Heinrich Heine
Reisebilder
Hamburg: Hoffmann und Campe, Dezember 1829
Band 3 Teil 2: "Die Bäder von Lukka"quot; Kapitel X und XI
Seite 336 ff.

Capitel X




Als Candide nach Eldorado kam, sah er auf der Straße mehrere Buben, die mit großen Goldklumpen statt mit Steinen spielten. Dieser Luxus machte ihn glauben, es seyen das Kinder des Königs, und er war nicht wenig verwundert, als er vernahm, daß in Eldorado die Goldklumpen eben so werthlos sind, wie bey uns die Kieselsteine, und daß die Schulknaben damit spielen. Einem meiner Freunde, einem Ausländer, ist etwas Aehnliches begegnet, als er nach Deutschland kam und zuerst deutsche Bücher las, und über den Gedankenreichthum, welchen er darin fand, sehr erstaunte; bald aber merkte er, daß Gedanken in Deutschland so häufig sind, wie Goldklumpen in Eldorado, und daß jene Schriftsteller, die er für Geistesprinzen gehalten, nur gewöhnliche Schulknaben waren.


Diese Geschichte kommt mir immer in den Sinn, wenn ich im Begriff stehe, die schönsten Reflexionen über Kunst und und Leben niederzuschreiben, und dann lache ich, und behalte lieber meine Gedanken in der Feder, oder kritzele statt dieser irgend ein Bild oder Figürchen auf das Papier, und überrede mich, solche Tapeten seyen in Deutschland, dem geistigen Eldorado, weit brauchbarer als die goldigsten Gedanken.

Auf der Tapete, die ich Dir jetzt zeige, lieber Leser, siehst Du wieder die wohlbekannten Gesichter Gumpelino`s und seines Hirsch-Hyazinthos, und wenn auch jener mit minder bestimmten Zügen dargestellt ist, so hoffe ich doch, Du wirst scharfsinnig genug seyn, einen Negazionscharakter ohne allzu positive Bezeichnungen zu begreifen. Letztere könnten mir einen Injurienprozeß zu Wege bringen, oder gar noch bedenklichere Dinge. Denn der Markese ist mächtig durch Geld und Verbindungen. Dabey ist er der natürliche Alliirte meiner Feinde, er unterstützt sie mit Subsidien, er ist Aristokrat, Ultra-Papist, nur etwas fehlte ihm noch - je nun, auch das wird er sich schon anlehren lassen - er hat das Lehrbuch dazu in den Händen, wie Du auf der Tapete sehen worst.

Es ist wieder Abend, auf dem Tische stehen zwey Armleuchter mit brennenden Wachskerzen, ihr Schimmer spielt über die goldenen Rahmen der Heiligenbilder, die, an der Wand hängend, durch das flackernde Licht und die beweglichen Schatten zu leben scheinen. Draußen, vor dem Fenster, stehen im silbernen Mondschein, unheimlich bewegungslos, die düsteren Zypressen, und in der Ferne ertönt ein trübes Marienliedchen, in abgebrochenen Lauten und wie von einer kranken Kinderstimme. Es herrscht eine eigene Schwüle im Zimmer, der Markese Christophoro di Gumpelino sitzt, oder vielmehr liegt wieder, nachläßig vornehm, auf den Kissen des Sophas, der edle schwitzende Leib ist wieder mit dem dünnen, blauseidenen Domino bekleidet, in den Händen hält er ein Buch, das in rothes Saffianpapier mit Goldschnitt gebunden ist, und deklamiert daraus laut und schmachtend. Sein Auge hat dabey einen gewissen klebrigten Lustre, wie er verliebten Katern eigen zu seyn pflegt, und seine Wangen, sogar die beiden Seitenflügel der Nasen, sind etwas leidend blaß. Jedoch, lieber Leser, diese Blässe ließe sich wohl philosophisch antropologisch erklären, wenn man bedenkt, daß der Markese den Abend vorher ein ganzes Glas Glaubersalz verschluckt hat.

Hirsch-Hyazinthos aber kauert am Boden des Zimmers, und mit einem großen Stück weißer Kreide zeichnet er auf das braune Estrich, in großem Maßstabe ungefähr folgende Charaktere:

uu-uu-uu-uu
uu-uu-uu-uu
uu-uu-uu-uu
   uu-uu-uu
         uu


Dieses Geschäft scheint dem kleinen Manne ziemlich sauer zu werden; keuchend, bey dem jedesmaligen Bücken, murmelt er verdrießlich: Spondeus, Trochäus, Jambus, Antispaß, Anapäst und die Pest! Dazu hat er, um der bequemeren Bewegung willen, den rothen Oberrock abgelegt, und zum Vorschein kommen zwey kurze, demüthige Beinchen in engen Scharlachhosen, und zwey etwas längere abgemagerte Arme in weißen, schlotternden Hemdärmeln.

Was sind das für sonderbare Figuren, frug ich ihn, als ich diesem Treiben eine Weile zugesehen.

Das sind Füße in Lebensgröße - ächzte er zur Antwort - und ich geplagter Mann muß diese Füße im Kopf behalten, und meine Hände thun mir schon weh von all den Füßen, die ich jetzt aufschreiben muß. Es sind die wahren, ächten Füße von der Poesie. Wenn ich es nicht meiner Bildung wegen thäte, so ließe ich die Poesie laufen mit allen ihren Füßen. Ich habe jetzt bey dem Herrn Markese Privatunterricht in der Poesiekunst. Der Herr Markese liest mir die Gedichte vor, und expliziert mir, aus wie viel Füßen sie bestehen, und ich muß sie notiren und dann nachrechnen, ob das Gedicht richtig ist.

Sie treffen uns - sprach der Markese, didaktisch pathetischen Tones - wirklich in einer poetischen Beschäftigung. Ich weiß wohl, Doktor, Sie gehören zu den Dichtern, die einen eigensinnigen Kopf haben, und nicht einsehen, daß die Füße in der Dichtkunst die Hauptsache sind. Ein gebildetes Gemüth wird aber nur durch die gebildete Form angesprochen, diese können wir nur von den Griechen lernen und von neueren Dichtern, die griechisch streben, griechisch denken, griechisch fühlen, und in solcher Weise ihre Gefühle an den Mann bringen.

Versteht sich an den Mann, nicht an die Frau, wie ein unklassischer romantischer Dichter zu thun pflegt - bemerkte meine Wenigkeit.

Herr Gumpel spricht zuweilen wie ein Buch, flüstert mir Hyazinth von der Seite zu, preßte die schmalen Lippen zusammen, blinzelte mit stolz vergnügten Aeuglein, und schüttelte das wunderstaunende Häuptlein. Ich sage ihnen - setzte er etwas lauter hinzu - wie ein Buch spricht er zuweilen, er ist dann so zu sagen kein Mensch mehr, sondern ein höheres Wesen, und ich werde dann wie dumm, je mehr ich ihn anhöre.

Und was haben Sie denn jetzt in den Händen? frug ich den Markese.

Brillanten! antwortete er und überreichte mir das Buch.

Bey dem Wort "Brillanten" sprang Hyazinth in die Höhe; doch als er nur ein Buch sah, lächelte er mitleidigen Blicks. Dieses brillante Buch aber hatte auf dem Vorderblatte folgenden Titel:
"Gedichte von August Grafen von Platen;
Stuttgart und Tübingen.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1828"
Auf dem Hinterblatte stand zierlich geschrieben:
"Geschenk warmer brüderlicher Freundschaft."
Dabey roch das Buch nach jenem seltsamen Parfüm, der mit Eau de Cologne nicht die mindeste Verwandschaft hat, und vielleicht auch dem Umstand beyzumessen war, daß der Markese die ganze Nacht darin gelesen hatte.

Ich habe die ganze Nacht kein Auge zuthun können - klagte er mir - ich war so sehr bewegt, ich mußte eilf mal aus dem Bette steigen, und zum Glück hatte ich dabey diese vortreffliche Lektüre, woraus ich nicht blos Belehrung für die Poesie, sondern auch Trost für das Leben geschöpft habe. Sie sehen, wie sehr ich das Buch geehrt, es
fehlt kein einziges Blatt, und doch, wenn ich so saß, kam ich manchmal in Versuchung -

Das wird Mehreren passiert seyn, Herr Markese.

Ich schwöre Ihnen bei unserer lieben Frau von Loretto und so wahr ich ein ehrlicher Mann bin - fuhr jener fort - diese Gedichte haben nicht ihres Gleichen. Ich war, wie Sie wissen, gestern Abend in Verzweiflung, so zu sagen, au Despoir, als das Fatum mir nicht vergönnte, meine Julia zu besitzen - da las ich diese Gedichte, jedesmal ein Gedicht wenn ich aufstehen mußte, und eine solche Gleichgültigkeit gegen die Weiber war die Folge, daß mir mein eigener Liebesschmerz zuwieder wurde. Das ist eben das schöne an diesem Dichter, daß er nur für Männer glüht, in warmer Freundschaft; er giebt uns den Vorzug vor dem weiblichen Geschlechte, und schon für diese Ehre sollten wir ihm dankbar seyn. Er ist darin größer als alle anderen Dichter, er schmeichelt nicht dem gewöhnlichen Geschmack des großen Haufens, er heilt uns von unserer Passion für die Weiber, die uns so viel Unglück zuzieht - O Weiber! Weiber! wer uns von Euren Fesseln befreit, der ist ein Wohlthäter der Menschheit. Es ist ewig Schade, daß Shakespeare sein eminentes theatralisches Talent nicht dazu benutzt hat, denn er soll, wie ich hier zuerst lese, nicht minder großherzig gefühlt haben als der große Graf Platen, der in seinen Sonetten von Shakespeare sagt:

Nicht Mädchenlaunen störten deinen Schlummer,
Doch stets um Freundschaft sehn wir warm dich ringen:
Dein Freund errettet dich aus Weiberschlingen,
Und seine Schönheit ist dein Ruhm und Kummer.

