Racism


by Magnus Hirschfeld Translated and Edited by Eden and Cedar Paul
London: Victor Gollancz Ltd, 1938

Du sollst, um die Wahrheit sagen zu können, das Exil vorziehen.
Friedrich Nietzsche

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Hirschfelds "Pilgerreise" zu "Drei Gräbern in fernem Land" fand ihren Niederschlag in seinem gleichnamigen Gedicht. Heute besucht der schwulenhistorische Pilger auch Hirschfelds Grab in Nizza neben dem von Winckelmann in Triest, Symonds in Rom, Platen in Syrakus und selbstverständlich Ulrichs in Aquila.

1914 schrieb Hirschfeld in seinem Werk "Die Homosexualität des Nannes und des Weibes" (Seite 452):

..., aber bei der weitaus größeren Mehrzahl der Homosexuellen, die ich im Auslande sah — und es waren ihrer nicht wenige und viele geistig hochstehende — konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als ob die Fremde ihnen im Grunde doch mehr ein Exil als ein Asyl war. Ich hatte diesen Eindruck lange, ehe ich auf Ulrichs' Grabstein in Aquila den kleinen, aber vielsagenden Zusatz las: „Exul et pauper".
Exul et pauper — verbannt und arm starb Ulrichs, weil er ein Urning war. Wäre er heterosexuell gewesen, so hätte es der aus bester Familie stammende Jurist bei seinem enormen Wissen nach menschlicher Voraussicht in der Heimat wohl nicht nur zum glücklichen Gatten und Vater, sondern auch zu einem wohlbestallten Beamten oder Professor gebracht. Die Armut ist unter allen Verschlimmerungen der Lage eines Homosexuellen sicherlich eine der schlimmsten. Ich habe zwar auch Homosexuelle kennen gelernt, die erklärten, sie hätten sich erst von dem Zeitpunkt an zufrieden gefühlt, als sie nichts mehr hatten, oder richtiger, als sie nichts mehr zu verlieren hatten. Das sind aber doch nur Ausnahmen, meist zu jener seltsamen Urningsgruppe gehörig, deren Geschmacksrichtung sie an und für sich zu den untersten Bevölkerungsschichten treibt. Im Londoner Eastend, in Pariser Apachenquartieren, in den Seemannskneipen von Hamburg, Marseille und Barcelona, in den deutschen Landstreicherherbergen in Rom und Neapel konnten mir Gewährsmänner Homosexuelle vorstellen, die dort als Stammgäste behaglich verkehrten, nachdem sie in ihrem Heimatlande Rang und Besitz freiwillig oder unfreiwillig aufgegeben hatten. In dem bunten Gemisch homosexueller Typen gibt es auch diese Gruppe, im allgemeinen aber ist die materielle Sorge und Not ein Umstand, der den Homosexuellen noch unfreier und unglücklicher macht, als er es infolge seiner Sonderart ohnehin so häufig ist. Für die meisten Homosexuellen aber ist der Existenzkampf in der Fremde, wofern sie nicht von Hause aus mit festen Anstellungen oder Aufträgen fortgeschickt werden, viel komplizierter als im Vaterlande. Ich habe in Paris Homosexuelle aus den gebildetsten Klassen gesehen, die tatsächlich hungerten, und auch in Italien und anderswo sah ich frühere Geistliche und Offiziere, Lehrer und Beamte in Stellungen so untergeordnet und unwürdig, wie sie es selbst und noch weniger ihre Angehörigen, als sie das Elternhaus verließen, schwerlich jemals für möglich gehalten haben würden. Schon aus den Beobachtungen solcher Lebensschicksale heraus habe ich Homosexuellen, die sich mit Fluchtgedanken trugen, weil gegen sie ein Ermittlungs- oder Strafverfahren schwebte, oft geraten, sich lieber für einige Zeit einsperren zu lassen, als sich selbst die Heimat und die Zukunft zu versperren.



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