Ansprache an den Kaffee

   In Poedjon sah ich zum erstenmal eine Kaffeeplantage in voller Blüte, ein seltener Genuß für Auge und Nase, um so seltener, als die Kaffeeblüte meist nur 2-3 Tage dauert. Regnet es an diesen Tagen, so unterbleibt die von den Insekten vorgenommene Bestäubung der weiblichen Pflanzen durch männlichen Samen, was für Tausende von Millionen weiblicher Keimzellen Unfruchtbarkeit und für den Unternehmer einen Verlust von vielen hunderttausend Mark bedeuten kann.
   Ich finde, wir Menschen zollen den Pflanzen, deren Extrakte uns so lieb sind, daß wir kaum von ihnen lassen können, bei weitem nicht die Dankbarkeit, die ihnen gebührt. Wie wenig bekümmern wir uns um ihre Herkunft, Geschichte und Pflege, wie wenige wissen überhaupt, wie die Spender der Stoffe in freier Natur aussehen, deren Genuß uns zur unentbehrlichen (im Übermaß allerdings oft so gefährlichen) Gewohnheit wird!
   Selbst auf die Gefahr hin, sentimental gescholten zu werden, gestehe ich, daß ich, als ich zum erstenmal lebendigem Kaffee begegnete, so ergriffen war, daß ich nicht umhin konnte, meinen Gefühlen in einer Ansprache Ausdruck zu geben, die etwa folgendermaßen lautete:
   "Lieber Kaffee! Ich grüße Dich wie einen alten Freund nicht nur in meinem eigenen Namen, sondern auch in dem unendlich vieler Millionen Menschen, denen Du im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neue Schwungkraft gegeben hast.
   Als ich mich als junger Arzt in Charlottenburg niederließ, führte sich eine meiner ersten Patientinnen, die Gattin eines Justizrates, mit den Worten ein: "Eine Bedingung muß ich ihnen stellen, bevor ich ihren Rat erbitte, Sie dürfen mir nicht den Kaffee verbieten!" Damals hielt ich dies für exaltiert und übertrieben, heute, nachdem sich inzwischen meine Lebensjahre verdoppelt haben, verstehe ich es. Besonders begriff ich es im Kriege, als wir uns jahrelang infolge der Blockade mit schalen heimischen Ersatzgetränken begnügen mußten, und wir Ärzte den Patienten dankbar waren, die uns anstatt mit barem Gelde, mit einem halben Pfund Kaffee bezahlten.
   Wenn ich des Morgens erwache, gilt meine erste Sehnsucht Dir, lieber Kaffee, und auch nach meiner Nachmittagsruhe bedarf ich Deiner, um das angenehm gemischte Gefühl von Anregung und Beruhigung zu verspüren, das mich befähigt, für meine Mitmenschen nützliche Arbeit zu leisten.
   Wie viele Schwache hast Du aufgerichtet, wie viele Leidende ermuntert, wie viele Trauernde ermutigt, wie viele Personen habe ich beobachtet, darunter nahe Angehörige, die noch auf ihrem Sterbelager sehnsüchtig nach Dir verlangten! Nie werde ich vergessen, wie sich mein alter Lehrer, Geheimrat Albert Eulenburg, freute, als ich ihm während des Krieges eine Tüte echten Bohnenkaffees an sein letztes Krankenlager brachte.
   Ich weiß nicht, von wem die Kunst Deiner Herstellung herrührt, ich vermute von den Arabern, da ja auch Dein Name Kawa (der nun auf den Schildern von Hunderttausenden von Kaffeehäusern und Cafeterias in der ganzen Welt prangt) arabischen Ursprungs ist, ebenso wie das Wort Mokka - ich frage nicht danach, aber mit größerem Recht als Lohengrin ausruft: Nun sei bedankt, mein lieber Schwan! sollte die Menschheit endlich einmal ausrufen: Nun sei bedankt, mein lieber Kaffee! und Lieder zu Deinem Ruhme anstimmen, wie sie es zum Lobe des Weines so vielfach getan hat.
   Dabei braucht es nicht einmal ein echter türkischer Mokka zu sein, von dem Deine belebende Wirkung ausgeht, auch nicht einmal ein Wiener oder Karlsbader Kaffee, dessen Wohlgeschmack uns in so vielen Schattierungen und Benennungen (ich bevorzuge den "Capuziner") erfreut. Es genügt für viele schon der dünne Aufguß, der vom Tassengrund die gemalten Blümchen durchschimmern läßt, so daß man ihn "Blümchenkaffee" taufte, um jene Glückseligkeit hervorzurufen, die sich in Redseligkeit (die böse Mäuler "Kaffeeklatsch" nennen) äußert. In meinen Augen hat Dir auch Deine Vermählung mit Fräulein Milch und vollends mit Frau Sahne (die vielen Kaffeekennern unsympathisch ist) nicht geschadet, sondern eher noch genützt."
