Dr. med. Albert Moll "Die Conträre Sexualempfindung" 1. Auflage 1891 Dr. med. Albert Moll "Die konträre Sexualempfindung" 2., vermehrte Auflage 1893 Dr. med. Albert Moll "Die konträre Sexualempfindung" 3., teilweise umgearbeitete und vermehrte Auflage 1899
Dr. med. Albert Moll
"Die Conträre Sexualempfindung"

1. Auflage 1891
XVI, 296 Seiten
Dr. med. Albert Moll
"Die konträre Sexualempfindung"

2., vermehrte Auflage 1893
XIV, 394 Seiten
Dr. med. Albert Moll
"Die konträre Sexualempfindung"

3., teilweise umgearbeitete und vermehrte Auflage 1899
XVI, 651 Seiten

Die Verwechslung der Liebe mit dem Geschlechtstriebe ist ein mitunter vorkommendes Versehen.
Albert Moll S. 2

Es ist offenbar Schönheit, die den Geschlechtstrieb erweckt, etwas ganz anderes, als die Schönheit vom ästhetischen Standpunkte.
Albert Moll S. 6

Die Liebe ist knabenhaft, weil sie religiös bis zum Aberglauben ist; keine Religion hat je eine so sinnlose Götzendienerei gehabt, wie die Liebe.
Albert Moll S. 123

Ein normaler Knabe oder Mann wird sich täglich Gegenstände in den After stecken können, ohne dass dadurch irgend welche perversen Neigungen auf sexualer Basis entstehen.
Albert Moll S. 163

Wäre übrigens die Behauptung jener Leute richtig, dass sexuelle Excesse beim Weibe zur conträren Sexualempfindung führen, dann könnte man umgekehrt den Schluss machen, dass geschlechtliche Ausschweifungen in der mannmännlichen Liebe den Geschlechtstrieb zum Weibe herüberführen, so dass man ein recht bequemes Mittel in der Hand hätte, solche Männer zu kuriren. Leider ist mir nicht ein Fall bekannt geworden, bei dem auf diesem Wege es der Fall gewesen wäre.
Albert Moll S. 172

Fast nur vom teleologischen Standpunkt aus können wir, wie gesagt, einen Zusammenhang zwischen männlichen Genitalien und Geschlechtstrieb zum Weibe verstehen. Sonst giebt es überhaupt gar keinen Grund, weshalb der Mann sich zum Weibe sollte geschlechtlich hingezogen fühlen, da er seinen Samen eben so gut auf andere Weise entleeren könnte.
Albert Moll S. 189

... sodass der sexuelle Verkehr des Homosexualen mit dem Mann vom Standpunkte der Selbsterhaltung durchaus angezeigt ist.
Albert Moll S. 202

Es sei hier an Schuhs Ausspruch erinnert, den er bei einer Digitaluntersuchung des Mastdarms that ... Als nämlich über jene Untersuchung einige Zuhörer Ekel empfanden, den sie durch Mienen und Ausspucken ausdrückten, da erklärte Schuh: „Als ich ein strebsamer Anfänger in der Chirurgie war, war noch die Medicin und Chirurgie getrennt: die Mediciner waren vornehme Herren, die Chirurgen wurden als Parias behandelt. Es wäre unter der Würde eines Medicinae Doctors gewesen, den Finger in den Mastdarm eines Kranken einzuführen; da rief man uns, commandirte uns zu der Untersuchung; dann behandelte man uns wie ein beschmutztes Hölzchen, mit dem man in einem Misthaufen herumgewühlt hat, — man warf uns weg, aber die Chirurgie ist gewachsen, und die Leute behandeln uns mit Respect!"
Albert Moll S. 207

Ganz besonders aber wird die Prognose verschlimmert, wenn der Urning durch innige Liebe an einen Mann gefesselt ist; kaum je wird der Arzt in diesem Stadium etwas ausrichten können, und es wird in solchen Fällen auch des Arztes Hülfe nicht gesucht, da sich der Urning überglücklich fühlt, vorausgesetzt natürlich, dass die Liebe erwidert wird. ... Eigentlich müssen wir uns zunächst fragen, ob man überhaupt etwas gegen die conträre Sexualempfindung therapeutisch unternehmen soll, ob man mit einer Beseitigung derselben nicht dem Urning mehr schadet als nützt.
Albert Moll S. 209

Der Ausdruck geistige Onanie stammt aus Hufelands Makrobiotik; „die geistige Onanie ist ohne alle Unkeuschheit des Körpers möglich; sie besteht in der Anfüllung und Erhitzung der Phantasie mit schlüpfrigen und wollüstigen Bildern".
Albert Moll S. 217

Es ist aber auch für den erwachsenen Urning unbedingt nöthig, dass er aus der Gesellschaft anderer Urninge möglichst entfernt wird, resp. dass ihm die Gelegenheit genommen wird, zu viel mit anderen Männern zu verkehren, bei denen ihm sexuelle Gedanken aufsteigen können.
Albert Moll S. 216

... sie in weit höherem Maasse als der Nichturning von sexuellen Gedanken geplagt werden. Sie gehen mit ihnen schlafen: erotische Träume, deren Inhalt Männer bilden, begleiten den Schlaf. Nach dem Erwachen treten von neuem die entsprechenden Gedanken ein.Während der Beschäftigung, die den normalen Mann vollkommen in Anspruch nimmt, wird der Urning plötzlich von sexuellen Gedanken ergriffen und muss ihnen nachgehen, da er sie nicht zu bannen vermag.
Albert Moll S. 217

Der echte Urning kann bei einem Weibe gar nicht liegen, ohne von Horror ergriffen zu werden. ... Es ist in Wirklichkeit ein solcher Rath ungefähr dasselbe, wie wenn man einem normal fühlenden Manne sagen würde, er solle den Geschlechtsact mit dem Manne ausführen und nicht mit dem Weibe.
Albert Moll S. 218

n neuerer Zeit hat Gustav Jäger gleichfalls das letztere als vom Staate geboten ausgesprochen; wenn dieser die homosexualen Acte für staatsgefährlich halte, so bleibe ihm nur übrig, die Urninge entweder so zeitig wie möglich zu tödten oder zu castriren. Beide Mittel sind wohl vom medicinischen Standpunkt aus etwas zu heroisch.
Albert Moll S. 222

Eigentlich ist es allerdings keine widernatürliche Unzucht, wenn der mit conträrem Geschlechtstrieb versehene Mann sexuell mit Männern verkehrt. Dies ist für ihn ebenso natürlich, wie für den weibliebenden Mann der Geschlechtsverkehr mit dem Weibe.
Albert Moll S. 227