Während der Markese diese Worte mit warmem Gefühl deklamierte, und der glatte Mist ihm gleichsam auf der Zunge schmolz, schnitt Hyazinth die widersprechendsten Gesichter, zugleich verdrießlich und beyfällig, und endlich sprach er:

Herr Markese, Sie sprechen wie ein Buch, auch die Verse gehen Ihnen wieder so leicht ab wie diese Nacht, aber ihr Inhalt will mir nicht gefallen. Als Mann fühle ich mich geschmeichelt, daß der Graf Platen uns den Vorzug giebt vor den Weibern, und als Freund von den Weibern bin ich wieder Gegner von solch einem Manne. So ist der Mensch! Der eine ißt gern Zwiebeln, der Andere hat mehr Gefühl für warme Freundschaft, und ich, als ehrlicher Mann, muß aufrichtig gestehen, ich esse gerne Zwiebeln, und eine schiefe Köchin ist mir lieber als der schönste Schönheitsfreund. Ja, ich muß gestehen, ich sehe nicht so viel Schönes am männlichen Geschlecht, daß man sich darin verlieben sollte.

Diese letzteren Worte sprach Hyazinth, während er sich musternd im Spiegel betrachtete, der Markese aber ließ sich nicht stören und deklamirte weiter:

"Der Hoffnung Schaumgebäude bricht zusammen,
Wir müh'n uns, ach! und kommen nicht zusammen:
Mein Name klingt aus deinem Mund melodisch,
Doch reih'st du selten dies Gedicht zusammen;
Wie Sonn' und Mond uns stets getrennt zu halten,
Verschworen Sitte sich und Pflicht zusammen,
Laß Haupt an Haupt uns lehnen, denn es taugen
Dein dunkles Haar, mein hell Gesicht zusammen!
Doch ach! ich träume, denn du ziehst von hinnen,
Eh' noch das Glück uns brachte dicht zusammen:
Die Seelen bluten, da getrennt die Leiber,
O wären's Blumen, die man flicht zusammen!"

Eine komische Poesie! - rief Hyazinth, der die Reime nachmurmelte - Sitte sich und Pflicht zusammen, Gesicht zusammen, dicht zusammen, flicht zusammen! komische Poesie! Mein Schwager, wenn er Gedichte liest, macht oft den Spaß, daß er am Ende jeder Zeile die Worte "von vorn" und "von hinten" abwechselnd hinzusetzt; und ich habe nie gewußt, daß die Poesiegedichte, die dadurch entstehen, Gaselen heißen. Ich muß einmal die Probe machen, ob das Gedicht, das der Herr Markese deklamirt hat, nicht noch schöner wird, wenn man nach dem Wort "zusammen" jedesmal, mit Abwechslung "von vorn" und "von hinten" setzt; die Poesie davon wird gewiß zwanzig Prozent stärker.

Ohne auf dieses Geschwätz zu achten, fuhr der Markese fort im Deklamiren von Gaselen und Sonetten, worin der Liebende seinen Schönheitsfreund besingt, ihn preist, sich über ihn beklagt, ihn des Kaltsinns beschuldigt, Pläne schmiedet, um zu ihm zu gelangen, mit ihm äugelt, eifersüchtelt, schmächtelt, eine ganze Scala von Zärtlichkeiten durchliebelt, und zwar so warmselig, betastungssüchtig und anleckend, daß man glauben sollte, der Verfasser sei ein mannstolles Mägdlein - Nur müßte es dann einigermaßen befremden, daß dieses Mägdlein beständig jammert, ihre Liebe sey gegen die "Sitte" daß sie gegen "diese trennende Sitte" so bitter gestimmt ist, wie ein Taschendieb gegen die Polizey, daß sie liebend "die Lende" des Freundes umschlingen möchte, daß sie sich über "Neider" beklagt, "die sich schlau vereinen, um uns zu hindern und getrennt zu halten" daß sie über verletzende Kränkungen klagt von Seiten des Freundes, daß sie ihm versichert, sie wolle ihn nur flüchtig erblicken, ihm betheuert "Nicht eine Sylbe soll dein Ohr erschrecken!" und endlich gesteht:

"Mein Wunsch bey Andern zeugte Widerstreben,
Du hast ihn nicht erhört, doch abgeschlagen
Hast du ihn auch nicht, o mein süßes Leben!"

Ich muß dem Markese das Zeugnis ertheilen, daß er diese Gedichte gut vortrug, hinlänglich dabey seufzte, ächzte und auf dem Sopha hin und herrutschend gleichsam mit dem Gesäße kokkettirte. Hyazinth versäumte keineswegs, immer die Reime nachzuplappern, wenn er auch ungehörige Bemerkungen dazwischen schwätzte. Den Oden schenkte er die meiste Aufmerksamkeit. Man kann bey dieser Sorte, sagte er, weit mehr lernen als bey Saunetten und Gaselen; da bey den Oden die Füße oben ganz besonders abgedruckt sind, kann man jedes Gedicht mit Bequemlichkeit nachrechnen. Jeder Dichter sollte, wie der Graf Platen, bey seinen schwierigsten Poesiegedichten, die Füße oben drucken und zu den Leuten sagen: Seht ich bin ein ehrlicher Mann, ich will Euch nicht betrügen, diese krummen und geraden Striche, die ich vor jedes Gedicht setze, sind so zu sagen ein Conto finto von jedem Gedicht, und Ihr könnt nachrechnen, wie viel Mühe es mich gekostet, sie sind, so zu sagen, das Ellenmaß von jedem Gedichte, und Ihr könnt nachmessen, und fehlt daran eine einzige Sylbe, so sollt Ihr mich einen Spitzbuben nennen, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Aber eben durch diese ehrliche Miene, kann das Publikum betrogen werden. Eben wenn die Füße vor dem Gedicht angegeben sind, denkt man: ich will kein mißtrauischer Mensch seyn, wozu soll ich dem Manne nachzählen, er ist gewiß ein ehrlicher Mann und man zählt nicht nach und wird betrogen. Und kann man immer nachrechnen? Wir sind jetzt in Italien und da habe ich Zeit, die Füße mit Kreide auf die Erde zu schreiben und jede Ode zu kollazioniren. Aber in Hamburg, wo ich mein Geschäft habe, fehlt mir die Zeit dazu, und ich müßte dem Grafen Platen ungezählt trauen, wie man traut bey den Geldbeuteln von der Courantkasse, worauf geschrieben steht, wie viel Hundert Thaler darin enthalten - sie gehen versiegelt von Hand zu Hand, jeder traut dem Andern, daß so und so viel darin enthalten ist, wie darauf steht, und es gibt doch Beyspiele, daß ein Müßiggänger, der nicht viel zu thun hatte, so einen Beutel geöffnet und nachgezählt und ein paar Thaler zu wenig darin gefunden hat. So kann auch in der Poesie viel Spitzbüberey vorfallen. Besonders wenn ich an Geldbeutel denke, werde ich mißtrauisch. Denn mein Schwager hat mir erzählt: im Zuchthaus zu Odensee sitzt - ein gewisser Jemand, der bey der Post angestellt war, und die Geldbeutel, die durch seine Hände gingen, unehrlich geöffnet und unehrlich Geld herausgenommen, und sie wieder künstlich zugenäht und weiter geschickt hat. Hört man von solcher Geschicklichkeit, so verliert man das menschliche Zutrauen und wird ein mißtrauischer Mensch. Es gibt jetzt viel Spitzbüberey in der Welt, und es ist gewiß in der Poesie wie in jedem anderen Geschäft.

