Théophile Gautier benutzt -wohl als erster Autor der Moderne- die erst durch Magnus Hirschfeld zu Beginn des 20. Jahrhunderts populär gewordene Bezeichnung "Drittes Geschlecht", der sich bereits in der Antike findet.
Platon Gastmahl "Drittes Geschlecht" (Platon 427 - 347 v. Chr.)
Théophile Gautier „Mademoiselle de Maupin”: Drittes Geschlecht (1834/35)
In Meiners "Betrachtungen über die Männerliebe der Griechen, nebst einem Auszuge aus dem Gastmahle des Plato." wird der Ausdruck Mittelgeschlecht benutzt.

Das Originaltitelblatt als Bild.
Umschlagtitel "Was muß ...", Innentitel "Was soll ..."

Das Originaltitelblatt als Bild, nachfolgend dann als Text in aktueller Schrifttype.





Was muss das Volk

vom dritten

Geschlecht

wissen !

Eine Aufklärungsschrift

herausgegeben vom

wissenschaftlich=humanitären
Comitee.


Mit Illustrationen.





kleine Jugendstil-Schmuckvignette 
auf dem Titelblatt links






Verlag von Max Spohr in Leipzig.
Titelblattschmuck 
der 1. Auflage der Broschüre 
mit großem Ausrufezeichen, Titelblatt rechts



Neuere Schriften über konträre Sexualempfindung.

Strafgesetz und widernatürliche Unzucht von Erkenens.
Mk. 1.-
Die Entwickelung der Homosexualität von Raffalovich.
Mk. 1.20
Die konträre Sexualempfindung von Albert M o l l. Dritte
Auflage. Mk. 10.-
Libido sexualis von Alb. Moll. 2 Bände. Mk. 18.-
Naturrecht oder Verbrechen? Von Guttzeit. Mk. 1.20
Psychopathia sexualis von Krafft-Ebing. 11. Aufl. Mk. 10.-
Der Konträrsexuale vor dem Strafrichter. Von Krafft-
E b i n g. Mk. 3.-
Pierre's Ehe. Psychologisches Problem. Von R. v. Seydlitz.
Mk. 1.-
Lieblingminne und Freundesliebe von Elisarion v. Kupffer.
Mk. 5.-
Die verkehrte Geschlechtsempfindung und das dritte Ge-
schlecht. Von Reinhold Gerling. Mk. 1.-
Homosexualität und Strafgesetz. Ein Beitrag zur Unter-
suchung der Reformbedürftigkeit des § 175. St.-G.-B. Von
Prof. Dr. Wachenfeld. Mk. 3.-
Die Geschlechter der Menschen. Roman von Bob. Mk. 4.-
'Sind es Frauen?' Ein Roman über das dritte Geschlecht.
Mk. -.50
Zwischen den Geschlechtern. Von P. Hamecher. Mk. 2.-
Ein Sonderling. Roman. Von Walloth. Mk. 5.-
Jasminblüte. Von Dilsner. Mk. 3.-
Der Eigene. Zeitschrift für Kunst und Leben. Herausgeber:
Adolf Brand. N. F. Heft 1-l0 α 20 Pfg. Mk. 2.-




Was soll das Volk
vom dritten Geschlecht
wissen!
Eine Aufklärungsschrift

herausgegeben vom
wissenschaftlich-humanitären Comitee.
Preis 20 Pfennige.

Leipzig
Verlag von Max Spohr.
1901.




Jugendstil-Schmuckvignette auf der 1. Textseite oben

J eder Mensch, der auf allgemeine Bildung Anspruch
macht, sollte von der in dieser Volksschrift abgedruckten
Petition Kenntnis haben, in welcher eine sehr große Zahl
der hervorragendsten und bekanntesten Persönlichkeiten
Deutschlands für die Abschaffung einer Strafbestimmung
eintritt, welche nicht Verbrecher trifft, sondern eine nicht
unbeträchtliche Klasse geschlechtlich besonders gearteter,
sonst normaler Menschen, deren Vorhandensein und Wesen
bis vor wenigen Jahrzehnten der wissenschaftlichen Forschung
entgangen war.

Mit dieser Broschüre verfolgen wir den Zweck, das
große Publikum über dieses "dritte Geschlecht" aufzu=
klären, damit die bei demselben noch weitverbreiteten Vor=
urteile und irrtümlichen Auffassungen einer richtigen Be=
urteilung Platz machen. Wir folgen damit zugleich der
Aufforderung des Chefs des Reichsjustizamts, welcher zu
Dr. med. M. Hirschfeld, dem Präsidenten des wissenschaft=
lich=humanitären Komitees, in Bezug auf diese Frage sagte:
"Klären Sie die öffentliche Meinung auf, damit man die
Regierung versteht, wenn sie auf diesen Paragraphen ver=
zichtet." Wer dieses kleine Buch vorurteilslos und
gewissenhaft liest, wird erkennen, daß es sich hier nicht
um Befürwortung von Unsittlichkeiten handelt, sondern um

1 *



— 4 —
die Beseitigung einer schweren Ungerechtigkeit gegen un=
glückliche Menschen. Mag diese Volksschrift dazu beitragen,
daß sich die Befürchtung immer mehr als hinfällig erweist,
welcher Ernst von Wildenbruch, einer der ersten Unter=
zeichner der Petition, Ausdruck gab, als er schrieb: "Ich
beeile mich, die ernste Aufforderung zu beantworten, die
Sie an mich richten, eine ernste Aufforderung, denn ich
glaube, daß die Unterzeichner des Aufrufs zur Beseitigung
genannter Strafbestimmungen sich der Gefahr aussetzen,
von der Dummheit und der Böswilligkeit mit verläumde=
rischen Reden verfolgt zu werden; dennoch erscheint es
mir unmöglich, den Aufruf nicht zu unterzeichnen."

