D'Albert an Silvio

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Mein größter Wunsch ist es immer gewesen, wie der Wahrsager Tiresias im Gebirge jenen Schlangen zu begegnen, die das Geschlecht umwandeln, und worum ich die ungeheuerlichen und absonderlichen Götter Indiens am meisten beneide, sind ihre ständigen Avatars, ihre unzähligen Verwandlungen.
 Zuerst wollte ich ein anderer Mann sein; als ich mir dann überlegte, daß ich mir durch den Vergleich ungefähr vorstellen könnte, was ich dann empfinden würde und die Überraschung und die erhoffte Veränderung kaum spüren dürfte, hätte ich es vorgezogen, eine Frau zu sein; diese Idee ist mir immer gekommen, wenn ich eine Geliebte hatte, die nicht häßlich war; eine häßliche Frau ist nämlich ein Mann für mich, und in den Momenten der Lust hätte ich gerne die Rollen vertauscht, denn es macht mich ärgerlich, wenn man die Wirkung nicht spürt, die von einem ausgeht und den Genuß der anderen nur durch den eigenen ermessen kann.
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Es ist so. - Ich liebe einen Mann, Silvio. - Ich habe lange versucht, mich darüber zu täuschen; ich habe meinem Gefühl andere Namen gegeben, ich habe ihm das Gewand einer reinen selbstlosen Freundschaft umgehängt; ich dachte, es sei nur Bewunderung, wie ich sie für alle schönen Menschen und schönen Dinge empfinde; ich bin mehrere Tage auf den trügerischen und heiteren Pfaden gewandelt, die sich bei jeder beginnenden Leidenschaft auftun, aber jetzt erkenne ich, welch schrecklichen Weg in den Abgrund ich eingeschlagen habe. Es gibt kein Versteckspiel mehr: Ich habe mich genau geprüft, ich habe kühl alle Umstände abgewogen; ich habe mir alle Einzelheiten klargemacht; ich habe meine Seele nach allen Richtungen hin mit jener Sicherheit durchwühlt, die aus derGewohnheit der Selbsterforschung stammt; ich werde rot, wenn ich daran denke und es schreibe; aber die Sache ist leider nur zu gewiß, ich liebe diesen jungen Mann, es ist nicht Freundschaft, es ist Liebe, ja, Liebe.
Die seltsame Liebe in den Elegien der antiken Dichter, die uns so überraschte und die wir nicht begreifen konnten, ist also etwas Wahres und Mögliches.
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zitiert nach
Oskar Sahlberg (Hrsg.) „Théophile Gautier
Auf der Suche nach dem Anderswo“ Band II
Freitag-Verlag, Berlin 1984, Seite 14 ff.
ISBN 3-88796-019-X

Madelaine de Maupin an Graciosa

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Ich habe unmerklich das Bewußtsein meines Geschlechts verloren und ich erinnere mich kaum noch ab und zu, daß ich eine Frau bin; am Anfang kam es öfter vor, daß ich Dinge sagte, die nicht im Einklang mit der Kleidung standen, die ich trug. Jetzt passiert mir das nicht mehr, und selbst wenn ich dir, die du in mein Geheimnis eingeweiht bist, schreibe, behalte ich manchmal in den Adjektiven eine unnötige Männlichkeit bei. Sollte mir jemals der Einfall kommen, meine Röcke wieder aus dem Schrank zu holen, woran ich stark zweifele (falls ich mich nicht in einen hübschen jungen Kerl verliebe), wird es mir schwerfallen, diese Angelegewohnheit abzulegen und statt wie eine als Mann verkleidete Frau werde ich wie ein als Frau verkleideter Mann wirken. Tatsächlich ist keines dieser beiden Geschlechter das meine; ich besitze weder die schwachsinnige Unterwürfigkeit, noch die Schüchternheit, noch die Kleinlichkeit der Frau; ich habe nicht die Laster der Männer, ihre abstoßende Gemeinheit und ihren Hang zur Brutalität:
- ich gehöre einem dritten, besonderen Geschlecht an, das noch keinen Namen hat: Mag es über oder unter ihnen stehen, schlechter oder besser sein: Ich habe den Körper und die Seele einer Frau, den Geist und die Kraft eines Mannes, und ich habe zuviel oder nicht genug von dem einen und dem anderen, um mich mit einem von ihnen paaren zu können.
 Mein Traum wäre es, abwechselnd die beiden Geschlechter zu haben, um meine doppelte Natur zu befriedigen:
- heute Mann, morgen Frau, würde ich meinen Liebhabern meine sehnsüchtige Zärtlichkeit widmen, das Hingebungsvolle und Aufopfernde, meine sanftesten Liebkosungen, meine kleinen melancholischen Seufzer, alles was ich an Katzenhaftem und Weiblichem in meinem Charakter habe; bei meinen Geliebten wäre ich dann unternehmend, kühn, leidenschaftlich, überlegen; den Hut zurückgeschoben, würde ich wie ein Matrose oder Abenteurer auftreten. Mein wahres Wesen könnte auf diese Weise völlig zutage treten und ich wäre vollkommen glücklich, denn das wahre Glück besteht darin, sich nach allen Richtungen hin frei entfalten zu können und alles das zu sein, was man sein kann.
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zitiert nach
Oskar Sahlberg (Hrsg.) „Théophile Gautier
Auf der Suche nach dem Anderswo“ Band II
Freitag-Verlag, Berlin 1984, Seite 23
ISBN 3-88796-019-X


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