Dr. Richard von Krafft-Ebing "Psychopathia Sexualis" 1. Auflage 1886 Seite 56 ff

II. Mangelnde Geschlechtsempfindung gegenüber dem anderen
bei stellvertretendem Geschlechtsgefühl und Geschlechtstrieb
zum eigenen Geschlecht (conträre Sexualempfindung) 1)


1) Als angeborene krankhafte Erscheinung.

Das Wesentliche bei dieser sonderbaren Erscheinungsweise des Geschlechtslebens ist der Mangel sexueller Empfindungen bis zum Horror gegenüber dem anderen Geschlecht, während geschlechtliche Neigung und Trieb zum eigenen Geschlecht besteht. Dabei fühlt sich der mannliebende Mann ("Urning") der Person des eigenen Geschlechts gegenüber in der sexuellen Rolle des Weibes, das weibliebende Weib fühlt sich dem anderen gegenüber in der Rolle des Mannes. Gleichwohl sind die Genitalien normal entwickelt, die Geschlechtsdrüsen funktioniren ganz entsprechend und der geschlechtliche Typus ist ein vollkommen differenzierter.
Das Empfinden, Denken, Streben, überhaupt der Charakter entspricht jedoch in der Regel der eigenartigen Geschlechtsempfindung, nicht aber dem Geschlecht, welches das Individuum anatomisch und physiologisch repräsentiert. Auch in Tracht, Kleidung und Beschäftigung gibt sich diese abnorme Empfindungsweise nicht selten zu erkennen bis zum Drang, der sexuellen Rolle, in welcher sich das Individuum fühlt, entsprechend sich zu kleiden.
Anthropologisch bietet diese abnorme Erscheinung verschiedene Entwicklungsstufen:
1. Es besteht blosse Verkehrung der Geschlechtsempfindung.
2. Auch das ganze psychische Sein ist der abnormen Geschlechtsempfindung entsprechend geartet.
3. Die Körperform nähert sich derjenigen, welcher die abnorme Geschlechtsempfindung entspricht. Nie aber finden sich wirkliche Uebergänge zum Hermaphroditen, im Gegentheil vollkommen differenzierte Zeugungsorgane, so dass also, gleichwie bei allen krankhaften Perversionen des Sexuallebens, die Ursache im Gehirn gesucht werden muss.

Die ersten Mittheilungen über diese räthselhafte Naturerscheinung rühren von Casper her (Ueber Nothzucht und Päderastie, Casper`s Vierteljahrsschr. 1852, I), der dieselbe zwar mit der Päderastie zusammenwirft, aber schon die treffende Bemerkung macht, dass diese Anomalie in den meisten Fällen angeboren und gleichsam als eine geistige Zwitterbildung anzusehen sei. Es bestehe hier ein wahrer Ekel vor geschlechtlicher Berührung von Weibern, während sich die Phantasie an schönen jungen Männern, Statuen, Abbildungen solcher ergötze. Schon Caspar ist es nicht entgangen, dass in solchen Fällen Immissio penis in anum (Päderastie) nicht die Regel ist, sondern dass auch durch anderweitige geschlechtliche Akte (mutuelle Onanie) sexuelle Befriedigung erstrebt und erzielt wird.

In seinen "klinischen Novellen" (1863, p. 33) gibt Casper das interessante Selbstbekenntnis eines diese Perversion des Geschlechtstriebes aufweisenden Menschen und steht nicht an zu erklären, dass, abgesehen von verderbter Phantasie, Entsittlichung durch Uebersättigung im normalen Geschlechtsgenuss, es zahlreiche Fälle gebe, wo die "Päderastie" aus einem wunderbaren, dunklen, unerklärlichen, angeborenen Drang entspringt. Mitte der 60er Jahre trat ein gewisser Assessor Ulrichs, selbst mit diesem perversen Trieb behaftet, auf und behauptete in zahlreichen Schriften 1), das geschlechtliche Seelenleben sei nicht an das körperliche Geschlecht gebunden, es gebe männliche Individuen, die sich als Weib dem Manne gegenüber fühlen ("anima muliebris in corpore virili inclusa"). Er nannte diese Leute "Urninge" und verlangte nichts geringeres als die staatliche und sociale Anerkennung dieser urnischen Geschlechtsliebe als einer angeborenen und damit berechtigten, sowie die Gestattung der Ehe unter Urningen! Ulrichs blieb nur den Beweis dafür schuldig, dass diese allerdings angeborene paradoxe Geschlechtsempfindung eine physiologische und nicht vielmehr eine pathologische Erscheinung sei.
Ein erstes anthropologisch-klinisches Streiflicht auf diese Thatsache wirft Griesinger (archiv f. Psychiatrie I, p. 651), indem er in einem selbst beobachteten Falle auf die starke, erbliche Belastung des betreffenden Individuums hinwies.
Westphal (Archiv f. Psychiatrie II. p. 73) verdanken wir die erste Abhandlung über die in Rede stehende Erscheinung, die er als "angeborene Verkehrung der Geschlechtsempfindung mit dem Bewusstsein der Krankhaftigkeit dieser Erscheinung" definirte und mit dem seither allgemein recipirten Namen der "conträren Sexualempfindung" bezeichnete. Er eröffnete zugleich eine Casuistik 2), die seither auf 43 Fälle angewachsen ist.
Westphal lässt es unentschieden, ob die "conträre Sexualempfindung" Symptom eines neuro- oder eines psychopathischen Zustands sei oder als isolirte Erscheinung vorkommen könne. Er hält fest an dem Angeborensein des Zustands.
Auf Grund der bis 1877 veröffentlichten Fälle habe ich diese eigenartige Geschlechtsempfindung als ein funktionelles Degenerationszeichen und als Theilerscheinung eines neuropsychopathischen, meist hereditär bedingten Zustands bezeichnet, eine Annahme, welche durch die fernere Casuistik durchaus Bestätigung gefunden hat. Als Zeichen dieser neuro(psycho)pathischen Belastung lassen sich anführen:
1) Das Geschlechtsleben derartig organisirter Individuen macht sich in der Regel abnorm früh und in der Folge abnorm stark geltend. Nicht selten bietet es noch anderweitige perverse Erscheinungen ausser der an und für sich durch die eigenartige Geschlechtsempfindung bedingten abnormen Geschlechtsbefriedigung.