   Noch manches andere führte ich aus, bevor mein Begleiter Li zum Abschied einen großen blühenden Kaffeezweig brach (der lange mein Zimmer schmückte), und wir dann auf einem benachbarten Passar (= Bazar = Markt) eine Tasse ganz frischen Kaffee tranken, den besten, den ich in Java genoß, wo man in den europäischen Privathäusern, Hotels und Restaurants gewöhnlich einen Kaffee-Extrakt vorgesetzt bekommt, den man sich selbst mit heißem Wasser begießt und der so abgestanden schmeckt, daß ich mir einmal die kritische Bemerkung erlaubte: "Nicht nur die Propheten, sondern auch die einheimischen Produkte würdigt man nicht in ihrem Vaterlande."
   Nächst der Kaffeepflanzung interessierte mich am meisten die Gummiplantage. Beide werden in Java oft auf der gleichen Unternehmung im Wechsel angebaut. War mein Interesse an den Kaffeebäumen mehr ein allgemein menschliches, so war das an den Gummibäumen mehr ein Berufsinteresse.
   Sind es doch nicht nur Automobilreifen, Gummihandschuhe und Gummischwämme, deren Rohstoffe hier gewonnen werde, sondern auch die für die Geburtenregelung so bedeutsamen "Gummiartikel", die männlichen Präservativs und weiblichen Pessare. In der Ausstellung unseres Berliner Instituts für Sexualwissenschaft ist der Verarbeitung zweiter Teil zu sehen, von der Landung des Kautschuks in Europa bis zu seiner Umwandlung in Schutzmittel; hier aber in Java können wir den ersten Teil der Gummigewinnung studieren, vom Anritzen der Bäume bis zu ihrer Fertigmachung zum Versand nach den Fabriken Europas und Amerikas.
   Herr Melster von Petoeng-Omboh führte uns an einem frühen Morgen in die Gummiplantage, wo bereits malayische Frauen und Jungen von Baum zu Baum gingen (jedem ist seine bestimmte Anzahl Bäume zugeteilt), um die schrägen Rindeneinschnitte am Fuße des Gummibaumes auszuführen und an deren Ende ein kleines Blechgefäß einzuhaken. In dieses tropft ganz langsam eine weiße Flüssigkeit von milchartigem Aussehen, so daß man in der Tat nicht ohne grund von einem "Melken" der Bäume gesprochen hat.
   Etwa nach einer Stunde werden die mehr oder weniger vollen Schalen und Eimer und der Inhalt der Eimer in der Fabrik in Fässer und Bassins ausgeschüttet, wo sofort die Gerinnung der dicklichen Flüssigkeit zu einer zähen, festen Masse einsetzt, die dann in feine Scheiben zerschnitten und in diesem Zustand verpackt nach Europa versand wird.
   Auch die ausgedehnten Tabaks- und Zuckerplantagen und Fabriken suchte ich in Ostjava auf (bei Bondowoso) und ließ mir von dem intelligenten Beamten den hochinteressanten Anpflanzungs- und Produktionsverlauf erklären. Die Besitzer und Aktionäre der Plantagen sitzen nicht etwa selbst in Java, sondern in England, Holland, Amerika, in Paris und anderen Vergnügungs- und Kulturzentren, wo sie sich damit "begnügen", die Riesenverdienste der Arbeit einzustreichen, für die sie selber nicht die Hand rühren.
   In besonders hübschen Teeplantagen weilte ich in Westjava. Der frühere deutsche Unterseebootkommandant F. Ullrich und Dr. Maffai aus München, zwei sympathische Herren, führten uns hier in ihrem neuen Tätigkeitsbereich herum.
   Auch von der Chinin- und Jodgewinnung sah ich einiges, dagegen bot sich keine Gelegenheit, auch die Kakao- und Pfefferpflanzungen aus eigener Anschauung kennenzulernen. Ich sah nur einzelne Sträucher in dem schönen Botanischen Garten von Buitenzorg.

Magnus Hirschfeld am 30. Juli 1931 Poedjon/Java während seiner Weltreise

Quelle: Magnus Hirschfeld
“Weltreise eines Sexualforschers”
Bözberg-Verlag, Brugg/Schweiz 1933
Seite 164 ff


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