II.
Jedermann sollte darüber unterrichtet werden, daß
alle körperlichen und geistigen Eigenschaften, die man ge=
wöhnlich als männlich ansieht, vereinzelt bei Frauen
vorkommen und alles, was man im Bau und den Auf=
gaben des Körpers als dem Weibe eigentümlich betrachtet,
ausnahmsweise auch bei einem Manne auftreten kann.
Es entstehen dadurch eine große Reihe von Zwischenstufen
zwischen den völlig ausgebildeten Personen beiderlei Ge=
schlechts, die man unter der Bezeichnung "drittes Geschlecht"
zusammenfassen kann. Diese Übergänge sind nicht nur bei
den Menschen aller Rassen, sondern auch bei allen Tier=
arten, wo getrennte Geschlechter vorhanden sind, nachge=
wiesen und darauf zurückzuführen, daß die Geschlechtsunter=
schiede, welche sämtlich durch mehr oder weniger starkes
Wachstum ein und derselben Grundlage entstehen, manchmal
nicht die entsprechende Höhe erreichen, manchmal zu weit
voranschreiten.
Wir wollen, um dies klarer zu veranschaulichen,
ein Beispiel herausgreifen. Vor der Reife zeigen Knaben
und Mädchen genau dieselbe Beschaffenheit der Brüste,




— 5 —
der Stimme und Behaarung. Erst um das vierzehnte
Jahr herum sehen wir bei den Mädchen die Brüste
und das Kopfhaar, bei den Jünglingen die Stimmbänder
und Barthaare unverhältnismäßig stark wachsen, während
sowohl Brüste und Haupthaar des Mannes, als die
Stimme und die Barthaare des Weibes in ihrer Ent=
wickelung stehen bleiben oder nur im Verhältnis des übrigen
Körpers zunehmen. Nun giebt es aber nicht selten Ab=
weichungen vom Durchschnitt, also Jünglinge und Männer
mit weiblichen Brüsten ("Gynäkomasten"), weiblicher Stimme
("Sopransänger"), weiblicher Haut= und Haarbeschaffenheit,
(siehe das Bild des Sopransängers W. W.) und umgekehrt
Mädchen und Frauen mit männlicher Behaarung (Bart=
damen), männlicher Stimme und männlichem Aussehen
(siehe das Bild der Rosa Bonheur).
Genau solche Uebergänge und Umkehrungen finden sich
bei allen anderen Geschlechtsunterschieden ohne irgend eine
Ausnahme. Neben körperlichen Zwittern im engeren Sinn
gehören zu diesen Zwischenformen auf der einen Seite alle
Männer, welche in ihren Bewegungen, Neigungen oder
anderen Eigenschaften ausgesprochen weiblich sind (Weib=
linge), sowie auch solche, welche weibliches Geschlechts=
empfinden besitzen, also wie das Weib nur Männer lieben
können ("Urninge", "Homosexuelle", "Konträrsexuelle",
"Perverse" nennt sie die Wissenschaft, das Volk bezeichnet
sie oft als "warme Brüder"; (ähnlich nannte man schon
"so einen" in Rom: homo mollis, weicher Mann); aus der
anderen Seite rechnet man hierzu Frauen mit allen mög=
lichen männlichen Eigentümlichkeiten, Trieben und Lieb=
habereien (Mannweiber, auch viele Frauenrechtlerinnen,
Studentinnen usw. gehören - oft unbewußt - hierzu),
sowie Frauen mit männlichem Geschlechtstrieb, welche wie
Männer nur für Frauen sinnlich zu empfinden imstande sind
("Urninden", "Lesbierinnen").




— 6 —
Ein Mann.

Der Sopransänger W.W. in Damenrobe

Sopransänger W.W.



— 7 —
Ein Weib.

Die Malerin Rosa Bonheur erscheint auf diesem Fota als Mann
Die Malerin Rosa Bonheur.




— 8 —
Gott oder die Natur schuf Weiblinge und Urninge so gut
wie Männer und Frauen und mit Recht bezeichnete es der be=
rühmte Professor O. Schulze als "geradezu komisch, wenn man
mit Feder und Papier solche Naturanlage auszurotten oder
auch nur in nennenswerter Weise einzuschränken vermeint."

III.
Alle Eltern sollten bedenken, daß das eine oder andere
ihrer Kinder ein Urning - so wollen wir nach dem Vor=
gange von Ulrichs in dieser Schrift die gleichgeschlechtlich
Empfindenden bezeichnen - sein kann, sodaß der erwähnte
Paragraph (§ 175) das ihnen Teuerste bedroht. Unter
denen, die sich gegen die Aufhebung dieses Gesetzes aus=
sprachen, befindet sich ein Pfarrer, von dem wir mit
Bestimmtheit wissen, was er selber nicht weiß, daß unter
seinen Söhnen ein Urning ist. Wie viele Mütter können
es nicht begreifen, weshalb ihr Sohn trotz seiner vor=
züglichen Charaktereigenschaften, trotz wahrer Herzens=
güte stets so in sich gekehrt ist, keine Freude am Leben hat,
und sich eines Tages ein Leid anthut, daß ihre Tochter
einen Freier nach dem anderen von sich weist. Sie würden
sie verstehen, wenn sie von dem Gegenstande dieser Flug=
schrift etwas wüßten und würden diesen Punkt gewiß bei
der Erziehung, bei der Berufswahl und Verheiratung der
Kinder nicht außer Acht lassen; sie würden berücksichtigen,
daß für diese Kinder die Ehe und die Fortpflanzung
geradezu ein naturwidriger Akt ist, für sie selbst eine Qual,
und für die Nachkommen eine Gefahr, da bei letzteren Geistes=
und Nervenstörungen aller Art sehr häufig auftreten.
Es giebt Naturvölker, welche für Urninge ganz bestimmte
Berufszweige, beispielsweise die Krankenpflege, offenhalten und
ihren Söhnen gestatten, Weiberkleidung zu tragen, sobald sie be=
merken, daß sie Weiblinge sind. Sind diese Stämme nicht vielen
Kulturvölkern an Verständnis und Gerechtigkeitsgefühl voraus ?