Die Ehrlichkeit - fuhr Hyacinth fort, während der Markese weiter deklamirte, ohne unserer zu achten, ganz versunken in Gefühl - die Ehrlichkeit, Herr Doktor ist die Hauptsache, und wer kein ehrlicher Mann ist, den betrachte ich wie einen Spitzbuben, und wen ich wie einen Spitzbuben betrachte, von dem kaufe ich nichts, von dem lese ich nichts, kurz ich mache kein Geschäft mit ihm. Ich bin ein Mann, Herr Doktor, der sich auf nichts etwas einbildet, wenn ich mir aber etwas einbilden wollte auf etwas, so würde ich mir etwas darauf einbilden, daß ich ein ehrlicher Mann bin. Ich will Ihnen einen edlen Zug von mir erzählen, und sie werden staunen - ich sag' Ihnen, Sie werden staunen, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Da wohnt ein Mann in Hamburg auf dem Speersort, und der ist Krautkrämer, und heißt Klötzchen, das heißt, ich heiße den Mann Klötzchen, weil wir gute Freunde sind, sonst heißt der Mann Herr Klotz. Auch seine Frau muß man Madam Klotz nennen, und sie hat nie leiden können, daß ihr Mann bey mir spielte, und wenn ihr Mann bey mir spielem wollte, so durfte ich mit dem Lotterieloos nicht zu ihm in's Haus kommen, und er sagte mir immer auf der Straße: die und die Nummer will ich bey dir spielen und hier hast du das Geld, Hirsch! Und ich sagte dann: gut, Klötzchen! Und kam ich nach Hause, so legte ich die Nummer kouvertirt für ihn aparte, und schrieb auf das Kouvert mit deutschen Buchstaben: für Rechnung des Herrn Christian Hinrich Klotz. Und nun hören Sie und staunen Sie: Es war ein schöner Frühlingstag, und die Bäume an der Börse waren grün, und die Zephyrlüfte waren angenehm, und die Sonne glänzte am Himmel, und ich stand an der Hamburger Bank. Da kommt Klötzchen, mein Klötzchen, und hat am Arm seine dicke Madam Klotz, und grüßt mich zuerst, und spricht von der Frühlingspracht Gottes, macht auch einige patriotische Bemerkungen über das Bürgermilitair, und er fragt mich wie die Geschäfte gehen, und ich erzähle ihm, daß vor einigen Stunden wieder einer am Pranger gestanden, und so im Gespräch sagt er mir: gestern Nacht habe ich geträumt, Nummero 1538 wird als das große Loos herauskommen - und in demselben Moment, während Madame Klotz die Kaiserstatisten vor dem Rathhaus betrachtet, drückt er mir dreyzehn vollwichtige Stück Louisd'or in die Hand - ich meyne ich fühle sie noch jetzt - und ehe Madam Klotz sich wieder herumdreht, sag' ich: gut, Klötzchen! und gehe weg. Und ich gehe directement, ohne mich unzusehen, nach der Hauptkollekte und hole mir Numero 1538, und kouvertire sie sobald ich nach hause komme, und schreibe auf das Kouvert: für Rechnung des Herrn Christian Hinrich Klotz. Und was thut Gott? Vierzehn Tage nachher, um meine Ehrlichkeit auf die Probe zu stellen, läßt er Nummero 1538 herauskommen mit einem Gewinn von 50,000 Mark. Was aber thut Hirsch, der selbe Hirsch, der jetzt vor Ihnen steht? Dieser Hirsch zieht ein reines weißes Oberhemdchen und ein reines weißes Halstuch an, und nimmt sich eine Droschke, und holt sich bey der Hauptkollekte seine 50,000 Mark und fährt damit nach dem Speersort - Und wie mich Klötzchen sieht, fragt er: Hirsch, warum bist du heut' so geputzt? Ich aber antwortete kein Wort, und setze einen großen Ueberraschungsbeutel mit Gold auf den Tisch, und rede ganz feyerlich: Herr Christian Hinrich Klotz! die Nummero 1538, die Sie so gütig waren bey mir zu bestellen, hat das Glück gehabt 50,000 Mark zu gewinnen, in diesem Beutel habe ich die Ehre Ihnen das Geld zu präsentiren, und ich bin so frey mir eine Quittung auszubitten! Wie Klötzchen das hört, fängt er an zu weinen, wie Madam Klotz die Geschichte hört, fängt sie an zu weinen, die rothe Magd weint, der krumme Ladendiener weint, die Kinder weinen, und ich? ein Rührungsmensch, wie ich bin, konnte ich doch nicht weinen, und fiel erst in Ohnmacht, und erst nachher kamen mir die Thränen aus den Augen wie ein Wasserbach, und ich weinte drey Stunden.

Die Stimme des kleinen Menschen bebte als er dieses erzählte, und feyerlich zog er ein schon erwähntes Päckchen aus der Tasche, wickelte davon den schon verblichenen Rosataffet, und zeigte mir den Schein, worin Christian Hinrich Klotz den richtigen Empfang der 50,000 Mark quittirte. Wenn ich sterbe - sprach Hyazinth, eine Thräne im Auge - soll man mir diese Quittung mit ins Grab legen, und wenn ich einst dort oben, am Tage des Gerichts, Rechenschaft geben muß von meinen Thaten, dann werden ich mit dieser Quittung in der Hand vor den Stuhl der Allmacht treten, und wenn mein böser Engel die bösen Handlungen, die ich auf dieser Welt begangen habe, vorgelesen, und mein guter Engel auch die Liste von meinen guten Handlungen ablesen will, dann sag ich ruhig: Schweig! - ich will nur wissen, ist diese Quittung richtig? ist das die Handschrift von Christian Hinrich Klotz? Dann kommt ein ganz kleiner Engel herangeflogen, und sagt, er kenne ganz genau Klötzchens Handschrift, und er erzählt zugleich die merkwürdige Geschichte von der Ehrlichkeit, die ich mahl begangen habe. Der Schöpfer der Ewigkeit aber, der Allwissende der alles weiß, erinnert sich an diese Geschichte, und er lobt mich in Gegenwart von Sonne, Mond und Sternen, und berechnet gleich im Kopf, daß wenn meine bösen Handlungen von 50,000 Mark Ehrlichkeit abgezogen werden, mir noch ein Saldo zu Gute kommt, und er sagt dann: Hirsch! ich ernenne dich zum Engel erster Klasse, und du darfst Flügel tragen mit roth und weißen Federn.

Capitel XI


Wer ist denn der Graf Platen, den wir im vorigen Kapitel als Dichter und warmen Freund kennen lernten? Ach, lieber Leser, diese Frage las ich schon lange auf deinem Gesichte, und nur zaudernd gehe ich an die Beantwortung. Das ist ja eben das Mißgeschick deutscher Schriftsteller, daß sie jeden guten oder bösen Narrn, den sie auf's Tapet bringen, erst durch trockne Charakterschilderung und Personalbeschreibung bekannt machen müssen, damit man erstens wisse daß er existirt, und zweitens den Ort kenne, wo die Geißel ihn trifft, ob unten oder oben, vorn oder hinten. Anders war es bey den Alten, anders ist es noch jetzt bey neueren Völkern, z.B. den Engländern und Franzosen, die ein Volksleben, und daher public characters haben. Wir Deutschen aber, wir haben zwar ein ganzes närrisches Volk, aber wenig ausgezeichnete Narren, die bekannt genug wären, um sie als allgemein verständliche Charaktere in Prosa oder Versen gebrauchen zu können. Die wenigen Männer dieser Art, die wir besitzen, haben wirklich Recht, wenn sie sich wichtig machen. Sie sind von unschätzbarem Werthe und zu den höchsten Ansprüchen berechtigt. So z.B. der Geheimrath Schmalz, Professor der Berliner Universität, ist ein Mann, der nicht mit Geld zu bezahlen ist; ein humoristischer Schriftsteller kann ihn nicht entbehren, und er selbst fühlt diese persönliche Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit in so hohem Grade, daß er jede Gelegenheit ergreift, um humoristischen Schriftstellern Stoff zur Satyre zu geben, daß er Tag und Nacht grübelt, wie er sich als Staatsmann, Servilist, Dekan, Antihegelianer und Patriot lächerlich machen kann, und somit die Litteratur, für die er sich gleichsam aufopfert, thatkräftig zu befördern. Den deutschen Universitäten muß man überhaupt nachrühmen, daß sie den deutsche Schriftstellern, mehr als jede andere Zunft, mit allerley Narren versorgen, und besonders Göttingen habe ich immer in dieser Hinsicht zu schätzen gewußt. Dies ist auch der geheime Grund, weshalb ich mich für die Erhaltung der Universitäten erkläre, obgleich ich stets Gewerbefreyheit und Vernichtung des Zunftwesens gepredigt habe. Bey solchem fühlbaren Mangel an ausgezeichneten Narren, kann man mir nicht genug danken, wenn ich neue aufs Tapet bringe und allgemein brauchbar mache. Zum Besten der Litteratur will ich daher jetzt vom Grafen August von Platen Hallermünde etwas ausführlicher reden. Ich will dazu beytragen, daß er zweckmäßig bekannt, und gewissermaßen berühmt werde, ich will ihn litterarisch gleichsam herausfüttern, wie die Irokesen thun mit den Gefangenen, die sie bey späteren Festmahlen verspeisen wollen. Ich werde ganz treu ehrlich verfahren und überaus höflich, wie es einem Bürgerlichen ziemt, ich werde das Materielle, das sogenannt Persönliche, nur in so weit berühren, als sich geistige Erscheinungen dadurch erklären lassen, und ich werde immer ganz genau den Standpunkt, von wo aus ich ihn sah, und sogar manchmal die Brille, wodurch ich ihn sah, angeben.

Der Standpunkt, von wo ich den Grafen Platen zuerst gewahrte, war München, der Schauplatz seiner Bestrebungen, wo er, bey allen die ihn kennen, sehr berühmt ist, und wo er gewiß, so lange er lebt, unsterblich seyn wird. Die Brille, wodurch ich ihn sah, gehörte einigen Insassen Münchens, die über seine äußere Erscheinung dann und wann, in heiteren Stunden, ein heiteres Wort hinwarfen. Ich habe ihn selbst nie gesehen, und wenn ich mir seine Person denken will, erinnere ich mich immer an die drollige Wuth, womit einmal mein Freund der Dr. Lautenbacher über Poetennarrheit im Allgemeinen loszog, und insbesondere eines Grafen Platen erwähnte, der mit einem Lorbeerkranze auf dem Kopfe, sich auf der öffentlichen Promenade zu Erlangen den Spaziergängern in den Weg stellte und, mit der bebrillten Nase gen Himmel starrend, in poetischer Begeisterung zu seyn vorgab. Andere haben besser von dem armen Grafen gesprochen, und beklagten nur seine beschränkten Mittel, die ihn, bey seinem Ehrgeiz, sich wenigstens als Dichter auszuzeichnen, über die Gebühr zum Fleiße nöthigten, und sie lobten besonders seine Zuvorkommenheit gegen Jüngere, bey denen er die Bescheidenheit selbst gewesen sey, indem er mit der liebreichsten Demuth ihre Erlaubnis erbeten, dann und wann zu ihnen aufs Zimmer kommen zu dürfen, und sogar die Gutmüthigkeit so weit getrieben habe, immer wieder zu kommen, selbst wenn man ihn die Lästigkeit seiner Visiten aufs deutlichste merken lassen. Dergleichen Erzählungen haben mich gewissermaßen gerührt, obgleich ich diesen Mangel an Personalbeyfall sehr natürlich fand. Vergebens klagte oft der Graf:

- Deine blonde Jugend, süßer Knabe,
Verschmäht den melancholischen Genossen.
So will in Scherz ich mich ergehen, in Possen,
Anstatt ich jetzt mich bloß an Thränen labe,
Und um der Fröhlichkeit mir fremde Gabe,
Hab' ich den Himmel anzuflehn beschlossen.

