht verrathen, weil ich sie liebte. Ich bekam 2 Monate Gefängnissstrafe und als ich entlassen wurde, fing ich das alte Leben wieder an und noch in einem anderen Masse wie ehedem, weil ich meinte, mein Name sei doch einmal beschimpft; da machte ich's noch schlimmer, dieweil ich sogar Forderungen machte bei den Herren und verdiente viel Geld und wusste dann durch Schlauheit den Betreffenden zu entgehen, was mir glücklich gelang, bis ich eines Abends von mehreren jungen Herren verfolgt und mit Gewalt angefasst wurde. Dabei gab ich mich zu erkennen, dieweil ich mir anders nicht zu helfen wusste; auf mein Geschrei kam die Polizei herbei, ich wurde in die Wache gebracht, wo ich alsdann erkannt wurde; es fanden sich Ankläger und wurde ich*) zu einer 5 monatlichen Gefängnissstrafe verurtheilt. Ich wurde wieder entlassen und fing mein Geschäft wieder an, weil grade zu der Zeit die Industrieausstellung in Cöslin war und viele fremde Herren sich da befanden und ich für ein hübsches Mädchen galt, fehlte es auch nicht an Liebhabern. Da bekam ich gar reiche Geschenke, dass ich in solchen Staat gesetzt wurde, dass ich reisen konnte; ich reiste nach Colberg, woselbst ich in einem Gasthause wohnte, und ging des Tags spazieren mit zwei Hu... und des Abends in Tanzlokale, wo ich eines Nachts von einem Wächter nach der Wache gebracht wurde, dieweil es so Sitte in Colberg ist, dass alleingehende Damen des Nachts nicht gehen dürfen, wenn sie nicht nachweisen können, warum — und so ging es mir auch; ich bekam, da ich mich zu erkennen gab, eine dreitägige Gefängnissstrafe, und weil ich glaubte, dass die Geschichte wegen des Kleides entdeckt würde, so suchte ich die Flucht. Mit dem Kleide verhielt es sich so: ich ging eines Abends mit einer gewissen Jo.. Le.. zu einem Schuhmacher, um mir ein paar Schuhe zu kaufen, wo meine Freundin draussen wartete; als wir nach Hause kamen, zeigte sie mir ein Kleid, und weil es ihr nicht passte, so nahm ich dasselbe, gab l Thaler dafür und erzählte sie, dass sie dasselbe aus einem auf einem Corridor befindlichen Kleiderschranke genommen habe. Es war schon in Cöslin bekannt, dass ich in Colberg entsprungen sei; ich wurde natürlich verhaftet und da dieser Diebstahl als ein schwerer angenommen wurde, den ich in Colberg verübt hatte, wurde ich zu 5 jähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, worüber ich mich in einer Hinsicht freute, denn ich glaubte durch die lange Einsperrung würde ich doch einmal von dieser Qual befreit werden, denn es war wirklich in der That eine. Und also kam ich nach Naugard, wo sich sogleich die Geistlichkeit meiner annahm und hatte ich es danach als ein Gefangener viel besser als hier. Ich bot alle meine Kräfte auf, um ein

*) Wegen wiederholten Betrugs. Er habe auf Grund der Verkleidung von Herren Geld genommen.


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gebesserter Mensch zu werden, und da ich meine Strafe verbüsst hatte, wurde ich wieder nach Cöslin geschickt, wo ich mir grosse Mühe gab, um mich zu revanchiren, aber keine Aussicht. Da nahm ich mir vor, nach Amerika zu reisen, aber man verweigerte mir einen Pass zu geben. Da nahm ich mir denn vor, in die Welt zu gehen. Ich ging nach Stettin, wo ich von einem Freunde bestohlen und dann angezeigt wurde, worauf ich arretirt wurde*) und als ich zur völligen Besinnung kam, befand ich mich im Krankenhaus. Also ich kam glücklich fort aus dem Gefängniss. Ich hielt mich auf den Dörfern auf zwischen Colberg und Cöslin. Eines Tages, da ich von Körlin kam, traf ich auf der Strasse ein Mädchen an, die ich nicht kannte, aber wir wurden durch längeres Unterhalten sogleich bekannt. Ich gab mich für eine Köchin aus und käme von Colberg und so reisten wir zusammen, wo wir auf ein adliges Gut kamen, wo ich mich als herrschaftliche Köchin vermiethen wollte; da aber die Stelle vakant war und es Abend war, sahen wir uns genöthigt im Dorfe zu übernachten, wo wir zusammen in einem Bette schliefen**). Des Morgens stand ich früh auf und nahm von meiner Reisecollegin ein grosses Tuch mit und entfernte mich damit und hinterliess ihr meinen Hut und glaubte einen Tausch gemacht zu haben, welcher aber als Diebstahl ausgelegt wurde. Das Tuch nahm ich, weil es mich vor Kälte schützen sollte, dieweil man mir meine Sachen abgenommen hatte. Ich ging nach Cöslin, wo ich des Nachts in der Wohnung meiner Mutter, die schwer krank war, verhaftet und nach Colberg gebracht wurde, wo ich wegen Diebstahls angeklagt war, nämlich wegen des Kleides, welches man unter meinen Sachen gefunden hatte. Ich sagte, dass ich das Kleid gestohlen hätte, wie ich's mit der Jo.. Le.. abgemacht und sagte, das Tuch hätte ich auch gestohlen und erzählte, wie sich die Sache verhielt Ich wurde zu einer neunmonatlichen Gefängnissstrafe verurtheilt; das war im December 1861***). Ich genoss bei dem Gefängnisswärter und dessen Familie ein grosses Vertrauen, weil ich fleissig für denselben arbeitete, und da ich mich mit der Kocherei sehr behelfen konnte, so wurde ich Koch für meine Mitgefangenen, und da ich einige Monate verbüsst hatte und ich ein solches Verlangen bekam nach den verfluchten Weibskleidern, die stets mein Unglück gewesen sind, und da ich es eines Tages nicht mehr ertragen konnte, so beschloss ich denn, des anderen Tages davonzulaufen, wohin das wusste ich selber nicht. Erst da ich mich von der ersten Angst erholt hatte, beschloss ich, nach Cöslin zu geben und mir die Ueberzeugung zu verschaffen, ob es wirklich wahr sei, dass meine Mutter gestorben sei; dann ging ich nach einem mir bekannten Hause, wo ich früher in Dienst gestanden hatte, um mir das gewünschte Damenzeug zu holen, was mir auch wirklich gelang. Aber nicht lange sollte mein Vergnügen dauern, denn da ich in der Absicht nach dem Bahnhofe ging, um Geld zu verdienen und ich auch wirklich einen Liebhaber fand und wir die Absicht hatten, nach einem

*) Nach mündlicher Erläuterung des Pat. wurde er von dem betreffenden Freunde wegen Führung eines falschen Namens denuncirt und deshalb arretirt.

**) Hierbei will er angeblich seine Frauenrolle bewahrt haben.
***) Die Erzählung ist hier sehr confuse und verwechselt Pat., wie es scheint, die Zeiten. Die Verurtheilung zu 9 Monaten Gefängniss ging der zu 5jähriger Zuchthausstrafe voran. S. später.


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Gasthofe zu gehen, wurde ich sofort erkannt, denn es redete uns da ein ... (unleserlich)... an, wo ich mehrere Wochen gewesen bin. Als ich entlassen wurde, bekam ich eine Reiseroute nach Cöslin, welche ich aber nicht befolgte, sondern ich verschaffte mir ein Dienstzeugniss von einem gewissen B., dessen Namen ich jetzt führte; ich ging darauf nach Berlin, wo ich aber keine Stelle erhalten konnte. Das war im Februar 1867; dann ging ich nach Hamburg, wo ich in Altona eine Stelle bekam. Das Andere, bis jetzt da ich in Berlin verhaftet wurde, wissen ja der Herr Professor. Ach ich bitte unterthänigst den Herrn Professor, wenn mir noch zu helfen ist, ihr Bestes zu thun, dass ich doch noch einmal wieder ein ordentlicher Mensch werde und in der menschlichen Gesellschaft auftreten kann; Sie werden keinen Undankbaren an mir haben." —

Ueber die der Verhaftung in Berlin unmittelbar vorangegangene Zeit erzählt Pat. Folgendes: er war Diener in einem vornehmen Hause zu N. Die Dame vom Hause, sowie andere Hausbewohner, interessirten sich für ihn, man sagte ihm, er habe Talent zum Schauspieler, die Kinder machten zuerst darauf aufmerksam, er musste selbst verfasste Gedichte vortragen, auch sich der Dame selbst gegenüber in Frauenkleidung präsentiren. Er will Geschenke bekommen haben, man nöthigte ihn, im Hause zu bleiben, ja er deutet an, dass die Frau des Hauses sich noch entschiedener für ihn interessirte. Um weiteren Beziehungen zu derselben zu entgehen — denn daraus entstände für einen armen Menschen doch immer nur Unglück — habe er beschlossen, den Dienst heimlich zu verlassen und sich nach Hamburg zu begeben, um dort bei einer Schauspielergesellschaft einzutreten und Frauenrollen zu spielen, wozu er stets Neigung gehabt. Bei seinem Abgange hinterliess er den in der Anmerkung mit allen orthographischen u. s. w. Fehlern abgedruckten Brief, der mir auf mein Ersuchen zugesandt wurde.*) Um sich in den Besitz der nöthigen Garderobe zu setzen,