2) Charakter und ganzes Fühlen sind von der eigenartigen Geschlechtsempfindung, nicht von der anatomisch-physiologischen Beschaffenheit der Geschlechtsdrüsen bedingt. Die geistige Liebe dieser Menschen ist vielfach eine schwärmerisch exaltierte, wie auch ihr Geschlechtstrieb sich mit besonderer, selbst zwingender Stärke in ihrem Bewusstsein geltend macht.
3) Neben dem funktionellen Degenerationszeichen der conträren Sexualempfindung finden sich anderweitige funktionelle, vielfachauch anatomische Entartungszeichen.
4) Es bestehen Neurosen (Hysterie, Neurasthenie, epileptoide Zustände u.s.w.). Fast immer ist temporär oder dauernd Neurasthenie nachweisbar. Diese ist in der Regel eine constitutionelle, in angeborenen Bedingungen wurzelnde. Geweckt und unterhalten wird sie durch Masturbation oder durch erzwungene Abstinenz.
Bei männlichen Individuen kommt es auf Grund dieser Schädlichkeiten oder schon angeborener Disposition zur Neurasthenia sexualis, die sich wesentlich in reizbarer Schwäche des Ejaculationscentrums kundgibt. Damit erklärt sich, dass bei den meisten Individuen schon die blosse Umarmung, das Küssen oder selbst nur der Anblick der geliebten Person den Akt der Ejaculation hervorruft. Häufig ist dieser von einem abnorm starken Wollustgefühl begleitet bis zu Gefühlen "magnetischer" Durchströmung des Körpers.
5) Fast in allen Fällen, die einer Erhebung der körperlich geistigen Zustände der Ascendenz und Blutsverwandtschaft zugänglich waren, fanden sich Neurosen, Psychosen, Degenerationszeichen u.s.w. in den betreffenden Familien vor 1).
Die paradoxe Geschlechtsempfindung spielt im geistigen Leben des Individuums ganz die gleiche Rolle, wie die beim normal geschlechtlich fühlenden, nur erscheint sie in durch die Perversion des Geschlechtstriebs karikirter Form und durch die Macht desselben vielfach outrirt.
Der Urning liebt, vergöttert den männlichen Geliebten geradeso wie der weibliebende Mann die Geliebte. Er ist der grössten Opfer für ihn fähig, empfindet die Qualen unglücklicher, d.h. nicht erwiederter Liebe, der Untreue des Geliebten, der Eifersucht u.s.w.
Er sucht dem Geliebten zu gefallen, indem er so zu sagen instinktiv das zu zeigen anstrebt, was dem weibliebenden Manne am andern Geschlecht gefällt - Züchtigkeit, Anmuth, Sinn für Kunst und Aesthetik u.s.w. Vielfach kann er dem Drang nicht widerstehen, auch in Gang, Haltung und Kleidung sich der weiblichen Erscheinung zu nähern.
Beim weibliebenden Weibe sind die Verhältnisse mutatis mutandis dieselben. Das weibliebende Weib fühlt sich geschlechtlich als Mann; es gefällt sich in Kundgebungen von Muth, männlicher Gesinnung, denn diese Eigenschaften machen dem Weib den Mann begehrenswerth. Der weibliche Urning liebt es deshalb, Haar und Zuschnitt der Kleidung männlich zu tragen und seine höchste Lust wäre und ist es, gelegentlich in männlicher Kleidung zu erscheinen. Es hat nur Neigung für männliche Beschäftigung, Spiele und Vergnügen. Seine Ideale sind durch Geist- und Thatkraft bedeutende weibliche Persönlichkeiten, sein Interesse im Theater und Cirkus erwecken nur weibliche Künstler, gleichwie in Kunstsammlungen nur weibliche Statuen und Bilder seinen ästhetischen Sinn und seine Sinnlichkeit erwecken.
Umgekehrt wieder interessirt sich der männliche Urning nur für weibliche Beschäftigung, in der, wie z.B. im Kochen, Anfertigen von Kleidern, Auswählen von Stoffen, er sogar Virtuose sein kann, desgleichen für Kunst, Aesthetik. Die Aufmerksamkeit des mannliebenden Mannes fesseln nur der Tänzer, Schauspieler, Athlet, die männliche Statue u.s.w. Der Anblick weiblicher Reize ist gleichgültig, wenn nicht zuwider, ein nacktes Weib ihm ekelhaft, während die Besichtigung männlicher Genitalien, Hüften u.s.w. ihn vor Wonne erbeben macht.
Mit einem Weibe zu tanzen ist ihm unangenehm, mit einem Manne, besonders einem solchen von sympathischen Formen und enganliegender Kleidung, erscheint ihm als die höchste Lust. Ein Kuss, eine Umarmung des geliebten Mannes macht ihn erbeben; die gleiche Situation mit einem Weibe und wäre es auch eine Venus, ist ihm ein Greuel. Mit einem Weibe zu cohabitiren weckt solchen Ekel, dass diese Hemmungsvorstellung in der Regel die Erection verhindert und den Akt unmöglich macht. Vermag es der Urning, sich zu überwinden, so ist ihm beim Akt etwa zu Muthe wie einem normalen Menschen, der ekelhafte Speise oder Trank zu kosten genöthigt ist.
Der männliche Urning, sofern er eine höhere Bildung besitzt, hat nichts gegen den geschlechtlosen Umgang mit Weibern, sofern sie durch Geist und feinen Kunstsinn die Conversation mit ihm angenehm erscheinen lassen. Nur das Weib in seiner geschlechtlichen Rolle perhorrescirt er. Auch regt sich seine Eifersucht, wenn es von dem Gegenstand seiner Liebe ausgezeichnet wird.
