(Seite 22)
...
Eryximachos begann also: ..."er [Pausanias] zwischen zwei Arten des Eros unterschied, war richtig.
Daß aber Eros nicht nur in der Sehnsucht der Seele nach schönen Jünglingen, sondern in jeder Begirde,
in allem Sehnen herrscht und im Tier, in der Pflanze, in der ganzen Natur lebt,
das glaube ich gerade in der Heilkunst, in meiner Kunst, erfahren zu haben.
Groß und wie ein Wunder reicht dort in alles Göttliche und alles Menschliche dieser Gott.
Und um meine Kunst zu ehren, beginne ich auch gleich mit der Heilkunst.
Die Natur birgt hier die beiden Arten des Eros in sich, und ich meine das so:
das gesunde und das kranke Element im Körper sind, wie wir alle wissen, zwei verschiedene, zwei entgegengesetzte Dinge.
Das eine begehrt nach dem, nach welchem das andere nicht begehrt.
Anders wirkt die Liebe im gesunden und anders die Liebe im kranken Element.
Pausanias hat oben ausgeführt, daß es edel sei, den Edlen, und niedrig, den Niedrigen zu Willen zu sein:
nun und genau so ist es hier gut, die gesunden Elemente der Natur, und schlecht, die kranken zu fördern,
und das heißt Heilkunst, und das muß der Arzt verstehen.
Um es gleich zusammenzufassen, die Heilkunst lehrt uns die beiden Neigungen der Natur kennen:
die Neigung, Elemente aufzunehmen und die Neigung, Elemente abzustoßen,
und wer hier die gesunde Neigung von der kranken zu unterscheiden weiß,
der ist der beste Arzt, und wer noch dazu die eine Neigung durch die andere zu ersetzen,
hier die gesunde Neigung zu erregen, dort die kranke zu vernichten weiß, der ist der Meister.
[...] Und unter diesen Gegensätzen Neigung, den Eros erwecken - das verstand Asklepios[...].
Alle Einheit ist Zusammenklang und der Zusammenklang Übereinstimmung. [...]
wir müssen der Liebe der maßvollen Menschen und aller, die zur Einheit noch kommen wollen, zu Willen sein,
sie müssen wir hüten und züchten, denn es ist das der reine himmlische Gott, der Gott der Muse Urania.
Die irdische Liebe, den Gott der Muse Polyhymnia, dürfen wir nur mit Vorsicht anwenden,
damit die Lust, die der Mensch aus ihr schöpft, ihm nicht alles Maß nehme;
es ist ja für uns Ärzte auch sehr wichtig, dafür zu sorgen, daß der Mensch alle Genüsse der Kochkunst ohne Schaden genieße.
[...] Wenn aber der falsche, maßlose Eros über den Jahreszeiten waltet, so vernichtet er viel und bringt Schaden;
dann entstehen große Seuchen unter den Tieren, und viele böse Krankheiten bilden sich an den Pflanzen,
und der Reif und der Hagel und Brand kommen, wenn alles sich zu gierig und maßlos liebt. [...]"
(Seite 27)
... "Und doch," begann Aristophanes, "und doch,
Eriximachos, habe ich im Sinne, von Eros ganz anders als du und Pausanias zu reden.
Mich dünkt, die Menschen haben die große Macht dieses Gottes noch gar nicht recht wahrgenommen;
denn sie würden ihm sonst Tempel und Altäre gebaut haben und die größten Opfer darbieten.
Bis heute haben sie nichts von allem, was hätte geschehen sollen, getan.
Wie kein anderer Gott liebt doch Eros die Menschen, Eros ist der Menschen Helfer,
der Menschen Arzt und das hohe Heil jener, die an ihm gesundet sind.
Und von seiner Macht will ich zu euch reden, und ihr mögt es die anderen dann lehren.
Erfahret denn zuerst von der menschlichen Natur und deren Leiden!
Die menschliche Natur war ja einst ganz anders.
Ursprünglich gab es drei Geschlechter, drei und
nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und
weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an
den beiden ersten gleichen Teil hatte; sein Name ist
uns geblieben, das Geschlecht selbst ist ausgestorben.