*) Hochgeehrte Gnädige Frau

bitte bitte um Gnade und Verzeihung das Ich dem Hause eine sollche Schande bereitet habe, aber Ich konnte nicht anders als diesen Schritt thuhen, den Sagen das Ich fort wollte das wahr mich unmöchlich, Ach verzeihen Sie Gnädige Frau das Ich sofrei spresche zu ihnen aber Sie müssen doch dieursache meines Endweischen (soll heissen „meines Entweichens") wissen O ich mus mich schämen vor Sie das Ich Sie sobeleidige was Sie an mir nicht ferdienthaben, O Gnade ach Theuere Frau ich mus meine Sünden bekennen, nemlich Ich Embfand eine Brennende liebe gegen Sie, und weil Ich befürtete das das Feuer würde ausbreschen somuste Ich es zuferhindern suschen, Ich gehe jetzt inn die Welld und weis nicht wohin den die 3 Thaler woich um Baht, ist almein Geld

Gnade. Gnade Ich verble im Geiste ihr unterthanichste Dict B,


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habe er einige übrigens ganz werthlose Kleidungsstücke der Dame in seinen Koffer gepackt; die weibliche Kleidung, die er bei seiner Verhaftung trug, sei für sein eigenes Geld erworben gewesen; er legte dieselben auf der Reise an, weil er probiren wollte, ob er in der Rolle als Dame bestehen werde". Schmuck u. dgl. habe er nicht genommen, obwohl er es mit Leichtigkeit gekonnt. Auf dem Bahnhofe in Berlin wurde er erst erkannt, als man ihm auf die Schleppe trat und beim Umwenden sein Schleier sich derangirte; er gab sich zuerst für eine Gräfin aus, wurde aber verhaftet, als er sich nicht genügend ausweisen konnte. Aus den oben angeführten Gründen kam er dann in die Charité.

Während seines Aufenthalts in der Abtheilung für Krampfkranke war er fortdauernd mit weiblichen Handarbeiten beschäftigt; er strickte bunte, in allen Farben schillernde Tücher, stickte, verfertigte Damenhütchen u. s. w., wobei man ihn absichtlich gewähren liess. Es wurde berichtet, dass er sich manchmal den weiblichen Patienten der syphilitischen Abtheilung gegenüber, deren er von den Fenstern seines Zimmers aus zuweilen ansichtig werden konnte, bemerklich gemacht, sich in den von ihm verfertigten Damenhütchen präsentirt habe u. s. w., auch hatte er sich einmal als Mädchen frisirt. Ueber Zärtlichkeiten eines anderen Patienten beschwerte er sich einst heftig; sonst verhielt er sich im Allgemeinen ruhig und gesetzt, hatte sogar Anderen gegenüber oft ein etwas albern vornehmes Wesen, redete gewöhnlich nur, wenn man ihn ansprach, dann aber ohne Zögern, oft unter Erröthen und Zittern; zuweilen war er bei geringfügigen Veranlassungen kindisch empfindlich und gerieth dann leicht in heftige zornige Aufregung. Sehr bemerkenswerth war sein Verhalten bei der Weihnachtsbescheerung: er blieb an der Thür stehen, brach in Weinen aus und wollte nicht hineingehen. Ein anderes Mal erschien er, nachdem er über Verschiedenes hatte Auskunft geben müssen, sehr deprimirt, klagte über Herzklopfen und wurde dann angetroffen, wie er stürmisch auf dem Corridor hin und her lief. Häufig klagte er über Schmerz in der Supraorbitalgegend; eine Untersuchung gegen Ende Dezember nach einem Krampfanfall am 20. Dezember ergab Schmerzhaftigkeit bei Druck auf die Austrittstelle des linken N. supraorbitalis links, während rechts der Druck sehr gut ertragen wurde; derselbe Unterschied bestand an den Austrittsstellen des N. infraorbitalis, alveoralis superior, mentalis, aber auch sonst war Druck auf die Haut der linken Gesichtshälfte etwas empfindlicher als rechts; dies galt auch für die Conjunctiva bulbi und die Zungenschleimhaut; der linke Arm sollte etwas matter


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sein als der rechte. Krampfanfälle sind während des Aufenthalts des Pat. in der Abtheilung mehrfach beobachtet worden; ich selbst bin leider nie Zeuge eines solchen gewesen, dagegen hat Herr Dr. Sander, zur Zeit Assistenzart der Abtheilung, einen Anfall gesehen, den er entschieden für einen epileptischen erklären zu müssen glaubte, andere sind von dem Unterarzte der Abtheilung und den Wärtern beobachtet. Ich gebe die Schilderung einiger solcher Anfälle nach dem Krankheitsjournale:

30. September. Pat. hatte heute Morgen einen Anfall, als er noch im Bette lag, es strömte ihm Blut aus Mund und Nase, dann folgten Jactationen der Hände und Füsse, zuletzt des ganzen Körpers; während der ganzen Zeit floss ihm dunkles Blut aus Mund und Nase. Dann schlief Pat. bis 9 Uhr Morgens, wusste von dem Anfalle nichts, war bloss angegriffen. Mandeln und Fauces sind angeschwollen, doch ist an ihnen kein Blut sichtbar, ebenso wenig ist im Munde eine Quelle für die Blutung nachzuweisen; Zunge nicht verletzt; Klagen über Schmerzen in der linken regio supraorbitalis, Druck auf die Austrittsstelle des N. supraorbitalis schmerzhaft.

10. December. Gestern Morgen ein Anfall, nachdem Pat. sich vorher geärgert hatte; schlief in der Nacht schlecht, schreckte oft auf. Am Morgen sah man, dass er abwesend wurde, die Finger zitterten, er wurde zu Bett gebracht. Dann kam nach einiger Zeit leises Wimmern, es floss Blut aus dem Munde in ziemlich reichlicher Menge, worauf Zuckungen eintraten.

20. December Gestern Abend ein Anfall. Er ging zuerst wie ärgerlich umher, liess sich dann auf einen Stuhl am Fenster fallen und, indem er dann Bewegungen mit den Armen anfing, zerschlug er zwei Scheiben, dann erst kamen heftigere Bewegungen. Er will das Bewusstsein nur bis dahin gehabt haben, wo er sich auf den Stuhl setzte und will erst heut Morgen wieder zur Besinnung gekommen sein. Blut ist nicht bemerkt worden.

28. December. Gestern Abend ein Anfall, heute Morgen wieder einer. Es kommt dabei mehr Blut als sonst aus dem Munde. Er liegt dabei mit blutbedecktem Gesichte, die Augen geschlossen, bäumt sich wie im Opisthotonus in die Höhe, schlägt mit Armen und Beinen perpendiculär, die Daumen fest zwischen die Finger gekniffen, dann beginnt er wieder schnell und laut seufzend zu respiriren; oft kommen auch Bewegungen wie beim Würgen vor oder krampfhafte Bewegungen des Zwerchfelles. Dazwischen liegt er oft eine Zeit lang ganz ruhig da, die Hände über die Brust gelegt. Manchmal macht er wälzende und drehende Bewegungen mit dem Körper. Während man sich mit ihm beschäftigt, beginnt er, sich herumzuschleudern. Manchmal macht er die Glieder ganz steif und starr, wobei er den Mund zusammenpresst und lang anhaltend und tief inspirirt, dann, wie beim Pressen, plötzlich explodirt, worauf sich dann Schlaffheit der Glieder und des Gesichts zeigt. — Gleich nach dem Anfalle wurde Pat. wieder gesehen; er sah sehr blass und leidend aus, erschien auch befangen, wollte von dem Anfalle nichts wissen, meinte nur, dass er am Abend vorher beim Arbeiten schwindlig geworden sei und nachher, bis zu dem Momente, wo er aufgestanden sei, nicht mehr gewusst habe, was mit ihm vorgegangen sei. Druck auf den l. supraorbitalis sehr


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empfindlich (s. oben p. 89). Im linken Unterkiefer findet man einen Zahn hohl und durch eine granulirende Masse ausgefüllt, welche nach einigem Kratzen mit dem Nagel etwas zu bluten beginnt. Eine andere Quelle der Blutung ist nicht aufzufinden.

Da der Ha .. sich für einen längeren Aufenthalt in der Charité nicht eignete, so stellte ich den Antrag auf seine Entlassung; er wurde am 25. Januar 1869 in das Gefängniss zurückgeführt und schon am 7. Februar auf freien Fuss gesetzt, da die gegen ihn erkannte Haft von 3 Monaten abgelaufen war. Inzwischen schwebte aber — da man sich über seine früheren Verurtheilungen Kenntniss verschafft — auf Grund der Appellation der Staatsanwaltschaft aufs Neue die Untersuchung gegen ihn; durch Erkenntniss des Kammergerichts ward das frühere Erkenntniss abgeändert und er nun „des einfachen Diebstahls und wiederholten Rückfalls" schuldig mit 2 Jahren und 2 Monaten Zuchthaus, sowie mit Stellung unter Polizeiaufsicht auf 3 Jahre bestraft, wobei die erkannte zweimonatliche Zuchthausstrafe durch die erlittene dreimonatliche Gefängnissstrafe für verbüsst erachtet wurde. Gegenwärtig befindet er sich in der Strafanstalt zu Brandenburg.