Wie tief die angeborene conträre Sexualempfindung wurzelt, geht aus der Thatsache hervor, dass der wollüstige Traum des männlichen Urnings nur männliche, der des weibliebenden Weibes nur wibliche Individuen, bezw. Situationen mit solchen zum Inhalt hat. Auch ist bemerkenswerth, dass das geschlechtliche Schamgefühl nur der Person des eigenen, nicht der des entgegengesetzten Geschlechts gegenüber sich zeigt.
Die Beobachtung von Westphal, dass das Bewusstsein des angeborenen Defekts von geschlechtlichen Empfindungen gegenüber dem andern Geschlecht und des Dranges zum eigenen Geschlecht peinlich empfunden werde, trifft nur für eine Anzahl von Fällen zu. Vielen fehlt sogar das Bewusstsein der Mangelhaftigkeit des Zustands. Die meisten Urninge fühlen sich glücklich in ihrer perversen Geschlechtsempfindung und Triebrichtung und unglücklich nur insofern, als gesellschaftliche und strafrechtliche Schranken ihnen in der Befriedigung des Triebs zum eigenen Geschlecht im Wege stehen.
Das Studium der conträren Sexualempfindung weist bestimmt auf Anomalien der cerebralen Organisation der damit Behafteten hin. Gley (Revue philosoph. 1884, Januar) glaubt das Räthsel damit erklären zu können, dass er annimmt, die Betreffenden hätten ein weibliches Gehirn bei männlichen Geschlechtsdrüsen und das zugleich krankhafte Gehirnleben bestimme das Geschlechtsleben, während normaler Weise die Geschlechtsorgane die sexuellen Funktionen des Gehirns bestimmen.
Auch Magnan (Ann. méd. psychol. 1885, p. 458) redet allen Ernstes vom Gehirn eines Weibes im Körper eines Mannes und umgekehrt.
Die geschlechtlichen Handlungen, mittelst welcher die männlichen Urninge Befriedigung suchen und finden, sind mannigfach. Es gibt feinfühlige und willensstarke Individuen, die zuweilen an platonischer Liebe es sich genügen lassen, freilich mit der Gefahr, durch diese erzwungene Abstinenz nervensiech (neurasthenisch) und gemüthskrank zu werden.
Bei Anderen wird aus denselben verschiedenen Gründen, wie sie auch beim Nichturning den Coitus vermeiden lassen können, zur Onanie faute de mieux gegriffen.
Bei Urningen mit originär reizbarem oder durch Onanie zerrüttetem Nervensystem (reizbare Schwäche des Ejaculationscentrums) genügen einfache Umarmungen, Liebkosungen mit oder ohne Betastung der Genitalien zur Ejaculation und damit zur Befriedigung. Bei weniger reizbaren Individuen besteht der Geschlechtsakt in Manustupration durch die geliebte Person oder in mutueller Onanie oder in Coitus inter feces. Bei sittlich perversen und quoad erectionem potenten Urningen wird der sexuelle Drang in Päderastie befriedigt, eine Handlung, die aber sittlich nicht defekten Individuen vielfach geradeso widerstrebt wie weibliebenden Männern. Bemerkenswerth ist die Versicherung der Urninge, dass der ihnen adäquate Geschlechtsakt mit Personen des eigenen Geschlechts grosse Befriedigung und das Gefühl des Gekräftigtseins verschaffe, während Selbstbefriedigung durch solitäre Onanie oder gar erzwungenen Coitus mit einem Weibe sie sehr angreife, elend mache und ihre neurasthenischen Beschwerden sehr vermehre. Die Art der Befriedigung der weiblichen Urninge ist wenig gekannt. In einem meiner Fälle masturbirte das Mädchen, fühlte sich dabei als Mann und stellte sich eine geliebte weibliche Person vor. In einem anderen Fall bestand der Akt in Onanisirung der geliebten Person, Betasten ihrer Schamtheile.
Vermuthlich ist der Amor lesbicus nicht selten, wozu eine vergrösserte Clitoris oder künstliche Priape Verwendung finden mögen.
Ueber die Häufigkeit des Vorkommens der Anomalie ist es schwer, Klarheit zu bekommen, da die mit derselben Behafteten nur äusserst selten aus ihrer Reserve treten und in criminellen Fällen der Urning aus Perversion des Geschlechtstriebs gewöhnlich mit dem Päderasten aus blosser Unsittlichkeit zusammengeworfen wird. Nach den Erfahrungen Casper`s, Tardieu`s, sowie auch nach den meinigen, dürfte diese Anomalie viel häufiger sein, als es die dürftige Casuistik vermuthen lässt.
Ulrichs ("Kritische Pfeile" 1880, p.2) behauptet, dass durchschnittlich 1 erwachsener mit c.S. Behafteter auf 200 erwachsene Männer, resp. 800 Seelen der Bevölkerung komme, und dass der Procentsatz unter den Magyaren und Südslaven noch grösser sei, Behauptungen, die dahingestellt bleiben mögen. Ein Individuum, dessen Lebensgeschichte im Irrenfreund XXVI, Nr. 1 mitgetheilt ist, kennt in seinem Heimathorte (13000 Einwohner) 14 Urninge persönlich. Er versichert in einer Stadt von 60 000 Einwohnern deren wenigstens 80 zu kennen. Es ist zu vermuthen, dass dieser sonst glaubwürdige Mensch zwischen angeborener und erworbener Männerliebe keinen Unterschied macht.
Die von Tarnowsky (op. cit. p. 17 u. ff.) behauptete Möglichkeit, dass ein wirklicher, d. h. mit angeborener Perversion des Sexuallebens behafteter Urning durch Erziehung von seiner krankhaften Geschlechtsrichtung befreit und zu normaler Geschlechtsempfindung gebracht werden könne, muss ich auf Grund meiner Erfahrungen verneinen, wohl aber vermag eine gute Erziehung, gleichwie beim normal empfindendenden, aber sinnlichen Menschen, zur Bekämpfung des Triebs und zur Vermeidung von Päderastie zu befähigen und dem Drang ein genügendes Gegengewicht zu geben, so lange jener sich nicht mit abnormer Stärke geltend macht.