Für den Fall, dass Immissio penis in anum vermuthet wird, kann die gerichtsärztliche Diagnose grosse Schwierigkeiten bereiten. Die verschiedenen Forscher auf dem Gebiete der gerichtlichen Medicin haben infolgedessen schon seit mehreren hundert Jahren Zeichen gesucht, um sowohl Anhaltspunkte für die Ausübung der activen wie der passiven Päderastie zu finden. Ohne aber den meisten dieser Forscher zu nahe treten zu wollen, scheint es mir, dass nur selten einer in der Lage gewesen ist, persönlich derartige positive Feststellungen zu machen.
Albert Moll S. 230

Wer das Vertrauen dieser unglücklichen Menschen sich gewinnen kann, wem sie ihr Herz ausschütten, der wird oft sein Urtheil über die Urninge corrigiren.
Albert Moll S. 233

ebenso dürfte mannmännlicher Geschlechtsverkehr an sich die Sittlichkeit nicht schädigen.
Albert Moll S. 237

Die Behauptung, dass die Befriedigung der conträren sexualen Empfindungen gesundheitlich nachträglich ist, ist unrichtig.
Albert Moll S. 240


Albert Moll S. 2--


Albert Moll S. 2--


Albert Moll S. 2--


Albert Moll S. 2--


Albert Moll S. 2--



Aus der 1. Auflage von 1891:

VORWORT.

Als Casper 1852 die feine Bemerkung machte, dass die bis dahin als eine lasterhafte Verirrung angesehene sogenannte Päderastie auf einer meist angeborenen krankhaften Anomalie beruhen und eine Art geistiger Zwitterbildung darstellen dürfte, hatte wohl Niemand geahnt, dass kaum 40 Jahre später in umfangreichen wissenschaftlichen Werken eine förmliche Pathologie der psychischen Seite der Vita sexualis zu finden sein werde. Nachdem die Wissenschaft endlich sich der lächerlichen Prüderie, mit welcher sie früher psychosexualen Forschungen aus dem Wege gegangen war, entschlagen hatte, eröffnete sich ihr auf dem klinisch, social und forensisch doch so wichtigen Gebiet eine erdrückende Fülle von Thatsachen, geeignet Jahrhunderte bestandene Irrthümer zu berichtigen, Phänomene von grösstem wissenschaftlichem, actuellem wie auch historischem Interesse zu erkennen-und sogar theilweise zu erklären.

Gleichwohl wird Jeder, welcher dieses neuerschlossene Gebiet der psychosexualen Anomalien kennt, zugeben müssen, dass der


IV Vorwort.

grösste Theil desselben noch der Klärung und Erforschung bedarf und nur gewisse Grundzüge bis jetzt gewonnen sind.

Eines der wichtigsten, interessantesten und bestbekannten Gebiete innerhalb der Psychopathia sexualis stellt dasjenige dar, welches sich der Herr Verfasser zum Gegenstand einer monographischen Bearbeitung ausgewählt hat.

Seinem Wunsche dieser einen Geleitsbrief mitzugeben, komme ich um so lieber nach, als ich seine Arbeit als eine höchst verdienstliche anerkennen muss und, obwohl selbst Kenner und Forscher auf diesem Gebiete der Pathologie, in seinem Buche schon bei flüchtiger Durchsicht manche Anregung und Belehrung gefunden habe.

Zu einer Kritik desselben ist hier nicht der Ort. Divergenzen bezüglich der Meinungen und Erfahrungen der Fachgenossen, welche vor ihm dieses heikle Gebiet wissenschaftlich zu erforschen bemüht waren, wird der Herr Verfasser nur in unwesentlichen Dingen erfahren, und er wird die volle Anerkennung finden, die einem mit soviel Literaturkenntniss, eigener Erfahrung und Scharfsinn geschriebenen Werke gebührt. Aber nicht blos für den Fachmann bietet das vorliegende Buch eine Fülle von werthvollen Gesichtspunkten und kritischen zur Prüfung des bereits Gefundenen und zu weiterer Forschung hindrängenden Bemerkungen.

Es wird in gleicher Weise den Arzt, den Polizeibeamten, den Untersuchungsrichter, den Staatsanwalt und den Vertheidiger, den Historiker, den Psychologen, den Anthropologen, den Sociologen, den Erzieher der Jugend und der Gesellschaft, den Gesetzgeber aufklären und zu Erwägungen anleiten.

Klar und bestimmt ergiebt sich aus dem Buche des Verfassers die Wahrheit der These Caspers von der krankhaften Bedeutung einer psychosexualen Erscheinung, die, obwohl seit Jahrtausenden bekannt, als dem Gebiet der Pathologie des menschlichen Geistes


Vorwort. V

angehörig verkannt blieb und nur den Moralisten und den Richter beschäftigte.

Der medicinischen Forschung gebührt hier, wie in so vielen anderen Fragen, das Verdienst, aufklärend gewirkt und der Wahrheit, dem Recht und der Humanität zum Sieg verholfen zu haben.

Consequent und klar zieht der Verfasser aus seinen wissenschaftlichen Prämissen der Krankhaftigkeit der urnischen Liebe die Folgerungen für die forensische Beurtheilung der von jener Heimgesuchten und weist nach, dass der § 175 des Strafgesetzbuches einen Anachronismus gegenüber den Forschungen der Medicin darstellt, der in seiner gegenwärtigen Fassung unmöglich so weiter stehen bleiben kann.

Wer immer einen Einblick in das Leben und Leiden dieser Urninge, wahrer Stiefkinder der Natur und Parias der Gesellschaft, zu thun vermocht hat, wird des Verfassers Argumente für die Nichtverfolgung urnischer Liebe unter gewissen Voraussetzungen, zu würdigen wissen und sie zu den seinigen machen. Jedenfalls wird die künftige Gesetzgebung, die wie z. B. die Österreichische geneigt ist, alte Irrthümer neu zu codificiren, die Darstellungen des Verfassers de lege ferenda nicht unbeachtet lassen können.