— 9 —
IV.
Dem Publikum darf es nicht vorenthalten bleiben,
daß die Menge der konträr Geborenen, wenn auch im Verhält=
nis zu der Zahl der normal Veranlagten nur gering, doch
viel zu groß ist, als daß man sie in Gefängnissen, Irren=
anstalten oder besonderen Instituten unterbringen, ihnen
die Daseinsberechtigung absprechen, oder daß der Staat
verlangen könnte, sie sollten sich umbringen, auswandern
oder einen der stärksten Naturtriebe, über dessen Beherr=
schungsmöglichkeit in allen Fällen die Gelehrten sich noch
keineswegs einig sind, ihr ganzes Leben unterdrücken.
Es giebt Urninge in den allerhöchsten und niedersten
Bevölkerungsschichten, unter allen Ständen, den gebildetsten,
wie den ungebildetsten, in den Großstädten, wie auf dem
Dorfe, unter den sittlich strengsten, ebenso wie unter den
Leichtlebigsten.
Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß allerdings von
tausend urnischen Personen kaum eine betroffen, von fünfzig=
tausend urnischen Handlungen kaum eine ermittelt wird,
er weiß aber auch, daß Bebel nicht Unrecht hatte, als er
im Reichstage (am 13. Januar 1898) erklärte. "Wenn hier
die Vergehen gegen den § 175, an denen sich tausende
Personen aus allen Gesellschaftskreisen, aus den niedrigsten
bis zu den höchsten beteiligen, zur öffentlichen Verhandlung
kämen, so gäbe es einen Skandal, wie noch niemals ein
Skandal in der Welt gewesen ist."

V.
Das Volk soll wissen, daß die Neigung zu Personen
desselben Geschlechts nicht - wie man noch vielfach glaubt
- durch Übersättigung, Selbstbefleckung, Verführung,
Lasterhaftigkeit oder Furcht vor Fortpflanzung entsteht,
- Dr. Hirschfeld hat in nahezu 1200 Fällen, die
er beobachtete, diese Ursache niemals feststellen können -




— 10 —
sondern, daß die meisten im Gegenteil alles aufgewandt
haben, diesen Trieb los zu werden. Sie kennen die großen
Gefahren, denen sie sich aussetzen, die Schande, die ihnen
droht, aber der Trieb ist stärker wie ihr Wille.
Professor von Krafft=Ebing in Wien, der hervor=
ragendste Sachverständige auf diesem Gebiet sagt: Die
homosexuelle, (d. i. die gleichgeschlechtliche) Empfindung
kann zeitweise so heftig sich Befriedigung erzwingen, daß
Beherrschung unmöglich wird." Was die Art der Be=
friedigung anbelangt, so herrschen übrigens auch hierüber
im Volke ganz falsche Auffassungen.
Aber auch für diejenigen, welche sich nie bethätigen,
bildet das bestehende Gesetz eine schwere Beschuldigung und
Beschimpfung, weil es sie in ihrem Heiligsten, in ihrer Liebe
trifft. Die Liebe zum eigenen Geschlechte kann ebenso rein,
zart und edel sein, wie die zum anderen Geschlecht, von
der sie nur in der Richtung, nicht in der Art unterschieden
ist. So wie diese, kann sie auch zu Hohem befähigen, wie
eine Reihe großer Männer, deren urnische Natur heute als
zweifellos erwiesen angesehen werden kann - wir nennen
nur Socrates, Michelangelo und Friedrich den Großen -
deutlich beweisen. Als Zeichen urnischer Poesie sei hier ein
Sonett abgedruckt, das Richard Barnfield, einen eng=
lischen Dichter zur Zeit Shakespeares, zum Verfasser
hat. (Die Bezeichnung Knabe - Knappe ist als Koseform
für Jüngling gewählt):
Als sich ein Seufzer meiner Brust entrang
in trauter Nähe meines schönen Knaben,
beschwor er mich bei allen Himmelsgaben:
Mein armer Freund, warum ist Dir so bang?
Gezwungen sprach ich? Dir sei es gestanden,
Lieb' ist die Schwermut, die mich heimlich quält,
Lieb' ist das Glück, das meinem Herzen fehlt.
Ach, Liebe, Lieb allein hält mich in Banden!




— 11 —
Wer ist, sprach er, das Wunder aller Frauen?
Drauf ich: Ihr reizend Bildnis ruht versteckt
in diesem Spiegel, den ein Vorhang deckt.
Er hofft, ein seltsam Blendwerk zu erschauen.
Doch wie das Tuch er auseinander schlug,
sah er im Bild sich selbst und weiß genug.

VI.

Jeder Normalveranlagte sollte einmal versuchen,
sich in die Lage eines Urnings hineinzudenken. Es ist das
ein schwieriges, aber kein unbilliges Verlangen. Sein
Seelenleben ist dem eines ungerecht Verurteilten zu ver=
gleichen, der für eine That büßt. die er nicht begangen
hat; er hat die felsenfeste Ueberzeugung, daß er persönlich
an seiner Abweichung schuldlos ist, daß die Natur es ist,
die ihm diesen Streich gespielt hat, daß er garnicht anders
denken und fühlen kann, wie er es thut. Dieser unglück=
liche Zustand, an dem er völlig unschuldig ist, wird von
seinen Mitmenschen, die sich nicht denken können, daß ein
Mensch anders fühlen soll, wie sie selbst, einfach abgestritten
und als Laster betrachtet.
Die Schöpfer des § 175 nehmen einfach an, und die
Richter und das Volk folgen ihnen darin, daß die, welche
diesen Paragraphen verletzen, Menschen seien, wie sie selbst,
und daß sie aus eigenem freien Entschluß ihre an sich zu
Frauen neigende Natur verlassen, um sich Männern zuzu=
wenden. Sie wissen nicht, daß der Urning sich ebenso stark
zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt, wie der Gesetzgeber
zum andern, daß seinem Naturell der Verkehr mit dem
Weibe widernatürlich erscheint, daß er gezwungen ist, sein
Leben lang männliche Personen zu lieben.
Fast alle Urninge sind tief unglücklich, nicht sowohl
wegen ihrer Leidenschaft, ohne die sie sich schwer denken