Beobachtung 23. Die nachfolgende Beobachtung ist ein Auszug aus einer äusserst umfangreichen Autobiographie, die mir ein mit c. S. behafteter Artz zur Verfügung gestellt hat.
"Ich bin nun 40 Jahre alt, aus kerngesunder Familie, war stets gesund, galt als ein Muster körperlicher und geistiger Frische und Energie, bin von kräftigem Körperbau, habe aber nur mässigen Bart, bin, ausser unter den Achseln und am Mons veneris, am Rumpf haarlos. Der Penis war schon nach der Geburt ungewöhnlich gross und ist im Statu erectionis 24 cm lang, bei 11 cm Umfang. Ich bin ein tüchtiger Reiter, Turner, Schwimmer, habe 2 grosse Feldzüge als Militärarzt mitgemacht. Geschmack an weiblicher Kleidung und Beschäftigung empfand ich nie. Bis zur Pubertät war ich dem weiblichen Geschlecht gegenüber schüchtern und bin es auch jetzt noch Bekanntschaften gegenüber.
Gegen Tanz empfand ich von jeher Widerwillen.
Im 8. Lebensjahr erwachte meine Neigung zum eigenen Geschlecht. Zunächst empfand ich Genuss am Betrachten der Genitalien meiner Brüder. Ich veranlasste meinen jüngeren Bruder, dass wir gegenseitig mit unseren Genitalien spielten, wobei ich Erection bekam. Später, beim Baden mit der Schuljugend, interessierten mich die Knaben lebhaft, die Mädchen gar nicht. Ich hatte so wenig Sinn für sie, dass ich noch mit 15 Jahren glaubte, sie hätten auch einen Penis. In einem Kreise von gleichgesinnten Knaben vergnügten wir uns damit, gegenseitig mit unseren Genitalien zu spielen. Mit 11 1/2 Jahren bekam ich einen strengen Hofmeister und konnte mich nur noch selten zu meinen lieben Freunden stehlen. Ich lernte sehr leicht, vertrug mich aber nicht mit dem Lehrer und als er es mir eines Tages zu arg machte, gerieth ich in Wuth, stiess nach ihm mit dem Messer und hätte ihn mit Wollust erstochen, wenn er mir nicht in die Arme gefallen wäre. Mit 12 1/2 Jahren brannte ich bei ähnlichem Anlass dem Lehrer durch und trieb mich 6 Wochen im Nachbarland herum.
Ich kam nun ins Gymnasium, war damals geschlechtlich schon entwickelt und vergnügte mich beim Baden mit den Kameraden in der oben angedeuteten Weise, später auch durch Imitatio coitus inter feces. Ich war damals 13 Jahre alt. An Mädchen fand ich gar keinen Gefallen. Heftige Erectionen veranlassten mich an den Genitalien zu spielen, auch gerieth ich darauf, den Penis in den Mund zu nehmen, was mir durch Bücken gelang. Dabei kam es zu Ejaculationen. Dadurch kam ich zur Masturbation. Ich erschrak heftig darüber, dünkte mich wie ein Verbrecher, entdeckte mich einem 16jährigen Mitschüler. Er klärte mich auf, beruhigte mich, schloss einen Liebesbund mit mir. Wir waren glückselig, befriedigten uns durch mutuelle Onanie. Nebenher masturbirte ich. Nach 2 Jahren wurde dieser Bund getrennt, aber noch heute - wenn wir uns gelegentlich treffen - mein Freund ist ein höherer Beamter - lodert das alte Feuer wieder auf.
Jene Zeit mit Freund H. war eine selige, deren Wiederkehr ich gerne mit meinem Herzblut erkaufen möchte. Das Leben war mir damals eine Lust, ich lernte spielend, war begeistert für alles Schöne.
Während dieser Zeit verführte mich ein meinem Vater befreundeter Arzt, indem er mich gelegentlich eines Besuchs liebkoste, onanisirte, mir die sexuellen Vorgänge erklärte, mich ermahnte, mich nie zu manustupriren, da dies gesundheitsschädlich sei. Er trieb dann mutuelle Onanie mit mir, erklärte, dies sei die einzige Möglichkeit für ihn, geschlechtlich zu functioniren. Vor Weibern habe er Ekel, deshalb habe er auch mit seiner verstorbenen Frau in Unfrieden gelebt. Er lud mich dringend ein, ihn so oft als möglich zu besuchen. Der Arzt war ein stattlicher Mann, Vater von 2 Söhnen im Alter von 14 und 15 Jahren, mit denen ich im folgenden Jahr ein analoges Liebesverhältniss anknüpfte, wie mit Freund H.
Ich schämte mich der Untreue gegen diesen, setzte aber gleichwohl das Verhältniss mit dem Arzt fort. Er trieb mit mir mutuelle Onanie, zeigte mir unsere Spermatozoen unter dem Mikroskope, zeigte mir pornographische Werke und Bilder, die mir aber nicht gefielen, da ich nur für männliche Körper Interesse hatte. Anlässlich späterer Besuche bat er mich, ihm eine Gunst zu erweisen, die er noch nie genossen und nach der er lüstern sei. Da ich ihn liebte, gestand ich alles zu. Er weitete mir mit Instrumenten den Anus aus, pädicirte mich dann, während er zugleich mich onanisirte, so dass ich Schmerz und Wollust zugleich empfand. Nach dieser Entdeckung ging ich sofort zu Freund H., in der Meinung, dass dieser geliebte Mensch mir noch grösseren Genuss verschaffen werde. Wir pädicirten einander, waren aber beide enttäuscht und liessen Wiederholung bleiben, denn passiv empfand ich nur Schmerz und aktiv kein Vergnügen, während uns doch mutuelle Onanie den grössten Genuss verschaffte. Nur dem Arzt war ich in der Folge aus Dankbarkeit noch öfters zu Willen. Bis zum 15. Jahre trieb ich passive oder mutuelle Onanie mit meinen Freunden. Ich war nun schon erwachsen, bekam allerlei Winke von Frauen und Mädchen, floh sie aber, wie Josef Potiphars Weib. Mit 15 Jahren kam ich in die Hauptstadt. Nur selten hatte ich Gelegenheit zur Befriedigung meiner sexuellen Neigung. Dafür schwelgte ich im Anblick von Bildern und Statuen männlicher Körper und konnte mich nicht enthalten, geliebte Statuen abzuküssen. Ein Hauptärgerniss waren mir die Feigenblätter auf deren Genitalien.