Mit der Thatsache, dass die urnische Geschlechtsrichtung nicht Perversität, sondern Perversion ist, d. h. eine krankhafte Veranlagung voraussetzt, um sich zu entwickeln und unter allen Umständen eine krankhafte Erscheinung darstellt, hat sich aber nicht blos das Forum im engeren Sinne, sondern auch das der Öffentlichen Meinung zu beschäftigen. Jene wissenschaftliche Thatsache ist eine Erlösung von dem traditionellen Vorurtheil, das in dem unglücklichen Mitmenschen, dem ein grausames Schicksal homosexuale Empfindungen und Triebe zufügte, und das ihn


VI Vorwort.

damit um Lebens- und Familienglück betrog, nur den sittlich Verkommenen erblickte und ihm mit Verachtung begegnete. Für jeden Freund der Wahrheit und der Humanität muss es eine Genugthuung sein zu erfahren, dass der urnische Mitmensch ein Unglücklicher, aber kein Verbrecher, kein Schänder menschlicher Würde, sondern ein Stiefkind der Natur ist, der ebensowenig Verachtung verdient als ein Anderer, welcher mit einer körperlichen Missbildung zur Welt gekommen ist.

Geschichtliche Thatsachen und eigene Erfahrungen haben mich genugsam darüber aufgeklärt, dass es nicht selten sonst höchst ehrenwerthe und für die menschliche Gesellschaft sehr werthvolle Individuen waren und sind, die mit der unseligen psychosexualen Anomalie behaftet sind.

Im Sinne einer Aufklärung edeldenkender, d. h. gerechter Mitbürger ist den unglücklichen Urningen zu wünschen, dass das Buch des Verfassers eine möglichst weite Verbreitung finde. Freilich kann es keine populäre Lektüre abgeben, und hat schon der Verfasser stylistisch und durch vielfache Zuhülfenahme der Sprache der Gelehrten dafür gesorgt, dass es keine solche werden kann; aber jeder akademisch Gebildete wird das Buch verstehen können. Jedem solchen, dem es um Wahrheit, Recht und Humanität zu thun ist, möge das Werk empfohlen sein. Ist es doch in einem Geist der Aufrichtigkeit, Wahrheit und Wissenschaftlichkeit geschrieben, der seine wohlthuende, überzeugende und aufklärende Wirkung nicht verfehlen kann.

Nicht in letzter Linie dürfte das Buch aber den praktischen Aerzten willkommen sein, für welche das Gebiet der psycho-sexualen Anomalien bisher grösstentheils eine Terra incognita war, und die deshalb nicht verfehlten, der grössten Missgriffe in der Behandlung sich schuldig zu machen. Ausgehend von der traditionellen Anschauung, dass es sich hier um blosse Verirrung


Vorwort. VII

oder sexuelle Ungezogenheit handle, überliessen sie conträr Sexuale ihrem Schicksal oder drängten sie zur Ehe, die nur das grösste Unheil stiften konnte.

Ob es überhaupt für conträre Sexualempfindung ein Heilmittel giebt, ist eine Frage, deren Lösung der Zukunft angehört. Es mehren sich die Fälle, in welchen es der Heilkunst bereits gelungen ist, auf dem Wege der (hypnotisch) suggestiven Behandlung solchen Unglücklichen die rettende Hand aus namenlosem Elend zu bieten und sogar die Natur zu corrigiren. Vor Illusionen dürfte gleichwohl zu warnen sein.

Viel wichtiger erscheint mir für den Arzt und den Erzieher die Kenntniss der Wege, auf welchen sich die conträre Sexualempfindnng auf Grund bestehender Veranlagung entwickelt und die sich daraus ergebende Prophylaxe. Auch ich habe die Ueberzeugung gewonnen, dass der Uranismus in der modernen Gesellschaft eine grosse Verbreitung hat und immer mehr sich ausbreitet. Die Erklärung liegt für mich in der Thatsache der grossen Häufigkeit veranlagender Bedingungen in der modernen, vielfach neuropathisch belasteten Gesellschaft einer- und der enormen Häufigkeit vorzeitiger Weckung der Sinnlichkeit und des Missbrauches der Zeugungsorgane andererseits. Hier bietet sich meines Erachtens ein dankenswerthes Feld des Eingreifens für den Hausarzt und den Erzieher, aber auch für die Wächter der guten Sitte bezw. der öffentlichen Sittlichkeit. Es ist tief bedauerlich, zu sehen, welche erotische Schandliteratur sich in den Schaufenstern der Buchläden aufdringlich breit macht, und wie sehr die Zote und der sexuelle Skandal die moderne Bühne beherrschen. Ueber der Fürsorge für die intellectuelle Fortbildung in der Schule versäumt man heutzutage die Pflege des Gemüths und des Sinnes für Gutes, Erhabenes und Schönes. Vor dem Geist der Frivolität und Unsittlichkeit, der sich in öffentlichen Lokalen, im Theater


VIII Vorwort.

und in der sogenannten schönen Literatur geltend macht, sollte unsere heranwachsende Jugend besser bewahrt bleiben.

Habent sua fata libelli! Dem Buche des Verfasssers wage ich eine günstige Aufnahme zu prognosticiren. Es verdient sie und wird sie sicherlich finden.

Wien, 21. Juni 1891.

Dr. v. Krafft-Ebing.


VORBEMERKUNG.

Das Material für die vorliegende Arbeit habe ich auf verschiedenen Wegen erhalten. In erster Linie habe ich meine Aufmerksamkeit der alten und neuen Literatur zugewendet; deren Kenntniss wurde mir wesentlich durch das Entgegenkommen der Königlichen Bibliothek in Berlin erleichtert, die mir zu meinen Studien die einschlägige Literatur bereitwilligst zur Verfügung stellte.

Meine specialistische Beschäftigung mit Nervenkrankheiten hat mir einen kleinen Theil meiner Beobachtungen geliefert. Von einigen Behörden wurden mir ferner mehrere Fälle mitgetheilt, die ein besonderes Interesse darboten. Die forensische Beurtheilung der Frage lernte ich durch Studium gerichtlicher Acten kennen, in die Einsicht zu nehmen mir in freundlichster Weise von der Königlichen Staatsanwaltschaft gestattet wurde.

Dies alles aber hätte nicht genügt, um mir auch nur eine oberflächliche Uebersicht über das Gebiet zu verschaffen. Hierzu war es nöthig, einen Einblick in das innere Leben jener Leute zu gewinnen, die mit conträrer Sexualempfindung behaftet sind. Wenn das mir, wie ich glaube, gelungen ist, so habe ich es einem Herrn zu danken, der mir mit Erlaubniss des Königlichen Polizeipräsidiums von Berlin hierzu die Wege wies. Der


X Vorbemerkung.

Herr, der dadurch mir zur Erlangung eines sehr grossen Materials verhalf, ist Herr Criminal-Polizei-Inspector von Meerscheidt-Hüllessem in Berlin. Er selbst war hierbei zum grossen Theil mein Begleiter und war mir in unermüdlicher Weise und ohne Zeit oder Mühe zu sparen, bei meinen Nachforschungen behülflich. Dem Berliner Königlichen Polizeipräsidium sowie Herrn von Meerscheidt-Hüllessem hierfür meinen aufrichtigsten Dank zu sagen, ist mir eine angenehme Pflicht.