Ich sage, dieses mann-weibliche Geschlecht hatte
einst die Gestalt und den Namen des männlichen und
weiblichen Geschlechtes zu einem einzigen vereinigt,
und heute ist uns von ihm nur der Name erhalten,
und der Name ist ein Schimpfwort. Weiter, die ganze
Gestalt jedes Menschen war damals rund, und der
Rücken und die Seiten bildeten eine Kugel. Der
Mensch hatte also vier Hände und vier Füße, zwei
Gesichter drehten sich am Halse, und zwischen beiden
Gesichtern stak ein Kopf, aber der Kopf hatte vier
Ohren. Der Mensch besaß die Schamteile doppelt,
und denkt den Vergleich für euch selbst aus: auch
alles andere war demgemäß doppelt! Der Mensch ging
zwar aufrecht wie heute, aber nach vorwärts und nach
rückwärts, ganz wie es ihm gefiel. Und wenn er
laufen wollte, dann machte er`s wie die Gaukler, die
kopfüber Räder schlagen: er lief dann mit allen acht
Gliedern, und so im Rade auf Händen und Füßen
kam er allerdings schneller vorwärts als wir heute.
Noch einmal, es gab einst drei Geschlechter, und das
männliche hatte seinen Ursprung in der Sonne, das
weibliche in der Erde, das dritte, welches den beiden
ersten gemeinsam ist, hatte ihn im Mond, denn auch
der Mond teilt sich zwischen Sonne und Erde. Und
gleich den Gestirnen, denen sie eingeboren sind,
waren sie rund, und auch ihre Bahn, wenn ihr wollt,
lief im Kreise. Groß und übermenschlich war ihre
Stärke, ihr Sinnen war verwegen, ja sie versuchten
sich sogar an den Göttern. Was Homer von Ephialtos
und Otos erzählt, sagt man auch von diesen Menschen:
sie wagten den Weg zum Himmel hinauf und wollten
sich an den Göttern vergreifen.
Und Zeus und alle Götter erwogen, was sie dagegen
tun sollten, und waren recht in Verlegenheit,
denn sie konnten weder alle Menschen töten und
wie einst die Giganten mit dem Blitze das ganze
Geschlecht niederschlagen - da wäre es auch mit allem
Götterdienst und allen Altären vorbei - noch deren
Übermut hingehen lassen. Da fiel es aber Zeus ein,
und er rief: Ich habe das Mittel! Ich habe das Mittel
gefunden, die Menschen leben zu lassen und doch
ihrem Übermut für immer ein Ende zu machen: ich
werde jeden Menschen in zwei Teile schneiden. Sie
werden uns dadurch nicht nur zahmer, sondern auch
von größerem Nutzen sein, denn ihre Zahl wird gerade
noch einmal so groß. Die Menschen werden
von nun an auf zwei Beinen und nur aufrecht gehen.
Sollte ihnen aber noch Übermut übrig geblieben sein,
und sollten sie noch immer keine Ruhe geben, so
schneide ich jeden noch einmal entzwei: sie mögen
dann auf einem Beine gehen und hüpfen. Und wie
Zeus sprach, so handelte er auch: er nahm die Menschen
her und schnitt jeden in zwei Teile, wie man
Birnen, um sie einzukochen, entzwei schneidet. Und
so oft er einen entzwei hatte, ließ er ihm durch Apollon
das Gesicht und den halben Hals nach der Schnittfläche
zu umdrehen, damit der Mensch von nun an,
indem sein Blick auf sie gerichtet ist, züchtiger sei.