Einige aus den Gerichtsacten sich ergebende und in Folge privater Erkundigung gewonnene Thatsachen, den Diebstahl und das ganze Treiben des Ha... betreffend, werde ich bei der Erörterung des Falles selbst zur Sprache bringen.

Von den vorstehend mitgetheilten Fällen stellt der erste den wohl characterisirten Typus eines bestimmten Krankheitszustandes dar; der zweite bietet der Beurtheilung in so fern Schwierigkeiten, als es sich gleichzeitig um verbrecherische Handlungen des betreffenden Individuums handelt und Zweifel entstehen könnten, ob es sich bei der geschilderten Neigung zum Anlegen von Frauenkleidern wirklich um ein Symptom eines pathologischen Zustandes oder vielleicht einzig und allein um eine zu verbrecherischen Zwecken angenommenen Maske gehandelt habe.

Ich wende mich zunächst dem ersten Falle zu. Es wird als zweifellos betrachtet werden, dass hier bei einem 35jährigen Mädchen das Phänomen der Verkehrung der Geschlechtsempfindung, das Gefühl, ein männliches Wesen darzustellen, unabhängig von irgend welcher absichtlichen oder Selbst-Täuschung von frühster Jugend auf bestand. Ein jeder an der inneren Wahrheit des von der Patientin Angegebenen etwa noch bestehende Zweifel muss schwinden, wenn wir sehen, dass ihre Aeusserungen fast wörtlich mit Aeusserungen von männlichen


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Individuen übereinstimmen, welche ihrerseits eine ähnliche conträre Geschlechtsempfindung hatten. Ich stütze mich hierbei wesentlich auf einige Schriftstücke, welche unlautrer Motive ganz unverdächtig sind. Das eine ist die freiwillig an C a s p e r eingesendete schriftliche Beichte eines Unbekannten*), an die sich die von Casper über den Grafen Cajus gegebenen Notizen anreihen**); das zweite eine unter dem Titel „Ma Confession" von Tardieu mitgetheilte Aufzeichnung, welche bei Gelegenheit eines Päderasten-Prozesses aufgefunden wurde; das dritte endlich eine unter dem Titel „Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe" von Numa Numantius erschienene Brochüre***). In allen diesen Schriften handelt es sich um Aufzeichnungen von Männern, die sich als Weiber fühlten, deren sexuelle Neigung sich auf das eigene Geschlecht richtete — und merkwürdig genug ist die Uebereinstimmung dieser Selbstschilderungen mit einander und mit den Bekenntnissen unserer Patientin! Es sei mir erlaubt, aus der zuletzt genannten Schrift, welche dem ärztlichen Publikum bisher weniger bekannt und zugänglich sein dürfte, zum Beweise des Gesagten einige characteristische Stellen mitzutheilen. Es heisst darin:

„Unser Character, die Art, wie wir fühlen, unsere ganze Gemüthsart, ist nicht männlich, sie ist weiblich. Dieses innere weibliche Element ist äusserlich an uns erkennbar durch ein auch äusserlich hervortretendes weibliches Wesen. Nur insofern ist unser äusseres Wesen männlich: als Erziehung, die stete Umgebung, in der man uns aufwachsen liess und die sociale Stellung, die man uns gab, männliche Manieren uns künstlich anerzogen hat. Den Mann spielen wir nur. Wir spielen ihn, wie auf dem Theater Weiber ihn spielen" ....

„Der Urning †) zeigt als Kind ganz unverkennbaren Hang zu mädchenhaften Beschäftigungen, zum Umgang mit Mädchen, zum Spielen mit Mädchenspielzeug, namentlich auch mit Puppen. Wie sehr beklagt ein solches Kind, dass es nicht Knabensitte ist, mit Puppen zu spielen, dass der Weihnachts-

*) Casper, Klinische Novellen. Berlin 1863, p. 36.
**) id. Handbuch der gerichtl. Medic. Berlin 1858. Biolog. Theil p. 182.
***) Vollständig lautet der Titel: Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe: „Inclusa". Anthropologische Studien über mannmännliche Geschlechtsliebe. Zweite Schrift über mannmännliche Liebe. Naturwissenschaftlicher Theil. - Nachweis, dass einer Classe von männlich gebauten Individuen Geschlechtsliebe zu Männern geschlechtlich angeboren ist. — Wie aus dem Titel hervorgeht und wie ich auch sonst erfahren, hat Verf. bereits früher über dasselbe Thema geschrieben (mir selbst ist nur die genannte Schrift zu Gesicht gekommen). Uebrigens ist er hinter dem Pseudonym hervorgetreten, wie in juristischen Kreisen genugsam bekannt.

†) So nennt der Autor die betreffenden männlichen Individuen, welche sich als Weiber fühlen.


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mann nicht auch ihm Puppen bringt, und dass man mit den Puppen seiner Schwester zu spielen ihm verbietet! Solches Kind zeigt Wohlgefallen an nähen, stricken, sticken, häkeln, an den weich und sanft anzufühlenden Kleidern der Mädchen, die es am liebsten selber tragen möchte, an farbigen seidenen Bändern und Tüchern, von denen es sich gern einzelne Stücke aufbewahrt." (Der Autor erzählt dann, wie er selbst seines weiblichen Wesens wegen schon als Knabe mancher Demüthigung unverschuldet ausgesetzt gewesen).

„Mit dem Eintritt der Pubertät erwachte unsere geschlechtliche Liebe sofort schon als Liebe zum männlichen Geschlechte. Es geschah ohne das geringste Zuthun von unserer oder von äusserer Seite. Bis zur Stunde haben wir ununterbrochen nur für Männer geschlechtliche Liebe empfunden, nämlich für blühende und schöne junge Männer. Zu körperlichen Berührungen mit einem solchen jungen Manne fühlen wir uns hingezogen durch eine unsichtbare, wunderbare, ausserordentlich starke Gewalt, welche in uns wohnt, gleichsam magnetisch hingezogen: und zwar zu geschlechtlichen Berührungen mit ihm, wie zu nicht geschlechtlichen, z. B. zu blossem Händedruck, wie auch zu Liebkosungen, wie Kuss oder Berührung von Wange mit Wange. Alle Berührungen mit ihm gewähren uns einen wunderartigen Genuss. Niemals, auch nicht einen einzigen Augenblick lang, empfanden wir geschlechtliche Liebe für Weiber. Selbst das blühendste und schönste Mädchen lässt uns völlig kalt. Von einer geschlechtlichen Berührung mit dem Körper eines weiblichen Wesens fühlen wir uns vielmehr durch eben jene unsichtbare Gewalt, welche in uns wohnt und uns zu jungen Männern hinzieht, zurückgescheucht und zurückgestossen. Zeigt der Traum uns Liebesbilder, so gaukelt er uns stets männliche, niemals weibliche Gestalten vor. So war es vom ersten Auftreten der sich entwickelnden Pubertät an; so ist es bis zur Stunde geblieben. Schon unser erster Liebestraum bildete eine männliche Gestalt" ....

„Es ist uns absolut unmöglich, unsere weiblichen Triebe in männliche umzuwandeln. Ja es ist uns absolut unmöglich, durch unsere Willenskraft unsere weiblichen Triebe in uns auch nur auszurotten" ....

„Die von uns oft heiss ersehnte Gegenliebe schmecken wir nie .... Ich für meine Person stehe nicht an zu erklären: „Läge es in meiner Gewalt, Liebe zu Männern oder zu Weibern zu wählen: die zu Männern würde ich nie gewählt haben, und die zu Weibern würde ich unbedingt noch heute wählen: nicht Eurer Verfolgungen wegen, sondern wegen der wirklich vorhandenen grossen Mangelhaftigkeit der urnischen Liebe im Vergleich mit der dionischen *); weil nämlich die urnische statt Gegenliebe jene unglückliche Abstossung in ihrem Gefolge hat, und dann, weil sie unfruchtbar ist. Liebten wir Burschen durch unseren eigenen Willen und nicht vielmehr deshalb, weil wir nicht anders können, d.i. von Natur: wir wären die thörichtsten unter den Menschen. Wahrhaft absurd würde es sein, uns für so thörichte Menschen halten zu wollen."

Ueber die Art der Liebe selbst heisst es: „Unsere Liebe ist, unter gleichen Bedingungen, ebenso ideal und erhaben, als die eure und als die der Weiber.

*) Als „Dioninge" werden die männlichen Individuen mit normaler Geschlechtsempfindung bezeichnet.