Vergebens versicherte der arme Graf, daß er einst der berühmteste Dichter werde, daß schon der Schatten eines Lorbeerblattes auf seiner Stirne sichtbar sey, daß er seine süßen Knaben ebenfalls unsterblich machen könne, durch unvergängliche Gedichte. Ach! eben diese Celebrität war Keinem lieb, und in der That, sie war keine beneidenswerthe. Ich erinnere mich noch, mit welchem unterdrückten Lächeln ein Candidat solcher Celebrität von einigen lustigen Freunden, unter den Arkaden zu München, betrachtet wurde. Ein scharfsichtiger Bösewicht meinte sogar, er sähe zwischen den Rockschößen desselben den Schatten eines Lorbeerblattes. Was mich betrifft, lieber Leser, so bin ich nicht so boshaft, wie du denkst, ich bemitleide den armen Grafen, wenn ihn Andere verhöhnen, ich zweifle, daß er sich an der verhaßten "Sitte" thätlich gerächt habe, obgleich er in seinen Liedern schmachtet, sich solcher Rache hinzugeben; ich glaube vielmehr an die verletzenden Kränkungen, beleidigenden Zurücksetzungen und Abweisungen, wovon er selbst so rührend singt. Ich bin überzeugt, er betrug sich gegen die Sitten überhaupt weit löblicher, als ihm selber lieb war, und er kann vielleicht, wie General Tilly, von sich rühmen:
Ich war nie berauscht, ich habe nie ein Weib berührt und habe nie eine Schlacht verloren.
Deshalb gewiß sagt von ihm der Dichter:
    Du bist ein nüchterner, modester Junge.

Der arme Junge, oder vielmehr der arme alte Junge - denn er hatte schon einige Lustren hinter sich - hockte damals, wenn ich nicht irre, auf der Bibliothek in Erlangen, wo man ihm einige Beschäftigung angewiesen hatte; doch da diese seinem hochstrebenden Geiste nicht genügte, da mit den Lustren auch die Lüsternheit nach illüstrer Lust ihn mehr und mehr stachelte, und der Graf von seiner künftigen Herrlichkeit täglich mehr und mehr begeistert wurde, gab er jenes Geschäft auf, und beschloß, von der Schriftstellerei, von gelegentlichen Gaben von oben und einigen sonstigen Verdiensten zu leben. Die Grafschaft des Grafen liegt nämlich im Monde, von wo er, nach Ruithuisens Berechnung, erst in 20,000 Jahren, wenn der Mond dieser Erde näher kommt, seine ungeheuern Revenuen beziehen kann.

Schon früher hatte Don Platen de Collibrados Hallermünde, bey Brockhaus in Leipzig, eine Gedichtesammlung mit einer Vorrede, betitelt: "lyrische Blätter Nummer 1." herausgegeben, die freylich nicht bekannt wurde, obgleich, wie er uns versichert, die sieben Weisen dem Verfasser ihr Lob gespendet. Später gab er, nach Tieckschem Muster, einige dramatische Mährchen und Erzählungen heraus, die ebenfalls das Glück hatten, daß sie der unweisen großen Menge unbekannt blieben, und nur von den sieben weisen gelesen wurden. Indessen um, außer den sieben weisen, noch einige Leser zu gewinnen, legte sich der Graf auf Polemik und schrieb eine Satyre gegen berühmte Schriftsteller, vornehmlich gegen Müllner, der damals schon allgemein gehaßt und moralisch vernichtet war, so daß der Graf eben zur rechten Zeit kam, um dem todten Hofrath Oerindur noch einen Hauptstich, nicht ins Haupt, sondern nach Fallstaffscher Weise, in die Wade zu versetzen. Der Widerwille gegen Müllner hatte jedes edle Herz erfüllt; der Mensch ist überhaupt schwach; die Polemik des Grafen mißfiel daher nicht, und "die verhängnißvolle Gabel" fand hie und da eine bereitwillige Aufnahme, nicht beym großen Publikum, sondern bey Litteratoren und bey den eigentlichen Schulleuten, bey letztern hauptsächlich weil jener Satyre nicht mehr dem romantischen Tieck, sondern dem klassischen Aristophanes nachgeahmt war.

Ich glaube, es war um diese Zeit, daß der Herr Graf nach Italien reis'te; er zweifelte nicht mehr, von seiner Poesie leben zu können, Cotta hatte die gewöhnliche prosaische Ehre, für Rechnung der Poesie das Geld herzugeben; denn die Poesie, die Himmelstochter, die Hochgeborene, hat selbst nie Geld und wendet sich, bey solchem Bedürfniß, immer an Cotta. Der Graf versifizirte jetzt Tag und Nacht, er blieb nicht bey dem Vorbilde Tiecks und des Aristophanes, sondern er ahmte auch den Goethe nach im Liede, dann den Horaz in der Ode, dann den Petrarca in den Sonetten, dann den Dichter Hafis in persischen Gaselen - kurz er gab uns solchermaßen eine Blumenlese der besten Dichter und zugleich seine eigenen Lyrischen Blätter unter dem Titel:
"Gedichte des Grafen Platen ect."

Niemand in Deutschland ist gegen poetische Erzeugnisse billiger als ich, und ich
gönne einem armen Menschen, wie Platen, sein Stückchen Ruhm, das er im Schweiße seines Angesichts so sauer erwirbt, gewiß herzlich gern. Keiner ist mehr geneigt, als ich, seine Bestrebungen zu rühmen, seinen Fleiß und seine Belesenheit in der Poesie zu loben, und seine sylbenmäßigen Verdienste anzuerkennen. Meine eignen Versuche befähigen mich, mehr als jeden Andern, die metrischen Verdienste des Grafen zu würdigen. Die bittere Mühe, die unsägliche Beharrlichkeit, das winternächtliche Zähneklappern, die ingrimmigen Anstrengungen, womit er seine Verse ausgearbeitet, entdeckt unser Einer weit eher als der gewöhnliche Leser, der die Glätte, Zierlichkeit und Politur jener Verse des Grafen für etwas Leichtes hält, und sich an der glatten Wortspielerey gedankenlos ergötzt, wie man sich bey Kunstspringern, die auf dem Seile balanciren, über Eyer tanzen und sich auf den Kopf stellen, ebenfalls einige Stunden amüsirt, ohne zu bedenken, daß jene armen Wesen, nur durch jahrelangen Zwang und grausames Hungerleiden, solche Gelenkigkeitskünste, solche Metrik des Leibes erlernt haben. Ich, der ich mich in der Dichtkunst nicht so sehr geplagt, und sie immer in Verbindung mit gutem Essen ausgeübt habe, ich will den Grafen Platen, dem es sauer und nüchterner dabey ergangen, um so mehr preisen, ich will von ihm rühmen daß kein Seiltänzer in Europa so gut wie er auf schlaffen Gaselen balancirt, daß keiner den Eyertanz über

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uu---uuuu    u.s.w.


so gut executirt wie er, daß keiner sich so gut wie er auf den Kopf stellt. Wenn ihm auch die Musen nicht hold sind, so hat er doch den Genius der Sprache in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß ihm Gewalt anzuthun; - denn die freye Liebe dieses Genius fehlt ihm, er muß auch diesem Jungen beharrlich nachlaufen, und er weiß nur die äußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schönen Rundung sich nie edel aussprechen. Nie sind tiefe Naturlaute, wie wir sie im Volksliede, bey Kindern und anderen Dichtern finden, aus der Seele eines Platen hervorgebrochen oder offenbarungsmäßig hervorgeblüht; den beängstigenden Zwang, den er sich anthun muß, um etwas zu sagen, nennt er eine "große That in Worten" - so gänzlich unbekannt mit dem Wesen der Poesie, weiß er nicht einmal, daß das Wort nur bey dem Rhetor eine That ist, bey dem wahren Dichter aber ein Ereigniß. Ungleich dem wahren Dichter, ist die Sprache nie Meister geworden in ihm, er ist dagegen Meister geworden in der Sprache oder vielmehr auf der Sprache, wie ein Virtuose auf einem Instrumente. Je weiter er es solcherart im Technischen brachte, desto größere Meinung bekam er von seiner Virtuosität; er wußte ja in allen Weisen zu spielen, er versifizirte ja die schwierigsten Passagen, er dichtete so zu sagen, manchmal nur auf der G-Saite, und ärgerte sich, wenn das Publikum nicht klatschte. Wie alle Virtuosen, die solch einsaitiges Talent ausgebildet, strebte er nur nach Applaudissement, sah er mit Ingrimm auf den Ruhm Anderer, beneidete er seine Collegen um ihren Gewinnst, wie z.B. den Clauren, schrieb er gleich fünfaktige Pasquille, wenn er nur eine einzige Xenie des Tadels auf sich beziehen konnte, kontrollierte er alle Recensionen, worin Andere gelobt wurden, und schrie beständig: ich werde nicht genug gelobt, nicht genug belohnt, denn ich bin der Poet, der Poet der Poeten u.s.w. So hungerig und lechzend nach Lob und Spenden zeigte sich nie ein wahrer Dichter, niemals Klopstock, niemals Goethe, zu deren Drittem der Graf Platen sich selbst ernennet, obgleich jeder einsieht, daß er nur mit Ramler und etwa A. W. von Schlegel ein Triumvirat bildet. Der große Ramler, wie man ihn zu seiner Zeit hieß, als er, zwar ohne Lorbeerkranz auf dem Haupte, aber mit desto größerem Zopf und Haarbeutel, das Auge gen Himmel gehoben und den steifleinenen Regenschirm unter'm Arm, im Berliner Thiergarten skandierend wandelte, hielt sich damals für den Repräsentanten der Poesie auf Erden. Seine Verse waren die vollendetesten in deutscher Sprache, und seine Verehrer, worunter sogar ein Lessing sich verirrte, meynten, weiter könne man es in der Poesie nicht bringen. Fast dasselbe war späterhin der Fall bey A. W. v. Schlegel, dessen poetische Unzulänglichkeit aber sichtbar wird, seitdem die Sprache weiter ausgebildet worden, so daß sogar diejenigen, die einst den Sänger des Arion für einen gleichfallsigen Arion gehalten, jetzt nur noch den verdienstlichen Schullehrer in ihm sehen. Ob aber der Graf Platen schon befugt ist, über den sonst rühmenswerthen Schlegel zu lachen, wie dieser einst über Ramler lachte, das weiß ich nicht. Aber das weiß ich, in der Poesie sind alle drey sich gleich, und wenn der Graf Platen noch so hübsch in den Gaselen seine schaukelnden Balanzirkünste treibt, wenn er in seinen Oden noch so vortrefflich den Eyertanz exekutirt, ja, wenn er, in seinen Lustspielen, sich auf den Kopf stellt - so ist er doch kein Dichter. Er ist kein Dichter, sagt sogar die undankbare männliche Jugend, die er so zärtlich besingt. Er ist kein Dichter, sagen die Frauen, die vielleicht - ich muß es zu seinem Besten andeuten - hier nicht ganz unpartheyisch sind, und vielleicht wegen der Hingebung, die sie bey ihm entdecken, etwas Eifersucht empfinden, oder gar durch die Tendenz seiner Gedichte ihre bisherige vortheilhafte Stellung in der Gesellschaft gefährdet glauben. Strenge Kritiker, die mit scharfen Brillen versehen sind, stimmen ein in dieses Urtheil, oder äußern sich noch lakonisch bedenklicher. Was finden Sie in den Gedichten des Grafen Platen-Hallermünde? frug ich jüngst einen solchen Mann. Sitzfleisch! war die Antwort. Sie meynen in Hinsicht der mühsamen, ausgearbeiteten Form? entgegnete ich. Nein, erwiederte jener, Sitzfleisch auch in Betreff des Inhalts.