Auch allen anderen, die mich bei meiner Arbeit unterstützten, sei mein Dankestribut an dieser Stelle dargebracht. Ausser der Königlichen Staatsanwaltschaft gebührt ein solcher besonders noch folgenden Herren: Herrn Professor v. Krafft-Ebing in Wien, der privatim mich auf einige literarische Erscheinungen hinwies, und dessen Arbeiten ich überhaupt die Anregung zu vorliegendem Buche in erster Linie verdanke; Herrn Dr. Max Dessoir, der mir oft als treuer Freund und Berather zur Seite stand; endlich noch einem Herrn, den ich N. N. benennen will, und der öfter mit diesen Buchstaben citirt werden wird. N. N., der selbst Urning ist, lebt in einer grösseren Stadt des westlichen Deutschlands und ist eine durch Arbeiten auf anderen Gebieten wohlbekannte Persönlichkeit; er hat mir nicht nur über seine eigene Vita sexualis, sondern auch über die conträre Sexualempfindung im allgemeinen zahlreiche Mittheilungen gemacht; da Herr N. N. früher einige Jahre auch in Berlin gelebt hat und sich durch eine seltene Objectivität auszeichnet, waren mir seine Berichte besonders werthvoll. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass die auf die obige Weise von mir gesammelten und zum Theil von andern Personen resp. Behörden mir gelieferten Beobachtungen nur Material darstellen. Die Schlussfolgerungen, die ich aus ihm ziehe, rühren von mir ausschliesslich her, und für sie bin natürlich ich allein verantwortlich. Es sind sogar über wesentliche


Vorbemerkung. XI

Punkte einige Herren, die mir in liberalster Weise das bezügliche amtliche Material gewährten, durchaus anderer Ansicht als ich; um so mehr bin ich ihnen für die bei der Ueberlassung der Acten bewiesene unparteiische Gesinnung verpflichtet.

Berlin, im Juli 1891.

Dr. Albert Moll.


Inhalt

Seite

Vorwort von v. Krafft-Ebing......,........

Vorbemerkung des Verfassers...............

Inhaltsverzeichniss...................

I. Allgemeines....................l

Unterschied von Mann und Weib (S. 1). Geschlechtstrieb und Liebe (1). Liebe und Freundschaft (3). Bedeutung des Geschlechtstriebes (4).

Homosexualer Trieb (4). Perversion und Perversität (5). Terminologie (5).

Urningsliebe und Freundschaft (7). Psychische Hermaphrodisie (7). Ausbreitung der Urningsliebe (8).

II. Geschichtliches................9

Bibel (9). Die alten Juden (9). Asien (10). Griechenland (11). Mythologie (11). Athen (12). Literatur (13). Andere Staaten (17). Griechische Dichter (19).

Rom (21). Republik (21). Kömische Kaiser (22). Römische Dichter und Schriftsteller (26),

Andere Völker des Alterthums (27) Mittelalter (28) und Neuzeit (29). Orient im Mittelalter (29), Orientalische Dichter (30) Spätere Literatur im Abendlande (32). Ramdohr (33). Hössli (33). Casper, Tardieu (34). Ulrichs (35). Westphal (36), v. Krafft-Ebing (37), Andere Autoren (37). Belletristik (38). Homosexualität bei verschiedenen Völkern (38). Historische Urninge (41). Heinrich III. von Frankreich (41). Eduard II. und Jacob I. von England (42). Rudolph II. von Habsburg (43). Päbste (44). Michelangelo (45). Razzi (47). Muret(47). Shakespeare (48) Winckelmann (49). Iffland (50). Prinz Heinrich, Bruder Friedrichs des Grossen (51). Byron (51). Platen (51). Ludwig II. von Bayern (53). Debschitz (54).


XIV Inhalt.

Seite

III. Moderner Uranismus.............. 55

1) Sociales.....................55

Zahl der Urninge (55). Gesellschaftsklassen und Beruf (5G). Alter der Urninge (59).

Körperliche Abnormitäten (60). Geistige Anlagen (61). Effeminatio (62). Kindheit (62). Weibliche Toilette (63). Toilettenkünste (66). Weibliche Beschäftigung (68). Stimme (68). Bewegungen (70). Charakter (70). Lügenhaftigkeit (71). Eitelkeit (72). Schamhaftigkeit (73). Ausnahmen (74). Selbstbeurtheilung des Urnings (75). Verstimmung (76). Weiblicher Verkehr (78). Sexuelle Antipathie (78). Künstlicher sexueller Verkehr (80). Geselliger Verkehr (81).

Urninge unter einander (82). Einleitung von Bekanntschaften (82). Kleine Gesellschaften (83). Bälle (84). Standes-unterschiede (84). Benennungen (85). Weibliche Namen (86). Verschlossenheit der Urninge (86).

2) Sexuelles.................- . - . 87

Liebe (87). Leidenschaftliche Liebe (87). Unglückliche Liebe (90). Glückliche Liebe (92). Platonische Liebe (93). Erotomanie (95). Sprödigkeit (96). Eifersucht (96).

Verschiedene Neigungen (99). Monogamie (99). Antipathie gegen Urninge (99). Altersverhaltniss (101). Individuelle Neigungen (102).

Sexuelle Acte (103). Päderastie (105). Immissio in os (108). Enfeser (110). Mutuelle und einfache Onanie (110). Befriedigung ohne Berührung (111). Häufigkeit des Verkehrs (112). Träume (113)- Reiz des Membrum (113).

IV. Männliche Prostitution..............115

Geschichtliches (115). Die Prostituirten (116). Benehmen der Prostituirten (116). Eigenschaften derselben (117). Fehlen der polizeilichen Aufsicht (118).

Erpresserthum (119). Kniffe der Erpresser (120). Gefahren des Erpresserthums (121).

V. Sexuelle Perversionen als Complication der conträren Sexualempfindung............122

Fetischismus (122). Normaler Gegenstand -Fetischismus bei Heterosexualen (122). Pathologischer Gegenstand-Fetischismus bei Heterosexualen (123); bei Urningen (124). Allgemeiner Einfluss der Kleidung bei Heterosexualen (127); bei Homosexualen (128). Normaler Körpertheil-Fetischismus bei Heterosexualen (129). Krankhafter Körpertheil-Fetischismus bei Heterosexualen (131); bei Homosexualen (131).