— 12 —
können, sondern wegen der Verfolgungen, der sozialen Ver=
nichtung, des Ehrverlustes, welcher ihnen für etwas droht,
was der Normale sich jeden Tag ungestraft erlauben darf.
Dieses Verkennen und Aburteilen ihres ganzen Wesens
erzeugt in ihnen ein tiefes Gefühl der Bitterkeit. Man
denke, wie sehr schon ein urnischer Jüngling verachtet wird,
wenn er sich nur über seine Gefühle äußert, ohne je eine
strafwürdige Handlung begangen zu haben.
Nein, dieser Paragraph schützt nicht das Natürliche,
wie er wollte, er bekämpft es; nicht die That, sondern das
Gesetz ist widernatürlich, es sei denn, daß man die Natur
für widernatürlich erklären wolle. Es geht nicht länger an,
Menschen, die vielfach die Charaktervorzüge des Mannes
und Weibes in sich vereinigen, als Schänder menschlicher
Würde anzusehen.

VII.
Dem Staat und der Gesellschaft bleibt nichts
anderes übrig, als mit dem dritten Geschlecht, so gut es
geht, zusammenzuleben, da es nun einmal nicht auszurotten
ist. In Wirklichkeit ist ja dies heute schon der Fall, da ja
nur verhältnismäßig wenige durch Selbstmord, Gefängnisse,
Irren= und Krankenhäuser entfernt werden.
Man überschätzt die Macht des Gesetzes, wenn man
glaubt, daß es auf die Bethätigung eines so mächtigen
Naturtriebes einen nennenswerten Einfluß hat. Strafbar=
keit kann die Gleichgeschlechtlichkeit nicht unterdrücken, Straf=
losigkeit sie nicht erzeugen, die Aufhebung des Gesetzes hat
in keinem Lande das Uebel vermehrt, das Bestehen des
Paragraphen es nicht vermindert. Bayern und Hannover,
wo der Urningparagraph von den Freiheitskriegen bis zur
Einführung des Reichsstrafgefetzbuchs außer Kraft war,
bieten dafür einen sichtlichen Beweis.




— 13 —
Daß ganze Völker durch die gleichgeschlechtliche Liebe
entnervt seien, ist eine völlig unbegründete Behauptung.
Sie ist bei den kräftigsten Naturvölkern sicher erwiesen und
findet sich in Griechenland und Rom ebenso wie bei anderen
Kulturvölkern zur Zeit ihres Aufschwunges, ihrer Blüte und
ihres Niederganges.
Im Gegenteil kann der Urning, zur Gründung einer
Familie ungeeignet, der Gesellschaft auf den verschiedensten
Gebieten öffentlichen Lebens ein wertvolles und leistungs=
fähiges Mitglied sein, ist es auch trotz seines Unglückes
sehr häufig gewesen. Man kann ihn daher nicht als
Schädling oder antisoziales Wesen betrachten und wird sich
mit ihm abfinden müssen. Wenn man von einem jungen
Mädchen beansprucht, daß es sich selbst, ohne gesetzliche
Unterstützung vor Verführung schützt, kann man es von
einem jungen Manne wohl auch verlangen.

VIII.
Jeder Urning sollte es als unabweisliche Pflicht
ansehen, für seine Ehre und Freiheit, das Höchste, was ein
Mensch besitzt, zu kämpfen. Er sollte sich stets den Satz
des großen Rechtslehrers von Ihering vor Augen halten,
welcher sagte:
Man muß, wenn einem ein Recht vorenthalten
wird, kämpfen und nicht nachgeben; das ist eine sittliche
Pflicht.
Der Urning soll sich nicht erst, wenn er sich in Er=
presserhänden befindet oder in Unannehmlichkeiten ver=
wickelt ist, an das wissenschaftlich=humanitäre Komitee
(Adresse: Charlottenburg, Berlinerstr. 104) wenden, das es
sich zur Aufgabe gesetzt hat, die herrschenden Strafgesetze
und Vorurteile zu beseitigen. Er soll sich nicht seiner
Empfindungen schämen, sondern darnach trachten, seine




— 14 —
Liebe zu veredeln und ihre sinnliche Bethätigung möglichst
einzuschränken.
Wir betonen hier ausdrücklich, daß wir nicht gegen
die Forderungen des christlichen Sittengesetzes kämpfen,
deren Ideale zu erreichen sich jeder bemühen sollte, nur
dafür kämpfen wir, daß, wer sich diesen Idealen nicht ge=
wachsen zeigt oder im Streben nach denselben sich selbst
einmal untreu wird, nicht von Staatswegen zum Verbrecher
gestempelt wird. Das ist nicht nur keine Forderung des
Christentums, sondern steht mit ihm im schroffsten
Widerspruch.
Der Urning soll wissen, daß er, wenn er aus gesellschaft=
lichen oder gar Geldrücksichten heiratet, zwar straflos ist,
aber ein großes Unrecht begeht; gewiß liegt in dem Verzicht
auf eheliches Glück eine große Entsagung, aber der Meinungs=
austausch mit gleich Fühlenden kann ihm Trost und Er=
leichterung gewähren und wenn auch nicht leibliche, so
kann er doch auf allen Gebieten menschlichen Fortschritts
geistige Früchte zum Reifen bringen.