Was nun den Inhalt der Platenschen Gedichte betrifft, so möchte ich den armen Grafen dafür zwar nicht loben, aber ihn auch nicht unbedingt der Censorischen Wuth Preis geben, womit unsere Catonen davon sprechen oder gar schweigen. Chacun a son goût, dem einen gefällt der Ochs, dem andren Wasischtas Kuh. Ich tadle sogar den furchtbaren rhadamantischen Ernst womit über jenen Inhalt der Platenschen Gedichte in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik gerichtet worden. Aber so sind die Menschen, es wird ihnen sehr leicht, in Eifer zu gerathen, wenn sie über Sünden sprechen, die ihnen kein Vergnügen machen würden. Im Morgenblatte las ich kürzlich einen Aufsatz, überschrieben "Aus dem Journal eines Lesers" worin der Graf Platen gegen solche strenge Tadler seiner Freundschaftsliebe, mit jener Bescheidenheit sich ausspricht, die er nie zu verläugnen weiß, und woran man ihn auch hier erkennt. Wenn er sagt, daß "das Hegelsche Wochenblatt" ihn eines geheimen Lasters mit "lächerlichem Pathos" beschuldige, so will er, wie leicht zu errathen ist, nur der Rüge anderer Leute zuvorkommen, deren Gesinnung er durch dritte Hand erforschen lassen. Indessen, man hat ihm schlecht berichtet, ich werde mir nie in dieser Hinsicht einen Pathos zu Schulden kommen lassen, der edle Graf ist mir vielmehr eine ergötzliche Erscheinung, und in seiner erlauchten Liebhaberey sehe ich nur etwas Unzeitgemäßes, nur die zaghaft verschämte Parodie eines antiken Uebermuths. Das ist es ja eben, jene Liebhaberey war im Alterthum nicht im Widerspruch mit den Sitten, und gab sich kund mit heroischer Oeffentlichkeit. Als z. B. der Kaiser Nero, auf Schiffen, die mit Gold und Elfenbein ausgelegt waren, ein Gastmahl hielt, das einige Millionen kostete, ließ er sich mit Einem aus dem Jünglingsserail, Namens Pythagoras, feyerlich einsegnen, (cuncta denique spectata que etiam in femina nox operit) und steckte nachher mit der Hochzeitsfackel die Stadt Rom in Brand, um bey den prasselnden Flammen desto besser den Untergang Trojas besingen zu können. Das war noch ein Gaselendichter, über den ich mit Pathos sprechen könnte; doch nur lächeln kann ich über den neuen Pythagoräer, der im heutigen Rom, die Pfade der Freundschaft dürftig und nüchtern und ängstlich dahinschleicht, mit seinem hellen Gesichte von liebloser Jugend abgewiesen wird, und nachher bey kümmerlichem Oehllämpchen sein Gaselchen ausseufzt. Interessant, in solcher Hinsicht, ist die Vergleichung der Platenschen Gedichtchen mit dem Petron. Bey diesem ist schroffe, antike, plastisch heidnische Offenheit; Graf Platen hingegen, trotz seinem Pochen auf Classizität, behandelt seinen Gegenstand vielmehr romantisch, verschleyernd, sehnsüchtig, pfäffisch, - ich muß hinzusetzen: heuchlerisch. Denn der Graf vermummt sich manchmal in fromme Gefühle, er vermeidet die genaueren Geschlechtsbezeichnungen; nur die Eingeweihten sollen klar sehen; gegen den großen Haufen glaubt er sich genugsam versteckt zu haben, wenn er das Wort Freund manchmal ausläßt, und es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hinlänglich verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand gesteckt, so daß nur der Steiß sichtbar bleibt. Unser erlauchter Vogel hätte besser gethan, wenn er den Steiß in den Sand versteckt und uns den Kopf gezeigt hätte. In der That, er ist mehr ein Mann von Steiß als ein Mann von Kopf, der Name Mann überhaupt paßt nicht für ihn, seine Liebe hat einen passiv pythagoräischen Charakter, er ist in seinen Gedichten ein Patikos, er ist ein Weib, und zwar ein Weib, das sich an gleich Weibischem ergötzt, er ist gleichsam eine männliche Tribade. Diese ängstlich schmiegsame Natur duckt durch alle seine Liebesgedichte, er findet immer einen neuen Schönheitsfreund, überall in diesen Gedichten sehen wir Polyandrie, und wenn er auch sentimentalisirt:
"Du liebst und schweigst - O hätt' ich auch geschwiegen,
Und meine Blicke nur an dich verschwendet!
O hätt' ich nie ein Wort dir zugewendet,
So müßt' ich keinen Kränkungen erliegen!
Doch diese Liebe möcht' ich nie besiegen,
Und weh dem Tag, an dem sie frostig endet!
Sie ward aus jenen Räumen uns gesendet,
Wo selig Engel sich an Engel schmiegen -"
so denken wir doch gleich an die Engel, die zu Loth, dem Sohne Harans, kamen und nur mit Noth und Mühe den zärtlichsten Anschmiegungen entgingen, wie wir lesen im Pentateuch, wo leider die Gaselen und Sonette nicht mitgetheilt sind, die damals vor Loths Thüre gedichtet wurden. Ueberall in den Platenschen Gedichten sehen wir den Vogel Strauß, der nur den Kopf verbirgt, den eiteln ohnmächtigen Vogel, der das schönste Gefieder hat und doch nicht fliegen kann, und zänkisch humpelt über die polemische Sandwüste der Litteratur. Mit seinen schönen Federn ohne Schwungkraft, mit seinen schönen Versen ohne poetischen Flug, bildet er den Gegensatz zu jenem Adler des Gesanges, der minder glänzende Flügel hat, aber sich damit zur Sonne erhebt - ich muß wieder auf den Refrain zurückkommen:
der Graf Platen ist kein Dichter.

Von einem Dichter verlangt man zwey Dinge; in seinen lyrischen Gedichten müssen Naturlaute, in seinen epischen oder dramatischen Gedichten müssen Gestalten seyn. Kann er sich in dieser Hinsicht nicht legitimiren, so wird der Dichtertitel abgesprochen, selbst wenn seine übrigen Familienpapiere und Adelsdiplome in der größten Ordnung sind. Daß letzteres bey dem Grafen Platen der Fall seyn mag, daran zweifle ich nicht, und ich bin überzeugt, er würde mitleidig heiter lächeln, wenn man seinen Grafentitel verdächtig machen wollte; aber wagt es nur, über seinen Dichtertitel, mit einer einzigen Xenie, den geringsten Zweifel zu verrathen - gleich wird er sich ingrimmig niedersetzen und fünfaktige Satyren gegen Euch drucken. Denn die Menschen halten um so eifriger auf einen Titel, je zweideutiger und ungewisser der Titulus ist, der sie dazu berechtigt. Vielleicht aber würde der Graf Platen ein Dichter seyn, wenn er in einer anderen Zeit lebte, und wenn er außerdem auch ein anderer wäre, als er jetzt ist. Der Mangel an Naturlauten in den Gedichten des Grafen rührt vielleicht daher, daß er in einer Zeit lebt, wo er seine wahren Gefühle nicht nennen darf, wo dieselbe Sitte, die seiner Liebe immer feindlich entgegensteht, ihm sogar verbietet, seine Klage darüber unverhüllt auszusprechen, wo er jede Empfindung ängstlich verkappen muß, um so wenig das Ohr des Publikums, als eines "spröden Schönen" durch eine einzige Silbe zu erschrecken. Diese Angst läßt bey ihm keine eignen Naturlaute aufkommen, sie verdammt ihn, die Gefühle anderer Dichter, gleichsam als untadelhaften, vorgefundenen Stoff, metrisch zu bearbeiten, und nöthigenfalls zur Vermummung seiner eigenen Gefühle zu gebrauchen. Unrecht geschieht ihm vielleicht, wenn man, solche unglückliche Lage verkennend, behauptet hat, daß Graf Platen auch in der Poesie sich als Graf zeigen und auf Adel halten wolle, und uns daher nur Gefühle von bekannter Familie, Gefühle die schon ihre 64 Ahnen haben, vorführe. Lebte er in der Zeit des römischen Pythagoras, so würde er vielleicht seine eigenen Gefühle freyer hervortreten lassen und er würde vielleicht für einen Dichter gelten. Es würden dann wenigstens die Naturlaute in seinen lyrischen Gedichten nicht vermißt werden - doch der Mangel an Gestalten in seinen Dramen würde noch immer bleiben, so lange sich nicht auch seine sinnliche Natur veränderte, und er gleichsam ein Anderer würde. Die Gestalten, die ich meyne, sind nemlich jene selbständigen Geschöpfe, die aus dem schaffenden Dichtergeiste, wie Pallas Athene aus dem Haupte Kronions, vollendet und gerüstet hervortreten, lebendige Traumwesen, deren mystische Geburt, mehr als man glaubt, in wundersam bedingender Beziehung steht mit der sinnlichen Natur des Dichters, so daß solches geistige Gebähren demjenigen versagt ist, der selbst nur, als ein unfruchtbares Geschöpf, sich gaselig hingibt in windiger Weichheit.