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Gleich der euren und gleich der weiblichen Liebe ist sie von einer tiefen Liebessehnsucht begleitet. Sie ist in gleichem Grade innig, zart, tiefgefühlt, edel, entsagend und duldend, aufopferungsfähig und opfermuthig. Mir persönlich scheint sie in allen diesen Stücken die eure noch zu übertreffen und der weiblichen Liebe zur Seite zu stehen: namentlich in ihrer Innigkeit, in ihrer Fähigkeit zu dulden, in ihrem Edelsinn und ihrem Opfermuth. Ganz entschieden ist sie demuthvoller und hingebender, als männliche Liebe, und steht hier ganz entschieden der weiblichen gleich. Die urnische Liebespoesie athmet eine ganz andere Hingebung des ganzen Ich an das geliebte Wesen, als die dionische".

Gewisse Ausdrucksweisen, Vergleiche u. s. w. in den genannten Aufzeichnungen stimmen sogar fast wörtlich mit denen unserer Patientin; als Beispiel hier nur noch Folgendes aus der Beichte des Ungenannten bei Casper: „Die gütige Natur", heisst es darin, „hat uns einen gewissen Instinct verliehen, der uns, gleich einer Brüderschaft, vereint; wir finden uns gleich, es ist kaum ein Blick des Auges, wie ein electrischer Schlag, und hat mich bei einiger Vorsicht noch nie getäuscht .... Auf dem Rigi, in Palermo, im Louvre, in Hochschottland, in Petersburg, ja, bei der Landung in Barcelona fand ich Leute, die ich nie gesehen, die in einer Secunde an mich gebannt waren, ich an sie." Unsere Patientin sagt: „es ist merkwürdig, es liegt im Auge, es ist eine Art Magnetismus"; auch bediente sie sich mit Vorliebe des Ausdrucks „wie gebannt sein" wenn sie von der Einwirkung des betreffenden Mädchens auf sie spricht (obwohl hier keine Gegenseitigkeit vorlag). Uebrigens befindet sich auch der Casper'sche Unbekannte, wie unsere Patientin, „durch diese Neigung in einem qualvollen Zustande und war so unendlich unglücklich, weil er sich anfangs für das einzige so seltsame Wesen hielt". Mehr wie einmal, erzählt er, habe die Pistole vor ihm gelegen.

Nach diesen Ausführungen dürfen wir es als zweifellos betrachten, dass sowohl beim Manne — und dies geben auch die Gerichtsärzte, welche Erfahrungen nach der genannten Richtung hin haben, zu — als auch beim Weibe, wie unser Fall, vielleicht zum ersten Male, in unwidersprechlicher Weise lehrt, eine conträre Sexualempfindung angeboren vorkommt, so dass der Mann sich als Weib, das Weib als Mann fühlt. Aber welche Bewandniss hat es damit? liegt hier eine vollkommen isolirte abnorme Erscheinung in einem sonst gesunden Seelenleben vor? oder handelt es sich gleichzeitig um anderweitige Erscheinungen eines pathologischen Zustandes?

In der That finden sich letztere in unzweideutiger Weise bei unserer Patientin. Es besteht ein periodischer Wechsel von Zuständen


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der Depression und Exaltation, wie wir ihn als sogenannte Folie circulaire häufig genug beobachten. Bekanntlich handelt es sich hierbei nicht selten um Zustände, welche als pathologische so wenig ausgeprägt sind, dass sie dem Arzte, sogar dem sachverständigen Arzte, als krankhafte nicht auffallen, wenn er nicht den Patienten in gesunden Tagen gekannt hat oder ihn später in einem gesunden Stadium wiedersieht. Die deprimirte sowohl wie die exaltirte Stimmung (exaltation maniaque, manie tranquille) kann sich in solchen Grenzen bewegen, dass sie, ohne die Möglickeit des Vergleichs mit dem früheren Wesen des Kranken, als vollkommen physiologisch erscheint und dass nur die nächste Umgebung des Kranken, oft auch nicht einmal diese, Kenntniss davon hat, dass es sich hier um pathologische, zwangsweise auftretende psychische Zustände handelt, während der Patient selbst sich derselben als pathologischer oft sehr wohl bewusst ist. Kranke mit diesen äusserlich sich als gerinfügig darstellenden Symptomen kommen gewöhnlich nicht in die Irrenanstalten, wohl aber suchen sie nicht selten die Hülfe des Arztes, ihm allein sich anvertrauend, wie es uns selbst wiederholt begegnet. Diese äusserlich so wenig ausgeprägte Form der Geistesstörung gehört nichtsdestoweniger zu den unheilbarsten, der Wechsel der pathologischen Zustände besteht oft ein langes Leben hindurch, die einzelnen Stadien der Depression und Exaltation halten theils regelmässige Zeiträume ein, theils stellen sie kürzere oder längere Perioden dar, ein als gesundes oder relativ gesundes Zwischenstadium zu bezeichnender Zeitraum ist gleichfalls in seiner Dauer oft wechselnd. Offenbar handelt es sich bei unserer Patientin um ganz analoge Zustände, ihre Angaben darüber sind ganz spontan gemacht und waren mir selbst unerwartet. Regelmässig, mit unerbittlicher Notwendigkeit, folgen sich die Pendelschläge des pathologischen Mechanismus, nichts thut der Wille dazu, Alles ist pathologischer Zwang. In dem Erregungsstadium tauchen bestimmte Empfindungen, Vorstellungen und Triebe empor, ganz wie bei anderen maniakalischen Formen, nur hier nach der geschilderten eigentümlichen Richtung hin; in dem Depressionsstadium sinken sie wieder unter, und anstatt dessen macht sich oft eine eigentümliche psychische Starrheit geltend, darin bestehend, dass sie — ihr Denken, so zu sagen, allen Inhalts baar — unverwandten Blicks längere Zeit hindurch einen bestimmten Gegenstand fixiren muss, von einer Notwendigkeit gezwungen, über die sie keine Rechenschaft zu geben im Stande ist. In einer bestimmten Zwischenzeit treten alle Erscheinungen nach der einen und anderen Richtung hin vollkommen zurück, es ist der relativ gesunde Zeitraum.


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Ob eine solche Periodicität von Anfang an bestanden, liess sich nicht wohl feststellen, wohl aber besteht sie jetzt bereits seit langer Zeit und hängt, wie oben ausgeführt, eng mit dem Menstruationsvorgange zusammen. Die Patientin leidet also gegenwärtig an einer Form der Folie circulaire, und als Symptom des maniakalischen Stadiums, welches sich kurz vor der Aufnahme zu sonst nie dagewesener Höhe steigerte*), tritt die nach so eigenthümlicher Richtung hin sich geltend machende sexuelle Erregung hervor. Gleichzeitig besteht als anderweitiges Symptom von Seiten des Nervensystems heftiger Kopfschmerz mit Schwindelgefühl.

Nach allem was ich selbst von der Patientin gesehen und durch deren Schwester über sie gehört habe, glaube ich jedoch noch eine allgemeinere, gleichsam die Grundlage des krankhaften Zustandes bildende Störung erkennen zu können. Die Beschränktheit des Urtheils der Patientin, von der ich in der Erzählung ihrer Krankheitsgeschichte gesprochen, die untergeordnete Stellung, welche sie ihren beiden anderen Schwestern gegenüber einnimmt, die Schwierigkeiten, welche sie in früher Jugend beim Lernen empfunden zu haben scheint, legen es nahe, einen gewissen Grad von angeborener geistiger Schwäche bei ihr anzunehmen, die sich freilich nur bei einem längeren Verkehr und genauerer Kenntniss von Einzelheiten deutlicher demonstriren liesse. Wir haben es aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem von Jugend auf an einem gewissen leichteren Grade geistiger Schwäche leidenden Mädchen zu thun und es fügt sich so das wunderbare vom achten Lebensjahre**) an bestehende Phänomen der conträren Sexualempfindung in die grosse Reihe der angeborenen Perversitäten des Fühlens, Vorstellens und Handelns ein, welche wir in anderen Fällen von angeborener geistiger Schwäche — namentlich in den vorzugsweise als moral insanity

*) Die Patientin wurde, wie ein zweiter begutachtender Arzt erklärte, zu Wuthausbrüchen veranlasst, wenn sie nur die Stimme des von ihr geliebten Mädchens hörte.

**) Auch im zweiten von uns beschriebenen Falle wurde das achte Lebensjahr angegeben; der Casper'sche Unbekannte erzählt gleichfalls, dass, als er, ein achtjähriger Schulknabe, neben einem etwas älteren Knaben sass, sich glücklich fühlte, wenn er von demselben berührt wurde; es sei das erste unbestimmte Gefühl einer Neigung gewesen, die ihm bis zu seinem 19. Jahre ein Geheimniss war. Griesinger, welcher die von mir beschriebenen Fälle nicht kannte, hat von einem „soliden, fein gebildeten und in der feinen Welt lebenden, aber allerdings hereditär stark belasteten Individuum das Geständniss entgegengenommen, dass er seit seinem achten Lebensjahre einen bei jeder Gelegenheit aufsteigenden sexualen Trieb zum eigenen Geschlechte, niemals aber noch einen gesunden natürlichen empfunden hat." S. Vortrag zur Eröffnung der psychiatr. Klinik. Arch. f. Psych. und Nervkrkht. I. p. 651. — Also überall das achte Jahr!