Auch aklles andere, was durch den Schnitt wund ward,
ließ Zeus durch Apollon heilen. Apollon zog also die
Haut nach dem sogenannten Magen hin zusammen
und band sie in der Mitte des Magens wie einen Schnürbeutel
ab, und ließ eine Öffnung, und diese Öffnung ist
unser Nabel. Apollon glättete dann die vielen Falten, die
dadurch entstanden waren, und bildete die Brust, indem
er sich dazu eines Werkzeuges bediente, wie es die
Schuster heute beim Glätten des Leders haben. Nur um
den Nabel und über dem Magen ließ er einige Falten
übrig; auch darüber sollte der Mensch seines alten
Leidens nicht vergessen. Als nun auf diese Weise
die ganze Natur entzwei war, kam in jeden Menschen
die große Sehnsucht nach seiner eigenen anderen
Hälfte, und die beiden Hälften schlugen die Arme umeinander
und verflochten ihre Leiber und wollten
wieder zusammenwachsen und starben vor Hunger
und wild und wirr, denn keine wollte ohne die andere
etwas tun. Wenn aber nur eine Hälfte starb und die
andere am Leben blieb, da suchte diese nach der
toten und umarmte den Leichnam, ob sie nun auf die
Hälfte eines ganzen Weibes - ich meine, was wir heute
Weib nennen - oder auf die Hälfte eines ganzen
Mannes stieß. Und so ging alles zugrunde. Doch
da hatte Zeus Erbarmen mit dem Menschengeschlechte
und schuf ein neues Mittel: Er setzte die Schamteile
nach auswärts. Bisher hatten die Menschen sie rückwärts
besessen und wie die Cikaden in die Erde gezeugt
und aus der Erde geboren. Und indem Zeus
die Schamteile also versetzte, ließ er die Menschen
ineinander zeugen und aus sich selbst gebären, damit
von jetzt an, wenn der Mann dem Weibe beischläft,
das Geschlecht sich fortpflanze, und wenn der Mann
den Mann umarmt, ihre Begierde gestillt werde und
ihr Sinnen sich beruhige und sie an die Arbeit gehen
und so auch für das Allgemeine sorgen. Von dieser
Zeit her, Freunde, ist Eros den Menschen eingeboren
und da, damit er die Menschen zu ihrer alten Natur
zurückbringe und aus zwei Wesen eines bilde und
so die verletzte Natur wieder heile. Wenn der Gastfreund
von uns scheidet, so teilen wir mit ihm einen
Würfel, und jeder behält die Hälfte, und später
erkennen wir uns an den Hälften. Und jeder Mensch,
möchte ich sagen, ist ein also geteilter Würfel und
sucht im Leben die andere Hälfte des Würfels. Wie
die Butten sind wir entzwei geschnitten, aus einer
Butte sind zwei geworden. Alle Männer zunächst,
welche aus jenem Ganzen geschnitten sind, das früher
das Mannweib hieß, lieben heute das weib - die
Ehebrecher also sind aus diesem Geschlechte, damit
ihr es wißt - und aus demselben Ganzen sind natürlich
auch die Weiber geschnitten, die da den Mann
lieben und ihrerseits die Ehe brechen. Die Weiber
dann, die aus dem alten Geschlechte des ganzen Weibes
geschnitten sind, haben wenig Sinn für den
Mann und fühlen sich mehr zum eigenen Geschlechte
hingezogen: die lesbischen Frauen stammen aus
diesem Geschlecht. Und endlich die Männer, die
aus dem alten männlichen Geschlechte geschnitten
sind, gehen dem Manne nach. Schon als Knaben lieben
sie die Männer und sind froh, wenn sie Männer umarmen
und mit Männern liegen. Gerade die mutigsten
finden wir unter ihnen, da sie ja doch schon von Natur
aus sozusagen die männlichsten sind. Wer sie schamlos
nennt, der lügt. Denn nicht aus Schamlosigkeit handeln
sie so; nein, ihr Mut, ihre Mannhaftigkeit, ihre
Männlichkeit liebt eben ihresgleichen. Und das beweist
es: nur sie dienen, reif und zu Männern geworden,
dem Staate. Als Männer lieben sie wieder
Knaben und Jünglinge und kümmern sich wenig
darum, ein Weib zu nehmen und Kinder mit ihm zu
zeugen; es genügt ihnen durchaus, unverheiratet nur
miteinander zu leben. So also sind die Freunde und
Geliebten entstanden, auch sie lieben eben nur ihr
eigenes altes Geschlecht. Wenn nun einer von diesen
oder jenen anderen seiner eigenen Hälfte zum erstenmal
begegnet, da werden er und der andere wundersam
von Freundschaft, Heimlichkeit und Liebe bewegt,
und beide wollen nichtmehr voneinander lassen.