Indessen das sind Privatmeinungen eines Dichters, und ihr Gewicht hängt davon ab, wie weit man an die Competenz desselben glauben will. Ich kann nicht umhin zu erwähnen, daß der Graf Platen, gar oft dem Publikum versichert, daß er erst späterhin das Bedeutendste dichten werde, wovon man jetzt noch keine Ahnung habe, ja, daß er Iliaden und Odysseen, Classizitätstragödien und sonstige Unsterblichkeitskolossalgedichte erst dann schreiben werde, wenn er sich nach so und so viel Lustren gehörig vorbereitet habe. Du hast, lieber Leser, diese Ergießungen des Selbstbewußtseyns, in mühsam gefeilten Versen vielleicht selbst gelesen, und das Versprechen solcher schönen Zukunft war dir vielleicht um so erfreulicher, als der Graf zu gleicher Zeit alle Dichter Deutschlands, außer dem ganz alten Goethe, wie einen Schwarm schlechter Sudler geschildert, die ihm nur im Wege stehen, auf der Bahn des Ruhmes, und die so unverschämt seyen, jene Lorbeeren und Belohnungen zu pflücken, die nur ihm gebührten.

Was ich in München darüber sprechen hörte, will ich übergehen; aber, der Chronologie wegen, muß ich anführen, daß zu jener Zeit der König von Bayern die Absicht aussprach, irgend einem deutschen Dichter ein Jahrgehalt zu ertheilen, ohne damit ein Amt zu verbinden, welches ungewöhnliche Beyspiel für die ganze deutsche Litteratur von schöner Folge seyn konnte. Man sagte mir -

Doch ich will mein Thema nicht verlassen, ich sprach von den Prahlereyen des Grafen Platen, der beständig rief: "Ich bin der Poet, der Poet der Poeten! ich werde Iliaden und Odysseen dichten usw." Ich weiß nicht, was das Publikum von solchen Prahlereyen hält, aber ganz genau weiß ich, was ein Dichter davon denkt, nemlich ein wahrer Dichter, der die verschämte Süßigkeit und die geheimen Schauer der Poesie schon empfunden hat, und von der Seligkeit dieser Empfindungen, wie ein glücklicher Page, der die verborgene Gunst einer Prinzessin genießt, gewiß nicht auf öffentlichem Markte prahlen wird.

Man hat schon öfter den Grafen Platen, wegen solcher Prahlhansereyen, weidlich gehänselt, und er wußte immer, wie Falstaff, sich zu entschuldigen. Bey solchen Entschuldigungen kommt ihm ein Talent zu statten, das außerordentlich in seiner Art ist und das eine besondere Anerkennung verdient. Der Graf Platen weiß nemlich von jedem Flecken, der in seiner eignen Brust ist, auch bey irgendeinem großen Manne eine Spur, und sey sie noch so klein, zu entdecken, und sich wegen solcher Wahlfleckenverwandtschaft mit ihm zu vergleichen. Z. B. von Shakespeares Sonetten weiß er, daß sie an einen jungen Mann und nicht an ein Weib gerichtet sind, und ob solcher verständigen Wahl preist er Shakespeare, vergleicht sich mit ihm - und das ist das einzige was er von ihm zu sagen hat. Man könnte negativ eine Apologie des Grafen Platen schreiben, und behaupten, daß er sich die und die Verirrung noch nicht zu Schulden kommen lassen, weil er sich mit dem oder dem großen Manne, dem sie nachgeredet worden, noch nicht verglichen habe. Am genialsten aber und bewunderungswürdigsten zeigte er sich in der Wahl des Mannes, in dessen Leben er unbescheidene Reden entdeckt, und durch dessen Beyspiel er seine eigene Prahlerey beschönigen will. Wahrlich, zu einem solchen Zwecke sind die Worte dieses Mannes noch nie zitirt worden - denn es ist kein Geringerer als Jesus Christus selbst, der uns bisher immer für ein Muster der Demut und Bescheidenheit gegolten. Christus hätte jemals geprahlt? der bescheidenste der Menschen, um so bescheidener als er der göttlichste war? Ja, was bisher allen Theologen entgangen ist, das entdeckte der Graf Platen, denn er insinuiert uns: Christus, als er vor Pilatus gestanden, sey ebenfalls nicht bescheiden gewesen, und habe nicht bescheiden geantwortet, sondern als jener ihn frug, bist du der König der Juden? habe er gesprochen: du sagst es. Und so sage auch er, der Graf Platen: Ich bin es, ich bin der Poet! - Was nie dem Hasse eines Verächters Christi gelungen ist, das gelang der Exegese selbstverliebter Eitelkeit.

Wie wir wissen, was wir davon zu halten, wenn Einer solchermaßen beständig schreit: Ich bin der Poet!, so wissen wir auch, was es für eine Bewandtnis hat mit den ganz außerordentlichen Gedichten, die der Graf, wenn er die gehörige Reife erlangt, noch dichten will, und die seine bisherigen Meisterstücke an Bedeutung so unerhört übertreffen sollen. Wir wissen ganz genau, daß die späteren Werke des wahren Dichters keineswegs bedeutender sind als die früheren, eben so wenig wie ein Weib, je öfter sie gebärt, desto vollkommenere Kinder zur Welt bringt; nein, das erste Kind ist schon eben so gut wie das zweite - nur das Gebähren wird leichter. Die Löwin wirft nicht erst ein Kaninchen, dann ein Häschen, dann ein Hündchen und endlich einen Löwen. Madame Goethe warf gleich ihren jungen Leu, und dieser gab uns, im ersten Wurf, seinen Löwen von Berlichingen. Ebenso warf auch Schiller gleich seine Räuber, an deren Tatze man schon die Löwenart erkannte. Später kam erst die Politur, die Glätte, die Feile, die Natürliche Tochter und die Braut von Messina. Nicht so begab es sich mit dem Grafen Platen, der mit der ängstlichsten Künsteley anfing und von dem der Dichter singt:

Du, der du sprangst so fertig aus dem Nichts,
Geleckten und lackierten Angesichts,
Gleichst einer Spielerey, geschnitzt aus Korke.

Indessen, wenn ich meine geheimsten Gedanken aussprechen soll, so gestehe ich, daß ich den Grafen Platen für keinen so großen Narrn halte, wie man wegen jener Prahlsucht und beständigen Selbstberäucherung glauben sollte. Ein Bißchen Narrheit, das versteht sich, gehört immer zur Poesie; aber es wäre entsetzlich, wenn die Natur eine so beträchtliche Porzion Narrheit, die für hundert große Dichter hinreichen würde, einem einzigen Menschen aufgebürdet, und von der Poesie selbst ihm nur eine so unbedeutend geringe Dosis gegeben hätte. Ich habe Gründe zu vermuthen, daß der Herr Graf an seine eigne Prahlerey nicht glaubt, und daß er, dürftig im Leben wie in der Litteratur, vielmehr für das Bedürfnis des Augenblicks sein eigner anpreisender Ruffiano seyn mußte, in der Litteratur wie im Leben. Daher in beiden die Erscheinungen, von denen man sagen konnte, daß sie mehr ein psychologisches als aesthetisches Interesse gewährten, daher zu gleicher Zeit die weinerlichste Seelenerschlaffung und der erlogene Uebermuth, daher das klägliche Dünnethun mit baldigem Sterben, und das drohende Dickthun mit künftiger Unsterblichkeit, daher der auflodernde Bettelstolz und die schmachtende Unterthänigkeit, daher das beständige Klagen, "daß ihn Cotta verhungern lasse", und wiederum Klagen, "daß ihn Cotta verhungern lasse", daher die Anfälle von Katholizismus u.s.w.