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sich äussernden — als etwas Alltägliches beobachten. Später entwickelte sich dann auf dieser Basis die genannte periodische Form der Geistesstörung, in deren maniakalischem Stadium, wie so häufig, sexuelle Erregungen sich geltend machten, deren Ziel dem der angeborenen Perversität der Geschlechtsempfindung entsprechend war.

Als Ursache für den pathologischen Zustand der Patientin können wir gewiss mit einigem Rechte die Heredität geltend machen: der Vater nahm sich in einem Anfalle melancholischer Geistesstörung das Leben. Ob auch bei den Geschwistern der Patientin pathologische Züge vorhanden sind, wodurch eventuell die gemachte Annahme gestützt werden könnte, liess sich nicht ermitteln. —

Es dürfte nun gewiss von Interesse sein, zu untersuchen, ob in den aus der Literatur von mir angeführten Fällen, in welchen die Verkehrung der Sexualempfindung theils berichtet, theils durch die betreffenden Individuen selbst ausführlich geschildert wird, gleichfalls anderweitige Zeichen eines pathologischen Zustandes nachweisbar sind. Natürlich kann eine solche Untersuchung, allein auf diese Mittheilungen gestützt, ohne Kenntniss der Personen selbst, nur sehr unvollkommen sein. Einige Andeutungen jedoch lassen sich gewinnen. Von dem der Päderastie angeklagten Grafen Cajus heisst es bei Casper, dass „sein weibisch-kindliches Wesen und seine Unbefangenheit seine Aussage, dass er nicht gewusst, dass so etwas nach den Gesetzen strafbar sei, einigermassen glaublich mache" — nichtsdestoweniger erklärt ihn Casper für keineswegs etwa „geistesschwach oder indispositionsfähig". Wer weiss, wie Casper über unzweifelhaft geistesschwache Menschen urtheilt, wird sich über einen solchen Ausspruch nicht wundern: für uns geht aus dieser Schilderung des Grafen Cajus seine Geistesschwäche mit grosser Wahrscheinlichkeit hervor, seine „Unbefangenheit" war wohl die des Schwachsinns! Ueber die Beichte des Casper' schen Unbekannten, aus der deutliche Zeichen von Schwachsinn sich nicht ergeben, werde ich später noch einiges zu sagen haben; über den Gemüthszustand des Numa Numantius, eines Mannes, der, wie mir aus juristischen Kreisen bekannt, zum Theil bereits eine öffentliche Rolle spielt, kann schicklicherweise hier ein Urtheil nicht gefällt werden und mag es sich der Leser seiner Schrift selbst bilden.

In dem zweiten der von uns mitgetheilten Fälle handelt es sich um einen Menschen, der von Jugend auf einen besonderen Drang zum Anlegen von Frauenkleidern empfinden will, eine Neigung hat, sich in dieser Verkleidung unter Weiber zu mischen und sich als Weib zu

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geriren. Geschlechtliche Neigung zu Männern hat er angeblich nicht, er will sich niemals von ihnen haben brauchen lassen; dass er geschlechtlichen Umgang mit Weibern nicht scheute, geht theils aus seinen eigenen Angaben, theils aus der Thatsache hervor, dass er im Augenblicke seiner Verhaftung an einer Gonorrhoe litt. Wie verhält es sich mit diesem angeblichen Drange zu Frauenkleidern? Ist hier die perverse Geschlechtsempfindung gleichsam auf einer niederen Stufe der Entwickelung geblieben, so dass es eben nur zu einem allgemeinen Zustande weiblichen Fühlens und weiblicher Neigungen kam, zu einem Bedürfnisse, sich weiblich zu geriren — oder ist der ganze angebliche Drang nur ein Vorwand des Ha ... gewesen, um unter dieser Maske die mannigfaltigen von ihm verübten Diebstähle um so besser ausführen zu können?

Es steht fest, dass Ha . . in der That die Weiberkleidung zu allerlei Schwindeleien benutzt hat, er überhaupt ein im höchsten Grade lügen- und schwindelhafter Mensch ist, welcher auf Grund fremder Dienstzeugnisse mehrfach unter anderen Namen aufgetreten war und zuletzt sich in den Besitz eines Dienstzeugnisses des Mädchens seiner Herrschaft gesetzt hatte, um sich als Weib legitimiren zu können. Er ist ferner, wie aus seiner eigenen Aufzeichnung und aus den Gerichtsacten, die mir zur Disposition gestanden, ersichtlich, wiederholt wegen Betrugs und Diebstahls verurtheilt worden und zwar 1) am 15. November 1859 zu Cöslin wegen einfachen Diebstahls zu 2 Monaten Gefängniss und Ehrenverlust auf l Jahr; 2) ebendaselbst am 12. April 1861 wegen wiederholten Betrugs zu 4 Monaten Gefängniss, event. noch l Monat Gefängniss und l Jahr Ehrenverlust; 3) zu Colberg am 18. December 1860 wegen wiederholten Diebstahls im 1. Rückfalle zu 9 Monaten Gefängniss, Ehrenverlust und Polizeiaufsicht auf ein Jahr; 4) zu Cöslin am 29. October 1861 wegen zweier einfachen, eines schweren und eines einfachen Diebstahls unter erschwerenden Umständen zu 5 Jahren Zuchthaus und Stellung unter Polizeiaufsicht auf 5 Jahre. — Alle diese Verurtheilungen verschwieg er anfangs sowohl bei seiner Vernehmung vor Gericht, als auch mir gegenüber vollständig, so dass er — da er einen falschen Namen führte — in der That als bis dahin unbestraft galt und das erste Urteil danach bemessen wurde. Nur durch einen Zufall kam seine wahre Persönlichkeit an's Licht; der Director der Strafanstalt in Naugard hatte durch die Zeitungen Kenntniss von den Verhandlungen gegen Ha ... erhalten und sprach dem hiesigen Gerichte in einem Schreiben die Vermuthung aus, dass der angebliche B. wahrscheinlich Ha . . . heisse und identisch mit einer Person


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sei, die in Naugard 5 Jahre Zuchthausstrafe abgebüsst habe. Ha. ., dem auf Grund dieser Erklärung von Gerichts wegen betreffende Fragen vorgelegt wurden, läugnete Alles und behauptete, B. zu heissen und niemals bestraft zu sein; erst als der Director der Strafanstalt ihn persönlich recognoscirte, gab er Alles zu.

Ueber seine Lügenhaftigkeit von mir zur Rede gestellt, bat er inständigst um Verzeihung, er habe es nicht vermocht, sich selbst als solch schlechten Mensch hinzustellen; übrigens habe er bei allen diesen Diebstählen nur Frauensachen genommen, wie auch bei dem jetzigen, an seiner Dienstherrschaft in N. verübten Diebstahle. Wie es sich mit dieser Behauptung verhielt, habe ich erst später aus den Acten ermitteln können. In der That fand sich unter den bei ihm vorgefundenen Sachen eine ganze Mustersammlung allerlei zur weiblichen Toilette gehöriger Gegenstände. Von diesen bezeichnete er (die betreffenden Vernehmungen sind in den Acten enthalten) anfangs nur eine kleine Zahl als seiner Dienstherrschaft entwendet, concedirte auch später bei wiederholter Nachfrage immer nur nach und nach einige Gegenstände mehr, bis er endlich, bei Vorhaltung eines authentischen Verzeichnisses der gestohlenen Sachen, erklärte, es sei wohl möglich, dass auch dies und jenes der Herrschaft gehöre, er wisse es nicht, man möge nur zurückgeben, was man wolle, damit die Leute endlich zufriedengestellt würden. Von der grossen Zahl von Sachen, die er nachweislich mitgenommen und welche als solche recognoscirt wurden, erwähne ich u. A. mehrere Damenkleider und Damenblousen, Aermel, eine weibliche Haartour mit Zöpfen, Chignon, Unterröcke, Strümpfe, Taschentücher, seidene Bänder, ein Stück bunte Gaze, eine Jettkette, ein unechtes Armband, ferner Herrenschlipse und ein paar Herrenhemden, schliesslich eine Bibel, ein Album, zwei Gesangbücher, ein Gedichtbuch, ein Photographienalbum, wobei ich bemerke, dass die betreifenden Bücher zum Theil werthvolle Einbände hatten; die Reisetaschen, in denen sich die Sachen befanden, waren gleichfalls gestohlen. Ausserdem vermisste ein Herr des Hauses ihm gehörige Kleidungsstücke, die unter den Sachen des Ha . . . nicht aufgefunden wurden und die genommen zu haben er hartnäckig in Abrede stellte. Auch hier also war er unwahr gewesen, wenngleich allerdings das Gros der gestohlenen Sachen in weiblichen Toilettengegenständen bestand. Schliesslich ist noch zu erwähnen, dass Ha . . . sich vom Tage vor seiner nächtlichen Flucht in Frauenkleidern unter einem Vorwande noch einige Thaler Vorschuss hatte geben lassen — er bezeichnete das auf Vorhalten als den ihm rechtmässig zukommenden Lohn.