Aber sie, die von nun an ihr ganzes Leben beieinander
weilen, sie wissen dennoch niemals und niemand
zu sagen, was sie wollten, daß mit ihnen geschähe.
Die sinnliche Begierde könnte doch kaum den einen
an den andern mit so großer Leidenschaft binden.
Ihre Seele will doch wohl etwas anderes: sie kann es
nicht sagen und ahnt es nur und stammelt. Und
wenn zu zweien, die beieinander liegen, Hephaistos
träte mit seinen Werkzeugen und sie fragte: Was
wollt ihr, Menschen, was soll aus euch hier werden?
Sie würden nur verlegen und keine Antwort haben,
und wenn der Gott fortführe: Wollt ihr ein Wesen sein
und Tag und Nacht voneinander nicht lassen können?
Wenn das euer Wunsch ist, so will ich
euch zusammenschweißen, und ihr werdet ineinanderwachsen,
aus zwei Dingen eins werden und euer
ganzes Leben als ein einziges Wesen leben und nach
dem Tode in den Hades treten wie zwei, die zusammen
gestorben sind? Sagt, ob das eure Sehnsucht ist und
dieses Glück sie stillt? O, niemand möchte da widersprechen
und etwas anderes wollen; gleich Kindern
würden alle zu hören glauben, was seit je ihr
Sehnen war: mit dem Geliebten verwachsen und ein
Wesen mit ihm bilden. Denn so war einst unsere
alte Natur: wir waren einst ganz, und jene Begierde
nach dem Ganzen ist Eros. Wir waren einst ein
Wesen, und weil wir gefrevelt haben, sind wir vom
Gotte gespalten worden, wie die Arkadier heute von den
Lakedaimoniern. Und die Gefahr besteht fort, daß
wir noch einmal gespalten werden, wenn wir nicht
fromm gegen die Götter sind, und daß wir dann herumgehen
wie die Reliefs auf den Grabsteinen mit
zersägten Nasen. Damit wir nun diesem Schicksal
entgehen und jenes andere Ziel erreichen, muß jeder
Mensch den anderen heißen, die Götter ehren, und
Eros ist uns zu jenem Ziele Führer. Ihm soll niemand
zuwiderhandeln, und wer der Götter spottet,
der handelt ihm zuwider. Nur als des Gotte Freunde
und mit ihm versöhnt, werden wir, was heute nur wenigen
gelingt, unsere echten Geliebten finden. Eryximachos
soll sich hier über mich nicht lustig machen
und meinen, ich denke jetzt an Pausanias und Agathon.
Ja, vielleicht stammen diese beiden wirklich aus dem
alten männlichen Geschlecht. Ich meine aber alle
Männer und Weiber und behaupte, das Menschengeschlecht
könne nur heil sein, wenn wir uns in der
Liebe vollenden und jeder seinen eingeborenen
Geliebten findet und so zur alten Natur zurückkehrt.
Und wenn das unser Ziel ist, so muß, wie wir nun
einmal sind, gut sein, was diesem zunächst kommt:
unter allen den Geliebten finden, der uns versteht.
Und wenn wir den Gott, dem wir das verdanken,
preisen sollen, so müssen wir Eros preisen, denn wie
kein anderer hilft er uns hier zu uns selbst und gibt
uns die sicherste Hoffnung, wenn wir den Göttern
unseren frommen Sinn bewahren, uns zu unserer alten
Natur zurückzubringen und uns heil und selig zu machen.
Da hast du nun, Eryximachos, meine Rede auf
Eros; sie war anders als deine. Ich bitte dich noch
einmal darum, mach dich nicht über sie lustig, denn
wir müssen noch die anderen Reden hören, eigentlich nur
die Reden der beiden anderen, denn Agathon
und Sokrates nur sind noch übrig!"
...
Platons Gastmahl
verdeutscht von Rudolf Kassner
verlegt bei Eugen Diederichs
Jena 1922
Seite 22 ff, 27 ff