Masochismus (132), v. Krafft-Ebings Erklärung (133). Geschichtliches (133). Flagellantismus bei Heterosexualen (134); bei Homosexualen (134). Ekelhafte Acte bei Hetero- und Homosexualen (135). Fetischismus und Masochismus (135). Mixoskopie (136).

Sadismus (137). Sadismus bei Heterosexualen (138); bei Homosexualen (139).


Inhalt. XV

Seite

Forensischer Fall von scheinbarem Sadismus, thatsächlich aber vorliegendem Masochismus (141).

Neigung zu unreifen Mädchen und Knaben (146); zu alten Männern (147); zu Statuen (147). Leichenschändung (148). Sonstige Perversionen (148).

VI. Psychosexuale Hermaphrodisie..........150

v. Krafft-Ebings Eintheilung (160). Zwischenstufen (161). Episodische Heterosexualität (152). Periodische Homosexualität (153). Psychische Hermaphrodisie vor der Pubertät (154). Conträre Sexualempfindung mit Heterosexualität (155).

VII. Aetiologisches..................156

Angeborene und erworbene conträre Sexualempfindung (156). Fälle von erworbener (157).

Degeneration des Centralnervensystems (160). Belastende Momente (160).

Gelegenheitsursachen (162). Moralisches Contagium(166).

Mutuelle Onanie (167). Mangel an Weibern (168). Furcht vor

Verkehr mit dem Weib (169). Berufszweig (170). Onanie (170).

Ausschweifung (171). Hyperästhesie (172). Gewöhnung (173),

Körperliche Hermaphrodisie (173).

Epilepsie (175); Altersblödsinn (175). Progressive Paralyse (176).

Ursachen der Päderastie bei den alten Griechen (176).

VIII. Theoretisches..................178

Aristophanes (178); Pannenides (178). Theorien von Urningen (179). Mantegazza (179).

Weibliches Gehirn (181). Anatomische Lage des sexuellen Centrums (182). Jäger (184).

v. Krafft-Ebings Vererbungstheorie (185). Schopenhauer (187). Der Geschlechtstrieb als psychische Function betrachtet (188).

IX. Diagnostisches..................191

Verschlossenheit der Urninge (191)- Fragestellung des Arztes (192). Träume (193).

Diagnose ohne Fragestellung (194). Zweifelhafter Werth (195).

Irrthümer in der Diagnose (197).

Differentialdiagnose einzelner Formen (198). Homosexualität und Hyperästhesie (198). Wahn der Geschlechtsumwandlung (199). Die conträre Sexualempfindung, eine pathologische Erscheinung (200). Nerven- oder Geisteskrankheit (204).

X Therapeutisches.................207

Pflicht der Medicin gegenüber den Urningen (207). Prognose (208). Gründe gegen Behandlung (209). Bekämpfung der Hyperästhesie (211).

Hebung der Constitution (213). Prophylaxe (213). Frühzeitiges Einschreiten (214). Meiden des homosexualen Verkehrs (215). Sexueller Verkehr mit dem Weib (218). Bedenken dagegen (218). Verbot der Onanie (221). Suggestivtherapie (221). Castration (222).


XVI Inhalt.

Seite

XI. Forensisches...................223

Geschichtliches (223).

§ 175 des Deutschen Strafgesetzbuches (225). Auslegung (225). Andere Paragraphen (227), § 51 (228), § 52 (229). Diagnose der Päderastie (230).

Gesetzesvorschläge (232). Verwerfung der Bestrafung vom Standpunkte der Strafrechtstheorien (234). Scheinbare Gründe für die Bestrafung (236); Sittlichkeit (236). Abscheu im Volke (237). Gesundheitsschädigung (239). Gefahr des moralischen Contagiums (241). Unlogisches in der Gesetzgebung (243). Gefahr des Erpresserthums (243). Beschränkung der Straffreiheit (244).

Aenderung des § 361.

XII. Conträre Sexualempfindung beim Weibe.....247

Gründe für kürzere Besprechung (247). Geschichtliches (248). Belletristik (251). Verbreitung der Homosexualität der Weiber (251). Terminologie (252).

Entwickelung der Tribaden (253).

Männerkleidung (254). Beschäftigung (265). Bewegungen (255). Liebe (256). Männliche Namen (256). Verschiedene Neigungen (257). Art der Befriedigung (258)

Verheirathete Tribaden (260). Psychische Hermaphrodisie (260). Periodicität (262). Aetiologie (262). Medicinisches (265).

Sachregister......................267

Namenregister.....................280

Berichtigungen.

S. 7: die Anmerkung l) gehört auf Seite 8.

S. 8: „ „ 2) „ „ „ 7-

S. 36, Zeile 23, lies Schmincke statt Schminke.

S, 100. Zeile 30, lies mehr statt weniger.

S. 115, Zeile 6 in der Anmerkung, lies Duchâtelet statt Duchâtel.

S. 124, Zeile 21. lies Taschentuch-Fetischismus statt Taschen-Fetischismus.

S. 131, Zeile 5 in der Anmerkung, liess Brosses statt Brosse.


I Allgemeines.

Die Menschheit setzt sich bekanntlich aus zwei Geschlechtern zusammen, dem männlichen und dem weiblichen. Durch zahlreiche Eigenschaften sowohl körperlicher als geistiger Natur sind sie von einander geschieden. In körperlicher Beziehung ist es hauptsächlich die Bildung der Genitalorgane, die beim Weibe anders sich verhält, als beim Manne, und in geistiger Beziehung sind es zahlreiche Eigenschaften, die die Trennung vervollständigen. Die Beschäftigung des Mannes ist eine andere, als die des Weibes: jenen drängt es mehr, gewissen Berufsarten sich zuzuwenden als das Weib, dieses hingegen übertrifft den Mann wiederum durch zahlreiche andere Fertigkeiten, so durch die Geschicklichkeit, mit der es Handarbeiten ausführt. Das Weib liebt mehr den äusseren Schmuck und ist in dieser Hinsicht bei weitem eitler als der Mann. Von allen seelischen Eigenschaften aber, die die Geschlechter von einander unterscheiden, nimmt nicht die letzte Stellung der Geschlechtstrieb ein. Es zeigt sich dieser darin, dass während eines grossen Abschnittes seines Lebens der Mensch einen inneren Trieb empfindet, mit dem anderen Geschlecht in körperliche Berührung zu kommen, die in dem Geschlechtsakte ihren Abschluss findet. Der Geschlechtstrieb drängt also den Mann zum Weibe, das Weib aber zum Manne. Das Erwachen des Geschlechtstriebes kann zu verschiedenen Zeiten stattfinden. Unter normalen Verhältnissen soll er vor Beginn der Pubertät noch nicht bestehen.