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Darf man unter diesen Umständen dem Ha . . . noch Glauben schenken in Betreff seines angeblichen, in frühester Jugend aufgetretenen Dranges nach Frauenkleidung und handelt es sich hier überhaupt um einen pathologischen Zustand und nicht um einen gewöhnlichen Schwindler, Betrüger und Dieb? Ich habe Alles, was im Stande ist, den Ha ... als solchen zu qualificiren, in Obigem zusammengestellt und dennoch glaube ich zeigen zu können, dass es sich in der That um einen entschieden pathologischen Zustand handelt.

Um zunächst über sein Betragen ausserhalb des Gefängnisses resp. des Krankenhauses Aufschluss zu erhalten, wandte ich mich an seine letzte Dienstherrschaft in N., welche er in der beschriebenen Weise bestohlen. Durch die Gefälligkeit der Dame des Hauses erfuhr ich, dass der Ha . . . welchen sie nicht selbst engagirt hatte, sogleich Erscheinungen von „überspannter, krankhaft, schwindlerischer Natur an den Tag gelegt, und dass sie ihn sogleich beim ersten Anblick für einen Schwindler oder Geisteskranken gehalten, indem er sich „seltsam läppisch und albern benahm." Ferner wurde constatirt, dass er im Hause sehr oft Frauenkleider angelegt, falsche Busen besessen, nach Aussage der Hausbewohner sehr oft spät Abends in weiblicher Verkleidung ausgegangen und erst spät in der Nacht wiedergekommen sei. Es wird weiter durch einen den Gerichtsacten beiliegenden Brief eines Herrn des Hauses constatirt, dass Ha . . ., „welcher im Besitze sehr guter Zeugnisse war und sich auch im Uebrigen recht tüchtig als Diener gezeigt hat, vielfache Beweise von Verrücktheit gegeben", was allerdings, wie hinzugefügt wird, nicht ausschlösse, dass er ein abgefeimter Erzschwindler sei. Aus einem anderen Schreiben desselben Herrn geht hervor, dass Ha . . . „sich durch seine aufmerksame Bedienung zu insinuiren gewusst und man am Ende seine widerliche Eitelkeit, seine anmassliche Empfindlichkeit und seine im Ganzen ziemlich geschickt gespielte Rolle eines unglücklichen und in Folge dessen überspannten ausserehelichen Baronssohnes eine Zeit lang ertragen konnte".

Es ergibt sich daraus, dass auch während seines Dienstverhältnisses sein Character sich wie überall sonst dargestellt hat.

Nach dem Voranstehenden kann es nicht zweifelhaft sein, dass wir es hier nicht mit einem gewöhnlichn Diebe zu thun haben, der einzig und allein auf Grund berechnender Ueberlegung, um Schwindeleien und Diebstähle zu verüben, sich der Frauenkleidung bedient; was konnte ihn, wenn er bei gesundem Verstande solche Zwecke verfolgte, zu einem so verrückten Benehmen bewegen? Mit aller Entschieden-


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heit spricht ferner der zärtlich sentimentale Brief, welchen er an die Dame des Hauses zurückliess und welcher S. 88 abgedruckt ist, gegen die Annahme, dass sein Benehmen ein absichtlich mit Bewusstsein angenommenes, eine blosse Maske war. Was könnte einen gewöhnlichen Kleiderdieb bewegen, ein solches Schriftstück zu hinterlassen?

Dagegen gibt Ha . . . nun wiederholt an, dass er von Jugend auf einen Drang habe, Frauenkleider anzuziehen; entweder dies ist so oder es ist erfunden. Ganz abgesehen von der Unwahrscheinlichkeit einer derartigen Erfindung, da Ha ... sich doch das pathologische Vorkommen eines solchen Dranges unmöglich zu construiren vermochte, so konnte doch ein geistesgesunder Mensch mit einer solchen Erfindung nur bezwecken, sich eventuell zu exculpiren, indem er eben das Krankhafte des Dranges geltend machte. Hat dies B. jemals gethan? Nie hat er es auch nur andeutungsweise versucht; weder mir gegenüber ist eine Spur eines solchen Bestrebens hervorgetreten noch zeugt irgend eine Aeusserung bei den wiederholten gerichtlichen Vernehmungen davon, soweit diese in den Acten enthalten sind; ja er hat characteristischer Weise nur mir, dem Arzte, gegenüber, vor Gericht aber gar nicht von seinem Hange gesprochen, obwohl er, wie gesagt, auch mir gegenüber diese Thatsachen niemals benutzte, um sich als straflos hinzustellen. Sicher ist also, dass er diesen Drang nicht erfunden hat, um sich zu exculpiren, sicher daher auch, dass sein weibisches Benehmen, die mit einer gewissen Leidenschaft getriebene weibliche Beschäftigung während seines Aufenthaltes in der Charité nicht künstlich angenommen waren um seine Angaben glaubhaft zu machen. Ich bin also der Ueberzeugung, dass die Angabe des Ha . . ., seinen Drang nach Frauenkleidern betreffend, auf Wahrheit beruht, und zwar wahrscheinlich mehr, als er selbst sich bewusst ist. Für diese Annahme sprechen noch eine Reihe anderer positiver Gründe. Einmal die schwer zu beschreibende Eigenthümlichkeit seines ganzen Wesens; der Eindruck davon ist nicht etwa bloss ein subjectiver, der mich allein frappirt hätte, sondern alle, die den Ha ... kennen, stimmen darin überein; auch der Inspector des Gefängnisses in Brandenburg, von dem ich nähere Mittheilungen über das gegenwärtige Verhalten des Ha . . . erbat und in gefälliger Weise erhielt, schildert ihn ganz ähnlich, wie ich selbst es zu thun versucht habe, indem er sagt, dass in seinem Wesen „etwas Befremdliches, Eckiges und Geziertes liegt, was auch seine Ausdrucksweise andeute". Der betreffende Beamte hatte Gelegenheit gehabt, den Ha ... schon früher in Naugard zu sehen, wo derselbe in seiner Isolirzelle mit einer grossen, schönen Tapisse-


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riearbeit beschäftigt war; „beim Sprechen über die Arbeit mit ihm", heisst es in der mir gemachten Mittheilung, „war sein weibisches Benehmen auffallend" u. s. w. In seinem jetzigen Aufenthaltsorte Brandenburg erregt er Besorgniss, dass er „bei seiner weibischen Neigung leicht in einen unlauteren Umgang mit seiner Umgebung gerathen möchte." Bewusst und absichtlich dürfte denn doch ein sich so gleich bleibendes von hundert kleinen unbewussten Nuancen abhängiges Wesen nicht hervorgebracht werden können (ich erinnere auch an sein häufiges Erröthen und Zittern, wenn er angeredet wurde). Aber die innere Wahrheit der hierauf bezüglichen Angaben des Ha . . . wird noch grösser, wenn wir seine Eigenthümlichkeiten mit denen anderer männlicher Individuen vergleichen, welche eingestandenermassen an einer ähnlichen Verkehrung der Empfindung des eigenen Geschlechts litten. Wiederholt wird angegeben und selbst die Zeitungsberichte über seine Verhaftung sprechen davon, dass seine Stimme eigenthümlich und leise sei — ganz so der Casper'sche Unbekannte*) und der Graf Cajus **)! Ferner hat er mit diesen Individuen eine gewisse Eitelkeit gemein, eine Neigung sich mit seinen „Liebesabenteuern" zu rühmen und findet augenscheinlich ein ganz ungemeines Selbstgefallen am Spielen seiner Weiberrolle. Characteristisch erscheint mir auch die von ihm behauptete Vorliebe zum Schauspielen, Declamiren, Dichten u. s. w. — eine Neigung, die sich in Fall 76 bei Casper***) wiederfindet.

Ich glaube, man wird nach dem Angeführten mit mir übereinstimmen, dass diese Tendenz, sich als weibliches Wesen zu fühlen und zu geriren, in der That einen pathologischen Zug bei dem Ha ... constituirte und keine angenommene Maske ist. Aber auch hier, wie im ersten Falle, ist diese Erscheinung nur Symptom eines allgemeineren krankhaften Zustandes. Bei der Erzählung von seinem Zustande, gleich nach der Aufnahme in die Charité, gab Ha . . . an, dass das Verlangen Frauenkleider anzuziehen oft nach längeren Pausen in ihm aufträte und dass er eine förmliche Angst bekomme, wenn er es nicht befriedigen könne. Um endlich wieder Frauenkleider anziehen zu können, sagt er in der Aufzeichnung, sei er einmal aus Colberg entsprungen. Dem Inspector der Strafanstalt zu Brandenburg erzählte er (nach dessen schriftlicher Mittheilung an mich), dass sich in früher Jugend nach und nach die periodisch auftretende Manie Frauen-

*) Casper, Novellen, 1. c. p. 37 „und meine Stimme so leise"! —
**) id. Lehrbuch, Biolog. Theil, p. 183 „sprach stets sehr leise."
***) ibid. p. 184.