Mit 17 Jahren bezog ich die Universität. 2 Jahre lebte ich nun wieder mit Freund H. zusammen.
Mit 17 1/2 Jahren hetzte man mich in angetrunkenem Zustande zum Coitus mit einem Weibe. Ich zwang mich dazu, floh aber sofort nach der That, von Ekel erfasst, aus dem Hause. Gleichwie nach der ersten aktiven Manustupration hatte ich dabei ein Gefühl, als ob ich ein Verbrechen begangen hätte. Bei einem neuerlichen, im nüchternen Zustand gemachten Versuch brachte ich es trotz aller Bemühungen des schönen nackten Mädchens nicht zu einer Erection, während doch jeweils der blosse Anblick eines Knaben oder die Berührung eines Schenkels durch eine Männerhand meinen Penis stahlsteif machte. Freund H. war es vor Kurzem ebenso ergangen. Wir zerbrachen uns vergeblich die Köpfe über die Ursache. Ich liess nun die Weiber Weiber sein, fand Genuss bei Freunden in passiver und mutueller Onanie, u. A. mit den beiden Söhnen des Arztes, der sie nach meinem Abgang zur Pädicatio missbraucht hatte!
19 Jahre alt machte ich die Bekanntschaft von zwei ächten Urningen.
A., 56 Jahre alt, weibisch aussehend, bartlos, geistig auf keiner besonderen Höhe, von starkem, abnorm früh regem Sexualtrieb, hat seit dem 6. Jahre Urningliebe getrieben. Er kam einmal im Monat nach der Hauptstadt. Ich musste bei ihm schlafen. Er war unersättlich in mutueller Onanie, nöthigte mich auch zu aktiver und passiver Pädicatio, was ich ungern mit in den Kauf nahm.
B., Kaufmann von 36 Jahren , eine durchaus männliche Erscheinung, war enorm bedürftig, gleich wie ich selbst. Er wusste seinen Manipulationen an mir solchen Reiz zu verleihen, dass ich ihm als Kynede dienen musste. Er war der Einzige, bei dem ich passiv etwas Genuss empfand. Er gestand mir, dass wenn er mich nur in der Nähe wusste, er die peinlichsten Erectionen bekam und wenn ich ihm nicht dienen konnte, er sich durch Masturbation befriedigen musste.
Neben diesen Liebschaften war ich klinischer Assistent im Spital und galt als eifrig und tüchtig im Beruf. Natürlich forschte ich in der ganzen Literatur nach einer Erklärung meiner sexuellen Sonderbarkeit. Ich fand sie allenthalben als strafwürdiges Verbrechen gebrandmarkt, während ich darin doch nur die einfache mir natürliche Befriedigung meines sexuellen Begehrens erkennen konnte. Ich war mir bewusst, dass mir dieses angeboren sei, aber im Widerspruch mit der ganzen Welt mich fühlend, oft dem Wahnsinn und dem Selbstmord nahe, versuchte ich immer wieder meinen mächtigen Sexualtrieb an Weibern zu befriedigen. Das Resultat war jedesmal das gleiche - entweder Mangel jeglicher Erection oder, wenn es gelang den Akt zu erzwingen, Ekel und Grausen vor der Wiederholung. Als Militärarzt litt ich entsetzlich beim Anblick und der Berührung von Tausenden nackter Männergestalten. Glücklicherweise schloss ich einen Liebesbund mit einem gleich mir empfindenden Lieutenant und verlebte wieder einmal eine Götterzeit. Aus Liebe für ihn entschloss ich mich sogar zur Pädicatio, nach der seine Seele verlangte. Wir liebten uns, bis er bei Sedan sein Leben verlor. Von da an liess ich mich nie mehr weder zu aktiver, noch passiver Pädicatio herbei, trotzdem ich viele Liebschaften hatte und eine sehr begehrte Persönlichkeit war.
Mit 23 Jahren ging ich aufs Land als Arzt, war gesucht und beliebt, befriedigte mich durch Knaben über 14 Jahre, stürzte mich ins politische Leben, verfeindete mich mit dem Clerus, ward von einem meiner Geliebten verrathen, vom Clerus denunzirt und gezwungen zu fliehen. Die gerichtliche Untersuchung fiel günstig aus. Ich konnte zurückkehren, war aber tief erschüttert, benutzte den ausgebrochenen Krieg (1870), um mit der Waffe zu dienen, in der Hoffnung, den Tod zu finden. Ich kehrte jedoch, vielfach ausgezeichnet, zum Manne gereift, innerlich ruhig zurück und fand nur mehr Genuss in ernster anstrengender Berufsarbeit. Ich hoffte meinen ungeheuren Sexualtrieb dem Erlöschen nahe, erschöpft durch die riesigen Strapazen des Feldzugs.
Kaum war ich erholt, so begann der alte unbändige Trieb wieder sich zu zeigen und führte zu neuer zügelloser Befriedigung. Selbstverständlich hielt ich oft Einkehr bei mir selbst, hielt mir das nicht in meinen Augen, wohl aber in denen der Welt Verwerfliche meiner Neigung vor.