Der Geschlechtstrieb zeigt sich nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Thiere; was aber das geschlechtliche Leben der Menschen von dem der Thiere unterscheidet, ist das Hinzukommen tieferer und innigerer Beziehungen zwischen Mann und Weib, die ihren Höhepunkt in der Liebe erreichen. Zwar finden

Moll, Contr. Sexualempfindung. l

Moll_contraere1A1891Teil1-1.jpg

2 Geschlechtstrieb und Liebe.

sich auch gelegentlich zwischen Männchen und Weibchen beim Thier innigere Bande, als diejenigen, welche gelegentlicher geschlechtlicher Verkehr hervorbringt; den Höhepunkt erreichen aber jene zweifellos beim Menschen.

Freilich scheint auch der Mensch nicht zu allen Zeiten und bei allen Völkern die wahre Liebe erfahren zu haben. Vielmehr ist erst mit dem Fortschritt der Cultur, wie Carus1) ausführt, und mit dem Beginn einer ruhigen Lebensweise der Geschlechtstrieb allmälig in eine Geschlechtsneigung und diese wiederum in die Liebe umgewandelt worden. Vom ideologischen Standpunkt aus betrachtet Fichte die Trennung der Geschlechter als Mittel zur Erhaltung der Gattung; wir werden demgemäss auch im Geschlechtstriebe als Zweck den erkennen, die Fortpflanzung des Menschen zu sichern. Dem Trieb der Liebe vertraute der Himmel die Schöpfung der Erde an, sagt Jean Paul.

Der Geschlechtstrieb und die Liebe erwachen unter normalen Umständen erst nach Eintritt der Pubertät, doch zeigen sich gewisse Regungen mitunter schon in der Kindheit. Nach Ramdohr2) zeigt schon der kleine Knabe oft Andeutungen von Liebe zu weiblichen Personen, wobei sogar Eifersucht und der Wunsch diese Person ganz zu besitzen eine wesentliche Rolle spiele. Uebrigens werden uns in der That öfter Mittheilungen von Männern gemacht, die bereits als Kinder sich in weibliche Personen verliebten — eine Erscheinung, die sogar für ein sicheres Kennzeichen des Genies erklärt worden ist. Als Beispiele so frühzeitiger Liebe seien genannt Dante, der sich im neunten, Canova, der angeblich schon im fünften und der Dichter Byron, der sich im achten Lebensjahre in Mary Duff verliebte.3)

Die Verwechselung der Liebe mit dem Geschlechtstriebe ist ein mitunter vorkommendes Versehen. Dieser beansprucht nur die subjective Befriedigung des Triebes durch den mit Wollustgefühl einhergehenden Coitus. Nie dürfen wir, wenn nur dies vorliegt, von Liebe sprechen; sie ist nur dann vorhanden, wenn auch die Seele des Liebenden zu der der geliebten Person sich hingezogen fühlt, wenn eine innere Verwandtschaft zwischen den Seelen besteht. Sie zeigt sich in einem beide Personen fesselnden Band,

1) Friedrich. August Carus Nachgelassene Werke. Leipzig 1808—1810.
2) Friedr. Wilh. Basil. von Ramdohr, Venus Urania. Leipzig 1798, 3 Theile. Auf dies Werk ist im Laufe der Arbeit sehr oft Bezug genommen.
3) Karl Elze, Lord Byron, III. Aufl. Berlin 1886. S. 27.


Geschlechtstrieb und Liebe. 3

das durchaus von der Freundschaft getrennt sein muss. Die innere Seelenverwandtschaft führt sehr bald auch zu der Sehnsucht nach dem sinnlichen Vergnügen oder dem Geschlechtsacte mit der geliebten Person; doch kann die seelische Zuneigung dem Geschlechtstriebe längere Zeit vorausgehen, und es kann auch die Liebe später als der Geschlechtstrieb auftreten. Ob, ohne dass ein solcher sich bemerkbar macht, eine Liebe dauernd bestehen kann, wie von der später zu besprechenden platonischen Liebe behauptet wird, ist noch zweifelhaft. Vielleicht wird diese Frage auch nie für alle Theile befriedigend beantwortet werden.

Jedenfalls hat die Liebe eine sinnliche und eine psychische Seite. Wenn es auch beim jungen Mann und beim jungen Mädchen in der Entwickelungszeit eine Periode giebt, wo gewisse Personen in dem Anschauenden nur eine seelische Liebe erregen, so ist dies doch nur eine Zeit lang der Fall, und der zeitweise nicht vorhandene oder unbewusste sinnliche Trieb tritt schliesslich mächtig hervor. Karl Friedrich Heusinger sagt im „Grundriss der physischen und psychischen Anthropologie": „Es ist ganz sicher, dass das unverdorbene Weib, welches sehnend in die kräftigen Arme des verlangenden Mannes sinkt, sich durchaus keines Geschlechtstriebes bewusst ist, so sehr sie sich auch gerade nur zu diesem Manne hingezogen fühlt; dem überhaupt viel sinnlicheren Manne wird auch dieser Trieb weniger verborgen bleiben, allein der darf nicht sagen, dass er rein und innig liebe, der sich seiner sinnlichen Triebe bewusst ist." Vorländer schliesst sich diesen Ausführungen an; ich glaube aber, dass dieses vollständig Unbewusste des sinnlichen Triebes nur eine Zeit lang vorhanden ist, wenn man überhaupt davon sprechen kann.

Was die Liebe, abgesehen von ihrer seelischen Seite, von dem rein sinnlichen Triebe trennt, ist besonders der Umstand, dass sie mehr einem Individuum des andern Geschlechts, als dem Geschlecht im allgemeinen gilt. Infolge dessen kommt es dahin, dass das innige Band der Liebe sich zwischen zwei Personen knüpft, vorausgesetzt, dass die Liebe der einen von der andern erwiedert wird. In diesem Falle fühlen sich dann beide aneinander gefesselt. Die Erwiederung der Liebe ist, wenn diese glücklich sein soll, eine unentbehrliche Bedingung, und es behauptet F. A. Carus mit Recht, dass bei den civilisirten Personen die Liebe zur Leidenschaft wird geliebt zu werden, und dass dieser Wunsch , den wahrhaft Liebenden beherrscht.