— 15 —
IX.
Wir geben nunmehr die Eingabe an die gesetzgebenden
Körperschaften des Deutschen Reiches wieder, welche die
Hauptgründe enthält, die die Aufhebung des § 175 R.
St. G. B. zur Notwendigkeit machen. Von den mehr als
1000 Unterschriften aus den Kreisen der Gelehrten, Richter,
Aerzte, Geistlichen, Schriftsteller und Künstler drucken
wir des Raumes wegen nur einige ab, bemerken aber,
daß das Komitee auf Wunsch gern die volle Namensliste
zur Verfügung stellt.




"Es erscheint der § 175 als eine Inconsequenz, deren
Beseitigung mit Recht gefordert werden kann "
Bischof. Dr. Paul Leopold Haffner von Mainz



An die gesetzgebenden Körperschaften
des Deutschen Reiches!

In Anbetracht, daß bereits im Jahre 1869 sowohl die
österreichische wie die deutsche oberste Sanitätsbehörde,
welcher Männer wie Langenbeck und Virchow an=
gehörten, ihr eingefordertes Gutachten dahin abgaben
daß die Strafandrohungen des gleichgeschlecht=
lichen Verkehrs aufzuheben seien, mit der Be=
gründung, die in Rede stehenden Handlungen unter=
schieden sich nicht von anderen, bisher nirgends mit
Strafe bedrohten Handlungen, die am eigenen Körper
oder von Frauen untereinander oder zwischen Männern
und Frauen vorgenommen würden;




— 16 —
In Erwägung, daß die Aufhebung ähnlicher Strafbe=
stimmungen in Frankreich, Italien, Holland und zahl=
reichen anderen Ländern durchaus keine entsittlichenden
oder sonst ungünstigen Folgen gezeitigt hat;
Im Hinblick darauf, daß die wissenschaftliche Forschung,
die sich namentlich aus deutschem, englischem und fran=
zösischem Sprachgebiet innerhalb der letzten zwanzig
Jahre sehr eingehend mit der Frage der Homosexualität
(sinnnlichen Liebe zu Personen desselben Geschlechts)
beschäftigte, ausnahmslos das bestätigt hat, was bereits
die ersten Gelehrten, welche dem Gegenstande ihre Auf=
merksamkeit zuwandten, aussprachen, daß es sich bei
dieser örtlich und zeitlich allgemein ausgebreiteten
Erscheinung ihrem Wesen nach um den Ausfluß einer
tief innerlichen konstitutionellen Anlage handeln müsse:
Unter Betonung, daß es gegenwärtig als nahezu erwiesen
anzusehen ist, daß die Ursachen dieser auf den ersten
Blick so rätselhaften Erscheinung in Entwickelungs=
verhältnissen gelegen sind, welche mit der bisexuellen
(zwittrigen) Uranlage des Menschen zusammenhängen,
woraus folgt, daß Niemandem eine sittliche Schuld an
einer solchen Gefühlsanlage beizumessen ist;
Mit Rücksicht darauf, daß diese gleichgeschlechtliche Anlage
meist in eben so hohem, oft in noch höherem Maaße
zur Bethätigung drängt, als die normale;
In Anbetracht, daß nach den Angaben sämtlicher Sach=
verständigen der Coitus analis und oralis (d. h. ge=
schlechtliche Benutzung zu anderen Zwecken bestimmter
Körperöffnungen) im konträrsexuellen Verkehr verhältnis=
mäßig selten, jedenfalls nicht verbreiteter ist, als
im normalgeschlechtlichen;
In Erwägung, daß unter denjenigen, die von derartigen
Gefühlen erfüllt waren, erwiesenermaßen nicht nur im
klassischen Altertum, sondern bis in unsere Zeiten




— 17 —
Männer und Frauen von höchster geistiger Bedeutung
gewesen sind;
Im Hinblick darauf, daß das bestehende Gesetz noch keinen
Konträrsexuellen von seinem Triebe befreit, wohl aber
sehr viele brave, nützliche Menschen, die von der
Natur mehr als genug benachteiligt sind, ungerecht in
Schande, Verzweiflung, ja Irrsinn und Tod ge=
jagt hat, selbst wenn nur ein Tag Gefängnis — im
Deutschen Reich das niedrigste Strafmaaß für diese
Handlung - festgesetzt oder selbst wenn nur eine Vor=
untersuchung eingeleitet wurde;
Unter Berücksichtigung, daß diese Bestimmungen einem
ausgedehnten Erpressertum (der Chantage) und einer
höchst verwerflichen männlichen Prostitution größten
Vorschub geleistet haben,
erklären untenstehende Männer, deren Namen für
den Ernst und die Lauterkeit ihrer Absichten bürgen,
beseelt von dem Streben für Wahrheit, Ge=
rechtigkeit und Menschlichkeit, die jetzige Fassung
des § 175 d. R. St. G. B. für unvereinbar mit
der fortgeschrittenen wissenschaftlichen Erkenntnis
und fordern daher die Gesetzgebung auf, diesen
Paragraphen möglichst bald dahin abzuändern,
daß, wie in den obengenannten Ländern sexuelle
Akte zwischen Personen desselben Geschlechts,
ebenso wie solche zwischen Personen ver=
schiedenen Geschlechts (homosexuelle wie hetero=
sexuelle), nur dann zu bestrafen sind,
wenn sie unter Anwendung von Gewalt,
wenn sie an Personen unter 16 Jahren,
oder wenn sie in einer "öffentliches Aergernis"
erregenden Weise (d. h. verstoßend gegen den
§ 183 d. R. St. G. B.) vollzogen werden.