Ein Jahr abstinirte ich mit äusserster Aufbietung meiner Willenskraft, dann reiste ich nach der Hauptstadt, um mich zum Weibe zu zwingen. Ich, der ich beim Anblick des schmutzigsten Stalljungens von Erectionen gepeinigt war, brachte es bei dem schönsten Weibe kaum zu einer Erection. Ich reiste vernichtet heim und hielt mir einen Burschen zur persönlichen Bedienung und Befriedigung.
Die Einsamkeit des Lebens als Landarzt, die Sehnsucht nach Kindern trieb mich zu einer Heirath. Zudem wollte ich dem Gerede der Leute ein Ende machen und hoffte ich doch endlich über meinen fatalen Trieb zu triumphiren.
Ich wusste ein Mädchen, von dessen Herzensgüte und dessen Liebe zu mir ich überzeugt war. Es ist mir gelungen, bei meiner Achtung und Verehrung für meine Frau den ehelichen Pflichten gerecht zu werden, 4 Knaben zu erzeugen. Erleichternd wirkte das knabenhafte Aussehen meiner Frau. Ich nannte sie meinen Raphael, strengte meine Phantasie an, um Knabenbilder mir vorzutäuschen und so Erection zu erzielen. Erlahmte meine Phantasie aber nur einen Moment, so war es mit der Erection vorbei. Zusammenzuschlafen vermochte ich nicht mit meiner Frau. In den letzten Jahren wurde mir der Coitus immer schwieriger erzielbar und seit 2 Jahren haben wir darauf verzichtet. Meine Frau kennt meinen Seelenzustand. Ihre Herzensgüte und Liebe zu mir vermag sich darüber hinwegzusetzen.
Meine sexuelle Neigung zum eigenen Geschlecht ist unverändert und leider nur zu oft zwang ich mich, meiner Frau untreu zu werden. Noch heute bringt mich der Anblick eines etwa 16jährigen Jungen in heftige sexuelle Erregung mit peinlichen Erectionen, so dass ich gelegentlich mit Manustupration des Jungen, mit Onanie an mir selbst mir helfe.
Welche Qualen ich ausstehe, ist unbeschreiblich. Faute de mieux lasse ich mich von meiner Frau manustupriren, aber was der Frauenhand mühsam nach 1/2 Stunde gelingt, gelingt der Knabenhand nach wenigen Secunden! So lebe ich elend dahin, ein Sklave des Gesetzes und meiner Pflicht gegen meine Frau! Zu Pädicatio (activ oder passiv) hatte ich nie Lust. Wenn ich sie ausführte oder duldete, geschah es nur aus Dankbarkeit, Gefälligkeit."

Der Arzt, dem ich vorstehende Selbstbeobachtung verdanke, versichert, dass er mit mindestens 600 Urningen bisher sexuell verkehrt habe. Es seien darunter gar Viele, die in hohen und geachteten Stellungen noch heute leben. Nur etwa 10 Procent derselben seien später weibliebend geworden. Eine andere Quote scheue das Weib nicht, neige aber mehr dem eigenen Geschlecht zu, der Rest sei ausschliesslich und dauernd mannliebend.
Abnorme Bildung der Genitalien will jener Arzt nie an seinen 600 gefunden haben, wohl aber häufig Annäherung an weibliche Körperformen, sowie schwache Behaarung, zarten Teint, höhere Stimme. Nicht selten kam Mammaentwicklung vor. X. selbst versichert vom 13. - 15. Jahre Milch in seinen Mammae gehabt zu haben, die ihm Freund H. aussog. Nur etwa 10 Procent seiner Leute zeigten Sinn für weibliche Beschäftigung u. dgl. Alle seine Bekannten zeigten abnorm frühen und starken Sexualdrang. Die überwiegende Mehrzahl fühle sich dem Anderen gegenüber als Mann und befriedige sich durch mutuelle Onanie, Manustupration am Geliebten oder durch denselben. Die Mehrzahl neige zu aktiver Päderastie. Sehr häufig sei aber der Strafrechtsparagraph oder auch ästhetisches Bedenken gegen den Anus Grund zur Nichtausführung des Aktes. Weiblich sich fühlen dem Anderen gegenüber sei selten, und sehr selten Neigung zu passiver Päderastie.
Bemerkenswerth ist der Umstand, dass die Anomalie sich auf blosse Verkehrung der Sexualempfindung lange beschränken kann und dass der Drang zu perverser Befriedigung erst durch eine Gelegenheitsursache, z. B. Verführung, oder durch eine eingetretene Neurose sich geltend macht. Derartige Fälle können leicht mit solchen von erworbener, krankhafter c. S. (s. u.) verwechselt werden, wenn sie nicht anamnestisch als originär und angeboren in Bezug auf die Sexualempfindung nachweisbar sind.

Beobachtung 24. Frau C., 32 Jahre alt, Beamtengattin, eine grosse, nicht unschöne, durchaus weibliche Erscheinung, stammt von neuropathischer, sehr aufgeregter Mutter. Ein Bruder war psychopathisch und ging durch Potus zu Grunde. Pat. war von jeher sonderbar, starrköpfig, verschlossen, jähzornig, excentrisch. Auch ihre Geschwister sind aufgeregte Leute. In der Familie ist mehrfach Phthisis pulm. vorgekommen. Schon als 13jähriges Mädchen machte Pat. neben Zeichen grosser sexueller Erregbarkeit sich auffällig durch schwärmerische Liebe zu einer Altersgenossin. Die Erziehung war streng, jedoch las Pat. heimlich viele Romane und machte massenhaft Gedichte. Mit 18 Jahren heirathete sie, um aus unbehaglichen Verhältnissen des elterlichen Hauses loszukommen.
Von jeher will sie ganz gleichgültig gegen Männer gewesen sein. Thatsächlich mied sie Bälle. Weibliche Statuen erregten ihr Wohlgefallen. Das höchste sei ihr immer der Gedanke gewesen, mit einem geliebten Weib ehelich verbunden zu werden. Ihrer sexuellen Eigenart will sie sich bis zu Eingehung der Ehe nicht bewusst gewesen sein. Unerklärlich sei ihr die Sache allerdings immer gewesen. Pat. unterzog sich der ehelichen Pflicht, gebar 3 Kinder, von denen 2 an Convulsionen litten, lebte friedlich mit dem Mann, den sie aber nur seiner moralischen Eigenschaften wegen achtete. Dem Coitus ging sie gern aus dem Wege. "Ich hätte lieber mit einem Weibe verkehrt."