Ob's dem Grafen mit dem Katholizismus Ernst ist, daran zweifle ich. Ob er überhaupt katholisch geworden ist, wie einige seiner hochgeborenen Freunde, das weiß ich nicht. Daß er es werden wolle, erfuhr ich zuerst aus öffentlichen Blättern, die sogar hinzufügten, der Graf Platen werde Mönch und ginge in's Kloster. Böse Zungen meinten, daß ihm das Gelübde der Armuth und die Enthaltung von Weibern nicht schwerfallen würde. Wie sich von selbst versteht, in München klangen, bey solchen Nachrichten, die frommen Glöcklein in den Herzen seiner Freunde. Mit Kyrie Eleison und Hallelujah wurden seine Gedichte gepriesen in den Pfaffenblättern; und in der That, die heiligen Männer des Cölibats mußten erfreut seyn über jene Gedichte, wodurch die Enthaltung vom weiblichen Geschlechte befördert wird. Leider haben meine Gedichte eine andere Tendenz, und daß Pfaffen und Knabensänger nicht davon angesprochen werden, konnte mich zwar betrüben, aber nicht befremden. Eben so wenig befremdete es mich, als ich den Tag vor meiner Abreise nach Italien, von meinem Freunde dem Doktor Kolb vernahm, daß der Graf Platen sehr feindselig gegen mich gestimmt sey und mir mein Verderben schon bereitet habe in einem Lustspiele namens "König Ödipus", das bereits zu Augsburg, bey einigen Fürsten und Grafen, deren Namen ich vergessen habe oder vergessen will, angelangt sey. Auch Andere erzählten mir, daß mich der Graf Platen hasse und sich mir als Feind entgegenstelle; - und das war mir auf jeden Fall angenehmer, als hätte man mir nachgesagt: daß mich der Graf Platen als Freund hinter meinem Rücken liebe. Was die heiligen Männer betrifft, deren fromme Wuth sich zu gleicher Zeit gegen mich kundgab, und nicht bloß meiner anticölibatischen Gedichte wegen, sondern auch wegen der politischen Annalen, die ich damals herausgab, so konnte ich ebenfalls nur gewinnen, wenn man deutlich sah, daß ich keiner der Ihrigen sey. Wenn ich hiermit andeute, daß man nichts Gutes von ihnen sagt, so sage ich darum noch nichts Böses von ihnen. Ich bin sogar der Meinung, daß sie, nur aus Liebe zum Guten, durch frommen Betrug und gottgefällige Verläumdung das Wort der Bösen entkräftigen möchten, und daß sie diesen, nur für einen solchen edlen Zweck, der jedes Mittel heiligt, nicht blos die geistigen Lebensquellen, sondern auch die materiellen zu verschütten suchen. Man hat jene guten Leute, die sich in München sogar öffentlich als Congregazion präsentirten, thörigterweise mit den Namen Jesuiten beehrt. Sie sind wahrlich keine Jesuiten, sonst hätten sie eingesehen, daß z.B. ich, einer von den Bösen, schlimmsten Falls die litterarisch alchimistische Kunst verstehe, aus meinen Feinden selbst Dukaten zu schlagen, dergestalt daß ich dabey die Dukaten bekomme und meine Feinde die Schläge; - sie hätten eingesehen, daß solche Schläge nichts von ihrem Gehalte verlieren, wenn man auch den Namen des Schlagenden avilirt, wie der arme Sünder den Staupbesen nicht minder stark fühlt, obgleich der Scharfrichter, der ihn ertheilt, für unehrlich erklärt wird; - und was die Hauptsache ist, sie hätten eingesehen, daß etwas Vorliebe für den antiaristokratischen Voß und einige arglose Muttergotteswitze, weshalb sie mich zuerst mit Kot und Dummheit angriffen, nicht aus protestantischem Eifer hervorgegangen. Wahrlich, sie sind keine Jesuiten, sondern nur Mischlinge von Koth und Dummheit, die ich, eben so wenig wie eine Mistkarre und den Ochsen der sie zieht, zu hassen vermag, und die mit allen ihren Anstrengungen nur das Gegentheil ihrer Absicht erreichen, und mich nur dahin bringen könnten: daß ich ihnen zeige, wie sehr ich Protestant bin, daß ich mein gutes protestantisches Recht, in seiner weitesten Ermächtigung ausübe, und die gute protestantische Streitaxt mit Herzenslust handhabe. Sie könnten dann immerhin, um den Plebs zu gewinnen, die alten Weiberlegenden von meiner Ungläubigkeit durch ihren Leibpoeten in Verse bringen lassen - an den wohlbekannten Schlägen sollten sie schon den Glaubensgenossen eines Luthers, Lessings und Voß erkennen. Freylich, ich würde nicht mit dem Ernste dieser Heroen die alte Axt schwingen - denn der Anblick der Gegner bringt mich leicht zum Lachen, und ich bin ein Bißchen Eulenspiegeliger Natur und liebe eine Beymischung von Spaß - aber ich würde jenen Mistochsen nicht minder stark vor den Kopf schlagen, wenn ich auch vorher mit lachenden Blumen meine Axt umkränzte.

Doch ich will mein Thema nicht zu weit verlassen. Ich glaube, es war um jene Zeit, daß der König von Bayern, in schon erwähnter Absicht, dem Grafen Platen ein Jahrgehalt von sechshundert Gulden gab, und zwar nicht aus der Staatskasse, sondern aus der königlichen Privatkasse, wie es sich der Graf als besondere Gnade gewünscht hatte. Letzteren Umstand, der die Caste charakterisirt, so geringfügig er auch erscheint, erwähne ich nur als Notiz für den Naturforscher, der vielleicht Beobachtungen über den Adel macht. In der Wissenschaft ist alles wichtig. Wer mir vorwerfen möchte, daß ich den Grafen Platen zu wichtig nehme, der gehe nach Paris und sehe, wie sorgfältig der feine, zierliche Cuvier, in seinen Vorlesungen, das unreinste Insekt, mit dem genauesten Detail schildert. Es ist mir deshalb auch sogar Leid, daß ich das Datum jener sechshundert Gulden nicht genauer constatiren kann; so viel weiß ich aber, daß der Graf Platen den König Ödipus früher verfertigt hatte, und daß dieser nicht so bissig geworden wäre, wenn der Verfasser mehr zu beißen gehabt hätte.

In Norddeutschland, wohin mich plötzlich der Tod meines Vaters zurückrief, erhielt ich endlich das ungeheure Geschöpf, das dem großen Ey, worüber unser schöngefiederter Vogel Strauß so lange gebrütet, endlich entkrochen war, und das die Nachteulen der Congregazion mit frommem Gekrächze und die adeligen Pfauen mit freudigem Radschlagen schon lange im voraus begrüßt hatten. Es sollte nichts Minderes als ein verderblicher Basilisk seyn. Kennst du, lieber Leser, die Sage von dem Basilisk? Das Volk erzählt: wenn ein männlicher Vogel, wie ein Weib, ein Ey gelegt, so entstände daraus ein giftiges Geschöpf, dessen Hauch die Luft verpeste, und das man nur dadurch tödten könne, daß man ihm einen Spiegel vorhalte, indem es alsdann über den Anblick seiner eigenen Scheußlichkeit vor Schrecken sterbe.

Heilige Schmerzen, die ich nicht entweihen wollte, erlaubten es mir erst zwey Monat später, als ich auf der Insel Helgoland badete, den König Ödipus zu lesen, und dort, großgestimmt von dem beständigen Anblick des großen, kühnen Meers, mußte mir die kleinliche Gesinnung und die Altflickerey des hochgeborenen Verfassers recht anschaulich werden. Jenes Meisterwerk zeigte mir ihn endlich ganz, wie er ist, mit all seiner blühenden Welkheit, seinem Überfluß an Geistesmangel, seiner Einbildung ohne Einbildungskraft, ganz wie er ist, forcirt ohne Force, pikirt ohne pikant zu seyn, eine trockne Wasserseele, ein trister Freudenjunge. Dieser Troubadour des Jammers, geschwächt an Leib und Seele, versuchte es, den gewaltigsten, phantasiereichsten und witzigsten Dichter der jugendlichen Griechenwelt nachzuahmen! Nichts ist wahrlich widerwärtiger als diese krampfhafte Ohnmacht, die sich wie Kühnheit aufblasen möchte, diese mühsam zusammengetragenen Invektiven, denen der Schimmel des verjährten Grolls anklebt, und dieser silbenstecherisch ängstlich nachgeahmte Geistestaumel. Wie sich von selbst versteht, zeigt sich in des Grafen Werk keine Spur von einer tiefen Weltvernichtungsidee, die jedem aristophanischen Lustspiele zum Grunde liegt, und die darin, wie ein phantastisch ironischer Zauberbaum, emporschießt mit blühendem Gedankenschmuck, singenden Nachtigallnestern und kletternden Affen. Eine solche Idee, mit dem Todesjubel und dem Zerstörungsfeuerwerk, das dazu gehört, durften wir freilich von dem armen Grafen nicht erwarten. Der Mittelpunkt, die erste und letzte Idee, Grund und Zweck seines sogenannten Lustspiels, besteht, wie bey der verhängnisvollen Gabel, wieder in geringfügig litterarischen Händeln, der arme Graf konnte nur einige Aeußerlichkeiten des Aristophanes nachahmen, nemlich die feinen Verse und die groben Worte. Ich sage grobe Worte, weil ich keinen gröbern Ausdruck brauchen will. Wie ein keifendes Weib, gießt er ganze Blumen-Töpfe von Schimpfreden auf die Häupter der deutschen Dichter. Ich will dem Grafen herzlich gern seinen Groll verzeihen, aber er hätte doch einige Rücksichten beobachten müssen. Er hätte wenigstens das Geschlecht in uns ehren sollen, da wir keine Weiber sind, sondern Männer, und folglich zu einem Geschlechte gehören, das nach seiner Meinung das schöne Geschlecht ist, und das er so sehr liebt. Es bleibt dieses immer ein Mangel an Delicatesse, mancher Jüngling wird deshalb an seinen Huldigungen zweifeln, da jeder fühlt, daß der Wahrhaftliebende auch das ganze Geschlecht verehrt. Der Sänger Frauenlob war gewiß nie grob gegen irgendein Weib, und ein Platen sollte daher mehr Achtung zeigen gegen Männer. Aber der Undelikate! ohne Scheu erzählt er dem Publikum: Wir Dichter in Norddeutschland hätten alle die "Krätze, wofür wir leider eine Salbe brauchten, die als mephitisch er vor vielen schätze". Der Reim ist gut. Am unzartesten ist er gegen Immermann. Schon im Anfang seines Gedichts läßt er diesen hinter einer spanischen Wand Dinge thun, die ich nicht nennen darf, und die dennoch nicht zu widerlegen sind. Ich halte es sogar für wahrscheinlich, daß Immermann schon solche Dinge gethan hat. Es ist aber charakteristisch, daß die Phantasie des Grafen Platen sogar seine Feinde a posteriori zu belauschen weiß. Er schonte nicht einmal Houwald, diese gute Seele, sanft wie ein Mädchen - ach, vielleicht eben dieser holden Weiblichkeit wegen, haßt ihn ein Platen. Müllner, den er, wie er sagt, schon längst "durch wirklichen Witz urkräftig erlegt", dieser Todte wird wieder aus dem Grabe gescharrt. Kind und Kindeskind bleiben nicht unangetastet. Raupach ist ein Jude,