Die geschlechtliche Liebe ist vollkommen zu trennen von

l*


4 Hetero- und homosexualer Trieb.

allen anderen Banden, die Menschen unter einander fesseln, sie ist etwas anderes als die Freundschaft, um nur diese zu erwähnen. Bei der Freundschaft spielen die geschlechtlichen Functionen gar keine Rolle, während sie bei der Liebe deutlich betheiligt sind, wie wir oben gesehen haben. Worauf der Geschlechtstrieb und die Liebe beruht, ist schwer zu sagen: dass die Anlage beider angeboren ist, kann nicht bezweifelt werden; wie viel aber zu ihrer individuellen Entwickelung äusserliche Eindrücke und zufällige Gelegenheiten beitragen, ist schwer zu schätzen.

Ich brauche wohl nicht über die Bedeutung des Geschlechtstriebes zu sprechen; v. Krafft-Ebing hat dies treffend in dem ersten Abschnitt seiner Psychopathia sexualis gethan, er hat gezeigt, welchen Einfluss das sexuelle Leben auf die Religion, welchen Einfluss es auf die Kunst und Poesie gehabt hat und noch täglich hat. Ohne sexuelle Grundlage giebt es nach ihm keine wahre Kunstschöpfung, und mit Recht weist er darauf hin, dass so häufig die grossen Dichter und Künstler sinnliche Naturen sind. Bekannt ist auch, welchen Einfluss die Liebe auf den Charakter des Menschen ausübt. Die veredelnde Wirkung jener ist vielfach beschrieben, sie ist allgemein anerkannt; man findet darüber Mittheilungen in allen Büchern, die von der Liebe handeln. Selbstlosigkeit, Aufopferungsfähigkeit und andere Tugenden werden nicht am wenigsten durch die Liebe gefördert.

Während nun unter normalen Verhältnissen der Mann durch seinen Geschlechtstrieb und durch die Liebe sich zum Weibe hingezogen fühlt, giebt es eine grosse Kategorie von Männern, die eine andere Neigung besitzen, der Trieb zieht sie zum Manne hin, sie zeigen, wie man sagt, gleichgeschlechtlichen oder homosexualen Trieb im Gegensatz zu den normal fühlenden Männern mit andersgeschlechtlichem oder heterosexualem Triebe. Westphal1) hat für jene Erscheinung auch den Ausdruck „conträre Sexualempfindung" eingeführt, wobei er allerdings das Gebiet noch weiter ausdehnte. Er wollte mit jenem Ausdruck sagen, dass es sich hierbei nicht immer gleichzeitig um den Geschlechtstrieb als solchen handelt, der eine verkehrte Richtung gewinnt, sondern dass es sich um die Empfindung handelt, dem ganzen inneren Wesen nach dem eigenen Geschlecht entfremdet zu sein. Nach dieser Erklärung von Westphal umfasst also die conträre Sexualempfindung auch Fälle, bei denen zwar der Geschlechtstrieb normal,

1) Archiv für Psychiatrie II Bd. S. 73.


Terminologie. 5

sonst aber das betreffende Individuum gewisse dem andern Geschlecht zukommende Neigungen zeigt. Ich komme hierauf noch später zurück.

Der Geschlechtstrieb, der den Mann zum Manne führt, muss als eine Perversion in v. Krafft-Ebings Sinne bezeichnet werden, Perversion nennt dieser Autor jede Aeusserung des Geschlechtstriebes, die nicht dem Zwecke der Natur, d. h. der Fortpflanzung dient; v. Krafft-Ebing macht auch auf eine strenge Trennung der Begriffe Perversion und Perversität aufmerksam. Man spricht von einer Perversion, wenn der Geschlechtstrieb ein perverser ist, während man von Perversität bei einer perversen Handlung redet, unabhängig davon, ob ein perverser Trieb oder eine andere Veranlassung, z. B. eine verbrecherische Absicht sie hervorrief. Es ist ein grosses Verdienst von v. Krafft-Ebing, dass er scharf diese beiden Begriffe von einander getrennt hat, Perversion ist ein Trieb, der vom Willen unabhängig ist, und für den niemand verantwortlich gemacht werden kann, wenigstens nicht in den Augen eines unparteiischen Beurtheilers, während die Perversität, die sich in der Handlung zeigt, oft dem Handelnden zugerechnet werden muss. Bis zu welchem Grade die Zusammenwerfung der beiden Begriffe die Beurtheilung der conträren Sexualempfindung erschwerte, zeigt z. B. die Aeusserung von Chevalier 1,) dass die Perversion bei der erworbenen conträren Sexualempfindung von dem Willen des Individuums abhänge. Nichts kann falscher sein als dies, wie eben auseinandergesetzt. Man hört öfter zur Bezeichnung von Männern mit homosexualem Triebe den Ausdruck Päderasten; indessen will ich ihn nicht allgemein gebrauchen, weil er wissenschaftlich nur eine besondere Gruppe von solchen Leuten charakterisirt, nämlich diejenigen, welche membrum in anum immittunt, ebenso bezeichnet Päderastie nur eine bestimmte Art des Geschlechtsactes zwischen Männern, nämlich immissio penis in anum. Wie so häufig, so hat allmälig auch hier das Wort einen ganz ändern Sinn angenommen als früher. Päderast kommt her von παιδος εραστης und heisst der Liebhaber des Knaben, womit im alten Griechenland ganz allgemein, ob es sich um Geschlechtsacte handelte oder nicht, die Liebhaber von Knaben und Jünglingen bezeichnet wurden. Die Unzucht zwischen zwei Mitgliedern des männlichen Geschlechts wird auch als commas-

1) Julien Chevalier, De l`inversion de l'mstinct sexuel au point de vue médico-legale. Paris 1885.


6 Terminologie.

culatio bezeichnet. Ein sehr häufiger Name für die Männer mit homosexualem Triebe findet sich in der neueren Literatur, nämlich das Wort Urning. Ich werde, da es von v. Krafft-Ebing und andern angenommen ist, der Kürze halber es gleichfalls brauchen und werde im allgemeinen damit alle Männer mit homosexualem Geschlechtstriebe benennen.

Das Wort Urning wurde durch Ulrichs, auf den ich später zurückkommen werde, eingeführt. Leider ist mir die Schrift, in der er zuerst das Wort brauchte, nicht zugänglich gewesen. Aus einer späteren Arbeit1) desselben Autors scheint mir aber hervorzugehen, dass der Name abgeleitet ist von Uranos, entsprechend einer Stelle in Platos Gastmahl, Cap. 8 und 9. Die Stelle lautet deutsch etwa so:

„Keine Aphrodite ohne Eros. Es giebt aber der Göttinnen zwei, die ältere Aphrodite ist ohne Mutter geworden, sie ist des Uranos Tochter, und wir geben ihr deshalb den Beinamen Urania, die andere jüngere Aphrodite ist des Zeus und der Dione Tochter, wir nennen sie Pandemos. Der Eros der ersteren muss also

Uranos, der der anderen Pandemos genannt werden.........