— 18 —
H. Albrecht, Pfarrer und Schriftsteller. Lahr.
Dr. jur. Allfeld, Professor für Strafrechtswissenschaft, Erlangen.
Dr. med. A. Baer, Geh. Sanitätsrat, Oberarzt am Gefängnis zu Plötzensee, Berlin.
A, Babel, kgl. Obereramtsrichter, Straubing, Bayern.
Ludwig Barnay, Hofrat, Wiesbaden.
Dr. Woldemar Freiherr von Biedermann, Geheimrat, Dresden.
Dr. jur. Bielefeld, pr. Amtsrichter, Kehl a. Rh.
Otto Julius Bierbaum, Schriftsteller, Schloss Englar in Eppan.
Black-Swinton, Geh. Justizrat, Erster Staatsanwalt a. D., Breslau.
Dr. Otto Brahm, Direktor des Deutschen Theaters in Berlin.
Dr. Heinrich Braun, Herausgeber des Archivs für soziale Gesetzgebung und Statistik, Berlin.
Hans Brendel, Kriegsgerichtsrat, Mainz.
Dr. jur. Fel. Fr. Brück, Professor für Strafrechtswissenschaft, Breslau.
Dr. med. von Burckhardt, Obermedizinalrat, Stuttgart.
Dr. med. Crιdι, Hofrat, Oberarzt am Carolahause und Generalarzt, Dresden.
Dr. med. J. Doutrelepont, Geh. Medizinalrat, Direktor der Hautklinik, Bonn.
Dr. Albert Eulenburg, Geh. Medizinalrat und Professor der Nervenkrankheiten, Berlin.
Graf Finkenstein, Herzogswald bei Sommerau, Wpr.
Fritzsche, Amtsgerichtsrat, Zwickau i. S.
C. August Förster, Superintendent und em. Pfarrer, Wien.
Dr. Rudolf von Gottschall, Geh. Hofrat, Schriftsteller, Leipzig.
Dr, med. Gräfe, Geh. Medizinalrat und Professor, früher Halle, jetzt Weimar.
Dr. med. Agnes Hacker, Berlin.
Dr. Max Halbe, Schriftsteller, München.
Hennburger, Landgerichtsrat, Berlin.
Dr. E. Harnack, Professor und Direktor des Pharmakol. Instituts in Halle a. S.
Otto Erich Hartleben, Schriftsteller, Berlin.
Gerhardt Hauptmann, Schriftsteller, Schreiberhau.
Dr. jur. Max Haushofer, Professor für Nationalökonomie und Statistik, München.
Hessler, Amtsgerichtsrat u. z. Zt. Stadtverordneter, Berlin.
Friederich von Hindersin, Landgerichtsrat, Saargemünd i. L.




— 19 —
E. Hundrieser, Professor, Bildhauer, Charlottenburg,
Dr. jur. J. Jastrow, Privatdozent für Staatswissenschaften an der
Universität, Berlin.
Hermann Kaulbach, Professor und Maler, München.
Josef Otto Kerling, kgl. Oberamtsrichter, Esslach, Oberfranken.
Dr. jur. G, Kleinfeller, Professor für Strafrechtswissenschaft,
Kiel.
Kormann, kais. Amtsrichter, Thann i. E.
Dr. med. Richard Freiherr von Krafft-Ebing, o. Professor
der Heilkunde, k. k. Hofrat, Wien.
Kulemann, Landgerichtsrat, Braunschweig.
Joseph Kürschner, Geh. Hofrat und Professor, Hohenhainstein
ob Eisenach.
H. von Kupffer, Chefredakteur des "Berliner Lokalanzeiger"
Berlin.
Eugen Landauer, Landgerichtsrat und Amtsrichter, Stuttgart.
Walter Leistikow, Maler, Berlin.
Dr. med. Leppmann, Medizinalrat, Kgl. Physikus und ärztlicher
Leiter der Beobachtungsanstalt für geisteskranke Gefangene,
Moabit-Berlin.
Max Liebermann, Maler, Berlin,
Dr. G. Freiherr von Liebig, Hofrat und Professor, München.
Detlev Freiherr von Liliencron, Schriftsteller, Berlin.
Dr. Franz von Liszt, Geheimer Justizrat und ordentl. Professor
der Strafrechtswissenschaft, Berlin.
Max Maier, Pfarrer in Scheufling bei Deggendorf.
Dr. jur. Masson, Oberlandesgerichtsrat, Frankfurt a. M.
Dr. med. Mendel, Professor für Nerven- u. Geisteskrankheiten,
Berlin.
von Metternich, Geh. Regierungsrat, Landrat a. D., Hoexter.
Dr. med. Albert Moll, Spezialarzt für Nervenkranheiten, Berlin.
Muss, pr. Landgerichtsrat, Mainz.
Dr. med. Näcke, Medizinalrat, Kgl. Oberarzt an der Irrenanstalt
zu Hubertusburg, Leipzig.
Dr. med. Neisser, Geh. Medizinalrat, Professor für Haut- und
Geschlechtskrankheiten, Breslau.
Alb. Freih. von Oppenheim, Kgl. sächs. Generalkonsul, Köln.
Oppler, Landgerichtsrat, Metz.
Dr. med. Robert Otto, Professor, Geh. Hofrat u. Geh. Medizinal-
rat, Braunschweig.