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kleider zu stehlen und anzuziehen, entwickelt habe, welche Manie nach einiger Zeit ganz von selbst verschwindet*). „In diesem Augenblicke", heisst es weiter, „ist er ganz frei von dieser Manie und besitzt über den ihn plötzlich ergreifenden räthselhaften Drang ein klares Urtheil, obwohl in seinem Wesen etwas Befremdliches, Eckiges, Geziertes liegt" u. s. w. — Es ist in der Charité von ärztlicher Seite her niemals vor dem Patienten von einer Periodicität seines Triebes die Rede gewesen, ja man hat damals gar nicht specieller an ein solches Auftreten gedacht, er kann also dort über eine derartige „Periodicität" nichts gelernt haben und ich muss daher auch diese mir und dem Gefängniss-Inspector gemachte Angabe des Ha . . . über ein zeitweises Auftreten seines Dranges Glauben schenken, zumal der erste der berichteten Fälle eine interessante Analogie dazu darbietet. Schliesslich muss ich noch eine Erscheinung hervorheben, welche für die innere Wahrheit der bezüglichen Angaben des Patienten spricht; er erklärt, dass er, wenn er den Drang unterdrücke, eine förmliche Angst bekomme. Es liegt hier ein allgemeineres Phänomen zum Grunde. Es gibt eine Reihe von Kranken, namentlich hypochondrischen, welche zeitweise einen nicht näher zu beschreibenden, manchmal mit besonderen Sensationen zusammenhängenden Drang zu gewissen Bewegungsäusserungen empfinden, die theils in eigentümlichen mimischen Verzerrungen, schreienden, brüllenden Lauten u. s. w. theils als allgemeinere, fast convulsivische Bewegungen zu Tage treten. Versuchen sie dieselben zu unterdrücken, so verfallen sie ihrer Aussage nach in einen Zustand unbeschreiblicher Angst, die subjectiven Empfindungen steigern sich zum höchsten Grade, und es treten nachher die Bewegungsäusserungen nur um so heftiger und gewaltsamer hervor. Analog dieser Erscheinung, welche lebhaft an ein gewisses Verhalten des Auftretens epileptischer Anfälle erinnert, möchte ich auch die obige Angabe unseres Patienten auffassen; die Patientin der ersten Beobachtung hatte eine subjective Geruchsempfindung, wenn sie den Hang zum Onaniren unterdrückte!

Wir hätten es also auch bei Ha... wahrscheinlich mit einer periodisch sich äussernden Form von Geistesstörung zu thun, bei welcher als Besonderheiten ein Hang zu Frauenkleider, vielleicht auch ein Hang

*) Ob Ha .. . selbst den Ausdruck periodisch auftretende Manie gebraucht, geht aus der Mittheilung nicht hervor; wahrscheinlich hat der Herr Berichterstatter die betreffenden Angaben des Ha ... nur kurz in dieser Weise formulirt. In der Charité hat Ha ... niemals von „Manie" und „periodisch" gesprochen, sondern nur von einem „Drange" und „Triebe" in der angeführten Weise.


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zum Stehlen stark hervortritt. Genaueres über die Art des Auftretens, die Dauer dieser Störung u. s. w. zu ermitteln, wird wohl immer unmöglich sein, falls Ha . . . nicht längere Zeit einer sachverständigen Beobachtung unterliegt.

Diese periodischen oder periodisch vielleicht nur stärker hervortretenden Störungen scheinen indess nur einen Theil der Symptome des zum Grunde liegenden krankhaften Zustandes darzustellen; ich halte den Ha . . . nämlich gleichzeitig für einen Schwachsinnigen. Das Zurücklassen des Briefes mit einer Liebeserklärung für die hochgestellte Dame, bei der er zuletzt in Dienst war, indem er sie gleichzeitig bestahl — ist es nicht die Handlung des Schwachsinns? ich wüsste wenigstens nicht, wie man sie anders qualificiren sollte; und auch aus der Charité, um dies noch nachträglich zu erwähnen, lässt er an die genannte Dame durch einen anderen Patienten einen ähnlichen Brief in französischer Sprache schreiben, damit die anderen Dienstboten des Hauses den Brief nicht etwa läsen! Auch bei der Erkennung auf dem Bahnhofe scheint er sich ganz albern benommen zu haben, da er, als bereits ein Läugnen nicht mehr möglich war, immer noch seine weibliche Rolle fortführte; überhaupt hatten sein oft zweckloses Lügen und Schwindeln, seine Eitelkeit, die Neigung, sich für eine Person aus den höheren Ständen auszugeben, seine in der Abtheilung häufig zu Tage getretene alberne Empfindlichkeit ganz den Character wie man ihn bei gewissen schwachsinnigen unter der Form der moral insanity sich darstellenden Kranken so gleichmässig wiederfindet; auch seine schnell bis zu Thränen gehende Rührung beim Eintritt in den Weihnachtssaal gehört in die Reihe dieser Erscheinungen. Ebenso wie diese Kranken hat denn auch er keine klar bewusste Vorstellung, dass und in welcher Beziehung seine strafrechtlichen Handlungen zu seinem Krankheitszustande stehen.

In der Schrift des Numa Numantius wird eines von dem Physikus H. Fränkel in Dessau beschriebenen Mannes, Süsskind Blank, Erwähnung gethan, welcher jede Gelegenheit benutzte, sich als Frauenzimmer zu verkleiden*). Er hatte es, nachdem er anfänglich seine Mutter im Nähen und Stricken unterstützt, zu einer so beträchtlichen Kunstfertigkeit in allen weiblichen Arbeiten gebracht, dass er durch seine Stickereien und besonders durch sein Gardinen-Aufstecken einen grossen Ruf und eine gewisse Wohlhabenheit erlangte. In Folge der Beschäftigung mit weiblichen Arbeiten ergab er sich weibischer Eitel-

*) S. Medic. Zeitung, herausgegeben von dem Verein für Heilkunde in Preussen. Bd. 22, 1853, S. 102: Homo mollis.


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keit, zerstörte sorgfältigst seinen Bart, legte sein Haar in Locken, stopfte sich Busen und Hüften aus und benutzte jede Gelegenheit, sich als Frauenzimmer zu maskiren. Was anfangs bloss läppische Affectation gewesen sein mochte, wurde allmälig zur anderen Natur, der Ton seiner Stimme, von Natur tief, wurde fein und kreischend und der

Gang trippelnd.....Blank kam um die obrigkeitliche Erlaubniss ein, sich weiblich kleiden und nennen zu dürfen, und obwohl abschlägig beschieden, zeigte er doch eines Tages unter dem Namen „Friederike Blank" seine Verlobung mit einem fremden Handwerker an .... Dieser Blank, dessen Geschlechtstheile normal gebildet, näherte sich ganz wie unser Patient den Männern, war aber nachgewiesener Massen passiver Päderast*), mehrfach deshalb bestraft und tödtete sich bei einer Arretirung durch einen Sprung in's Wasser. Liegt nicht auch bei diesem Menschen ein offenbarer Schwachsinn vor? oder wie will man den Intelligenzgrad eines Mannes bezeichnen, der die staatliche Genehmigung zur Führung eines weiblichen Namens nachsucht und als „Friederike" seine Verlobung anzeigt? Es scheint mir dieser Fall sehr analog dem unsrigen, wenngleich von Ha ... so viel wir wissen, passive Päderastie nicht geübt wurde. Hier handelt es sich wohl eben nur um Gradunterschiede.

Noch auf Eins möchte ich bei dieser Gelegenheit aufmerksam machen. In der Darstellung des Dr. Fränkel gewinnt es den Anschein, als ob Blank in Folge weiblicher Beschäftigung weibisch wurde; ebenso nimmt der Inspector der Strafanstalt zu Brandenburg in seiner Mittheilung an mich Gelegenheit zu erwähnen, dass die Handhabung weiblicher Arbeiten bei den Männern wohl ein Grund zu weibischem Benehmen sei**) — hier liegt indess gewiss, was unsere Fälle betrifft, eine Verwechselung von Ursache und Wirkung vor; die Angaben des Ha . . . und ähnlicher Individuen sind doch hierüber zu positiv und übereinstimmend.

Wir finden nun bei Ha . . . schliesslich noch eine Störung, die, wenn sie sicher erwiesen wäre, einen wichtigen Anhaltspunkt zur Beurtheilung der zum Grunde liegenden Affection des Centralnervensystems böte: ich meine die epileptischen Anfälle. Dieselben sind von Sachverständigen, die mit dem Habitus epileptischer Anfälle vollkommen

*) Er vollzog, als Frau gekleidet, den Coitus mit jungen Leuten, welche er so geschickt zu täuschen wüsste, dass sie glaubten, ein Weib vor sich zu haben; der After war stark erweitert und eingerissen.

**) In Naugard wurden nämlich die Gefangenen zum Theil, und unter ihnen auch unser Ha . . ., ex officio mit Tapisseriearbeiten beschäftigt.