Die Liebe des Eros Pandemos ist es, mit der die gewöhnlichen Menschen lieben, der Eros von der Urania hingegen hat kein weibliches Theil erwählt, sondern nur männliches, das ist die Liebe zn Knaben. Deshalb wenden sich die von dieser Liebe Begeisterten dem männlichen Geschlecht zu."

Dies dürfte die Stelle sein, der das Wort Urning, in dem offenbar der Stamm von Uranos sich findet, seine Entstehung verdankt. Die Erscheinung des homosexuellen Geschlechtstriebes von Männern werden wir dementsprechend und auch nach Ulrichs Vorschlag als Uranismus bezeichnen.

Der Urning kann gegenüber dem schönsten Weibe keine sexuale Libido empfinden, wenn er auch dessen Schönheit anerkennt. Es ist offenbar Schönheit, die den Geschlechtstrieb erweckt, etwas ganz anderes, als die Schönheit vom ästhetischen Standpunkte. Wenn der Urning auch mitunter mit Vergnügen ein schönes Weib betrachtet, so können wir, wenn nicht ein Reflex auf seine Geschlechtsorgane sich zeigt, hier nicht von einem Geschlechtsgefühl sprechen.

Wichtig ist es und es sei hier betont: charakteristisch ist es für den Urning, dass er äusserlich Mann ist, dass seine Genitalien

1) Karl Heinrich Ulrichs, Prometheus, Leipzig 1870.


Homosexualer Trieb. 7

durchaus normal sind, dass nicht nur der Penis, sondern auch die Hoden gewöhnliche Gestalt und Functionen zeigen.

Dass es sich bei der Zuneigung, die Urninge zu Männern haben, um den Geschlechtstrieb handelt, der unter normalen Verhältnissen den Mann zum Weibe führt, dass einfache Freundschaft ausgeschlossen ist, geht aus verschiedenen Gründen hervor. Einmal nämlich spielen die Geschlechtsorgane bei der Neigung der Urninge zu Männern eine grosse Rolle; nicht nur reizen den Urning hauptsächlich die Geschlechtsorgane des andern Mannes, sondern er fühlt in sich ganz deutlich den Reflex, den die Vorstellung des andern Mannes auf seine eigenen Geschlechtsorgane ausübt. Irgend ein sexualer Act in Berührung mit dem Manne ist das Ziel des Urnings.

Ist schon hierdurch die ganze Neigung als eine Form des Geschlechtstriebes zu betrachten, so geht dieser Charakter auch aus anderen Erscheinungen hervor, besonders aus der Eifersucht, die die Liebe begleitet. Niemals findet sich in der wahren Freundschaft eine Eifersucht, niemals kann das Band zweier Freunde ein solches sein, dass der Freund mit misstrauischen Augen einen andern betrachtet, der zu dem Freunde sich hingezogen fühlt. Ganz anders bei der Liebe der Männer zu einander; hier herrscht die Eifersucht vor. Ganz wie bei der Liebe vom Manne zum Weibe herrscht der Wunsch und das Bestreben, die geliebte Person allein zu besitzen und misstrauisch jede dritte Person zu betrachten, die etwa das geliebte Wesen besitzen möchte.

Wenn nun ein Mann zum Manne sich in sexualer Beziehung hingezogen fühlt, so kann dies in verschiedener Weise sein. Es giebt eine Reihe von Fällen, wo der Mann ausschliesslich vom Manne gereizt wird, man nennt solche Leute Urninge im engeren Sinn. Es giebt ferner Fälle, wo ein Mann sich entweder zu gewissen Zeiten nur zum Manne, zu anderen Zeiten zum Weibe hingezogen fühlt, oder seltene Fälle, wo beide Neigungen gleichzeitig bestehen. Man nennt solche Männer, die bald Neigung zum Weibe bald zum Manne haben, psychische oder psychosexuale Hermaphroditen.

Nach Ramdohr werden homosexuale Empfindungen auch bei Thieren angetroffen, doch giebt der Autor über diese wichtige Frage leider keine Einzelheiten an. Auch Krauss1) meint, dass

1) Heinrich Hössli Eros. 2 Bände. Glarus 1836—1838. Ich habe dieses Buch, das auch den Titel führt: „Die Unzuverlässigkeit der äusseren Kennzeichen, im Geschlechtsleben des Leibes und der Seele" bei Abfassung meiner Arbeit viel benutzt; besonders waren mir die zahlreichen Literaturangaben über den Eros in Hösslis Buch sehr werthvoll.


8 Homosexualer Trieb.

sich Andeutungen von Päderastie nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Hunden und Affen zeigen. Auch der in der Vorrede erwähnte Herr N. N. hat einen Fall beobachtet, wo zwei Hunde männlichen Geschlechts solange sich an einander rieben, bis bei dem einen ejaculatio erfolgte.

Dass es sich jedenfalls bei der conträren Sexualempfindung nicht um eine zufällige Erscheinung, sondern um ein unter bestimmten Bedingungen auftretendes, allerdings pathologisches Phänomen handelt, ist sicher. Es geht dies schon daraus hervor, dass zu allen Zeiten und an allen Orten bei Menschen, die vollkommen unabhängig von einander lebten, diese Erscheinungen auftraten. Dass es sich um eine gewisse Gesetzmässigkeit handelt, geht auch daraus hervor, dass sich in den vielen Biographien und Autobiographien von Urningen eine ganz auffallende Uebereinstimmung zeigt. Trotz vieler individueller Verschiedenheiten, die selbstverständlich sind, lassen sich doch viele gemeinsame Züge wiederfinden, die wir als Charakteristika des Uranismus feststellen können.

Wenn wir nun auch nach dem heutigen Stande der Wissenschaft das Vorkommen weiblicher Sexualempfindungen bei Männern mit wohlgebildeten Genitalien nicht bestreiten können, so dürfen wir doch nicht so weit gehen, aus der Ausnahme eine Regel machen zu wollen und wir dürfen nicht, wie Hössli2) es glaubt, darum die äusseren Kennzeichen des Geschlechtslebens für überflüssig und schädlich erklären.

2) A. Krauss, Die Psychologie des Verbrechens. Tübingen 1884.


Teil 2 - Geschichtliches




www.schwulencity.de = www.queernet.de = www.queer-net.de
Zeittafel Home hs - homosexuelle Selbsthilfe schwule Bücher Links