Patientin war bis 1878 neurasthenisch geworden. Anlässlich eines Badeaufenthalts lernte sie einen weiblichen Urning kennen, dessen Krankengeschichte ich im Irrenfreund 1884, Nr. 1 als Beobachtung 6 veröffentlicht habe.
Pat. kehrte wie ausgewechselt zur Familie heim. Der Mann berichtet:
"Sie war nicht mehr mein Weib, hatte keine Liebe mehr zu mir und den Kindern und wollte von ehelichen Annäherungen nichts mehr wissen." Sie entbrannte in brünstiger Liebe zur "Freundin", hatte für nichts anderes mehr Sinn. Nachdem der Mann der Dame das Haus verboten, gab es Briefwechsel mit Stellen "mein Täubchen, ich lebe ja nur für dich, meine Seele", Rendezvous, schreckliche Aufregung, wenn ein erwarteter Brief ausblieb. Das Verhältniss war kein platonisches. Aus einzelnen Andeutungen lässt sich vermuthen, dass mutuelle Onanie das Mittel der sinnlichen Befriedigung war. Dieses Liebesverhältniss dauerte bis 1882 und machte Pat. in hohem Grad neurasthenisch.
Da Pat. ihr Hauswesen gründlich vernachlässigte, nahm der Mann eine 60jährige Dame als Haushälterin an, ausserdem eine Gouvernante für die Kinder. Pat. verliebte sich in die Beiden, die wenigstens Liebkosungen sich gefallen liessen und von der Liebe der Herrin materiell profitirten.
Ende 1883 musste Pat. sich entwickelnder Tuberc. pulm. wegen nach dem Süden. Dort lernte sie eine 40jährige Russin kennen, verliebte sich sterblich in dieselbe, fand aber keine Gegenliebe nach ihrem Sinne. Eines Tages brach Irrsinn bei der Kranken aus - sie hielt die Russin für eine Nihilistin, glaubte sich von ihr magnetisirt, bot förmliches Verfolgungsdelir, entfloh, wurde in einer Stadt Italiens aufgegriffen, ins Spital gebracht, beruhigte sich bald wieder, verfolgte neuerdings die Dame mit ihrer Liebe, fühlte sich namenlos unglücklich, plante Selbstmord.
Heimgekehrt war sie tief verstimmt, ihre Russin nicht zu besitzen, kalt und abstossend gegen die Angehörigen. Ende Mai 1884 setzte ein deliranter erotischer Aufregungszustand ein. Sie tanzte, jubelte, erklärte sich für männlichen Geschlechts, verlangte nach ihren früheren Geliebten, behauptete, aus kaiserlichem Hause zu sein, entwich in Männerkleidung aus dem Hause, wurde in manisch-erotischer Erregung der Irrenanstalt zugeführt. Der Exaltationszustand schwand nach einigen Tagen. Pat. wurde ruhig, deprimirt, machte einen verzweifelten Selbstmordversuch, war in der Folge tief schmerzlich, mit Taed. vitae behaftet; die c. S. trat immer mehr zurück, die Tuberculose machte Fortschritte. Pat. starb phthisisch Anfang 1885.
Die Section des Gehirns bot bezüglich der Windungsanordnung nichts Auffälliges. Gehirngewicht 1150. Schädel leicht asymmetrisch. Keine anatomischen Degenerationszeichen. Innere und äussere Genitalien ohne Anomalie.

2) Erworbene conträre krankhafte Sexualempfindung.

Nach den Erfahrungen von Tarnowsky, mit denen die meinigen übereinstimmen, kann kein Zweifel sein, dass die c. S. auch als erworbene, und zwar als temporäre oder dauerhafte krankhafte Erscheinung sich vorfinden kann. Das Räthsel der eigengeschlechtlichen Liebe wird damit noch schwerer lösbar.
Soweit ich bis jetzt ein Urtheil gewinnen konnte, findet sich auch die erworbene krankhafte c. S. nur bei belasteten Individuen.
Die veranlassende Ursache scheint durch Selbstschändung erworbene Neurasthenie zu sein, auf deren Boden sich psychische Krankheit (Paranoia, periodische Manie u. s. w.) überdies entwickeln kann. Die c. S. besteht in der Folge im Rahmen der Neurose, bezw. Psychose. Im günstigen Falle weicht die c. S. mit der Besitigung der Neurose oder Psychose der früheren normalen Geschlechtsempfindung und Triebrichtung. Die erste Anregung zur Selbstschändung kann durch Züchtigung von Knaben auf den Podex (vgl. Tarnowsky p. 19) entstehen, was sich Erzieher merken sollten. Die Flagellatio kann ein Uebergangsmoment zur c. S. bilden und in der Folge eine Rolle spielen, insofern derartige Menschen zum Coitus mit dem Weib nur fähig sind, nachdem sie vorher flagellirt haben oder flagellirt wurden. Die Praktiken dieser gezüchteten Fälle von c. S. sind dieselben, wie beim angeborenen Urning, jedoch scheinen sie mehr zur Pädersatie zu neigen und (ausser gelegentlich aus besonderer Gefälligkeit passiv sich hergebend) nur zur aktiven Rolle Lust zu empfinden. Während der angeborene Urning nur an jungen Leuten Gefallen findet, kommt (vgl. Tarnowsky) auffallenderweise hier nicht selten besondere Neigung zu Alten vor, insofern der Anblick eines grauen Bartes mit besonderen sexuellen Lustgefühlen betont wird.