— 20 —
Peters, Landgerichtsrat, Mühlhausen a. E.
Dr. jur. et. phil. Jul. Pierstoff, Professor der Staatswissen-
schaften, Jena,
Victor Freiherr von Reisner-Cepinski, Schriftsteller, Char-
lottenburg.
Curt von Rohrscheidt, Amtsgerichtsrat, Danzig-Langfuhr,
Paul Rothschild, Landgerichtsdirektor, Cöln.
Rump, kgl. Landgerichtsrat, Traunstein (Bayern).
Geh. Medizinalrat Professor Dr. Max Rubner, Direktor des
hygieinischen Instituts der Universität Berlin.
Carl Sänger, Pfarrer in Frankfurt a. M.
Schrader, Amtsrichter, Stettin.
Dr. med. Freiherr von Schrenk-Notzing, Nervenarzt, München.
Dr. med. Bernhard Schuchard, Geh. Regierungs- und Ober-
medizinalrat, Gotha.
Dr. R. Siemering, Professor, Bildhauer, Berlin.
Dr. med. G. Sommer, Vorsteher des path.-anatom. Institus,
Innsbruck.
A. von Sonnenthal, Hofschauspieler und Oberregisseur, Wien.
Strössenreuther, Landgerichtspräsident, Fürth i. B.
Franz Stuck, Professor, Maler, München.
K. von Tepper-Laski, Rittmeister a. D., Mönchsheim bei
Hoppegarten.
Dr. Th. von Thierfelder, Geh. Obermedizinalrat u. Professor
der inneren Medizin, Rostock.
Dr. Georg Treu, Geh. Hofrat, Professor und Direktor d. Kgl.
Sculpturensammlung in Dresden.
Dr. Tuchatsch, Landgerichtsrat, Zwickau.
Prof. Dr. med. H. Unverricht, Medizinalrat, Direktor des städt.
Krankenhauses Sudenburg, Magdeburg.
Dr. jur. J. Vargha, Professor d. Strafrechtswissenschaft, Graz.
Richard Voss, Schriftsteller, Berchtesgaden-Frascati.
Oscar von Wächter, königl. Landgerichtsdirektor, Kempten
(Bayern).
Fei. Weingartner, Hof-Kapellmeister, München.
Dr. Adolf Wilbrandt, Schriftsteller, Rostok.
Geh. Legationsrat Dr. jur. Ernst v. Wildenbruch, Berlin.
Geh. Medizinalrat Dr. F. Ritter von Winkel, Professor der Ge-
burtshilfe, München
und viele mehr.




Nachtrag zu der Petition.
Weitere Gründe, die namentlich von juristischer Seite
für die Abschaffung des § 175 geltend gemacht wurden
und auch für Bayern, Frankreich etc. bei der Aufhebung mit
ausschlaggebend waren, sind:
1. Der Paragraph steht in Widerspruch mit den Grund=
sätzen des Rechtsstaates, der nur da strafen soll, wo
Rechte verletzt werden. Wenn zwei Erwachsene in
gegenseitiger Uebereinstimmung, im Geheimen geschlecht=
liche Akte begehen, werden keines Dritten Rechte
verletzt. Werden Rechte verletzt, so bestehen schon
anderweitige Bestimmungen.
2. Die Nachforschungen veranlassen meist erst das Aer=
gernis, dem man steuern will. Chauveau und Faustin
Hιlie, Theorie du code pιnal, Tome VI, S. 110
führen als ein Motiv der Beseitigung des Urnings=
paragraphen: "Die Vermeidung der schmutzigen
und skandalösen Untersuchungen, welche so
häufig das Familienleben durchwühlen und erst recht
Aergernis geben." Nur eine sehr sorgfältige ärztliche
Untersuchung vermag zu unterscheiden, ob der Thäter
angeboren homosexuell ist oder - was nur ganz selten
vorkommt - nicht. Mit der Erhebung der Anklage
ist das Individuum aber bereits social vernichtet.
3. Ferner sind die großen Schwierigkeiten zu berück=
sichtigen, die sich der Vollstreckung des Paragraphen
entgegenstellen. Es ist von vielen Kapazitäten mit
Recht hervorgehoben, daß ein Gesetz keinen Wert mehr
hat, bei dem nur ein so verschwindend geringer Bruch=
teil der vorkommenden Fälle vor den Strafrichter gelangt.




— 22 —
4. Des weiteren ist in Betracht zu ziehen, daß der § 175
so unklar gefaßt ist, daß selbst unter den Juristen
völlige Meinungsverschiedenheit darüber besteht, was
unter ihn fällt. Nach reichsgerichtlicher Entscheidung fallen
in Deutschland unter ihn nicht etwa nur immissio in
corpus, sondern auch bloße Umschlingungen und Frik=
tionen der Körper; gegenseitige Onanie ist dagegen
nicht Unzucht im Sinne des Gesetzes. "Diese unglück=
liche Rechtsübung," sagt v. Krafft=Ebing (der Konträr=
sexuelle vor dem Strafrichter, Leipzig und Wien, S. 16),
"nötigt den Richter zu den peinlichsten Feststellungen
eines objektiven Thatbestandes, der sich darauf zuspitzt,
ob Friktionen stattgefunden haben oder nicht, wobei
der einzige Zeuge der passive Teil zu sein pflegt, oft
ein Chanteur, eine männliche Hetäre, ein Lump, dem
es auf einen falschen Eid umsoweniger ankommt, als
er sonst wegen Verleumdung belangt werden könnte."
5. Vor allem aber ist darauf hinzuweisen, daß hier ein
"error legislatoris" vorliegt. Der Gesetzgeber war,
als er die betreffenden Handlungen mit Strafe bedrohte,
in einem naturwissenschaftlichen Irrtum befangen, der
für ihn die wesentlichste Veranlassung zur Strafan=
drohung war. Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit
anzunehmen, daß er diese Strafandrohung nicht aus=
gesprochen haben würde, wenn er die erst später
erwiesene Thatsache der angeborenen konträren Se=
xualempfindung gekannt hätte. Ebenso beruhte auch
das "Rechtsbewußtsein im Volke," welches bei der
letzten Revision des Str.=G.=B. als einziges Motiv
für die Beibehaltung des Paragraphen angegeben wurde,
auf drei falschen Voraussetzungen. Einmal war dem
Volke die Thatsache, daß es Menschen giebt, die trotz
aller gegenteiligen Bemühungen nur für dasselbe Ge=
schlecht empfinden können, unbekannt, ferner glaubte es,




