Beccaria_Hommel_Titel-2.jpg Titelblatt: "Des Herrn Marquis von Beccaria unsterbliches Werk von Verbrechen und Strafen. 
Auf das Neue selbst aus dem Italiänischen übersezet 
 mit durchgängigen Anmerkungen des Ordinarius zu Leipzig Herren Hofrath Hommels. 
Breslau bey Johann Friedrich Korn, dem ältern. 1778"
Cesare Beccaria im Abschnitt
XXXI - Schwer erweisliche Verbrechen
...
Die Knabenliebe und andere unordentliche Vermischungen des Fleisches, worauf die Geseze (wer solte es denken) das Feuer gesezt, und um deretwillen der Richter mit Freuden zur Marter eilet, nimt ihren Ursprung aus den Leidenschaften der sklavischen und in enge Gesellschaft vereinigter Menschen k).
Nicht sowohl aus der ekelhaften Sättigung an gewöhnlichen Ergözlichkeiten, als vielmehr aus derjenigen fehlerhaften Erziehung, welche die Menschen, um sie andern nüzlich zu machen, sich selbst unnüze macht. In solchen Häusern, wo man eine feurige Jugend zusammen sperret, und ihr einen unübersteiglichen Danim wider den Umgang mit dem andern Geschlechte vorbauet, dergestalt, daß die Natur, die sich eben entwikelt, ihre Kräfte auf eine unnüze Weise verschleudert und das Alter sich über den Hals ziehet.




Anmerkung von Hofrath Karl Ferdinand Hommel

k) Sodomiterey ist Sünde, auser dem auch Unflath, Schmuz, Unanständigkeit, die Schande bringet, aber kein Verbrechen, weil es niemanden das Seinige entziehet, und nicht aus betrügerischen boshaften Herzen entspringet, noch die bürgerliche Gesellschaft zerrüttet. Aber unser geistliches Recht hält solche, ja sogar eine Heyrath in verbothenen Grade, oder sonst ein fleischliches Verbrechen, (ich kan die Ursache gar nicht begreifen,) weit abscheulicher als Betrügerey und Diebstahl, ja wohl als Feueranlegen und Gift. Kan man sich nicht anders helfen, so giebt man der Uebertretung eine verhaste Benennung, mengt nach Gelegenheit das Wörtgen Blut mit unter, und opfert die Sache den Namen auf. So nent man die Selbstbeflekung höchst ungeschikt und albern eine Onanitische Missethat. Got tödete den Onan nicht deswegen, weil er seinen Saamen auf die Erde fallen liese. Unter diesen geilen Volke war unstreitig die Selbstbeflekung so gewöhnlich, daß Got der Herr Judenseelen zu hundert tausenden hätte vom Erdboten wegraffen müssen. Nein, das war Onans Verbrechen nicht, weshalb er sterben muste, sondern sein Geiz, sein Bestreben nach seines verstorbenen Bruders Gute, dem er keine Nachkömlinge erweken wolte, wie er nach dem Geseze thun muste, also ein wahres Verbrechen. Aber dieses wird überschlagen, und man bleibt bey dem Schmuze stehen. Als ich vor mehr als zwanzig Jahren in die Rechtsstühle aufgenommen zu werden die Ehre hatte, zerbrachen sich die ältern Herren Collegen noch sehr die Köpfe, ob, wenn in Acten dieses Laster vorkam, man diesen sogenanten Onaniten nicht verbrennen wolte?
Der Unflätige ist eine verächtliche Person, aber kein Verbrecher, kein Beleidiger seines Nächstens.
Wenn ein lediger Christ bey einer ledigen Ungläubigen oder auch Jüdin schläfet, oder auch umgekehrt, so sol es mit Steupenschlägen geahndet werden. Wir wollen die Gründe der alten Criminalisten hören, an deren Gottesfurcht wohl nichts auszusezen seyn dürfte:
Es ist nicht fein, sagt Christus, daß man den Kindern das Brod nehme, und werfe es für die Hunde. Wen verstehet er hier unter den Hunden? Die Heiden. Also, welche Christin sich mit einem Heyden oder Türken vermischet, schläft bei einem Hunde. Dieses ist Sodomiterey. Ergo.





Aus der Hommelschen Vorrede Seite IV f.:

Härte schadet, übertriebene Geseze werden lächerlich, und am wenigsten gehalten. Todesstrafen helfen nichts. ... Willst du einen Menschen verdammen, so erinnere dich selbst, daß du Mensch bist. Ich wünsche, daß die Strafen, welche blos aus einer üblen, durch Päbste gemachten, Anwendung der mosaischen Geseze entstehen, abgeschafft werden möchten weil Christus uns vom Geseze befreyet, und das mosaische Recht uns ganz und gar nichts angehet. Christus ist des Gesezes Ende, Rö. X, 4. Also sol man das jüdische und christliche nicht durcheinander kneten.
Wo die Natur selbst strafet, so daß der Verbrecher ohne alle Geseze schon satsam Ursache hat, die Sünde zu unterlassen, sol der Gesezgeber gar nicht strafen.
...
Man muß Sünde, Verbrechen und verächtliche Handlungen nicht unter einander werfen. Ein Loch im Strumpfe zu haben, ist weder Sünde noch Verbrechen, sondern Schande; seine Schwester zu heyrathen, ist bey Christen Sünde, aber kein bürgerliches Unrecht. Denn Verbrechen oder Unrecht heist nur dasjenige, wodurch ich jemanden beleidige. Blos dies ist der Gegenstand bürgerlicher Strafgeseze. Es kann etwas schändlich, es kann etwas sündlich und doch bürgerlich kein Verbrechen seyn. Mensch, Bürger und Christ sind drey unterschiedliche Begriffe.



Die Argumentation von Hommel ("des deutschen Beccaria") greift der mit der preußischen Kodifikation (welche zum Allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten führte) beauftragte Jurist Svarez in seinen Vorträgen über Recht und Staat (1791) für den künftigen König Friedrich Wilhelm III auf. Allerdings setzte er sich für diese Überzeugung nicht gegen Ernst Ferdinand Klein ein, den Redakteur des strafrechtlichen Teils.



Quelle:
Des Herrn Marquis von Beccaria unsterbliches Werk von Verbrechen und Strafen.
Auf das Neue selbst aus dem Italiänischen übersezet mit durchgängigen Anmerkungen des Ordinarius zu Leipzig Herren Hofrath Hommels.
Breslau bey Johann Friedrich Korn, dem ältern. 1778



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