Diese Fälle von erworbener c. S. sind bis jetzt wenig beobachtet. Als solche möchte ich die Beobachtung 10 in meinem Aufsatz im Archiv f. Psych. ansprechen, wo c. S. mit dem Beginn einer periodischen Manie im 22. Lebensjahr bei einer Dame einsetzt, ferner Beobachtung 11 (temporäre c. S. im Verlauf von Paranoia, und Beobachtung 12 (im Verlauf einer periodischen Manie).
Am deutlichsten ist die Erscheinung im folgenden Fall, den ich ausführlich im Irrenfreund 1884, Nr. 1 als Beobachtung 4 mitgetheilt habe.

Beobachtung 25. Graf Z., 51 Jahre, von psychopathischer Mutter, kam früh in die Kadettenschule, wurde dort zur Onanie verleitet, entwickelte sich gut, empfand geschlechtlich normal, wurde in Folge Masturbation im 17. Jahre leicht neurasthenisch, verkehrte sexuell mit Genuss mit Weibern, heirathete mit 25 Jahren, bekam nach einem Jahr vermehrte neurasthenische Beschwerden und verlor nun die Neigung zum Weib gänzlich. An deren Stelle trat c. S. In einen Hochverrathsprocess verwickelt, kam er für 2 Jahre ins Gefängniss, dann 5 Jahre nach Sibierien. In diesen 7 Jahren nahm unter dem Einfluss fortgesetzter Masturbation die Neurasthenie und die c. S. immer mehr zu. Mit 35 Jahren der Freiheit zurückgegeben, trieb sich Patient seither wegen hochgradiger neurasthenischer Beschwerden in allen möglichen Kurorten herum. In dieser langen Zeit änderte sich sein abnormes geschlechtliches Fühlen in keiner Weise. Er lebte meist getrennt von seiner Frau, die er zwar wegen geistiger Vorzüge hoch achtete, jedoch als Weib wie jedes andere mied. Seine c. S. war eine rein platonische. Es genügte ihm "Freundschaft", ein herzliches Umarmen, Küssen. Gelegentlich vorkommende Pollutionen waren durch lascive Träume ausgelöst, die Personen des eigenen Geschlechts zum Inhalt hatten. Auch bei Tage liess das schönste Weib ihn kalt, während der blosse Anblick schöner Männer Erection und Ejaculation hervorbrachte. Im Circus und Ballet interessirten ihn nur Athleten und Tänzer. In Zeiten grösserer Erregbarkeit machten ihm selbst männliche Statuen Erection. Gelegentlich verfiel er wieder in sein altes Laster der Masturbation. Vor Päderastie hatte der ästhetisch gebildete, feinfühlige Mann Abscheu.
Er empfand seine perverse Sexualempfindung immer als etwas Krankhaftes, ohne jedoch darüber - bei seiner offenbar sehr abgeschwächten Libido und Potenz - sich unglücklich zu fühlen.
Der Status praesens ergab den gewöhnlichen Befund der Neurasthenie. Wuchs, Benehmen und Kleidung boten nichts Auffälliges.Electrische Massage hatte ungewöhnlichen Erfolg. Schon nach wenigen Sitzungen war Patient geistig und körperlich viel frischer. Nach 20 Sitzungen erwachte die Libido wieder, aber nicht im bisherigen Sinn, sondern in normaler Weise, wie Pat. bis zum 25. Jahre geschlechtlich empfunden hatte. Lascive Traumbilder hatten nur mehr Verkehr mit dem Weibe zum Inhalt und eines Tages teilte Patient freudig mit, dass er coitirt und dieselbe natürliche Wollustempfindung wie vor 26 Jahren dabei gehabt habe. Er lebte nun wieder mit seiner Frau zusammen, hoffte dauernd von Neurasthenie und c. S. befreit zu sein, welche Hoffnung auch während der 6 Monate, die ich noch Patient beobachten konnte, erfüllt blieb.

Auch bei den mit c. S. behafteten Individuen kann die an und für sich perverse Geschlechtsempfindung und Geschlechtsrichtung mit anderweitigen Perversionserscheinungen complicirt sein.
Es dürfte sich hier um ganz analoge Vorkommnisse bezüglich der Bethätigung des Triebs handeln, wie bei dem geschlechtlich zu Personen des anderen Geschlechts hinneigenden, aber in der Bethätigung des Triebs perversen Individuum.
Bei dem Umstand, dass eine fast regelmässige Begleiterscheinung der c. S. ein krankhaft gesteigertes Geschlechtsleben ist, werden wollüstig-grausame Akte in Befriedigung der Libido leicht möglich. Ein bezeichnendes Beispiel in dieser Hinsicht ist der Fall Zastrow (Casper-Liman, 7. Aufl., Bd. I, p. 190, II, p. 487), der eines seiner Opfer, einen Knaben, biss, ihm das Präputium zerriss, den Anus schlitzte und das Kind strangulirte.
Z. stammte von psychopathischem Grossvater, melancholischer Mutter; deren Bruder fröhnte abnormem Geschlechtsgenuss und beging Selbstmord.
Z. war angeborener Urning, war in Habitus und Beschäftigung männlich geartet, mit Phimosis behaftet, ein psychisch schwacher, ganz verschrobener, social unbrauchbarer Mensch. Er hatte horror feminae, fühlte sich in seinen Träumen als Weib dem Manne gegenüber, hatte peinliches Bewusstsein der fehlenden normalen Geschlechtsempfindung und des perversen Triebs, versuchte durch mutuelle Onanie Befriedigung und hatte häufig päderastische Gelüste.
Als Beispiele perverser Sexualbefriedigung auf dem Boden der c. S. möge noch der Grieche erwähnt werden, der, wie Athenäus berichtet, in eine Cupidostatue verliebt war und sie im Tempel zu Delphi schändete, ferner neben monströsen Fällen bei Tardieu (Attentats p. 272) der von Lombroso (L´uomo delinquente p. 200) berichtete scheussliche Fall eines gewissen Artusio, der einem Knaben eine Bauchwunde versetzte und ihn durch diese sexuell missbrauchte!


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