"Das Jüdchen Raupel -
Das jetzt als Raupach trägt so hoch die Nase"

"schmiert Tragödien im Katzenjammer". Noch weit schlimmer ergeht es dem "getauften Heine." Ja, ja, du irrst dich nicht, lieber Leser, das bin Ich, den er meint, und im König Ödipus kannst du lesen, wie ich ein wahrer Jude bin, wie ich, wenn ich einige Stunden Liebeslieder geschrieben, gleich darauf mich niedersetze und Dukaten beschneide, wie ich am Sabbath mit langbärtigen Mauscheln zusammenhoke und den Talmud singe, wie ich in der Osternacht einen unmündigen Christen schlachte und aus Malice immer einen unglücklichen Schriftsteller dazu wähle - Nein, lieber Leser, ich will dich nicht belügen, solche gute ausgemalte Bilder stehen nicht im König Ödipus, und daß sie nicht darin stehen, das nur ist der Fehler, den ich tadele. Der Graf Platen hat zuweilen die besten Motive und weiß sie nicht zu benutzen. Hätte er nur ein bischen mehr Phantasie, so würde er mich wenigstens als geheimen Pfänderverleiher geschildert haben; welche komische Szenen hätten sich dargeboten! Es thut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, wie sich der arme Graf jede Gelegenheit zu guten Witzen vorbeygehen lassen! Wie kostbar hätte er Raupach benutzen können als Tragödien-Rothschild, bey dem die königlichen Bühnen ihre Anleihen machen! Den Ödipus selbst, die Hauptperson seines Lustspiels, hätte er, durch einige Modifikationen in der Fabel des Stückes, ebenfalls besser benutzen können. Statt daß er ihn den Vater Lajus tödten und die Mutter Jokaste heyrathen ließ, hätte er es im Gegentheil so einrichten sollen, daß Ödipus seine Mutter tödtet und seinen Vater heyrathet. Das dramatische pDrastische in einem solchen Gedichte hätte einem Platen meisterhaft gelingen müssen, seine eigene Gefühlsrichtung wäre ihm dabey zu Statten gekommen, er hätte manchmal, wie eine Nachtigall, nur die Regungen der eignen Brust zu besingen gebraucht, er hätte ein Stück geliefert, das wenn der gaselige Iffland noch lebte, gewiß in Berlin gleich einstudiert worden wäre, und das man auch jetzt auf Privatbühnen geben würde. Ich kann mir nichts Vollendeteres denken als den Schauspieler Wurm in der Rolle eines solchen Oedipus. Er würde sich selbst übertreffen. Dann finde ich es auch nicht politisch vom Grafen, daß er in seinem Lustspiele versichert, er habe "wirklichen Witz." Oder arbeitet er vielleicht auf den Überraschungs-Effect, auf den Theatercoup, daß dadurch das Publikum beständig Witz erwarten, und dieser am Ende doch nicht erscheinen soll? Oder will er vielmehr das Publikum aufmuntern, den Wirkl. Geh. Witz im Stücke zu suchen, und das Ganze wäre nur ein Blindekuhspiel, wo der Platensche Witz so schlau ist, sich nie ertappen zu lassen? Deshalb vielleicht ist auch das Publikum, das sonst bei Lustspielen zu lachen pflegt, bey der Lektüre des Platenschen Stücks so verdrießlich, es kann den versteckten Witz nicht finden, vergebens piept der versteckte Witz und piept immer lauter: hier bin ich! hier bin ich wirklich! - vergebens, das Publikum ist dumm und macht ein ernsthaftes Gesicht. Ich aber, der ich weiß wo der Witz steckt, habe herzlich gelacht, als ich von dem "gräflichen, herrschsüchtigen Dichter" las, der sich in einen aristokratischen Nimbus hüllt, der von sich rühmt, "daß jeder Hauch, der zwischen seine Zähne komme, eine Zermalmung sei" und der zu allen deutschen Dichtern sagt:

"Ja, gleichwie Nero, wünscht' ich euch nur ein Gehirn,
Durch einen einzigen Witzeshieb zu spalten es -"

Der Vers ist schlecht. Der versteckte Witz aber besteht darin: daß der Graf eigentlich wünscht, wir wären alle lauter Neronen und er, im Gegentheil, unser einziger lieber Freund Pythagoras.

Vielleicht würde ich zum Besten des Grafen noch manchen anderen versteckten Witz hervorloben, doch da er mir in seinem König Oedipus das Liebste angegriffen - denn was könnte mir lieber sein als mein Christentum? - so ist es mir nicht zu verdenken, wenn ich, menschlich gesinnt, den Oedipus, diese "große Tat in Worten" minder ernstlich als die früheren Thätigkeiten würdige.

Indessen das wahre Verdienst hat immer seinen Lohn gefunden, und dem Verfasser des Oedipus wird der seinige nicht entgehen, obgleich er sich auch hier, wie immer, nur dem Einfluß seiner adeligen und geistlichen Hintersassen hingab. Ja, es geht eine uralte Sage unter den Völkern des Orients und Occidents, daß jede gute oder böse That ihre nächsten Folgen hab für den Thäter. Und kommen wird der Tag, wo sie kommen - mach' dich darauf gefaßt, lieber Leser, daß ich jetzt etwas in Pathos gerathe und schauerlich werde - kommen wird der Tag, wo sie dem Tartaros entsteigen die furchtbaren Töchter der Themis, "die Eumeniden." Bey'm Styx! - bey diesem Flusse schwören wir Götter niemals falsch - kommen wird der Tag, wo sie erscheinen, die dunkeln, urgerechten Schwestern, sie werden erscheinen mit schlangengelockten, rotherzürnten Gesichtern, mit denselben Schlangengeißeln, womit sie einst den Orestes gegeißelt, den unnatürlichen Sünder, der die Mutter gemordet, die tyndaridische Clytämnestra. Vielleicht hört der Graf schon jetzt die Schlangen zischen - Ich bitte dich, lieber Leser, denk' dir jetzt die Wolfsschlucht und Samielmusik - Vielleicht erfaßt den Grafen schon jetzt das geheime Sündergrauen, der Himmel verdüstert sich, Nachtgevögel kreischt, ferne Donner rollen, es blitzt, es riecht nach Colophonium, Wehe! Wehe! die erlauchten Ahnen steigen aus den Gräbern, sie rufen noch drey bis vier mal Wehe! Wehe! über den kläglichen Enkel, sie beschwören ihn ihre alten Eisenhosen anzuziehen, um sich zu schützen vor den entsetzlichen Ruthen - denn die Eumeniden werden ihn damit zerfetzen, die Geißelschlangen werden sich ironisch an ihm vergnügen, und wie der buhlerische König Rodrigo, als man ihn in den Schlangenturm gesperrt, wird auch der arme Graf am Ende wimmern und winseln:

Ach! sie fressen, ach! sie fressen,
Womit meistens ich gesündigt.
Entsetze dich nicht, lieber Leser, es ist ja alles nur Scherz. Diese furchtbaren Eumeniden sind nichts als ein heiteres Lustspiel, das ich, nach einigen Lustren, unter diesem Titel schreiben werde, und die tragischen Verse, die dich eben erschreckt, stehen in dem allerlustigsten Buche von der Welt, im Don Quixote von la Mancha, wo eine alte, anständige Hofdame sie in Gegenwart des ganzen Hofes rezitirt. Ich sehe, du lächelst wieder. Laß uns heiter und lachend von einander Abschied nehmen. Wenn dieses letzte Capitel etwas langweilig war, so lag's nur an dem Gegenstande; auch schrieb ich es mehr zum Nutzen als zur Lust, und wenn es mir gelungen ist, einen neuen Narrn auch für die Litteratur brauchbar gemacht zu haben, wird mir das Vaterland Dank schuldig seyn. Ich habe das Feld urbar gemacht, worauf geistreichere Schriftsteller säen und erndten werden. Das bescheidene Bewußtseyn dieses Verdienstes ist mein schönster Lohn. Für etwaige Könige, die mir dafür noch extra eine Tabatiere schicken wollen, bemerke ich, daß die Buchhandlung "Hoffmann und Campe in Hamburg" Ordre hat, dergleichen für mich in Empfang zu nehmen.

Geschrieben im Spätherbst
des Jahres 1829.


Errata

Seite 339 Zeile 6 von unten statt antropologisch lies anthropologisch.
Seite 366 Zeile 8 von oben statt Bibliothek lies Universität.
Seite 366 Zeile 6 von unten statt jenes lies jedes.
Seite 379 Zeile 8 von unten statt Patikos lies Pathikos.
Seite 395 Zeile 5 von oben statt protestantischen lies antikatholischen.
Seite 407 Zeile 9 von unten statt Themis lies Nacht.

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