— 23 —
daß es sich um immissio in anum und Verführung
unreifer Personen handelte, während in Wirklichkeit
die Pädikation und die Neigung zu unerwachsenen
Individuen bei Konträrsexuellen ebenso selten vorkommt
wie bei Normalsexuellen.
6. Man hat auch nicht mit Unrecht darauf hingewiesen,
daß der Verkehr unter Männern und unter Frauen,
weil er in der Hauptsache ohne Folgen bleibt, für die
übrige Menschheit weit gleichgültiger sein kann, als
der sittlich schließlich ebenso verwerfliche, vor dem Gesetz
nicht strafbare außereheliche Verkehr zwischen Mann
und Weib (man denke z. B. an die Syphilisgefahr,
die unehelichen Geburten, das Dirnenwesen etc.). Ver=
führern gegenüber kann der junge Mann sich eben=
sogut allein seiner Haut wehren wie das junge Mädchen.
Volenti non fit iniuria.
7. Der Paragraph 175 treibt Hunderte in Länder, wo
der Urningsparagraph nicht mehr besteht, raubt diesen
das Vaterland und dem Vaterlande viele geistige
und materielle Mittel. Der Gedanke, von der Natur
selbst, ohne die geringste Eigenschuld, zum Verbrecher
gestempelt zu sein, macht die meisten Homosexualen
bodenlos elend und jagt viele von ihnen, die nie etwas
der Menschheit Schädigendes gethan, nicht einmal im
Sinn des Paragraphen 175 gefehlt haben, in den frei=
willigen Tod. (Selbstmorde aus unbekannten Gründen.)
8. Endlich muß betont werden, daß der Paragraph außer=
ordentlich die Bekämpfung der Homosexualität
und die Behandlung der mit ihr Behafteten erschwert,
da dieselben eine nur zu begreifliche Scheu hegen,
selbst dem Arzte gegenüber ein Leiden einzugestehen,
das sie mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt bringt.


Druck von G. Reichardt, Groitzsch.





                                                


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erschienen folgende Schriften über

konträre Geschlechtsempfindung:

Wer kann dafür? Eine sexual-psychologische Schilderung von
O. M. Möller. Aus dem Dänischen übersetzt von Dr. R.
Meienreis. Mark 1.50
Ercole Tomei. Roman von J. G. Pernauhm. Mark 2.-
Die homogene Liebe und deren Bedeutung in der freien Ge-
sellschaft von Ed. Carpenter. Mark 1.20
Ein Weib ? Psychologisch-biographische Studie über eine Kon-
trärsexuelle, Mark 4.-
Der Eros und die Kunst. Ethische Studien von Ludwig
Frey. Mark 6.-
Die Männer des Rätsels und der § 175 des deutschen Reichs-
strafgesetzbucbes. Ein Beitrag zur Lösung einer brennenden
Frage von Ludw. Frey. Mark 4.-
Die verkehrte Geschlechtsempfindung oder die mannmänn-
liche und weibweibliche Liebe von Dr. med. N. Grabowsky.
3. verb. und vermehrte Auflage. Mark 1.20
Die mannweibliche Natur des Menschen mit Berücksichtig-
ung des psychosexuellen Hermaphroditismus, von Dr. med.
Norbert Grabowsky. Mark 1.-
Der Urning vor Gericht. Ein forensischer Dialog von Dr.
Melchior Grohe. Mark -.50
Das Problem der Homosexualität im Lichte der Schopen-
hauerschen Philosophie von O. O. Hartmann. Mark 1.-
Die Schuld der Väter. Roman v. Hans Hermann. Mark 2.-
Die homosexuelle Frage im Urteile der Zeitgenossen und der
§ 175 des Reichsstrafgesetzbuches, von Dr. med. M. Hirsch-
feld. Mark 1.50



Verlag von Max Spohr in Leipzig.


Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Be-
rücksichtigung der Homosexualität (reich illustriert). Heraus-
gegeben unter Mitwirkung namhafter Autoren im Namen des
wissenschaftlich-humanitären Komitιes von Dr. med. M. Hirsch-
feld. 1. Jahrgang. Mark 5.-. Eleg. geb. Mark 6.50
- Dasselbe. II. Jahrgang. brosch. 7 Mark, eleg. geb. Mark 8.50
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Die Enterbten des Liebesglückes oder "Das dritte Geschlecht"
von Otto de Joux. 2. Aufl. Mark 4.-
Die hellenische Liebe in der Gegenwart. Psychologische
Studien von Otto de Joux. Mit dem Portrait des Ver-
fassers. Mark 4.-
Der Konträrsexualismus in Bezug auf Ehe und Frauen-
frage. Mark -.80
Laster oder Unglück? Oder besteht der § 175 des deutschen
Reichsstrafgesetzbuches zu Recht? Eine Gewissensfrage an das deutsche Volk von
einem Freunde der Wahrheit. Mk. 1.20
Die krankhafte Liebe. Eine psychopathologische Studie von Dr. Emil Laurent,
früher Arzt im Hauptkrankenhause der Pariser Gefängnisse. Mark 4.-
Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und
Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? Von Dr. med. Th. Ramien Mark 1.-
Die Zwitterbildungen. Gynäkomastie, Feminismus, Herma-
phrodismus, von Dr. Emil Laurent, brosch. Mark 5.-
eleg. geb. Mark 6.25
Mann und Weib. Anthropologische und psychologische Unter-
suchung der sekundären Geschlechtsunterschiede, von Have-
lock Ellis, brosch. Mark 7.-, eleg. geb. Mark 8.25
Das konträre Geschlechtsgefühl von Ellis & Symonds.
brosch. Mark 6.-, eleg, geb. Mark 7.25
Ein Problem der Ethik. Die Liebe als körperlich-seelische
Kraftübertragung von Th. von Wächter. Mark 2.40
Eros vor dem Reichsgericht. Ein Wort an Juristen, Mediziner
und gebildete Laien zur Aufklärung über die "griechische
Liebe." Mk. 1.-
Der Fall Wilde und das Problem der Homosexualität. Ein
Prozess und ein Interview von Sero Mk. 1.50
Der Romau eines Konträrsexuellen. Mit einer Einleitung: "Der
Uranismus" von Marc-Andrι-Raffalowitsch.
Autorisierte Ausgabe von Wilhelm Thal. Mk. 1.80






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