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vertraut waren, beobachtet, ja es ist nach einem solchen Anfalle einmal eine Temperatursteigeruug bis zu 39,4° C. beobachtet, so dass von vorn herein die Annahme einer Simulation nicht wohl zulässig erscheint. Auch in der Strafanstalt zu Brandenburg sind wiederholt Anfälle vorgekommen und der „letzte, äusserst heftige Anfall zeigte eine Complication mit Tobsucht, so dass Ha... den gepolsterten Krampfkasten zum grössten Theil zertrümmerte, trotz des eisernen Beschlages". Gegen eine Simulation spricht ferner die Art und Weise wie er seine Empfindungen beim Beginn eines Anfalls schildert (Herzklopfen, Angst, Kältegefühl in den Fingern u. s. w.), sodann die anscheinend naive Angabe des Ha ... im Eingange seiner Selbstbiographie, dass er früher stets gelobt und einige Zeit nach Beginn der Krankheit (der Krämpfe) von seiner Herrschaft oft getadelt wurde, weil er seitdem sehr ungehorsam geworden sei. Es würde dies vollständig bekannten pathologischen Thatsachen, gewissen psychischen Veränderungen in Folge und in Verbindung mit Epilepsie, entsprechen. Auf der anderen Seite machen die fast jedesmal bei den Anfällen auftretenden reichlichen Blutungen aus dem Munde (eine Quelle für dieselben war nie aufzufinden), so wie grade die grosse Heftigkeit der Anfälle, die Sache etwas verdächtig. Diese Blutungen hatte er auch einige Male während seines letzten Dienstes in N. und war der Arzt damals der Ansicht, dass das Blut aus der Nase stammte; zugleich aber fand er den Patienten in seinen Antworten sehr unklar und confuse; von epileptischen Anfällen wusste man im Hause zu N. nichts, während Ha ... sie dort gehabt zu haben behauptete. Sind die Anfälle nicht simulirt gewesen, so würde ich sie nach den davon gegebenen Schilderungen als hystero-epileptische bezeichnen, wie wir sie grade bei jugendlichen Kranken mit gewissen psychischen Störungen in der Charité nicht selten beobachtet haben.

Wie dem auch sei, nach dem oben Angeführten halte ich den Ha ... für einen schwachsinnigen Menschen, dessen Schwachsinn vorzugsweise in der Form einer moral insanity zur Erscheinung kommt und welcher seit früher Jugend an einer, anderen pathologischen Perversitäten analogen Verkehrung der Geschlechtsempfindung leidet, eine Erscheinung, welche vielleicht periodisch im Verein mit anderen perversen Neigungen (Stehlen) stärker hervortritt. Die Krampfanfälle müssten als ein integrirender Theil der Krankheitserscheinungen betrachtet werden, falls sie nicht simulirte sind — wäre es aber nicht im hohen Grade merkwürdig, wenn der Ha . . . grade eine Krankheit simulirte, welche erfahrungsgemäss in so enger Verbindung mit der


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geschilderten Form des Schwachsinns steht, dass ich wenigstens kaum einen Fall von sogenannter moral insanity gesehen zu haben mich erinnere, in welchem nicht epileptische Anfälle zur Evidenz nachweisbar waren? — Schliesslich mache ich noch auf die Möglichkeit aufmerksam, dass bei dem Ha . . . wirkliche Anfälle vorkommen und er andererseits solche simulirt; ich habe auch das bei derartigen epileptischen Patienten mit moral insanity gesehen und zwar bei solchen, bei denen von strafrechtlichen Handlungen keine Rede war. Das Schwindeln ist eben eine characteristische Eigenschaft dieser schwachsinnigen Menschen.

Ich habe die vorstehenden Fälle mitgetheilt und erörtert, ohne andere allgemeinere Schlüsse daraus zu ziehen, als dass die Erscheinung der conträren Sexualempfindung *) angeboren als Symptom eines pathologischen Zustandes auftreten kann; sie wäre dadurch zum Theil dem Wunderbaren, was ihr anzuhaften schien und angedichtet wurde, entrückt und schlösse sich an allgemeinere Erfahrungen an.

Vielleicht könnte man sie ohne Weiteres als Symptom eines psychopathischen Zustandes bezeichnen; allein ich habe Grund zu der Annahme, dass oft andere Erscheinungen von Seiten des Centralnervensystems viel vorwiegender sind als die psychischen, ja, dass letztere wohl ganz fehlen können, und dürfte daher vielleicht der Ausdruck neuropathisch als ein allgemeinerer und umfassenderer vorzuziehen sein. Die Aufgabe weiterer Beobachtungen wird es sein, die Reihe der krankhaften Erscheinungen von Seiten des Nervensystems und der psychischen Sphäre, welche in Verbindung mit der angeborenen conträren Sexualempfindung angetroffen wurden, genauer festzustellen**) und namentlich auch die wichtige Frage zu entscheiden, ob die genannte Empfindung bei vollkommenem Fehlen aller sonstigen pathologischen Erscheinungen als ein ganz isolirtes Phänomen vorkommen kann. Ich habe auch den Fall eines jungen Mannes beobachtet, der wegen einer melancholischen Geistesstörung und versuchten Selbstmords in die

*) Die Bezeichnung „conträre Sexualempfindung" habe ich nach dem Vorschlage eines verehrten, auf dem Gebiete der Philologie und Alterthumswissenschaften ausgezeichneten Collegen gewählt, als uns die Bildung kürzerer und zutreffenderer Beziehungen nicht gelingen wollte. Es soll darin ausgedrückt sein, dass es sich nicht immer gleichzeitig um den Geschlechtstrieb als solchen handle, sondern auch bloss um die Empfindung, dem ganzen inneren Wesen nach dem eigenen Geschlechte entfremdet zu sein, gleichsam eine unentwickeltere Stufe des pathologischen Phänomens.

**) Seitdem dies geschrieben, habe ich einen Fall chronischer Verrücktheit bei einem jungen Manne beobachtet, der in seiner Kindheit und frühesten Jugend ähnliche Erscheinungen gezeigt hatte.


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Irrenabtheilung aufgenommen wurde, und bei welchem von jeher ein vollständiger Mangel des Geschlechtstriebes bestand, dieser auch durch keine von Seiten des Patienten unternommenen Versuche zu erzeugen gewesen war; die Selbstmordversuche waren zum Theil durch die quälende Vorstellung dieses Zustandes bedingt. Den betreffenden Kranken sah ich später zufällig wieder, als er an Lungentuberculose zu Grunde ging. Auch er hatte, abgesehen von dem melancholischen Zustande, in welchem er aufgenommen wurde, früher eine eigentümliche nicht geschlechtliche Zuneigung zu gewissen Männern gehabt.

Schliesslich will ich, um allen Missdeutungen von vorn herein vorzubeugen, ausdrücklich erklären, dass es mir nicht in den Sinn kommt, alle Individuen, welche sich widernatürlicher Unzucht hingeben, für pathologische Naturen zu erklären! Ich weiss sehr wohl, dass dies nicht der Fall ist. Aber wie es pathologischen Diebstahl und Mord gibt, so auch eine pathologische Geschlechtsverirrung, ohne dass darum die grosse Mehrzahl der Fälle von Diebstahl, Mord und widernatürlicher Unzucht pathologisch wäre. Immerhin aber mögen die geschilderten Zustände dennoch häufiger sein als man weiss, und es ist, schon der forensischen Wichtigkeit der Sache wegen, Pflicht, die Aufmerksamkeit diesem Gegenstande zuzuwenden. Kommt es einmal zur Aufhebung des § 143 des Strafgesetzbuches und tritt das Gespenst des Gefängnisses nicht mehr drohend vor das Bekenntniss der perversen Neigung, dann werden die betreffenden Fälle gewiss in grösserer Zahl zur Cognition der Aerzte gelangen, in deren Gebiet sie gehören*).

Die Frage der Zurechnungsfähigkeit in dem zweiten der mitgetheilten Fälle habe ich nicht erörtert**); ihre Beantwortung hängt ab von den allgemeinen Principien, die man in Bezug auf das festhält, was die Aufgabe des Arztes nach dieser Richtung hin ist. Darauf hier nur gelegentlich einzugehen, erscheint mir nicht angemessen.

*) Nach einer Notiz in der „Zeitschrift für Ethnologie" I. 1869, p. 88 kommen ähnliche Erscheinungen bei Naturvölkern vor. Bei den Indianern findet sich danach eine Klasse von Männern, die von einem unwiderstehlichen Drange getrieben, weibliche Kleidung anzunehmen, sich ganz wie Weiber geriren. Diese Frauenmänner oder Männerfrauen bildeten meistens den Priesterstand .... Auf der Insel Ramrih agirten dagegen Frauen als Männer, um dem Cultus vorzustehen und liessen sich andere Frauen antrauen, mit denen sie als Mann und Weib zusammenlebten. — Vergl. Sitzung der Berl. Med.-Psychol. Gesellsch. vom 15. Dec. 1868, in welcher ich die beiden obigen Fälle vorgetragen.

**) von Gerichts wegen war sie niemals aufgeworfen.



www.schwulencity.de = www.queernet.de = www.queer-net.de
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